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Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Elftes Capitel.

Allgemach war die Fastnachtzeit eingetreten, das dreitägige Fest, das einer lange dauernden Reihe von Tagen der Betrübnis und des Fastens vorausgeht. Diese fröhliche Zeit setzte in Costnitz alle Hände in Thätigkeit, alle Sinne in Arbeit. Der Ernst und die wichtige Förmlichkeit der Kirchenversammlung, deren Beschlüsse eine allgemeine Sittenverbesserung bezwecken sollten, setzten dieser Volkslust keine Schranken entgegen und der Kaiser Siegismund, ein gar kurzweiliger Herr, dem Minne- und Larvenspiel nicht abhold, vermehrte die allgemeine Ergötzlichkeit durch den eifrigen Antheil, den er daran nahm. – »Man muß dem Volke seine Spiele nicht nehmen,« sprach er zu den strengen Sittenrichtern, die ihn gern vermocht hätten, aus Rücksicht für das Concilium die Fastnachtslust zu beschränken; »schwerlich würdet Ihr uns wehren wollen, an unsrer Hofstatt das Fest zu begehen; allein wir mögen in solcher Zeit keine Freude genießen, an der nicht Alles, das uns umgibt, theilnehmen könnte. Die Herren aus Wälschland und Frankreich mögen sehen, daß unsre deutsche Nation ein lustig Volk ist und ein Oberhaupt hat, das Kurzweil und Schimpf in Ehren liebt. Darum wollen wir befehlen, daß man jetzo jubelire, wie sonst, denn des Herzens Fröhlichkeit gefällt dem Herrn im Himmel und darf demnach sich vor seinen Statthaltern auf Erden nicht scheu verkriechen.« – Des Kaisers Wille geschah diesmal ohne fernere Widerrede, und der Fastnachtssonntag trat einher in lustigen Glanz gehüllt, wie ein Fürst der Freuden. Nach außen in das herrliche Frostwetter drängte sich Alles, was deutsches, nordgewohntes Blut in den Adern trug und nicht bloß aus den Fenstern der geheizten Gemächer die Ergötzlichkeit mit ansehen wollte, wie die Wälschen thaten. Dagobert blieb nicht dahinten. Der geistliche Rock wurde in den Schrank gehängt, das enge Röcklein wieder hervorgesucht, und, das Symbolum der Fastnacht, den grünen Tannenzweig auf dem Hute, suchte der Neffe den Ohm auf, den er, an Husten und Schnupfen und Gichtbeschwerden laborirend, im Sorgenstuhle antraf. – »Sieh da!« rief der Prälat mit schlecht verborgenem Verdrusse; »sieh da, wieder ein Faschingsgesicht, dem man es ansieht, wie es nur auf die Kirchenglocke lauert, die das Zeichen geben soll zu dem greulichen Tollmannswesen! Gleich wie die blinden Heiden ihre Bacchanalien feierten in Rausch und Unzucht, also sieht man heutzutage die Christen in den Schlamm der Abscheulichkeit stürzen, um sich auf vierzig Tage satt darinnen zu schlemmen! O, du verlorner Sohn Absolom! Deine Mutter hat es noch dereinst am jüngsten Tage zu verantworten, daß sie dich zur Kirche bestimmt hat.«

»Ihr habt völlig Recht, lieber Ohm,« versetzte Dagobert; »ich bin selbst dieser Meinung. Laßt uns indessen nicht hadern an diesen Freudentagen; Fastnacht kommt nur einmal im Jahre, . . . 's thut mir leid, daß Euch das Zipperlein an die Stube fesselt. Ich hätte Euch so gerne Eure ehemaligen Landsleute in ihrer Glorie von Fröhlichkeit gezeigt.« – »Ja, eine Glorie ist's,« antwortete der Prälat; »eine Glorie von Flammen aus dem höllischen Pfuhl gewebt. O, Ihr Deutsche, Ihr Deutsche! Wohl dem, der sich lossagen kann von Eurer Gemeinschaft.«

»Spricht lieb' Mühmlein desgleichen?« fragte Dagobert die lächelnde Fiorilla. Diese aber schüttelte schelmisch mit dem Kopf und erwiderte: »Ich müßte lügen, Vetter. Gestern erst, da zufällig der Kaiser mit seinem Gefolge unter unsers Hauses Fenstern vorbeiging, lernte ich Eure Landsgenossen auf's neue bewundern. Stark von Brust und Schultern, aufgerichtet das Haupt, umwallt von krausem Goldhaar, kann dieses Volk das schönste genannt werden von allen Reichen der Welt.«

»Unedle Sinnenlust!« eiferte der argwöhnische Prälat aus seinem Sessel. Dagobert küßte aber die Sprecherin auf die Stirne.

»Ich bringe Euch den Dank meines Volks,« sagte er verbindlich; »ich darf doch darauf rechnen, Euch zum mindesten in das Festgewühl der belobten Landsleute führen zu dürfen?« Entschuldigend zeigte Fiorilla auf den leidenden Oheim, dem dagegen die Röthe des Aergers auf die Wange stieg. »Hebe dich weg, Versucher!« rief er zornmüthig; »entführe nicht dem Kranken die Pflegerin. Geh' zu Wallraden. Sie magst du führen, wohin du willst.«

»Ach, Oheim!« entgegnete Dagobert mit schalkhafter Betrübnis, »die Fastnacht zwischen Wallraden und mir ist schon vorbei.«

»Hm!« meinte der Prälat, »ein Wort im Vertrauen.« – Er zog den Neffen bei dem Arme sich näher und Fiorilla entfernte sich auf seinen Wink. – »Warum kommst du gar nicht mehr zu Wallraden?« fragte Monsignore; »ich bat dich doch, deinen Einfluß für einen ihrer Freier zu verwenden.« –

»Ohm!« antwortete Dagobert, »ich sagte es Euch, mein Einfluß ist aus und dann bin ich ein schlechter Freiwerber.« –

»Du weißt also gar nicht, wie sich die Sachen gestaltet haben?« fuhr der Prälat fort; »Wallrade hat mir selbst vertraut, daß unser allergnädigster Herr, der Kaiser selbst, ein huldvolles Auge auf sie geworfen. Das geschah bei dem großen Tanzfeste, das des Kaisers Majestät in ihrer Freigebigkeit veranstaltet.«

»Der gute Herr ist der Minne Freund,« schaltete Dagobert ein; »was soll aber daraus folgen?«

»Blödsichtiger!« schalt der Oheim; »daraus folgt Wallradens zeitliches Glück, eine herrliche Pfründe für dich, köstliche Privilegien für mich und mein Stift, eine Bischofsmütze vielleicht . . . begreifst du nun?«

»Ich würde das Alles begreifen,« versetzte Dagobert bedächtig, »wenn Wallrade von Siegmund geehelicht werden könnte. Ihr vergeßt aber, guter Ohm, daß meine Schwester nur eines Altbürgers Tochter – daß der Kaiser bereits vermählt. Wie reimt sich also was Ihr sagt?«

Der Prälat spielte ungeduldig mit dem Kreuze auf seiner Brust. »So alt schon,« sprach er, »und nicht klüger? Siehst du denn nicht ein, daß eines Kaisers, eines verliebten Kaisers Leidenschaft sich nicht an Ring und Priestersegen bindet? Daß es unendlich vortheilhafter ist, auf kurze Zeit seine Freundin, als auf ewig seine Gattin zu sein? Siegismund hat ein weiches Herz; er liebt es, Alles um sich her zufrieden zu sehen und beginnt unstreitig bei den Blutsfreunden seiner Huldin, wenn sie vorsichtig einwilligen, ihren Bruder- und Oheimsnamen als Schild vor die verschwiegene Minne halten und durch solche Wache den Kaiser beglücken, bis dieser die Geliebte – der Sache ein Ende zu machen – einem reichen Magnaten als Gattin schenkt. Nun bin ich dir doch klar genug gewesen, einfältiger junger Mensch?«

»Weiß es Gott!« versetzte Dagobert, sich langsam von dem Oheim losmachend, »klarer ist das ABC nicht; aber ich bin ein Trotzkopf von Bruder, der einer Wallrade nicht einmal dann etwas verdanken möchte, wenn es mit Ehren geschehen könnte, geschweige hier, wo es sich um eine Sünde handelt, die bei uns zu Frankfurt – an Bürgersleuten wenigstens – mit Ruthenstreichen, mit Schande und Tod bestraft wird. Wallrade thue, was sie vor Gott – thut Ihr, was Ihr vor Eurem Gewissen verantworten mögt; . . . mich laßt aus dem Spiele. Ich bin zu deutsch, zu dumm, wenn Ihr wollt, um Eure Würfel zu führen. Gute Besserung, Oheim!«

»Was habt Ihr denn, Dagobert?« fragte Fiorilla stutzend, da er mit flammendem Gesichte aus der Stube trat, »diese Röthe auf Euerm Gesichte« . . . »Ich schäme mich, Base,« antwortete der Jüngling, »der Ohm war so gütig, mich mit seinen Sittenlehren bekannt zu machen. Ich eile, mich zu zerstreuen.«

»Glücklicher!« seufzte Fiorilla, »ich muß das Haus hüten und sehe nichts von all den Herrlichkeiten, die sich draußen vorbereiten.« – »Ihr sollt wenigstens durch meinen Mund erfahren, was sich Alles begab,« erwiderte Dagobert, »so Ihr mir erlaubt, in der zehnten Stunde unter Euer Fenster zu kommen und ein Viertelstündchen mit Euch zu kosen; denn des Ohms Haus betrete ich vor der Hand nicht mehr.« – »Nicht?« rief Fiorilla erschrocken, »was ist geschehen?« – »Fiorilla!« ließ sich der Prälat im Gemache vernehmen. – »Ihr sollt Alles wissen,« flüsterte Dagobert. »Um die zehnte Stunde?« – Fiorilla nickte mit dem Haupte und verschwand.

»Euern Auftrag habe ich erfüllt, so gut es in meinen Kräften stand,« sprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert, als sie in der Herberge zusammengekommen waren. »Die schönsten Mummenkleider, die der eisgraue Schneider Welsner hatte, stehen Euch zu Diensten und Ihr habt unter dreien die Wahl bis zur Mittagsstunde. Schaut, da bringt mein Vollbrecht just den Bündel in's Haus. Auf Eurer Kammer wollen wir dessen Inhalt belugen.«

Gerhard, um seinen Geschmack in's beste Licht zu setzen, pries nun, eine Larvenkleidung nach der andern aus einander breitend vor den Blicken des Wählers, die Vorzüge einer jeden mit behaglicher Lust. – »Seht einmal diesen Schalksnarren und sagt nur, ob Euch ein schönerer Pickelhering noch vorgekommen? Blitzt nicht auf Wams, Kappe und Unterkleid Grün, Roth, Gelb und Blau durch einander, als hätte unser Herrgott seinen Regenbogen stückweise darauf geklebt? Wie gefällt Euch der prahlende Hahnenkamm an der Gugelmütze? Was sagt Ihr zu den stattlichen Eselsohren, die an derselben emporragen? Zu den zierlichen Glocken an Ohren, Kamm, Gürtel, Schienbein, Ellbogen, Knie, ja sogar an den hochgekrümmten Schuhspitzen? Was haltet Ihr von der lustigen Fratze, die dazu gehört, mit der knotigen Nase und dem flatternden Spitzbart? Seht, Halskragen, Kolbe und Ruthe sind nicht vergessen! – Alle Anzüge jedoch verdunkelt der wilde Jäger, den ich jetzt vor Eure Augen lege. Grün, wie der lustige Wald das Gewand, golden wie funkelnder Sonnenschein die Verbrämung, roth wie das Nordlicht der flatternde Mantel. Wie die Mähne des Pferdes fallen die pechschwarzen Haare aus dem Spitzhute, an dem die Hahnenfeder des Jägers Wachsamkeit bezeichnet. Das Jagdmesser blinkt von hellem Beschläge und Elfenbein, der kurze Spieß scheint seine Schärfe in's Mondlicht getaucht zu haben . . . . . .«

»Genug, genug, guter Freund,« unterbrach ihn lachend Dagobert. »Du bist begeistert von dem Jägerkleide, so daß mir bedünkt, als hättest du selbst nicht übel Lust, es zum Bestellerlohn für dich zu fordern.«

»Wo denkt Ihr hin, Junkherr?« fragte Gerhard, mit begehrlichen Augen das Gewand musternd; »meiner Treu, . . . hätte ich auch die Lust, so hätte ich doch nicht die volle Tasche, die zu solchem Spaß gehört. 's ist ein erbärmlich Leben hier. Ein einzig Stechen hat bis jetzt der Kaiser angestellt, auf dem ich wohl den Preis errang; aber – wie bald war die geringe Gabe in den Wind gegangen. Meine Hoffnung ist der Frühling, in dem das lustige Ritterspiel wieder beginnt in voller Pracht. Bis dahin muß ich mich drücken und vergnügt sein mit der Atzung, die mir meine Herren von Frankfurt hier im »Engel« verabreichen.«

»Armer Schelm!« versetzte Dagobert, »eine Fastnacht sollte vorübergehen, ohne daß du darauf der vornehmste Narr gewesen? Nimmermehr. Es bleibt dabei, du nimmst den wilden Jäger, den ich bezahle, und dessen Säckel ich versehen will, damit seine Kehle nicht trocken bleibe, und ich . . . Je nun, ich stecke mich in den Pickelhering; denn zu dem, was ich vorhabe, brauche ich eine Larve, die nicht die einzige ihres Schlags im Gewühle sei, und einen Begleiter, herzhaft wie der wilde Jäger, unter dessen Mantel wohl neben dem Jagdmesser eine Raufklinge Platz hat.«

»Hoho! was sprecht Ihr da?« rief Gerhard vergnügt und umarmte in seines Herzens Freude den jungen Gönner, »Larvenspuk, Silber in der Tasche, Weinlust und zum Beschluß eine Rauferei? Ihr macht mich überselig!« – »Und verlange nichts dafür,« erwiderte Dagobert, »als Verschwiegenheit und Aufsparung deiner Freude bis zum Faschingsdienstag. Schlendre bis dahin umher, in welcher Maske dir's gefällt; den Jäger hebe aber auf, sonst erfährt man vor der Zeit aus deinem sprachseligen Munde, daß du dahinter steckst.«

»Ich bin ja kein altes Spittelweib,« lachte Gerhard zuversichtlich; »mein Freund, der Mundkoch aus dem Bischofshofe hat mir den langen Christoph versprochen, um mich darein zu vermummen und ich will mir's gefallen lassen, bis zum Dienstage den Heiligen vorzustellen. Was ist's aber eigentlich, das Ihr vorhabt, liebes Fröschlein?«

»Hätte ich Lust, dir's mitzutheilen,« versetzte Dagobert, »so wüßtest du's bereits. Verstanden?«

Gerhard zuckte mit zweifelhaftem Gesichte die Achseln und empfahl sich durch einen stummen Bückling von dem jungen Manne. »Geh' hin, altes Sieb,« sprach Dagobert, ihm auf die Schulter klopfend, »deiner Faust und deinem guten Willen vertraue ich gern; keineswegs aber deiner plauderhaften Zunge, die im Trunk dein eigen Seelenheil an den Teufel zu verschwatzen im Stande wäre.«

Nachdem der Dicke hinweggegangen, um sich in den großen Christoph zu verwandeln, setzte sich Dagobert gedankenvoll an den Tisch und überlegte, was centnerschwer auf seinem Herzen lastete. »Wird es gelingen?« fragte er sich leise und scheu, als ob er die zuhorchenden Mauern zu fürchten hätte. »Lieber Gott! wird es denn erfüllt werden, was von drei redlichen Männern beschlossen wurde? . . . Wenn es Tugend ist, das Recht von dem Joche einer meineidigen Gewalt zu befreien, dann muß ja auch der Segen von oben uns beschirmen. – Wehe unsrer Zeit, daß wir im Verborgnen schleichen müssen, das Gute zu thun. – Darf ich aber auch ganz ruhig sein? Sündige ich nicht wider mein Gewissen und den Stand, den ich erwählen muß? Nicht gegen meines fürstlichen Freundes, des Herzogs, Ansichten und Glauben? O nein, gewiß nicht, mein Herz ist ruhig, und Friedrich würde an meinem Platze dasselbe thun. Fort, zu ihm, um aus seinem geraden und klaren Blicke Festigkeit zu saugen und Beharrlichkeit zu dem Werke eines Mannes, eines Deutschen vor Allem würdig!«

Da er in des Herzogs Hof eintrat, schallte ihm das frohe Getümmel der zahlreichen Dienstleute entgegen, an welche die Freigebigkeit des Fürsten soeben einen verschwenderischen Vespertrunk gespendet hatte. In Küche, Vorplatz und den untern Gemächern des Hauses lagen und saßen die Zechenden umher und ließen sich den Seewein munden, der aus den aufgepflanzten Fässern floß. Treppen und Vorgemächer des Oberstocks waren leer von Dienern. Dagobert, ein gewohnter Gast, schritt keck auf des Herzogs Zimmer zu, da gewahrte er in der Ecke der Trabantenkammer einen Menschen, den einzigen hier athmenden. Der erste Blick auf den Wartenden ließ den Juden nicht verkennen, sowie dessen langer schwarzseidener Rock mit gelbem Futter und Aufschlag den Reichen ankündigte. Der Jude, ein zerfetztes, bleiches Gesicht, näherte sich demüthig dem stutzenden Jüngling. »Guter, junger Herr,« sprach er; »seit länger denn einer Stunde warte ich hier auf die Gnade, vor den glorreichen Herzog gelassen zu werden. Die Diener sind nicht zu meinen Diensten, obgleich ich wurde hieher beschieden, und ich bin nicht genug frech, um zu dringen ohne Ansage in das Gemach des vornehmen Fürsten von Tirol. Eurer Huld, edelgesinnter Herr Ritter, empfehle ich mich; Ihr seid einer von dessen Vertrauten, das sagt Euer Gang und Eure Unbefangenheit; macht mich durch Eure Gnade zu Eurem Schuldner.«

»Ueberflüssiges Geschmeichel!« brummte Dagobert; »du willst, ich soll dem Herzog deine Anwesenheit melden. Wie nenn' ich dich?«

»Sagt nur, ich sei der Wechsler, der gestern beschieden wurde.«

Dagobert ging zum Herzoge hinein. Der Harrende zählte indessen zum zehnten Male die Steine, mit welchen der Boden des Gemachs geplattet war. Bald kam jedoch der junge Mann wieder heraus. »Geh' hinein, Jude!« sprach er kurz und schob den in Danksagungen und Verbeugungen Zögernden in die Thüre, die er, draußen verbleibend, hinter ihm schloß. – Der Herzog saß am obern Ende des Gemachs auf einem Polstersessel, gerade von einem kleinen Schlummer erwacht, und kraute seinem Jagdhunde hinter den Ohren. Die Bücklinge, mit denen der Eintretende den Kopf beinahe zur Erde neigte, machten einen mißfälligen Eindruck auf den Fürsten. – »Laß' die Possen!« sprach er hart, »ich verlange die Ehrfurcht eines Menschen, nicht eines Hundes.« Er winkte ihm näher zu kommen, in einer Entfernung von sechs Schritten jedoch stehen zu bleiben. – »Du nennst dich Ben David?« begann er nun, »der geehrte Altbürger zur Hofstatt hat dich mir sehr empfohlen in dem Schreiben, das du mir gestern überreichen ließest. Wir wollen sehen, ob du das Vertrauen verdienst, das ich dir gerne schenken möchte.«

»Es kommt ja nur an auf die Probe,« erwiderte Ben David ehrfurchtsvoll; »unser Volk hat immer geehrt und geliebt den Stamm der Habsburger, den erlauchten, weitgepriesenen.«

»Schweig'!« herrschte ihm der Fürst zu; »ich hasse die Speichelleckerei, zu der deine Glaubensgenossen so viele Anlage haben. Ich wette, diese schmutzige Glattzüngigkeit ist dir nicht einmal Ernst, denn dein abscheulich Antlitz wird noch häßlicher durch das erheuchelte Grinsen.«

Ben David verbeugte sich. Der Herzog blickte ihn scharf an und schlug alsdann erstaunt die Hände zusammen. »Jesus Christus!« rief er, »wer hat dich denn also zugerichtet, Jude, daß dein Gesicht aussieht wie ein zerfetzter und kümmerlich zusammengenähter Turnierhandschuh? Das nenne ich eine Narbe, wie man sie auf dem besten Schlachtfelde holen kann, obschon du sie da nicht holtest.«

»Ach, gnädigster Herr,« erwiderte Ben David mit bewegter Stimme, »auf dem ehrenvollsten Felde habe ich diese Narbe erhalten, im Kampfe für meine Söhne, und Ihr, großmüthiger Fürst,« hier warf sich der Jude weinend zu Friedrich's Füßen, »Ihr müßtet mich an diesem Denkzeichen erkennen, wenn ein Sohn Israels werth wäre der Erinnerung.«

Der Herzog musterte mit durchdringendem Auge den Knieenden, der also fortfuhr: »O gewiß, gewiß, Ihr entsinnt Euch noch des Reichstags, der vor achtzehn Jahren beiläufig zu Frankfurt gehalten wurde, mit ungeheurer Pracht und großem Zulauf von Fürsten und Gewaltigen, unter denen jedoch hervorglänzte, wie der Stern des Morgens, der Herzog Leopold von Oesterreich. Des Herzogs Haus war offen, wie das Haus eines Vaters seinen Söhnen, um Gott und Ehre wurde daselbst gespeist der Hungrige, getränkt der Durstige. Zwei Judenknaben wollten auch mit ansehen die Pracht des herzoglichen Hofstaats. Ach, sie wußten nicht, daß, wo der christliche Bettler Zutritt hat, derselbe dem Juden doch verboten ist. Neugierig durchstreiften sie den Hof, die weitläufigen Ställe. Dem einen von ihnen fällt ein köstlich Sattelzeug in die Augen, mit vergoldeten Buckeln, der andre greift es kindisch bewundernd an mit den Händen; ein Sattelknecht sieht's und ruft: »»Diebe!«« Unter den Fäusten des Trosses büßen die Kinder ihre unschuldige Neugier. Sie schreien auf zu dem hochgelobten Gott und zu ihrem Vater. Der Zufall will, daß dieser vorbeigeht an den offenen Thoren, hört das Gejammer, hineinsieht in den Hof und erkennt seine eignen, gemarterten Söhne. Die Angst jagt ihn unter die rohen Pferdeknechte. Mit der Gewalt der Verzweiflung will er entreißen sein Blut der Gefahr und der Hieb eines scharfen Schneidmessers wirft mich mit blutendem Gesichte zu Boden, denn ich, ich, Herr, war der Vater der armen Kleinen!«

»Still! still!« rief der Herzog, auf dem Antlitz die edle Scham zeigend, welche eine gute That darauf malt, »ich weiß bereits . . . steh' auf; ich entsinne mich schon.«

»Vor der Herrlichkeit Gottes liege ich nicht aufrichtiger im Gebete als hier vor Euch in Dankbarkeit!« sprach Ben David weiter und große Thränentropfen fielen in seinen Bart. »Ihr habt mich und die Söhne gerettet, edler Herzog, damals in der Jugendblüthe. Ihr habt mir gesendet Euern Arzt, der mich heilte; Ihr habt getröstet mein klagend Weib; Ihr habt beschenkt meine Kinder. Ihr habt Euch nicht geschämt, herabzusteigen in eines armen Juden Hütte, zu sehen unsre Armut, unsre Leiden und eine Handvoll Gold ließt Ihr auf meinem Schmerzenslager zurück. Herr! Mensch unterm Herzogshute! Aus Eurem Beispiele hab' ich gelernt, daß es gibt edle Christen. Herr! Euer Gold hat mir gebracht – Segen, hat mich gemacht reich und bei dem Haupte meines Vaters gelobe ich's Euch, Euer ist auch Alles, was mein ist auf der Erde.«

Ben David schwieg erschöpft und küßte des Herzogs Stiefel, daß Friedrich empört zurücktrat und halb gerührt, halb unmuthig ausrief: »So steh' doch auf, aberwitziger Ebräer! Du wirst mich böse machen mit dem übertriebnen Gewäsche.« Dann frug er: »Was ist aus deinen Söhnen geworden?« Ben David legte die Linke auf die Brust und seufzte. »Sie haben mir viel Herzeleid gemacht,« sprach er. »Der ältere lebt und ist doch gestorben für mich. Ich werde ihn nicht wiedersehen im Wohnort der Gerechten. Mein Bechor hat sich gerissen los von den Seinen, aus einem Sohn der Gebote ist er geworden ein Abtrünniger, ein Anhänger derjenigen, die sein Volk unterdrücken!«

»Ich verstehe,« erwiderte Herzog Friedrich, »er ist klüger gewesen als du und ist in den Schoß unserer Kirche eingegangen. Ich muß ihn um dessenwillen loben. Es ist besser ein schlechter Christ sein als der beste Jude.« – »Als Ihr sprecht von Essen und Trinken und Bequemlichkeit, gebe ich's zu,« versetzte Ben David ernst, »der heilige Gott möge ihm verzeihen. So viel ich weiß, lehrt er jetzt hebräische Sprache zu Heidelberg an der hohen Schule.« »Wohl ihm,« setzte der Herzog hinzu; »was geschah aber mit dem Jüngsten?« – »Auf seinem Gedächtnisse sei der Friede!« murmelte der Vater mit zum Himmel gerichtetem Blicke. »Er sitzt oben in der Herrlichkeit Gottes; vor vier Jahren wurde er zu Budweis erschlagen, da die Christen eine Judenhetze hielten daselbst.«

Friedrich war betroffen. »Ein erbärmlich Schicksal!« sprach er und wandte sich zum Fenster, um den Ausdruck der Rührung auf seinem Gesichte zu verbergen. – Ben David trocknete eine Zähre von der vernarbten Wange und fragte unterthänig, mit welchen Diensten er dem Herzoge aufzuwarten vermöge. »Ich werde vielleicht bald fünf- bis sechstausend Mark Silbers benöthigt sein,« antwortete Friedrich, ohne seine Stellung zu ändern, denn seine Bewegung war noch nicht vorüber; »ich habe meine Gründe, warum ich dieses Geld nicht von meinen Rechnereimeistern eintreibe; denn ich verlange strenge Verschwiegenheit. Kannst du die Summe schaffen, sobald ich sie zu fordern veranlaßt sein könnte?«

»Zu jeder Stunde soll sie liegen bereit,« versicherte Ben David ohne Bedenken.

»Wie hältst du's mit Zinsen und Verschreibung oder Pfandschaft?« fuhr Friedrich wie oben fort.

»Von Euch nehme ich nicht Zinsen,« entgegnete der Jude ruhig; »Euer Wort ist das beste Pfand; und eine Schrift begehre ich nicht, seitdem Kaiser Wenzel uns gezwungen hat, alle Schuldbriefe edler Herren unentgeltlich auszuliefern.«

»Was soll das, Jude?« fragte der Herzog heftig sich umdrehend, »was nimmst du dir heraus? Ein Herzog in Oesterreich wird sich von einem Kammerknechte keinen Zins schenken lassen und kein Darlehen empfangen, ohne Brief und Siegel auszustellen, gleichsam als wär' es eine Gabe. Oder hältst du mich, den Habsburger, fähig, von der Armseligkeit, die damals der Luxemburger gegen Euch ausgeübt, Vortheil zu ziehen?«

»Ich will doch umkommen auf der Stelle, wenn ich Euch, gnädigster Herzog, habe beleidigen wollen,« betheuerte der Jude, »nur so viel wollte ich sagen, daß Euer ist meine Habe und mein Leben, daß ich Euch weihe meine Dankbarkeit und den Segen, mit dem mich hat überschüttet der Gott Israel.«

»Schweig, Hebräer!« rief Herzog Friedrich, sich aufgebracht stellend; »geh' heim, es wird schon dunkel und es ist keine Ehre dabei, mit deinesgleichen zu solcher Stunde zu verkehren. Mache deinen Ueberschlag an Zinsen, an vollwichtigen Zinsen, hörst du! Herzog Friedrich will keinen Dienst umsonst und mäkelt nicht um einen Heller. Halte dich sodann bereit, sammt deinem Gelde, wenn die Zeit kommt, da ich es gebrauche.« – Mit dem stolzen Wesen, das dem Herzog so wohl stand, verabschiedete er den Juden, der sich in gewohnter Demuth davon machte. Dagobert trat ein, den schweren vergoldeten Leuchter in der Hand, dessen drei flammende Kerzen das Dunkel des Winterabends aus dem Gemache bannten.

»Wie kommt's, guter Freund,« frug der Herzog, »daß ich Euch bei mir sehe, heute am ersten Faschingstage? Wollt Ihr den Graubart spielen, während Alles sich in jugendlicher Lust ergötzt? Wißt Ihr nicht, daß es heute auf dem Tanzhause munter hergeht? Daß der Kaiser selbst sich in die Freude mischen, daß er Ketten, Ringe austheilen wird an die schönsten, die das Fest verherrlichen? Geht dorthin. Euer wartet daselbst mehr Vergnügen als bei mir und meinem steifen Waldmann. Oder, kann ich Euch in etwas dienen? Fordert.« – »Erlaubt, daß ich einige Augenblicke um Euch sein darf,« bat Dagobert mit aufrichtiger Anhänglichkeit, »Euer Anschauen wird mich endlich zum Manne machen.« – »Greift Euern Jahren ja nicht vor,« erwiderte Friedrich, »sie sind die schönsten, die es gibt, und den vollen Keim des Mannes tragt Ihr in der Brust; des Mannes, wie ich ihn liebe: gerade, frei, froh und eisenhart.«

»Warum darf ich bei Euch nicht Ritterschaft lernen, gnädigster Herr!« klagte Dagobert. »Wenn ich Euch so kräftig vor mir stehen sehe, gepanzert gegen alle Widerwärtigkeit, umgeben von Ehre, Glück und Stärke, da pocht mir das Herz vor Unmuth, daß ich in die Kutte kriechen und kein Ritter werden soll, wie Ihr es seid.« – »Ihr ward ja nicht Eures Schicksals eigner Schmied,« versetzte der Herzog achselzuckend, »der Mutter Gelübde ist der Planet, dem Ihr gehorchen müßt. Das tröste Euch. Horch!« setzte er bei, zum Fenster eilend. »Warum wird denn da unten auf der Gasse so lärmend gepaukt und schalmeit?«

In der That zog eine Bande von Zinkenbläsern, Stoßpfeifern und Paukern vorüber. Eine Menge Fackelträger folgte ihnen; in ihrer Mitte der Kaiser zu Fuß, umgeben von angesehenen Frauen der Stadt, mit ihnen freudiglich dahertanzend unter einem unbändigen Zulauf von Larven und Fastnachtsnarren und kreischendem Pöbel.

»Jesus Christus!« begann der Herzog, unmuthig mit dem Fuße stampfend. »Mein alter kahlköpfiger Lehrer hat mir Vieles von einem alten Kaiser zu Rom erzählt, der seine Würde so sehr vergessen hat, daß er auf einer Bühne vor allem Volk getanzt und den Gaukelspieler gemacht. Unsere kaiserliche Majestät ist das leibhaftige Conterfei des blutgierigen Thoren zu Rom. Pfui! daß die Ausländer solche Narreteien sehen müssen!« – »Der Geist des Unmuths kommt über Euch,« erinnerte ihn Dagobert bescheiden, »laßt Euch doch des Kaisers Thun nicht zu Herzen gehen!« – »Seht Ihr, junger Gesell, wie übel es um meinen Seelenpanzer steht!« rief der Herzog. »Der feige Lützelburger trifft mit seiner Pritsche allemal die Blöße. Meine Vorfahren saßen glorreich und würdevoll auf dem deutschen Throne, den Habsburg auch jetzo mit größerer Ehre füllen würde, als die Luxemburger es im Stande sind. Glaubt mir, der ganze Stamm verdient kein besseres Lob als ich ihm beilege. Der Vater Karl, in dem nicht Geist, nicht Muth, nicht Adel wohnte, sondern hölzerne Förmlichkeit allein, hat in seinen Söhnen nichts Treffliches hinterlassen. Niemand hatte wohl triftigere Ursache, bei der Krönung den seltsamen Eid zu leisten: mit Gottes Hilfe nüchtern zu sein und zu leben als Kaiser Wenzel! Niemand hat aber je einen Schwur schneller gebrochen als er, den seine Völlerei und Zuchtlosigkeit um des Reichs Krone brachten. Siegmund ist jedoch um nichts besser; feig, wollüstig, eitel und prunksüchtig ersetzt er den Mangel an Trinklust durch Tücke und unkaiserliche Doppelzüngigkeit. Er haßt mich in höherem Grade, als ich ihn verachte, aber er streichelt meine Wange mit der Sammetpfote einer falschen Katze. Noch diesen Morgen drückte er mich an die Brust, nannte mich seinen liebsten Vetter, und heute Abend – ich schwör's – nennt er mich im Kreise seiner Speichellecker nach seiner Gewohnheit den Herzog der Flaschenträger und den Erzpaschaler; obgleich ich für meine Person das heutige Fest des Conciliums würdiger begehe als er.«

Der Herzog, der diese lange Erläuterung seiner innersten Gedanken mit steigendem Feuer herausgesprudelt hatte, warf sich in seinen Stuhl, klopfte seinem alten Rüden die Ohren und Dagobert, in gerathenem Schweigen verharrend, erwartete wie gewöhnlich die Beurlaubung, die nach ähnlichem Sturme nie auszubleiben pflegte. Wider Vermuthen wurde jedoch des Herzogs Stimmung gemäßigter, seine finstere Miene freundlicher. Das unmuthige »Hm!«, das zu wiederholten Malen seinen Lippen entschlüpft war, verwandelte sich in das Trillern eines Tiroler Berglieds, das der Fürst oft gebrauchte, um sich in Heiterkeit zu versetzen. Mit einem Male schwieg er, heftete den Blick auf Dagobert, lächelte und sprach in besserer Laune. »Ei, mein werther Junker! Gefällt es Euch, meine heutige Einsamkeit durch einiges Gesprächsel zu beleben, so setzt Euch zu mir.« – Er wies auf einen Schemel, der unweit von ihm stand. – So freundlich war der Herzog noch nie gewesen. Der Erlaubnis, sich zu setzen, durften überhaupt gar Wenige in seinem Gemache sich rühmen, und Dagobert war sie noch nie zu theil geworden. Geschmeichelt von der Herablassung des Gönners, gehorchte er gerne, und der Letztere hob bald also zu sprechen an. »Vielleicht habe ich Euch in des Kaisers Person beleidigt? Sagt es offen heraus und Euch soll's nicht gegolten haben. Stellt Euch nicht so befremdet. Oder hättet Ihr in der That Eure zeitlichen Hoffnungen nicht auf Siegmund gebaut, der – ich weiß es – um Eurer Schwester Gunst wirbt? Euer Ohm hat schon hie und da ein Wörtlein fallen lassen; hat schon dem heiligen Vater, zu dessen Sache er stand, halb und halb entsagt, um von dem im selben Augenblicke überwiegenden Kaiser desto eher den rothen Hut zu gewinnen. So redet doch auch Ihr.« –

Dagobert stand gekränkt auf. »Des Vaters Bruder handle wie's ihm recht dünkt; die Schwester desgleichen. Ich werde nie durch Unehre steigen wollen. Ihr habt mich hochgeehrt, gnädigster Herr, und mich erniedrigt im selben Augenblicke. Ich verdiene Euer Mißtrauen nicht. Zählt Ihr mich zu den Abenteurern, die Hand und Herz dahin lenken, wo der Vortheil am schwersten zieht, so muß es Euch befremden, mich an Eurer Seite und nicht zu Siegmund's Füßen zu sehen.«

»Wack'rer Junge!« rief Friedrich zufrieden lächelnd und die Hand nach ihm ausstreckend. »Ich habe mich nicht in Euch getäuscht. Ehre und Treue am Guten, das ist Euer Wahlspruch. Ihr redet nur die Wahrheit, und was wir am meisten an dem Manne lieben, den wir uns zum Freund verbinden wollen, ist eben Wahrheit. Ich diene Euch auch damit. Wallradens Betragen, das den schwachen Herrscher in's Netz der Minne zu ziehen bemüht ist, hat diejenigen, die sich in ihre Reize vergafften und durch ihre Lockungen ermuthigt worden waren, zur Verzweiflung oder zur Wuth gebracht. An der Spitze der Erstern steht der Herr von Königseck, ein eitler Laffe, wie nur je deutscher Boden einen trug. An der Spitze der Letztern befindet sich der Graf von Montfort. Die Verzweiflung des weiblichen Hageprunks wäre zu belachen; die Wuth des kühnen Montfort ist es nicht. Er hat mir seinen Kummer vertraut, denn ich begünstigte sein Werben um Wallraden. Er hat mir betheuert, seine Geduld werde bald erschöpft, seine Eifersucht bald auf's Höchste gestiegen sein. Warnt Eure Schwester. Die Drohungen des Königseckers mag sie verspotten; Montfort's Rache naht aber heimlich und schweigend, wie das Unglück selbst. Wallrade sei auf ihrer Hut.«

»Sie maßte sich stets an, die Klügere zu sein,« versicherte Dagobert, »ohne meiner Mannheit zu vergeben, darf ich die Uebermüthige nicht warnen. Auf meinen Arm mag sie eher rechnen, wenn der Zufall mich einst zu ihrem Beistand auffordern sollte, obgleich sie es nicht verdient.«

»Warum müßt Ihr in's Kloster wandern!« sagte der Herzog teilnehmend, »Ihr habt Anlagen genug zum biedersten Rittersmann. Ich habe heute einen weißen Raben gefunden, einen dankbaren Juden nämlich. Laßt mich in Euch das gleich seltene Kleinod finden, einen treuen Freund, wie ihn ein Fürst so selten hat, von verschwiegenem Mund, bereitwilligem Arm und redlichem Herzen.«

»Mein gnädigster Herr!« rief Dagobert überrascht von so viel Zuneigung und wollte Friedrich's Hand küssen. Der Herzog zog sie aber zurück. »Keine Umstände!« sprach er ernst. »Wäre ich Euresgleichen, ich nähme Euch in meine Arme. Dieses ziemt mir nun freilich nicht, da Gott einen Fürsten aus mir gemacht hat und Schranken müssen einmal sein auf Erden. Aber die Hände dürfen sich zwei Biedermänner wohl schütteln.« Er stand auf und schüttelte traulich Dagobert's Hand. »Fürwahr!« fuhr er fort, »diese Hand werde ich früher gebrauchen als Ihr wohl denkt, und auch den Kopf, meine ich; wenn Ihr anders nichts dagegen habt.«

»O sprecht, mein Herzog!« bat Dagobert ungestüm. »Was kann ich thun, um Euer Vertrauen zu verdienen? Redet; auf der Stelle sei's vollbracht.« – Der Herzog legte den Finger auf den Mund. »Noch ist's nicht an der Zeit!« begann er; »noch darf ich nicht reden, sondern nur lauernd harren, bis geschehen muß, was noch jetzt ein Geheimnis ist. Gelt, ein schmachvoll Jahrhundert, in dem sogar ein Fürst wie ein gefährlicher Verbrecher heimlich thun muß, in dem das Recht auf leisen Socken schleichen muß, während der Schelm ohne Scheu so viel Lärm macht als ihm beliebt. Aber das Gute und Rechte thun, wenn es auch verboten ist durch schmähliche Gewalt, ist löblich, und in solchem Falle sind alle Mittel, soferne sie nicht Sünde sind, dem ehrlichen Zwecke gerecht.« – »Ist das Euer aufrichtig Glaubensbekenntnis?« fragte Dagobert den Herzog rasch und kühn. – »Mein aufrichtigstes,« entgegnete dieser und fügte abbrechend bei: »des Besten mich zu Euch versehend, entlasse ich Euch.«

»Und stark auf's Neue in Geist und Kraft scheide ich von Euch, edler Herzog,« antwortete Dagobert, zufrieden von seinem erhabenen Freunde gehend.

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