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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Dreizehntes Capitel.

Die Sonne eines heitern Tages, wie ihn nicht selten der scheidende Hornung bietet, schaute behaglich durch die weiten Fenster des Mörsburger Schlosses auf den kleinen Haushalt des Wildmeisters Bilger von der Rhön, dem gerade sein Weib in kindlicher Einfalt noch einmal alle Wunder und Festlichkeiten der Fastnacht zu Costnitz erzählte, welche sie schon öfters zum Besten gegeben hatte. Mit liebevoller Geduld horchte Bilger zu; das Töchterlein, halb auf dem Schoße der Mutter gelehnt, stellte sich ebenso aufmerksam, und selbst der Bärenfänger Haltan schien, vor dem Tische aufrecht sitzend und das Gesicht in die Sammetfalten des beschauenden Ernstes gelegt, das stille Vergnügen seiner Herrschaft zu theilen. Des Herrn von der Rhön Aufmerksamkeit war dennoch von dem oft gehörten Bericht nicht so sehr in Anspruch genommen, daß er das Geräusch überhört hätte, das sich in dem Hofe vernehmen ließ: den Hufschlag ankommender Pferde, das Rufen der Reiter und die langgehaltenen Hornstöße des Wächters. Er eilte an das Fenster und erblickte, da er die gemalten Flügel aufschlug, mehrere in des Kaisers Farben gekleidete Knechte auf dem Burgplatze, theils zu Gaule sitzend, theils einen aalglatten Schimmel haltend, dessen reiches Sattelzeug allsobald den vornehmen Reiter verrieth. Der Pförtner machte aus seinem Hüttchen die Geberden der größten Verwunderung nach dem herabschauenden Wildmeister herüber, und das Räthsel löste sich diesem bald, denn die Thüre sprang auf und der Kaiser selbst trat im einfachen Reitkleide herein, . . . den Vogt verabschiedend, der ihn bis hieher geleitet hatte. Bilger's und seiner Gattin freudiges Erstaunen wuchs, da der Fürst mit der ihm angebornen Freundlichkeit und Herablassung alle Bewillkommnung von der Hand wies, Referenz und Gewandkuß untersagte und so vertraulich am Tische auf einem Schemel ohne Lehne Platz nahm, als sei dieses seine ihm zustehende Stelle. »Keine Zierereien!« sprach Siegmund, während er durch seinen Wink den Hausherrn sammt Ehewirthin in die kaum verlassenen Lehnstühle wies und das lächelnde Kind auf den Schoß zog, in den warmen Marderpelz. »Wenn man gute Freunde heimsucht, thut man sich weder Zwang an, noch duldet man ihn; und ich denke ja, ich bin bei guten Freunden.« – »Bei den treuesten Dienern Ew. römischen Majestät,« versicherte der Wildmeister. – »Ich wollte mich von Euerm Wohlsein überzeugen,« fuhr der Kaiser fort, »und sehen, wie das holde Weiblein hier im Hauswesen sich benimmt.«

Die Wildmeisterin erröthete verschämt, Bilger aber erwiderte: »Gnädigster Herr, ich bin glücklich. Meine Katharine ist das Gestirn, das mild meinen Lebensweg überstrahlt und sich in unserer Kleinen zu unserer Wonne verdoppelt hat.« – »Wie bin ich froh, solch' Zeugnis aus Eurem Munde zu vernehmen, Herr von der Rhön,« versetzte der Kaiser; »so hat denn doch der Befehl Eures Vaters, dem Ihr so lange widerstrebtet, gute Früchte getragen. So stößt man oft die Perle lange zurück, die uns das Schicksal wohlwollend reicht. Ihr habt noch zu rechter Zeit die Hand aufgethan. Wohl Euch!«

Mit verdüstertem, aber freundlichem Blicke reichte Bilger seinem Weibe die Hand. Siegmund fuhr in dessen fort: »Ihr wißt gar nicht, wie glücklich Ihr seid. Wie gerne vertauschte ich den Fürstenpelz mit Euerm Rocke und würde ein Wildmeister wie Ihr. Aber so ist es mein Beruf, der ganzen Welt Händel zu schlichten, wie es eben geht. Bald machen mich die Städte unwirsch, bald hab' ich's mit der Herrenbank verdorben, die Fürsten spreizen sich, die Bauern murren, die Ketzer predigen alles Unheil. Gegenwärtig hab' ich's mit der Geistlichkeit zu thun und der liebe Gott helfe mir gnädig über diesen stachlichen Zaun. Hab' ich aber auch mit Angst und Noth dem Staatsleben so ziemlich ausgeholfen, flugs reiben sich gewöhnliche Finsterlinge an meinem Ansehen im gemeinen Bürgerleben. Hat sich nicht erst vor Kurzem bei einem gewissen verdrießlichen Handel ein Dummbart unterstanden, sich für meine Person auszugeben und mich dadurch vor aller Welt in einen ärgerlichen Verdacht gezogen? So wie des römischen Reichs erwählter Kaiser den ersten Mann vorstellt in der Christenheit, so sind seine Sorgen auch die größten, und darum bitte ich geziemend das liebliche Weiblein um einen Becher Wein, damit ich, auf ihre Gesundheit trinkend, Gram und böse Erinnerung vom Herzen schwemmen möge.«

Eifrig gehorsam stand die Wildmeisterin auf, griff nach den Schlüsseln am Schänktisch und eilte nach dem Keller, um dem vornehmen Gast den verlangten Labetrunk so frisch als möglich zu reichen. Der Kaiser legte das auf seinen Knien entschlummerte Mägdlein behutsam, wie eine sorgende Mutter, in's Ruhebettlein und setzte sich wieder zutraulich zu dem Wildmeister, der, seinem Willen zuwider, ebenfalls sitzend verharren mußte. – »Bilger,« sprach Siegmund leiser, »ich muß Euch bekennen, wie es nicht eitel Zufall ist, daß ich mich hieher begeben. Eigentlich bin ich hier, um ein Amt zu verrichten, das nicht zu den Regalien gehört; das Marschalkenamt nämlich. – Eine edle Frau, an deren Schicksal ich viel Theil nehme, wünscht einige Tage in strenger Abgeschlossenheit zuzubringen, da ihr zu Costnitz, wie sie befürchtet, eine nicht geringe Gefahr droht. Das schwache Weib zu schützen, ist jedes Ritters Pflicht; um wie viel mehr die Pflicht des Kaisers also. Ich habe der edeln Frau meine Obhut zugesagt in diesem Schlosse, das der Bischof vom Reich zu Lehen trägt und vertraue sie Eurem absonderlichen Schirm, so daß Ihr keinen Menschen in ihre Nähe lasset, der ihr Unheil bringen könnte.«

»Das Vertrauen meines kaiserlichen Herrn zu rechtfertigen, wird mein Bestreben sein,« versicherte Bilger von der Rhön. – »Heute noch wird das würdige Frauenbild hier eintreffen,« fuhr der Kaiser fort, »ich verbiete ausdrücklich nach ihrem Namen und Stand zu forschen. Ich habe ohnedies das Mißgeschick, meine Huld gegen ehrenwerthe Frauen häufig verkannt zu sehen, ich will nicht ihren Namen der Verleumdung preisgeben. Euerm Schirm vertraue ich die Freundin und empfehle sie der Dienstfertigkeit Eurer Ehewirthin, da sie, wie ich vermuthe, ihre Leute zu Costnitz lassen wird, bis die böse Conjunctur vorüber.« – »Es soll geschehen, wie kaiserliche Majestät befiehlt,« erwiderte Bilger unterwürfig und der Kaiser wurde durch solche Bereitwilligkeit dergestalt in gute Laune versetzt, daß er den Becher, den ihm Frau Katharina credenzte, in einem Zuge auf das Wohlsein des Hauses von der Rhön leerte. – »Traun!« lächelte der Wildmeister, »es ist hohe Zeit. Ich bin der einzige und letzte meines Stammes, seit mein Vater vor einem Jahre zur Grube fuhr, und mir wird das Wappenschild nachgeworfen, wenn meine gute Hausfrau mich nicht mit einem Sohne erfreut.« – »Tröstet Euch mit Kaisern und Königen, denen es dann und wann um nichts besser geht,« versetzte Siegmund, »und freut Euch in dem Alter zu sein, das eine Hoffnung noch zuläßt. Nun aber, lieber Wirth, laßt uns zu Roß steigen, um Euerm holden Gaste entgegenzureiten. Er kann nicht mehr lange säumen.« – Der Kaiser umarmte zum Abschiede Frau Katharinen auf das Zierlichste, drückte einen Kuß auf ihre Stirn und Wange, ließ die goldne Kette von seinem Halse auf das Bettlein des schlummernden Kindes gleiten und schied. Der Wildmeister ritt zu seiner Linken und sie waren noch nicht weit vor das Städtlein hinausgekommen, als schon in der Ferne eine Sänfte sichtbar wurde, von einigen Reisigen geleitet. Der Anführer derselben, ein buntgekleideter Rittersmann, stolzirte selbstgefällig voran. – »In dem Wiedehopfe erkenne ich meinen Mann!« sprach der Kaiser lächelnd zu seinem Begleiter und winkte den Scheckigen heran, der dienstfertig herzusprengte. Drei Schritte von dem Kaiser entfernt, warf sich der Reiter vom Gaule und nahte dem Fürsten mit allen Zeichen betroffener Ehrfurcht. »Sieh' da, mein Herr von Königseck!« redete ihn Siegmund, sich verwundert stellend, an, »unverhofft kommt oft. Bei des heiligen Stephan's Krone! Wer ist die Schönheit, die Ihr in jener festverschlossenen Sänfte zu geleiten scheint?« – »Meine Braut, gnädigster Herr,« versicherte der Geck wohlgefällig, »sie hat den Wunsch geäußert, einige Tage in dem Hause des Wildmeisters zu Mörsburg zuzubringen, dessen Gattin ihr sehr nah' befreundet ist und ich hielt's für meine Pflicht, ihr unterwegs meinen Arm zum Schutz zu leihen.« – »Ein kräftiger Schirm allerdings,« versetzte Siegmund mit leisem Spott, »um so unangenehmer wird es mir, Euch in der Erfüllung süßer Pflicht zu hemmen. Ich bedarf Eurer – noch in dieser Nacht sende ich Euch von hinnen in einem wichtigen Auftrage, den ich nur Eurer Klugheit anvertrauen darf. Säumt also nicht, sogleich in meinem Gefolge gen Costnitz umzukehren.« – Der edle Herr war verblüfft und wußte nur mit einem Bückling und einer verlegenen Hinweisung nach der Sänfte zu antworten. – »Die Wohlfahrt Eurer Zukünftigen sei Eure geringste Sorge,« versicherte ihm der Kaiser, »der Zufall will, daß der Wildmeister sich gerade hier befindet. Er wird für die Sicherheit der Freundin seines Hauses stehen. Nicht wahr, mein wack'rer Herr von der Rhön?« – »Wie für mein eigen Haupt,« entgegnete Bilger, der aus Unterwürfigkeit in eine Sache einging, deren Zusammenhang er nicht begriff. – Königseck verharrte indessen noch immer in Unschlüssigkeit. Die Sänfte kam immer näher. »Nun denn aber auch, beim Erlöser! steigt doch auf!« rief der Kaiser dem Zaudernden heftig zu. »Des Königs Wille geht vor der Minne. Frisch zu Gaule! Da die Zucht mir nicht erlaubt, die Dame Eurer Wahl auf offener Heerstraße, in der Dämmerung des Abends, zu begrüßen, so folgt mir unverzüglich. Der Wildmeister wird die seinem Schutz Befohlene begrüßen und Euch, wegen Eures schnellen Abschieds, mit meinem Gebote entschuldigen.« – Der Königsecker neigte sich verlegen und stieg langsam in die Bügel. »Seht doch den faulen Knecht!« sprach Siegmund, seinen langen Bart streichelnd, »ich hätte Euch mir nicht so saumselig gedacht. Da war der Montfort flinker, da ich ihm heute befehlen ließ, in meinen Geschäften nach Frankfurt zu reiten. Kaum nahm er sich die Zeit noch eine Messe zu hören und fort war er. Dennoch ist er dem Tiroler zugethan, mehr denn Ihr es mir zu sein scheint.« – Diese Neuigkeit belebte auf einmal den zwischen Pflicht, Minne und Eifersucht Schwankenden.

»Gott erhalte Euch, kaiserlicher Herr!« rief er hochaufathmend, »so der Montfort von Costnitz gewichen, will ich ja gerne für Euch reiten, denn nun weiß ich meine Lieb' vor seinen Drohungen sicher. Doch ein Wort des Abschieds mögt Ihr mir wohl gönnen, Herr König!« – Siegmund winkte ihm billigend und, nachdem er dem Wildmeister den Befehl zugeflüstert, keiner Seele – ihn, den Kaiser, ausgenommen – Zutritt zu der Fremden zu gestatten, zog er mit seinen Stallmeistern seines Wegs, ohne auch nur den Kopf nach der Sänfte zu drehen, die indessen in des Wildmeisters und Königsecks Nähe anlangte. Der Letztere öffnete geschmeidig die Vorhänge, hinter welchen eine dichtverschleierte Frau saß, sprach mit glatten Worten von des Kaisers Willen, seinem Gehorsam und dem Schmerz, den er empfinde, sie nicht gänzlich an Ort und Stelle geleiten zu können. Zugleich stellte er ihr den Herrn von der Röhn vor als ihren weitern Schirm und Beschützer. »So lebt denn wohl und nehmt meinen Dank, Herr von Königseck!« erwiderte eine gleichgültige Stimme, die dem Wildmeister bekannt und drohend in die Ohren klang. »Ich bin mit meinem neuen Geleitsmann völlig zufrieden,« setzte sie hinzu und aus dem gelüfteten Schleier blickte ein Antlitz, das Bilger's Herz mit starrem Entsetzen erfüllte. Er schwankte auf seinem Rosse, da er in Wallradens Züge schaute. Das Fräulein grüßte ihn unbefangen, reichte dem scheidenden Bräutigam die Hand und verschloß wieder sorgfältig die Vorhänge ihres Tragsessels, da Königseck von dannen sprengte und der Zug sich gen Mörsburg weiter bewegte. Bilger war zu Stein geworden, während im innersten Busen sein Herz tobte, wie das eines flüchtigen Verbrechers. Erschüttert ritt er der Sänfte nach. Sein Geschick lag schwer auf ihm und schwarz war ihm wieder plötzlich die Zukunft geworden, dunkel wie die Nacht und der Nebelschleier des Firmaments, der nur so viel Mondstrahl durchließ als nöthig war, um die fürchterliche Pracht der kämpfenden Wolkengebirge bewundern zu können. »O, ich Unglücklicher!« seufzte er vor sich hin. »Ich selbst muß das Unheil in mein Haus führen, . . . mein eigenes Verderben an der Flamme meines Herdes niedersitzen lassen! Wehe mir!«

Des Wildmeisters Hausfrau empfing die Kommenden auf der Schwelle des Schlosses mit gastlicher Freundlichkeit. Wallrade erwiderte ihren Gruß auf dieselbe Weise und wandelte an Katharinens Hand zu der Wohnstube, woselbst ein einfaches Mahl bereitet war. »Fürwahr,« sprach das Fräulein mit zuvorkommender Sanftmuth, die den Herrn von der Rhön wohltätig anregte, »ich weiß nicht, edle Frau, wie ich zu einer genügenden Entschuldigung gelangen soll, daß ich mich so störend in Euer Hauswesen drängte. Wahrscheinlich verdanke ich nur der auserlesensten Fürsprache den biedern Willkomm, der mich in Eurem kleinen Familienkreise schon im Augenblick meines Eintritts heimisch macht. Vergebt daher der Ueberlästigen.« – Bilger's Ehewirthin antwortete auf diese bescheidenen Worte aus der Fülle ihres guten Herzens, und ein gutes Verständnis, wie es öfters zwischen Frauen sich befestigt, – wenn auch nur durch luftgewebte Bande – spann sich auch hier an. Die Fremde wußte durch alle kleinen Künste das Vertrauen der Hausfrau zu erringen und sich über das Gemüth derselben in's Klare zu setzen. Katharine, dies einfach herzlichgute Wesen, verhüllte nicht lange den Spiegel ihrer Seele, ohne daß sie daran gedacht hätte, einen Blick unbescheidner Neugier in die Augen des Gastes zu werfen. Die von dem Kaiser und ihrem Gatten ihr Anvertraute nahm nun die erste Stelle in ihrem Hauswesen ein. Zart und anspruchslos bot ihr Katharine ihre dienstfertige Freundschaft und empfahl ihrer Güte das aus dem Schlummer erwachte Kind. Bilger freute sich der Milde seines gefürchteten Besuchs, aber diese Freude war im Grunde nur die scheue Hoffnung auf einen bessern Ausgang. So unbefangen und heiter auch seine Züge schienen, wenn der Anstand verlangte dem Gaste einige Worte der Theilnahme zu schenken, so finster wurde sein Auge, so sturmbewegt sein Herz, wenn er sein Kind in den Armen der Fremden sah, wenn er vernahm, mit welchen Schmeicheltönen sie das Mägdlein kirrte, – mit welcher Bereitwilligkeit das Kind ihre Liebkosungen erwiderte. Ihm war als müsse er dazwischen treten, um sein Eigenthum vor bösem Zauber zu retten, aber kraftlos sank die ausgestreckte Hand, sobald Wallradens Blicke auf ihn fielen und seine Gattin in ihrer unschuldigen Fröhlichkeit betheuerte, ihre Tochter habe sich außer den Eltern noch Niemand so liebevoll genähert als ihrer werthen Gastfreundin. – Erst spät trennte man sich. Katharine geleitete das Fräulein auf ihr Gemach und verrichtete den Zofendienst bei ihr, während der Wildmeister im weiten Armsessel, bei düst'rer Lampe Schimmer, mit verschränkten Armen kummervoll vor sich hinsah. Die kurze Viertelstunde, binnen welcher sein Weib abwesend war, dünkte ihm eine Ewigkeit, und mit einer besonderen Aengstlichkeit, schlecht verhehlt, um desto auffallender jedoch, suchte er in den Augen der Zurückkehrenden zu lesen. Katharine konnte nicht Ausdrücke genug finden, um die sanfte Herablassung des Fräuleins zu beloben und machte schließlich dem Gatten kund, daß die Fremde ihn morgen auf ihrem Gemache erwarten werde, um ihm einen Auftrag von hoher Wichtigkeit anzuvertrauen. Flammen schlugen nun aus dem bisher bleichen Gesichte des Herrn von der Rhön und Katharinens Unbefangenheit konnte nicht umhin, diesen schnellen Farbenwechsel zu bemerken. – »Was ist dir, guter Rudolf?« fragte sie besorgt, »bist du krank? Dein Antlitz ist bald Glut, bald Asche. Du fieberst. Rede doch, – reiße mich aus meiner Angst.« – Der Wildmeister lächelte verlegen und versuchte es, ihrer Besorgnis zu spotten. »Ei, lieb' Weib,« erwiderte er so gefaßt als möglich, »mir ist wohl trotz Einem und du wirst mir's glauben, wenn ich dir sage, daß ich jetzt noch nach den Fallen sehen will, die ich im Zwinger stellte. Ich vernahm vorhin einen Laut, wie das Gebelle eines Fuchses. Gewiß hat der Feind unseres Hühnerstalles, dem ich so lange nachgestellt, die Schnauze oder eine Klaue in der Falle gelassen. Geh' indessen zu Bette; ich komme bald zurück.« – Katharine wollte ihn von diesem späten Rundgange abwendig machen, allein er blieb unbeugsam bei seinem Vorhaben. Ihm ward leichter, da er in der freien Luft stand, und der Nachtfrost kühlte wie ein weicher Balsam seine glühenden Pulse. Er löschte die Leuchte, die des Mondes Schein entbehrlich machte und wandelte in dem Mauerschatten des schmalen Zwingers nachdenkend und überlegend dahin, bis ihn endlich im Dahinlaufen auch die Bewegung verließ und er sich unwillkürlich in die dunkle Ecke schmiegte, welche das vorspringende Marienbild am Brunnen bildete. Während er nun sich seinen trüben Gedanken überließ, hörte er jenseits des Verhaues am Graben einen leisen Werdaruf und das Gesumme zweier Männerstimmen, das im Anfang unverständlich, dem aufmerksamen Zuhörer in der stillen Nacht bald vernehmlich wurde. »Ei, so rede, Bertram,« sprach die eine Stimme, »überall verschlossen, sagst du?« – »Wie ein Kloster,« erwiderte der andere Mann.

»Der grimmige Thorhüter berichtet mir, daß in der Nacht niemals ein Pförtchen geöffnet werde.« – »Sie ist aber doch im Schlosse?« fragte der Erste weiter. – »Ohne Zweifel,« antwortete der Zweite, »man hat sie ja in der Dämmerung einreiten sehen. Der Wildmeister hatte sie eingeholt.« – »Teufel! wenn ich genarrt wäre!« brummte der Erste; »ihr Brieflein lautet so honigsüß, aber auch Gift kann man mit Honig würzen.« – »Jawohl, Herr Graf,« meinte der Andere, »'s wäre nicht die Erste, die einen biedern Rittersmann meilenweit am Faden gezogen hat.« – »Wenn das wäre, – wehe ihr!« sprach der Herr mit entschlossenem Tone, »morgen wird sich's finden. Bleibt mir auch noch dann der Zugang zu ihr versperrt, so weiß ich, was davon zu halten sei und kann das Schwert wetzen nach Lust und Rache. Ha! wäre der Kaiser nicht zurückgeritten nach der Stadt, ich würde glauben, das Weib lasse sich gefallen, mit uns den Fasching zu verlängern, aber der Himmel verdamme mich, wenn ich . . . . .« Die Worte verklangen, weil der Sprechende sich vom Graben entfernte, und auch die Fußtritte der beiden Nachtwanderer verhallten bald. Der Wildmeister machte sich aus seinem Versteck hervor und schlich nach seinem Wohngebäude. Bitter lachend schüttelte er den Kopf. »Vor einem solchen Weibe muß ich schweigen?« seufzte er, »sie, die mit Jedem ihr Spiel treibt, wie ich vermuthe, – sie muß ich scheuen! Hartes Verhängnis, das mich in Fesseln schlug, die nur der Tod zu lösen vermag! Rette nur Weib und Kind von Gefahr. Nur sie verschone!«

Wohl streckte er sich auf das weiche Lager, wohl schloß er die Augen zum Schlummer, aber ein qualvolles Wachen, dann und wann in Fieberträume ausartend, machte ihm die Nacht zu einer Ewigkeit von Pein. Und dennoch bangte ihm, da der Morgen graute, vor dem Tage. Zögernd entwich er seiner Lagerstätte und ängstlich zählte er die Stunden, bis endlich diejenige herankam, die ihn zu seinem Gaste beschied. Erst nach wiederholter Aufforderung von Seiten seiner Gattin, trat er den sauren Weg an und klopfte mit zagendem Finger an die Thüre von Wallradens Gemach. Das Fräulein saß mit weiblicher Arbeit beschäftigt unfern von dem Ofen des weitläufigen Zimmers und nickte kaum mit dem Haupte auf Bilger's geziemenden Gruß. Der Wildmeister fragte, näher tretend, mit unsicherer Stimme nach der Herrin Begehr. Wallrade heftete einen langen Blick auf den Schüchternen, einen Blick, in dem der Triumph eines entschiedenen Uebergewichts lag, und sprach mit der Freundlichkeit, die den Scorpionstachel führt: »Zuvörderst meine Entschuldigung, Herr von der Rhön. Ich konnte mir jedoch die Lust nicht versagen, Euch in Eurem Hause heimzusuchen. Meine Ankunft kam Euch überraschend, fürchte ich.« – »Ich leugne es nicht,« antwortete Bilger mit Ruhe; »welches indessen auch der Beweggrund sei, laßt mich ihn vernehmen.« – »Ich stelle Euren Scharfsinn auf die Probe,« fuhr Wallrade nach einer kleinen Ueberlegung fort, »errathet, was mich zu Euch führt.« – »Dürfte ich,« sprach Bilger gemessen, »dürfte ich Eurem Munde glauben, was er gestern Abend sprach zu mir, zu Katharinen und dem Kinde, so möchte ich fast hoffen, daß Friede in Euerm Gefolge kommt. War jene Freundlichkeit nur Larve, so fürchte ich um so mehr für meine Ruhe.« – »Das böse Gewissen pocht wieder an die Pforte,« entgegnete schlau lächelnd das Fräulein; »ich bin indessen nicht so böse als Ihr glaubt, Bilger. Ich komme Euch Gelegenheit zu geben, Eurer Sünde quitt zu werden mit einem Male. Es gilt die Erfüllung eines geringen Wunsches und ich verspreche Euch,« – sie begleitete diese Verheißung mit einem verächtlich niedergleitenden Blicke – »mich ferner weder um Euch zu bekümmern, noch um diejenige, die Ihr Euer Weib nennt.« – »O, sprecht, . . . was ist's?« fiel der von der Rhön lebhaft ein; »sprecht, womit erkaufe ich das Glück, mich von Euch vergessen zu sehen?« – »Es gab eine Zeit,« versetzte Wallrade beißend, »wo alle Schätze der Welt Euch nicht über meine Gleichgültigkeit hätten trösten können. Die Jahre wechseln jedoch, mit ihnen des Menschen Sinnesart. Wohlfeiler kauft Ihr übrigens keine Lust auf Erden als meine Verachtung, wenn Euer Arm noch nicht verlernte, das Schwert zu führen, oder Euch noch ein Keller zu Gebot steht, in dem sich's allenfalls sterben läßt, ohne von der neugierigen Mitwelt zu Grabe geleitet zu werden.« – »Eure Worte sind mir ebenso viele Räthsel,« erwiderte Bilger; »spannt meine Erwartung länger nicht auf die Folter. Sprecht!« – »Vernehmt, was ich von Euch begehre,« antwortete Wallrade. »Ein Mann wird sich heute oder morgen an den Thoren dieses Schlosses zeigen und den Zutritt zu mir begehren; er wird sich auf eine Aufforderung von meiner Hand stützen. Ein kühner Blick, ein braunes Antlitz und eine hohe Schulter zeichnen ihn aus. Mit einem Worte: der Graf von Montfort ist's, den ich zu fürchten habe. Der Eitle warb um meine Gunst, bildete sich ein, in deren Sonnenhöhe zu stehen, und hat mir entsetzliche Rache geschworen, da er seinen Irrthum einsah. Ich, ein schwaches, unvertheidigt Weib, müßte früh oder spät seiner Unversöhnlichkeit zum Opfer fallen; darum hab' ich's vorgezogen, den Eisenkopf durch List in eine Schlinge zu ziehen, der er nicht entrinnen soll, sobald Ihr mir die Hand reicht. Der Kaiser hat mich Euch vertraut; ich weiß es, denn ich halte die Fäden des Gewebes. Verseht Euer Amt; der zudringliche Frauenschreck finde an Eurem Schwerte seinen letzten Augenblick, oder verkümmere auf ewig in Euerm Verließe. So nur sättigt sich mein beleidigt Ehrgefühl, so nur beruhigt sich mein Herz.« – Bilger schwieg betroffen eine lange Weile; darauf wandte er sein kummertrübes Auge zu Wallraden und sprach: »Ist es denn nicht genug, Wallrade, daß deine grausame Arglist gerade mein Haus ausgesucht zum Schutze gegen betrogene Freier, zum Deckmantel eines unwürdigen Verhältnisses, das eine Königskrone selbst nicht zu adeln vermag? Muß denn auch meine Hand es sein, die du ausforderst zu unritterlichem Thun?« – »Und wessen Hand sonst? fragte Wallrade herrisch. »Ist sie nicht mein? Ich dinge keine Miethlingsfaust, so lange ich einer leibeigenen zu befehlen habe. Auf Euch kommt's an, ob Ihr meinem Recht im Stillen huldigen wollt durch Gehorsam, oder ob ich mein Eigenthum vor dem Reiche zurückzufordern habe.« – »Welch einen Preis verlangt Ihr, Unbarmherzige!« wendete Bilger seufzend ein, »um ein Vergehen zu sühnen, soll ich ein doppelter Verbrecher werden!« – »Wählt!« rief Wallrade streng, »der, der mir Rache schwur, darf nicht mehr athmen unter den Lebendigen. Schafft ihn hinweg, und Vergessenheit des Vergangenen, die Ruhe Eurer Zukunft sei Euer Lohn. Weigert Euch hingegen, und aus meinem Munde sprudle ich Schande und Tod auf Euer Haupt, Zeter und Schmach auf Alle, die Euch angehören.« – »Halt ein! giftgeschwollener Wurm, der meines Lebens Blüthe zernagte!« unterbrach Bilger ungestüm die Zürnende; »die tiefste Erniedrigung hat eine Grenze. Zehnfach schon büßte ich für den mir abgedrungenen Frevel; nicht länger will ich vor den Drohungen eines Weibes zittern, das ich verabscheue. Zu deinem Wächter wurde ich bestellt, nicht zu deinem Mordknechte. Das will der Kaiser nicht, der getäuschte Kaiser, der nicht ahnt, was deine glänzende Hülle birgt. Aber, er wird meine Stimme hören; zu seinen Füßen will ich Alles bekennen; er wird verzeihen, mir die Retterhand reichen!«

»Verzeihen? retten?« lachte Wallrade tückisch, »Thor! vergeßt Ihr, daß Siegmund zu meinen Füßen liegt, daß er seine Pflichten hintansetzt, um mir hier in stiller Abgeschiedenheit seine Huldigung darzubringen? Ein Wort nur kostet's mich und Ihr steht auf dem Rabensteine . . . Katharine wandert zum Spittel und Eure Kinder – hört Ihr? – Eure Kinder, Blödsinniger, sind schmachbedeckte Bettler!« – Mit einem Laut aufzuckender Verzweiflung taumelte Bilger zur Thüre, die jedoch im selben Augenblick von einem rasch Daherstürmenden aufgerissen wurde. Der Graf von Montfort stand vor den Staunenden. »Ich will doch sehen,« sprach er in ungestümer Hast, »ob eine Thüre hier im Schlosse dem Geschlechte Montfort verboten sein kann, das in Habsburgs Vesten frei aus- und eingeht. Ihr habt unhöfliche Wächter zu Euren Thoren bestellt, Herr von der Rhön. Die Bursche wagten es, einem Manne von meinem Ansehen den Eintritt streitig zu machen, obwohl mich Ehre und Minne hieher berufen.« – »Sie thaten nach meinem Gebot,« erwiderte Rudolf, der in dem Trotz des Fremdlings seine Fassung wieder gefunden hatte. – »Desto schlimmer!« brauste der Graf auf. »Ich werde, sobald ich diese Dame gesprochen, auch mit Euch ein Wort reden, wie es waffenfähigen Männern zukommt. Bis dahin verlaßt uns!« – Bilger versetzte kalt und bestimmt: »Ich bin der Hüter dieser Edelfrau, befugt, zudringliche Gäste von ihr abzuhalten. Ihr seid ein solcher und sie fürchtet von Euch Gefahr. Darum geht in Gutem ehe ich vergesse, welches Wappen Ihr führt.« – »Montfort' s Heerschild war seinen Gegnern immer schrecklich,« antwortete der Graf mit blitzendem Auge, »ich muß mich wundern, in Euch einen hartnäckigen Feind zu treffen, da Euch Niemand aufgefordert, mir die Spitze zu bieten. Das Fräulein von Baldergrün ist von keinem Manne abhängig und als die Freundin Eures Ehegemahls nicht Eure Magd geworden. Ihr Wunsch berief mich hierher, ich begreife deshalb nicht, wie Ihr es wagen mögt, zwischen mich und meine Braut zu treten.« – »Eure Braut?« lachte Bilger bitter. »Gleichvieh so lange Fräulein Wallrade in dem Hause wohnt, das ich bewache, treibe ich die Ueberlästigen von meiner Schwelle.« – Ein Blick, zermalmend wie der Blitz, flammte aus Montfort's Auge über den kühnen Wärter und zornschnaubend wendete sich der Graf zu Wallraden. »So sprecht doch Ihr, Fräulein,« stammelte er, »redet: bin ich nicht hier mit Eurer Genehmigung, in Folge Eures Begehrs?« – Unverwandten Blicks betrachteten die beiden Männer Wallraden, die, gleich einer verschämten Braut, die Augen niederschlug und endlich zögernd begann: »Was uns bindet, was uns verknüpft, edler Montfort – gehört es wohl vor den Richterstuhl des harten Mannes, der ohne meine Zustimmung den Meister über mich zu spielen wagt? Der Gewalt des Augenblicks unterthan, darf ich nicht reden, wie mein Herz es verlangt. Wenn Freiheit mir wieder geworden – nur dann fragt mich wieder.« – »Bei des Erlösers Geburt!« antwortete Montfort, den Kopf schüttelnd. »Eure Reden sind mir dunkel wie die sybillinischen Bücher. Das Eine nur ersieht mein Verstand daraus, daß Ihr weniger ein Gast in dieser Burg seid, denn eine Gefangene, und wenn ich mir Alles zusammenreime . . . so steckt Lützelburg'sche List hier unter der Decke. Darum sollt' ich gen Frankfurt reiten? Höll' und Teufel! weiche aus dem Gemache, königlicher Kuppelknecht!«

Die schwere Beleidigung entrüstete den Wildmeister dermaßen, daß er wüthend nach der Klinge faßte, aber eine rasche Geberde Wallradens, die ihm über die Schulter des vortretenden Grafen ein Zeichen gab, denselben nicht zu schonen, bändigte das Gefühl gereizter Ehre, um nur der unbegrenzten Verachtung Raum zu lassen. Bilger hielt den Arm des streitlustigen Montfort auf und sprach. »Laßt die Waffen ruhn, Herr Graf, und scheltet mich nicht feige ob solcher Aufforderung. Schön ist's, für die Ehre einer tugendhaften Frau das Leben auf das Spiel zu setzen; aber allzu kostbar ist das Blut zweier Biedermänner, wenn es dem Verrath zum Opfer fließen soll!« – »Was bedeuten diese Worte?« fuhr der Graf auf. »Hinter Euch lauscht der Verrath, der mich verderben soll, und meines einst'gen Weibes Ehre.« – »Wünscht Euch das Ungeheuer nicht zum Weibe!« brach Bilger los, von Wallradens Trotz empört. »Nicht ich legte Euch Schlingen; – die Gräßliche hat selbst Euch verlockt und mich zu einem Henkerdienste aufgefordert, den ich ihr verweigerte. Verrathner! Sie hintergeht Euch, den Königsecker und ihren fürstlichen Buhlen. Ihr Leben war nur eine Lüge. Nie hat diese stolze Felsenbrust noch Liebe empfunden. Bloß das Feuer wilder Lust oder des Hasses Glut entzündet ihr Herz. Glaubt mir, getäuschter Montfort; ich kenne die in böser Leidenschaft Unersättliche. Verlaßt sie, folgt nicht ihrer Spur. Lächelnd mordet sie Euch und spottet Eurer im Arme eines Andern, dem ihre Hinterlist ein Grab neben dem Eurigen gräbt.«

Bilger's heftige Rede hatte ihre Wirkung auf Montfort nicht verfehlt. Der Graf stierte den Sprecher athemlos an und trat scheu von Wallraden zurück. – »Welch ein Scheusal malt Ihr mir!« sprach er endlich mit halb unterdrückter Stimme. »Diese gleißende Hülle wäre also wirklich nur der Balg einer giftigen Schlange? Meine Ahnung hätte mich also nicht hintergangen? Ja, ja, Herr von der Rhön! Ihr habt wahr geredet; Wallradens stumme Lippe bezeugt es, die Todtenfarbe, die ihr Antlitz überzieht. Eure unerwartete Offenherzigkeit hat ihre Gestalt in Stein verwandelt, aber diese Hilflosigkeit der Sünde erregt nicht mein Mitgefühl, sie reizt mich nur auf zur That und ich will untersuchen, ob auch ihr Herzblut zu Eis geworden ist.« –

Mit einem durchdringenden Schrei umklammerte Wallrade, da der blindwüthende Mann mit dem Stahle in der Faust auf sie zustürzte, bebend, wie das Laub der Espe, den gehaßten Rudolf, der mit aller Mannskraft und mit übermenschlichem Ringen den gereizten Tiger von seiner Beute abhielt. Nach heftigem Kampfe mußte der schwächere Graf von seinem blutigen Vorhaben ablassen und ergab sich zähneknirschend in den Willen des Ueberwinders, der seine Pflicht, Wallraden nichts Leides geschehen zu lassen, als eine heilige behauptete und den Bezwungenen ermahnte, augenblicklich das Schloß zu verlassen und des Königs Frieden nicht länger zu stören, wolle er nicht Hand und Haupt verwirken. »Wohl!« keuchte Montfort, mit seinen wilden Blicken Wallraden durchbohrend, die eine wundersame Mischung von Wuth, Furcht und drohender Schadenfreude in ihren Zügen trug. »Der Bann des Königs ist mir heilig, des Königs Metze nicht. Zitt're, Weib, vor meiner Vergeltung. Montfort kennt nur eine Liebe, aber auch nur einen ewigen Haß.« Mit furchtbaren Geberden ging er davon, schwang sich auf das Roß, das sein Leibknecht im Hofe hielt und sprengte wie ein Rasender über die Schloßbrücke. Bilger hatte nach ihm Wallradens Zimmer verlassen wollen, das Fräulein hielt ihn jedoch zurück. »Einen Augenblick noch,« stammelte sie, während die Hölle in ihrem Auge aufflackerte, »hört mein letztes Wort zu Euch. Ihr habt mich entehrt und dem Feinde in tiefster Schmach gezeigt. Der Verbrecher hat über mich den Sieg davon getragen. Von mir erwartet nun keine Schonung. Ich überantworte Euch dem Henker, der Schande Eure Buhlerin und ihre Brut.« – »Weib!« donnerte der Wildmeister rollenden Auges, »verhänge über mich, was du willst. Die Meinigen schone aber. Schone sie oder ich würge dich hier zu Tode!« – Schreckhaft fuhr Wallrade zurück und erwiderte wie oben: »Um Euch ein neues Verbrechen zu ersparen, wohlan! So wählt eine härtere Strafe freiwillig, härter als der Tod. Flieht hinweg von Eurem Herd . . . laßt Alles dahinten, was Ihr mit sündiger Liebe umfaßt, . . . laßt Euern Namen vergehen und Euer Gedächtnis, wie das eines Gestorbenen, und ich will schweigen, will genug haben an Euerm langsamen Dahinwelken auf fremdem Boden, genug an der ewigen Trauer der verlassenen Waisen. Aber fort müßt Ihr sein, ehe noch das Abendroth niedergeht; fort, ohne jemals wiederzukehren, sonst nehm' ich mein Gnadenwort zurück.« – Die Drohende ließ des vernichteten Mannes Hand los und er enteilte wie wahnsinnig dem Aufenthalte seiner erbitterten Feindin. Im Sturme seiner Gefühle hatte er nicht die Hornklänge vernommen, die einen neuen Besuch angekündigt hatten, welcher eben die Treppe heraufkam. Der Kaiser war es wieder, zu seiner Rechten die schüchterne und ängstliche Hausfrau des Wildmeisters, die ihrem verstörten Gatten Blicke der furchtsamsten Besorgnis zuwarf. Denn Siegmund war nicht der leutselige herablassende Fürst, wie er noch gestern sich gezeigt, heute glühte die Röthe des Zornes auf seiner Stirne und von beleidigtem Stolze, vielleicht auch von Eifersucht glänzten die Augen. Kaum eines Blickes würdigte er den Wildmeister. »Ihr kommt sehr spät, um meinen Willkomm zu empfangen,« herrschte er dem Bestürzten zu, »auch bin ich in Verlegenheit, wie ich Euch zu begrüßen habe. als einen minnelustigen Fant, der in einem fremden Garten Früchte naschen möchte, die ihm nicht bestimmt, oder als einen schlauen, aber ertappten Kuppler.«

»Kaiserliche Majestät!« stotterte Bilger gekränkt. – »Als einen schlauen, aber ertappten Kuppler,« fuhr Siegmund kalt und vernichtend fort. »Ich sage es und wahr ist mein kaiserlich Wort, denn soeben hat erst der pflichtvergessene Montfort das Städtlein und dieses Schloß verlassen. Rechtfertigt Euch nicht, fürchtet meinen Zorn und weicht ihm aus. Euer Weib wird mich an Eurer Statt zu dem Gemache des Fräuleins von Baldergrün geleiten!« – Verächtlich wandte der Kaiser dem Betroffenen den Rücken und Katharine, nachdem sie durch klagende Geberden den Antheil ausgedrückt, den sie am Mißgeschicke ihres Gatten nahm, folgte dem Herrscher unterwürfig.

Wie ein Trunkener taumelte Bilger die Stiege hinunter, auf deren letzten Stufe Preyswerck, des Kaisers Hofnarr und lustiger Rath saß; sein einziger Begleiter auf dem Ritte zum Liebchen. Der Bursche nickte freundlich mit dem geschorenen Haupte dem Wildmeister zu und sprach, indem er ihn am Saume des Gewandes festhielt: »Wollt Ihr ein schön Stücklein lernen, wie es die Sperlinge auf den Dächern und die Narren auf allen Gassen singen? Es klingt also: »»Edler Falk, man spannt auf dich, schüttle dein Gefieder! Edler Falk, so flüchte dich – kehre nimmer wieder!«« – »Habe Dank, ehrlicher Narr!« erwiderte der Wildmeister, »den Rath, den deine lustige Zunge gab, muß meine Verzweiflung befolgen. Grüße mein Weib tausend Mal und dem Kaiser sage: Bei dem Zorne sei keine Gerechtigkeit, darum wollte ich auch keine von ihm verlangen, sondern hingehen, wo man mich nicht zwingt, ein lockeres Weib statt des Wildes zu hüten. Katharine möge mein gedenken, und . . .« Ausbrechende Thränen machten ihn hier in seiner Rede verstummen. Gewaltsam riß er sich von dem lustigen Rathe los, stürzte in das Zimmer, wo seine Tochter harmlos spielte, drückte die Kleine unzählige Male an seine Brust, schwang sich auf ein ungesattelt Pferd und verließ auf dessen schnellen Hufen das Haus, wie ein Geächteter und Gebannter. Der Gedanke, Siegmund's Entrüstung werde sich neu entzünden an Wallradens Wuth, gab seinem Rosse den scharfen Sporn und weniger sein bedrohtes Leben suchte er in Sicherheit zu bringen als seine Ehre, den Leumund der Gattin und seines Kindes zukünftig Geschick.

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