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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Achtzehntes Capitel.

Frau Margarethe stand umwölkten Blicks vor dem Kästchen, in welchem auf schwarzem Sammetgrunde die goldene Kette lag, womit ihr Gemahl sie zur Feier ihres heutigen Geburtstages bedacht hatte. Sie hätte mit sich selber grollen mögen. Herr Diether hatte so herzliche Worte der Liebe zu ihr gesprochen und trotz ihrem aufrichtigen Bemühen, solcher Liebe würdig zu sein, konnte sie kein ähnlich Gefühl in ihrer Brust hervorzaubern. Ehrfurcht und Sorgfalt, den greisen Mann zu pflegen, fand sie ihre Seele bereit, aber jene Empfindung, die so sanft erwärmt, so selig beglückt, war und blieb ihr fremd. In der prachtvollen Kette, diesem Zeichen von Diether's liebevollem Wohlgefallen, sah sie nicht den Schmuck, sondern nur die neue Fessel. Eine befriedigende Selbsttäuschung hatte sie bis jetzt verblendet, widerstrebend mußte sie sich gestehen, daß sie für Diether nur ein Herz habe – kalt wie das Metall, aus welchem das vorliegende Festgeschmeide gefertigt. »Wie bin ich doch so unglücklich!« sprach sie düster vor sich hin, »ich möchte gerne redlich meine Pflicht erfüllen, wie es meines Eheherrn fromme Güte verdient und dennoch kommt mir wie Heuchelei vor, was ich thue und rede. Ach! hätte doch mindestens der Himmel meinen Johann erhalten . . . ich könnte alsdann in Diether den Vater meines Kindes lieben! Aber das Unglück war nicht abzuwenden . . . nur zu verdoppeln durch eine verrätherische Lüge« . . . setzte sie leise und unmuthig hinzu.

Rasch warf sie den Deckel des Kästchens zu und wollte dasselbe in ihre Spinde schieben, aber mit Staunen bemerkte sie nun, daß sie nicht allein gewesen. Der Schultheiß, ein schön gewachsener, in den Fünfziger Jahren noch stattlich aussehender Mann, dessen Gestalt ein geschmackvoller Anzug noch hob, war, ohne von Margarethe gehört worden zu sein, in das Cabinet getreten. Diether' s Gattin verneigte sich bestürzt, suchte in den Augen des edlen Herrn zu lesen, ob er etwas vernommen, ersah jedoch zu ihrem Vergnügen nichts anderes darin, als nur den freundlichen Gruß eines soeben über die Schwelle Schreitenden. Der Schultheiß, ein Mann von Sitte und Geschmeidigkeit, zögerte nicht, der sichtbaren Verlegenheit Margarethens hilfreich entgegen zu kommen und fragte angelegentlich nach dem Schöffen. Margarethe berichtete ihm, ihr Gatte sei nach dem Garten gewandelt, um über die Anpflanzung desselben Befehle zu ertheilen. Der Schultheiß lächelte fein. »Freund Diether,« sprach er, »scheint Blümlein und Früchte zu lieben; er ist eifersüchtig auf sein Eigenthum und entzieht aller Welt dessen Genuß. Die schönste Blume seiner Gärten läßt er in Einsamkeit vertrauern, statt dann und wann die Zahl anderer Verehrer durch ihren Anblick zu erfreuen.« – Margarethe antwortete durch das Roth auf ihren Wangen und duldete es, daß der Schultheiß betonender fortfuhr: »Wir haben Euch so lange nicht in unserer Mitte gesehen, ehrsame Frau. Die weitberühmte und herrliche Gesellschaft auf Limpurg hat ihren Reiz und Glanz verloren, seitdem sie Euch nicht mehr zu ihren Gästen zählt. Wahrlich, ich werde am Ende von meinem Stubenmeisterrecht Gebrauch machen müssen, um den säumigen Gesellen Diether Frosch zur Ordnung und zur Pflicht anzuhalten. Nicht umsonst heißt Limpurgs Banner und Wahlspruch: Zucht und Ehren soll man mehren und Freud' nicht wehren. Aber Euer Eheherr wehrt unserer Freude, indem er uns Eure Holdseligkeit versagt.« – Margarethe erwiderte hierauf besonnen, daß die Einsamkeit des Hauses ihr besser zusage, als die Festlichkeiten Limpurgs; daß sie deshalb freiwillig in demselben verbleibe, besonders seit ihr Söhnlein wiederum gesundet nach der Stadt gekehrt. – Der Schultheiß schüttelte bedeutend mit dem Haupte. »Es mag sein,« sprach er, »daß die Liebe zu dem Kinde eines geliebten Mannes in einer Frauenseele alles Uebrige verdrängt. Ich, der Hagestolz, habe nie Gelegenheit gehabt, mich davon genau zu unterrichten. Aber all' Eure geschickten Ausflüchte reichen nicht hin, um mich von deren Wahrhaftigkeit zu überzeugen. Wo Eifersucht ist, ehrsame Frau, da ist auch Zwang; und eifersüchtig ist Diether im höchsten Grade, so sehr Ihr Euch bemüht, ihn zu entschuldigen. Wer weiß, ob ich's nicht auch an seiner Stelle wäre. Je strahlender der Edelstein, je näher der Dieb. Dem sei nun aber wie es wolle,« fügte er mit zierlicher Verbeugung hinzu, »der Glücklichste auf Erden würde ich sein, wolltet Ihr mir vergönnen, Euch in Eurer Einsamkeit die Huldigung darzubringen, die Ihr von der Menge verschmäht; wolltet Ihr diese goldene Rose gütig empfangen, die ich Euch an dem Tage überreiche, der Euch gebar.«

Er hielt der staunenden Altbürgerin die kostbar gearbeitete Goldblume mit süßem Lächeln und hofmännischer Geberde hin und stutzte über die Maßen, als Margarethe das Geschenk mit zierlichen, aber bestimmten Worten zurückwies. – »Seid nicht beleidigt, Herr Ritter,« endigte sie. »Wie dürfte ich von Eurer Hand ein Geschenk empfangen, das ich nimmer erwidern könnte? Die Sitte und meine Pflicht gegen Diether verbinden mich, diese Rose auszuschlagen, welche auch ihre Deutung sei, und welche untadelhafte Absicht Ihr bei ihrer Ueberreichung haben mögt.«

»Das ist eine harte Weigerung,« antwortete der Schultheiß mit dem Ausdruck gekränkter Eitelkeit, »es kann Euch ja schon längst kein Geheimnis mehr sein, schöne Frau, welche Gefühle ich für Euch hege. Schon längst sehnte ich mich nach einem Anlaß, ihnen Worte zu leihen. Heute, an dem schönsten Feiertage, der für mich vorhanden, finde ich diese Gelegenheit, und Grausamkeit wird der Lohn meiner redlichen Empfindung? Bedenkt, holdeste der Frauen, daß Ihr durch Eure Weigerung die Rose nicht allein verwerft.«

»Bedenkt, edler Herr,« erwiderte Margarethe, gereizt durch den drohenden Ernst, der in des Schultheißen letzten Worten zu liegen schien, – »bedenkt, daß ich ein verehelicht Weib bin, das solcher Zweifelsprache füglich entbehren kann und muß

»Ihr verbergt Euch hinter dem Bollwerke der Pflicht,« redete der Schultheiß bitter, »eine bessere Burg gibt es nicht für spröde Frauen. Wären aber vielleicht nur meine Jahre der Feind, dessen Sturm Ihr so muthvoll abschlagt? Ihr müßt mir schon vergeben, ehrsame Frau, wenn ich in Eurem Hause umsonst nach dem Talisman forsche, der Euch unverletzbar macht.«

»Seht ihn hier!« rief Margarethe, da gerade der kleine Hans in die Stube sprang und in ihre Arme eilte; »seht ihn hier und zürnt meiner nicht, gestrenger Herr!«

Der Schultheiß verbarg seinen Unmuth über die zur Unzeit eingetretene Störung hinter der Maske wehmuthsvoller Freundlichkeit. Er streichelte, der Mutter zu gefallen, des Knaben blühende Wange. »Du liebst wohl deine Mutter sehr?« fragte er den Kleinen.

»Ueber Alles lieb' ich sie!« versicherte der Letztere mit strahlendem Auge. – »Du Glücklicher!« seufzte der Ritter, verstohlen Margarethens Antlitz hütend, »du darfst es; dir gewährt sie Alles. Wie ist's aber mit deinem Vater? Liebst du ihn gleich deiner Mutter?«

Margarethe warf einen der unbescheidenen Frage zürnenden Blick auf den Schultheiß und wollte dem Knaben den Mund verschließen, aber schon war die Antwort heraus:

»Ich habe keinen Vater!« rief der kleine Hans, von alten Erinnerungen erregt und in dem Uebermuth seiner Anhänglichkeit für Margarethen. – »Abscheulicher Bube!« zürnte diese, »noch einmal diese Antwort, und . . .« – »Laßt ihn doch,« meinte der Schultheiß lächelnd, »der Knabe sagte zu viel; das ist aber die Art seines Alters. Deshalb weiß man doch, woran man zu glauben hat.« – Er faltete des Knaben Hände und sagte ihm die Worte vor: »Bitte deine Mutter, Knabe, sie möge mir um deinetwillen vergeben und mir nicht ferner zürnen.« – Der kleine Hans ließ sich gerne zur Fürbitte gebrauchen und seine kindliche Drolligkeit zauberte sogar auf Margarethens Lippen ein leichtes Lächeln.

»Man soll am Feste der Geburt nicht böse sein,« sagte sie, dem Schultheiß schnell versöhnt die Hand reichend, die er zärtlich drückte. »Man hat sonst Galle das ganze Jahr hindurch. Ihr müßt mir dafür geloben, nicht wieder so freventlich zu reden, wie es sich zu Eurem Amt und Alter gewißlich nicht ziemt.« – Der Schultheiß nickte gehorsam, obgleich verdüstert durch die Erwähnung seines Alters. – »Und als endliche Bedingung meiner völligen Vergebung,« setzte Margarethe erheiterter hinzu, »verlange ich von Euch die Gewährung einer geringen Bitte.« – »Sprecht, Frau Minne!« antwortete ihr der Schultheiß neugierig und lächelnd. – »Ein arm Geschöpf, ein schlecht Judendirnlein kam heut' weinend und schreiend hergerannt,« fuhr Diether's Gattin fort, »und flehte mich im Namen des Himmels und der Erde an, durch irgend einen guten Freund zu bewirken, daß ihr Vater – und wenn ich recht hörte, auch ihr Großvater – losgelassen würden, die schon seit einiger Zeit im Kerker schmachten. Die Ursache ihrer Haft schwört die Dirne nicht zu wissen; aber ich bilde mir wohl selbst ein, daß der Handel von wenig Belang sein wird. Dergleichen Plackereien sind so häufig, daß Hebräer, um kleinen Vorwands willen in den Thurm wandern müssen, um dann an ihrer Habe gebüßt zu werden. Es ist auch ein schlecht Volk, das solchen Zwang verdient, weil es den Heiland kreuzigte. Ich dächte dennoch, daß bei Esthers Vater eine Ausnahme gar wohl zu machen wäre. Er ist ein eifriger Mann; keiner der unredlichsten und ich kenne ihn aus manchem Kaufgewerbe, das ihn in mein Haus geführt. Ich möchte gerne dem Armen loshelfen, wenn es möglich wäre, und da Ihr, gestrenger Herr, mir Eurer Einkehr Ehre schenktet, so richte ich an Euch die Bitte, beim Oberstrichter ein gewichtig Wort zu reden, daß der Jude bald wieder den Weg aus dem Gefängnisse finde und nicht zu hart an seinem Gelde gebrandschatzt werde.« – »Man könnte das Gezücht beneiden um die Theilnahme, die Eure Purpurlippen für dasselbe aussprechen,« antwortete der Schultheiß nicht ohne widrige Anregung, »ich mische mich sonst nie in des Richters Verfahren; indessen, wo Euch, edle Frau, ein Dienst geleistet werden kann, mach' ich gerne eine Ausnahme. Wie nennt sich der hebräische Hund?« – »Ben David ist's,« erwiderte Margarethe, »der angesehenste aus der Judengasse.« – Aber schon war des Schultheißen Stirne streng gerunzelt und finster schüttelte er das Haupt. – »Ist's der?« fragte er mit Härte, »dann laßt mich aus dem Spiele, edle Frau. Ich rette den Burschen nicht.« – »Nicht?« entgegnete Margarethe staunend, »hat denn der Mann so Gräßliches begangen?« – »Aus Eurer Frage vernimmt man, daß Euch sein Verbrechen wirklich noch unbekannt,« versetzte der Schultheiß heftig, »welche Mutter könnte gleichgültig dabeibleiben?« – »O, erzählt!« verlangte Margarethe, mit böser Ahnung kämpfend, »erzählt . . . eine Mutter, sagt Ihr . . .?« – »Nun ja doch,« erläuterte der Schultheiß, »könnt Ihr Euch Abscheulicheres denken? Die Hunde haben ein Christenkind, einen Knaben, seiner Mutter gestohlen, oder um schnöden Sold vielleicht . . .«

Margarethe hörte nichts weiter, denn in unbeschreiblicher Angst sank sie bewußtlos mit dem Haupte vor sich hin auf den Tisch. Entsetzt schrie der kleine Hans auf; der Schultheiß sprang hinzu, um der Ohnmächtigen beizustehen. Mit Wasser benetzte er die Schläfe Margarethens; Küsse drückte er auf ihren bleichen, nicht widerstrebenden Mund und so geschah es, daß sie bald aus der schweren Bewußtlosigkeit erwachte. Beinahe hätte sie aber zum zweiten Male die Augen im Todeskampfe geschlossen, denn sie sah sich in des zudringlichen Bewerbers Armen und aus der gegenüberliegenden Thüre traten eben unvermutet und rasch Diether und Wallrade ein.

Bestürzung und Ueberraschung lagen auf jedem Angesichte; eine frohe Betroffenheit jedoch nur auf Wallradens. Diether nahm eine so ernste Stellung an, daß selbst der Schultheiß, ein gewandter Mann, nur nach wiederholten mißlungenen Versuchen, den Faden finden konnte, den Grund der befremdenden Lage, in der er überrascht worden – nämlich Margarethens plötzliche Ohnmacht – anzugeben. Kalt und finster nahm Diether diese Erklärung auf und peinigte, während Wallrade mit erheuchelter Theilnahme sich um seine Gattin beschäftigte, den unwillkommnen Vorgesetzten mit einer Förmlichkeit, die demselben bald lästig genug fiel, um sich ziemlich verlegen zu entfernen. Die Schlange in des Altbürgers Brust fing wieder an zu nagen und Wallradens Schadenfreude streute ihr Futter. Denn als Diether bewegten Herzens, auf wankenden Füßen von der Hauspforte, zu welcher er den Schultheiß geleitet hatte, zurückkehrte nach der Wohnstube, wo eben Margarethe, deren Schwäche einem gereizten Zustand gewichen war, in einem Strom von Thränen sich ausweinte, winkte ihm Wallrade mit dem zwinkernden Auge, ein Tuch zu lüften, das, den Händen der Altbürgerin entsunken, auf dem Tische lag. Im Vorübergehen that Diether nach der Verrätherin Begehr und enthüllte die goldene Rose, die der Schultheiß in dem Drängen der letzten Augenblicke vergessen hatte, mit sich zu nehmen. Diether's bitteres Lachen schreckte die Weinende auf und über ihre bleiche Wange fuhr die Glut neuer Beschämung, da sie der unglückseligen Gabe gewahr wurde, die ihr Gatte in der Hand hielt.

Zu Eis wurde sie, obgleich unschuldig, da sie aus seinem Munde die Worte hören mußte: »Glück zu, tugendsame Hausfrau, Ihr berühmt Euch hoher Gunst. Ihr habt Euch den stattlichen Freund gewählt, von besserer Geburt obendrein, als Euer Griesgram von Ehewirth; sinniger und zierlicher nebenbei in seinen Gaben, – denn, wo der Gemahl die lästige Kette bietet, opfert der Buhle das lockende Röslein eines gold'nen Maien.« – »Ihr seid ungerecht, lieber Herr,« erwiderte Margarethe, matt und erschöpft, »diese Rose ist nicht mein. Falsch ist Euer Wahn.« – »Falsch?« lachte Diether grimmig, »so falsch etwa, als Eure Ohnmacht? Am Busen des willkommnen Trösters hat Euch der Sinnentaumel übermannt. Woher sonst die sündige Scheu, die noch jetzt Eure Züge peinigt? Zehnfache Scham möge Euch foltern, da Ihr in dieses Knaben Gegenwart sogar Eurer heiligsten Pflichten vergessen konntet.« – Stumm, ohne eine Silbe zu finden, wand die Altbürgerin die Hände. Wallrade wollte den Augenblick benutzen, um des Knaben, den sie schon eine lange Weile mit glühenden Blicken gemessen hatte, sich zu bemeistern.

»Komm', Kleiner,« sagte sie zu ihm, seine Hand ergreifend, »komm', laß' uns gehen. Wenn die Eltern hadern, muß der Bube vor der Thüre stehen!« – Der Knabe wehrte sich aber wie ein ungeberdig Pferd gegen sie, riß seine Hand aus der ihrigen und floh zu Margarethens Knieen. »Laß' mich!« schrie er, »ich darf nicht mit dir gehen, . . . ich darf nicht mit dir reden . . . Mütterlein hat's verboten!«

»Hört Ihr, Vater?« fragte Wallrade tückisch, »hört Ihr, wie Euer Weib den Haß zwischen Geschwister pflanzt?« – Noch einmal wollte sie den Knaben mit sich von dannen ziehen, aber mit verdoppelter Angst vertheidigte sich derselbe. »Laß' mich!« kreischte er, »du willst uns arm machen, . . . ich soll betteln geh'n, . . . laß' mich . . . du bist die Schwarze, wenn du schon ein roth Jöpplein trägst . . .!«

Wallrade erbleichte plötzlich und machte eine Geberde, als wollte sie durch einen Schlag den Jungen zum Schweigen bringen; aber er kreischte noch heftiger und reizte die erschöpfte Margarethe auf, daß sie emporsprang und wie eine zürnende Löwin der verstummenden Wallrade sich entgegenstellte. »Wage es – Boshafte!« schrie sie, »wage es, dies Kind zu berühren und das Tageslicht sahest du zum letzten Male!« – »Weib, was ficht dich an!« rief Diether, zwischen die Frauen sich werfend, »kennst du deines Mannes Tochter nicht mehr? Und du, Wallrade, was deuten die seltsamen Reden des Knaben?« – Diese Frage löste das Zauberband, das Wallradens Zunge bisher gefangen gehalten. »Was werden sie deuten?« sprudelte sie heftig heraus, »Euer Weib wird mich dem Buben als einen Teufel, einen schwarzen bösen Geist geschildert haben und also sieht mich auch des Knaben verrücktes Hirn!«

»Pfui, Wallrade!« erwiderte Diether mit strengem Vorwurf, »fast möcht' ich selbst dich einen unsaubern Geist schelten, da du deinen Bruder hirnverrückt schelten magst. Das ist sündlich Zungenspiel, das nimmer aus gutem Herzen kommt. Denn, wie Gott dem Knaben gerade Glieder schenkte, so gab er ihm auch völligen Verstand und nur ein Hexenweib kann solches gotteslästerlichen Ausdrucks sich bedienen!« – Wallrade zuckte mitleidig lächelnd die Achseln. Margarethe erwiderte jedoch auf Diether's Rede: »Das Kind vertheidigt Ihr; den Leumund der Gattin gebt Ihr aber unbedacht der bösen Zunge einer neidischen Erbschleicherin preis. Meines Körpers Schwäche verhinderte mich, Eure ungerechten Beschuldigungen, wie sie's verdienen, zu beantworten. Jetzt habe ich aber meine Stärke und mein Bewußtsein wiedergefunden und sage Euch: Unwahr ist, was Euer Argwohn und die Einflüsterungen dieser bösartigen Maid Euch vorgespiegelt. Dies Kleinod mögt Ihr darum dem Schultheiß wieder zustellen und von ihm selbst zu Eurer Beschämung erfahren, wie es sich damit verhält.« – Diether sprach mit weicher Stimme: »Gott weiß, Margarethe, wie schmerzlich mir's wäre, Euch Unrecht zuzufügen. Ich will ja gerne glauben, daß Ihr rein seid, wie der Schnee des Gebirgs; ich will ja zugeben, daß ein neidisch Auge durch einen bösen Blick den Unfrieden in uns're Wirthschaft bannte; laßt uns darum, dem Teufel zum Trotz, Frieden halten. Die Hände laßt uns verschränken, daß an diesem Feiertage unseres Hauses der unselige Zauber seine Kraft verliere.« – Schmeichelnd bemächtigte er sich der rechten Hand Margarethens, die wie ein zagender, aber versöhnlicher Engel nach ihm herüber blickte. – »Möchtet Ihr doch diese Hand auch Wallraden reichen,« fuhr er fort, »zum Abschiede; denn sie besteht darauf, morgen mit dem Frühesten Frankfurt zu vertauschen mit ihrem eignen Besitzthum.« – »Das Fräulein thue, wie ihm's gefällt,« versetzte Margarethe, »ich verschmähe, einen Handschlag zu geben, der nicht von Herzen kommt, und höchstens nur das Behagen ausdrücken könnte, Wallraden Abschied nehmen zu sehen.«

»Starrsinnige Weiber!« sagte Diether verlegen, wie er sich zu benehmen habe, um nicht der Tochter, nicht der Gattin allzu wehe zu thun, »nur Eure Eitelkeit sträubt sich gegen eine Nachgiebigkeit, die in Euern Herzen einheimisch ist.«

»Ich gebe das Beispiel der Nachgiebigkeit,« antwortete Margarethe kalt, »denn ich gehe und räume Eurer Tochter das Feld. Ich würde ein störender Zeuge Eures Abschieds sein. Auch beim Imbiß, für den ich Sorge tragen werde, soll meine Gegenwart nicht beschwerlich fallen.« – »Löblich von Euch,« versetzte Wallrade in gleichem Tone, »ich überhebe Euch jedoch dieses Zwangs; denn ich finde heute noch an dem Tische der frommen Waldburga im Stift der Reuerinnen meinen Platz.« – »Desto besser,« schloß Margarethe das Gespräch, »die Reue gönne ich Euch vom Herzen.«

Hieraus verschwand sie schnell und führte den Kleinen mit sich hinweg. Diether stand eine Weile sinnend da und verbarg alsdann grollend mit sich selbst die goldene Rose, welche noch auf dem Tische lag, in eine Lade des Schreines. Während er noch, wie ein Träumender, die Hand am Schlüssel hielt, näherte sich ihm Wallrade rasch, legte ihre Rechte auf seine Schulter und sprach mit greller Betonung: »Gott stärke Euch, mein Vater. Ich werde ferne sein und die Zeit Eurer Prüfung wird erst beginnen.« – »Ei, welche Gedanken!« entgegnen Diether, mit Mühe die Unruhe verbergend, die von der bösen Prophezeihung in seiner Seele wieder erzeugt wurde. – »Friede im Hause ist ein gut Kissen,« sprach Wallrade weiter, »Unfriede zwischen Eheleuten hingegen ein Stachel, dem jeder Tag an Schärfe zulegt. Ihr werdet wähnen, der Unfriede ziehe mit mir von dannen – aber weit gefehlt. Die Warnerin geht von Euch, das Unheil bleibt.« – »Du bist ungerecht und grausam zugleich,« äußerte Diether, »du verunglimpfst mein Weib und überlässest mich noch dem bösen Geschick, das du voraussagst.« – »Mein Meierhof fordert seine Gebieterin,« erwiderte Wallrade hingeworfen, »die Felder sollen bestellt werden, . . . in Eurem Hause ist das Feld schon vom bösen Säemann bestellt. Ich thue Euch und mir eine Liebe, wenn ich gehe.« – »O, du hartherzige Tochter!« versetzte Diether schmerzlich, »also belohnst du meine Zärtlichkeit. Ich dachte Alles wieder in's alte Gleis der Sitte zu bringen, dir das Erbtheil zuzuwenden, dem du freiwillig entsagt . . . . .« – »Gebt mir's vor Eurem Tode,« spottete Wallrade, »damit ich Euch ernähren könne, wenn Euer Weib und Eure Söhne Euch verlassen. Im Ernste aber, laßt uns Abschied nehmen. In dem Hause, wo man mich eine Erbschleicherin nennt, weile ich nicht mit Freuden. Mein Platz im Hause wird bald durch einen willkommeneren Gast besetzt sein.« – »Böses Kind,« antwortete Diether, »warst du nicht der willkommenste?« – »Vielleicht für Euch,« lachte Wallrade giftig, »für Euer Weib ist wahrlich und gewißlich Dagobert der willkommenere.« – »Was sprichst du da, Argwöhnische!« rief Diether; »und wie käme denn Dagobert, der Pflichtvergessene, hieher zu uns, die er meidet?« – »Er ist schon seit mehreren Tagen hier,« erläuterte Wallrade; »so seltsam es Euern Ohren klingen mag, so wahr ist's doch. Ein wackerer Sohn, der tagelang in derselben Stadt athmet, in der sein Vater wohnt, und des Vaters Angesicht scheut! Vielleicht fürchtet er auch nur meine Gegenwart; ich will auch als ein freundlich Schwesterlein des Bruders Vergnügen nicht hemmen. Lebt wohl, Vater, und wird es Euch zu eng in Frankfurt, so kommt auf Baldergrün. Willkommen seid Ihr da, erscheint Ihr allein, ohne Euer zweites Weib.« – »Unversöhnliche!« sprach Diether mit überströmenden Augen, indem er Wallraden wehmüthig an sich drückte, »den Kindern sind doch sonst der Frauen Herzen hold; laß' nicht das Brüderlein den Widerwillen theilen, den du – ich schwöre es, ohne Grund – gegen die Mutter hegst. Willst du das zarte Büblein nicht küssen zum Lebewohl, so sprich doch nur gegen mich ein Wort der ausgesöhnten Schwesterliebe.« – »Schwesterliebe?« fragte Wallrade wie verwundert, während sie sich mit argem Lächeln aus des Vaters Armen wand, »Ihr sprecht doch von dem kleinen Johann? Ich wäre dessen Schwester? Ei, das wolle Gott nicht. Nennt mich lieber seine Muhme, guter Vater.« – »Wie soll ich verstehen, was du sprichst?« fragte Diether erbleichend entgegen. – Wallrade zog jedoch mitleidig die Schultern in die Höhe und verneigte sich ausweichend. »Erlaßt doch mir die Erklärung;« sprach sie höhnisch, »fragt die Stadt und wenn Ihr auch dieser nicht glaubt, so wendet Euch an den heiligen Georg selbst, der über dem Putztische Eures Weibes hängt. Ein feiner Rittersmann, dessen Ebenbild zu sein, Euerm Sohne – dem Johann nämlich – keine Schande bringen wird, so lange Euch selbst die Sache Freude macht. Lebt indessen wohl, mein Vater. Gott mit Euch!«

Einen Kuß der Pflicht fühlte Diether auf seiner Wange; einen Augenblick hielt ihn die Tochter umschlungen und schon war die Thüre hinter ihr in's Schloß gefallen. Lange starrte aber noch der graue gebeugte Vater vor sich hin, wie ein, von jähem Tode Erblaßter, und als dann nun wieder Regsamkeit in seine Glieder trat, wandte er den Blick zu dem Bilde des Heiligen, das auf ihn herniedersah wie eines Todfeinds verhaßtes Antlitz, trug es gleich die Züge des einstens zärtlich geliebten Dagobert's. Aber also ist das unglückselige Wesen des Argwohns und der Eifersucht, das durch ein Wort, durch einen aufgerüttelten Gedanken das Theuerste ein Gegenstand bitterer Verfolgung werden, Liebe sich in Wuth verkehren kann. In gefährlicher Stille wächst der Funke an zur verderblichen Glut und so kann es geschehen, daß selbst unter dem Eise des Alters ein gährendes Flammenmeer wogt, denn im Mittelpunkte des Lebens stürmt und braust es heiß und kräftig, wenn auch seine Grenzen allgemach im Frost erstarren. Mit der festesten Willensgewalt nur vermochte Diether den bösen Geist zu bändigen; nicht jedoch um die Augen mit Vertrauen zu öffnen und ihn dadurch völlig zu überwinden, sondern um ihn zu pflegen und größer zu ziehen in Schweigen und Heimlichkeit. Darum überließ er sich selbst dem Fehler, dem er auf die Spur zu kommen trachtete, der Heuchelei. Mit freier Stirn überließ er sich der Umarmung Margarethens, die ihm ihre Dankbarkeit bezeugte, daß er Wallraden nicht länger in ihrer Nähe aufgehalten; ohne mit einer Miene seinen tiefen Verdacht, seinen heimlichen Groll zu offenbaren, tändelte er mit dem Knaben, den ihm die Ehefrau schmeichelnd in die Arme legte. Stundenlang scherzte er mit dem Buben, verwendete kein Auge von ihm; aber nicht väterliches Wohlgefallen, wie wohl ehedem, bewog ihn dazu, sondern die Begierde, Johann's Züge sich fest einzuprägen; und so oft sein Blick vergleichend von des Knaben Antlitz zu dem Bilde des heiligen Rittersmannes schweifte und je gewisser ihm die Aehnlichkeit wurde, je wüster tobte es in seinem Innern, so freundlich er auch seine Runzeln glättete. Die Nacht, die auf diesen Tag quälender Unruhe folgte, war für den von Jahren, Gebreste und Verdacht geschwächten Mann keine erfreuliche und dem Geizhalse zu vergleichen, der auf seiner Geldtruhe nur von Raub und Mord zu träumen pflegt, sah Diether Dagobert's und des Schultheißen hämisch lächelnde Häupter um sein Lager kreisen und hundert Mal verließ er sein Bett, um an Margarethens Kammerthür zu lauschen und sich zu überzeugen, daß kein kecker Buhle ihre Einsamkeit theile. Den Ermüdeten hatte kaum ein mitleidiger Morgenschlummer überrascht und schon weckte ihn eine Botschaft, die ihm vor wenig Tagen noch eine freudige gewesen wäre; die Kunde von der Ankunft Dagobert's. Der Sohn, nicht ahnend, daß er im Vaterhause fremd geworden, stürzte mit dem Jubel ungeheuchelter Liebe an des Vaters Brust. Ach! die herzlich gemeinte Freude des Wiedersehens konnte nur auf dürftige Augenblicke den unseligen Wahn von Diether's Seele scheuchen. Ohne Säumen kehrte er wieder zurück. Dem Jüngling konnte die Veränderung nicht entgehen, die sich mit seinem Vater zugetragen, allein er schrieb auf Rechnung des Siechthums, was auf Rechnung eines verblendeten Gemüths kam. Aufrichtig und stürmisch, wie er war, konnte er seine Gedanken nicht lange bei sich behalten. »Sagt mir doch, herzlieber Vater,« sprach er mit jener Zutraulichkeit im Auge, welcher man so selten widersteht, »sagt mir doch, ob es nur eine Einbildung ist, oder Wahrheit, daß ich Kälte und eine gewisse Fremdheit in Eurem Empfang wahrnehme; und wenn es wahr sein sollte, ob das noch von Eurer Krankheit stammt, ob nicht. Sprecht aufrichtig vom Herzen weg, damit es alsdann wieder zwischen uns werde, wie vormals.«

Diether blickte prüfend in des Jünglings redlich Gesicht, aber die Aufrichtigkeit war bei ihm hinter die Wege gezogen. Den Scheingrund schob er ohne langes Ueberlegen vor. »Wie kommt es,« fragte er beinahe hart, »daß mir jetzo erst dich zu sehen erlaubt ist, während du bereits seit einigen Tagen hier verweilst?« – »Ich, Vater?« fragte Dagobert betreten und hätte gerne verneint. Diether ging aber ohne Zögern auf den Grund und drängte mit neuer, strengerer Frage, so daß am Ende der Jüngling den besten Theil erwählte. »So mögt Ihr's denn wissen,« sprach er, »ich verstehe mich schlecht auf's Lügen, besonders wenn Ihr mir in's Auge seht, denn vor dem Manne, den ich am meisten ehre und liebe, habe ich kein Falsch. Es sei also darum. Wahr ist's, seit vorgestern Mittag bin ich hier und habe mich sorgfältig von Euerm Hause fern gehalten, weil – Ihr mögt mir darob nicht zürnen – weil Schwester Wallrade darinnen ein- und ausging.«

»Heute sah ich sie jedoch von dannen ziehen und säumte länger nicht, hier einzusprechen. Gott segne Euch die Ostertage. Die Fladen mit Euch zu verzehren bin ich hier und will sie mir schmecken lassen, so der Himmel will, und Ihr mich gerne an Eurem Tische seht.« – »Du bringst nicht die Eintracht zu dem Feste,« antwortete Diether mürrisch, »der Bruder flieht den Ort, wo seine Schwester haust?« – »Ihr wißt ja, Vater, daß wir's von jeher also hielten,« entgegnete Dagobert mit leichtem Schmerz. »Was Hänschen jung gewohnt, das thut es auch im Alter. Doch weil ich eben seinen Namen nenne, – was macht mein Brüderlein? Ihr sollt sehen, ob wir nicht besser zusammenhalten, als ich mit Wallraden.« – »Wirklich?« spöttelte Diether. »Ein Stiefbruder ist gewöhnlich nicht der Geliebtere.« – »Hm!« lachte Dagobert, »es hat mit dem Kleinen eine besondere Bewandtnis.« – Dem Vater stieg eine dunkle Flamme der Beschämung bis unter die Haare. – »Der arme Junge war stets krank,« fuhr Dagobert fort, »nun ist er aber gesund, wie ich höre. Seht, schon dieses freut mich ungemein. Doppelt lieb muß ich aber den Burschen haben, weil . . .« – »Weil . . .?« unterbrach ihn Diether gespannt und heftig. – »Weil ich komme, um mit dem armen Schelm sein Erbe zu theilen. Seht mich nur verwundert an. So wie Ihr mich vor Euch erblickt, habe ich mich mit der Kirche abgefunden, oder sie vielmehr mit mir. Sie kann mich nicht brauchen und hat der Mutter Gelübde gelöst.« – »Wie?« fragte Diether, »das ist nicht möglich. Wie solltest du . . .?« – »Wenn Ihr Latein verstündet,« fiel hinwiederum Dagobert ein, »so würde Euch dies Pergament genug sagen, um zu glauben, was ich sage. Ich habe aber der Ursachen mehr, zu staunen ob Euerm seltsamen Betragen, Vater. Brachte ich Euch die frohe Mär ein Jährlein früher, so lagt Ihr voll Entzücken an meinem Halse. Heute geberdet Ihr Euch just, als wär' es Euch zuwider, was ich bringe, und doch habt Ihr selbst mehr denn hundert Mal mein Geschick beklagt, da es noch unabwendbar schien.« – »Wie soll ich mich freuen,« brach Diether los, »wenn ich aus Allem entnehmen muß, daß dein wüster Lebenswandel allein hier den Ausschlag gegeben. Nicht würdig hat man dich befunden, das Meßgewand zu tragen. Ich weiß, was Costnitz und des Conciliums Väter von dir denken, wie unzählige Mal du deinen Ohm gekränkt, daß er am Ende seine Vaterhand von dir abgezogen.« – »Ho!« versetzte Dagobert, sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn tippend. »Jetzt weiß ich mit einem Male, woher es blitzt. Wallradchen hat mein Bettlein aufgerüttelt und mir's fein bequem gemacht im Vaterhause. Recht so, wo sich der Teufel anlehnte, macht sich auch der weißeste Aermel voll Ruß. Was lieb Schwesterlein indessen gesagt haben mag, . . . glaubt nur, lieber Vater, es ist erlogen. Was den würdigen Ohm betrifft, so muß ich lachen und behalte mir vor, Euch kund zu thun, wie ich meine Hand von ihm abgezogen habe. Des Papstes Breve aber, aus dem man vielleicht ein Zeugnis meiner liederlichen Sitten machen möchte, soll Euch Pater Johannes verdeutschen. Bis dahin habt mich jedoch lieb und laßt mich das Brüderlein küssen.« – »Deinem Wunsche kann alsobald Genüge geschehen,« erwiderte Diether, »hier kommt soeben die Mutter sammt dem Sohne.«

Frau Margarethe erschien wirklich sammt dem kleinen Hans und stutzte merklich bei Dagobert's Anblick, obschon dessen Ankunft ihr bekannt. Dieses Befremden fand indessen Grund in Dagoberts Kleidung und Gestalt. Die Stiefmutter hatte darauf gerechnet, den angehenden Mönch zu finden, mit hohlem Fastengesichte und härenem Gewande, und statt dessen stand ein kräftiger junger Mann vor ihr, im Schmucke des wohlhabenden Sohnes eines altbürgerlichen Geschlechtes.

Auf dieses Befremden drängte sich augenblicklich die mächtige Erinnerung vor Margarethens Seele . . . das Andenken an ihren Eintritt in dieses Haus, an jene Zeit der Sehnsucht, in welcher die Jugend nur mit Widerwillen dem Alter gehörte und eines jugendlichen Freundes begehrte. Dieser Freund, verboten ihr durch Sitte und Kirchengebot, dennoch erkoren von ihr mit leidenschaftlichem Verlangen, dieser Freund, der feindlich sie verschmähte und in ihr jenes wunderliche Gefühl erzeugte, das uns öfter antreibt, mit blutendem Herzen diejenigen zu hassen, die wir demungeachtet dauernd und ewig lieben, ohne sie unser nennen zu dürfen, – dieser Freund stand nun wieder vor Margarethens Auge, er malte ihr in seinem stummen Bilde eine schmerzlich selige Vergangenheit, – zugleich auf ihre Wangen jene zauberische Röthe . . . der Scham wie des Entzückens heilige Farbe. – Dagobert hatte sich vorgenommen, der Stiefmutter freundlich entgegenzukommen, um sie mitleidig der ersten so begreiflichen Verlegenheit zu entreißen, aber ihr unerwarteter Empfang . . . die Ueberraschung, die sich in ihrem ganzen Aeußern gestaltete, wie die Verwirrung einer geschämigen Braut, übte gleichwirkende Kraft auf den Jüngling. Auch er fühlte seine Wangen glühen, stotterte einige Worte, die unzusammenhängend seinem Mund entschlüpften, und beugte sich schnell, um der Begrüßten das Schauspiel seiner Blödigkeit zu entziehen, zu dem Knaben, der fremd und verwundert zu ihm aufschaute. »Ach!« rief er aus, »wie schön, wie stark, wie blühend ist der Junge geworden. Werthes Stiefmütterlein, empfangt meinen Glückwunsch; und auch Ihr, mein guter Vater, erlaubt daß ich Euch die Hand schüttle und dem Buben einen Kuß auf den trotzigen Mund drücke. Ja, herziger Knabe, wir werden Freunde sein.« Er küßte den Knaben, der auch seinerseits freundlich die Arme zu ihm emporstreckte und wie ein Eichhörnlein auf seine Knie kletterte. »Hast du mich lieb, kleiner Hans?« fragte Dagobert kosend den Knaben. – »Gewiß, lieber Herr,« antwortete Hans, den zierlichen Bart des Jünglings streichelnd, »willst du mein Väterlein sein?« – »Ei, du einfältiger Hans,« erwiderte Dagobert lachend, wie ein ausgelassener Gesell, »welch' tolles Zeug bringst du zu Markte? Haben sie dir in Frankfurt nichts Besseres gelehrt? Dort steht dein Vater,« er zeigte auf Diether, der halb abgewendet seinen steigenden Groll kaum mehr zu mäßigen vermochte, »auch mein Vater ist er, und wir Beide wollen gute Brüder sein. Herzgeliebte Eltern,« fuhr er fort, indem er aufstand und den Knaben wegsetzte, »Wallrade mag von mir geplaudert haben, wie und was sie wolle, – ich bin dennoch nicht so schlecht, als sie Euch überreden mochte. Glaubt ja nicht, daß ich heimkomme, um den kleinen Knirps, mein Brüderlein, zu verkürzen um das Erbtheil, das ich ihm abgetreten. Davor bewahre mich der liebe Gott. Er hat mir schon genügsam beschert, da er mich vom Pfaffenthum entbinden ließ, durch seinen Statthalter auf Erden. Was ich gelernt, bringt mich schon anderweitig durch und komme ich vielleicht einmal aus irgend einer Fehde als ein lahmer Krüppel heim und weiß mit meinem alten Arm nichts mehr zu gewinnen, so erinnert sich wohl der Johann der Liebe, die ich für ihn hatte, und füttert mich alsdann von seinem Ueberfluß.«

Die biedere, klare und aus voller Brust gesprochene Rede Dagobert's preßte in Diether's Augen Zähren der Rührung; sie waren aber nicht vermögend, den Panzer zu erweichen, den der Geist des Verdachts um des Schöffen Milde gezogen. Der Verblendete hatte Margarethens, Dagobert's Erröthen gesehen; er hatte des Knaben unschuldige Worte vernommen und ihnen eine giftige Deutung untergelegt. Ein Felsen lag auf seiner unruhig steigenden Brust und erstickte jedes Wort der Erklärung. Heftig wandte er dem Sohne den Rücken und ging aus dem Gemach.

Gekränkt sah ihm Dagobert nach. »Ehrsame Frau,« begann er nach einer Weile zu Margarethen, die, den Blick auf den Boden geheftet, vor ihm stand, »ehrsame Frau, könnt Ihr mir nicht erklären, wie es eigentlich um den Vater steht? Welch' unheimlich Gebärden, welche grollende Verschlossenheit hat er angenommen?« – »Sein Unfall . . .« antwortete Margarethe stockend, » . . . seine Wunde, die noch nicht geschlossen . . .« – »Ach,« seufzte Dagobert, »täuscht mich nicht, gute Stiefmutter. Ich will nicht glauben, daß Ihr mich so gänzlich hinterrücks aus dem Felde geschlagen. Ich habe Euch ja nie Leides gethan und liebe Euern Sohn, als ob ihn meine eigene Mutter geboren; aber, Wallrade . . .?« – Margarethe nickte heftig mit dem Kopfe und Dagobert fuhr fort: »Gelt? ich hab's getroffen? O, die verleumderische Heuchlerin! Doch will ich nicht verzweifeln. Den Vater will ich zwingen, seine Gunst mir wieder zuzuwenden und Ihr, mein zweites Mütterlein, sprecht ein gutes Wort für mich. Ich bin ein ehrlicher Geselle, verlaßt Euch darauf, und redet mir zur Minne.« – Bittend hatte er ihre beiden Hände ergriffen, die sie, erschrocken über die heftige Bewegung ihres Gemüths, schnell aus den seinigen zog. »Mißtraut mir nicht,« sprach sie langsam, »ich hoffe, es wird sich Alles geben. Mein Herr wird nicht in seinem Irrthum beharren. Vor meinen Augen seid Ihr rein, – rein, wie dieser!« – Sie deutete auf das Bild des heiligen Georg und verließ eilig mit dem Knaben die Stube. Dagobert konnte sich lange nicht von dem Eindruck erholen, den der Empfang im Elternhause auf ihn gemacht. Wehmüthig sinnend saß er da, den Kopf in beide Hände gestützt, wischte sich dann eine Thräne, wie nur gekränkte Treue sie weint, aus dem Auge und richtete seine Blicke auf St. Georgii Bild. »Die gute Stiefmutter!« sprach er halb lächelnd zu sich selbst, »wenn sie recht hätte und ich ein Gotteskämpfer wäre, wie der heilige Reitersmann dort oben! Den Teufel wollte ich mich um alle Wallraden und Prälaten des heiligen römischen Reiches scheren, wären sie auch Alle meine Schwestern und Vettern. Der Verleumdung stieße ich die Rennstange wohlgemuth zwischen die Zähne, bis sie verendete, und beim Vater müßte der liebe Herrgott ein Wort der Sühne einlegen, kräftiger als das Fürwort aus Frau Margarethens Munde, obschon dieser Mund allerliebst ist und vielleicht nur von einem einzigen in ganz Deutschland übertroffen wird.«

Er schritt durch das Gemach und blieb alsdann mit verschränkten Armen vor dem Bilde stehen. – »Ein schmuckes Gemälde!« begann er, sein Herz durch Zerstreuung von schwerer Sorge abzulenken; »hab's noch niemals in Vaters Hause gesehen. Hu! wie der Schimmel springt und steigt! Wie des Reiters braune Locken im Winde flattern! Wie stolz und stattlich er im Sattel sitzt! Ja! solch ein Mann zu sein . . . das wäre eine Lust! Die Dirne möchte ich sehen, die mir dann widerstünde! – Närrischer Schalk!« unterbrach er sich lachend, »als ob mir' s darum zu thun wäre! Kalt, wie ein rechter Frosch will ich sein, trotz dem wackern Kämpfer Georg, dessen anmuthig Gesicht ich schon irgendwo gesehen haben mag, so bekannt spricht mich's an. Und, wenn mir recht ist, so ist's gar mein Brüderlein Johann, das dem Heiligen gleicht. Wahrlich, wahrlich! Ein feiner Sprößling, der Bube; und eben dessen Züge waren mir beim ersten Zusammentreffen so wenig fremd, daß ich darauf hätte schwören mögen, ich hätte ihn vor Kurzem erst zu Costnitz oder irgendwo gesehen. Es mag aber leichtlich nur ein Traumbild gewesen sein; denn mein guter Predigermönch sagte gar viel Mal, daß es Beispiele gegeben, wie gewisse Menschen andere im Traume gesehen, die sie nachher auf dem Lebenswege angetroffen und lieb gewinnen müssen. – Ach! auch Esther war ein Bild meiner frühesten Träume; nicht selten ist sie eine Erscheinung meiner jetzigen; und zu verwundern ist's, wie einem frommen Christen von einer halben Heidin träumen . . . wie diese an des Rechtgläubigen Herz wachsen darf, während sie doch nimmer in seine Arme ruhen darf!«

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