Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
Schließen

Navigation:

Sechzehntes Capitel.

Die Flucht Johann's XXIII., die noch am selben Tage, wo sie stattfand, ruchbar wurde, hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf Fürsten, Pfaffheit und Volk gemacht und das prächtige Turnier, das Herzog Friedrich zum Deckmantel seines Vorhabens gebraucht, auf eine ärgerliche Weise gestört und zu Ende gebracht. Eben so wenig, als die Sache selbst, konnte des Herzogs Mitwirkung lange ein Geheimnis bleiben. Friedrich mühte sich auch keineswegs seine That zu leugnen und berief sich kühn auf das sichere Geleit, das er, nebst anderen Herren, dem Papst zugesagt; auf die Gefahr, in welcher Johann geschwebt hatte, durch des Kaisers Hinterlist und des Conciliums Feindseligkeit Tiare und Freiheit zu verlieren; auf die Pflicht, die ihm, dem Herzog, daraus erwachsen, solche Willkür nicht zu dulden; und endlich auf die dem Fürsten wie dem schlechten Edelmann heiligen Turnierartikel, die den Schutz der Unterdrückten dem adeligen Manne auf das Gewissen binden. Friedrich's Biederkeit und Treue scheiterten jedoch an dem Bunde seiner Gegner. Kaiser und Concilium ketteten sich fest an einander. Otto Colonna, ein Fürst der Kirche, ehrgeizig und durchgreifend, wie nur je ein Bewerber um die höchste Macht, trat an die Spitze der zürnenden Väter. Offen ging er nun seinem, früher verhehlten Zwecke entgegen und benutzte geschickt die dem Kaiser als Reichsoberhaupt zugefügte Kränkung, um den Bruch zwischen dem Letztern und seinem Reichsstand, dem Herzog, unheilbar zu machen. Während das Concilium auf der einen Seite die Blitze schmiedete, welche den protestirenden Papst unrettbar von dem römischen Stuhle schleudern sollten, griff auf der andern Siegmund nach der schrecklichen Waffe, die den, oft nur Schattengewalt besitzenden Kaisern Deutschlands zu Gebote stand – nach des Reiches Acht. – Wie langsam und zögernd auch diese Strafe vorbereitet wurde, so fand sich doch kein Talisman, sie aufzuhalten.

Friedrich, verlassen von seinen Freunden, feindselig geschmäht von denen, auf deren Beistand er gebaut, mußte knirschend dem verhaßten Luxemburger das Feld räumen, ehe noch das Ungewitter zum völligen Ausbruch kam. Seinem kleinen Heere von Rittern, Waffenknechten und Dienern hatte er es zu verdanken, daß man den Vorbereitungen zu seinem Abzug nichts in den Weg legte. Bitterer Unmuth und die Scham, seinem Todfeinde zu unterliegen, peinigten ihn und sprachen auch aus ihm, als am Abend vor seinem Wegzuge Dagobert, von Schaffhausen zurückkehrend, vor ihn trat. – »Was wollt Ihr hier?« fragte er den jungen Mann bekümmert, »entweicht unter dem Fittich der Nacht, denn – nicht lange wird's dauern und geächtet bin ich, wie Alle, so mir anhängen. Jesus Christus! wer hätte das gedacht? Wahrlich! wahrlich! die Deutschen sind's werth, vor eines Schalksnarren Zobelpelz zu katzenbuckeln. Pfui! pfui! Ehre, Treue und Redlichkeit sind nur leerer Tand und der Falschheit gehört die Welt. Flieht! mein guter Geselle. Eure Treue kann ich jetzt mit nichts belohnen, als mit der Warnung: verlaßt diese Stadt; man spricht schon hie und da von Eurer Theilnahme an meinem Verrath, wie sie's nennen. Geht aber auch nicht mit mir, denn ich habe das Spiel verloren. Wird's wieder Tag, sollt Ihr von mir hören!« –

Dagobert, betroffen über das Unerwartete, das er hier erfuhr, versicherte dem Herzog seine Treue, seine Ergebenheit und den Entschluß, dennoch nicht von seiner Seite zu weichen.

Der Herzog schüttelte mit entschiedener Verneinung das Haupt. – »Ich verbiete Euch, mir anzuhängen!« rief er fast unmuthig. »Geht's nach Siegmund's Sinn – und warum sollte es nicht nach ihm gehen? – so bleibt mir in Kurzem kein Pfühl, um meinen Kopf darauf zu legen. Wie könnte ich Euren Bedürfnissen steuern? Geht, geht, wohin des Sohnes Pflicht Euch ruft: gen Frankfurt und denkt mein an dem Tage, wenn der Pfaffe Euch des Gelübdes entbindet.« – »Mein Wohlthäter!« seufzte Dagobert, Friedrich's Hand küssend, »Euch zu lassen, fällt mir schwer.« – »Doch ist's von Nöthen,« entgegnete der Herzog, sich rasch losmachend, um der eigenen Rührung vorzubeugen; »geht heim und freut Euch des Lebens. Jesus Christus! wäre ich noch einmal jung und frei wie Ihr! Mit meinen Tiroler Gemsenschützen wollte ich ein Schießen anstellen, daß dem Mehrer des Reichs die letzten Haare wackeln sollten. Aber heutzutage gilt's der eigenen Haut sich zu wehren. Geht heim, sage ich, und lernt ritterlich Gewerbe. Wer drein schlagen kann, verdirbt nicht in unserm rauflustigen Vaterlande. Und – weil mir's gerade einfällt – ich will Euch zu guterletzt noch Gelegenheit geben, ritterliche Pflicht zu üben. Der arme Schächer, der Jude, dessen Gold mit zu dem bewußten Turniere helfen mußte und dessen von mir ausgestellten Brief mein Spitzbube von Rentmeister zu Schaffhausen nicht eingelöst hat, wie Ihr mir berichtet, ist nach Frankfurt geschleppt worden; der Himmel weiß, was sie mit der Judenseele zu beginnen denken. Die Tochter des unglücklichen Menschen hat sich mir zu Füßen geworfen und um meine Fürsprache gesteht. Ich gab ihr mein Wort, sie nach der Heimat bringen zu lassen.. Ich habe dabei Eurer gedacht und bestelle Euch zu des Mädchens Vogt.« –

»Mein gnädigster Herr,« stammelte Dagobert betroffen und bestürzt. Friedrich fuhr aber gleichmüthig fort: »Fürchtet Euch nicht. Es ist zwar nur ein Judendirnlein, aber so fein und lieblich, daß manche Heilige nicht zürnen würde, schriebe man ihren Namen unter der Jüdin Bild. Schafft die anmuthige Ketzerin nach Hause, ehe sie gezwungen wäre, Siegmund's Gerechtigkeit und Ritterlichkeit in Verlegenheit zu setzen. Ihr wißt, um welchen Preis die Majestät Witwen und Waisen zu schützen, wie sie das zugesicherte Geleit zu handhaben pflegt. Gebt der vaterlosen Maid in meinem Namen das heilige Versprechen, daß ich mich meiner Schuld gegen Ben David entbinden werde, sobald ich den drohenden Sturm überstanden habe. Geht; ich rechne auf meines Auftrags sichere Vollziehung. Zieht von dannen, ehe es zu spät wird, und – Gott mit Euch!«

Der Herzog drehte sich kurz und rasch auf dem Absatze um und ging mit starken Schritten in das Seitenzimmer, das er heftig hinter sich verriegelte. Dagobert blieb einige Zeit bewegungslos im Gemache stehen. Dann aber raffte er sich männlich zusammen und floh aus dem Hause, in dem er bisher das Ideal eines Ritters, wie er sich es dachte, bewundert hatte. – In dem Hause seines Ohms fand er eine bestürzte und unfreundliche Aufnahme. Des Prälaten Blicke maßen ihn mit gehässigem Ausdruck, Fiorillens Augen mit ängstlicher Scheu.

»Was willst du noch bei mir?« fragte der Ohm nicht ohne Heftigkeit, »du kommst ungeladen wie eine Krankheit und gehst nur wie sie von dannen: nachdem du Schaden angerichtet.« – »Ihr seid fürchterlich streng in Euerm Urtheil,« antwortete Dagobert; »allein – auch eine Krankheit sieht man gerne Abschied nehmen und in keiner andern Absicht hab' ich's gewagt, Euch in dieser Zwielichtsstunde zu überfallen.« – »Fahre wohl,« lautete es aus des Prälaten Munde, »ich frage nicht, wohin du gehst, denn dem Bösen soll man nie auf die Ferse blicken; auch bist du seit längerer Zeit auf geheimen Reisen begriffen, deren Geheimnis . . .« – »Nicht lange geheim bleibt?« fiel der Neffe lächelnd ein; »Ihr Herren habt das Vorrecht, Allem auf die Spur zu kommen, früher als alle andern ehrlichen Leute. Für diesmal gebt meine Fahrt zum Vater und ich habe gewünscht Euch zu fragen, ob Ihr mich nicht mit einem Brieflein oder dergleichen zu beauftragen begehrt. Vom Wiedersehen dürfte wohl nicht leicht mehr die Rede sein. Jenseits der Berge, fürchte ich, ist mein Platz nicht, und das Bartholomäistift bei Cesena sogar . . .« – »Schweig!« fuhr der Prälat mit zornrothem Antlitz auf und aus dem fleischigen Gesicht brach ein Strahl von gehässiger Tücke, wie ihn Dagobert noch nie gesehen. Fiorilla zerrte, von dem jungen Manne unbemerkt, warnend an des Prälaten Ueberkleid und der Sturm begütigte sich hierauf, mindestens dem äußeren Anscheine nach. Monsignore fuhr mit gemäßigtem Tone, in dem jedoch unverkennbar bitterer Spott lag, fort: »Du hast vollkommen recht, Neffe. Dort findet sich kein Platz mehr für dich, nach dem, was du gethan. Ganz Costnitz weiß von deinen Ränken. Der Himmel verzeihe es denen, die dich dazu verleiteten. Der Himmel verzeihe auch dir den Nachtheil, den du deinen Angehörigen dadurch bereitet. Herzog Friedrich wird die treuen Dienste doch mit einer fetten Pfründe lohnen in seinem Bauernlande?« – »Ei was, Ohm,« erwiderte Dagobert lustig, »in Tirol legen die Hühner Eier, und tragen die Reben Beeren, wie in Wälschland, und ein altes Sprichwort sagt: Wo's nicht an Hennen und Zehnten gebricht, da verdirbt auch die Pfaffheit nicht. Die Präbende, die der Montfort ausbot – Ihr erinnert Euch – konnte ich nicht verdienen. Ich muß demnach auf Ersatz denken.« – Der Prälat antwortete nichts, sondern kaute wehmüthig und als wie überlegend an den Lippen.

»Ernstlich indessen,« sprach Dagobert weiter, »der Herzog ist mir nichts schuldig und ich habe keinen kaiserlichen Gönner, wie Ihr, würdiger Ohm, der mir Ring und Stab aus dem Aermel schütteln kann, sobald er nur will, zum Lohn für eine Nachsicht zu rechter Zeit.« – »Toller Schwätzer!« rief der Prälat, von Neuem hitzig werdend, »was kümmert mich der Kaiser? Spare deinen Spott zu gelegener Stunde!« – »O weh,« entgegnete Dagobert, »was bedeutet dieser Groll? Haltet Ihr es nimmer mit dem Kaiser, seit Johannes es wieder mit der freien Luft hält?« –

»Ich muß gestehen,« versetzte der Prälat mit einer gewissen arglistigen Schalkheit, »daß dieses das seltsamste Gespräch sein mag, das jemals zwischen Ohm und Neffen geführt worden ist. In dem wälschen Lande, das du zu verachten scheinst, sprechen Todfeinde zierlicher zu einander, als hier in deiner gepriesenen deutschen Heimat des Bluts Befreundete. Jedoch, damit du siehest, wie wenig ich gewohnt bin, Böses mit Bösem, Trotz mit verdienter Härte zu vergelten, will ich dir erlauben, hier zu verziehen und einen Abendtrunk anzunehmen, den Fiorilla besorgen wird, während dessen ich, meinen schlechten Augen zum Trotz, aber meiner brüderlichen Liebe zum Frommen, ein Schreiben an deinen Vater aufsetze. Ich verspreche dir, es soll dir nicht zu Leide geschrieben sein und keck darfst du es übergeben. Du machst dich doch morgen mit dem Frühesten davon?« – »Ich denke es,« antwortete Dagobert, sich bequem in einen Sessel niederlassend. – »Thue das,« fuhr der Ohm fort, »länger ist's für dich nicht geheuer zu Costnitz. Dein Pferd steht im »Engel«?« – »Ja, mein guter Ohm,« erwiderte Dagobert, »das wackere Roß wird mich auch unter Engels Schutz und Schirm weiter tragen. Für den Augenblick bin ich ja sicher genug in meines Vaterbruders Hause.« – »Amen!« fügte Hieronymus bei, sandte Fiorilla zum Keller und begab sich durch die Seitenthüre in sein Schlaf- und Schreibgemach. Dagobert dehnte sich gemächlich in seinen Polsterstuhl und stützte den Kopf in die Hand. »Wie ist mir denn?« sagte er zu sich selbst, »ich stand schon auf einem seltsamen Fuße mit dem Ohm, ehe ich gen Schaffhausen zog, aber nun stehe ich auf einem weit wunderbareren mit dem Wackern. Wir sagen uns gegenseitig dürre Wahrheiten, dürr und stachlich wie die winterliche Schlehenhecke, und dennoch will er die Sanftmuth vorwalten lassen; . . . er, der sich, wie ich beinahe glaube, durch seines neuen Vaterlandes Doppelzüngigkeit um des Papstes und des Kaisers vorübergehende Gunst gebracht hat! Der Teufel ist in die Zeit gefahren, aber auch dem Schwarzen trotze ich mit dem Freibrief in meiner Tasche. Bin ich einmal hinter den Mauern meiner Vaterstadt . . . dann fahret wohl, Kaiser, Concilium und Reich. Ich mische mich ferner nicht mehr in Eure Händel.« – »Ei, sieh' da!« sprach Dagobert, den Kopf nach der Thüre wendend, durch welche Fiorilla mit Wein und Semmeln belastet, eintrat; »sieh' da, mein Bäschen! Eure Heimat werde ich nicht zu sehen bekommen, aber den günstigen Augenblick will ich benützen, um den Kuß des Lebewohls auf deine Rosenlippen zu drücken.« – Fiorilla entzog sich seinem Arme mit sichtbarer Befangenheit und Furcht und preßte aus fliegender Brust die eiligen Worte hervor: »Ihr werdet scherzen und Kurzweil treiben, wenn Euch der Tod über die Schulter sieht. Verblendeter! verloren seid Ihr, wenn Ihr nicht schnell Euch von dannen macht.«

»Ho!« entgegnete Dagobert, ernst und aufmerksam werdend, »Mädchen! du gönnst mir wohl nicht den Wein aus meines lieben Oheims Keller?« – »Die Freiheit gönne ich Euch lieber,« sprach Fiorilla, wie vorher. »Flieht, weil es noch Zeit ist. Der Oheim hat Böses gegen Euch im Sinne. Glaubt nicht, daß er sich in seinem Schlafgemach befindet. Vor einem Augenblicke verließ er mit dem Knechte, der die Leuchte trug, das Haus. Hinter der Thüre des Kellers lauschend, hörte ich, wie er zu dem Burschen sagte: Von des Cardinals Hause läufst du, was du kannst, zum »Engel«. Sorgfältig die Thüre schließend, gingen sie davon, Euch zu verrathen.« – »Zu verrathen?« rief Dagobert, aufspringend; »der Bruder meines Vaters mich verrathen? Zu welchem Endzweck das Bubenstück.« – »Ach, Ihr wißt noch nicht, was geschehen,« entgegnete Fiorilla mit steigender Besorgnis. »Wallradens Verständnis mit Siegmund ist vorbei. Ohnmächtig wüthend zog sie von hier ab, verspottet von ihren Freiern und der Welt. Eures Oheims Glückstern ging schnell unter. Er, der den Papst verlassen um des Kaisers willen, wird von diesem schnöde behandelt, und seit des heil. Vaters Flucht, die Ihr, wie man allgemein behauptet, begünstigt, geben die Machthaber vor, in Euerm Ohm einen heuchlerischen Anhänger des Geflüchteten entdeckt zu haben. Die Cardinäle, den arglistigen Colonna an der Spitze, der zum Kaiser hält, wiesen den Flehenden von ihrer Thüre und zu allem Unglück gelangte gestern an ihn die zermalmende Botschaft, daß sein Capitel, seines langen Ausbleibens und Geldverschwendens müde, einen Andern statt seiner erwählt und diese Wahl zur Bestätigung an das Concilium bereits berichtet. Diese Kunde donnerte den Prälaten vollends nieder und nun geht er hin zu dem Colonna, von dem er allein noch Hilfe erbetteln könnte, und verräth Euch, seinen Neffen, als den Entführer des Papstes; in der Hoffnung . . .« – »Durch einen großen Schurkenstreich minder bedeutende wieder gut zu machen,« unterbrach sie Dagobert ungestüm. »Gut ausgedacht. Der Eine läuft zum Cardinal, mich anzugeben, der Andere zum »Engel«, um dort meine Habe zu verhaften. Zum Glück hat mir vom Teufel geträumt und ich habe dem Ohm eine Nase gedreht. Meine Pferde stehen in einer Herberge vor der Stadt und dahin eile ich jetzt. Vor dem Kaiser würde ich nicht Fersengeld geben; aber das Concilium ist ein ander Ding. Ich habe Hussens Kerker gesehen und damit genug gehabt. Wie aber entweiche ich? Sie haben die Thüre verschlossen, sagst du?« – »Ich besitze noch einen Schlüssel,« antwortete Fiorilla zögernd und roth werdend, »von dem der Ohm nichts weiß. Mit diesem öffne ich Euch die Pforte.« – »Habe Dank, du listige Schlange,« versetzte Dagobert, »Gott segne dich und den glücklichen Buhlen, dem dieser Schlüssel wohl schon öfter hinter des ehrwürdigen Freundes Rücken das Pförtlein aufthat. Wie kann ich dir vergelten?« – »Durch einen kleinen Liebesdienst,« erwiderte Fiorilla verschämt. »Gestattet, daß ein junger Mensch Euch ein Stückchen Wegs begleite. Das junge Blut fürchtet sich, allein von dannen zu gehen und dennoch . . .« – »Und dennoch soll ihn der Ohm hier nicht finden?« fragte Dagobert schelmisch drohend. »In des Himmelsnamen – er komme. Der feine Bube tummle sich indessen. Käme der Ohm jetzt zurück, wär's sein Unglück und das meine.« – »Eurer Zusage vertrauend, wartet der Knabe draußen,« sprach Fiorilla, »bringt ihn ja gut dahin, wo er zu Hause ist.« – »Insofern sein Haus an meiner Straße liegt und der Bube flink auf den Beinen ist, recht gern, weil dem Bäschen so viel an dem furchtsamen Milchbart liegt. Jetzt die Hand, Fiorilla, und die Wange. So! Gott lohne Euch die Warnung und lasse Euch glücklich und vernünftig werden. Lebt wohl.«

Schnell verließ er das Zimmer, Fiorilla eilte mit dem Lichte voraus. Auf der düstern Treppe schloß sich der Günstling der Italienerin, wunderlich vermummt in einen, der Kleiderkammer des Prälaten entliehenen, weiten Rock und eine Stirn und Wange verhüllende Kappe, an die Beiden an. Dagobert, mit seinem eignen Geschick beschäftigt, schenkte ihm nur einen flüchtigen Blick und schritt rüstig zu der Pforte, deren Schloß Fiorillas Schlüssel nur zu langsam für des Jünglings Ungeduld öffnete. Thränenden Blicks reichte die Schöne von Cesena dem Letztern die Hand, heftig schluchzend fiel sie dem Vermummten um den Hals und Dagobert war schon ziemlich voraus, ehe sein Begleiter, dessen Schritt von dem langen Gewande gehindert wurde, ihn erreichte. »Spute dich, du verliebter Früh-ins-Holz!« raunte Dagobert dem Keuchenden zu. »Weit ist noch der Weg bis vor die Stadt, wenn du außerhalb derselben wohnst?« – Der zur Seite Laufende nickte stumm und Dagobert setzte sich wieder in den alten Schritt, bis er in die Straße gelangte, welche er einst, dem Kloster flüchtig enteilend, nicht minder schnell gemessen. Wie ein Blitzstrahl fuhr ihm aber hier mit einem Male die Erinnerung an Esther, an des Herzogs Worte, an seine Liebe, durch's Gehirn und unschlüssig blieb er stehen. »Wie ist's?« überlegte er, »soll ich das Mädchen, das ich liebe, wenn ich's gleich nicht gestehen will, einer ungünstigen Conjunctur zum Raube lassen? Oder soll ich, sie zu retten, für mich selbst die Zeit versäumen? Wer bürgt mir dafür, daß nicht in der nächsten Stunde den Wachen an allen Thoren die Kunde ward, auf mich ein wachsam Auge zu haben? Wäre ich nicht alsdann verloren und das Mädchen schutzlos wie zuvor? Und dennoch muß ich wenigstens versuchen, ob ich sie retten kann, für die mein Herz und Friedrich's Gebot das Wort führt.«. – »Herr meines Lebens,« seufzte hier eine zarte Stimme neben ihm und er gewahrte mit Erstaunen seinen Begleiter neben sich, der die Hände in die Seiten gestützt, verschnaufend an einer Ecke lehnte, »ich weiß, daß ich des Todes bin vor Angst und Gram, wenn Ihr von meiner Seite weicht und nicht Mitleid habt mit meiner Schwäche.« – Dagobert fuhr zusammen bei dem Klange dieser Stimme. »Hollah!« rief er mit seinen Augen des Begleiters Gestalt messend, »also spricht kein Mann; das ist Frauensprache, und wenn mich nicht ein böser Zauber bethört, eine Sprache, die mir nicht unbekannt geblieben.« – »Könnt Ihr verzeihen?« stammelte der Knabe und wollte zu Dagobert's Füßen sinken, als dieser plötzlich Esther's Züge unter der entstellenden Kappe entdeckte und die furchtsame Dirne kräftig in die Höhe hielt. – »Unglückliche!« sprach er leise zu ihr, »wie kommst du hierher? Doch gleichviel. Die Erläuterung raubt Zeit und wir bedürfen der letztern. Der Mondstrahl hat dich mir genannt. Deinen Mund laß' schweigen, bis wir außer Gefahr sind. Hänge deinen Arm in den meinigen. Stütze dich auf mich. Nun ich weiß, wer du bist, muß ich nach deinen Kräften mich fügen.«

»Guter Mann!« seufzte Esther und lehnte sich vertrauend auf des Helfers Arm, der sie durch die noch ziemlich belebten Gassen dem Thore zuführte. Die Hüter desselben spotteten des Paars und machten sich weidlich über die bezechten Schüler lustig, die nach dem Gelage mit schwerem Kopfe den Weg zur Heimat suchten. Dagobert ließ die rohen Gemüther gerne bei dem Glauben, der ihm und seiner Schutzbefohlenen so förderlich ward, und geleitete besonnen die Entkräftete zu einer Bank, die am Rande der Heerstraße stand. »Einen Augenblick darfst du hier ruhen,« sprach er zu Esther, »sprich jetzt, Mädchen – wie erkläre ich mir . . .?« – »Fiorilla war meine Freundin geworden, wie Ihr bereits wißt, edler Herr,« antwortete das Mädchen, »sie nahm mich zu sich am gestrigen Tage und ich ließ mich lieber ihre Zofe nennen, als daß ich noch länger in dem Hause geblieben wäre, wo Nachstellungen aller Art die Vaterlose verfolgten, die selbst zu den Füßen des Herzogs nur ein Versprechen freien Geleits gen Frankfurt erhalten hatte. Euer Ohm ahnte nichts von dem wahren Zusammenhange meiner Verhältnisse und er schien viel Gefallen an der neuen Dienerin zu finden. Ehe jedoch Fiorilla mit der Bestimmung meines weitern Geschicks im Reinen war, kamt Ihr. O, ich hörte Euch sprechen, ich hoffte wieder, ich war beruhigt, ohne mir genau bewußt zu sein, warum. Fiorilla bestärkte mich in dieser seligen Beruhigung, als sie plötzlich bei mir eintrat. »»Esther!«« sprach sie, »»dein Retter und Geleiter ist gefunden. Man spinnt Verrath gegen den Junker. Ich werde ihn warnen, er muß fliehen und dich mit sich nehmen, ohne zu wissen, wer du seist, denn der Erklärungen und Einwendungen wären dann kein Ende und dennoch ist die Zeit nur allzu gemessen. Dagobert ist ein edler Mann, er wird dich nicht verlassen.«« Vermummt folgte ich Euch und überlasse es Eurem Edelmuthe, ob Ihr Fiorillens Zusage erfüllen wollt.«

»Ob ich will, ist keinem Zweifel unterworfen,« antwortete Dagobert kurz und gemessen, denn er suchte hinter dieser Kürze den wahren unruhigen Zustand seines Herzens zu verbergen. – »Aber,« setzte er bei, »wohin soll ich dich führen? Gen Frankfurt, wo dein Vater im Kerker liegt?« – »Mein Vater ist unschuldig an jedem Fehl – o gewiß! glaubt es mir!« versetzte Esther mit Zuversicht. »Gewiß kommt er mir ohne Fesseln bereits entgegen und – wäre es nicht, – so bin ich in des alten Jochai's Armen aufgehoben wie im Schoße der Mutter.« – »Wohlan denn!« sprach Dagobert, »so reiten wir noch diese Nacht. Jenes Dach beherbergt meine Rosse und meinen Knecht. Folge mir bis dahin und wir wollen überlegen, wie du am schnellsten fortzubringen bist.« – Er unterstützte sie während des kurzen Ganges. –– »Hast du auch Alles überlegt?« fragte er an der Herbergspforte noch das Mädchen. »Ich bin ein junger wilder Geselle, dessen Arm dich schon einmal umfing, dessen Lippen schon einmal auf den deinen ruhten. Hegst du Vertrauen zu mir und übergibst dich mir auf der weiten Fahrt ohne Scheu, ohne Mißtrauen?« – »So wahr als diese Hecken um uns her den Frühling künden durch ihre Knospen,« entgegnete Esther, »so wahr lebt auf der weiten Welt keiner, dem ich so zuversichtlich mein Leben anvertraue und meine Ehre. Ihr werdet mich führen zum Vater, Ihr werdet durch Eure fromme Hilfe meinen Pfad ebnen und den Frieden in mein Herz zurückbringen, wie die scheidende Sonne den Thau auf die lechzende Wüste. Denn auch Ihr werdet dann scheiden von mir und nur die Erinnerung in meiner Seele lassen und die Dankbarkeit, die nimmer verlöschende. Mein Gebet für Euch sei Friede und der hochgelobte Gott verwirkliche hundertfältig den Segen, den schon jetzt mein Mund vom hohen Himmel herab auf Euch lenken möchte!«

»Genug! genug!« fiel hier Dagobert rasch und abstoßend ein. »Laß' uns erst an's Ziel gelangen und möge es für dich ein erwünschtes sein. Die Vergangenheit werde nie zwischen uns berührt und deine Gesinnung über diesen Punkt gibt mir erst den Muth, dein Gefährte zu bleiben, bis an Frankfurts Thore. Von da aus findest du den Weg in's Vaterhaus allein und unter uns sei es, als hätten wir uns nie gekannt.«

»So sei es!« flüsterte Esther zögernd und kleinlaut, während Thränen ihre Wangen benetzten. Der junge Mann hingegen, der jetzt erst einen großen Sieg über sein eigen Herz davon getragen und nun den Talisman gefunden zu haben vermeinte, jeder Versuchung zu widerstehen, ging sorglosen Muthes hin, die Rosse zu rüsten und Alles zu der Reise vorzubereiten, die auch mit dem ersten Frühstrahl angetreten wurde.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.