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Der Jahrmarkt

Ludwig Tieck: Der Jahrmarkt - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Zwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1832
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDer Jahrmarkt
pages178
created20130625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am folgenden Tage war das Gewühl des Marktes viel lebhafter. Noch mehr Fremde und Landleute schienen angekommen zu seyn. Die Familien begaben sich, Alles beobachtend, mitten in das Getümmel, und so sehr der Pfarrer mit den Prophezeiungen beschäftigt war, so verdrüßlich der Amtmann auch über die erlittene Kränkung noch seyn mochte, so rissen die verschiedenen Gegenstände, die Tracht der Fremden, die vielen kostbaren Waaren, sie doch so hin, daß sie sich selbst mehr und mehr vergaßen. Oft wurde der Zug getrennt, und fand sich nachher im Gedränge wieder eben so unvermuthet zusammen. Einen solchen Augenblick, als eine große Menschenmasse sich zwischen die Wandelnden geschoben hatte, benutzten Fritz und Rosine, wie sie es am Abend 105 verabredet, um sich unvermerkt von den Eltern mehr und mehr zu entfernen, und dann, sobald sie es vermochten, den Markt zu verlassen.

Sie bogen in eine Gasse, eilten von dort in eine kleinere, und Fritz suchte die Gegend zu finden, die er aufsuchte und deren Lage er sich eingeprägt hatte. Ach! lieber Fritz! sagte Rosine, so bin ich nun auf einmal entführt, wovon ich sonst nur in Büchern gelesen habe. Es ist so wunderbar und doch so natürlich. Eben erst noch bei den Eltern, und nun schon mitten in der Entführung.

Ja, mein Rosinchen, antwortete Fritz, das ist im Leben nicht anders. Laß uns nur das Haus des Superintendenten aufsuchen; es muß in jener Gasse dort seyn und ist an seinem hohen Giebel kenntlich.

Wie ist Dir, Fritz? fragte Rosine, klopft Dir das Herz eben so, wie mir? Wenn man uns hier so gehen sieht, so meinen gewiß alle Menschen, die aus den Fenstern sehen, wir gehen hier so ganz gewöhnlich und natürlich spazieren, und keinem einzigen in den Häusern und auf der Straße fällt es ein, daß Du mich entführt hast.

Stille! sagte Fritz, sprich nicht so laut von der gefährlichen Sache, denn sonst können sie uns ja anpacken und mit Gewalt wieder zu unsern Eltern zurück führen. – Dort, dort ist das Haus schon, wo der edle Mann wohnt, der uns glücklich machen soll.

Sie gingen in das Thor ein und die große Treppe hinauf. Eine Magd führte sie auf ihr Verlangen in das Zimmer des Superintendenten, welcher verwundert war, schon so früh Besuch zu erhalten. Der geistliche Herr ging den beiden jugendlich schönen Gestalten freundlich entgegen und ersuchte sie, ihm ihr Verlangen, weshalb sie zu ihm kämen, zu eröffnen.

106 Fritz schickte sich an, seine Geschichte vorzutragen, als sie von der Aufwärterin unterbrochen wurden, die einen Herrn Zimmer anmeldete, welcher sich durchaus nicht wollte abweisen lassen, weil er, wie er sagte, höchst dringend und ohne Aufschub mit dem Herrn Superintendenten zu sprechen habe. Der Geistliche ließ den Fremden eintreten und ersuchte die jungen Leute, sich indessen zu setzen. Rosine wollte mit Fritz ein Gespräch anknüpfen, welches dieser aber abwies, denn sie war überzeugt, daß schon jemand von den Eltern abgeschickt sei, um sie eiligst zurück zu führen.

Ein schlanker Mann, mit einem verdrüßlichen blassen Gesichte, trat ein. Hochwürdiger Herr, sagte der Fremde, schon seit vierzehn Nächten bin ich ohne Schlaf und am Tage ohne Ruhe, weil es mich immer drängte, zu Ihnen zu gehn, der Sie als der weiseste und frömmste unter den Häuptern der Geistlichkeit dieses Landes bekannt sind. Denn wahrlich jetzt ist eine so gefahrenvolle Zeit, daß alle Guten zusammen treten, daß alle Kräfte sich vereinigen und nach Einem Mittelpunkte hinwirken müssen, wenn nicht alles wieder zu Grunde gehen soll, was unsere Vorfahren mit so unsäglichen Aufopferungen erbaut und gegründet haben.

Nehmen Sie Platz, sagte der Geistliche gespannt, und sagen Sie mir, worin ich Ihnen dienen kann, wozu Sie meine Hülfe begehren.

Ich heiße Zimmer, fuhr jener fort, und bin Schauspieler beim hiesigen Theater. Lassen Sie sich diesen Titel, verehrter Herr, nicht mir und meinem Vortrage abwendig machen. Die Zeit ist vorüber, wo man von den Kanzeln gegen die Theater als sittenverderbliche und gottlose Anstalten donnerte; eben so wenig ist es mehr in der Ordnung der Dinge, daß der Künstler oder Comödiant, wie man ihn ehemals nannte, sich mit einer mißverstandenen Genialität der 107 Ruchlosigkeit widmet. Die Humanität hat sich durch alle Stände verbreitet, ächte Bildung hat alle Menschen einander näher gebracht, und das wahre Christenthum hat die Mehrzahl der Herzen durchdrungen.

Gewiß, antwortete der Geistliche, sind viele Vorurtheile gesunken, und schroffe Absonderungen vernichtet. Fahren Sie fort.

Mein Stand, sprach Zimmer weiter, bringt mich mit vielen Menschen in Berührung, er macht es mir zum Geschäft, sie zu beobachten; dazu kommt, daß man sich vor mir nicht so, wie vor einem Staatsbeamten verbirgt und verstellt, und so habe ich denn auch meine günstige Stellung benutzt, um manches zu erfahren, seltsame Spuren zu entdecken, die Zeichen der Zeit zu begreifen, und als Bürger und Patriot ist es meine Pflicht, die Resultate bekannt zu machen: und konnt' ich mich einem Würdigeren vertrauen, als dem Mann, dem ich jetzt nahe zu sitzen glücklich genug bin?

Der Geistliche wurde immer begieriger, was sich endlich aus dieser Unterhaltung ergeben würde.

Zimmer sah ihn gerührt an, reichte ihm die Hand und sprach weiter: ich versäume keine Ihrer Predigten. Gewinnt hier mein Herz, so lese ich aber auch viel Zeitungen und Journale, um historisch die Gegenwart würdigen zu können. Was nützte mir aber beides, wenn ich meine Umgebung nicht prüfte und kennte? Alles aber würde doch wohl nur ohne Inhalt seyn, wenn ich mich nicht einer religiösen Vereinigung angeschlossen hätte, einem Kreise, den man mit der Benennung des pietistischen schelten und verhöhnen will. Nicht wahr, allenthalben, in ganz Europa, zeigt sich das Bestreben, unter allen möglichen scheinbaren Vorwänden, des Bürgerthums, Unterrichts, der Schulen, der Frömmigkeit sogar, alte, verdorbene und gefährliche Institute wieder einzurichten, 108 die der Geistesfreiheit wie dem wahren Christenthum gleich gefährlich sind? Verkappte Jesuiten schleichen in allen Gestalten umher, und suchen sich der Gemüther der Schwachen in allen Ständen zu bemächtigen. Jeder muß jetzt auf die Wache ziehn, um der ächten Lehre, dem Protestantismus den Rücken frei zu halten. Und Ihnen, Verehrter, liegt es am meisten ob, zu reden, zu kämpfen, und der List und den Larven entgegen zu treten.

Was ich thun kann, sagte der Geistliche, indem er den bewegten Redner mit einiger Verwirrung betrachtete und seinen Stuhl etwas zurück zog, soll gewiß gern geschehn. und was Sie mir eröffnen werden, soll auch, sei es was es sei, verschwiegen und geprüft seyn.

Auf den Dächern müssen wir es im Gegentheil ausrufen! rief der Schauspieler begeistert. – Er stand auf und nahm mit Feierlichkeit ein Paket aus der Tasche, welches er auseinander wickelte. Was ist dieses, verehrtester der Männer? sagte er dann.

Dies? rief der Prediger eben so erstaunt als verwirrt – dies, so viel ich unterscheiden kann, ist nichts anders, als ein geräucherter Hering, ein sogenannter Bückling.

So ist es, sprach Zimmer, ein Bückling ist es, ein einziger aus der Anzahl jener Millionen, die unser schwachsinniger Magistrat alljährlich in der Stadt und im ganzen Lande verkaufen läßt.

Aber in aller Welt, rief der Superintendent, was hat dieser gedörrte Fisch nur immer für einen Zusammenhang mit unserm Gespräch?

Geduld, verehrter Hirt, sagte Zimmer. Schon seit zwei Jahren stand ich auf der Lauer, und bin nun endlich überzeugt, daß meine Vermuthungen Gewißheit sind. Dieser sogenannte Bückling, mein Herr, ist für eine kleine 109 Silbermünze zu haben, also ohne Zweifel dem Armen so gut, wie dem Reichen, zugänglich. Sehn Sie, mein Herr, in jedem Jahr kommt mit diesen Fischen eine Anzahl von Menschen in unsere Stadt, fremden Aussehns, mit fremdem Dialekt, in einer Tracht, der hiesigen unähnlich. Diese, und es sind ihrer viele, sitzen, aus Westphalen her, oder von holländischer Gränze, zwölf, vierzehn, sechzehn Wochen behaglich, lächelnd, mit Nachbarn und Vorübergehenden schwatzend, auf ihren Stühlen; alles sehend, beobachtend, prüfend. Und wie viel verkauft ein jeder von diesen Verdächtigen? Kann das ausgelegte Kapital so viel Zinsen tragen? Können diese Menschen so lange davon leben und noch Vortheil haben, wie sie doch müßten, wenn sie immer und immer wiederkommen sollen, und zwar in jedem Jahre mehr ihrer Art? Das alles ließ mir keine Ruhe, und ich glaube auch, jetzt meinen längst gehegten Argwohn als Ueberzeugung aussprechen zu können. Alle diese Bücklingsmänner, diese anscheinenden Krämer, alle sind verkappte Jesuiten, Jesuitenschüler, oder von diesem Orden besoldete Menschen.

Sie glauben – sagte der Snperintendent –

Ueberzeugt bin ich, rief jener: und sehn Sie hier, – hier, – hier, was ist das alles?

Der Schauspieler kramte noch viele schmutzige Papiere aus der Tasche, breitete sie aus und wies triumphirend darauf hin. – Diese Blätter, sagte der Geistliche mit ungewissem Ton, sind Makulatur.

Makulatur! rief Zimmer heftig aus; glauben Sie wirklich, daß es dergleichen giebt? Bemerken Sie – hier Blätter aus einem katholischen Katechismus; hier katholische Gesänge, hier ein Aufsatz von der Unfehlbarkeit des Papstes; hier vom Sünden-Ablaß; hier sogar ein Bogen von einer Schrift des verruchten Weislinger, in welchem auf unsern 110 großen Luther gelästert wird. Die Schriften des Mannes werden als Seltenheiten geachtet; wie kommt es, daß man jetzt Bücklinge hinein wickelt? Und – was sagen Sie – hier! ich triumphire! ist hier nicht ein französisches Blatt aus der neuen Schule, hier ein Fragment vom Restaurator Haller – hier ein gottseliges Fragment von Adam Müller – Nun? was sagen Sie? – Sehn Sie, mit jedem Bückling ein Stück Gift ausgegeben: kein Armer, der nicht zwei, drei solcher Blätter erhielte; ist der Bückling verzehrt, jede Sylbe wird gelesen, der Unglückliche hält es für gottlos, das Blatt wegzuwerfen, ohne es auch zu genießen. In den reichen Häusern sind es wenigstens Diener und Mägde, die die Sachen studiren. Etwas bleibt hängen, das Gedruckte imponirt, die Nachwirkung bleibt nicht aus. O dies Schlangengezücht, diese Jesuiten, diese Weltverderber, nichts ist ihnen zu klein, sie benutzen es, um ihre Zwecke zu erreichen. –

Zimmer stand auf und sagte: Jetzt ist es an Ihnen, verehrter Seelenhirt, zu handeln! Die Data haben Sie alle in Händen, ich habe gethan, so viel ich konnte; meine Kraft ist beschränkt, und ich erwarte nun mit allen denen, welche mit mir gleiche Gesinnungen theilen, die Folgen.

Da er sich der Thüre schon näherte, rief der Geistliche: Wollen Sie nicht Ihren Fisch, sammt Zubehör, wieder mit sich nehmen?

Alle diese Documente müssen Ihnen bleiben, sagte Zimmer feierlich, und entfernte sich mit gemessenen Schritten. Der Superintendent begleitete ihn und kam dann murmelnd zurück, indem er sogleich heftig seine Klingel anzog. Ein Diener erschien, und der Superintendent wandte sich mit einer Miene, die Ekel ausdrückte, nach dem Tische, indem er sagte: Nehmt Alles fort, auch die fettige, beschmierte 111 Makulatur! – Und was soll mit dem Bückling? – Ich schenke Euch das Thier, wenn Ihr es haben wollt, sagte der Geistliche halb lachend. Kopfschüttelnd nahm der Diener Alles fort und ging.

Ich bin, sagte der Superintendent zu den beiden jungen Leuten, wie Sie selbst gesehn und gehört haben, auf eine höchst sonderbare Art unterbrochen worden, Ihr Gesuch zu vernehmen. Worin kann ich Ihnen dienen?

Verehrter Herr Superintendent, fing Fritz an, wir beide sind junge Leute, wie Sie sehen; Rosinchen ist die Tochter des Predigers auf unserm Dorfe, ich bin der Sohn des Amtmanns. Wir sind mit unsern Eltern nach der Stadt gereiset, wir lieben uns, können aber die Einwilligung nicht erhalten, weil mein Vater sich zu reich und vornehm dünkt, und der Prediger zu gewissenhaft und ängstlich ist. Da habe ich nun heut Morgen, wie es immer zu geschehn pflegt, und mir auch kein anderes Mittel übrig bleibt, meine Geliebte entführt, und so sind wir vom Markte her wohl durch sieben Straßen gewandert, ehe wir zu Ihnen kamen, und nun bitten wir Sie inständig, uns durch Ihren kirchlichen Segen zum Bunde der heiligen Ehe einzuweihen, damit wir durch sie glücklich und unsere Eltern zur Vernunft gebracht werden.

Der Geistliche betrachtete den jungen Mann mit Verwunderung, der ihm dieses Anliegen so einfach vortrug, daß man ihm ansah, er zweifle gar nicht, der Superintendent werde seinen Wunsch sogleich erfüllen. Rosine, die das Stillschweigen des Erstaunens zu ihren Gunsten auslegte, faßte jetzt die Hand des alten Mannes, indem sie ihm mit ihrem rothen, schaamerglühenden Gesichte ins Auge sah, und fügte hinzu: Ja, Herr Superintendent, zu Ihnen, als dem klügsten und frommsten Manne in der ganzen Stadt, haben 112 wir das feste Vertrauen, daß Sie uns glücklich machen werden. Wir wollten gleich zum vornehmsten und besten Herrn von der Geistlichkeit lieber gehn, als zu einem andern, der uns vielleicht Schwierigkeiten machte.

Der Superintendent, nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte, erwiederte lächelnd: Ohne Zweifel ehren Sie mich sehr, meine jungen Freunde, durch dieses Vertrauen. In welchem Gasthofe sind Sie mit Ihren Eltern abgestiegen?

Im goldnen Schlüssel, antwortete Fritz.

Aber, fuhr der Geistliche fort, Sie sind beiderseits noch sehr jung, und wenn Ihre Eltern gegen Ihre Verbindung Einwendungen machen, so mögen diese wohl sehr gegründet seyn; auch ist die Einwilligung der Eltern beim wichtigsten Schritte, den die Kinder im Leben thun können, so nothwendig und so heiliger Natur, daß jeder gutgeartete Mensch diese wohl nicht ohne die dringendste Noth umgeht.

Diese ist ja aber da, antwortete Fritz, nachdem ich meine Rosine nun entführt habe. Sie scheinen gar nicht in Büchern gelesen zu haben, welch' ein wichtiger und fürchterlicher Schritt das ist. Nun ist ja jede Rückkehr unmöglich.

Der Gasthof, erwiederte der Superintendent, ist gar nicht so fern von hier, und wenn Sie still dahin zurückkehren, wird Sie in dem Getümmel des Marktes wohl Niemand vermißt haben.

Nein! rief Fritz, der Würfel ist geworfen! Das wäre schon, nun wieder nach dem Wirthshause zurück zu gehen, und dort mir nichts dir nichts wieder aus dem Fenster zu kucken. Das wäre ja beinahe eine lächerliche Geschichte. So müssen wir uns denn also wohl nach einem andern Geistlichen umsehen, der uns trauen kann.

113 Sie sind ja aber schwerlich schon mündig, Herr Lindwurm, bemerkte der alte Superintendent; und auch, wenn das selbst wäre, so wäre es wider Pflicht und Gewissen, junge, leidenschaftliche Menschen, die die Welt nicht kennen, hinter dem Rücken ihrer Eltern zu kopuliren. Und selbst, wenn ich leichtsinnig genug wäre, wie ich es gewiß nicht bin, um Ihnen zu willfahren, so würde ich mir dadurch die schwerste Verantwortung zuziehen. Was würde das Consistorium, die Regierung, der Minister dazu sagen, wenn ich durch mein Amt Ihr pflichtwidriges, vielleicht nur kindisches Treiben sanctionirte?

So sprechen Sie, rief Fritz mir hochrothem Gesichte aus, so erwiedern Sie unser schönes Vertrauen? Wer ist Ihr Vorgesetzter? Was kümmert Sie die weltliche Regierung? Ich komme in der Ueberzeugung zu Ihnen, daß es noch die alte evangelische Freiheit giebt, in dem Glauben eröffne ich Ihnen mein Herz, aber ich sehe es nun auch ein, wovon ich schon oft habe munkeln hören, und was vorher der lange Herr, der den Bückling brachte, auch gesagt hat, daß die Jesuiten wieder die Herrschaft erlangen und die Protestanten in Fesseln schlagen; wie könnten Sie sonst so zaghaft seyn, ein gutes Werk zu befördern, und zwei liebende Herzen auf die Bahn des Glückes zu führen? Eine That, die den protestantischen Geistlichen, den ächten Seelenhirten am schönsten schmückt. Aber, ich sehe es, wir sollen wieder die alten Ketten tragen, alle Vorurtheile des dunkeln Mittelalters sollen wieder für uns Gesetze werden. Nehmen Sie sich in Acht, alter Herr, daß Sie nicht in diese Schlingen der Jesuiten fallen, die alle Welt zu verführen suchen, und unsere protestantischen Priester natürlich am liebsten.

Sie sprechen, junger Mensch, sagte der Geistliche mit einigem Unwillen, und wissen nicht was. Das ist heut ein 114 sonderbarer Tag, an dem ich auf so verschiedenen Wegen so Vieles von den Jesuiten hören muß. Der Vater Ihrer Geliebten hätte Ihnen auch wohl bessere Begriffe von der protestantischen Freiheit beibringen können. Herrlich, wenn sie darin bestände, daß jedes entlaufene Paar sich ohne Zeugen und Legitimation vom ersten besten Prediger könnte kopuliren lassen. Doch ich sehe Sie beide lieber als Kinder an, die weder den Schritt begreifen, den sie thun, noch meine Pflichten. Ihre Erziehung ist vernachlässiget worden, und ich bin nicht dazu da, ihr weiter fort zu helfen. Gehen Sie in den Gasthof zu Ihren Angehörigen zurück, und bitten Sie sie um Vergebung, wenn man Sie schon vermißt haben sollte. Man nimmt auch wohl an, Sie sind im Gedränge von den Eltern getrennt worden.

Die kleine Rosine weinte bitterlich, Fritz aber warf sich in einen erhabenen Zorn und rief: Herr! Sie sind selbst ein Jesuit, nun sehe ich es klar, die letzte Wendung hat Sie verrathen! Freilich, lieber lügen und heucheln, als seine edle Liebe baar und offen zu gestehen! Ich sehe das ganze Gewebe durch, und Sie sollen mir keinen Schleier über die Augen werfen! Jetzt begreife ich es auch, warum Sie so wenig darauf eingingen, was Ihnen der scharfsinnige Beobachter in Ansehung der bedenklichen und gefährlichen Bücklingsmänner vorgetragen hat, die skandalösen, papistischen Schriften haben Sie kaum eines Blickes gewürdigt. Vielleicht, wahrscheinlich selbst, daß Ihnen diese Umtriebe ganz recht sind. – Nein, weine nicht, mein Röschen, es giebt noch aufrichtige Herzen, es giebt noch ächte Protestanten! Komm von hier, verlassen wir dieses Babel. Es wird sich ein Geistlicher finden, der uns versteht, und der keine Ausreden sucht. Aber erzählen wollen wir dem, wie wir hier sind behandelt worden.

115 Er faßte die Hand seiner weinenden Geliebten, um sich mit ihr zu entfernen, als der Geistliche, nachdem er den jungen Mann eine kurze Zeit aufmerksam betrachtet hatte, mit ganz verändertem Tone sagte, indem er ihn auf den Sessel zurück führte. Nein, junger Herr, ich bin kein Jesuit, und davon will ich Ihnen den Beweis geben. Ich sehe, Ihre Liebe ist von der ächten Art, treu und ewig, allen Hindernissen gewachsen. Und da dem also ist, will ich es mit Freuden übernehmen, Sie nach Ihrem Wunsche zu trauen; aber Zeugen müssen dabei seyn; ich werde meine Frau und deren Schwester rufen, auch muß ich meine Agende holen und mich in die Amtskleidung werfen. Gedulden Sie sich so lange, ich bin sogleich wieder bei Ihnen.

Er ging durch die Thür und Fritz sah seine Geliebte triumphirend an. Was sagst Du nun, mein Rosinchen? fragte er, schalkhaft lächelnd: siehst Du, man muß jeden Menschen nur zu behandeln wissen, so kann uns Alles gelingen. Jetzt habe ich ihn erschreckt, er sieht ein, mit wem er es zu thun hat. Jetzt bist Du nun in einer Viertelstunde meine kleine liebe Frau.

Rosine sah ihn verschämt an und erwiederte: Es ist ja aber fürchterlich und entsetzlich, wenn der Mann ein Jesuit ist. Ich zittre vor ihm.

Es war nicht ganz so mein Ernst, wie ich mich anstellte, belehrte sie Fritz, ich sprach mehr so, um ihn zu schrecken; halb und halb mag er wohl dahin inkliniren, und darum sattelte er, als ein kluger Mann, gleich um, da er meinen Ernst sah.

Lieber Fritz, sagte Rosine, was ist denn eigentlich ein Jesuit, wovon ich jetzt so viel höre?

Das ist eben schwer zu beschreiben, antwortete Fritz zögernd und mit einiger Verwirrung. Sieh, mein Kind, 116 böse Menschen sind es auf allen Fall, die unsre Kirche stürzen und uns wieder zum Aberglauben zurückbringen wollen. Sie sollen es so künstlich anfangen, daß man ihnen nur schwer auf die Spur geräth. Sie verfahren so fein, daß mancher ein Jesuit ist, und weiß es selber nicht. So geht es durch alle Stände, vom König bis zum Bettler hinab. Der Herr, der hier war, hat die Entdeckung gemacht, daß aus fernen Landen die Menschen verkappt herkommen, als wenn sie Fische verkauften.

Mein Gott! mein Gott! rief Rosine verzweifelnd und rang die Hände, Du bist wohl auch einer von den bösen Menschen, und ich gerathe unter sie und weiß nicht wie.

Nein, mein Kind, sagte Friedrich, und faßte die Hände der Kleinen, ich bleibe dem Glauben meiner Väter treu, und will schon dafür sorgen, daß Du nicht von der evangelischen Lehre abfällst.

Aber wenn Du nun schon, ohne es zu wissen, so ein böses Ungeheuer bist, antwortete sie: was ist denn die reine Lehre? Wo steckt eigentlich der Aberglaube? Nicht wahr, auf unser Dorf, nach Wandelheim, kommt das Mittelalter wohl nicht hin? Mein Vater hat mir von allen den Sachen nichts in der Kinderlehre gesagt.

Es ist erst jetzt so schlimm geworden, antwortete Fritz, und Alles weiß ich auch noch nicht; die Hauptsache ist, daß ich mich fürchte, und niemals mehr von den geräucherten Heringen essen werde, die mir schon immer verdächtig vorgekommen sind. Sie haben wirklich einen ganz papistischen Geruch. Da ist der klare, weiße, gesalzene Hering doch eine ganz andere Creatur.

Lieber Fritz, sagte Rosine ängstlich, was gehen uns alle die Sachen an? Weit schlimmer ist es, daß der alte Herr gar nicht wieder kommt.

117 Er muß sich ankleiden, sagte Fritz, seine Frau ebenfalls.

Wenn Du ihm nur nicht gesagt hättest, fuhr sie fort, wo unsre Eltern wohnen. Wenn der Mann so listig ist und zu der abscheulichen Sekte gehört, so ist er im Stande, ganz still zu Deinem Vater hinzugehen und uns zu verrathen.

Das wäre gräßlich! rief Fritz erschrocken aus. Er ging nach der Thür; sie war verschlossen. – Wir sind verloren! schrie er aus. – Eingefangen! – Siehst Du nun, daß ich ihm nicht Unrecht that, daß er ein solcher Ketzer ist? Uns vorgelogen, daß er uns trauen wolle, daß er nur seinen Ornat hole? So freundlich sich gekrümmt und gewunden! Und nun ein solcher Judas! Und der Bösewicht soll der Vorsteher einer christlichen Gemeine seyn! Er soll das Wohl und Wehe von Tausenden besorgen!

Hättest Du ihm nur nicht gesagt, wo die Eltern wohnten, klagte Rosine, wenn er uns nur erst vorher getraut hätte!

Er hätte wieder eine andre Ausrede gefunden, sagte Fritz, denn er ist klug wie die Schlangen.

Rosine ging händeringend und schluchzend im großen Zimmer auf und ab. Nun, rief sie, werden sie bald mit den Häschern kommen; Du bist ein Entführer, Fritz, darum schlagen sie Dich in Ketten und sperren Dich in den finstern Thurm. Entführen, nicht wahr, ist ein Kapital- und Kriminal-Verbrechen? Das geht eigentlich an den Hals? Ach! Du Unglückseliger! wohin hat Dich Deine reine, heftige Liebe zu mir, dem armen Wesen, geführt!

Jetzt konnte auch Fritz seine Thränen nicht mehr zurück halten. Die armen Kinder standen sich höchst betrübt gegenüber, und hatten allen Muth und jede Hoffnung verloren. Schaffot, Kerker, Ketten, Schande, Folter, Alles ging durch ihr verwirrtes Gemüth. Gern wären sie, wenn es möglich 118 gewesen wäre, still zum Gasthofe zurück gekehrt, denn Fritz hatte alle seine Kühnheit, die eben noch so drohend sprach, eingebüßt. An der Tapete rührte in ihrer Betrübniß Rosine an einem kleinen Haken, und es zeigte sich, daß dies eine Thür war, die nach den innern Gemächern führte. Sie gingen sacht in das Nebenzimmer, welches auch eine Hauptthür hatte, die zum Glück offen war, sie schlichen die Treppe hinunter, öffneten leise das Thor und standen wieder auf der Straße. Schnell eilten sie nach dem bewegten Theile der Stadt, um nur das Haus des Superintendenten aus den Augen zu verlieren.

Als sie von der Menschenmasse gedrängt und gestoßen wurden, war ihnen wieder wohl. Sie waren ungewiß, ob sie nach dem Gasthofe gehen sollten; sie kehrten aber schnell wieder um, als sie in dessen Nähe gelangt waren, denn sie sahen aus der Thür desselben den Superintendenten kommen, der noch auf der Straße mit den Kellnern sprach. Dieser Anblick scheuchte die Schuldbewußten wieder in das Gewühl des Marktes zurück.


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