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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Fünfzehntes Capitel.

Wohl noch nie hat eine Stadt in deutschen Landen einen lustigern und gastlichern Anblick gewährt, als Costnitz ihn am zwanzigsten Tage des Monats März darstellte. Geraume Zeit vorher hatte man gewußt, Herzog Friedrich von Oesterreich-Tirol werde, das Frühlingsfest zu verherrlichen, ein Kampf- und Ritterspiel geben, wie es selten noch irgendwo geschaut worden. Die Zubereitungen, die jedoch in den letzten Tagen getroffen worden waren, übertrafen durch ihre Pracht Alles, was die gespannte Neugier erwarten durfte. Und am Morgen des anberaumten Feiertags stand das Werk vollendet da, ein wundersames Schauspiel für Costnitzs Bewohner und weit herbeigeströmte Gäste. Den weiten Rennplatz umgaben zierliche Schranken in weißer und rother Farbe. In blinkenden Angeln drehten sich die Pforten, durch welche die Kreiswärtel gingen; mit blanken Schildern, Ketten und Haken waren die Schlagbäume geziert, durch welche die Kämpfer einreiten sollten. Rings um den mit Sand und Kies geebneten Platz flatterten in geringen Zwischenräumen die Banner von Oesterreich-Tirol, dem Argäu, dem Thurgäu und andern, Friedrich's Herrschaft unterworfenen Städten und Landen. Hoch aber über diesen Bildern und Fahnen der Macht erhoben sich im Halbkreis die leicht und geschmackvoll gebauten Emporbühnen und Schaugerüste, von welchen der Kaiser mit seines Reiches Fürsten, die Väter des Conciliums und die Blumen der Gesellschaft und Volksversammlung, die reizenden Frauen, den Spielen zusehen sollten. Des Kaisers Tribüne, von goldnem Stück gleich wie ein Feldherrnzelt erbaut, überragte mit ihrem Silberdach, umwallt von wehenden Reiherbüschen und Federsträußen, alle Nachbarbühnen, von deren Geländer prachtvolle Sammtdecken mit Wappen, Sinnsprüchen und Thierbildern übersäet, zu den Schranken hinabhingen. Die nieder gelegenen Sitze der Kampfrichter und Dankspender, die Trompetergänglein in jeder Ecke des Platzes, die kleinen Hütten der Kreiswärtel und Stechknechte sogar schlossen sich würdig durch ihr glänzend einfaches Aeußere an die Plätze der vornehmen Leute. Jeder Eingang zu dem Platze, jede Treppe zu den Bühnen, wurde von Trabanten des Herzogs bewacht, theils zu Fuß auf ihren Partisanen lehnend, theils zu Roß im Silberküraß, den Morgenstern an die Faust geknüpft. Die Turniervögte saßen bereits mit ihren Stäben hinter den vor ihren Schirmdächern aufgepflanzten Hellebarden. Die Rennknechte in ihren glatt anliegenden Lederkleidern und Kappen, das Strickmesser am Gürtel hängend, hatten schon die Seile gespannt und sich dabei gelagert. Am Fuße der zu den Stühlen der Kampfrichter führenden Stufen hielt in glänzender Rüstung und buntem Wappenscapulier der Turnierherold, umgeben von seinen Dienern, die rings an den Brüstungen der Schranken die Schilde der turnierlustigen Herren auszuhängen beschäftigt waren, sowie diese nach und nach herbeigebracht wurden. Die Fechtpreise, in silbernen und goldnen Kleinodien, kostbarem Stechgezeug, auserlesenen Waffen und Tigerfellen bestehend, waren in einem eigens dazu bestimmten Raume prahlend ausgestellt. Auch die Spielleute waren schon an ihren angewiesenen Stellen, und so oft ein neues Wappenschild feierlich herzugetragen wurde, um geprüft und neben den übrigen aufgehängt zu werden, ertönte, von Pauken, Trompeten und Zinken geweckt, ein fröhlicher Turnierruf. Zu all dieser Pracht, die ein noch herrlicheres Schauspiel verhieß, hatte der Himmel den klarsten Tag geschenkt, der sich nur je im Bodensee gespiegelt. Die Sonne, warm und lieblich strahlend, streute ihr Gold freigebig auf Land und Flut, und blau hatte sich Himmel, See und Gebirgsferne geschmückt. Lustig und leicht tanzten die schwankenden Kähne, angefüllt von schaulustigen Leuten, vom jenseitigen Ufer herüber; die Straßen rings um die Stadt waren bedeckt mit herzueilenden Rossen und Fußgängern.

Während jedoch Tausende von Gaffern die Schranken des Rennplatzes summend und durch einander wimmelnd umgaben, und in den gedrängtvollen Schänkhäusern häufig die Gesundheit des prachtliebenden Herzogs ausgebracht wurde, war er – der Geber all dieser Festlichkeit und Freude – daheim, mißmuthig in sein innerstes Gemach zurückgezogen, wo er bald unruhig auf- und niederging, bald eine Last von Schriften der Flamme seines Kamins opferte, bald mit heimlichem Lachen ein Schnippchen schlug und sein Tiroler Liedlein jodelte, mit dem klirrenden Sporn den Takt dazu tretend. Er konnte auch wohl unmöglich zu einer ebenen Stimmung gelangen, denn der Geschäfte hatte er nebenbei viele. Jetzt war es der Stallmeister, der seine Befehle einholte, dann der Haushofmeister, welcher wegen der zu reichenden Erfrischungen und der dem Volke zugedachten Spenden sich Raths erholen mochte, hierauf der Turniermarschall, der neuen Geldvorrats bedurfte und zu diesem Endzwecke eine Weisung des Herzogs an den Schatzmeister verlangte. War ein solcher Besuch jedoch abgefertigt, so ging wieder dasselbe unruhige Getreibe los, das den Herzog heute nicht verließ. Soeben hatte er einen geistlichen Herrn im violetten, roth verbrämten Habit zur Thüre geleitet und ihm die Worte nachgerufen: »Sagt Eurem Gebieter, er möchte die Vesperglocke eben so wenig vergessen, als ich mein Wort je vergaß; sagt ihm, ich sei ein Habsburger und damit genug!« Der Geistliche ging und der Herzog begann wieder seine Gebirgsweise zu singen, als ein neuer Gast von dem wachhabenden Edeljunker in das Gemach gelassen wurde. »Sieh' da, Dagobert,« rief Friedrich, angenehm überrascht. »Du lässest dich lange erwarten, ehrliche Seele! – Aber, Jesus Christus! steckt Ihr wieder in der verwünschten schwarzen Kutte? So kann ich Euch heute nicht brauchen.« – »Der Erzbischof hat mir heute durch meinen Ohm andeuten lassen, ich solle mich nimmer unterstehen, in weltlicher Kleidung mich sehen zu lassen und überhaupt mich fertig zu machen, nach Verlauf von zehn Tagen nach Cesena in's Kloster zu wandern,« erwiderte Dagobert achselzuckend. –»So?« fuhr Friedrich fort. »Und Eure Fahrt gen Frankfurt?« – »Ich soll sie morgen antreten,« antwortete Dagobert, »binnen neun Tagen muß ich jedoch zurück sein.« – »Hm!« brummte der Herzog lächelnd; »ich sage Euch jedoch, Ihr geht morgen eben so wenig schon nach Frankfurt als überhaupt in's Bartholomäistift. Ich habe Euch heute vonnöthen und ein wack'rer Altbürgersohn zieht hoffentlich sein Wort nicht zurück.« – »Wahrlich nein!« entgegnete Dagobert lebhaft. »Ich schere mich den Teufel um alle Erzbischöfe, wenn Ihr mich eines Auftrags würdig haltet, gnädigster Herr. Sagt an, was soll ich für Euch thun?« – »Das ist bald gesagt, mein Geselle,« begann Friedrich mit gedämpfter Stimme und winkte den Aufmerksamen mehr in seine Nähe, »mir liegt daran, einen Mann, an den mich mancherlei Verbindlichkeiten fesseln, unversehrt aus einer dringenden Gefahr zu bringen, die, verwirklichte sie sich, mir sogar Unehre zufügen würde. Euch ist gleichgültig, ob dieser Mann schuldig oder unschuldig in Gefahr gerathen, denn ich hoffe, Ihr nehmt für ihn meine Bürgschaft an.« – »Auf Euer Geheiß rette ich einen Vatermörder vom Scheiterhaufen,« betheuerte Dagobert, »wie aber ist es zu vollbringen?« – »Hört mir zu,« antwortete der Herzog, »ich bedauere, daß Ihr kein Theilnehmer am heutigen Ritterspiele sein könnt. Demungeachtet verheiße ich Euch einen Preis, kostbarer und ehrenwerther vielleicht als jeder von denen, die im Rennen gewonnen werden sollen, meine Freundschaft, wenn Ihr kühn und gescheit vollbringt, worum ich Euch bitte. Sobald also die Vesperglocke läutet und alles Volk dem Turnierplatz zugeströmt, nur Aug' und Ohr für die daselbst zu schauenden Herrlichkeiten hat, eilt Ihr – meinetwegen in das Rabenkleid gehüllt, das Ihr auf dem Leibe tragt, aber darunter mit Waffen und Rüstzeug versehen, zu Roß in meinen Hof. Die Wächter werden Euch nur gegen das Losungswort: Oesterreich über Alles! einlassen. Unter dem Schuppendache rechter Hand werdet Ihr zwei Männer finden. Der Eine, auf einem Maulthiere reitend, ist ein Bekannter von Euch, der Andere hingegen, auf einem grauen Pferde sitzend, ist derjenige, den es heimlich fortzubringen gilt. Am Thore gen Schaffhausen, zu welchem Ihr Euch mit den Anbefohlenen zu begeben habt, alle stark belebten Straßen vermeidend, mögt Ihr Euch von einem Knechte erwarten lassen, der womöglich ein Fremder sein mag und nicht meine Farben tragen darf. Sobald Ihr langsam und unbefangen des Thores Bogen durchschritten, gebt Ihr dem Pferde Sporn und Peitsche zu kosten und sorgt, daß Eure Schutzbefohlenen nicht hinter Euch bleiben. Ich thue Euch im Voraus kund, daß Ihr mit zwei schlechten Reitern zu schaffen habt, darum wird es gut sein, wenn Ihr des Graurosses Zügel ergreift und der Knecht des Maulthiers sich annimmt, denn so schnell als die Pferde laufen und die Reiter es ausdauern, müßt Ihr Schaffhausen erreichen, woselbst Euch das Weitere berichtet und die Erlaubnis zur Rückkehr ertheilt werden wird. Sollten Hindernisse sich auf dem Wege finden – treibt sie ab mit Gewalt oder List, nur bringt unsern Mann sicher und wohlbehalten an Ort und Stelle. Nun wißt Ihr Bescheid und mögt ohne falsche Scham diesen Beutel annehmen, der kein Lohn sein soll. Aber Gold ebnet Berge, schlägt Brücken und hat schon oft aus drohender Feindeswuth errettet.«

Sich verneigend nahm Dagobert das Dargebotene und sprach: »So sei es denn, gnädigster Herr. Ich hab' Euch's zugesagt, und eher will ich sterben als den Ihr meinem Schirm vertraut, in Gefahr umkommen lassen.« – »Wohl gesprochen!« antwortete Friedrich. »Ich erwartete indessen keinen andern Bescheid von dem jungen Wagehals, der den Böhmen zu befreien dachte.« – Dagobert stutzte. Der Herzog lächelte aber, drohte ihm mit dem Finger und sagte: »Laßt's gut sein, mein Geselle. Das Pfaffenvolk mochtet Ihr hintergehen; ich hätte aber bei meinem Herzoghute geschworen auf Eure Mitwissenschaft. Gott gebe Euch heut' ein besser Glück.«

Indem platzte die Schnur, die des Herzogs Hermelinmantel zusammenhielt und das kostbare Kleidungsstück sank zur Erde. »Ein böses Omen!« scherzte Friedrich, sich nach dem Entfallnen umsehend. »Ein Anderer als ich würde üble Vorbedeutungen aus diesem Zufall ziehen. Kommt, helft mir die Prunkdecke wieder auflegen, wack'rer Gesell.« – Während Dagobert nun sorgfältig die Schnur in einen künstlichen Knoten schlang und unter einer Spange den Schaden verbarg, betrachtete sich der Herzog kopfschüttelnd und spöttischen Angesichts. »Wahrhaftig!« begann er, »je mehr ich mich beschaue und beäugle, je mehr möchte ich mich einem edlen Thiere vergleichen, das man mit Tand und glänzendem Zeug schmückt, damit es vor dem Gebieter seine Künste zur Schau lege. Jesus Christus! und vor welchem Gebieter! Vor einem Lützelburger, der nicht besser ist als seine ehrbedürftigen Vorfahren! Doch nur Geduld. Das Scharwenzeln und Höfeln und Bücken wird bald ein Ende haben, sammt der freigebigen Gastlichkeit, die mir, einem Siegmund gegenüber, Ernst ist, wie meinem Waldmann das Aufrechtgehen. – So, mein guter Dagobert, seid bedankt. Das war wohl der erste Fürstenmantel, den Eure Hand berührte und meisterte? Die kaiserliche Majestät möchte sich auch mit diesem Handwerk abgeben, aber – so geduldig auch der Mantel sein mag – der Fürst steckt nicht im Pelz.« – »Wahrlich! Ihr bedürft des äußern Prunks nicht,« versicherte Dagobert. – »Ich weiß das,« entgegnete Friedrich mit Selbstgefühl, »und in meinem Bauernlande, wie es Siegmund nennt, trage ich auch nicht mein Herzogthum am Leibe, wie er die Fetzen des römischen Reichs. Ha! Ihr solltet nach Tirol gerathen! Das Herz im Leibe würde Euch lachen. Ist zwar nur ein Bauernrock, mein Tirol, aber ein feiner, warmer Rock, der vor Unwetter schützt und den Flitterprunk entbehrlich macht, den ich hier wie ein Gaukler für geringes Schildgeld zur Schau tragen muß. Das weiß kaiserliche Majestät; darum haßt sie mich auch. Aber, bei des ersten Habsburgers Gebeinen! So wenig Siegmund meines Innsbrucks vergißt, so wenig vergesse ich, was ich meinen Ahnen und mir selbst schuldig bin. – Gehabt Euch wohl, biederer Altbürger. Das Schicksal kann mir vielleicht in Kurzem die Zähne fletschen, aber immer werde ich doch noch eine Hand und ein Herz für die behalten, die ich liebe. Siegmund war am mächtigsten und größten, als er im Concilium des Papstes Füße küßte und ihm im Namen der Christenheit für die – gezwungene – Entsagung dankte; ich werde ihm wahrlich nicht nachstehen, sollte ich auch unverdient unterliegen!«

Des Herzogs Worte waren bedenkliche Räthsel für den jungen Mann; allein er grübelte nicht lange nach dem dunkeln Sinn, sondern ging, um sich zu seiner Aufgabe vorzubereiten. Auf der Straße kam ihm Gerhard entgegen, in vollständigem Fechterzeug, von vielem Volke umgeben, um sein Wappenschild dem Turnierkönige zu überbringen. Freundlich hielt er bei seinem jungen Freunde, allein dieser merkte bald, daß sogar die Freude über die bevorstehende Kampfeslust nur schlecht einen heimlichen Aerger verbarg, der sich nicht von dem Gesichte des Hülshofner's verdrängen ließ. Dagobert fragte nach der Ursache, und Gerhard, der vom Pferde stieg und seine Schildträger allein ziehen ließ, zögerte nicht, sie ihm zu entdecken. »Stellt Euch vor,« sprach er, »der Schuft, mein langer Vollbrecht, der mich seit zehn Jahren begleitet, wie der Schatten den Körper, hat mir Valet gesagt. Der unverschämte Knecht behauptet, er werde mit jedem Tage magerer in meinem Brote. Abscheuliche Verleumdung! Da habe ich ihn denn ziehen lassen in Gottes Namen, ärgere mich aber dergestalt, daß mich eine Katze in den Sand strecken würde, falls ich jetzo mit ihr turniren sollte.«

»Nimm mein Bedauern, alter Kämpe,« erwiderte Dagobert, »ich denke aber, wenn's zum Treffen kommt, läßt dein Knecht so wenig von dir, als du von ihm zu lassen gedenkst. Es müssen nur erst einige Tage über dem Zwist vergangen sein. Laß' mir den Burschen heute. Ich habe einen Ritt zu thun, der mich bis übermorgen außen halten dürfte. Vollbrecht soll wohl genährt werden während dieser Frist und ich verspreche dir im Voraus, daß er wieder bei dir eintritt, wenn du die Zusage leisten willst, ihn nicht mehr gar so schmählich hungern zu lassen als bisher.« – »Von Herzen gerne!« versicherte der Edelknecht, »allein – wie sagt Ihr! Ihr habt einen Ritt vor? Heute an diesem Ehren- und Freudentage sämmtlicher Ritterschaft? Wie ist das zu verstehen?« – »Das heißt so viel als: Dich kümmert's nicht,« entgegnete Dagobert. »Wo finde ich den Langen?« – »Im Maulbeerbaume sitzt er,« antwortete Gerhard, »Ihr aber seid ein Geheimniskrämer, mit dem nicht auszukommen ist. Schon gut indessen. Ich hole mir Ruhm und Preise, während Ihr – ich schwöre es – auf irgend ein verliebtes Abenteuer zu Dorfe reitet und am Ende mit zerbläutem Rücken heimkehrt.«

Sie trennten sich, und Dagobert ging nach dem bezeichneten Hause. Wer indessen Füße hatte, zu laufen und Ellenbogen, sich in dem Gedränge Platz zu machen, stürmte dem Tnrnierplatze zu. Die Mittagsstunde kam und ging. Die Sonne schien heiß auf die Scheitel der gaffenden Menge, aber unbeweglich wie eine Mauer hielt das Volk den Platz besetzt. Die Fenster und Erker und Söller der umliegenden Häuser füllten sich mit Neugierigen, die Giebelzacken und Dachrücken trugen unzählige von kecken, schwindelfreien Gesellen. Nach und nach kamen die zum Kampf gemeldeten und schildfähigen Ritter und Edle zu Rosse angerückt, umgeben von reisigen Wappnern mit Fähnleinträgern und Trompetenbläsern. In doppelter und dreifacher Reihe schaarten sie sich um die noch verschlossenen Schranken der Stechbahn. Zugweise kamen nun auch die anmuthig und köstlich geschmückten Frauen herbei und bildeten den schönsten Kranz auf den überfüllten Emporbühnen. Die vornehmen Würdenträger der Kirche, die, adeliger Geburt und selbst unter Inful und Cardinalshut weltlicher Ritterlust nicht entsagend, den Abscheu nicht theilten, mit welchem die Geistlichkeit niederen Ranges die Kampfspiele betrachtete, nahmen die für sie bestimmten Bänke ein und musterten lächelnd, in fremder wie einheimischer Zunge scherzend, das schöne, überzählig anwesende Geschlecht. Noch war die Bahn leer, noch lagen die Fallbäume und Gitter im Schloß; da eilten geschäftig die Kampfrichter herbei, begaben sich durch das engste Pförtlein in den Rennkreis, bestiegen ihre Stühle und winkten den Turniervögten zur Ordnung, den Spielleuten zur Pflicht. Von den Söllern der Letztern ertönten festlich prangende Klänge. Denn der Kaiser langte soeben, von dem leuchtenden Geschwader prächtig gerüsteter Fürsten und Herren umringt, auf dem Platze an. Sein lenksamer Schimmel, bunt verziert mit Straußenfedern und Goldbändern, tanzte stolz daher, indessen neben ihm der schwarze Hengst des Herzogs von Oesterreich-Tirol seinen schweren gewichtigen Schritt hielt. Der Herr der Pfalz und Baierns Fürst ritten dicht hinter Friedrich, welcher, den Wirthspflichten getreu, schnell an der Treppe, die zu des Kaisers Stuhl führte, absprang, mit der linken Hand eine Geberde machte, als berühre er den Steigbügel und mit der Rechten dem absteigenden Siegmund die äußersten Fingerspitzen zur Hilfe darreichte, die aber auch von dem Kaiser nicht angenommen wurden. Hierauf begnügte sich Friedrich mit der Hand nach der Treppe zu weisen und dem dahingehenden Siegmund noch einmal seinen Arm als Stütze anzubieten, der aber ebenfalls versagt wurde. Ein lautes Lebehoch und Trompetengeschmetter empfingen die Fürsten, da sie in dem goldenen Zelte angelangt waren und Siegmund ließ sich huldvoll nickend am Rande der Brüstung auf dem Brocatsessel nieder. Die Fürsten im Kreise um ihn her, Friedrich zu seiner Linken. Alle noch freien Plätze waren in einem Nu von den Rittern und Edelknechten, Hofjunkern und Dienstmannen der Gewaltigen eingenommen und auf ein mit einem weißen Tuche vom Herzog Friedrich gegebenes Zeichen sprangen Schlagbäume und Pforten auf und unter dem Getöne aller Instrumente ritten die bezeichneten Kämpfer in geschlossenen Gliedern auf den Platz und zogen innerhalb des Schrankens rund um denselben, die Paniere schwingend, die Lanzen neigend und ihre Rosse in stolzem Schritte haltend. Hierauf wurden sie in Rotten abgetheilt. Die Reihenfolge der Renn- und Fußkämpfe wurde bestimmt; des Königs Friede und Bann nach allen vier Winden von dem Herolde und seinen Helfern ausgerufen und die Seile wieder straff gezogen vor den gewappneten Haufen, die mit einem Gesammtstechen das Turnier eröffnen sollten. Die Spielleute trommelten und paukten; die Grieswärtel schlugen an die Lanzen, die Stricke fielen und los brach der Kampf, nach dem sich Ritter und Knecht, Edle und Geringe mit gleicher Lust gesehnt hatten.

Während nun das Rittergefecht ein glänzendes Ende nahm und hierauf zum Rennen eingeritten wurde, pochte Dagobert an die wohlverschlossene Pforte des herzoglichen Hofs. »Oesterreich über Alles!« gab er dem fragenden Wächter zur Antwort und erhielt Einlaß. Der mürrische Thorwart deutete, da er seiner ansichtig wurde, auf das vorspringende Vordach der Stallung und Dagobert gewahrte daselbst schon der auf ihn harrenden Begleiter. Mit leichter Mühe erkannte der Jüngling in dem einen den Juden Ben David, seiner Esther Vater, der auf einem Maulthiere hängend, still vor sich hinsah. War aber schon der Jude wunderlich anzusehen auf dem langohrigen Thiere, so war es doppelt sein Nachbar, der mehrere Schritte von ihm entfernt, des grauen Rosses Zügel um den Arm geschlungen hielt und ängstlich bald auf das Pferd, bald auf den vermutlich nicht angenehmen Nachbar schielte. Der lange hagere Mann steckte in einem geringen Gewande, wie es ein unbemittelter Edelmann allenfalls seinen leibeigenen Knechten zu geben pflegt. Ein halb geübtes Auge mußte sogleich wahrnehmen, daß er nicht einheimisch in diesem Kleide war. Die Last der Reitstiefel zog die Knie hernieder; der Koller von Büffelleder hielt Backen und Kinn in unbequemer Steifheit, die Handschuhe waren zu weit, wie der Gürtel, an dem ein kurzes Schwert hing. Des Mannes Gesicht sah aus dem fingerbreiten Halsstreif dunkelbraun heraus, wie der Kopf eines Mauren. Die großen Augen, deren Weißes grell gegen die Oliphenfarbe abstach, wechselten ungemein schnell mit ihrem Ausdrucke. Jetzt lauerten sie furchtsam nach der Seite, dann wurden sie ernst und düster nachsinnend; darauf nahmen sie sogar eine Art von Hoheit an, die mit dem Uebrigen nicht zusammen zu reimen war. Keine Spur von Backen- oder Kinnbart war vorhanden; die Haare versteckte eine schwarze Mütze, die beinahe über die Ohren herabgezogen war, und auf dieser Mütze saß eine graue Filzkappe, an welcher ein dürftiges Federbüschlein schwankte. Dagobert konnte sich eines Schmunzelns nicht völlig erwehren, da er seine auserlesene Reisegesellschaft in Augenschein nahm und erwiderte obenhin den unterwürfigen Gruß Ben David's. –

»Nun, mein Freund,« wendete er sich zu dem Fremden, »sind wir bereit abzureiten?« Der Fremde nickte dem jungen Geleitsmann zu und machte Miene zu Roß zu steigen. »Ei, ei, lieber Herr, wie geberdet Ihr Euch doch?« fragte Dagobert, da aller Hilfe ungeachtet das Aufsteigen nicht gelingen wollte. »Der mag's bei Gott verantworten, der Euch zum reisigen Manne stempelte. Ein Glück, daß des Herzogs Leute alle ferne sind, Ihr würdet ansonst wohl schwerlich dem Spottgelächter entgehen.« – "Parva sustine patientia, mi fili!" gab ihm hierauf der Mann zur Antwort und kletterte vollends, so zu sagen über die Schultern Dagobert's in den Sattel des Grauschimmels, auf welchen. er sich mit aufgezogenen Beinen und in die Mähnen des Pferdes verwickelter Rechten nichts weniger als reiterlich ausnahm. – Dagobert staunte den Lateiner eine Weile an und schwang sich dann wieder auf den eigenen Gaul, das Zeichen zum Ausritt gebend. Der Thorwart öffnete die Sperrflügel, und das Dreiblatt klepperte, ohne ein Wort zu verlieren, durch die engsten und winkeligsten Gassen der Stadt, dem Schaffhausener Thore zu. Hatte Dagobert schon beim Aufsteigen seines Schutzbefohlenen Sorge und Angst gehabt, so wurde sie noch größer, da er wahrnahm, wie der Fremde beim geringsten Trab oder Stolpertritt des Gauls hoch im Sattel aufflog, wieder niederrutschte, zusammengekrümmt wie ein tauchender Nix und den Zügel schier fahren lassend, sein einzig Hort in dem krampfhaft umklammerten Sattelknopf suchte. Der Maulthierreiter, so vertrackt er auch sich ausnahm, war ein Kunstreiter gegen den Unbekannten, den Dagobert endlich vor sich hertraben ließ, um bei einem vorkommenden Unfall bei der Hand zu sein. – »Sage mir doch, Ben David,« flüsterte er dem Juden zu, »da Ihr Juden doch Alles besser wißt als unser eins, wolltest du mir nicht vertrauen, wer unser Begleiter ist?« – »Ein schlechter Knecht, der nicht kennt seinen Hauptmann,« erwiderte Ben David lächelnd, »ich spreche hier von Euch, gestrenger Junker. Ihr wollet treten in den Stamm der Cohenim und kennt nicht dessen Obersten? Ihr wollet weiden die Schafe und kennt nicht den Hirten der Euch weidet?« – »Ich will ein Schaf sein, wenn ich dich verstehe,« versetzte Dagobert wie oben. »Jude, du bist verrückt.« – »Mit nichten,« antwortete Ben David; »aber werden könnte man's, so man bedenkt, daß das Oberhaupt der Christenheit gezwungen ist, davon zu reiten seinen Feinden, vermummt als ein Knecht und im Geleite eines schlechten Juden.« – »Herrgott!« seufzte Dagobert erschrocken, »sagst du die Wahrheit?« – »So ich die Wahrheit gesehen habe, habe ich sie gesagt,« entgegnete Ben David, »vertraut hat man mir sie nicht, aber ich habe einen scharfen Blick und will verkrummen, wenn ich plaudere, was ich gesehen.« – »Das rathet dir auch der Himmel,« drohte ihm Dagobert und ergriff schnell herbeieilend den Zügel des Graurosses, das soeben von dem erreichten Thore ab in eine Seitenstraße lenken wollte. »Hier hinaus, Landsmann!« rief er und wollte zwischen den müßig an dem Stadtthore umherlungernden Soldknechten hindurch, als eine Stimme unfern von ihnen ein lautes: »Haltet auf! haltet auf!« vernehmen ließ und die Wächter auf diesen Ruf den Gäulen ihre Partisanen vorhielten. Dagobert hatte genug zu thun, den im Sattel schwankenden Flüchtling auf eine nicht allzu bemerkbare Weise aufrecht zu erhalten und mußte darum schon die Verfolger ungehindert herankommen lassen. Ben David drehte sich nach den beiden Männern um, die Haltauf gerufen hatten und in welchen der Stadtschreiber von Frankfurt und der Rathsweibel von Costnitz, in die Farben der Stadt gekleidet, nicht zu verkennen waren. Es geschieht indessen wohl öfter, daß der launische Geist, der so gern die Handlungen der Sterblichen stört, an dem schuldbewußten Unheilahnenden vorübergeht und nach dem sorglosen Unvorbereiteten greift, um ihn in das zermalmende Räderwerk seines schwarzen Spuks zu ziehen. Also erging es auch in vorliegenden Umständen dem Vater der holden Esther. »Was wollen die gestrengen Herren?« fragte er mit einschmeichelnder Freundlichkeit, aber unfreundlich lautete die Antwort aus des Stadtschreibers Munde: »Dich selbst, Jude!« – Ben David verstummte erbleichend. »Wieso? warum?« rief Dagobert dazwischen. – »Das kümmert Euch nicht, junger Herr!« erwiderte der Stadtschreiber. »Der Jude gehört dem wohlweisen Rathe zu Frankfurt und ihn zu verhaften brachte ich die Weisung mit. Heute erst fand ich des Burschen Schliche und grämte mich baß, ihn ausgeflogen zu wissen, als ich zum Glück seiner jetzt zu guter Zeit ansichtig wurde.« – »Hab' ich denn verstanden recht?« fragte Ben David kleinlaut. »Verhaften wollt Ihr mich? – Hab' ich doch nichts verbrochen! Laßt mich ledig, übt Barmherzigkeit!« – »Steig' ab,« wiederholte der Stadtschreiber strenge, »oder ich lasse dich von der Mähre werfen und geknebelt von dannen bringen.« – »O, mein Herr Gott in Israel!« ächzte Ben David, in höchster Bestürzung vom Maulthiere gleitend. »Werde ich geführt zu meiner Tochter?« – »Nein!« äußerte der Stadtschreiber mit Härte. »Wirst sie wohl nimmer zu sehen bekommen; denn morgen mit dem Frühsten geht's mit dir nach Frankfurt; und dann gute Nacht!« –

Ben David entsetzte sich, daß seine Knie wankten. Der Reiter des Grauschimmels, der indessen ein Gegenstand der Witzeleien der Thorwächter geworden war, zupfte Dagobert dringend am Aermel. Dieser kehrte sich aber nicht daran, sondern fragte herrisch, da ihm Esther's Vater nicht gleichgültig war: »Noch einmal! Was hat der Mann verbrochen?« – »Reitet Ihr Eurer Wege sammt Eurem wunderlichen Dienstmann!« antwortete der Stadtschreiber nicht minder herrisch. »Was kümmert den Pfaffen der Ebräer? Fort mit dem Juden!«

»Werd' ich auch nicht dürfen Abschied nehmen von dem guten jungen Herrn, der sich meiner annimmt, wie ein Freund?« sprach Ben David unterthänig zu dem rauhen Gerichtsherrn. – »Meinthalben, wenn sich der Junker nicht schämt, von dir Freund geschmäht zu werden,« meinte der Stadtschreiber. »Mach's indessen kurz!«

Da näherte sich Ben David rasch dem jungen Manne, ergriff seine Hand, schüttelte sie bewegt und rief: »Der Herr Israels, der da ist der hochgelobte Gott der Welt, segne Euern Ausgang. Bei dem Haupte Eures Vaters beschwöre ich Euch,« setzte er leise hinzu, »das Pergament, so ich hier in Euern Stiefel gleiten lasse, meinem Kinde zu übergeben – entweder das Geschrift, oder das darin benamste Geld, das ich erheben sollte zu Schaffhausen. Der Fürst der Barmherzigkeit wird Euch dafür segnen. Sagt meiner Esther, sie möge . . .« – »Verdammter Mauschel!« donnerte der Stadtschreiber und riß den Juden von Dagobert hinweg. »was hast du Heimliches vor? Macht, Junker, daß Ihr Eurer Wege zieht, sonst muß ich mich auch Eurer Person versichern!« – "Festina, carissime fili!" raunte dem jungen Manne sein Schutzbefohlener zu und mit einem zusagenden Kopfnicken gegen den ängstlich in seinen Augen lesenden Ben David, ließ Dagobert seinen Gaul über die Spieße der Söldner wegsetzen, riß seinen Begleiter nach sich und befand sich sammt ihm bald an der Linde des Kreuzwegs, wo der lange Vollbrecht sich in der Sonne dehnte. – »Holla! auf! du fauler Gesell!« rief er dem Knechte zu, »zu Gaule! und Ihr, mein würdiger, unbekannter Herr,« fügte er gegen den Verkappten bei, – »Ihr erlaubt es wohl, daß wir beide Euer Pferd in die Mitte nehmen und mit Euch ausziehen, was das Zeug halten mag, denn nun kommt mir's selbst vor, als ob es gerathen wäre, Euch möglichst schnell von dannen zu schaffen.« – Der Befragte, für welchen schon der kurze Ritt durch die Stadt eine Höllenqual gewesen war, gab wehmüthig seufzend und der Notwendigkeit gehorchend, seine Zustimmung und Himmel und Erde vergingen vor seinen Blicken, als Dagobert und Vollbrecht ihren Gäulen die Sporen gaben und mit dem dritten Reißaus nahmen, als gelte es, vor Abend noch der Welt Ende zu erreichen.

Ueber Heerstraße, Strom und einsamen Pfad geleitete die Fliehenden das Glück. Aber erst, als sie bei dunkler Nacht Schaffhausen erreicht hatten und bei des Herzogs Vogt dem oberherrlichen Befehl gemäß wohl aufgenommen worden waren, senkte Dagobert im einsamen Zimmer vor dem erhabenen Flüchtling das Knie zur Erde mit den Worten: »Heiliger Vater! Ihr seid in Sicherheit. Wie der Herzog sein Fürstenwort gegen Euch gelöst, also habe ich meine Zusage gegen ihn erfüllt. Ich danke Gott dafür und bitte um Euern Segen zur Rückkehr.« – Der Papst, obgleich zum Tode ermüdet von der ungewohnten Anstrengung, legte nicht ohne ein Gefühl der Rührung seine Hände auf den Kopf des erwählten Rüstzeuges. – »Unsern Dank und des Himmels Segen nimm hin für deine wohlgelungene That,« sprach er feierlich. »Zugleich aber empfange von unsrer Huld ein Geschenk, das auch in der Zeitlichkeit Werth haben mag. Als uns der Herzog von deinem Beistande in Kenntnis setzte, unterrichtete er uns ebenfalls, daß ein Gelübde der Mutter Euch zum Dienst der Kirche verpflichte, welchem jedoch Euer Sinn, der nach Thaten und Weltruhm strebt, nicht hold sei. In Betracht, daß dem Herrn nur die Herzen wohlgefallen, die freiwillig seinem Dienste sich weihen, – daß Euerm Ohm, der sich von unsrer Seite losgesagt, vollends nicht zustehe, dem Herrn einen unwillkommenen und gezwungenen Diener zuzuführen, – sowie in Betracht deiner Bereitwilligkeit, uns gefällig zu sein, – haben wir dem Herzog versprochen, deines Gelübdes Bande zu lösen und lösen sie wirklich hiemit im Namen der Dreieinigkeit und der von Gott uns Unwürdigsten anvertrauten Macht. Morgen soll das Breve dir ausgefertigt werden, zu deiner Beruhigung und zum Gedächtnis unsrer dankbaren Huld.«

Die rauhe Stimme des erschöpften Oberhirten klang wie Musik der Engelein in Dagobert's Ohr und sprachlos küßte er des Befreiers Hände und Kleid.

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