Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Capitel.

Die merkwürdige Sitzung des Conciliums, in welcher die Väter desselben, um die Hyder, die die Christenheit umschlungen hielt, mit einem Streiche zu vertilgen, die Absetzung der drei Päpste beschlossen und Papst Johann – zu ohnmächtig und zu staatsklug, um der Uebermacht zu widerstreben – in eigener Person die Absetzungsformel verlesen hatte, war vorüber und die Zuhörer, wie die Beisitzer, staunend über das bisher Unerhörte, begaben sich in zahlreichen gedrängten Scharen nach ihren Häusern. Dagobert in seiner geistlichen Tracht schlenderte unbefangen, dem Vesperbrote entgegenharrend, durch die Straßen, als plötzlich unter dem Schwarme der Vorübereilenden eine derbe Faust seine Rechte ergriff und herzlich drückte. »Hoch lebe das Concilium, alle drei heiligen Väter und vorab der gefällige und nachgiebige Johannes!« jauchzte der ungestüme Freund, der Gerhard in Lebensgröße war. – »Willkommen! alter Kumpan!« entgegnete ihm der froh überraschte Dagobert. »Bist du wieder zu Tage gekrochen, wilder Jäger? Haben sie dich aus der Eulen Nest gelassen? Und rede, wie kommt's, daß du frei und frank vor mir stehst?« – »Für's erste,« antwortete der Hülshofner, »neigt Euch in Demuth vor meinen Tugenden, die Ihr nie geahnt habt. Drei völlig und gut gezählte Wochen saß ich im Schatten, wo nicht Thau noch Sonnenstrahl zu sehen, und während dieser Frist habe ich kein einzig Mal geplaudert, denn sonst stolzirtet Ihr wohl nicht so freiherrlich umher. Der Syndicus hat mir zugesetzt gleichwie mit glühenden Zangen und dennoch, und dennoch . . . dennoch nichts verrathen. Kreuz und Dorn und Stein! die Pfaffen gaben verdammte Zeugenschaft, die leichtfertigen Jägerinnen, deren Geschwätz mich in die klägliche Geschichte hinein gebracht hatte, meinten, sie müßten mir an den Hals, zur Strafe, daß ich der Kaiser nicht gewesen, während das Klostergesindel mich braten wollte, weil's mir eingefallen, zur Unzeit kaiserliche Majestät zu sein. Ich saß in der Brühe und ärgerte mich nur darüber, daß ich nicht einmal wußte, in welcher. Bald sollte ich einen Ketzer befreit, bald ein ganzes Kloster an den Rand des Grabes gebracht haben und was des tollen Zeugs mehr ist. Ich spielte jedoch den Klugen, schwieg fein und säuberlich und leugnete wie ein Heide. Zum Glück hatte ich vor der abscheulichen Verhaftung den wilden Jäger in Eure Obhut gebracht und konnte mich herzhaft auf den langen Christoph berufen. Das drang denn endlich allgemach durch, ich bekannte mich selbst nicht schuldig, leugnete daher auch alle Mitschuldigen und heute bin ich denn auf Befehl des Kaisers, der den heutigen Tag als einen großen zu feiern gedenkt, nebst einer Menge von Leuten, die entweder einem Fastnachtsstreich oder einem minniglichen Abenteuer, oder auch einem harten Gläubiger ihre Haft verdankten, in Freiheit gesetzt worden. Mein gutes Glück ließ mich alsobald auf Euch stoßen, von dem ich wenigstens als billige Entschädigung einen Imbiß erwarte, wie er lange meinen Gaumen nicht gekitzelt.« – »Sollst haben, was dein Herz begehrt,« versicherte ihm der Jüngling freundlich. – »Wunderbar ist's,« fuhr Gerhard fort, »daß der alte Schneider Welsner, der die Larven hergeliehen, meine Verschwiegenheit theilte.« – »Das ging sehr natürlich zu, mein guter Altgeselle,« erwiderte Dagobert halb scherzend, halb ernst; »der Tod tanzte mit ihm den Kehraus in der Dienstagsnacht.« – »Das haben sie Beide brav gemacht,« sprach Gerhard, andächtig ein Kreuz schlagend; »ich wünsche dem wackern Meister die beste Kundschaft dort oben, obgleich ich ihn wieder bedauern muß, daß er gerade in Aschermittwochs Hungertuch gefallen ist.« – »Ei, du armer Schelm!« lächelte Dagobert, »siehst du doch selbst aus als ob du dem Hungertuche gerade entschlüpft wärest. Zum Glück stehen wir just vor der Herberge. Komm' herein, laß' dir's schmecken, aus Dankbarkeit will ich dein Küchenmeister und Mundschenk sein. Heda! Wirth und Wirthin herbei! Ihr Mägde und Kellerbuben spitzt das Ohr, denn der wackerste Kämpfer am Rheinstrome will tafeln, wie Eure sparsame Fastenküche es erlaubt.« – Gerhard nahm mit wichtiger Feierlichkeit an dem Tische Platz und Leuchter, Wein und Becher standen flugs vor ihm aufgepflanzt. Die Wirthin schleppte Teller und Pfannen herbei. – »So, mein alter Kämpe,« scherzte Dagobert, während er ihm das Tellertuch um den Hals befestigte, »da sitzest du wie der Kaiser am Krönungsbankett. Dieser Fisch mit Oel und süßen Rosinen ist nicht zu verachten und solltest du es für nöthig erachten, deinen Durst erst zu reizen, so versehen jene gerösteten Picklinge, gewürzt vom scharfen Leipziger Senf, vollkommen den Dienst. So, mein Junge. Frisch in's Handgemenge, ich will dich kräftig unterstützen!« – Gerhard arbeitete bald mit vollen Backen, bald mit dem klingenden Messer, bald mit dem schäumenden Becher, auf dessen Grunde er drei Mal ein Goldstück mit dem Gepräge des Freistaates Venezia fand. Dankbar drückte er dem Geber und Gastfreund die Hand und sprach: »Solchen Bodensatz im Weine lasse ich mir gefallen. Zu viel aber ist's der Freigebigkeit, da ich weiß, daß durch Eure Zwistigkeit mit dem wälschen Ohm Euer Geldsäckel in Abnahme gerathen ist.« – »Der Herzog Friedrich hat mir erlaubt, dann und wann aus seinem Beutel zu schöpfen, wenn ich's bedarf,« antwortete Dagobert, »bei seiner milden Hand magst du dich demnach für dies Geschenk bedanken.«

»Ei, vor dem Herzog alle erdenkliche Ehrfurcht!« sprach Gerhard mit Behaglichkeit. »Es gab zwar eine Zeit, wo wir Beide nicht auf dem besten Fuße zusammen standen, allein diese Zeit ist nicht mehr. Was konnte ich in der That auch dafür, daß der wackere Herr damals in ein Reiterwams zu kriechen beliebt hatte? Am Kragen kennt man den Mann, lautet ein wahres und liebes Sprichwort. Dem sei nun indessen wie ihm wolle, ich bin mit dem Herzog versöhnt und empfange um so lieber die Goldpfennige, die mir aus seinem Schatze durch Eure Freigebigkeit zufließen.«

»Versöhnt?« lachte Dagobert. »Altes Sieb, wie kommst du mit dem Habsburger zusammen, der dich ungefähr so leiden kann, wie der Rüde den Dachs?«

»Leiden konnte, Fröschlein, leiden konnte!« versetzte Gerhard in seiner ungestörten Friedlichkeit. indem er die letzten Reste der Picklinge versorgte. »Seine herzogliche Gnaden hat mich durch den Herrn Schöffen von Braunfels auffordern lassen, das Turnier, das er am zwanzigsten dieses Mondes März zu geben gesonnen, durch meine Tapferkeit und zierlichen Fechterkünste zu verherrlichen, indem – wie er sich huldreichst auszudrücken geruhte – keiner von allen anwesenden Kämpen im Bügel und Ringelringen, im Kolbenschlag und Fußkampf meines Gleichen sei.«

»Beneidenswerther!« rief Dagobert, ihm den vollen Becher zubringend, »die Gewaltigen der Erde werden aufmerksam auf deine Verdienste und es kann dir gar nicht fehlen, bleibt deine Rechte nur gesund und dein Leib wohl genährt.«

»Das Letztere sei auch mein Hauptaugenmerk bis zum Tag, wo es gilt. Laßt sehen, Junker, wie weit haben wir noch zum Zwanzigsten?« – »Fünf Tage, mein Gesell,« berichtete ihm Dagobert. »Bis dahin sei mein Gast. Du sollst einen dankbaren Schuldner an mir finden. Kennst du das Märlein vom Tischlein deck dich? Meine Dankbarkeit soll es an dir verwirklichen und dich in jene harmlose Zeit versetzen, wo du noch die trägen Füße unter deines Vaters Tisch stecktest und ohne Sorgen verzehrtest, was sich gerade vorfand, unbekümmert, ob es die Vöglein vom Himmel, oder dein Vater von der Heerstraße gebracht.« – Der unverzagte Esser ließ den Becher sinken bei diesen Worten, schlug die Augen auf gen Himmel, und eine Mischung von Wehmuth und lächelnder Erinnerung breitete sich über sein Antlitz. Er reichte dem Nachbar die fleischige Hand und sprach mit weicher Stimme: »Ach, lieb' Fröschlein! Da habt Ihr's getroffen, wo meine Halsberge nicht zum Besten schließt. Mein rechtschaffener Vater . . . Gott erhalte ihn bei der Seligkeit! . . . er starb wie ein wack'rer Edelmann. Thut mir die Liebe, werthes Fröschlein, und thut mir Bescheid auf den Becher, den ich Euch feierlich zutrinke, als das Gedächtnis an einen ehrenwerthen Mann!« – »Von Herzen gern!« antwortete Dagobert, seinen Wunsch erfüllend. »Auf das Wohl eines Biedermannes trinke ich stets, säße er auch schon im Fegefeuer. Und auf dein Wohl nicht minder, alte deutsche Haut, weil du deines Vaters Angedenken dergestalt in Ehren hältst. Das hätte ich nicht hinter deinem groben Fell gesucht und wahrlich, ich werde hinter deiner Tugend nicht zurück bleiben, wenn's einst Gott gefallen sollte, meinen Alten zu sich zu rufen.«

Da riß mit einem Male der Hülshofner die von wehmüthiger Weinlaune feuchtgewordenen Augen auf, sah den jungen Tischgenossen mit einem ganz besonderen Ausdruck von Bedauern an, rieb sich die Stirne wie einer, dem etwas entfallen war, und der sich jetzt, fast zu spät, dessen verdrießlich erinnert, und seufzte: »Guter Junker! vergessen hatte ich schändlich, was Ihr doch wissen müßt. Faßt Euch, lieber, freigebiger, teilnehmender Frosch und glaubt, daß ich Eure Bekümmernis theilen werde, wie ein Bruder. Ja, ja, schaut mich nur an, wie den Bischof die verwunderte Katze. Euer Vater hat den Schöffenstuhl zu Frankfurt mit dem himmlischen vertauscht. Er ruhe in Frieden!« –

Mit offenem Munde und gespannten Zügen saß Dagobert dem Hiobsboten gegenüber, dessen Weichmuth in eine Thränenflut überging, die einige schnell geleerte Becher kaum auftrocknen konnten. »Sage mir doch,« fing Dagobert endlich kleinlaut an, »spricht der Rausch aus dir oder ist sie Wahrheit, die Botschaft, die du mir – dem Freien – aus deinem Gefängnis bringst?« – »Wahrheit, lieb' Junkerchen,« versicherte Gerhard ganz treuherzig, »die Sache ist die folgende: Mein erster Weg aus dem Gewahrsam ging zu meinen Herren von Frankfurt, den Schöffen, die hier im Hause wohnen. Der alte Herr Holzhausen nahm sich heraus, mir einen Text zu lesen, wie er sich in keinem Evangeliumbuche findet. Der Herr von Braunfels nahm sich meiner an und die Beiden sagten sich derbe Worte . . .«

»Um Gottes willen!« fiel Dagobert ein, »laß' die Umschweife, vollende!«

»Ich bin's eben im Begriff,« versicherte Gerhard, »denn ich setze mit Sporn und Gebiß über den Streit der wohlweisen Herren weg, bis zu der Thüre, durch welche gerade und just der Stadtschreiber Heinrich eintrat, der seit geraumer Zeit weniger für die Stadt schreibt als Boten reitet, und gerade wieder, mit Schriften beladen wie ein Maulthier, von Frankfurt daher getrabt kam.« »Wißt Ihr etwas Neues, Ihr Herren?« rief er. »Am Abend des verwichenen Tages der heil. Felicitas ist zu Frankfurt, unfern vom Hirschgraben, der wackre Schöff und Altbürger Diether Frosch ermordet worden!« – »Ermordet?« rief Dagobert, entsetzt vom Tische aufspringend, »verdammt sei deine Zunge, die solche Schreckensbotschaft mir so lange verhehlen konnte!« – »Hat sich wohl!« brummte Gerhard unwillig, »wo der Kopf vergißt, schweigt auch die Zunge ohne bösen Willen. Erfahrt Ihr's doch jetzo zeitig genug. Sollt' ich Euch das Vespermahl vergällen? Wo wollt Ihr aber hin?« – »Zu den Herren von Frankfurt!« erwiderte Dagobert und suchte sich ängstlich von dem Zurückhaltenden los zu machen. – »Nehmt doch Vernunft an!« sprach Gerhard entgegen, »die Schöffen sind nicht daheim. Die Abgeordneten der Reichsstädte haben heut' ein groß Convivium im »goldenen Brunnen«.« –

»So will ich dorthin!« rief Dagobert. »Laß' mich!« – »Bleibt doch!« erwiderte Gerhard, »ich leide es doch nicht, daß Ihr dort Euren Schmerz zur Schau tragt.« – Dagobert besann sich. »Du hast recht,« sprach er, »ein schiefes Wort, ein schiefer Blick nur in dieser Stimmung von einem Fremden, der mein Leid nicht fühlt, könnte mich zum Mord bewegen. Aber rede doch du, sage mir wie ging das Entsetzliche zu? Ich werde mich zwingen, mein Gebreste in meiner Seele zu verschließen und nur dann weinen, wann du es erlaubst – sage mir aber, wie ward mein Vater . . . o, mein Gott! . . . wie wurde er erschlagen?« – »Junker!« antwortete Gerhard verlegen, ob der nicht geahnten Heftigkeit des jungen Mannes, »Ihr fragt mich da nach Dingen, die ich eben so wenig weiß als Ihr. Vielleicht aber« – hier nestelte er den weiten Aermel seines Kollers auf . . . »vielleicht belehrt Euch dies Schreiben eines Bessern. Der Stadtschreiber brachte es von Frankfurt mit und Euch es zu übergeben, vertraute mir's der Herr von Braunfels. Bis auf diesen Augenblick hatt' ich's vergessen, doch kommt's auch jetzo nicht zu spät. – Da!« fuhr er fort, indem er das wohlversiegelte Schreiben aus dem Aermel fischte und dem gierig darnach greifenden Dagobert langsam reichte, »da ist der Brief. Euer Vater schreibt Euch darin die ganze Begebenheit selbst.« – »Er selbst?« fragte verwundert der Jüngling, das Schreiben staunend in den Händen haltend und einen Blick auf die Aufschrift werfend. »Wahrhaftig, er selbst!« fuhr er fort mit steigender Hitze. »Einfältiger Weinschlauch! Und du konntest mich beinahe zum Tode erschrecken? Mensch! siehst du denn nicht weiter als ein Maulwurf? Du entsetzest mich durch die Botschaft von meines Vaters Tode? Kann aber der todt sein, der mir von diesem Mord geschrieben?« – »Ich dummer Hans!« murmelte Gerhard und schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirne, »dümmer als ein Gänserich. Vergebt, Fröschlein, gestorben wird er nun wohl nicht sein, aber Ihr werdet nun aus dem Briefe sehen, daß gewiß etwas Schreckliches vorgefallen.« – Dagobert wollte soeben, seinem Zweifel zu entgehen, die Wachsplatte von dem wohlverwahrten Schreiben lösen, als er noch einen Blick der Aufschrift schenkte. »Nein!« rief er alsdann, »bei unserer lieben Frau vom Berge! Da hätte ich etwas Hübsches angerichtet. Das Schreiben gehört meinem würdigen Ohm, dem Prälaten. Der eifrige Mann würde mich in Bann thun, käme es verletzt in seine Hände. Vergieb indessen meiner begreiflichen Neugier, wenn ich dich jetzo allein lasse. Ich denke das Versäumte nächstens einzuholen. Für jetzt aber eile ich, den Ohm aus seiner abendlichen Bequemlichkeit zu stören, denn bis morgen die Ungewißheit zu ertragen, vermag mein Gemüth nicht. Gute Nacht!« – »Gute Nacht! Junker,« entgegnete Gerhard, »Ihr hegt doch keinen Groll gegen mich?« – »Sorge nicht,« beruhigte ihn Dagobert, »was kann der Mund dafür, daß er einem ungeschickten Kopfe gehorcht? Iß und trink! Die freie Tafel bis zum Tage des Turniers soll darum nicht wegfallen!« –

Der Prälat staunte nicht wenig, die Stille seines Hauses durch ein ungebührliches Pochen und Lärmen gestört zu sehen und traute kaum dem Bericht des zur Pforte gesandten Dieners, der die Ankunft des Neffen verkündete, welcher Haus und Hof wie mit Sturm eingenommen habe. Der furchtsame Geistliche, der sehr geneigt war, an eine beabsichtigte Gewaltthätigkeit seines Wildfangs von Anverwandten zu glauben, rief Fiorillen herbei, die ihn nur mit Mühe von dem Vorhaben abhielt, seine ganze Dienerschaft zu seinem Schutze um sich her zu versammeln.

»Entschuldigt meinen späten und überlästigen Besuch!« rief Dagobert beim Eintreten, »mein Geschäft bei Euch ist kurz, aber um so dringender!« – Der Prälat lief einige Schritte zurück, da Dagobert's Hand rasch nach dem Gürtel fuhr, um den Brief herauszuziehen und die Versicherung Fiorillens, es sei nur ein harmloses Papier und keine Mordwaffe, welches der Vetter bei sich trage, konnte Monsignore kaum beruhigen. Dagobert war genöthigt, ihm die Finger zu öffnen und den Brief hineinzulegen, mit der Bitte, doch ja allsobald den Inhalt desselben ihm mitzutheilen.

Nun begann der Muth des Prälaten wiederum zu wachsen. "Per Dio e la santissima vergine!" rief er mit aufgeblasenen Backen, da er den Ungrund seiner Besorgnis einsah; »heißt das nicht die Roheit eines deutschen Lümmels auf die höchste Spitze steigern? Ueberfällt bei Nacht und Nebel, einem Buschklepper gleich, seinen Ohm, einen Prälaten, der noch obendrein aufgebracht gegen ihn ist. Und warum dieser stürmische Ueberfall? Um einen Brief zu überbringen, der morgen ebenso gut gelesen werden könnte, denn heute. – »Mag sein, Ohm,« erwiderte Dagobert, »meine Besorgnis ist aber zu groß. Meinem Vater ist ein Unfall zugestoßen, dessen näheren Verlauf ich heute noch wissen muß.« – »Warum muß ich denn gerade heute noch das Schreiben lesen?« – »Weil es meinen Vater betrifft,« versetzte Dagobert, »der freilich nur Euer Bruder ist, und weil ich – kurz und gut – nicht eher aus dem Hause gehe als bis ich weiß, was den Meinen zugestoßen.« – »Du wirst sehen,« raunte der Prälat Fiorillen in's Ohr, »du wirst sehen, er setzt uns noch auf die Gasse und macht sich breit in meinen vier Pfählen. Sieh' nur, er glüht im Gesichte wie ein Kobold. Ob er betrunken ist, oder ob er – was den Deutschen Bären öfters zu begegnen pflegt – gerade von einer verderblichen Lust zu morden und zu wüthen befallen ist – wer weiß das?« – »Thut ihm deshalb den Gefallen, den er verlangt;« ermahnte Fiorilla, »Sohnesliebe spricht aus ihm.« – »Nun, wenn du meinst,« versetzte der Prälat, »so sei es drum. Gieb mir die Brille und zünde mir im Nebengemach die Lampe an. Du weißt wohl,« setzte er leiser hinzu, »daß ich an dem verdammten krausen Geschrift lange studiren muß mit meinen blöden Augen und ich kann's nicht leiden, daß der wilde Laffe davon Zeuge sei. Unterhalte ihn indessen, wenn du dich vor ihm nicht fürchtest; und suche ihn zu begütigen, damit der Teufel Ruhe halte, der in ihm rumort.«

Der Prälat schlich zum Nebengemach, sich an die beschwerliche Arbeit zu machen. Dagobert hatte sich in einen Sessel geworfen und starrte erwartungsvoll zur Decke empor, Fiorilla trat zu dem Jüngling und klopfte ihm leise auf die Schulter.

»Warum so verloren?« redete Fiorilla sanft und wohlthuend den Vetter an. »Was kann Euch so betrüben? Euer Vater ist ja nicht gestorben, da er selber Urkund von sich gibt und andrer Schmerz belastet Euch nicht.« – »Ihr habt recht, Mühmchen,« entgegnete Dagobert leicht; »für heute ist Ungewißheit mein einziger.« – »Wir Frauen möchten so gerne jede Plage von der Brust des Mannes nehmen,« fuhr Fiorilla fort; »wie lohnt Ihr mir, wenn ich diese Frauenpflicht an Euch übe? Wenn ich vielleicht einen Augenblick Eures Lebens in die Farbe der Rosen tauche?« – »Versucht's,« sprach Dagobert. – »So entrunzelt Eure Stirne! Dem Manne, der liebt und sich der heftigsten Gegenliebe erfreut, ziemt der düstere Unmuth nicht.« – »Gutes Mühmchen! Ihr wißt um meine seltsame Liebschaft, es ist wahr. Was soll diese aber hier?« – »Nicht so finster,« äußerte Fiorilla, neckend und drohend, »der Liebende hört ja doch sonst mit voller Seele den Werth seines Liebchens von fremden Zungen preisen. So wißt denn, daß ich Euch belobe ob der Wahl, die Ihr getroffen.« – »Ihr?« fragte Dagobert befremdet; »wie könnt Ihr wissen?« – »Erinnert Ihr Euch noch jener Nacht, in der Ihr unter mein Fenster kamt und mir mit überströmender Freude erzähltet, Euer Lieb von Frankfurt befinde sich zu Costnitz, . . . Ihr hättet sie gesehen . . . gesprochen? . . .« – »Recht wohl entsinne ich mich des Abends, denn kaum der Wochen dreie sind seitdem verstrichen, wie aber jene Kunde sich mit dem Beginn Eurer Rede reimt . . . ..« – »Das begreift Ihr nicht? Kurzsichtiger! Ihr kennt die Wißbegier der Frauen nicht. Diejenige zu schauen, deren Reize Euch unempfindlich gemacht hatten gegen meine Freundlichkeit, ließ ich mich die Mühe nicht verdrießen, das holde Judenkind aufzusuchen. Bald entdeckte ich dessen Aufenthalt. Der Vorwand, italienisch Geld gegen deutsche Münze umzutauschen, führte mich beim Vater ein, meine Jugend und Schmeichelei machte mich der Tochter angenehm und mein offenes Bekenntnis von meinen ziemlich nahen Beziehungen zu Euch gewann mir das unumschränkte Vertrauen Esther's!« – »Ist's möglich?« rief Dagobert, »und ich ahnte nicht? . . .« –

»Warum kamt Ihr nicht mehr in Ben David's Haus?« fragte Fiorilla, »oft schlich ich mich von hier weg, um Euch an Esther's Seite zu erwarten. Oft harrte ich auf einen abermaligen Abendbesuch unter meinem Kammerfenster, um Euch von dem Gesagten in Kenntnis zu setzen. Esther und ich harrten umsonst. Grausamer! Welch eine Fülle von Reizen, die ich neidisch bewundere, aber auch welch ein Reichthum von Tugenden liegt in diesem Wundermädchen verborgen! Das Vorurtheil ist in Euer Herz eingewachsen, wie sich der stumpfe Splitter öfters in der Wunde vernarbt. Ihr liebt in dem reizenden Geschöpfe sein Geschlecht, Ihr haßt in ihm sein Volk. Welch' unendliche Liebe fühlt Esther für Euch! Wie lohnt Ihr dieselbe durch schroffes Verschmähen! Esther könnte jahrelang für Euch sterben . . . Ihr wagt es nicht, nur einen Augenblick für sie zu leben!« –

Erschüttert schwieg Dagobert, als Fiorilla geendet hatte. »Mich fordert der Altar, wie Ihr wohl wißt, holde Freundin,« entgegnete er nach einer Weile.

»Müßt Ihr denn, einem blinden Wahne gehorchend, zwei Herzen brechen?« eiferte Fiorilla; »gibt es nicht Lande, wo man vom thörichten Gelübde Eurer Mutter nichts weiß? Flieht dorthin. Esther, ich schwör's Euch zu, wird nach kurzem Widerstande folgen, ohne Kampf die Lehre lassen, die ihr Herz nicht liebt, zu dem Glauben sich bekennen, der ihr jetzt schon theuer, weil es der Eurige ist. Eure Wissenschaft und adelig Gewerbe sichert den Wohlstand Eurer Hütte. Wagt es glücklich zu sein, entflieht der Welt, um ihre Freuden ungestört zu genießen. Bedürft Ihr des Beistandes, des Raths? wählt mich. Durch Ueberredung, That und Anschlag förd're ich Euern Zweck. Esther wird glücklich, Euer Herz versteinert nicht unter dem Scapulier und ein blühend Geschlecht wird Euren Freisinn, Euren Muth segnen und verehren.«

»Und rechnet Ihr für nichts die Verwünschungen eines glaubenseifrigen, betrogenen Vaters, mit welchem belastet Esther fliehen würde? Für nichts den Fluch des Meinigen? Das Urtheil der Welt, den Bann der Kirche, unser eigenes streng richtendes Gewissen, und endlich den entsetzlichen Augenblick des Wiedersehens dort oben, wenn meine Mutter mir entgegenkommen und mich fragen wird: »Sohn! wie hast du mein Gelübde geheiligt? Es ist nicht gelöset und doch nicht erfüllt worden! – Ich danke Euch, Fiorilla, für Eure angebotene Hilfe, allein Gott sei Dank! Der Helfer ist in meiner eigenen Brust. Laßt die Sache beruhen und uns lieber geduldigen Gemüths vernehmen, was der Ohm, den ich kommen höre, mir zu verkündigen haben wird.«

Wirklich trat auch der Prälat gewichtigen Schritts aus dem Seitengemach, Lampe und Brief in der Hand. Sein Antlitz zeugte von einer nicht unbedeutenden Bewegung. – »Redet, um der ewigen Barmherzigkeit willen!« rief ihm Dagobert entgegen, der allsobald über die Besorgnis für den Vater das soeben abgehandelte Gespräch vergessen hatte; »martert mich nicht. Was ist geschehen?« – »Der Herr hat es noch wohl gemacht;« erwiderte Hieronymus, kläglich auf die Ruhebank sinkend, »der Bruder lebt und wird bald vollends genesen sein, aber ein Unfall hat ihn betroffen, wie er sich nur in den verwahrlosten deutschen Landen begeben kann. In der Dämmerung sich nach Hause wendend, begegnete ihm ein Freihard in Pudelmütze und Wolfspelz und schaut ihm mit blutroth gefärbtem Angesichte keck und unverschämt unter das herabgekrempte Piret. Dein Vater fährt zurück. Der Wütherich, dem die leere Straße Muth zulegt, fragt ihn höhnisch: »Kauf' mir ein Menschenleben ab, Schöff!« – Und da nun der Bruder ihn zurückstößt und den Mund öffnet, um nach Hilfe zu schreien, so fühlt er bereits das Messer des Wehrwolfs unter seinen Rippen sitzen und sinkt dahin. »Gute Nacht, alter Frosch!« ruft ihm noch der häßliche Mörder in's Ohr, »dein Fröschlein kommt nach!« und packte den Verwundeten an, um ihn an den Rand des Grabens zu schleifen und wahrscheinlich kopfüber in der Hirsche Revier hinabzustürzen. Da nahen aber glücklicherweise Leute, um seines Werks wenigstens sicher zu sein, führt der Verfluchte noch einen Stoß gegen die Brust des armen Diether's. Der Stahl prallt jedoch zum Heil von der Halskette desselben ab und der Bluthund entflieht. Die Wunde wurde, von wenig Bedeutung zu sein, erkannt, und wie gesagt, dein Vater ist auf dem Wege zur vollen Besserung.«

»Abscheuliches Verbrechen!« riefen Dagobert und Fiorilla entsetzt aus.

»Nun ist aber dennoch auf sothanem Schmerzenlager« – fuhr der Prälat fort – »der Gedanke in dem Bruder erwacht, es möchte denn doch vielleicht der Herr einst schnell über ihn gebieten, und da es löblich ist, in solchem Alter und solcher Befürchtung noch einmal sein Geschlecht um sich zu versammeln und sich mit denjenigen zu versöhnen, mit denen ein unbilliger Haß uns entzweit hat, so verlangt der wackere Diether, ich solle mich in deiner und Wallradens Gesellschaft zu ihm begeben, um das Fest seiner Heilung in seinem Hause feierlich zu begehen. Wallrade soll bei dieser Gelegenheit wieder in alle Kindesrechte und den Arm des Vaters aufgenommen werden.«

»Daran thut mein allzu guter Vater gerecht und wohl,« erwiderte Dagobert, »obschon die Schwester diese Liebe nicht verdient. Was beschließt Ihr aber hierauf, mein hochwürdiger Ohm und Herr?«

»Hm!« sprach Monsignore nach zweifelhaftem Kopfschütteln, »ich meine, daß es vollkommen hinreichen wird, wenn ich hier zu Costnitz in meiner stillen Kammer dem Herrn für das meinem Bruder widerfahrene Heil danke und zu Ehren unserer lieben Frauen, die durch ihre Fürbitte des Mörders Stoß fehlgehen ließ, einige Messen lese. Wallraden werde ich jedoch zu der Aussöhnung bewegen und überlasse es dir sehr gerne, die Schwester nach dem Vaterhause zu geleiten und wohlbehalten wieder anher zu führen.«

»Mit nichten,« äußerte Dagobert aufstehend und kalt, »Wallrade bedarf meines Geleites nicht. Einer ihrer zahlreichen Freier wird dieser süßen Pflicht sich leicht unterziehen, wenn nicht die kaiserliche Majestät selbst ihren Reisestallmeister machen will. Euch überlasse ich es, Ohm, die Liebenswürdige vorzubereiten. Unstreitig wißt Ihr ihren jetzigen Aufenthalt besser denn ich, der nur dann und wann von müßigen Stadtzungen Gerüchte und Vermuthungen hört, die gar nicht zur Ehre unseres Stammes gereichen. Gerne werde ich auch Wallraden den Vorzug im Vaterhause einräumen und daher einzurichten suchen, daß ich an dem Tage ankomme, an welchem sie geht. Schließlich danke ich Euch demüthigst für Eure gehabte Mühe und werde dieselbe gegen meinen Vater zu rühmen wissen, da es Euch ohnedies widerstrebt, tiefer in das verhaßte deutsche Geburtsland vorzudringen. Gute Nacht, würdiger Herr!«

Der Prälat sah beschämt und staunend dem Neffen nach, der – wie er endlich zu begreifen begann – unter dem Schimmer jugendlichen Leichtsinns einen stechenden Ernst barg, welcher einem verweichlichten Gemüthe umso empfindlicher wehe that. Fiorilla leuchtete dem Scheidenden bis zu des Hauses Pforte. Daselbst ergriff sie seine Hand, sah ihn mit weinenden Augen an und sagte: »Ihr habt heute durch Eure feste Redlichkeit vermocht, daß ich vor mir selbst erröthete. Könnt Ihr mir vergeben, wozu ich Euch verleiten wollte?« – »Von ganzem Herzen!« erwiderte Dagobert, »denn Ihr wart weit entfernt, mich zu beleidigen. Euch reißt die Leidenschaft dahin und zwingt Euch zum Tribut. Ich aber bin einer ihrer schlimmsten Zahler und mein Trachten geht darauf aus, die ungestüme Mahnerin ganz aus meinem Hause zu werfen. Schätzt Euch darum nicht geringer, mich nicht höher als von Nöthen. Esther ist aber viel zu gut und zu edel, als daß ich ihr für kurze Wonne eine ewige Reue verkaufen möchte. Gute Nacht!«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.