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Der Jahrmarkt

Ludwig Tieck: Der Jahrmarkt - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Zwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1832
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDer Jahrmarkt
pages178
created20130625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Am Morgen standen Alle mit den größten und sonderbarsten Erwartungen auf. Fritz und Rosine sahen aus den Fenstern des großen Gasthofes, und freuten sich über die gerade, weit hingestreckte Gasse, wo Haus an Haus stand, eins so hoch wie das andre, und kein Feld, kein Garten, kein Baum dazwischen. Wenn man so was, sagte Rosine, unserer Magd draußen erzählte, sie würde es nicht glauben. Alle diese Häuser und Mauern so hoch wie unser Kirchthurm, 66 und so weit, weit hinunter, wie das Auge nur sehn kann, und lauter große Fenster, und hinter allen Fenstern geputzte Leute, und Menschen unten, die immer, immer wieder vorbeigehn, und Soldaten darunter und Trommelschläger, und dann wieder Bauern mit Gemüse, und Briefträger und was nicht alles.

Hier, antwortete Fritz, kann den Leuten die Zeit unmöglich lang werden, denn es fällt immer, immer etwas vor. Wenn nur ein einzigesmal die gestrige Abendtrommel mit ihrer Musik durch unser Dorf ziehn wollte, die Leute würden gewiß alle ein ganzes Jahr darüber sprechen. Das muß in solchen Städten ein glückseliges Leben seyn. Wenn wir uns draußen einmal unter der Linde heimlich sprechen wollten, so mußten wir immer fürchten, daß es der Verwalter, oder einer seiner Knechte, oder Eure Magd sehn könnte und weiter erzählen, hier in der Stadt ist aber die allergrößte Sicherheit, denn es laufen, sprechen und drängen immer so viele Menschen, daß keiner Zeit hat, auf den andern Acht zu geben.

Hier ist ein solches Durcheinanderlaufen, antwortete Rosine, daß ich erst gedacht habe, es müsse Aufruhr oder Empörung seyn. Auch schreit alles so durcheinander, die Höker, die Verkäufer, die Bauern auf Wagen, die Fischhändler, und so vieles mir ganz unbekannte Volk, daß man wie betäubt wird und keinen stillen Gedanken fassen kann. Wie die Leute nur beten können. Schon die vielen Glocken machen es ihnen unmöglich.

Nach dem Frühstück zog die ganze Gesellschaft aus, um sich vorläufig die Stadt etwas in Augenschein zu nehmen. Man schritt nur langsam vor, weil jeder, vorzüglich die jüngsten, bei jedem Laden, jedem Zeichen und Bilde still standen, um es aufmerksam zu betrachten. Ihre Neugier 67 war so auffallend, sie stellten so unbefangen die Unerfahrenheit der Dorfbewohner dar, daß sie wiederum für die Städter ein Gegenstand der Betrachtung und Verwunderung wurden. Als Fritz um eine Ecke bog, um einem Grenadier, dessen hohe Bärenmütze ihn erfreute, zu folgen, zog ihn der Vater am Rockschooße zurück, weil seine Absicht war, sich nach einem Platze zu wenden, zu welchem ihn hohe grüne Bäume aus der Ferne einluden. Dieser Gang führte sie wieder aus der Stadt in die Promenaden, und zugleich zu einer Reihe von großen hölzernen Gebäuden, in welchen verschiedene Schau-Ausstellungen sich der Betrachtung boten.

Man las die verschiedenen lobpreisenden Zettel und Ankündigungen, und dem Amtmann schien ein großes berühmtes Kabinett von Wachsfiguren, in welchem viele bekannte todte und lebende Menschen ausgestellt waren, am anlockendsten.

Man bezahlte den Eintrittspreis. Die Thür ward geöffnet, und der Amtmann, welcher als der Vornehmste voran schritt, wendete sich an einen wohlgekleideten Herren, welcher gleich rechts stand, mit der Frage: ist es erlaubt, allenthalben ganz nahe hinzu zu treten? Die Pfarrerin und Rosine, die jetzt folgten, verneigten sich vor den schimmernden geputzten Figuren demüthig, und der Amtmann nahm es fast übel, daß der freundliche Herr ihn keiner Antwort würdigte, bis er inne ward, daß dieser, mit welchem er sich unterhielt, eben auch nichts Besseres, als eine wächserne Larve sei.

Da es noch früh am Tage war, fanden sie nur wenige andre Beschauer, und die beiden Familien vom Lande waren im Genuß um so heitrer und weniger befangen. Als man sich genug von den Potentaten und den Diamanten der Prinzessinnen hatte blenden lassen, so nahm man auch von 68 den Gelehrten und Bürgerlichen in dieser Kunst-Ausstellung einige Kenntniß. Plötzlich eilte der Amtmann nach einem Winkel und deutete, daß seine Begleitung ihm folgen solle. Hier stand eine Figur in altfränkischen Gallakleidern, in einem betreßten Rock, seidenen Strümpfen, mit Degen und dem Hut unter dem Arm, das breite, stark gefärbte Gesicht lächelnd und grinsend. Nun, sagte der Amtmann erfreut; kennen Sie, Pastor, diesen Mann?

Nein, sagte dieser, und doch schwebt mir wie eine Erinnerung vor, als wenn ich diese Figur schon einmal sollte gesehn haben.

Ei! ei! rief der Amtmann halb verdrüßlich; sehn Sie doch nur die Kleider an! Es werden jetzt fünf oder sechs Jahre seyn, daß ein umfahrender Künstler auf meinem Amte einkehrte und auch an meinem Tische aß. Er suchte mich, weil ich ihn freundlich aufgenommen hatte, zu zeichnen, er kopirte und bossirte, färbte und künstelte, und hatte auch mit Wachs zu schaffen. Er ließ mir auch keine Ruhe, bis ich ihm mein ältestes Gallakleid für einen mäßigen Preis verkaufte, wozu ich auch endlich mich bequemte, weil ich es, wie mir meine Gattin vorstellte, doch niemals wieder brauchen könne, indem die Mode zu veraltet sei. Nun hat dieser Mann, der wohl mit dem Kabinetthalter verwandt ist, meine Gestalt hier unter alle diese erlauchten und berühmten Menschen aus Dankbarkeit aufgestellt. Denn, sehn Sie nur etwas genauer hin, so werden Sie gewiß, wenn auch vielleicht nicht ganz täuschend ähnlich, meine Physiognomie erkennen.

Alle erkannten jetzt den Amtmann an seinen ehemaligen Kleidern, und Fritz war hoch erfreut, seinen Papa in einer so würdigen Gesellschaft stehn zu sehn. Ja, rief Titus aus, Sie stehen hier zwischen Voltaire und Friedrich dem 69 Großen, Sie haben sich Ihrer Nachbarschaft nicht zu schämen.

Einige Mädchen, in Gesellschaft von jungen Leuten, waren auch näher getreten, und der Prediger ersuchte jetzt den bewanderten Titus, die Nummer in dem Verzeichniß nachzusehn, und ihnen vorzulesen, auf welche Art ihr würdiger Freund in dem gedruckten Blatt beschrieben würde. Titus las:

»Dieses geistreiche Gesicht mit dem feinen bedeutsamen Lächeln« –

Der Amtmann verbeugte sich erröthend, indem er mit leiser Stimme sagte: es muß mich beschämen, daß diese freundliche Gesinnung nun so allgemein aller Welt mitgetheilt wird. Indessen ist es schmeichelhaft, seinen Mitbürgern und wohlwollenden Zeitgenossen auf diese Weise vorgeführt zu werden. Fahren Sie fort, Herr von Titus.

Titus las weiter:

»mit dieser Haltung, die ganz den vollendeten Weltmann verkündet, der immer nur in den vornehmsten Cirkeln gelebt hat,« –

Man schmeichelt aber, warf der Amtmann ein, und übertreibt.

»in dessen Physiognomie, las Titus weiter, Menschenfreundlichkeit, Wohlwollen, Großmuth und jede edle Tugend sich zu verkündigen scheint,« –

Ich weiß nicht, unterbrach der Amtmann wieder, das ganze Gesicht von Röthe der Bescheidenheit übergossen, wie ich nur, nach diesen Lobpreisungen, auf den Straßen werde wandeln können. Aber Dir, mein Sohn Fritz, sei diese Begebenheit eine Aufmunterung, immerdar der Bahn der Tugend getreu zu bleiben. Du siehst, auch das verborgene Verdienst wird nicht verkannt, auch aus der stillen Einsamkeit wird es an das Licht des Tages gezogen, auch der 70 schweigenden Tugend schlägt die Stunde der Anerkennung. Gieb mir die Hand darauf, mein Sohn, daß Du in meine Fußstapfen treten willst. – Fritz schüttelte des Vaters Rechte und machte fast eine Miene, als wenn er vor Rührung weinen wollte. – Weiter! befahl hierauf der Amtmann in einem barschen Tone, indem er sich gerade aufrecht stellte, und stolz seiner Copie ins grinsende Antlitz schaute.

Titus aber fiel in einen seltsamen Husten, der gar nicht endigen wollte, sein Gesicht verzog sich gewaltsam, als wenn er zu ersticken fürchtete. Fritz klopfte dem Kämpfenden in den Rücken, um ihn zu erleichtern, und als der Krampf sich beruhigt hatte, las der Erschöpfte mit matter Stimme:

»Wer würde in dieser anmuthigen Bildung jenen Bösewicht, den weltbekannten Cartouche, der ehemals in Paris eine so große Rolle spielte, wieder erkennen? Der Künstler hat das Gesicht genau nach einem authentischen Gemälde gebildet, die Kleider sind ebenfalls dieselben, in welchen der Bösewicht die vornehmsten Gesellschaften zu besuchen pflegte.« – –

Es ist nicht möglich, den Zorn, Schreck, das Entsetzen des Amtmanns zu beschreiben, als er diesen Artikel vorlesen hörte. Nein, schrie er mit donnernder Stimme, hier ist mehr als kriminell, mehr als Hochverrath! Himmel und Erde! Das muß einem ehrbaren Mann, einem tugendhaften Staatsbürger begegnen! Schändlicher, als im infamsten Pasquill ausgestellt zu werden! Das verdient mit dem Scheiterhaufen, mit dem Fluche der Mit- und Nachwelt bestraft zu werden!

Es waren indessen noch mehr Neugierige herein getreten, und Alles drängte sich neugierig um die Gruppe, welche den deklamirenden Amtmann umgab. Die Besitzer des Kabinetts, 71 als sie dies wilde Schreien hörten, stürzten ebenfalls herein, weil sie fürchteten, es sei einer ihrer Figuren ein Unglück zugestoßen. Alles fragte, drängte, schrie, man wollte den empörten Amtmann zu Gute sprechen, aber vergeblich. Man hatte genug zu thun, den Wüthenden nur mit Gewalt von seinem Ebenbilde zurück zu halten, welches er zertrümmern wollte. Die Eigenthümer schickten nach der Wache, doch ehe diese noch anlangte, trat der Polizei-Präsident, welcher vorüber gehend den Lärmen vernommen hatte, in das Getümmel.

Er ließ sich den Fall vortragen, nachdem es ihm gelungen war, den Amtmann einigermaßen zu beruhigen. Der Besitzer des Kunstwerkes erörterte dagegen: er habe schon vor zwei Jahren diese Figur, welche dem fremden Herrn so großen Anstoß erregt, von einem nicht unberühmten Wachskünstler eingekauft, welcher sie ihm unter dem Namen des berüchtigten Diebes und Spitzbuben Cartouche verhandelt habe. Er habe die Figur lieber als einen neueren Charakter gut oder böse ausstellen wollen, am liebsten als den Mörder Louvet, oder als den Demagogen Hunt, weil jede Zeit sich selbst doch immer am nächsten, und Cartouche so gut wie vergessen sei: nur Gewissenhaftigkeit und redliche Gesinnung habe ihn abgehalten, so als Wiedertäufer zu schalten, und es schmerze ihn, daß ein Kunstverwandter ihn so gröblich hintergangen habe. Er müsse nach der Versicherung glauben, daß der Anzug der Kunstfigur ehemals den Körper des Herrn Amtmanns bekleidet habe, was aber das Gesicht betreffe, so könne er, als Kenner der Malerei und der Physiognomien, die Aehnlichkeit mit dem verehrten Zürnenden nicht so auffallend finden: da also kein Mensch das Gesicht verwechseln würde, und niemand in der Stadt den Kläger mit jenem Galla-Rocke jemals habe wandeln sehn, so bitte er, daß der 72 Herr Präsident als Machthaber der Polizei dem ausgestopften Cartouche wiederum zu seiner Ehre und seinem Namen verhelfen wolle.

Von neuem erwachte der Zorn des Amtmanns, der Präsident hatte viel zu thun, ihn zu besänftigen, und es war schwer, ein Auskunftsmittel, das Alle befriedigt hätte, ausfündig zu machen. Gegen den Vorschlag, daß man die Figur nunmehr als Lindwurm, in Wandelheim residirenden Amtmann, vorzeigen, und die ganze Charakteristik des Cartouche für einen Druckfehler oder Variante, die eine Verbesserung erlitten, ausgeben wolle, stritt mit gereiztem Gemüthe der Amtmann von neuem heftig, so schmeichelhaft ihm auch noch vor kurzem dieser Gedanke gewesen war. Da der Künstler wiederholt seine Unschuld beschwur, so bewegte ihn der Präsident, der die Sache nicht ernsthaft nehmen mochte, dahin, daß er dem Cartouche den Kopf abnahm, und aus seinem Vorrath ihm einen andern, der einem solchen Gesellen etwa passen mochte, aufsetzte. Der vorige Kopf aber ward dem Amtmann ausgeliefert, um mit ihm, da er wirklich seinem Gesichte nicht unähnlich war, nach Willkühr zu schalten. Die Kleider aber, da sie doch waren erkauft worden, blieben dem berüchtigten Schelme. So glaubte der Richter allen Partheien Genüge gethan zu haben, die sich auch bei diesem Ausspruche beruhigten.

Der Amtmann legte die Larve in seinen Hut und begab sich nach dem Gasthofe, um dort von seinem Zorne auszuruhen und zu überlegen, was er mit seinem so seltsam errungenen Kopfe vornehmen solle. Die Familie des Pfarrers ging mit ihm, um ihm Gesellschaft zu leisten, und Fritz folgte Rosinen, von der er sich niemals trennte. Titus aber spatzierte durch die Stadt, um für seinen Humor und seine Menschenkenntniß Bilder einzusammeln, auch wohl bei 73 Gelegenheit für sein Buch einen poetischen Verleger zu entdecken.

Er gerieth in den Keller eines Italiäners, wo eine muntre Gesellschaft sich an ausländischen Leckerbissen und Weinen erfrischte. An einem kleinen Tischchen saß ein großer und schöner Mann, mit einem lachenden Gesicht und klugen Augen, der unsern feinen Menschenbeobachter aber sogleich an Cartouche, aus dessen Gesellschaft er eben kam, erinnerte. Titus meinte, dieser Herr von Wandel, wie ihn die andern nannten, habe besser dort mit seiner geistreichen, schelmischen Physiognomie aushelfen können, als sein ehrwürdiger, unbescholtener alter Freund.

Dieser lebhafte Sprecher erlabte sich an einer Pastete, und erzählte dazwischen; ihm gegenüber saß ein Offizier, der einen Muschelsalat verzehrte und nicht weniger gesprächig schien. Mit großen Schritten ging ein langer Mann heftig im kleinen Zimmer auf und ab, halb mit sich selber leise sprechend, und zuweilen singend. Dessen Bewegungen beobachtete eine kleine dicke Figur, die sich in einen Winkel gezwängt hatte und über den schlanken, ältern Mann lächelte.

Der Jahrmarkt ist weniger besucht als sonst, rief endlich der Umwandelnde, indem er stehen blieb; die Zeiten werden immer schlechter. Es ist überhaupt ein klägliches Jahr.

Ihr seid bloß verdrüßlich, sagte der kleine Dicke, weil in diesem Jahr die Menagerie nicht kommt, dafür haben wir diesmal das Kabinett der Wachsfiguren.

Was gehn mich die Narrentheidungen an! sagte der Ernsthafte, und fing wieder an, heftig zu wandeln. Mein Kopf hat wohl andre Dinge zu verarbeiten.

Gewiß, sagte der Offizier, indem er sich herum drehte, 74 Ihre Leidenschaft wird mit jedem Tage mächtiger. Sie vermagern auch sichtlich.

Ich weiß nicht, was Sie meinen, sagte der Schlanke verdrüßlich, ich bin nicht anders, wie ich immer gewesen bin. Der ächte Mensch hat genug zu denken, ohne sich mit Fratzen einzulassen.

Man muß nicht leugnen, sagte Herr von Wandel freundlich, was doch die ganze Stadt schon weiß. Es macht Ihnen übrigens ja nur Ehre, daß Ihr Herz noch so frisch ist.

Stumm ging der Schlanke jetzt fort, und warf die Thür hinter sich heftig zu. Ich wette, sagte der Offizier, er wandelt nun wieder eine Stunde lang dem Bäckerladen vorüber, um mit seinen Liebes-Augen das schöne Bäckermädchen zu betrachten, oder ihr gar Rede abzugewinnen. Der Alte ist verliebter, als ein Jüngling, und schämt sich seiner Leidenschaft.

Sie irren sich völlig in diesem Mann, sagte der Kleine aus seinem Winkel heraus, er liebt nichts als seine Kunst, und er scheut sich nicht, dieser die größten Opfer zu bringen. Selbst Verleumdung und falsche Urtheile sind ihm gleichgültig. Tag und Nacht beschäftigt ihn jetzt Schillers Philipp der Zweite, da Don Carlos in vier Wochen gegeben werden soll. Diesen Philipp möchte er nun recht groß, körnig, originell und tyrannisch heraus bringen. Sie wissen, daß bei den meisten Bäckerläden eine Bretzel abgemalt ist, welche zwei Löwen halten, oder entzwei reißen wollen. So oft Maler auch diesen symbolischen Gegenstand mögen dargestellt haben, so ist es doch wohl noch niemals so großartig geschehn, als drüben auf dem Schilde des Hauses, in welchem die schöne Bäckerin wohnt. Die beiden Löwen sperren den Rachen so fürchterlich auf, funkeln mit den zornigen Augen 75 so bedeutsam, und wickeln so krause und tiefsinnig zürnende Runzeln in ihre gefurchten Stirnen, daß unser Freund es nicht satt werden kann, vor diesen Bildern auf und ab zu wandeln, um von ihnen Tyrannen-Blick und Despoten-Stirn und Wange zu entnehmen. Als er im vorigen Jahr den Macbeth einstudirte, war er ebenfalls vor dem Laden des Seifensieders in der langen Straße viel anzutreffen, wo auch Löwen mit der Aufklärung, oder einem Gebunde Lichte spielen, und es ist auch nicht zu leugnen, dort sind die Löwen phantastischer entworfen, wodurch sie auch der Tyrannen-Laune eines Macbeth mehr zusagen. Sehn Sie, so wirkt und arbeitet unser Freund Zimmer, und wird nur verkannt. Wo fände auch das Große ein Anerkenntniß in unserm Säculum?

Die Uebrigen lachten, als ein großer dicker Mann mit Geräusch herein trat, der seufzend über die steile Treppe schalt, welche halsbrechend zum Keller hinunter führe. Er bestellte sich sogleich einige Sorten Wein und vielerlei Speisen, musterte die Gesellschaft mit kritischen, vornehmen Blicken, und richtete sich dann mit vielem Geräusch am Tisch ein, den er gleich so schob, daß Niemand neben ihm Platz finden konnte. Sein Auge verweilte am längsten auf dem magern Titus, der bescheiden und langsam von seinem Weine trank, und sich fast ängstlich von dieser kolossalen Figur zurück zog.

Unausstehliche Hitze! begann dann der große Mann: und wo, meine Herren, wo komme ich jetzt her? Von draußen, von der Vorstadt, wo ich mich als Narr hatte hinlocken lassen, denn das ist wahr: ein Narr macht viele Narren. Da hat sich, wie Sie vielleicht wissen, ein Magus etablirt, und die Zeitung ist voll von seinen Ankündigungen. Er will die Vergangenheit und Zukunft wissen, und viele 76 Geheimnisse kundbar machen. Mir hat er lauter Dummheiten gesagt, daß ich bald würde mager werden, und dafür zum Ersatz eine fette Erbschaft thun, daß meine Eltern nicht mehr lebten, was ich ohne ihn wußte, daß aber ein natürlicher Sohn von mir in der Welt eine große Rolle spielen würde. Und doch weiß ich von keinem, und habe Zeit Lebens weder natürliche noch unnatürliche Kinder gehabt.

Herr von Mayern, sagte der Offizier, sich zu ihm wendend, es kann ja aber seyn, daß Sie zum Trost Ihres Alters noch einen entdecken, oder sich einen Erben Ihrer Reichthümer zeugen.

Ich habe weder Reichthümer, sagte der Kaufmann, noch bedarf ich der Erben. Aus der Hand in den Mund! ist mein Wahlspruch.

Aber wie war es dort, beim Magus? fragte der heitre Mann, der jetzt zu Titus gerückt war, um bequemer an dem Gespräch Theil zu nehmen.

Verstehn Sie, antwortete der Starke, daß da zwei Säle sind, mit Krokodilen, Schlangen, Fischen, seltsamen Figuren und allerhand Hexen-Hausrath ausgeputzt. Man muß lange warten, ehe man für seinen Thaler den Zauberer nur zu sehn bekommt. Allerhand Dienstboten, kleine, dumme Tausendkünstler laufen einem vor den Füßen vorbei und machen sich unnütz. Endlich kommt denn die große dicke Figur herein, man muß wieder einen Thaler geben, und nun darf man den Aberwitzigen fragen, was man will. Er hört zu, schüttelt mit dem Kopf und seiner baumhohen Mütze, setzt sich nieder, rechnet, geht auf und ab, stellt sich, als wenn er nachdenkt, und, wenn die Langeweile viel Zeit weggenommen hat, kommt er endlich mit seinen dummen Sprüchen, die nicht Hand, nicht Fuß haben. Aber vornehme und gelehrte Leute laufen hin, und ich habe ohngefähr die 77 Empfindung, als wenn ich auf der Redoute, auf einem Maskenball gewesen wäre.

Es gehört dergleichen zum Jahrmarkt, sagte der Offizier. Man sollte, wenn der Mann vieles Geheime weiß, den Anführer jener Räuber- und Diebesbande, die schon so verwegne Streiche ausgeführt hat, ausfündig machen, und den Sitz dieser Brüderschaft durch seine Hülfe entdecken.

Das wäre das nothwendigste, sagte der heitre Mann, denn wir Gutsbesitzer auf dem Lande wissen uns vor den verwegenen Schelmen gar nicht mehr zu schützen. Sind sie in den Städten kühn, so sind sie in der Einsamkeit draußen frech und verwegen. Ob die vielen, einzelnen Banden zusammenhängen, ob das gestohlne Gut in einen gemeinsamen Schatz geliefert wird, ob sie auf eigne Hand ihre Streiche ausführen, oder ob sie einem Anführer gehorchen, alles das zu erfahren, wäre für den Menschenbeobachter ohne Zweifel sehr interessant.

So oft das Wort Menschenbeobachter, oder Menschenkenner, oder Kenner der Herzen und dergleichen genannt wurde, meinte Titus jedesmal, die Rede müsse an ihn gerichtet seyn. Er erkundigte sich daher sogleich nach den nähern Umständen dieser Diebesbande, und erfuhr so viel von ihrer Dreistigkeit und schlau ausgeführten Thaten, daß er beschloß, seinem Roman einige Kapitel über diesen Gegenstand hinzu zu fügen.

Den kleinen Caspar, sagte der Offizier, nennen diejenigen, die von der Sache etwas Bestimmteres wissen wollen, den Anführer. Es soll ein ganz kleines Männchen von ungewisser Herkunft seyn, denn einige machen ihn zum Juden, andre wollen ihm sein Christenthum nicht rauben lassen. Dieser Zwerg soll aus Ungarn oder Siebenbürgen herüber gekommen seyn, um in unsern Gegenden den großen Styl 78 in der Gaunerei einzuführen, die bisher auf elende, jämmerliche Art getrieben wurde. So viel ist gewiß, diesem sogenannten kleinen Caspar stellt man von allen Seiten nach, und die Polizei soll eine genaue Beschreibung seiner Person besitzen und ihm auch unermüdet nachspüren.

Der heitre Mann, den die Uebrigen den Herrn von Wandel nannten, und ihm mit Auszeichnung begegneten, spottete jetzt über die einseitigen und immer kurzsichtigen Maßregeln der Justiz. Er behauptete, je komplizirter die Polizei-Anstalten würden, je heller und aufgeklärter, um so mehr würde eben dadurch den Schelmen vorgearbeitet. Wo viele Theilnehmer nöthig würden, da könnte dasjenige, was nur durch Verschweigen gelingen könne, unmöglich ein Geheimniß bleiben. Auch sei es nicht schwer, die Subalternen der Justiz selber anzuwerben, daß sie wissend oder nicht wissend den Gaunern helfen müßten.

Titus kam immer näher, um von dieser, ihm so neuen Weisheit, nichts zu verlieren. Dem Herrn von Wandel schien diese Aufmerksamkeit zu gefallen, denn er wendete nach einiger Zeit seine Bemerkungen und sein Gespräch fast ganz an den wißbegierigen Titus. Der kleine Dicke im Winkel mochte hierüber seine boshaften Bemerkungen machen, denn er lächelte mit witziger Miene, indem er die Beiden beobachtete. Als Herr von Wandel den schmächtigen Titus endlich ersuchte, mit ihm zu Mittage zu speisen, konnte der Kleine ein ziemlich lautes Lachen nicht unterdrücken.

Was ist Ihnen, Herr Buchweiz? fragte Wandel, überrascht. – Ich denke nur an unsern Collegen Zimmer, antwortete der kleine Schauspieler, ob er seine Löwen-Promenade schon beendigt hat, oder sich noch begeistert. Man sagt, er wird nachher Schwan, Gans, Krebs, Krokodil, Drachen und alle Zeichen der Gasthöfe durchstudiren, um 79 seinen Kunst-Darstellungen eine größere Mannigfaltigkeit zu geben.

Ich traf diesen originellen Zimmer, nahm der Offizier das Wort, neulich draußen beim Baron in Schönhof, den er durch seine Begeisterung für dessen schöne Natur selbst im hohen Grade begeisterte. Wir hatten einen vergnügten Tag mit einander, obgleich Zimmer alles ernst und feierlich auffaßte.

Titus erzählte jetzt, daß er auch gestern erst den Baron und dessen wundersamen Garten kennen gelernt habe, und daß er nicht leugnen könne, er selbst, wie seine Begleiter, vielleicht nur den Pfarrer abgerechnet, wären von Erstaunen und Entzücken berauscht gewesen.

Die Freiheit, die Sache auf seine eigenthümliche Weise zu genießen, sagte der Offizier, muß jedem unbenommen seyn. Ich konnte es nicht unterlassen, über Vieles, was wir sahen und hörten, zu lachen. Sie wissen es vielleicht nicht, Herr von Wandel, daß zu den Seltsamkeiten dieses reichen und ziemlich gelangweilten Barons auch die gehört, sich in einer Clause einen ächten, wahren Eremiten zu halten.

Was nennen Sie so? fragte Wandel.

Nun, fuhr jener fort, daß es nicht eine ausgestopfte oder hölzerne Figur ist, wie ich sie wohl in andern Kunstgärten gesehen habe, die in einer Clause kniet oder steht, sondern ein wirklicher Mensch ist zu dieser Andacht und Einsamkeit für seine Clause gemiethet, und zwar für ein ziemlich beträchtliches Gehalt. Es meldete sich nehmlich vor anderthalb Jahren ein Landstreicher, der dessen Aufruf in den Zeitungen gelesen hatte, bei dem Baron. Der Herr bedang sich aus, der Vagabunde solle wirklich, um die Täuschung auf den höchsten Grad zu treiben, immer in der Kutte gehn, sich den Bart wachsen lassen und keine 80 Leinwand tragen, dabei aber auch nichts als rohe Wurzeln und Kräuter genießen. Das Letzte schien dem gemietheten Einsiedler vorzüglich hart, und da es fast die menschlichen Kräfte überstieg, mußte sich der Baron gefallen lassen, den Gehalt noch bedeutend zu steigern. Als man einig geworden war, zeigte es sich bald, daß der Eremit einer der größten Trunkenbolde war, die man nur im Lande antreffen konnte. Wie sein Herr ihm darüber Vorstellungen machte, rechtfertigte er sich damit, daß die unnatürliche Kost, die kaum das Vieh ertrage, ihm den Wein nothwendig mache, wenn er nicht ganz den Magen verderben, er selbst erkranken und in seinem poetischen Dienste sterben wolle. Der Herr von Schönhof mußte es sich also gefallen lassen, ihn aus seiner Küche mit gesunden und nahrhaften Gerichten zu versorgen. Der Säufer aber ließ doch seine Unart nicht, und der Baron mußte ihm seine Stelle immer theurer und theurer bezahlen, um nur den Eremiten, der ihm so wichtig war, nicht einzubüßen. Zuweilen ließ er ihn mit Fremden an seiner Tafel speisen, doch war es ausgemacht, daß der Eremit alles abweisen mußte, um sich am klaren Wasser und Salat zu begnügen. Diese einfache Kost kontrastirte dann sehr gegen die gierigen Blicke, die der Schlemmer auf den Wein und die Leckerbissen der Gäste warf. Neulich also, als mich der Baron umher führte, waren wir schon zweimal der Clause vorüber gegangen, man hatte eine Glocke vernommen, aber kein Einsiedler war anzutreffen. Der Herr von Schönhof war sehr verstimmt. Als wir nun niederstiegen, ich weiß nicht, nach welchem Thal des Jammers, indem über unsern Köpfen der Fels der Verzweiflung hing, hören wir plötzlich Ketten klirren, und über uns zeigt sich der Eremit, der auf eine kleine Kettenbrücke springt und laut schreit: ich komme jetzt! gleich bin ich da! Indem er uns diese Worte zurief und sich weit 81 überbeugte, verlor er das Gleichgewicht und stürzte die Höhe herab. Weil der Felsen nicht so gar hoch war, die Trunknen in der Regel auch viel Glück haben, so lag er unbeschädigt zu unsern Füßen. Er war berauscht und lachte heftig, daß wir so erschrocken waren, er sang einige Studenten-Lieder und ließ sich auf keine Weise beruhigen, oder zu einem anständigen und geistlichen Betragen bereden. Wir gingen zum Platz der Tugend, der Zufriedenheit und hörten ihn immer noch schreien und jauchzen.

Er ist gestern fortgelaufen, sagte Titus, und der Baron muß sich nun eine Zeit lang ohne Einsiedler behelfen.

Da könnte ich ihm, sagte der dicke Herr, meinen Bedienten empfehlen, der zu keinem weltlichen Geschäfte zu gebrauchen ist. Ich werde den unnützen Menschen gleich fragen und ihm dann einen Empfehlungsbrief mitgeben. So wäre uns Allen dreien geholfen.

Der dicke Mann arbeitete sich wieder aus dem unterirdischen Gemache zur Oberwelt zurück. Der Kleine im Winkel sagte: er sollte lieber selbst die einträgliche Stelle annehmen, und überhaupt wäre es vielleicht gut, wenn sich alle große Herren dergleichen Eremiten hielten, so könnte mancher Gelehrte versorgt werden.

Es giebt sonderbare Mittel und Wege, nahm der Herr von Wandel das Wort, sich durch die Welt zu helfen, oder sein Brod zu erwerben. Im Hause meiner Eltern hatten wir einen alten Diener, der ganz eigen dazu gehalten wurde, meinen Vater zu ärgern, und je empfindlicher, je mehr wurde es ihm gedankt. Denn mein Vater, der in Grillen und Launen lebte, hatte die Einbildung gefaßt, er könne nicht verdauen und gesund bleiben, wenn ihm nicht recht tüchtig die Galle erregt würde. Da der Mann aber so phlegmatisch war, und Frau und Kinder, so wie die Hausgenossen 82 liebte, so konnte ihm von allen nur dieser Domestik, der ihm zuwider war, einen heilsamen Aerger zuwege bringen. Die Sache, die anfangs bloß sonderbar erschien, nahm aber bald eine sehr gehässige Wendung. Da der Vater mich besonders liebte und vorzog, so hatte der ärgernde Diener den besten Spielraum, wenn er seinem Herrn von mir Schlechtigkeiten und Bosheiten erzählte. Im Anfang war der Aerger erreicht, die Verdauung befördert, und die Heiterkeit des Vaters zurück gekehrt, indem er mir vergeben und die Sache vergessen hatte. Doch bald nahm es die Wendung, daß er alles, was der Bediente zu seinem Wohlsein erfand und erdichtete, immer für Wahrheit hielt und, da er mich zärtlich liebte, um so schmerzlicher empfand. Kein halbes Jahr war vergangen, als er seine Liebe zu mir in den tödtlichsten Haß verwandelte. Ich erschien ihm als ein Ungeheuer der Hölle, das Unwahrscheinlichste, Tollste, schien ihm, wenn es mich nur verklagte, wahrscheinlich, ja ausgemacht. Meine Vertheidiger wurden nicht angehört, und ich selbst durfte nichts zu meiner Rechtfertigung sagen. Bald war mein Leben im väterlichen Hause mir eine Folter, und ich, ein Knabe noch, entfloh, ohne irgend zu wissen, was ich anfangen sollte, oder wo ich Rath und Hülfe finden könnte. Ich will mich nicht mit jenem jungen Lord vergleichen, den seine Eltern, nachdem er schon seit länger als einem Jahr im Hause vermißt war, als Schornsteinfeger wieder fanden: denn weder im Vermögen, noch Ansehn kann sich meine Familie der seinigen vergleichen; doch waren meine Abentheuer, die ich als Kind bestand, nicht weniger sonderbar. Ich lief nach der großen Stadt, und als ich dort hungrig und ermüdet ankam, wußte ich nicht, wo ich mein Haupt hinlegen sollte. – In der Vorstadt erbarmte sich eine alte Frau meines Klagens und Weinens und beherbergte mich, indem sie auf meine hülflose 83 Kindheit rechnete, um durch sie und die Rührung, die sie erregen möchte, ihre Auslagen wieder zu erhalten. Ich schämte mich, meinen Namen zu sagen, und ließ mich bald in das Geschäft einweihen, das mir, so erniedrigend es seyn mochte, immer doch gegen die barbarischen Mißhandlungen, die ich im väterlichen Hause erlitten hatte, als ein herrliches Leben erschien. Die alte Frau hatte nehmlich noch einen ältern Mann, welcher stockblind war. Es wurde mir aufgetragen, diesen Hülflosen durch die Stadt zu führen, und Almosen für ihn einzusammeln. Im Anfang dünkte mir diese Beschäftigung nicht unangenehm. Allenthalben bedauerte man uns und gab uns gern; man bemitleidete auch den kleinen Sohn, für den man mich hielt. Aber nach einiger Zeit änderte sich die Stimmung sehr zu meinem Nachtheil. Einige alte Frauen bemerkten, daß die Art, mit welcher ich bettelte, viel zu gleichgültig sei, daß die Worte, deren ich mich bediente, zu wenig Ausdruck hätten und einem jungen Sohn, der das Elend seines blinden Vaters doch fühlen müsse, nicht geziemten. Diesen Leichtsinn bestrafte man dadurch, daß man mir weniger gab, und manche, die noch strenger dachten und edler fühlten, entzogen mir ihr Almosen ganz. Zu Hause wurde dies übel vermerkt, und ich zog mir erst empfindliche Scheltworte zu, und nachher waren auch die Schläge nicht selten, die die alte Frau, so schwach sie auch schien, mit Nachdruck und Kraft zu geben wußte. Als meine Erscheinung in der Stadt etwas Gewöhnliches geworden war, hörte ich oft: ist es denn nicht erschrecklich, daß der Junge, der den alten Vater führt, so gut gekleidet ist, und der Vater so schlecht? Man gab immer weniger, und der Schläge, die ich in der kleinen Hütte erhielt, wurden immer mehr. Mein Gewand, das ich noch mitgebracht hatte, verschoß und zerriß, und der Alte erhielt einen neuen Anzug. Als ich 84 nun mit ihm ausging, hörte ich: seht nur, das Kind, das den Alten doch ernähren muß, verkömmt, und der alte Esel putzt sich heraus! – Um Gerechtigkeit auszuüben, gab man uns immer weniger. Nach einiger Zeit waren der Blinde und ich in gleichem elenden Zustand, was den Anzug betraf. Da mußt' ich hören: wem gehören die beiden nur an? Immer kriegen sie Geld über Geld, und wie sehn sie aus! Schand' und Spott, daß die Obrigkeit dergleichen duldet! – Von einem übermäßig Mitleidigen erhielt ich unvermuthet neue Kleidung, ich sah heiter aus, und wenn ich bettelte, rief man: der Leichtsinnige! Kann man so ohne Gefühl seyn, wie der junge Bengel! Er verdiente, ins Zuchthaus zu kommen! – Es ist nicht zu beschreiben, wie ich gemißhandelt wurde, als die Einnahme sich mit jeder Woche verminderte. Ich weiß nicht, ob es eine Wohlthat war, daß der Blinde endlich vor Alter und Schwachheit starb, aber so sehr ich der Schläge und des Hungers gewohnt war, schien mir das Leben doch unerträglich, und ehe noch mein alter Bettler begraben war, entfloh ich aus dem Hause, ungewiß, ob ich zu meinem Vater zurückkehren, oder noch länger die Abentheuer der Welt, die mir noch wenig Freundlichkeit erwiesen hatten, fortsetzen sollte. In meiner dummen Unerfahrenheit entschloß ich mich zum Letzteren, und lernte wieder neues Elend kennen.

So begab ich mich denn, um in meiner Erzählung fortzufahren, zu einer alten Frau, welche mir schon oft Mitleid gezeigt und mich getröstet hatte, wenn sie sah, wie unglücklich ich mich fühlte, von allen Seiten verkannt und unwürdig behandelt zu werden. Sie war nichts weiter als eine Hökerin, die mit mancherlei Dingen einen kleinen Handel trieb. Sie nahm mich freundlich auf und ich erbot mich, ihr in allem zu dienen, was sie mir nur auftragen würde; auch verlangte ich nur geringen Lohn, denn es komme mir 85 mehr auf eine freundliche, gute Behandlung an. Wir waren also einig und ich besorgte alles für den kleinen Haushalt, ich kaufte ein, ich lief in der Stadt herum und bestellte, ich besorgte die Kundleute, wenn sie nicht zu Hause war.

Die Frau, welche zuweilen heftig seyn konnte und überall kein edles Betragen hatte, war mir doch bald wie eine Mutter, denn ich hatte mein väterliches Haus nun schon völlig vergessen. Mir schien, wie man in der frühen Jugend niemals an die Zukunft denkt, es könne mir nichts Besseres begegnen, als wenn ich nur den einen Tag wie den andern so hinleben dürfte. Doch hatte ein böser Geist schon daran gedacht, uns bald zu entzweien, denn nichts bleibt in diesem irdischen Leben auf lange Zeit in gleicher Güte. Derselbe Jahrmarkt, der jetzt Stadt und Umgegend in Bewegung setzt, fiel ein, die Zeit, auf welche auch die kleinen Krämer als auf die gewinnreichste rechnen. Meiner Pflegerin war es gelungen, zu wohlfeilen Preisen von einem Durchreisenden einen Schweizerkäse zu erhandeln, und da sie andre Geschäfte hatte, setzte sie mich mit einigen Pfunden und einer kleinen Wagschaale dort in jene Ecke hin, wo auch die Fremden mit Datteln und Feigen ihr Wesen trieben.

Es war der schönste, wärmste Sonnenschein. Das Gewühl des Marktes, die Fremden, vorbeiziehende Musik-Banden, Gelächter und Erzählungen der Wandelnden, schön geputzte Mädchen, alles versetzte mich in die froheste Stimmung. Ich freute mich, so in der heitern Umgebung bald mein Brod, mein Frühstück, verzehren zu können. Um den edlen Käse, dessen fette Augen glänzten, schwärmte eine große schwarze Fliege, die ich mit dem Messer zu verscheuchen suchte. In dieser Mühwaltung fügte es sich, daß ich mit der Schneide, indem ich zuschlug, einen kleinen, schmalen, fast unsichtbaren Schnitt vom Käse trennte, den ich, um ihn 86 nicht umkommen zu lassen, auf meine Zunge legte und verschluckte. Unabsichtlich gerieth es mir, indem ich wieder die böse Fliege fortscheuchte, einen etwas größeren Theil von meinem Käse scharf abzutrennen. Diesen Bissen, der mir so zufällig gegönnt wurde, genoß ich mit Behagen, und bemerkte, daß von allem, was ich bis dahin gegessen hatte, nichts von dem Wohlgeschmack gewesen sei, als dieser fette ächte Schweizerkäse. Ich nahm mein Brod aus der Tasche und wünschte, jene Fliege möge nur recht unverschämt wieder kehren, denn die Schärfe des Messers gönnte mir dann wohl im Scheuchen noch einige kleine Schnitte, die an der großen, vor mir liegenden Masse auf keine Weise vermißt werden konnten. Als wenn jene Fliege meine Gedanken errathen hätte, so kam sie meinen lüsternen Wünschen entgegen. Fleißiges Fortjagen und Schnitt auf Schnitt in fein abgetrennten Stückchen wurden mir von dem glänzenden Gebirge zu Theil, die ich lächelnd zu meinem Brode wohlgemuth verzehrte. Bald gerieth ich in eine Art von Begeisterung und Taumel, so daß es anfing, mir gleichgültig zu werden, ob die Fliege in Person mein Eigenthum umschwärmte; ich hieb immer eiliger und häufiger auf die weiße, scharf abgeschnittene Kante los, und zielte immer weniger genau, so daß die Bissen größer und wohlschmeckender ausfielen. Das Klipp-Klapp des schlagenden Messers ertönte wie eine arbeitende Mühle auf meinem kleinen Tisch. Ziemlich war mein Eifer schon in die Masse eingedrungen, als sich ein anderer Bursche zu mir gesellte, der aus der Ferne meine Thätigkeit nicht ohne Bewunderung angesehen hatte, und den Trieb der Nachahmung in sich erwachen fühlte. Ihm war, auf ähnliche Weise wie mir, ein Abschnitt eines Parmesan-Käses zum Aushöken anvertraut worden. Diesen Beitrag aus Italien legte er neben mein Schweizer-Produkt, und so, das Brod 87 in der einen und das Messer in der andern Hand, arbeiteten wir wetteifernd und unermüdet in die beiden Provinzen hinein, daß bei dieser Länder-Allianz und Versetzung beide Kreise immer kleiner und unansehnlicher wurden. Sie waren nach einiger Zeit so sehr vermindert, denn Parma erhöhte das Wohlgefallen an der Schweiz, und die fette Schweiz half wieder sehr dem trocknen Italien auf, daß es nicht mehr der Rede werth schien, das Uebriggebliebene zu konserviren oder einem Käufer anzubieten. So war bald alles verzehrt und die Fliegen schwärmten zwecklos um die leere Stätte. Jetzt verwunderte ich mich über das, was ich gethan hatte, und begriff nicht, wie es gekommen sei, daß ohne böslichen Vorsatz, ohne Naschhaftigkeit oder Hunger diese Verwüstung oder Vernichtung so bedeutender Massen sei möglich geworden. Mein Mitarbeiter hatte sich nachdenkend und stillschweigend entfernt. Indem kam meine Pflegemutter erfreut, daß sie den Tisch schon ledig sah. Sie wollte fröhlich das Geld einstreichen und meiner glücklichen Hand sogleich neuen Vorrath herbei schaffen. Ich zögerte mit der Antwort, gestand aber, daß ich kein Geld abzuliefern habe. Sie begriff den Handel nicht, aber schadenfrohe Verkäufer, die den Vertilgungs-Prozeß mit angesehen hatten, eröffneten der erstaunten Frau das Verständniß. Ueber diese Besitznahme, Ländervertheilung und Partage-Traktat, die jenen Vernichtungskrieg herbei geführt hatten, gerieth sie in den höchsten Zorn, und behandelte mich wie einen gewissenlosen Räuber und leichtsinnigen Verschwender. Als sie mir mein Verbrechen vorhielt, und immer wiederholte, wie ich auf gute Behandlung meine Wünsche gerichtet habe, und sie selber nun so schlecht behandle, gab sie mir ohne Weiteres den Abschied, indeß ich in der Nachbarschaft meinen Mitregenten und Handels-Compagnon tüchtig von seinem Vorgesetzten 88 prügeln hörte, dessen Schläge über den geräuschvollen Markt vernehmlich hinschallten. Die Dattelhändler und Orangemänner waren über diese Begebenheit sehr erfreut, und man sprach noch lange mit lautem Lachen über diese Eßverbrüderung, die sich so seltsam verbunden und ein so klägliches Ende genommen hatte.

Wegen meiner Käse-Verspeisung war ich nun wieder brodlos. Aus Klugheit wollte ich einer neuen Anstellung gewiß seyn, bevor sich der Hunger einstellen könnte: ich ging daher auf ein besuchtes Kaffeehaus, wo junge und alte Herren versammelt waren, unter denen ich einen zu finden hoffte, der mich als Jockey, Bedienten, oder Küchenbuben annehmen möchte. Ich trug, als eine Stille entstanden war, meine Bitte vor, und da ich wieder damit schloß, daß ich mehr auf gute Behandlung als einen großen Gehalt sehn würde, entstand im Saale ein lautes und unendliches Gelächter; denn einige der Herren waren Zeuge meines Abschiedes gewesen, und hatten von meinem seltsamen Vergehn die Kunde vernommen. Indessen gab man mir zu essen und zu trinken, und ich mußte der aufgeräumten Gesellschaft meine Geschichte selber erzählen. Dies war die Veranlassung, daß ich nach einiger Zeit zu meinen Eltern zurück kehrte. Wenige Männer meines Standes haben wohl in ihrer Kindheit solche wunderliche Erfahrungen gemacht.

Der Offizier und der kleine Schauspieler hatten abwechselnd sich und den Erzählenden mit Erstaunen angesehn,; jetzt stürmte der Wirth herein und rief: Das ist ein Spektakel! sie haben den schwarzen Caspar doch richtig gefangen!

Den schwarzen? rief der Herr von Wandel; ich denke, er heißt der kleine.

Einerlei! rief der erfreute Wirth, sie bringen ihn dort, sie schleppen ihn ins Gefängniß!

89 Man konnte durch die hochliegenden Fenster nur mühsam zur Gasse hinauf sehn. Jeder drängte sich herbei und sie sahen einen Haufen von schwarz gekleideten Leuten, in deren Mitte ein schwarzer Mann geführt wurde, in welchem Titus mit dem größten Erstaunen sogleich seinen alten Freund, den Prediger Gottfried erkannte. Titus stürzte sogleich hinaus und der Herr von Wandel folgte ihm. Die Schwarzen waren die Chorschüler, die von vielen Leuten umgeben und gedrängt wurden, und alles schalt auf den guten Prediger, dessen Stimme und Vertheidigung in dem Getöse nicht vernommen wurde. Es ergab sich endlich, als einige angesehene Männer hinzu getreten waren, daß Gottfried den Chorschülern gefolgt war, um sich an ihrem Gesange zu erbauen. Er ward aber verdrüßlich, daß sie weltliche Musik vortrugen, der man geistliche Worte untergelegt hatte. Noch mehr aber ward er erzürnt, als er vernahm, wie man einige alte Kirchenlieder mit freigeistigen Veränderungen sang: er trat dem Chore näher und schrie laut mitsingend den originalen rechtgläubigen Text hinein. Dies machte die jüngern Sänger irre, und der Chorführer verwies dem alten Priester sein unziemendes Betragen. Dieser ereiferte sich, und so hatte sich ein Zank entsponnen, der das Singen unterbrach. Manche Bürger gaben dem rechtgläubigen Pfarrer recht, der Chorführer vertheidigte mit vielen Zuhörern die Neuerungen als passend und nothwendig. Die Wachparade zog vorüber und stiftete mit ihrer Janischaren-Musik Friede, denn vor diesem weltlichen Getöse mußten orthodoxer Gesang wie erneuerter Text verstummen.

Der Pfarrer ging nach dem Gasthofe und Titus folgte seinem neuen Beschützer, Wandel. Der Offizier sagte zu Buchweiz, dem Kleinen, indem sie die Treppe hinauf stiegen: 90 wie kann der reiche, vornehme Mann nur dergleichen Armseligkeiten von seiner Jugend erzählen?

Buchweiz antwortete: er ergötzt sich wohl am Contrast, auch erschreckt er gern einfältige Zuhörer mit dem Jammer; denn Sie wissen, er wird es nicht satt, auch die Verlegenheiten zu schildern, die er auf seinen mannigfaltigen Reisen erlebt hat. Es ist auch Eitelkeit, nur von einer ungewöhnlichen Art. Jeder treibt es auf seine Weise.


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