Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
Schließen

Navigation:

Zwölftes Capitel.

Nun, wie gefall' ich Euch?« sprach Gerhard lachend zu Dagobert, als sich Beide am Nachmittage des Fastnachtdienstags in ihre Larvenkleider gesteckt hatten. »Bin ich nicht der wildeste aller Jäger? Und auch Ihr, Junkerlein, seid der schmuckste Schalksnarr, der jemals zu Costnitz die Schellen regte. Wir werden Aufsehen machen, wo wir uns nur zeigen.« – »Das verhüte Gott!« erwiderte Dagobert, »benehme du dich nur nicht auffallend und allzu abenteuerlich. Deine ungehobelte Gestalt ist ohnedies allzukenntlich.« – »Ohne Sorge!« meinte Gerhard, »ganz Costnitz ist der Meinung, ich laufe noch immer als großer Christoph umher, aber ich habe meinem langen Vollbrecht Kleid, Schürbaum und Heiligenschein abgetreten.« – »Herrlich!« versetzte Dagobert, »ganz Costnitz weiß demnach, daß du in jener Mummerei stecktest und wird gewiß auch von der neuen erfahren haben.« – »Ich will im nächsten Stechen in jedem Rennen den Sand küssen, wenn eine Seele von dem wilden Jäger weiß,« betheuerte Gerhard. »Mit dem Christoph war's ein ander Ding. Um einen Begleiter und eine Ansprache zu haben, erlaubte ich meinem Knechte Vollbrecht mit mir umherzulaufen, und da der einfältige Tropf mich immer gestrenger Herr nannte in Dorf und Stadt, so war's gleich weltkundig, wer ich sei.« »Eine herrliche Aussicht!« fügte Dagobert bei, »der Knecht hat die Plaudersucht von dir geerbt. Nur so viel zur Nachricht. Kein Tropfen Weins kommt in deine Gurgel mehr, sobald du verräthst, daß ich in diesem Pickelhering stak.« – »Verstehe,« antwortete Gerhard, »werde mich auch hüten. Trinke lieber nach geschehener Arbeit meinen Wein für Euer Geld. Seid nicht bange.« – »Und den Raufdegen?« – »Ich trage ihn unterm Mantel am Gürtel. Geschliffen ist er wie ein Scheermesser und wehe den Rippen derjenigen, die mit ihm Bekanntschaft machen wollen.« – »Gut,« erwiderte Dagobert. »Jetzt laß' uns hinaus in die tolle Faschingslust, die wohl häufig unter der bunten Tracht den schwarzen Ernst verbirgt! Komm', wilder Jäger, und folge mir Schritt für Schritt.«

Wo sie hinkamen, die stattlichen Vermummten, empfing sie der Jubel, der heute ausgelassen und gellend durch alle Straßen tobte und sogar der strengen Stadt- und Conciliumsordnung spottete. Alle Stände wetteiferten, sich in Tollheiten zu überbieten und die seltsamen Figuren, die wie eines vielfarbigen Stromes Wellen durch die Häuserreihen über die Plätze stürmten, versetzten den ernstesten Zuschauer in ein fremdes, wunderliches Land, worinnen es schwer fiel, dem Mitbürger- und Mitnarrenrecht sich zu entziehen. Der Schultheiß mit dem Hintersassen, die Bürgermeisterin mit der ärmsten Pfründnerin, der Meister freier Künste mit dem rohen Bauern, sie hatten nur ein Ziel. Der Leibeigene schritt seinem Zwingherrn zur Seite, die Magd ihrer Gebieterin. Der Larven Freiheit vernichtete jede Schranke. Rotten von verlarvten Spielleuten ließen sich allenthalben hören, und ihre Vorläufer, in possenhafte Thiergestalten verkleidet als aufrechtgehende Leuen, Bären und Greife, sammelten an allen Häuserpforten für die unermüdeten Pfeifer und Lautenschläger. Die Freigebigkeit der frohgestimmten Bürger ferner in Anspruch zu nehmen, zogen Buben mit Tannenbäumen heran, sie vor die Thüren pflanzend und das herkömmliche Lied dabei singend: »Ich bring' zum Fastelabend einen grünen Busch!« Junge Bursche vom Lande schleppten Pflüge zu den Vorstädten, mit farbigen und goldenen Bändern geschmückt, fingen die muthwillig umherschweifenden Dirnen in Strohketten auf und spannten sie an das Ackerfuhrwerk, bis unter dem Gejauchze des Pöbels die armen Gefangenen, von einem Regen von Häckerling und Sägespänen überströmt, mit ein paar Hellern oder einem Kusse ihr Lösegeld bezahlten.

»Solche Küsse sind besser denn Fastnachtswecken!« meinte Gerhard, da er mit seinem Begleiter an einem Auftritte dieser Art vorüberging, und Dagobert hatte nicht wenig Mühe, den wilden Jäger von der Theilnahme an der niedern Volksbelustigung zurückzuhalten. »Ei, du altes Sieb!« sprach der junge Altbürger, indem er ihm die Kolbe zu kosten gab, »möchtest du nicht etwa dort auf dem Kornmarkte mit um das unreine Thier turniren, dem die vielen Bengel mit verbundenen Augen und derben Dornknüppeln in der Faust zu Leibe gehen? Ein herrlicher Sieg, die arme an den Pfahl gebundene Bestie vor das Hirn zu schlagen und zum Festbraten für den Abend zu gewinnen! Oder gelüstet dich vielleicht nach jenem dünnen Heringe, den die beiden Lumpenhänse dort mit den rußbesudelten Gesichtern an der ungeheuren Stange tragen, ein Vorbild der anrückenden Fastenzeit?« – »Ach, schweigt mir von der Faste,« entgegnete Gerhard grämlich. »Ich möchte mich ja gerne von allen Fastnachtruthen zerprügeln lassen, die heute von dem verlarvten Gesindel an den Maulaffen von Zuschauern zerhauen werden, dürfte ich den Aschermittwoch sammt Nachfolgern aus dem Kalender streichen und flugs auf den Faschingsdienstag den Ostersonntag kommen lassen. Alle Teufel,« unterbrach er sich hier plötzlich, so daß Dagobert es der Mühe werth fand, ihn um die Ursache des schnellen Verstummens zu befragen. »Habt Ihr das häßliche Gesicht nicht gesehen, das aus dem Erdgeschosse jenes Hauses blickt?« fragte Gerhard. Dagobert verneinte. »Und auch das Engelsantlitz ihm zur Seite nicht?« fuhr Gerhard fort. »Eben so wenig,« versicherte Dagobert. »Ein Engel, sage ich Euch,« flüsterte Gerhard, »ein Engel neben einem garstigen Satan, der an seinem Gesichte Larve genug hat, um heute keines Mummenschanzes weiter zu bedürfen. Der Ausbund von Häßlichkeit sah mir nur zu vornehm aus, sonst glaubte ich steif und fest, es sei der Bursche, der zu Worms . . .«

»Willkommen, wilder Jägersmann!« schrie eine Schar von Larven, die sich um den verdutzten Gerhard versammelte, »du ließest lange auf dich warten!« – Der erste Blick belehrte die beiden Gesellen, daß eitel Weiber sie umringten, in grüne lustige Waldfarbe gekleidet, mit Tannensträußen auf den Hüten, Bogen, Pfeile und Jagdlanzen in den Händen, schön verzierte Hüfthörnlein an der Seite. – »Wie konntest du Waldinen harren lassen, viel zu lange für ihre Sehnsucht!« rief die Anführerin der Schar, die den Sperber auf der Hand trug und von deren Sammthütlein ein Strauß von grünen Federn nickte. »Komm' mit uns! – Komm' mit Frau Holda Waldinen!« jauchzte die ausgelassene Bande. »Hussa! wack'rer Waidmann! ho! ho! mit uns!«

Der verlegne Gerhard, der kein Wort zu erwidern vermochte, fühlte sich, alles Widerstrebens ungeachtet, von Dagobert's Seite gerissen, von den Jägerinnen im Triumph davongeführt, und ein großer Larvenzug, der die Straße herauf kam, trennte unaufhaltsam die Gefährten. – »Ihn reißt sein Schicksal dahin!« dachte Dagobert lächelnd für sich, »und mich beraubt es vielleicht dadurch eines handfesten Helfers. Immerhin jedoch, was beschlossen ist, muß geschehen, selbst wenn mir der willkommene Wächter entginge. Frisch hindurch und mitten unter das Gewühl, damit es für jetzt mein Herz ergötze!« – Er warf sich kopfüber in den Zug, der aus mehreren hundert Verlarvten bestand, den vornehmen Leuten angehörend. Von unzähligen Narren umschwärmt, die wie Besessene durch das Zuschauergedränge tobten, mit Ruthen und Peitschen die Hände der Gaffenden kitzelten, an Thüren und Laden klopften, in die Häuser drangen unter dem Vortritt eines Herolds possenhafter Natur, um daselbst kleine Fastnachtsspiele aufzuführen, deren Witz oft nicht der züchtigste war, – bewegte sich die Larvenschar vorwärts und bot dem Volke ein glänzendes Schauspiel. Ein Pickelhering mit der Narrenfahne in der Faust eröffnete es, auf einem Esel reitend. Eine Bande von Trompetern, Schalmeiern und Gigenbucklern folgte – ihre Musicam in den wunderlichsten Tönen aufführend. Der ewige Jude und der lange Christoph Arm in Arm schritten dahin mit langen Tannenbäumen in den Händen. Der wohlgemästete Fasching, auf einer Schleife ruhend, von Schinken, Würsten und Kürbisflaschen umkränzt, wurde eingeführt von dem drollig geputzten Sonntag, Montag und Dienstag – den Großen seines Reichs. Ihm folgte ein Trupp von nähenden Schneidern auf Geißböcken, von zähnefletschenden Affen auf Tigerlarven sitzend: der Vortrab der herbeigetragenen Fastnacht, dem Weibe des Faschings, dessen Thron auf den Schultern von verlarvten Bäckergesellen in zierlichen Leinwandkitteln und blauen Schürzen errichtet war und von welchen eine reiche Spende von Bretzeln und Hornaffen unter das Volk und die lärmende Jugend regnete. Nach dieser erfreulichen Augen- und Magenlust ergötzte doppelt die schwere, knarrende und von bebänderten Ochsen geleitete Guggelfuhre, angefüllt mit langbärtigen Türken, kinnwackelnden Judenköpfen, verzerrten Mohrengesichtern und kläffenden Bullenbeißern, denen man zerzauste Haarhauben auf die grämlichen Gesichter gestülpt hatte. Ein lustig Gesindel von Thorhänsen und Gaukelspringern machte hier radschlagend, burzelbäumend, schellend, rasselnd und in den höchsten Tönen des Stimmengejauchzes quinkelirend, das Gefolge und zugleich den Herold der größten Pracht des Zuges, des herrlichen Hofes der Frau Venus, wie ihn die schlichte Sage schildert. Der treue Eckart mit dem weißen Stabe ging voraus, warnend und ermahnend, mit langem Silberbarte, in schlichtem grauem Gewande. Dagobert's scharfer Blick entdeckte schnell unter dem faltigen Rocke eine fast unmerkliche Schultererhöhung und wußte allsobald, daß der Graf von Montfort unter der Larve stecke. Sein Ahnungsvermögen, von den Muthmaßungen der ihn umsummenden Schaulustigen und in das Larvengeheimnis Eingeweihten gerechtfertigt, fand auch unter den Nachfolgern des treuen Eckart's Bekannte auf. Ein über ein Stockwerk hoher Wagen mit vielen stufenweise erhöhten Sitzen wurde von acht Schimmeln gezogen, die, mit prächtigen Decken angethan, an jeder Seite von vier jungen Leuten in heidnischer Tracht mit bekränzten Häuptern geführt wurden. Zwei stattliche wilde Männer lenkten von oben die Zügel und saßen zu den Füßen liebenswürdiger Knaben, die in rosenfarbiger Seide gekleidet waren, silberne Binden auf der Stirne trugen und goldne Bogen mit Pfeilen und Köcher in den Händen hielten. Hinter denselben saßen die drei Gesellschafterinnen und Gespielinnen der holden Liebeskönigin, in weißen, blauen Amarant-Gewändern mit Granaten- und Perlschnüren geschmückt und mit flimmernden Piretleins von Straußenfedern umwallt. Die Eine hielt einen runden Metallspiegel, die Zweite einen Fächer von weichem Flaumengefieder, die Dritte eine weiße Taube mit vergoldetem Schopfe. Ueber ihnen thronend jedoch unter purpurnem Himmel, umgeben von einem zahlreichen Kreise der bestgezierten Frauen, glänzte Frau Venus selbst, angethan in goldenem Stück, strahlend von blitzenden Kleinodien, eine geborne Fürstin der Schönheit und der Pracht. Es war diesmal für Dagobert eine leichte Aufgabe, in der heidnischen Göttin und Fee seine Schwester zu erkennen, da ihre Eitelkeit sogar die Gesichtslarve verschmäht hatte. Der geschniegelte, geschnürte und geleckte Ritter Tannhäuser an ihrer Seite konnte niemand anders sein als der stutzerhafte Herr von Königseck. Wie spreizte er sich an dem Ehrenplatze, der ihm zu Theil geworden war. Stolzer brüstete er sich dort oben als der dicke Goliath, das Vorbild aller ausgemästeten Philister, der hinter dem Prunkwagen zu Pferde saß und mit seiner Stechlanze die Rotten von kleinen schwarzen Teufelchen mit Schweif und Scharlachzunge wegprügelte, die gern zum Thron der Venus aufgeklettert wären, lachend von dem halb erstiegenen Wagen purzelten, schnell wieder von ihrem Falle erstanden und entweder das Wagestück von Neuem versuchten, oder die Pfeile ihres derben Witzes gegen den langen, dürren und zerlumpten Aschermittwoch kehrten, welcher matt und keuchend, sich anhaltend an den Schweif des friesischen Goliathhengstes, den Zug durch seine Jammergestalt beschloß. »Du bist der treue Eckart und warnst Jedermann,« rief Dagobert dem weißbärtigen Grafen zu und warf sich mit klingendem Schellengetöse in den Haufen, »aber dich selbst warnt deine Thorheit nicht. Fliehe die falsche Venus!«

Ehe noch der Graf nach dem aufdringlichen Mahner umschauen konnte, hatte dieser, kecker als die Teufelchen und unangefochten von dem Philister, den Triumphwagen erklimmt und sich vertraulich zwischen das Liebespaar geschoben. »Mit Gunst!« sprach er mit verstellter Stimme, die Schellen lustig schüttelnd, »wo die Minne haust, darf die Thorheit nicht fehlen. Wie gefällt dir die Aussicht auf den Eckart dort unten, lieber Tannhäuser? Bilde dir nicht zu viel ein auf deinen Schnürleib und deine wohlriechenden Salben. Frau Venus ist falsch und in Kurzem gehst du im Staube wie der treue Eckart.« – Tannhäuser schaute hoch auf. Venus wendete sich aber mit verächtlichem Blicke zu Dagobert. »Der Narr mengt sich in Alles und weiß Alles!« sprach sie höhnisch. »Ei wohl,« versetzte der Schalk dreist und zuthunlich; »weißt du, warum der Zug jetzt hält? Weil er unter des Kaisers Fenstern steht. Weißt du, warum dein linkes Auge seitwärts schielt? Weil der Kaiser auf dem Altan sitzt und die Minnefürstin mit seinen Blicken verschlingt. Fürchte dich vor Kron und Scepter, Tannhäuser! und du, . . . setzte er in Wallradens Ohr flüsternd bei . . . du, fürchte Eckart' s Eifersucht!« – »Abgeschmackter!« zürnte sie, erwiderte äugelnd des Kaisers zärtlichen Gruß, heftete ihren Blick auf das Fenster eines benachbarten Hauses und erröthete plötzlich. – »Du bist bewegt, Frau Minne?« fragte Dagobert neckisch. »Laß hören; Thorheit heilt das Herz,« – Wallrade sah ihm scharf in die gläsernen Larvenaugen und glaubte eine zärtlichere Theilnahme an dem Schalksnarren zu bemerken, die sie, die schlaue Männerquälerin, nie unbenutzt ließ. »Du brüstest dich, Alles zu wissen?« fragte sie lauernd entgegen, »was war's, das mich bewegte?« – »Du sahst an jenem Fenster ein Weib, dessen Schönheit den Vergleich mit der Deinigen nicht scheut,« antwortete der Schelm schnell und zuversichtlich. Wallradens Stirne zog sich zusammen. »Du bist nicht der zierlichste Narr,« erwiderte sie nicht ohne Bitterkeit; »sage mir jedoch, wer ist die Frau mit dem holden Kinde im Arm?« – »Frage mich nicht,« antwortete Dagobert scherzend. – »Sprich, ich befehle es dir.« – »Das schöne Weib ist die Frau von der Rhön!« raunte ihr Dagobert hart und rauh in das Ohr. »Leb' wohl!« – Klappernd und schellend machte er sich vom Wagen herunter und sprengte kreuz und quer durch das ausgelassene Volk, das sich auf den Gipfel der Lustigkeit hinaufschraubte und immer tollere Streiche machte, je näher die Dämmerung rückte. Die Schalkheit des Pöbels setzte sich hauptsächlich die Klosterleute beiderlei Geschlechtes zum Ziele, die an diesem Tage ihre Clausur zu verlassen bevorrechtet waren, und, wenig Zucht und Anstand beobachtend, die Stadt durchstreiften, mit den Laien in Thorheit wetteifernd. Jedoch, obgleich sie im Thun und Lassen den Weltkindern nachahmten, so vermochten sie es doch nie, ihren Stand, selbst unter der verhüllendsten Maske, ganz zu verbergen. Der Kuttenschritt verrieth die Männer, das ungewisse Trippeln und Zusammenhalten in ansehnlichen Banden den weiblichen Convent, und dieser Umstand setzte die Zellenbewohner manchen Unannehmlichkeiten aus, wie sie die Ausschweifungen der Fastnacht mit sich brachten. Flinke und gelenke Pickelheringe nähten eine ganze Nonnengemeinde zusammen und trieben sie mit Peitschenhieben und tausendfältigem: Hoho! und Halloh! vor sich her. Das grobe Schiffervolk riß den als Mönche Beargwohnten die Kopfbedeckung vom Haupte und stellte ihre Tonsur zur Schau, und dennoch, kaum entschlüpft den Händen der ungeschlachten Gesellen, setzten die Ordensleute, ihre Freiheit benutzend, ihre Thorheiten fort auf Straßen, Plätzen, Tanzhäusern und Trinkstuben, bis der Morgen herandämmerte und sie gebieterisch in das Kloster zurückwies, diejenigen ausgenommen, die, vom Weine übermannt, den Taumel erst ausschlafen mußten. Bei einem solchen Auflauf, in welchem ein paar schüchterne Cönobiten gequält und gehänselt wurden, stieß der von seines Ohms Hause kommende Dagobert plötzlich wieder auf den verloren gegangenen Gerhard. Bei dem Flammenscheine einer Pechpfanne erkannte er Mantel, Hut und Visier. »Gut, daß ich dich finde,« sprach Dagobert zu dem Ungetreuen; »bist du's oder bist du's nicht, Gerhard?« – »Na, beim heiligen Georg! wer soll's denn anders sein?« brummte Gerhard, mit lustiger Vertraulichkeit Dagobert's Hand ergreifend und den vom Wein unsicher gewordenen Körper auf dessen Schulter neigend: »Das ist Fröschlein,« fuhr er fort, – »Fröschlein oder mich soll der Schwarze holen mit Pferdefuß und höllischem Gestank!« – »Ei, du Trunkenbold!« zürnte ihm Dagobert entgegen und zerrte ihn abseits von dem Menschengewühle, »nimm die Trommel und rufe mich aus nach allen vier Winden, du Schlemmer! Wo kommst du her?« – »Aus dem Paradies,« versetzte Gerhard lustig, »Ihr könnt mir glauben. Es lebe Frau Holda Waldina sammt ihren schmucken Töchtern und ihrem köstlichen Firnewein!«

Es ergab sich aus den Reden des Edelknechtes, daß er in eine nichts weniger als ehrenvolle Gesellschaft gerathen war, nämlich in die von fahrenden Töchtern und Frauen, deren es um die Zeit des Conciliums eine bedeutende Anzahl zu Costnitz gab, und die entweder einzeln in den Vorstädten, namentlich aber zunftweise unter Meisterinnen versammelt, in der nächsten Umgegend der Stadt, öfters auch nur, nach Maßgabe ihrer Ansprüche, in elenden Hütten und Zelten sich aufhielten. Diese Bande hatte es am heutigen Tage auf niemand Geringeren als auf den Kaiser selbst abgesehen gehabt, von dem sich ein dunkles Gerücht verbreitet hatte, als wolle er selbst, in die Tracht des wilden Jägers vermummt, allein und ohne Gefolge die Volkslust in den höchsten, wie in den niedersten Kreisen verfolgen und beobachten. Die Hoffnung, von dem leutseligen Herrn ein ansehnliches Geschenk zu gewinnen, hatte diese lockern Töchter so kühn gemacht, ihn im Putze vornehmer Frauen aufzusuchen und so zierlich zu bewirthen als es angehen würde. Gerhard's Larve täuschte sie, wie früher schon das lügenhafte Gerücht; erst in dem Saale des Gasthauses, in welchem für die lebenslustige Schar und ihren seltenen Gast ein Vespertrunk bereit stand, enthüllte sich die Wahrheit. Gerhard lachte die Betrogenen aus, log ihnen von seinem Geschlechte und seinen Gütern ein Langes und Breites vor, ließ sich ihren Wein schmecken, seinen Beutel wegstibitzen, und entrann mit leerer Tasche und ziemlich vollem Kopfe den Lockungen des losen Gesindels. – »Sagt nun einmal zur Güte,« schloß er seinen Bericht, »ob ich nicht Wort gehalten habe, wie ein Mann. Hier bin ich wieder und stehe Euch zur Seite. Verlangt, was Ihr wollt. Ich stehe dem Satan selbst, wenn er Lust hätte, mit mir anzubinden.«

»Das glaub' ich dir von Herzen gern,« erwiderte Dagobert; »denn dir sitzt ein Dutzend von Teufeln jetzt im Leibe. Da ich indessen heute eines Menschen bedarf, der nicht grübelt, da der Weindunst dir das Grübeln verbietet und deiner Bärenkraft das Doppelte, wie ich hoffe, zulegt, so sollst du der Wächter einer That sein, die dir später Segen bringen wird, erfährst du auch kein Wort von ihr.« – »Thut nichts,« versetzte Gerhard, »sagt mir nur, wo ich hinstehen soll. Kreuz und Dorn! ich halte fest.« – »Für's erste,« sprach Dagobert, indem er ihn in ein finster Gäßlein zog, »für's erste nimm dein Jagdmesser zur Hand und trenne schnell die Schellen von meinem Gewand und meiner Kappe.« – »Eine seltsame Grille!« versetzte der Hülshofen, »eine wunderliche Aufgabe, hier den Schneider zu machen, wo es pechrabenschwarz um uns her ist. Schreibt Euch's selbst zu, wenn ich nicht bloß die Naht treffe.« – »Thut nichts, nur zu. Ich gebe indessen das Zeichen.« – Während Gerhard mit unbarmherziger Hand die Schellen abschnitt und mit jeder derselben ein erkleckliches Stück des Gewandes wegnahm, schnalzte Dagobert vier Mal mit der Zunge, als ob eine Wachtel anschlüge. Nicht lange war das Zeichen vorüber, als auch schon zwei Männer sich näherten, in schleppenden Röcken. Gerhard, stutzig gemacht, wollte ihnen ein derbes: »Wer geht da?« entgegen donnern, aber Dagobert hielt ihm den Mund zu. »Willkommen!« sprach der erste Ankömmling in ausländischer Mundart, »die Stunde ist da.« – »Wie steht's?« fragte Dagobert. – »Gut;« versetzte der Andere, »der Freund,« auf den zweiten zeigend, »hat vorgearbeitet. Petrus wird aufmachen.« – »Das gebe Gott,« antwortete Dagobert und ging voraus. An der Ecke warf er seine Narrenglocken in einen Brunnen und schritt dann schneller vorwärts. – »Ist das der Mensch, von dem Ihr spracht?« fragte ihn leise einer der Fremden, auf den geduldig nachtrabenden Gerhard weisend. »Ja,« entgegnete der junge Mann, »er ist's, Herr Graf. Zuverlässig und gänzlich unwissend.« – »Gut, gut,« antwortete der Fremde und hielt sich mit seinem Begleiter dicht auf den Fersen des Führers, der abermals in ein Gäßlein einbog und vor der Pforte und dem Vorsprungshäuslein eines Klostergebäudes stille stand. Kein Laut war weder in dem Kloster, noch in der Nachbarschaft zu hören. »Halte hier die strengste Wache!« sprach Dagobert zu Gerhard. »Wir haben im Hause zu thun. Solltest du Lärm hören, so decke unsern Rückzug. Schlage das feige Gesindel, mit dem du zu thun bekommen wirst, nur tapfer hinter die Ohren mit der Klinge. Verletze jedoch nur im allerhöchsten Nothfall. In der Herberge sehen wir uns im schlimmsten Falle wieder.« – Gerhard brummte ein bereitwilliges Ja, pflanzte sich auf ein steinern Bänklein, unfern dem Kloster, und harrte geduldig der Dinge, die da kommen sollten. Dagobert sammt Begleitern klopften hingegen leise an das Pförtlein und gaben auf die Frage des von innen herausspähenden Bruders die Antwort: »Fastnachtsfreunde.« Darauf öffneten sich die Riegel und des Thürleins schwarzer Mund verschlang die Pochenden. Ein fettleibiger Klosterbruder stand vor den Eintretenden mit Lampe und Schlüsselbund und grüßte sie mit wankenden Knien und in Weineslust verklärten Aeuglein. »O weh!« flüsterte Dagobert den Begleitern zu, von denen indessen der Zweite zuversichtlich auf den Pförtner zutrat und ihn also anredete: »Ihr erinnert Euch wohl noch meiner, Frater Dominicus! Da sind die Freunde, von denen ich Euch gestern sprach und hier der Beutel, der der Eurige wird, sobald Ihr unsern Wunsch erfüllt.« – Der Pförtner lächelte freundlich aber ungewiß, schob den Hauptriegel vor die Thüre und summte die erste Zeile des damals berühmten und von den Gelehrten häufig gesungenen Fastnachtsliedes: " Edit Nonna, edit Clerus!" »Wollt Ihr nicht in's Stüblein treten?« setzte er mit schwerer Zunge hinzu, »es ist warm darinnen und wir können daselbst weiter plaudern.« – »Sind wir denn um des Plauderns willen hieher gekommen?« fragte Dagobert leise die Seinen. »Was treibt denn der verwünschte Frater?« Die Begleiter ermahnten ihn durch Zeichen zur Geduld. " Ad elendum nemo serus!" – brummte der Frater gleichmüthig fort und machte seinen Gästen eine unsichere Reverenz. »Wollt Ihr Euch nicht niederlassen, meine werthen Herren und Freunde? Ein Tröpflein Wein schadet nicht.« – Er setzte einen ungeheuern Weinkrug an den begehrlichen Mund, schlürfte einen guten Schluck und reichte das Trinkgefäß seinem Nebenmanne. " Bibit ille, bibit illa!" sang er weiter, jedoch sich selbst unterbrechend durch Rede und Frage: »Trinkt herzhaft, ihr Männer, 's ist vom Guten!« – »So! so! jetzt sagt an . . . was steht zu Diensten?« – »Ei, Dominik! habt Ihr denn bereits vergessen, was wir ausmachten?« fragte einer von Dagoberts Begleitern entgegen, während der junge Mann einen ziemlich vernehmlichen »Schafskopf!« laut werden ließ. Der trunkene Frater zog dem Offenherzigen ein scheel Gesicht, vergaß aber auf der Stelle die Beleidigung und fiel wieder in sein voriges Lied: »Bibit abbas cum priore! – Hm! wenn mir recht ist . . . hm! hm! bibit coquis cum factore . . . Was wollt Ihr sagen . . . helft mir doch wieder ein wenig auf die Spur, Ihr Herren! . . . et pro rege . . .« – »Zum Donner!« unterbrach ihn der warmblütige Dagobert, »wir wünschen den armen gefangenen Mann heimzusuchen, den du zu hüten hast, und ihm zur Fastnacht ein wohlgemeint Geschenk zu bringen.« – »So! so!« erwiderte der Pförtner, sich bedächtig im Kreise umschauend und das Käpplein lüftend. »Der Ketzer verdient's gar nicht, daß wackere Leute ihn heimsuchen. Et pro rege et pro papa . . .« – »Macht voran!« drängte einer von den Andern, »den Lohn habt Ihr empfangen. – An der Thür des Gewölbes könnt Ihr unsrer harren, in einer halben Viertelstunde ist's abgethan und Ihr habt das Geld verdient – wir unser Gelübde gelöst. Zaudert nicht. Es ist keine Gefahr dabei. Eure Vorgesetzten . . .« – " Bibunt vinum sine aqua!" tremulirte Dominicus dazwischen und griff nach der Lampe. »Ihr habt jedoch den besten Augenblick erwählt . . .,« stammelte er fortfahrend. »Der Prior und die Uebrigen – hm! Sie sitzen oben bei Spiel und Trunk und haben mehr zu thun als sich um den verdammten Ketzer zu bekümmern, dem Ihr eine unverdiente Ehre erweisen wollt.« – »Laßt uns aufbrechen!« mahnte Dagobert inständig, schob dem Pförtner das gewaltige Schlüsselgebund in die fehltappende schwammige Faust, und ihn selbst vor sich her zur Thüre. " Et pro papa et pro rege!" intonirte der Mensch mit einer Löwenstimme, da sie in den Kreuzgang traten. »Um des Himmelswillen! schweigt!« flüsterten ihm die Nachschleichenden unter ängstlichen Rippenstößen zu; er ließ sich jedoch nicht irre machen, schlürfte in seinem Elephantenschritte fort, und von seinem: " Bibunt omnes sine lege!" hallte das Gewölbe wieder. Alles blieb auf dieses, wahrscheinlich zu dieser Zeit gar nicht ungewohnte Geplärre ruhig, nur im fernen Refectorium war ein wüstes Gejohle hörbar, ein Beweis, welchen Geschäften der Convent oblag und eine gute Vorbedeutung für die drei Fremdlinge, deren Vordermann sie eine lange Treppe, von mehreren Pforten verschlossen, hinunterführte, an deren Ende seitwärts eine ganz niedere, mit Eisen schwer beschlagene Thüre öffnete und die Besucher hindurchkriechen hieß. " Bibunt primum et secundo," summte er währenddessen und rief dann in das tiefgewölbte Kerkerloch hinein: »Steht auf von Eurem Stroh! verruchter Abtrünniger – donec nihil sit in fundo – und Ihr, meine Herren, faßt Euch kurz.« – Dagobert schauderte, da er beim Schein der Lampe das entsetzliche Gefängnis gewahrte, in welchem ein Unglücklicher mit langem Barte und in dürftiger Kleidung einem rechtlosen Urtheil entgegen schmachtete. »Vater Johann! Vater Johann!« riefen des Jünglings Begleiter mit von Thränen halb erstickter Stimme und warfen sich zu den Füßen des Eingekerkerten. Dieser erhob sich mühsam in seinen Fesseln von dem nassen Lager und hielt die Hände vor die vom ungewohnten Lichtstrahl geblendeten Augen, aber sein Ohr hatte die bekannten Stimmen vernommen und sein Herz mit einer, diesem Schreckensorte fremden, freudigen Rührung erfüllt. »Ist das nicht Graf Chlum?« fragte er bewegt, »ist das nicht der edle Herr von Lanzenbrock? Ach, Ihr meine unglücklichen Freunde . . . was führt Euch in meinen Kerker?« – Lange konnten die zu seinen Füßen Schluchzenden nicht Worte finden und Dagobert lauschte besorgt nach dem vor der Thür gebliebenen Frater. Von demselben war jedoch keine Unterbrechung zu befürchten. Neben der auf der Schwelle gestellten Lampe sitzend, hatte er sich mit der Zählung seines leicht erworbenen Geldes beschäftigt und war dabei eingeschlafen. »Eilt, eilt! edle Herren,« raunte der junge Altbürger den böhmischen Edelleuten zu, »der Augenblick ist kostbar!« – »Vater Huß!« begann der Graf dringend, »dich zu befreien sind wir hier. Hülle dich in dieses, mein Gewand. Es ist weit genug, dich und deine Ketten zu verbergen. Diesen jungen Mann, der unter der Larve der Thorheit den glühendsten Eifer für das Recht verbirgt, der schon einmal eine dir zugefügte Beleidigung edelmüthig rächte, haben wir ersehen, dich aus der Stadt zu bringen. Er und Lanzenbrock schaffen dich über'n See in's Schweizerland, von wannen sich're Freunde dich nach der Heimat führen werden. – Fliehe, fliehe, es drängt die Zeit!«

»Träume ich denn?« fragte Huß, bestürzt um sich schauend. »Steht es denn so schlimm mit mir, daß solche Flucht nothwendig wäre?« – »Fürchte Alles!« entgegnete Lanzenbrock; »deinem Haupte droht die höchste Gefahr.« – »Und ich sollte nicht der Gefahr gedenken, in welche sich der an meiner Statt zurückbleibende Freund stürzen wird?« fuhr Huß mit ernstem Vorwurf fort. »Mein Schicksal kümm're dich nicht!« unterbrach ihn der Graf, »von dir hängt die Freiheit unserer Kirche, unseres Glaubens ab. Tausende meiner Landsleute können fechten wie ich, wie du zu reden vermag keiner außer dir.«

»Kommt, kommt, würdiger Herr,« setzte Dagobert bei, »wir meinen's redlich und das Glück für heut' nicht minder. Morgen ist's zu spät.« – »Wer sagt Euch,« sprach der Gefangene mit erhabener Sanftmuth, »wer sagt Euch, daß ich morgen anders gesinnt sein könnte denn heute? Ich würde zum Lügner an meiner Lehre, wollte ich diesen Kerker feig verlassen. Das Wort ist ewig und muß den Sieg erringen. Nicht ich bin zu beklagen in meiner Schmach, denn mich bedienen Engel in dieser dunklen Gruft; wohl aber diejenigen, die ihren Eid gebrochen haben und den Starken vertilgen wollen in dem schwachen Gefäß, das er sich auserlesen. Geht, meine Freunde; meinen Dank für Eure Aufopferung, doch Euch zum Frommen willige ich nicht darein.« – »Grausamer!« seufzte der Graf. »Unwiederbringlich verloren bist du. An Wenzel's Throne bist du sicher; in Siegismund's Gewalt des Todes.« – »Unnütze Furcht!« lächelte Huß wie ein Verklärter. »Ich bin geweiht vor dem Altare des Herrn; an meinem Haupte werden sie sich nicht vergreifen und aus den Fesseln, die den Leib belasten, wird mich der Höchste befreien, wenn das Werk vollendet ist.« – Ungeduldig ob solchem Starrsinn stampfte Dagobert mit dem Fuße und die Böhmen umschlangen mit liebevollem Ungestüm die Kniee des Versagenden, mit Worten und Thränen ihn bekämpfend. Sein Entschluß, fest wie ein Fels, begann zu wanken; seine abweisende Strenge wich dem vereinten Bemühen der Freunde – schon gab er nach; schon ward die Möglichkeit einer nahen Freiheit reizend für seine in Kerkernacht erstorbnen Sinne . . ., schon griff seine Hand zögernd nach dem Rettungsgewande . . . als es mit einem Male über den Häuptern der Befreier lebendig wurde. Von ferne, die Treppe herab, tönte ein beunruhigendes Laufen und Rennen; Getöse von Stimmen, zugeschlagenen Thüren, entferntem Waffenklang. »Wir sind verloren!« flüsterte Lanzenbrock erschrocken und Dagobert fuhr auf wie ein Sturm. »Die Zeit ist versäumt!« rief er. »Schreibt Euch's selbst zu, eigensinniger Mann. Wenig würde es Euch jedoch helfen, gingen wir um der ungeschehenen That willen zu Grunde. Wer Muth hat, folge mir frank und frei. Vielleicht bietet sich bald eine andere Gelegenheit zur Rettung!« – Diese Aufforderung, verbunden mit dem so natürlichen Gefühl der Selbsterhaltung, wirkte auf den Gefangenen und seine Freunde. Der Erstere beschwor die Ueberraschten, sich dem Unheil zu entziehen, ihn ruhig seinem Schicksale zu überlassen; die Letztern stürzten, da das Getümmel lauter wurde, aus dem Kerkergewölbe die Treppe hinan, Dagobert voranstürmend, wie eine Windsbraut. Den fest entschlafnen Frater weckte sein Gefangener selbst und ermahnte den Taumelnden doch die Thüre zu verschließen, damit ihn nicht die Lust anwandeln möchte, seine Haft zu verlassen. Kopfschüttelnd über diese seltene Bitte, gewährte sie der trunkene Dominicus und schleppte sich langsam die Stiege hinan. Indessen war oben Alles in Aufruhr gekommen. Die Veranlassung zu der ganzen unzeitigen Störung hatte der vor dem Kloster auf seiner Steinbank dahinbrütende Gerhard gegeben, da seine in Schlaf und Weinlust blinzelnden Augen zwei Klosterherren erblickten, die, satt von den Freuden des Tages, sich behaglich nach ihren Zellen zurückzuwälzen im Begriff waren. Seines Wortes eingedenk, Niemand hindurch zu lassen, glaubte er sehr wohl zu thun, wenn er auch diese Klosterbewohner von ihrer Klause zurückhielt. – »Hier geht Niemand durch!« murrte er daher barsch den Arglosen entgegen und stellte sich ihnen breit in den Weg. Die Mönche, obgleich verdutzt im Augenblicke, sahen doch gar bald, daß sie nur mit einem einzigen, wahrscheinlich trunkenen Manne zu thun hatten und bestanden auf ihrem Hausrecht. Der Wegelagerer ließ dasselbe jedoch nicht gelten und verbot fortwährend den Zutritt zur Pforte. Die Klosterleute, wenig gewohnt, sich auf ihrem Grund und Boden die geringste Widerspenstigkeit gefallen zu lassen, wurden böse und giftig; der Kämpfer dagegen rauh und grob. Die Geistlichen wollten mit Gewalt den Schlagbaum auf die Seite schieben. Gerhardts kräftige Faust stieß jedoch Beide zurück. Der Frevel gegen das heilige Gewand veranlaßte einen neuen gewaltigern Angriff, der abermals abgeschlagen wurde. Um seine Drohungen wirksamer zu machen, zog Gerhard den Stoßdegen aus der Scheide. Während nun einer von den Mönchen vor der Klinge mit Zetergeschrei zurückwich, schob sich der Andere hinter Gerhard's Rücken vorüber nach der Pfortenglocke und hatte schon beträchtlich Sturm geläutet, ehe der Hülshofner ihn von der Schwelle peitschen konnte. Dieses Getöse, das der andere Pater erneuerte, sobald Gerhard, den Ersten verfolgend, den Rücken gedreht hatte, machte endlich die Schlemmer im Refektorium, sowie die Knechte, die im Seitengebäude bei den Würfeln saßen, aufmerksam. Die Erstern schrien um Hilfe, die Letztern liefen zum Kreuzgange, ihre rostigen Hellebarden nach sich schleifend. Keiner von den Männern allen jedoch hatte den Muth, die verriegelte Pforte zu öffnen und den von dem unbekannten Teufelsbraten mißhandelten und zerbläuten Herren zu Hilfe zu kommen. Alle schrien nach dem Prior und dem Pförtner. Der Erstere war aber vom Schmausen noch nicht zurück, der Zweite nirgends zu finden. Der Kellermeister faßte den Verdacht, der Frater möchte wohl im Keller ein verbotenes Faß verkosten und eilte der Treppe zu, die nach den untern Gewölben des Hauses führte, aber des Todes war er fast vor Schrecken, da einige Verlarvte die Stiege heraufstürzten, ihn sammt der Lampe, die er in den Händen trug, zu Boden warfen und mit Riesensprüngen und Faustschlägen nach allen in den Weg Tretenden, die Pforte gewannen. Der Pickelhering, der den Vorläufer machte und dessen Habit allein in etwas unterschieden werden konnte, riß, mit der Ortsgelegenheit vertraut, den Riegel auf und tobte durch die aufklaffende Thüre in's Freie. Seine Begleiter säumten nicht, dem Beispiele zu folgen. »Aufhalten!« donnerte Dagobert dem Gerhard zu, der indessen noch immer seine Hetze in dem Gäßlein fortgesetzt hatte und lief in's Weite; aber der bereitwillige Fechter konnte nicht verhindern, daß einige Klosterknechte dem Flüchtigen nacheilten, dessen buntes Kleid ihnen besser im Auge blieb als die dunklen Gewänder der beiden Andern, die nach verschiedenen Seiten sich verloren. Unter dem übrigen aus dem Gebäude strömenden Gewühl von Mönchen und Laien wüthete Gerhard's flache Klinge. »Bleibt zurück, Ihr Schöpse!« rief er den Bestürzten entgegen. »Bleibt zurück, oder Ihr seid des Todes.« – »Greift an!« hetzten die Beiden, seiner Wuth entkommenen Klosterherren. »Er hat das Schwert gezogen und ist in des Kaisers wie in der Kirche Bann.« – Der ganze Schwarm wollte sich nun auf den Einzelnen werfen. »Zurück!« schrie dieser noch lauter denn zuvor. »Schufte! habt Ehrfurcht! Ich bin der Kaiser selbst, Ihr Lottergesindel und will Euch meinen Bann hinter die langen Ohren schreiben, daß Ihr an mich denken sollt!«

Diese Aufschneiderei, zu welcher der Edelknecht, dessen Arm schon ermüdete, der Gedanke bewog, daß man ihn bereits heute für den Kaiser angesehen, verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Knechte wichen stumm und erschrocken zurück, der Mund der anfeuernden Geistlichen verstummte, und indem sich die Blicke bald nach dem Kaiser, bald nach dem Pförtner richteten, der unbefangen, als ob er kein Wasser getrübt, und staunend unter die Menge trat, ging Gerhard stolz und aufrecht von dannen, weder aufgehalten von seinen Gegnern, noch von dem Volke, das sich um das Getümmel versammelt hatte. Seinem jungen Freunde war jedoch kein so ehrenvoller Rückzug vorbehalten. Von den rüstigsten Knechten des Convents verfolgt, sprang er links und rechts durch die Straßen und die gaffenden Pöbelhaufen. Gerne hätte er sich in einen Hausgang geworfen, allein allenthalben waren die Thüren verschlossen. Endlich gewahrte er an einem Hause hinlaufend, in dem Erdgeschosse desselben Licht, erwischte, um die Ecke stürzend, einen zu der Thüre heraustretenden Menschen, welcher bedächtig hinter sich zuschließen wollte, beim Kragen und schleuderte ihn mit Riesenkraft den Nachsetzenden in die Arme. – Während nun diese Letztern den ihnen in die Hände Laufenden aufhielten, befragten und dieser ihnen nichts zu erzählen wußte, da er den, der ihn um die Ecke geworfen, nicht einmal gesehen hatte, machte sich Dagobert eilends in die Unterstube, wo er noch zwei Menschen, einen Mann und ein Frauenbild, fand. »Helft!« rief er ängstlich dem Manne zu, »ich bin des Teufels, wenn sie mich erwischen!« – und ohne eine Antwort abzuwarten, schlüpfte er in die offenstehende Kammer und unter das darin stehende Bett, dessen lange Vorhänge jede Spur von ihm verbargen. Der unerwartete Anblick des Vermummten hatte die Bewohner der Stube in keine geringe Bestürzung versetzt, doch war stillschweigend ihr Entschluß gefaßt, ehe noch die Verfolger in die Stube drangen. – »Um des Gottes Abrahams und Jakobs willen!« seufzte der Mann, den die Knechte beim Fittich hereinzogen; »liebwerthester Gastfreund! Wollt Ihr mir nicht bezeugen, daß ich bin der Elieser, der Sohn des langen Schmuls, der gewesen ist ein Leibarzt bei des Markgrafen Hoheit zu Baden? Verdiene ich nicht redlich mein Brot durch Handel und Wandel und weiß ich etwas von dem schlechten Menschen, der mich hat umgeworfen und getreten mit Füßen, ohne daß ich weiß, wo er ist hingekommen?« – »Halt das Maul!« fuhr ihn einer der Klosterknechte an, »dich suchen wir auch nicht, furchtsamer Jude, aber von dir,« zu dem Andern gewendet, »von dir wollen wir erfahren, ob sich nicht hier ein fremder Mann versteckt hat?« – »Gesteht es, Ben David!« klagte Elieser, »bringt nicht Euch in's Unglück und nicht mich.« – »Ich will sterben, wenn ich weiß, was Ihr wollt,« erwiderte Ben David kalt; »ich habe wohl gehört, wie ein Mensch rannte hier vorbei, doch herein ist keiner gekommen. Nicht wahr, Esther?« – »Wahrlich, wahrlich Vater,« bekräftigte Esther ganz unbefangen. – »Laßt sehen!« erwiderte der Klosterknecht, nach dem Lichte greifend, »Euch verdammten Juden ist nie zu glauben. Hier ist er nicht, doch in der Kammer sitzt er ganz sicherlich.« – Er leuchtete in die Kammer hinein, kehrte aber, da er nichts in Unordnung fand und auch kein Geräusch hörte, unzufrieden zurück. – »Wenn Ihr doch schwarz würdet, liederliches Volk!« brummte er; »bei Euch haben wir die kostbare Zeit verloren und wer weiß, was indessen daheim vorgefallen ist.« – »Heraus, Bruder! ich habe ihn!« schrie ein vor dem Hause als Wache zurückgebliebener Knecht, der einen harmlos vorüberstreichenden Fastnachtsnarren, seines Abwehrens ungeachtet, aufgegriffen hatte. Die ganze Rotte stürmte auch hinaus, versammelte sich um den Zitternden, der in seiner Betroffenheit aussah als hätte er irgend etwas Uebles verschuldet, und schleppte ihn hohnlachend hinweg nach dem Kloster, theils in der Meinung, sie hätten den Rechten erwischt, theils aber auch, um nur nicht ohne Beute von ihrem Heldenzuge heimzukehren.

Von Ungeduld gepeinigt lag Dagobert auf der Erde, als Ben David mit der Kerze in der Hand vor ihn trat und ihm anzeigte, daß die Gefahr vorüber sei. Als der Verfolgte aus seinem Schlupfwinkel kroch und die Larve vom Gesichte nahm, erstaunte er nicht wenig, in Ben David den Juden zu erkennen, den er beim Herzog eingeführt hatte. – »Dienst gegen Dienst!« sagte Ben David zu dem jungen Manne, dessen Gesicht, obgleich verstört aus der Narrenkleidung schauend, ihm wohl erinnerlich war. »Ihr scheint große Angst ausgestanden zu haben. Verfolger und Verräther sind ferne. Genießt ein Glas Wein, wenn es Euch nicht Ekel macht, von einem Juden die Erquickung anzunehmen. Esther! aus der geschliffenen Flasche dort in der Ecke!« – Der Name schlug betäubend an des Jünglings Ohr, der sich willenlos in die größere Stube ziehen ließ. Sein Schreck, wenngleich ein freudiger, war noch betäubender, da Esther selbst in der Blüthe ihrer Schönheit vor ihn trat, den Krystallbecher auf einem spiegelblanken Credenzteller. Die Bewegung Dagoberts war nur mit der des Mädchens selbst zu vergleichen, da es den Mann erkannte, an welchem seine ganze Seele hing. Teller und Becher drohten ihrer bebenden Hand zu entschlüpfen. Starr auf Esther blickend, nahm Dagobert das Glas und trank, ohne mit dem Blick von ihr zu weichen. Die Röthe der verlegenen Scham färbte Esther's Wangen, doch ihre Lippen waren ebenso stumm als ihr Herz, das, fast hörbar pochend, eine laute Sprache führte. – »Geh' zu Bette, mein Kind«, redete ihr der Vater zu, »der heilige Gott segne deinen Schlaf, wie den der frommen Rebekka und Lilis bleibe fern dir.« – Esther, schmerzlich bewegt, so schnell von dem wiedergefundenen Freunde scheiden zu müssen und dennoch halbfroh, aus seiner, ihr beiderseitiges Geheimnis bedrohenden Nähe zu kommen, neigte sich verschämt vor Dagobert, der den Gruß wortlos erwiderte und verschwand in die Kammer. – »Ruht jetzt aus, werther Herr!« sagte Ben David und lud den Jüngling ein, auf dem Polstersitze Platz zu nehmen. »Der Zufall hat mir gedient, da er mich ließ in etwas vergelten, was Ihr an mir gethan. Besonders ist mein Herz freudig, da Ihr gewiß nichts gethan, das wirklich gescholten werden könnte böse. Ihr seid ein Vertrauter des Herzogs, und der edle Mann kann nur haben Edle in seinem Vertrauen. Bedürft Ihr das Geringste, so wendet Euch an mich. Was ein armer Jude thun kann, Euch zu gefallen, soll geschehen.« – Dagobert wich allen Fragen aus, die Ben David mit der geschickten Neugier seines Volkes ihm stellte, um den Hergang des Abenteuers dieser Nacht zu erforschen; das letztere Anerbieten wies er jedoch nicht förmlich von sich, um sich die Möglichkeit, in Ben David's Haus wiederzukehren, nicht zu rauben. Er verplauderte eine geringe Weile mit Esther's Vater und verließ ihn endlich mit dem Versprechen, ihn wiederzusehen. Zerrissen von Ueberraschung, Wonne und Pein langte er in seiner Herberge an, woselbst er sich auf's Lager warf, um nicht zu schlummern.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.