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Der Jahrmarkt

Ludwig Tieck: Der Jahrmarkt - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Zwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1832
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDer Jahrmarkt
pages178
created20130625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im großen Saale des Gasthofes war die weit ausgebreitete Wirthstafel mit Gästen so besetzt, daß unsere bescheidenen Reisenden nur in einer Ecke ihre Plätze nehmen konnten. In ihre Nähe setzte sich der kleine Schauspieler Buchweiz, und ihnen gegenüber ein junger Mensch, der besonders in das klare reizende Gesicht der Rosine und in ihre leuchtenden Augen sich vertiefte. Dieser suchte sich durch Gespräch und zarte Aufmerksamkeiten beliebt zu machen, so daß auch Fritz, der neben Rosinen saß, böse war, weil sie nach seiner Meinung zu viel und zu aufmerksam nach den unnützen Redensarten des Fremden hinhörte. Der Amtmann so wie der Prediger waren verstimmt und nachdenkend; beide bereuten es fast, daß sie sich nach der verwirrten Residenz begeben hatten.

Nach vielen Erzählungen, Scherzen und nüchternen Einfällen kam endlich, gegen den Beschluß der Mahlzeit, die Rede auf die Kunst, und der fremde Jüngling, der sich schon immer sehr lebhaft gezeigt hatte, wurde nun noch herzlicher begeistert. Wir leben in einer Zeit, fing er an, wo so viele die hohe himmlische Bestimmung dieser Tochter des Olymps bezweifeln wollen, und doch zeigen sich immer wieder und 91 unter allen Umständen, Beweise, wie nahe der Kunst die Erreichung ihrer höchsten Absicht liegt, die Veredlung nehmlich des Menschengeschlechtes. So hat sich heute Vormittag ein merkwürdiger Vorfall ereignet, der in den Annalen der Kunstgeschichte eine Epoche bezeichnet.

Der Amtmann wurde aufmerksam und auch der Pfarrer hörte auf den Begeisterten hin, welcher also fortfuhr: Sie wissen, mein Fräulein, daß unsere Residenz und selbst das ganze Land schon seit lange von einem merkwürdigen Banditen, den sie nur den kleinen Caspar nennen, in mehr als einer Hinsicht belästiget wird. Man hat Preise ausgeboten, um den gefährlichen Menschen zu fangen, die klügsten Polizei- Beamten haben sich beeifert, ihn auszuforschen und seiner habhaft zu werden; man hat alle Behörden auf dem Lande in Bewegung gesetzt, um nur etwas Gewisseres von ihm zu erfahren, doch bisher immer umsonst. Es ist jetzt (was Sie besuchen sollten) ein Kabinett von Wachsfiguren in unserer Stadt, lauter ächte Kunstwerke, die von den größten Meistern gefertiget sind, etwas Ueberschwengliches in jeder Figur, wie denn die Kunst in dieser Rücksicht seit neuerdings wirklich Riesenschritte gemacht hat. O mein Fräulein! verzeihen Sie meiner Bewegung, welche vielleicht eine kältere Natur mißdeuten könnte. Heute Morgen also tritt ein Mann, ein angesehener, mit Begleitung in diesen Saal. Man bemerkt, er ist erschüttert, man sieht seine Thränen rinnen. Am längsten verweilt er vor dem Meisterstück, der sprechenden, unendlich geistigen Gestalt des berühmten Cartouche. Man sieht das Klopfen seines Herzens. Er sinkt in die Kniee in einer betenden Stellung, und als er sich wieder erhebt, sagt er mit hochverklärtem Antlitz: man rufe den Herrn Polizei-Präsidenten, ich habe ihm etwas sehr Wichtiges zu offenbaren! – Es geschieht. – Der Richter 92 kommt, ungewiß, erwartungsvoll, höchst gespannt, – und – denken Sie, schönes Fräulein, – bemerken Sie die göttliche Wirkung der Kunst – ich bin gerührt, erschüttert, ruft der Unbekannte, von diesen himmlischen Werken umgewandelt, ein neues Herz ist in meinem Innern erwachsen, – ich bin, – so ruft der große, – der kleine Caspar, den man schon seit Jahren sucht. – Er giebt sich an; denken Sie das Erstaunen des Präsidenten, der sich anfangs in diese Seelengröße gar nicht zu finden weiß. Die ganze Stadt ist erschüttert, und ich kann meine Thränen nicht zurück halten.

Rosine hätte gern von Herzen gelacht, wenn sie nicht das verzerrte Antlitz des Amtmanns gefürchtet hätte, welcher jetzt, von neuem höchst erzürnt, der gefühlvollen Erzählung eine prosaische Nutzanwendung gab, indem er laut ausrief: Donnerwetter und kein Ende! Wie können Sie nur, mein guter junger Mensch, sich solche abgeschmackte Faseleien aufbinden lassen! Wie sollten denn so ganz dumme Wachs-Narretheien, solche alberne Physiognomien, die alle nach Hammeln geformt sind, die blinzend in die Sonne schauen, – wie sollten denn solche Vogelscheuchen eine überirdische Wirkung nur auf einen Dummkopf, geschweige auf einen abgefeimten Spitzbuben veranstalten können! Ich war es, mein junger Jünglings-Mann, der sich über den wächsernen Nasendreher und gewissenlosen Schelmenfabrikanten heute bei der Polizei beschwert hat, weil man meinen Gallarock und meine Silhouette zu einer nichtsnutzigen Infamie gemißbraucht hat. Und weit entfernt, daß eine solche Kunst göttlichen Ursprungs seyn sollte, verdient sie vielmehr als eine Pasquillantin in das ordinäre Halseisen gespannt zu werden und an dem Pranger zu stehn. Ja, junger Begeistrungs-Jünger, Sie sind also falsch berichtet worden, denn dieser niederträchtige Mann, der Cartouche (wie ich bei mir die 93 Hunde nenne) war ich in der Vorstellung. Sehn Sie also künftig zu, Bester, worüber Sie weinen, denn Sie können gewiß Ihre Thränen besser anwenden.

Der Jüngling stotterte sehr verlegen eine Entschuldigung, und meinte nur, ein andrer seiner Freunde habe ihm erzählt, wie er den großen Verbrecher, von den sämmtlichen Chorschülern begleitet, habe nach dem Stadtgefängnisse bringen sehn.

Das war ich! rief der Pfarrer höchst verdrüßlich; man kann, scheint es, nicht ein Paar Stunden in der Stadt seyn, ohne für einen Banditen zu gelten.

So bin ich denn falsch berichtet worden, sagte der empfindsame Jüngling. Da ich aber ein so inniger Verehrer der Kunst bin, so glaube ich nur zu gern, was man zu ihrer Verherrlichung erzählt, und wenn es zumal sich deutlich ergiebt, wie sie durch ihre Gewalt das Gemüth eines verstockten Bösewichtes umgewandelt hat.

Die Kunst, warf plötzlich Buchweiz ein, indem er sich der Rede bemächtigte, wenn ich die des Theaters ausnehme,. weil hier ihr Einfluß und ihre Heilsamkeit so einleuchtend ist, daß es Aberwitz wäre, ihn bestreiten zu wollen, die übrige Kunst, behaupte ich, hat von jeher weit mehr geschadet, als genutzt. Sie ist ein verderbliches Gift, das die Kraft der Staaten aussaugt und die Moralität der Menschen untergräbt; sie erregt Zwiespalt, Haß, Verweichlichung, und ist schlimmer anzusehn, als ein offenbarer Feind, der von außen herein bricht.

Wenn Sie sich vielleicht auf die Wachsfiguren beziehn, sagte der Amtmann, so bin ich jetzt vollkommen Ihrer Meinung; diese Kunst arbeitet der Religion entgegen.

Noch mehr das Ausputzen von Gärten mit heidnischem Kram, bemerkte der Pfarrer. alles führt uns ab von dem 94 Einen, welches Noth ist. Ueber dergleichen eigendünkelnde Schöpfungen verlieren wir nur gar zu leicht den Schöpfer aus den Augen: wer sich mit Phantasten einläßt, entfernt sich vom Glauben.

Sehr richtig bemerkt, antwortete der Offizier, der sich an den Tisch in die Nähe der ländlichen Gesellschaft niedergelassen hatte. Wäre nicht die Kriegskunst, welche die Staaten erhält und vertheidigt, so dürfte alles, was Kunst heißt, nur wieder untergehn und in Vergessenheit gerathen, da die gereifte Menschheit diesem Kindertande endlich entwachsen ist.

Wie! rief ein junger Maler mit Entsetzen aus, indem er einen leeren Platz neben dem empfindsamen Jüngling einnahm: ist das Ihr Ernst, Herr Hauptmann? Kann irgend ein Mensch wirklich die Göttlichkeit der Kunst bezweifeln? Wenn ich auch die übrigen fallen ließe, so werden Sie doch wenigstens die Malerei müssen gelten lassen.

Und diese, rief Buchweiz etwas lauter, am wenigsten. Es ist nicht so gar unrecht von den Muselmännern, daß sie die Bilder, als eine Gottlosigkeit, verboten haben.

Wir sind aber Christen, erwiederte der Maler, und unsre Religion hat diese Kunst immerdar beschützt, und alle christlichen Fürsten haben der Kunst gehuldigt und sie durch Akademieen geehrt und befördert. Theure Schulen sind gestiftet, um Talente zu wecken und aufzumuntern. Ja, es hat den Anschein, als wenn Staaten und Regierungen, Völker und Constitutionen, Handel und Länderverbindungen nur dahin abzweckten, die Kunst mittelbar und unmittelbar zu befördern.

Dies kann alles wahr seyn, antwortete Buchweiz, und ich und meine Parthei werden dennoch Recht behalten. Der Aberglaube an die Kunst und ihre Nothwendigkeit oder ihren 95 Adel ist freilich ein sehr alter Aberglaube, denn in Indien und Aegypten finden wir ja uralte Spuren und Werke, die uns belehren, daß die Priester-Kaste durch sie schon in früher Vorzeit die kindischen Menschen gelenkt und beherrscht hatte. Seit die unruhigen Griechen auf Erden ihr Wesen trieben, ist es Mode geworden, das poetische Zeug und Alles, was mit diesem zusammenhängt, für was Nobles zu halten. Aber, glauben Sie mir nur, sehr dem Sinne der wahren Herrscher, welche in die Ferne sehn, entgegen. Und in neueren Zeiten, – wer waren denn diese Medicäer, die immer und ewig gepriesen werden? Bürgerliche Emporkömmlinge, um nichts besser, als jener konfuse Perikles, der ganz Griechenland in Verwirrung brachte und durch seine Kunstliebe zerstörte. Einige irreligiöse Päpste haben das Werk fortgesetzt, statt daß sie die Aufklärung hätten befördern sollen. Eben so Reichsstädte, wie Nürnberg, die nichts besseres zu thun hatten, und deren Kunst sich nachher in die Kinderpfeifen und Puppen und Lebkuchen zurückgezogen, und in ihnen nur noch einigermaßen fort vegetirt hat. Meine Herren, es ist nicht zu leugnen, daß es unter den menschlichen Anlagen auch einen Kunsttrieb giebt, und daß sich viele herrliche Genien dieses blinden Triebes bemächtiget haben, um treffliche und zuweilen ganz vorzügliche Werke hervor zu bringen. Aber geschadet hat die Ausbreitung dieses Kunstgeistes immerdar. Perikles und die Medicäer können es am deutlichsten beweisen. Und nun zu jener Zeit, die damals in Italien unter dem zweiten Julius angebrochen war, – welche Ueberschwemmung von trefflichen Kunstwerken! Die Kenner wissen, daß es damals in Italien kein Städtchen, keinen Flecken, kein Dorf gab, wo nicht wenigstens Ein vorzüglicher Meister wohnte. Wie eine Epidemie hatte sich das Gift ausgebreitet, denn wer nur einen Pinsel ansetzte, war ein Genie. 96 Lächerlich drum, wenn wir jetzt so oft die Meister bestimmen und über sie zanken wollen. Ganz unbekannte, nie genannte, längst vergessene haben Tafeln mit Farben überzogen, wie es nachher und jetzt nicht die Berühmtesten vermochten. Allenthalben, in Kirchen, Klöstern und Pallästen, Kaufmanns- und Bürgerhäusern, in den offenen Capellen auf den Landstraßen, auf Steinen und Hölzern am Wege fand und sah man nichts als Bilder, und gute Bilder, und diese Fülle von Mustern begeisterte wieder Knaben und Jünglinge, und alles streckte die Hände nach Palette und Bleifeder aus, um zu zeichnen, zu malen, zu skizziren, inventiren, korrigiren, porträtiren und zu phantasiren, so daß es schien, als wenn die Welt an diesem Bilderkrame untergehen solle. Die Herrscher auf den Thronen, die klüger gewordenen Päpste auf ihren Stühlen, die Gesetzgeber zwischen ihren Akten fingen auch an zu zittern, daß die Gewerbe, der Glaube, Staat und Kirchenthum leiden, wohl gar an diesem Gewirre untergehn möchten. Was half es, wenn die Regierenden die Künste nicht mehr beschützten und ihnen die Unterstützung entzogen? Bürger, Kaufmann, Bauer und Adel und Unadel mochte ohne diese Klexerei nicht mehr leben. Nicht nur innen waren die Häuser und Wände voller Bilder, auch außen waren ganze Straßen, Klöster und Kirchen beschmiert, so daß ein rechtlicher Mann und Patriot kaum einen Winkel finden konnte, um sich, wie es doch oft unerläßlich ist, zu erleichtern. In jenen Zeiten, so lesen wir in Chroniken und Berichten, war zwischen Päpsten, Florenz, Urbino, Frankreich, Ferrara, Venedig und was noch, ein beständiges Verhandeln, Beschicken, Gesandtschaftsberichten, heimliches und öffentliches Bündnißschließen. Die politischen Verhältnisse waren verwickelt; wer leugnet das? Aber ich, der ich Zugang zu manchen noch unbenutzten Archiven fand, der ich in so 97 manchem Rathhause bis zu seinen unterirdischen Tiefen drang, wie in Bremen und Hamburg, ich habe an vielen Orten Spuren, Zeugnisse, Hindeutungen, ja gewisse Nachrichten angetroffen, die mich überzeugen, daß nicht bloß über jene politischen Verhältnisse zwischen den Päpsten, Herzogen, Kaisern und Königen verhandelt wurde: nein, es galt zugleich dieser verderblichen Kunst. Sollte man ihr den Krieg erklären? Die Zeit der Kreuzzüge war vorüber, man konnte nicht, wie gegen die Albigenser, gegen diese lombardischen, venetianischen und florentinischen Schulen wüthen. Die Bilderstürmer, die in den Niederlanden in diesem Sinne, und hie und da in Deutschland zu arbeiten anfingen, waren zugleich in den Augen der Regenten Rebellen, und in denen der Päpste Ketzer. In dieser mißlichen Lage war ein weltkluger Papst, der die Menschen kannte, auf einen Gedanken gerathen, dem Könige und Kaiser und etwas später die Herzoge, so wie bald darauf auch die Republiken beitraten. Mit Gewalt gegen das Uebel kämpfen, hätte wahrscheinlich die Sache nur schlimmer gemacht. Nein, meine Freunde, man gab sich heimlich das Wort, daß man den Anschein annehmen wolle, als beschütze, als befördre man die verderbliche Sache, um sie auf diesem Weg nach und nach herunter zu bringen. So entstanden denn in allen Ländern jene gepriesenen Akademieen, und ihnen haben wir es in der That zu danken, daß dem Ueberwachsen und Ausbreiten jenes Unkrautes der Kunst ziemlich Einhalt gethan ist. Mit Recht trachtete man dahin, nach und nach das Vortreffliche zu verschreien, oder in Vergessenheit zu bringen, das Unbedeutende, Nüchterne, Manierirte zu heben. So verloren sich nach und nach die Genien, weil ihnen die löbliche neue Anstalt in allen Richtungen widerstrebte. Die Völker langweilten sich an der Kunst, die ihnen früher zum Leben unentbehrlich 98 geschienen hatte. Man sorgte mit vieler Einsicht dafür, daß die Vorsteher der Akademieen, die Lehrer bei denselben nicht etwa helle Köpfe waren, die ihre Aufgabe mit Ironie und dem Verständniß der großen Forderung lösten: sondern ehrliche, beschränkte Männer wurden befördert, die ihr armes Pinseln und Anstreichen für das Rechte hielten, und von allen Schülern dieselbe Antike, dieselbe Kritik, Symbolik, Systematik, Physiognomik, Mathematik und ihre erfundene Symmetrie der Gedanken verlangten. Als man schon weit fortgeschritten war, schickte man noch das Gespenst des Ideales in die ausgelichteten Köpfe und Gemüther, um gleichsam dadurch die Rückkehr und das Wiedererwachen eines lebendigen Triebes, oder gar der Begeistrung auf immer zu verhindern. Sehn Sie, einsichtsvolle Kunstfreunde, so sind die Akademieen und ihre Direktoren und Professoren, ihre Intendanten und Expektanten, ihre Scholaren und Mäcenen entstanden, und in diesem Sinne sind sie fortgesetzt, und haben das Lob und die Bewundrung der Staaten redlich verdient, die Ehrenzeichen und Besoldungen für ihre Vorsteher und Lehrer waren gewiß gut angewendet, – denn wo, möchte man wohl fragen, ist denn nun jene gepriesene und gefürchtete Kunst geblieben? Welche Werke hat sie seitdem aufgestellt? Wen hat sie begeistert oder verführt? Wie die übrigen Staats-Elemente, wie die andern Dikasterien, Büreaus oder Kollegien schleicht sie sanft und menschlich, still und ohne Aufruhr zu erregen, in ihrem Geschäftsgange saumselig, aber human einher – und es ist eine Erbauung, es mit anzusehen, wie Diplomaten, große Herren, aufgeklärte Geistliche und geadelte Banquiers nun zuweilen vor einem neu vom Stapel gelaufenen großen Kunstwerke stehen oder sitzen müssen, durch und durch gelangweilt, aber doch in Freude, daß die Sache so überaus gelungen und das 99 entzückende Werk so völlig schlecht ist. Sie werfen sich Blicke zu, sprechen: hm! – ha! – ja, ja! – und so weiter, die Losungssylben, mit denen sich die Klugen unter einander verstehen. Sind Uneingeweihte zugegen, oder Künstler, so muß man freilich einige Bewundrung hinzufügen, um nur das Geheimniß nicht zu verrathen. Es will freilich verlauten, der Krater dieser Revolution, der nun so verständig und human auf immer zugedeckt schien, habe sich neuerdings wieder in Lava und Flammen ergossen. Und so schiene denn, wenn das Gerücht Wahrheit enthält, daß keine menschliche Weisheit jenem Lucifer, dem Lichtbringer, Phosphorus, oder Kunstgeist, wie man ihn nennen will, auf immer hemmend entgegen treten könne. Das ist freilich das Loos aller Bemühung der Sterblichen.

Gottfried wollte antworten, als Alle durch den dicken Herrn von Mayern gestört wurden, der jetzt erst kam, als die Mahlzeit fast beendiget war. Er aß schnell und erzählte wieder von dem Magus in der Vorstadt so viel, daß Gottfried sich im Stillen vornahm, sogleich von der Tafel sich dorthin zu begeben, um von diesem wunderbaren Manne, der doch vielleicht mehr als ein Marktschreier seyn könne, Nachrichten von seinem verlornen Bernhard zu bekommen.

Ehe er sich aber zum Zauberer begab, suchte er jenes Haus auf, in welchem er den Gärtner finden sollte, der ihm in jenem Briefe bezeichnet war. Die Anweisung führte ihn vor ein großes Gebäude, welches beinah ein Pallast zu nennen war. Er verwunderte sich, als er auf Erkundigung erfuhr, dieses Haus sei das Eigenthum eines jüdischen Banquiers. Er ließ zaghaft die Glocke ertönen, die mächtige Thür öffnete sich durch ein Druckwerk, und der Portier wies ihn von einem Fenster herab nach dem Hofe. Hier war das kleine Häuschen, in welchem der Gärtner wohnte. Durch 100 ein eisernes hohes Gitter sah er die Bäume eines weit verbreiteten Gartens.

Im Häuschen fand er ein uraltes Mütterchen, das in Sämereien und Tulpenzwiebeln kramte. Sie rief auf die Bitte des Pfarrers ihren Mann aus dem Garten. Der Greis verwunderte sich über den Besuch und konnte die Nachfrage nicht begreifen. Er erklärte, daß er von jenem Briefe und der ganzen Sache gar nichts wisse, daß er aber mit dem Herrn des Hauses sprechen wolle, denn diesem bringe er alle Briefe, die er wohl zuweilen, aber nur selten, erhielte, und dieser Mann, der mit der ganzen Welt in Verbindung stehe, würde wahrscheinlich auch um jenen Brief und um die Angehörigen dieses verlornen Bernhard wissen. Der Pfarrer versprach, am folgenden Tage wieder zu kommen, um sich bei dem Handelsherrn selbst zu erkundigen.

In einem einsamen Hause der Vorstadt hatte der Magier seine Wohnung genommen. Einige Vornehme kamen mit rothen Gesichtern die Treppe herunter, um in ihre Wagen zu steigen, die in einiger Entfernung hielten. Er ist mit dem Satan im Bunde! sagte der Eine grollend zu seinem Begleiter, und ich bitte nur, sprechen Sie nie von dem, was er in Ihrer Gegenwart gesagt.

Ich muß dieselbe Bitte an Sie thun, erwiederte jener; es bleibt unbegreiflich, wie er so Vieles von uns weiß, das ich längst für vergessen hielt, weil ich selbst es gern vergessen habe.

Mit klopfendem Herzen stieg der Pfarrer die hohe Treppe hinauf. Sein Gewissen meldete sich und sagte ihm, daß er jetzt einen Schritt thue, der einem Priester und religiösen Manne nicht gezieme. Indessen war er schon zu weit vorgeschritten, und beschwichtigte seine Scrupel mit der Ausrede, daß er nur einer unschuldigen Neugier nachgebe.

101 Im Vorsaale mußte er einen Thaler in eine Büchse werfen, die ihm eine seltsam gekleidete Figur hinreichte. Ein Diener führte ihn in den Saal, wo er einen andern traf, welcher den zweiten Thaler von ihm forderte. Auch dieser ging in einem fremdartigen orientalischen Gewande. In armenischer Tracht trat jetzt eine hohe Figur herein, mit einer spitzigen Mütze auf dem Haupt, einem schwarzen kleinen Bart und mit pechschwarzen Augenbraunen. Gottfried begrüßte ihn als den Zauberer, der Armenier beugte sich, die Arme auf die Brust gelegt, vor ihm, umarmte ihn dann, und sagte ihm in gebrochenem, fast unverständlichem Deutsch, er sei nicht selbst der große, weltberühmte Magus, wolle ihn aber seinem Herrn und großen Meister anmelden, der drinne in seinem Zimmer über hochwichtigen Arbeiten sitze.

Mit den letzten Worten verließ er ihn, indem er sich wieder tief vor ihm, auf orientalische Weise, neigte. Der Pfarrer mußte lange warten, und betrachtete die ausgestopften Krokodile und Schlangen, die seltsamen Bildnisse, sowie einige Monstra, die in großen Gläsern aufbewahrt wurden. Endlich öffnete sich die Thür, der Armenier ging vorbei und bedeutete dem Priester, daß er eintreten möge.

Im Zimmer, welches sogleich wieder geschlossen wurde, saß ein kleiner greiser Mann, mit einem schwarzen Talar bekleidet. Er war in Schriften und Rechnungen vertieft, und um ihn standen Himmelsgloben, vielfache Instrumente, Bücher und sonderbare Gemälde, die Erscheinungen, Geister und Wunder darstellten; Blätter, mit Hieroglyphen bemalt, bedeckten die Wände. Der Kleine erhob sich endlich, sah mit durchdringendem grauen Auge den Prediger an, welcher sich in Verlegenheit befand, und sagte dann: werther Herr, worin kann ich Ihnen mit meinem Rathe dienen?

Gottfried trug ihm seine Frage bescheiden vor, ob er 102 wohl Hoffnung nähren könne, von einem gewissen Bernhard etwas, vielleicht bald, zu erfahren.

Der kleine Zauberer setzte sich nieder und fing an zu rechnen. Nach einer Weile stand er wieder auf und ließ sich bestimmter die Ursach angeben, weshalb der Pfarrer jetzt diesen Verschollenen aufsuche. Als er die Umstände erfahren hatte, sagte der Kleine mit Feierlichkeit: Herr Prediger Gottfried, Hochwürdiger Herr, der Sie aus Wandelheim in dieser und noch einer andern Absicht zur Residenz gekommen sind, es mag sich fügen, daß Ihr Wunsch in Erfüllung geht.

Der Pfarrer erstarrte, daß der Unbekannte seinen Namen und Wohnort, ohne Anweisung, so bestimmt anzugeben wußte. Wie erschrak er aber, als der Wahrsager fortfuhr: Die kleine Muhme Brigitta, die vor zwanzig Jahren in Ihrem Hause zum Besuch war, ist recht früh verstorben, das liebe Kindchen. Ihr großer Hund, den man seltsamer Weise Emmrich nannte, nach dem lustigen Jäger, von dem Sie ihn zum Geschenk erhielten, spielte damals recht artig mit dem kleinen Mädchen. Dieser gutgesinnte Pudel ist nun freilich auch seit lange dahin. Ich sehe, Sie tragen noch denselben Stock in der Hand, welchen Ihnen um dieselbe Zeit ein Durchreisender verehrte, der von Jerusalem kam, und Ihnen zum Andenken für Ihre freundschaftliche Aufnahme diesen Palmenzweig schenkte. Der Mann, wie Sie wissen werden, ist nachher als General in österreichischen Diensten gestorben. Es war ein lustiger Abend, als er sich auf einem Spaziergange zu Ihnen verirrt hatte, und Sie beim anhaltenden Regenwetter mit Ihrer damals jungen Frau und dem Förster Emmrich und andern Nachbarn mit ihm einen ganzen Abend um Nüsse spielten, wobei viel gelacht und allerhand Mährchen erzählt wurden.

Der Pfarrer sah ihn mit großen Augen an und sagte 103 endlich: Waren Sie denn, verehrter Herr, damals wohl auch in unserm Dorfe und meinem Hause?

Nichts weniger, sagte der Zauberer, ich bin niemals in jene Gegend gekommen; aber so wie Jemand in meine Nähe tritt, und ich bin begierig, denselben näher zu kennen, so richte ich meinen Geist ihm zu, und weiß durch diesen Vorsatz Alles von ihm, was ich erfahren will.

Schrecklich! sagte der Pfarrer, und trat einige Schritte zurück; und so kann Ihnen Nichts verborgen bleiben?

Warum auch? erwiederte der Zauberer: der Mensch bleibt Mensch, das ist das Resultat meiner hundertjährigen Forschung. Ist es denn etwas Besonderes, daß Ihnen damals, als Sie noch ein junger Mann waren, die Nichte Ihres geistlichen Bruders in Warmstedt vielleicht etwas mehr gefiel, als es einem Priester und kürzlich getrauten Eheherrn nach den strengsten Grundsätzen der Eiferer geziemlich war?

Bei meinem Wort! rief der Pfarrer entsetzt, es ist nichts zwischen mir und diesem Mägdlein vorgefallen, worüber ich mir eigentlich Vorwürfe machen dürfte. Sie hat nachher in einer glücklichen, unbescholtenen Ehe gelebt.

Ich weiß, antwortete der Magus; aber das kleine goldne Herzchen, welches Sie ihr damals, halb gegen ihren Willen raubten –

Ich habe es ihr, als sie getraut werden sollte, zurückgestellt, erwiederte der Priester, und meine Frau hat niemals etwas bemerkt.

Zeigen Sie mir Ihre Hände! rief der Magus. Der Pfarrer bot sie ihm zitternd, und der Magus betrachtete die Linien der flachen Hand genau und lange. Dann setzte er sich wieder hin, um zu rechnen, und sagte nach einiger Zeit: Dieser Bernhard lebt noch, ich weiß es ganz gewiß, er hat 104 mannichfaltige Schicksale erfahren und ist jetzt eben auf dem Wege zur Residenz. Morgen in der dritten Stunde Nachmittag können Sie das Fest des Wiederfindens feiern, draußen im schönen Garten, in der zweiten Laube rechts. Erwarten Sie ihn dort.

Mit unbeschreiblichen Gefühlen ging der Pfarrer, nachdem er Abschied genommen hatte, zur Thür wieder hinaus. Ihm begegneten Fremde, welche der Armenier ebenfalls einführte. Herr von Wandel, rief der Armenier, wünscht Besuch' Dir, und andre Cavalier. –

Der Magier begrüßte sie, und Gottfried glaubte, als er wieder im Freien war, sich in einer neuen Welt zu befinden. Immer hatte er allen Aberglauben als Thorheit abgewiesen, und jetzt mußten ihm so viele Wunder begegnen.

Er war tiefsinnend; die Uebrigen kehrten müde von einem Spaziergange zurück, und Alle suchten die Ruhe.


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