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Der Jahrmarkt

Ludwig Tieck: Der Jahrmarkt - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Zwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1832
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDer Jahrmarkt
pages178
created20130625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Indem die Abreise näher rückte, und man in beiden Häusern Anstalten traf, ward der Pfarrer nicht wenig verwirrt, als er am Abend von der Post einen Brief erhielt, der, dem Anschein nach, weit herkam, denn die Auslösung belief sich hoch, Hand und Petschaft waren ihm ganz fremd. Der Brief war ohne alle Unterschrift und lautete folgendermaßen:

Sie haben, geehrter Herr, einen jungen Mann erzogen, der Ihnen vor fünf und zwanzig Jahren als Kind von unbekannten Händen übergeben wurde. Damals war der Knabe, als Sie ihn empfingen, etwa acht Jahre alt, so daß er jetzt drei und dreißig Jahr zurück gelegt haben müßte. Sie erinnern sich, daß anfangs das für Sie bestimmte Kostgeld für seine Verpflegung sehr pünktlich aus der Stadt von einem Kaufmann einlief: nachher freilich, von der Zeit bedrängt, durch Unglücksfälle und seltsame Begebenheiten, die man Ihnen für jetzt nicht mittheilen kann, blieb es aus. Die Angehörigen des Knaben waren gezwungen, sich aus Europa zu entfernen, und erst jetzt, nach vielen Jahren, ist es den Zurückgebliebenen möglich, sich wieder nach jenem jungen Manne, der Bernhard genannt war, zu erkundigen. Es fällt ihm nehmlich eine bedeutende Erbschaft zu, die man ihm wird verabfolgen lassen, wenn Sie ein Zeugniß einsenden, 26 daß er sich gut betragen, daß er fleißig gewesen und jetzt ein ordentlicher Mann geworden ist, der irgend ein bürgerliches Geschäft betreibt. Denn es ist nicht die Meinung des Erblassers, dem Lasterhaften, wenn er ein solcher geworden wäre, Vorschub zu thun. Erfahren wir von Ihnen, was wir wünschen, so wird ein zweiter Brief Ihnen alles sagen, was dem jungen Manne nützlich ist. Ihr Brief wird uns, wenn auch etwas spät, sicher zukommen, wenn Sie ihn nach der Residenz senden, Hauptstraße Nro. 13, im Hintergebäude des Gartens, an den Gärtner Friedmann. Schreiben Sie an diesen Alten, so werden wir mit Ihnen in Verbindung bleiben. Sie können uns, wenn wir erst mit dem Bernhard richtig sind, auch berechnen, was Sie auf Ihren Zögling noch gewendet und Sie an uns zu fordern haben, für jene Jahre, für welche wir mit Ihnen im Rückstande sind. Es ist möglich, daß Bernhard gestorben ist, dann kommt für ihn unsre Sorge zu spät, indessen hoffentlich nicht für Sie, um unsre Schuld bei Ihnen, geehrter Mann, abzutragen, dem wir außerdem noch unendlich verpflichtet bleiben. –

Ueber diesen seltsamen Brief, der einen längst vergessenen Vorfall betraf, konnte der Pfarrer Gottfried seiner Verwunderung kein Ende finden. Er erinnerte ihn so plötzlich an eine längst entschwundene Zeit; Vorwürfe erwachten in seiner Brust, und Gedanken wurden ihm erregt, Zweifel und Besorgnisse, die er vordem abgewiesen, über die er sich schon vor vielen Jahren beruhigt hatte. Allerdings war ihm der Knabe Bernhard vor fünf und zwanzig Jahren auf eine sonderbare Weise anvertraut worden. Auf einem Bauernwagen war das achtjährige Kind mit einem Briefe, welcher Geld und Anweisungen enthielt, angekommen. Bis zum nächsten Städtchen hatte ihn ein ältlicher Mann begleitet, 27 der ihn nun sich selbst und dem Pfarrer überließ. Der Knabe, welcher eine fremdartige Aussprache hatte, sagte, er käme weit, weit her, wußte aber den eigentlichen Ort seiner Geburt nicht zu nennen, weil er seit einigen Jahren schon immer auf Reisen gewesen war. Die Schweiz schien es nach den Beschreibungen Bernhards zu seyn, wo er sich am längsten aufgehalten hatte. Ihm war gesagt worden, er käme zu einem Oheim, der ihn erziehen und verpflegen würde. Die Leute, mit denen er bis dahin am meisten gelebt hatte, waren auch Geistliche gewesen. Das Kostgeld für seine Pflege und Erziehung war nur mäßig, indessen kam es dem Prediger, der noch nicht gar lange im Amt war, zu statten. Der Knabe zeigte sich wild, lernte nur ungern, und wurde bald, da er stark war und schnell wuchs, der Anführer der ungezogenen Jugend im Dorf. Bald war vor dem jungen Gesindel keine Familie sicher, die sie nicht beleidigten und vielfach kränkten. Der Unfug ging endlich so weit, daß der Pfarrer Gottfried gern den Buben wieder von sich gethan hätte, wußte er nur, wohin mit ihm. So waren sieben bis acht Jahr verlaufen, als das Kostgeld ausblieb. Der Pfarrer schrieb an das Handelshaus, durch welches er es bis dahin empfangen hatte; dieses konnte aber keine Nachweisung geben. War Gottfried in seiner Erziehung des Wildfangs bis jetzt nicht glücklich gewesen, so artete der Bube nun noch schlimmer aus, weil er noch mehr vernachlässiget wurde. Es ging so weit, daß man dem Pfarrer Vorwürfe machte, denn das Consistorium hatte von der heillosen Wirthschaft Kunde bekommen. Gottfried, der den jungen Bösewicht schon seit einigen Jahren auf eigene Kosten nährte und kleidete, ergrimmte, und züchtigte den hoch aufgeschossenen Burschen, wie er es verdiente. Dieser aber, seiner Kraft sich bewußt, vergaß die Ehrfurcht, die er seinem Pflegevater schuldig war, 28 so sehr, daß er sich ihm widersetzte und ohne Bedenken Schlag mit Schlag erwiederte. Mit Hülfe der Knechte, die auf das Zetergeschrei herzuliefen, wurde der junge Bösewicht endlich gebunden und geknebelt, und so in ein finstres Loch geworfen, indem Schulmeister und Schulze, auch der damalige Amtmann herbeigerufen wurden, um gemeinsam zu berathen und zu beschließen, was mit dem Hoffnungslosen anzufangen sei. Nach vielstündigem Erörtern, Zweifeln und Bedenken kam man dahin überein, ihn fürs Erste acht Tage lang bei Wasser und Brod in seinem unfreundlichen Aufenthalt fest verschlossen zu lassen, ihn dann noch einmal feierlich zu vermahnen, und, wenn Züchtigung und Bußpredigt vergeblich seyn sollte, und er wieder auf seinen alten Wandel verfiele, ihn dem Zuchthaus der Residenz zu überliefern.

Als der Senat sich erhob, um dem jungen Bösewicht diese Sentenz anzukündigen, und man den Stall aufgeschlossen, war der Verbrecher verschwunden. Er hatte Mittel gefunden, seine Bande aufzulösen, hatte dann mit einer Axt, die dort lag, die Mauer, die nur schwach war, durchbrochen und war entsprungen. Man tröstete sich über den Verlust, und der Pfarrer fühlte sich leicht, von dieser Last befreit zu seyn. Er erkundigte sich nur saumselig in der Umgegend, aber konnte nichts Gewisses in Erfahrung bringen. Als das Wahrscheinlichste ergab sich, daß Bernhard sich einer Bande von Seiltänzern angeschlossen hatte, um bei ihnen neue Studien zu beginnen und die alten fortzusetzen. Jene Bande, die durch die ganze Welt zog, war bald wieder aus den dortigen Provinzen verschwunden, und seitdem sprach man nicht mehr von Bernhard, um ihn bald darauf völlig zu vergessen.

Jetzt also erwachte beim Pfarrer Gottfried nach langer Zeit zuerst wieder das Andenken an Bernhard, und mit 29 diesem ein stiller Vorwurf. Der Ungezogene stammte also von rechtlichen Leuten ab, die sich, zwar nach vielen Jahren erst, doch dankbar erweisen wollten. Wenn er jetzt über die längst verflossenen Begebenheiten nachdachte, so schien es ihm, es sei wohl seine Pflicht gewesen, genauer dem Entsprungenen nachzuspüren, an den Prinzipal jener Bande zu schreiben, und die Polizei und Obrigkeit selbst in Thätigkeit zu setzen. Wollte man ihm jetzt seine Auslagen, reichlich sogar, ersetzen, so mußte er sich auch, wenn er nicht ganz unwahr berichten wollte, der Saumseligkeit anklagen, und den Verlust jenes Bernhard melden, von dem auch die letzte schwache Spur völlig verschwunden war, weil man so gar nicht gesorgt hatte, sie gleich anfangs zu verfolgen.

In diesen Sorgen und Beängstigungen fiel es dem alten Geistlichen zugleich auf, wie ihn hier doch wieder jene Zahlen bedrängten, welchen er sein Glück anvertrauen wollte. Drei und dreißig Jahr mußte Bernhard jetzt alt seyn, wenn er lebte, vor fünf und zwanzig Jahren war er ihm gebracht worden, und in Nummer 13 sollte er den Gärtner aufsuchen, welcher ihm Nachricht geben sollte, was in Ansehung der Angehörigen Bernhards zu thun sei.

Gedankenvoll streckte er sich zum letztenmal auf sein Lager hin, denn auf morgen war der merkwürdige Aufbruch nach der Residenz festgesetzt worden.

Zärtlichen Abschied nahm man von der kranken Gattin des Amtmanns. In der Kutsche saßen der Amtmann, der Pfarrer und dessen Frau, Fritz und Rosine. Auf dem Bocke hatte sich Titus einen ziemlich bequemen Sitz eingerichtet, und der Kutscher unterhielt sich gern mit diesem. Da man für den kurzen Aufenthalt nicht zu viele Sachen mitnahm, so hatte ein Knecht noch hinten neben den Koffern einen bescheidenen Platz gefunden. Die Zehrung auf der Reise, so 30 wie in der Stadt, hatte der reiche Amtmann großmüthig über sich genommen, und Titus war deshalb um so fröhlicher gelaunt, weil er die Aussicht hatte, seinen Klepper nach der Rückkehr recht ausgefüttert und muthig wieder zu finden.

Die schwere Kutsche fuhr sehr langsam, und es dauerte eine geraume Zeit, bevor man nur das Dorf im Rücken hatte. Der Amtmann rief unwillig hinaus: Christian, ich habe meine besten vier Pferde vorspannen lassen, und wir kommen doch nicht aus der Stelle! Christian hielt nun völlig an, um bequemer antworten zu können: Herr Amtmann, die Pferde sind zu dick, sie haben seit vierzehn Tagen zu viel gefressen. Wenn sie erst ein paar Meilen gemacht haben, wird es schon besser gehen; sie können sich nicht rühren und kaum recht Athem holen, so aufgebrauscht ist das liebe Vieh. Sie sind zu vollkommen, mein Herr Amtmann.

Es schien, daß Christian dort Ruhepunkt machen wollte, um sein Gespräch nur in Bequemlichkeit führen zu können. Ein mäßiger Fluch seines Herrn setzte die Thiere und die Maschine wieder in langsame Bewegung.

Als man eine halbe Meile zurückgelegt hatte, befanden sich Alle, auch der Kutscher, in einer neuen Welt. Alles wurde angestaunt, jede Hütte, jeder Baum, und beim kleinsten Feldwege rechts oder links fragte der vorsichtige Christian die Vorübergehenden immer wieder, ob er auch auf der rechten Straße sei.

Auf diese Weise rückte das Fuhrwerk nur sacht und langsam vor, und als man endlich bei einer einsamen Schenke Halt machen und frühstücken wollte, erstaunte man, daß man erst Eine Meile von der lieben Heimath, dem Dorfe Wandelheim, entfernt sei. Es ward dem Kutscher anbefohlen, den Pferden fast gar nichts zu verabreichen, damit der 31 Hunger sie nur endlich zu einem etwas rascheren Schritt, und wo möglich Trab, anfrischen möge. Man erfuhr hier, daß man nach Schönhof, wo man zu übernachten dachte, noch sechs starke Meilen habe.

Christian, als er seinen Sitz wieder einnahm, schüttelte bedenklich das Haupt, und erklärte dem benachbarten Titus, wie er große Zweifel hege, ob man auch wirklich dort anlangen, und die ungeheure Strecke mit Pferden, die dergleichen nicht gewohnt seien, zurück legen könne. Titus, der sich mehr auf den Landstraßen umgetrieben hatte, machte ihm Muth und nahm selbst die Zügel in die Hand, um ihm zu zeigen, wie man den Thieren, die eigentlich nicht ohne guten Willen waren, etwas mehr zumuthen müsse. Christian war sehr verwundert, daß die Kutsche sich wirklich schneller bewegen könne. Der ängstliche Pfarrer schrie auf, und meinte, die Pferde gingen durch; doch Christian besänftigte ihn und beschwichtigte jeden Zweifel der Eingekutschten, und da man ihn als vernünftig und höchst vorsichtig kannte, so setzte man im Wagen sorglos die angefangene Unterhaltung fort.

Am glücklichsten war Rosine, die zum erstenmal in ihrem Leben so weit von der Heimath sich befand. Ihr dünkte, über diese Felder sei schon ein ganz neuer Himmel mit hellerem Lichte gespannt, die Bauart der Häuser erschien ihr fremd, die Tracht der Wandersleute seltsam. Begegnete ihnen ein Wagen, so begriff sie nicht, wie man nur nach der Gegend von Wandelheim zufahren könne; die Gesichter der Reisenden erschienen ihr auch bekümmert genug, weil sie sich mit jedem Schritte von den Wundern entfernten, denen sie entgegen ging. Sie saß dabei ihrem geliebten Fritz gegenüber, dessen helle Augen ihr immer entgegen lachten, und der eben so wißbegierig in die neue Welt hinein kuckte. Die beiden hörten nur wenig auf die Gespräche der Alten, die 32 ihnen langweilig dünkten, sie begriffen selbst nicht, wie sie sich von alltäglichen Gegenständen, oder längst verlaufenen Geschichten besprechen konnten, da neue Tauben und Schwalben über ihnen wegflogen, da Störche in den Nestern saßen, und zuweilen sogar ein Postillion in der Ferne auf seinem Hörnchen so lieblich blies.

Am Mittage verweilten sie in einem großen Dorfe, das anmuthig zerstreut auf Hügeln lag. Christian brachte die dampfenden Pferde unter, sehr verwundert darüber, daß es ihm wirklich möglich geworden sei, die ganze Gesellschaft schon so weit in die Welt hinaus zu schaffen. Der Amtmann richtete sich im Saale ein, als wenn er hier lange wohnen sollte; der Pfarrer und seine Frau wandelten hin und her, um bei der Einrichtung zu helfen, die jungen Leute blieben im Freien, und gafften alles mit Entzücken an, indem sie sich selig fühlten, in ihrer lieben Nähe die erste Reise ihrer Lebens zu machen. Der Humorist Titus hatte sich zum Wirthe begeben, um sich von dem gesprächigen Mann tausend unbedeutende Geschichten erzählen zu lassen.

An der Mittagstafel waren Alle vergnügt und fast ausgelassen. Man trank fleißig von dem Wein, den der Amtmann mitgenommen hatte. Titus erzählte wieder, was er unten vernommen hatte, und freute sich vorzüglich, den weitberühmten Garten in Schönhof nun morgen wirklich mit seinen Augen zu ersehn. Mehr als ein Wunder der Natur, sagte er unter anderm, hat der reiche Baron dort möglich gemacht. Wasserfälle, hohe, steilrechte, wo vorher kein Wasser anzutreffen war, Felsen, schwindelnd hoch, hat er aufgebaut, so daß man in der Schweiz zu seyn glaubt, und umgekehrt hat er wieder ungeheuer tiefe Abgründe ausgegraben, in die man kaum hinein zu blicken wagt, und über die der Wandersmann nur auf Kettenbrücken zitternd schreitet. 33 Majestätische Eichen wechseln mit finstern Tannen, herrliche Buchen mit mächtig hohen Weiden, und alle fremden, seltenen Gewächse dazwischen. Man kann nichts so Seltsames ersinnen, was er nicht ausgeführt hätte. Chinesische Häuser mit ganz schmalen bunten Treppen und vergoldeten Thürmchen, in welchen Glockenspiele hängen: alte Ritterburgen, dann wieder Ruinen, Labyrinthe, in denen man sich verirret und in unterirdische Gänge geräth; Bergwerke, krystallene Höhlen, ja selbst ein feuerspeiender Berg, groß, wie der Aetna selber, ist angebracht. Vor diesem ist eine englische Herzogin in Ohnmacht gefallen, ein alter dicker Herr hat von dem gothischen Thurm vor vier Wochen gar nicht wieder herunter gewollt, ein so entsetzlicher Schwindel hat ihn befallen, man hat ihm müssen die Augen verbinden, und nachher ist er sehr künstlich an Stricken wieder herab gelassen worden. Es soll, mit einem Wort, so viel himmlischer Genuß, so viel zu sehen seyn, daß es kaum auszuhalten ist. Ich habe es nicht für möglich gehalten, daß sich dergleichen einrichten ließe.

Die Kunst, sagte der Amtmann, ist in unsern Tagen gewiß zu einer außerordentlichen Höhe gelangt. Es wird unsern Nachkommen kaum noch etwas zu thun übrig bleiben. Da wir aber so bequem und langsam reisen, thut es mir doch leid, daß ich meiner Frau nicht mehr zugeredet habe, uns zu begleiten; sie ist eigentlich Kennerin von solchen Natursachen, und würde sich noch besser, als ich, darin finden können.

Sie sehn, theurer Freund, sagte Titus, es reiset sich leichter in die Welt hinein, als Sie gedacht haben mögen. Was hindert Sie, übers Jahr oder noch in diesem Sommer und Herbst den guten Christian die etwas zu dicken Braunen noch einmal einspannen zu lassen, um wenigstens bis 34 Schönhof zu reisen, wo sie dann alle die Merkwürdigkeiten mit Muße in Ihrer, und vielleicht auch meiner Gesellschaft betrachten kann, die wir mit den Gegenständen alsdann schon vertraut sind, um sie ihr ausdeuten zu können.

Der Amtmann schien diesen Vorschlag nicht abzuweisen, und es ward beschlossen, am heutigen Tag auf jeden Fall noch diesen Zaubergarten zu erreichen; morgen dann vom frühen Morgen bis Mittag das Elysium zu durchwandern, dann in einem kleinen Städtchen die Nacht zu bleiben, und Sonntags bei guter Zeit die Residenz zu erreichen.

Christian, als er wieder eingespannt hatte, wollte nicht glauben, daß er am Abend schon in Schönhof seyn würde. Die guten Braunen, sagte er mit sorgender Miene, werden nicht wissen, was sie aus ihrem Lebenslauf machen sollen. Dergleichen ist ihnen, seit sie auf der Welt sind, noch nicht angemuthet worden. Und wirklich gab Titus auch schon den Gedanken auf, anzulangen, so schwerfällig waren sie, so keuchend zogen sie ermüdet den schweren Wagen. Titus führte wieder oft das Leitseil und trieb nach allen Kräften. Es wurde aber Nacht, bevor man das Ziel erreicht hatte. Jetzt strengte Titus die Pferde auf das Aeußerste an, und um so dreister, weil der zu mitleidige Christian neben ihm fest schlief und schnarchte. Eine Stunde vor Mitternacht konnte man vor dem großen Gasthofe in Schönhof endlich stille halten. –

Die Gesellschaft verweilte nur wenige Zeit bei ihrem Abendessen. Alle waren ermüdet und schliefen lange. Die beiden jungen Leute waren zuerst am Morgen munter und sahen sich in der Landschaft um. Sie konnten es kaum erwarten, bis man sich zu den Herrlichkeiten des Gartens begäbe, und begriffen den unempfindlichen festen Schlaf der ältern Reisenden nicht.

35 Endlich wurden die übrigen munter, nachdem die Sonne schon einen großen Theil ihres Weges durchmessen hatte. Vom Wirth erfuhr man, daß der Besitzer es gern sähe, wenn man vorher bei ihm um die Erlaubniß, den Garten zu betrachten, nachsuchen ließe, weil er für den Ruhm seiner Anstalt, wie billig, wünsche, daß man das Kunstwerk in einer geziemlichen Folge genieße, damit die Wirkung um so eindringlicher sei. Auch mache er sich oft selber das Vergnügen, angesehene Fremde herum zu führen.

Man erwartete den abgeschickten Kellner, und der humane Amtmann ließ indeß seinen Kutscher kommen, um diesen zu fragen, ob er auch die Naturschätze mit ihnen betrachten wolle. Christian aber schlug in seiner melankolischen Laune dieses Ansinnen mit großer Bestimmtheit ab. Er sah müde und überwacht aus, und antwortete, als man sich nach der Ursach erkundigte: Ja, mein Herr Amtmann, ich habe mich gar nicht niedergelegt, denn ich habe die ganze Nacht durch die vier Braunen trösten müssen. Wenn ich nicht bei ihnen geblieben wäre, was hätten die Armen anfangen sollen? Wen haben sie sonst noch, der sich ihrer erbarmt? Wenn der Herr von Titus doch einmal Kutscher vorstellen will, so hätten Sie mich können zu Hause lassen. Nein, das hätten sich die guten Viehe wohl niemals träumen lassen, daß es einmal so über sie hergehen sollte.

Sind sie denn krank? fragte der Amtmann; fressen sie denn nicht?

Je nun, antwortete Christian, sie sind in so weit noch ziemlich wohl und fassen sich mit Verstand, und thun im Fressen eher ein Uebriges, als daß sie sich etwas abgehn ließen, sie knirschen den gelben Hafer so frisch hinunter, daß man selber Appetit kriegen könnte. Aber dabei sehn sie sich untereinander so nachdenklich und wunderbar an, und schauen 36 dann nach mir wieder um, und schütteln mit den Köpfen, daß ich genug zu thun habe, sie wieder zu beruhigen. Dazu stehn sie nun da in einem fremden Stall, den sie nicht gewohnt sind. Das ängstet sie auch. Und darum muß ich auch jetzt bei ihnen bleiben, um sie etwas zu verständigen. Es ist recht gut, daß wir erst heut Nachmittag ausreisen, so kommen die armen Creaturen wohl wieder etwas zu Vernunft.

Der Amtmann mußte den beschränkten Sinn seines Dieners belächeln, und ermahnte ihn nur, seinen versäumten Nachtschlaf nachzuholen, damit er Nachmittags wacker seyn könne.

Der Diener kam mit der Nachricht zurück, daß, wenn die Gesellschaft sich noch eine kleine halbe Stunde gedulden wolle, der gnädige Herr sich selbst die Ehre geben würde, ihnen alle Anlagen seines Gartens zu zeigen. Der Amtmann war mit dieser Anstalt unzufrieden, weil er lieber die Sache ganz nach seiner Bequemlichkeit behandelt hätte; indessen stellte ihn Titus wieder zufrieden und versprach, wenn es nöthig wäre, die Unterhaltung mit dem Baron ganz auf sich zu nehmen.

Als man eine Weile gewartet und sich gesammelt hatte, zeigte sich vom Schlosse her, das auf einer Anhöhe lag, ein Mensch, der einen Hut mit breiten Tressen trug: sein Rock glänzte ebenfalls von Gold: seine Unterkleider waren weiß, und seidne Strümpfe deckten zwei feine, zierlich schreitende Beine. So wie die majestätische Figur näher kam, wurde man immer ungewisser, ob es nicht der Baron selber sei, doch erkannte man zuletzt die freilich zu prächtige Livree und den Bedienten. Sie folgten ihm zum Schloß, in dessen Thor ein eben so prächtiger Portier prangte, der mit breitem Bandelier, schönem Degen und dem Stocke mit großem 37 silbernen Knopfe ihnen barsch entgegen trat. Hier zweifelten alle nicht, da keinem, Titus ausgenommen, jemals eine solche bunte, breitschultrige und ausgeputzte Figur vorgekommen war, daß es der gnädige Herr selber sei, der sich in sein Garten-Costüm gesetzt habe, in welchem er wohl die Fremden herum zu führen pflege. Sie verneigten sich daher tief und demüthig, der Pfarrer am meisten aus seiner Fassung gebracht, und es kostete dem Welt- und Menschenkenner Titus einige Mühe, seine Gesellschaft etwas aufzuklären und in die nöthige Haltung zu versetzen.

Als alle sich von diesem Schrecke erholt hatten, begaben sie sich über den tiefen, etwas finstern Vorsaal, um jenseit durch ein großes Thor in den künstlichen Garten zu treten. Im Hintergrunde kam ihnen ein unansehnlicher Mann entgegen, in einem alten, etwas zerrissenen Ueberrock, ein schwarzes Tuch nachlässig um den Hals geschlungen. Seine unbedeutende Physiognomie und der nachlässige Anzug schienen einen Verwalter oder noch kleineren Diener des Hauses zu bezeichnen.

Der Amtmann, der sich von seinem vorigen Irrthum mehr als erholen wollte, athmete hoch auf, und fragte dann mit starkem Ton: Wird Er uns, mein Guter, zum gnädigen Herren führen?

Treten Sie nur vorerst gefällig in den Garten hinein, sagte der unscheinbare Mann. Sie folgten seiner Anweisung, gingen durch die hohe Thür, die der unbekannte Begleiter selbst wieder verschloß, und jetzt standen sie im Garten, der von der Sonne hell erleuchtet war. Sage Er uns doch, sing der Amtmann von neuem an, werden wir hier den Herrn Baron finden, der uns hat sagen lassen, daß er uns selber herum führen wollte?

Ich gebe mir schon die Ehre, sagte der Unbekannte, ich 38 bin der Herr von Steinsberg, der Ihnen sein Compliment macht, und erfreut ist, allerseits Ihre werthe Bekanntschaft zu machen.

Dieser Schreck war viel größer, als der erste. Der Amtmann fuhr entsetzt zurück und stotterte eine unvernehmliche Entschuldigung, der Pfarrer verbeugte sich fast bis zur Erde, die beiden jungen Leute waren blutroth geworden und kicherten vor Verlegenheit, und die Mutter Rosinens knixte den ganzen Baumgang hinauf, um die Unhöflichkeit wieder etwas gut zu machen.

Als man die große Allee hinunter gekommen war, sagte der Baron: hier, meine Verehrten, werden Sie nun in mein Labyrinth eintreten. Es soll gleichsam den dunkeln, ungewissen Ursprung unsers Lebens bezeichnen. – Die Eingänge waren sehr niedrig und eng, alle mußten sich bücken. Drinnen war es finster, und man stieß an die engen, gemauerten Wände. In der Mitte war der Raum etwas breiter, und von hier gingen wieder kleine Straßen nach verschiedenen Gegenden. Man trat endlich, nachdem alle ziemlich lange gebückt hatten wandeln müssen, ins Freie, und der Baron fing wieder an: wir treten nun, nach jener Finsterniß, in das heitere Thal der Kindheit. – Es war ein kleines grünes Fleckchen voller Frühlingsblumen, und mit blühenden Gebüschen umkränzt. Halt! rief plötzlich der Herumführende: einer von Ihrer werthen Gesellschaft fehlt! Der Herr wird mir ganz gewiß zu früh ins Elysium gerathen; er hat den falschen Weg links genommen. Erlauben Sie, daß ich den Verirrten wieder aufsuche, und erwarten Sie mich hier.

Er ging schnell in das Labyrinth zurück, und man hörte ihn rufen. Titus war es, der sich auf unerlaubten Wegen davon gemacht hatte. Artlich! schmunzelte der Pfarrer: daß es aus jenem finstern Labyrinth einen Weg giebt, der 39 sogleich ins Elysium führt, wohin so manche Kinderseele unmittelbar nach der Geburt, einige sogar früher, eilen. Wir aber wandeln auf dem gewöhnlicheren Wege durch Kindheit und Jugend.

Sie mußten eine geraume Zeit auf der kleinen Stelle warten, endlich traten der Baron und Titus aus den engen Gängen wieder vor. Der gute Herr, sagte der Edelmann, war schon durch Elysium und Tartarus hingesprungen, ganz gegen allen Plan und Zusammenhang.

Die Schönheiten, erwiederte Titus, sind so vielfach, und so neben einander gedrängt, daß man sich, entzückt und betäubt, zwischen allen diesen herrlichen Contrasten verirrt. Festgehalten und zugleich fortgestoßen, zaudert man und eilt und hat das irdische und ewige Leben übersprungen, ehe man nur weiß, was man thut. Das ist eben die Eigenschaft der ächten Schönheit, daß man sich ganz in sie hinein stürzt, und das persönliche Bewußtsein darüber einbüßt.

Der Baron trocknete sich den Schweiß ab, und erzählte ihnen das Charakteristische von diesem Thal der Kindheit; sie kamen hierauf in die Ebene der Jugend, in welcher junge Bäume standen und keine Blumen. Etwas auswärts mußte man zum Manns-Alter steigen, wo man eine Aussicht auf Tempel und Hütten hatte, dann kam man noch höher in die reifen Jahre, welche Tannen bezeichneten; ganz oben stand man endlich im Greisesalter, wo alle Aussicht mit Sträuchen bedeckt war, rund umher abgestorbene Bäume, von denen selbst vielen die Rinde abgeschält war, unten sah man von einer Seite in einen kleinen Kirchhof hinein, der voller Gräber und schwarzer Kreuze war.

Herr Baron, sagte der Pfarrer begeistert, das hätte ich mir niemals gedacht, daß ein Garten so erbaulich seyn könne. Wahrlich, das nenne ich Philosophie! Und so innig mit der 40 Kunst vermählt! Und diese Kunst wieder eins und dasselbe mit der Natur. Ich sollte meinen, das eben sei die allerhöchste Vollendung!

Es freut mich, sagte der Baron, daß Sie so ganz in meine Ideen einzugehn vermögen; man hat so selten die Freude, daß ächte, tiefe Denker uns näher treten. – Er zog einen Draht und man hörte eine Glocke. Auf einem kürzeren Wege rannte jener geschmückte Bediente herbei, welchem der Führer eilig einige Worte ins Ohr sagte, worauf sich dieser wieder eben so schnell entfernte.

Was Sie bisher gesehn haben, fing der Führer wieder an, war eine allgemeine Einleitung. gleichsam eine Symphonie zu dem Gedicht meines Gartens. Jetzt treten wir in die Geschichte der Menschheit.

Abseits lenkte ein bequemer Steig, und man gelangte in eine kleine umbuschte Gegend, mit einem dorischen kleinen Tempel aus Holz, welcher einige Figuren enthielt, die den griechischen nachgebildet waren. Auch in den Gebüschen zeigten sich einige Statuen. So sind wir denn in Griechenland, sagte der Führer. Ein einfaches, schönes Leben, eine veredelte Natur, ein sinniger Cultus. Von hier gelangt man durch diesen sich schlängelnden Weg in das Elysium, wie jene Menschen es sich dachten. Es war ein ziemlich heitrer Raum, voll Blumenbeete, ein Schattengang daneben, hinter welchem sich gleich der Tartarus befand. Hier waren künstliche Felsen gebaut und Grotten erschaffen, vor der einen lag der dreiköpfige Cerberus, mit weit geöffnetem Rachen. Die Pfarrerin trat erschrocken einen Schritt zurück, aber der Baron führte sie selbst, wohlgefällig lächelnd, dem Höllenhunde vorüber, welcher nur aus Holz und mit kräftigen Farben übermalt war.

Man sah hier ebenfalls gemalt den Ixion auf seinem 41 Rade, und in einer Grotte links Pluto und Proserpina. Die eine Grotte hatte Fenster mit farbigem Glase, und die ganze Gegend umher schien im dunkelrothen Feuer zu brennen. Dieser Platz gefiel der Gattin des Pfarrers vorzüglich; sie war kaum zu bewegen, die Grotte und ihre Täuschung wieder zu verlassen.

So kam man in die chinesische Gegend, die voller Hügel, Häuserchen, kleiner Treppen und Thürme war, alles aus Latten geschnitzelt und mit grellen Lackfarben überzogen. So wie die Luft sich bewegte, ertönten eine Menge kleiner Glockenspiele. Kleine Figuren standen auf den Gallerieen, und einige Pagoden saßen nickend und wackelnd. Beim Himmel! rief der Amtmann aus, ich bin heut wie im Himmel selbst! Was braucht der Mensch noch zu reisen, oder Bücher zu lesen, oder Gemälde zu sehn, wenn er alles viel besser hier in Natura vor sich erblicken und erleben kann! Verehrter Herr Baron, Sie sind wahrhaftig mehr als ein Tausendkünstler!

Ich würde Sie, antwortete der Baron, einen nach dem andern dort auf den höchsten chinesischen Thurm hinaufführen, wenn nicht neulich ein dicker, unbeholfener Mann das Geländer und die Treppe zerbrochen hätte. Er beachtete die Künstlichkeit nicht, und lehnte sich zu handfest auf die leicht geschnitzte Gallerie. Er wäre fast unglücklich geworden und herabgestürzt.

Wer keinen Spaß versteht, sagte der Amtmann, der sich gern gefällig machen wollte, muß sich mit solcher künstlichen Natur nicht einlassen.

Spaß nennen Sie das? fragte der Baron etwas empfindlich; ich habe es ernsthaft genug gemeint.

Der Herr Amtmann, fiel Titus ein, will damit nur sagen, daß sich einer geziemlich betragen muß, und vorbereitet seyn, um Schein und Wirklichkeit, die in der ächten 42 Kunst immerdar durch einander spielen und sich gegenseitig unterstützen, gehörig zu würdigen. Für Schein, Nachahmung, pflegt der Herr immer Spaß zu sagen.

Jetzt betraten sie die türkische Gegend mit einigen Moscheen und Minarets; von da gelangten sie in das christlich-gothische Zeitalter: eine Ritterburg präsentirte sich, mit Giebeln, Thürmen und bunt gemalten Fenstern: geharnischte Männer, von Holz, standen am Eingange. Gegenüber war eine Ruine. Im Ritterschloß fanden sie ein elegantes Frühstück, zu welchem sie der Wirth mit vieler Freundlichkeit einlud.

Alle waren von den vielen Genüssen wie betäubt, und der Wein, so wie die kalten Hühner behagten ihnen nach der Wanderung und Anstrengung sehr. Durch das einfache und freundliche Wesen ihres Wirthes waren sie alle heiter und guten Muths geworden, und der Pfarrer hatte großes Vertrauen gewonnen, da der Baron ihn für einen tiefen Denker erklärt hatte.

Unmittelbar hinter der Ruine lag ein kleiner Garten mit beschnittenen Hecken, die französische Zeit darstellend; daneben war ein Fleck, wo Taxus in Pyramiden, Obelisken, ungestalten Frauen und Männern verschnitten war, eben so die Bäume, deren Rinde man gefärbt hatte, und zwischen denen Pyramiden von Glaskügelchen standen, von welchen die Sonne blendend zurück strahlte. Der Boden bestand aus farbigem Sande. Allerliebst! rief die Pfarrerin; so artig ist es nicht einmal in meiner Putzstube.

Die vollendete Unnatur, erläuterte der Baron, hat auch einen gewissen Reiz. auch wird dadurch der Sinn für Natur wieder um so mehr geläutert und geschärft.

Als man den Ort verlassen hatte, von dem sich die Pfarrerin auch nur sehr ungern trennte, sagte der Führer: 43 Jetzt besuchen wir nun die Gegenden der menschlichen Leidenschaften und Gemüthsstimmungen, und zwar zuerst die Grotte der Sirenen.

Es war ein Gartensaal, der rings mit Spiegeln belegt war. in Nischen waren Sirenen von Stein, übermalt, angebracht, die aus den Brüsten und dem Munde Wasser spritzten: eine Wasserorgel erklang, um ihren Gesang anzudeuten. In der Mitte war ein Felsen, der ebenfalls Wasser ausströmte, und an diesem stand ein Mann, den Ulysses bezeichnend, festgebunden. Fritz wollte die Sirenen etwas mehr in der Nähe besehn, und so wie er einen dunkleren Quaderstein betrat, erhoben sich aus den Wänden, dem Fußboden und dem Felsen tausend feine Strahlen, die ihn alle wie eine Wasserlaube umhüllten, und ihn mehr durchnäßten, als ihm erwünscht seyn mochte. Alles erstaunte, und Fritz stand in seinem Tropfbade unbeweglich. So ergeht es, rief der Baron, denen, die ihren Leidenschaften folgen, und den verführerischen Sirenen zu nahe treten. – Er drückte an einen Knopf am Felsen und die Wasserstrahlen versiegten plötzlich.

Fritz ward ausgelacht und der Vater sagte zu ihm: merke Dir diese Lehre, mein Sohn, sie kann Dir für Dein ganzes Leben nützlich seyn! Geh dem Stein immer aus dem Wege, der Dich so pudelnaß machen kann; Du hast nun erfahren, was die Leidenschaften mit uns für ein Spiel treiben.

Ja, sagte Fritz, wenn der Stein immer so gezeichnet wäre, wie der da, so könnte man leicht tugendhaft seyn. Und doch muß man erst auf ihn treten, um durch die Erfahrung gewitzigt zu werden, daß er den Schalk im Nacken hat.

Jetzt kamen sie in einen Raum, dicht von Trauerbirken, 44 Thränenweiden und Weihmuthskiefern eingeschlossen. Dies ist das Thal der Thränen, sagte der Baron, es gränzt an den Saal der Sinnlichkeit und Leidenschaft. Von da stiegen sie aufwärts zu einer ziemlichen Höhe, und standen dann an einem künstlich gemachten Absturz. Dies, fuhr der Baron fort, ist die Höhe der Verzweiflung: nur ein schmales schwankendes Brett, das in Ketten hängt, führt über diesen schauderhaften, schwindelnden Abgrund. Ich muß Sie bitten, einzeln und Mann für Mann hinüberzugehn, weil diese Brücke nicht auf eine große Last berechnet ist. Fritz, dem es nach dem Unheil, das die Leidenschaften ihm erregt hatten, am nöthigsten that, die Gegend der Verzweiflung zu verlassen, hüpfte über die schwankende, klirrende Brücke hinüber. Dann folgte Rosine ihrem Lieblinge eilig nach, ihr folgte der Amtmann, dann Titus, der sich keck in die Mitte der Brücke hinstellte und mit begeistertem Auge dreist in den Abgrund schaute, dann ging der Pfarrer bedächtig hinüber, dessen Gattin aber zögerte, und klagte, ihr Schwindel lasse diese Passage nicht zu. Altes Närrchen! rief der Pfarrer vom jenseitigen Ufer herüber, es ist ja nicht höher als unsre Bodentreppe! Mache doch keine Umstände! Du kletterst ja auch zuweilen zum Taubenschlag hinauf, und das ist denn doch wohl schlimmer.

Sie faßte sich ein Herz und betrat das schaukelnde Brett. Der Gatte streckte ihr von drüben, so weit er es vermochte, den Arm entgegen und zog die Kreischende, so wie sie nur die Mitte erreicht hatte, mit Gewalt zu sich, der Freiherr machte den Beschluß.

Nun sind wir, fing er jenseits an, auf dem Gebiet der Tugend. – Hinter Gebüschen that sich ein kleiner ebner Fleck auf, rund um mit Ruhestellen besetzt. In der Mitte stand auf einem Fußgestell von Rasen die Büste des Sokrates.

45 Alle setzten sich nach den überstandnen Mühseligkeiten, um auszuruhn. Hier, fing der Pfarrer an, sollten nun unmaßgeblich philosophische und moralische Diskurse geführt werden, nachdem wir durch des Himmels Hülfe die Leidenschaften, die Thränen, und die Verzweiflung überstanden haben.

Nach der Ruhe wanderte man durch die Natur, welche die Natur selbst darstellte, mit den Beschäftigungen der Menschen vereinigt. Weiß angestrichene Steine und Sand, ohne Baum und Strauch waren die Polarländer: dann stieg man zum mäßigen Himmelsstriche, den ein kleines Kornfeld bezeichnete: man kam an eine Mauer, an welcher ein Weinstock hinaufrankte: nun erhob man sich wieder zu den Bergen. Sehn Sie, rief der Baron, hier links die Fülle der Wasserfälle. Er hatte wieder eine Glocke angezogen, und reichlich genug stürzte Wasser in vielen Rinnen hinab, über eingefugte Steine und zwischen Gras und Gebüschen. Er trieb aber selbst zum Weitergehn, weil er wußte, daß nach einigen Minuten das Wasser ausbleiben würde, welches nur künstlich gesammelt war, und erst in vier und zwanzig Stunden wieder springen konnte.

Als sie weiter gingen, machte er sie auf einige ausländische Stauden aufmerksam, dann folgten sie seiner Einladung, sich wieder auf eine Ruhebank niederzulassen. Nachdem sie sich umgesehn, gesprochen und sich gestärkt hatten, erhoben sie sich wieder, aber die Pfarrerin stieß zu Aller Schrecken einen lauten Schrei aus, denn unmittelbar hinter ihr stieg, wie aus einem Schacht, auf einer Leiter ein Bergmann mit einer Mulde voll Erz auf der Schulter. Der Baron freute sich, daß die gut gefärbte und geschnitzte Figur nicht vorher war bemerkt worden. –

Nun zog sich der Weg abseits durch mehrere 46 Gewächshäuser, die so künstlich eingerichtet waren, daß man nicht gleich die Gläser und Oefen bemerkte. Diese, die immer heißer wurden, stellten die tropischen Länder vor, hier sah man dann die Früchte und wundersamen Stauden des Süden, Aloe, Cactus, Palmen und Ananas.

Schweißbetrieft verließen alle die tropischen Länder, um sich im deutschen Klima wieder zu erholen. Man ging an einem Fichtenwalde hin, und plötzlich zog der Baron wieder eine Glocke, die weithin durch den Garten schallte. Wir bekommen ein Gewitter, sagte er dann, und wir werden etwas eilen müssen. Man wendete sich in den Wald, und erblickte in einiger Entfernung eine Hütte von Moos, mit einem Crucifix, Todtenkopf und einem einfachen Lager. Der Baron schüttelte heftig mit dem Kopfe und kehrte dann, ohne sich der Einsiedelei zu nähern, mit der Gesellschaft wieder um, welche seine Verstimmung, die er deutlich genug zeigte, nicht begriff. Als man wieder an die Tannen gelangt war, faßte er in die Zweige und zog zwei-, dreimal noch viel stärker, als vorhin, dann stand er murrend eine Weile still, und ging langsam, und wie es schien, vorsätzlich zaudernd, noch einmal nach der Gegend jener Einsiedlerhütte, die sie nur eben verlassen hatten.

Als sie wieder zur Eremitenhütte hinzogen, sahen sie einen Einsiedler in brauner Kutte mit langem schwarzen Barte vor dem Crucifixe knieen. Dann las er in einem Brevier, bekreuzte sich und stand auf. Ach! rief die Pfarrerin: dies ist noch die hübscheste Puppe von allen! Sie schrie aber laut auf vor Schrecken, als der Eremit sich jetzt zu ihnen kehrte und sie mit demüthiger Andacht begrüßte. Der Baron wendete sich stumm mit einem auffordernden Blicke zu seiner Gesellschaft und kniete nieder, Fritz und Rosine folgten schnell dem Beispiel, der Amtmann und die 47 Predigerin zögernd, doch Gottfried trat mißtrauisch zurück und sah es aus der Ferne kopfschüttelnd mit an, wie der Eremit Allen die Hände segnend auf das Haupt legte, und über jeden das Zeichen des Kreuzes machte. Noch sonderbarer erschien ihm die Handlung, als bei einer rascheren Bewegung eine Tabackspfeife aus dem Gewande fiel. Als sie weiter gegangen waren, eilte der Baron noch einmal schnell zurück, und der mißtrauische Pfarrer glaubte die Worte, im zornigen Tone gesprochen, zu vernehmen: »Trunkenbold! – Immer saufen! – Die verdammte Tabackspfeife!« – Von dem, was der Eremit erwiederte, war gar nichts zu verstehen, auch kam der Baron bald mit einer verdrüßlichen Miene zu seiner Gesellschaft zurück. Ich habe es vorgezogen, sagte er, indem sie weiter gingen, einen wirklichen Einsiedler in jene Hütte hinein zu stiften, als einen nachgemachten hinein zu setzen. Dieser betet wirklich und lebt vom Getümmel der Welt entfernt in diesem Walde, bei einfacher Kost, in frommer Andacht.

Auch im Winter? fragte der Prediger. – Ihm ist, erwiederte der Baron, für die strengere Jahreszeit ein Häuschen nebenbei eingerichtet worden. Doch eilen wir, bevor das Gewitter uns überrascht. – Er zog wieder eine Glocke an, und als sie um die Ecke bogen, standen sie vor einem kleinen dunkeln Hügel, der von lauter Eisenschlacken aufgehäuft zu seyn schien. Mit lautem Donner und Krachen sprang aus dem Gipfel plötzlich eine Feuer-Explosion, und streute die Funken weit umher. Die Frau des Predigers fiel auf den starken Amtmann, der hinter ihr stand, denn sie war einer Ohnmacht nahe.

Der Baron, sehr zufrieden mit der Wirkung seines feuerspeienden Berges, beruhigte und tröstete die noch immer zitternde Alte. Ich habe Sie übermäßig ermüdet und 48 angestrengt, sagte er dann freundlich, eilen wir in das Haus, das Gewitter ist ganz nahe, und machen Sie mir das Vergnügen, an meinem Tische, bei heiteren Gesprächen, wieder einige Kräfte zu sammeln.

Alle dankten für die übergroße Freundlichkeit des Barons und nur dem gewandteren Titus gelang es, einige wirklich verbindliche und höfliche Redensarten anzubringen. Der Baron war sehr aufgeräumt, daß sein Garten so großen Beifall fand, und sagte: das Gewitter hat es mir unmöglich gemacht, Ihnen noch einige kleinere Parthieen zu zeigen, Ihnen, zum Beispiel, den Anblick des Weltmeers, mit einigen Kriegsschiffen zu vergönnen, welches künstlich durch Perspektive, Malerei und etliche ganz feine Modelle nur möglich ist, aber doch täuschend wirkt. Othahiti und Amerika haben wir auch überspringen müssen. Sie haben die Vielseitigkeit bewundert, so wie die Menge von Gegenständen. Ich sollte wohl mein Geheimniß nicht selber verrathen, aber ich versichere Sie, es ist alles mit großer Kunst so zusammen gedrängt, daß Sie ohngefähr nur eine halbe Stunde brauchen, um den Park von außen zu umwandeln.

Ueber diese Vollendung und enge Gebundenheit der Kunst konnte der beredte Titus nicht Worte genug finden, um sein Erstaunen wie seine Bewunderung gehörig auszudrücken.

Sie waren nahe am Hause, und der Baron sagte: Diese letzte Explosion des feuerspeienden Berges war zugleich für den Koch das Zeichen, daß er anrichten solle. – Er führte sie in den Speisesaal, in welchem die Gerichte schon auf dem Tische standen, und entfernte sich, um sich umzukleiden. So vertraut die Gesellschaft in den Stunden des Vormittags mit dem Besitzer des Gutes geworden war, so fühlte sie sich doch jetzt wieder in Gegenwart der reichen Livreen in 49 Verlegenheit. Diese nahm noch zu, als ein vornehmer Herr, geschmückt mit Orden und einem großen Sterne, eintrat, und sich ihnen näherte. Erst nach der Anrede erkannten die Fremden ihren Freund wieder und setzten sich mit ihm zu Tische.

Man war heiter und Jedermann wurde gesprächig, selbst Rosine, die vieles von ihrer kleinen Wirthschaft zu erzählen wußte. Titus machte sich dadurch beim Wirthe beliebt, daß er immer wieder in einer neuen Wendung das Lob des Gartens und eine Schmeichelei für den Gründer desselben zu finden wußte.

Gestört wurde die Gesellschaft durch den Gärtner, welcher sich in einer dringenden Angelegenheit zu dieser ungewöhnlichen Stunde anmelden ließ. Er trat mit erhitztem Gesicht herein und meldete mit allen Zeichen des Schreckens, daß der Eremit, wie man überzeugt seyn müsse, weggelaufen sei. Weggelaufen! der undankbare Trunkenbold! rief der Baron. Er nahm den Brief, den der Eremit zurückgelassen hatte, aus den Händen des Gärtners, und überlas ihn mit den Geberden des Zornes. Auch noch grob ist der schlechte Mensch! sagte er dann. Wilhelm! fuhr er fort, indem er sich gegen den Bedienten wendete, der nach dem Kammerdiener der vornehmste schien; es bleibt nichts übrig, als daß Du einige Tage den Einsiedler spielen mußt, denn auf morgen hat sich Graf Kleeborn mit seiner Familie ansagen lassen, bis ich mir einen andern wirklichen Eremiten wieder angeschafft habe; es soll sogleich eine Anzeige in die öffentlichen Blätter gesetzt werden, daß diese Stelle bei mir offen ist.

Wilhelm schien über diese Anmuthung nichts weniger als vergnügt zu seyn. Der Gärtner entfernte sich wieder, und der Baron war, so lange die Mahlzeit noch währte, 50 verstimmt. Doch erneute er den Wunsch, daß man ihm, auf der Rückreise, wiederum das Vergnügen des Besuches gönnen möge: diesen Wunsch legte er besonders Titus recht dringend ans Herz, der auch feierlich versprach, das Glück, das ihm die Bekanntschaft eines so großen und edeln Mannes gegönnt habe, gewiß zu benutzen und seine Besuche zu wiederholen, um dieses Elysium näher kennen zu lernen.

Von Wein, Vergnügen und Ehre berauscht, empfahlen sich der Amtmann, der Pfarrer und Titus dem großmüthigen, neu erworbenen Freunde, und trafen den Kutscher Christian nachdenkend in der Schenke. Also, es soll doch immer noch weiter in die Welt hineingehn? Wir kehren nicht um? fragte er mit trübseligem Blick den Amtmann. Also, noch heut den ganzen Tag fahren, und morgen noch einen ganzen halben! Und immer gerade aus! Man kann es sich kaum denken, wie weit das von Hause seyn muß.

Zögernd und murrend spannte er an. Er war vom Wachen ermüdet und schien kaum fähig, den Wagen zu regieren. Titus ermunterte ihn, so viel er es konnte, doch war nichts vermögend, Christians Laune zu erheitern. Man fuhr ab, und die Gesellschaft richtete sich zum Schlafen ein, als Christians Ausruf: Hier ist's zur See! indem er anhielt, sie erschreckte.

Zur See sind wir? rief der Amtmann, indem er den Kopf zum Wagen hinaus steckte.

Ja, Herr Amtmann, antwortete Christian, von hier bis zur Residenz.

Er will Chaussee sagen, bedeutete Titus vom Bock herunter, eine Sache, die ihm neu ist, die er noch niemals gesehn hat.

Ich auch noch nicht, erwiederte der Amtmann, ich bin 51 noch nie auf einer solchen Chaussee gefahren, von denen ich immer so viel habe reden hören.

Nachdem Christian sich über den festen Weg, die Arbeiter auf demselben, die Einnehmer und Zettel eine Weile gewundert hatte, überließ er sich wieder seiner Schläfrigkeit, so daß Titus ihm wieder die Leinen aus den Händen nehmen mußte. Er rieth ihm zugleich, sich hinten zum Knecht zu setzen, welcher Weisung auch der Uebermüdete folgte. Man fuhr schneller, und als die Reisenden im Wagen sich nach einiger Zeit wieder ermunterten, und sich den Weg, die Gegend und die Dörfer und Häuser betrachteten, waren sie verwundert, daß jeder Wanderer und Reiter, jeder Wagen, der ihnen vorüber fuhr, Alt wie Jung, ihre Kutsche, und was zu dieser gehörte, mit einem auffallenden Erstaunen betrachtete. Der Amtmann sagte endlich: Haben alle diese Menschen noch niemals einen solchen Wagen gesehn? Sind die Reisenden hier so selten? Verwundert man sich, daß wir in dieser Jahreszeit zur Stadt kommen? Aber ich sehe ja so viele Equipagen und Menschen, die sich auch nach diesem berühmten Jahrmarkt begeben.

Als sie mit dem Abend in dem kleinen Städtchen, in welchem sie übernachten wollten, abstiegen, löste sich das Räthsel auf, denn mit Titus stieg auch jener Garten-Eremit in seiner Kutte und mit seinem übermäßig langen Barte vom Wagen. Die Jugend des Ortes hatte sich schon um die Kutsche versammelt, alle Fenster standen offen, und die Leute riethen und fragten, ob ein türkischer Gesandter, oder ein Abgeschickter des Papstes, oder von den Wilden der Herr der Equipage sei. Ein vielbelesener junger Kaufmann erklärte die Sache endlich den Neugierigen am befriedigendsten dadurch, daß die ganze Gesellschaft innen wie außerhalb der großen schweren Kutsche nichts anders als Emissare der 52 Jesuiten seien, welche kämen, um in der Hauptstadt so wie auf dem Lande ihre Missions-Anstalten zu verbreiten.

Der Amtmann begab sich verstimmt auf sein Zimmer, daß er, wie ein Wunderthäter, durch den bärtigen Deserteur solch Aufsehn erregen sollte. Indessen wußte ihn Titus wieder zu begütigen, der seine Großmuth in Anspruch nahm und versicherte, er hätte in dem Flüchtigen schon während des Fahrens einen der edelsten Männer kennen gelernt, und es sei Christenpflicht, einem armen Verfolgten sein Unglück zu erleichtern, und ihn mit dem Himmel wieder auszusöhnen.

Der gutmüthige Amtmann war bald überredet und so gerührt, daß er den Anstößigen sogar an seine Abendtafel durch Titus freundlich einladen ließ. Die Pfarrerin war erst ängstlich, und der Geistliche machte sich ein Gewissen daraus, mit einem Katholiken und obenein einem Eremiten in so nahe Berührung zu kommen.

Bei Tische wurden Alle die Sache bald gewohnt, selbst der aufwartende Kellner, um so mehr, da der Einsiedler sich so, wie alle übrige Menschen im Gespräch ausdrückte. Er war sehr dankbar und küßte Rosinen wie deren Mutter mit vieler Ergebenheit die Hand, wovor sich die beiden erst entsetzten, nachher aber fanden, daß der verwilderte Mensch mehr Lebensart besitze, als man ihm, seinem Barte nach, zutrauen könne. Der Amtmann ermunterte ihn, zu essen und zu trinken, da er dessen zu bedürfen schien, und da der Pfarrer der Einzige war, der sich noch zurückhaltend betrug, so gewann der Fremde auch dessen Herz endlich durch die Versicherung, er habe mit der katholischen Kirche keine Gemeinschaft.

Als die Dienerschaft sich entfernt hatte und das Gespräch vertraulicher werden konnte, der Amtmann auch 53 seinem bärtigen Gaste fleißig eingeschenkt hatte, sagte dieser: Nein, mein verehrter geistlicher Herr, ich bin ein lutherisch eifrig Glaubender, wie Sie, Herr Gottfried, und eben als ein Opfer meines frommen Eifers, sitze ich in dieser Gestaltung jetzt neben Ihnen hier an diesem Tisch.

Wie ist das möglich? rief Gottfried.

Erfahren Sie denn, frommer Kirchenlehrer, so wie Sie, großmüthiger Herr Amtmann, daß mein Ursprung sich aus Asien herschreibt. Meine Voreltern waren jenseit des rothen Meeres, wo die Stämme mehrerer Juden sich noch gesammelt haben und ein kleines Königreich bilden, Fürsten dieser versprengten, in Europa verkannten Nation. Ich ward als Prinz auferzogen, und meine Aussichten waren die glänzendsten. Da spielte mir ein reisender Missionär das Evangelium in die Hände. Meine Seele wurde umgekehrt und dem wahren Glauben, dem Christenthume, zugewendet. Ich entfloh meinen Eltern und Wächtern, denn alle hatten schon Verdacht geschöpft, und der Schatz der Diamanten, die ich als mein Eigenthum mitgenommen hatte, eröffnete mir die Welt. Ich landete in Rom, sah aber bei näherer Erkundigung und Prüfung bald, daß hier das Christenthum nicht sei, welches mein Herz so inbrünstig suchte. Aus Furcht vor der Inquisition entfloh ich wieder, und mit mehr Furcht, als ich mich erst den Juden entzogen hatte. Ich gerieth nach Deutschland und begab mich bei einem wackern lutherischen Prediger in die Lehre. Bei ihm überzeugte ich mich, daß sein Glaube das wahre Christenthum sei, und daß alle übrigen Partheien nur in der Irre wandelten. Ich schloß mich also dieser einzig rechtgläubigen Meinung an, und glaubte jetzt, allen Gefahren und Nachstellungen entgangen zu seyn. Aber wie sehr war ich im Irrthum!

54 Nun? sagte der Pfarrer mit der größten Erwartung, indem er die Hand des Fremden ergriff.

Ich hatte mir, fuhr dieser fort, merken lassen, daß ich reich sei. Durch die wundersame Verbindung der Judenschaft auf dem ganzen Erdboden war mein Aufenthalt ausgemittelt worden. Die deutschen Juden verfolgten mich mit Verleumdungen, als sei ich ein Räuber und Mörder. Die Päpstler, die mich schon in Italien als den ihrigen angesehn hatten, verbanden sich mit den Juden, um mich zu plündern und unglücklich zu machen. Ich sah mich plötzlich in weitläufige Prozesse verwickelt; mein Vermögen ward in Beschlag genommen, unter dem Vorwand, daß ich Caution leisten müsse. Die Untersuchung zog sich in die Länge und falsche Zeugen wurden erkauft, die gegen mich aussagen mußten. Unerfahren, wie ich war in dergleichen europäischen Schändlichkeiten, wurde es meinen Feinden leicht, meine Imagination zu erhitzen und mir große und unnöthige Angst beizubringen. Ich schätzte mich glücklich, als ich endlich nur aus meinem Gefängniß entfliehen konnte. Nichts war meinen Gegnern so erwünscht, als diese Unbesonnenheit, denn dadurch machte ich mich verdächtig, und das Recht schien auf ihrer Seite. Mein Vermögen war verfallen, und Juden sowohl wie Katholiken versäumten nichts, mich mit Anklagen zu verfolgen, so daß sich meine neuen Glaubensgenossen, die lutherischen Christen, auch voll Mißtrauen von mir zurück zogen. Wohin ich kam, erblickte ich Feindschaft, wonach ich meine Arme hülferufend ausstreckte, wich vor mir scheu zurück. Ich versuchte es in allen Gewerben, aber ich fand nur Widerstand. Ich bin ganz Deutschland viele Jahre mit dem trostlosen Gefühl durchirrt, keiner einzigen Religion angehören zu dürfen. War es ein Wunder, wenn ich mich endlich einer gewissen Freigeisterei ergab, die ich selbst nicht billigen 55 mag? Ich war Schulmeister, Gelehrter gewesen, ich hatte im Kleinen einen Handel getrieben, ich hatte eine Weinschenke gehabt, ein religiöses Conventikel gehalten, war Commis eines Banquiers gewesen, hatte rezensirt und ein pikantes Blatt redigirt, hatte Zeitung und Predigt, Roman und Gedicht geschrieben, und war allenthalben durch die menschliche Bosheit aus dem Felde geschlagen worden. In der höchsten Verzweiflung, als ich schon zu sterben wünschte, da ich doch zu verhungern schien, fand ich in einem öffentlichen Blatte einen Aufruf jenes Kunst-Barons, daß, wenn sich jemand fände, der als ein wirklicher Eremit in einer Clause, mit ächtem gewachsenen Barte, sich wolle anstellen lassen, dieser sich bei ihm melden solle. Diese Zeitung schien mir eine helfende Hand aus den Wolken. Ich eilte nach dieser Gegend, so viel ich nur vermochte, in Furcht, andre, Glücklichere, möchten mir zuvor kommen. Indessen hatte sich noch Niemand gemeldet und ich ward angenommen. Der Gehalt war nur geringe, die Kleider, wie Sie wohl bemerken können, kosteten dem Baron auch nicht so gar viel: ich hatte aber gehofft, daß ich besser leben würde. Mein Herr aber, ob er gleich selbst Protestant war, und auch wußte, daß ich ein Opfer des lutherischen Lehrbegriffes geworden war, zwang mich dennoch, von Wurzeln und Kräutern, Wasser, selten schwachen Wein, und noch seltner Fleischspeisen genießend, ganz wie ein ächter, strenger katholischer Eremit zu leben. Dazu hatte ich auch, wie Sie gesehn haben, ein Brevier: ich mußte, wenn Fremde kamen, nicht nur viel knieen und beten, sondern den Reisenden auch, als wenn ich gleichsam ein Heiliger wäre, meinen Segen geben. Ob wir uns gleich täglich zankten, kniete er doch jedesmal, um die Illusion nur recht groß zu machen, selbst vor mir hin, und ich mußte die Hand auch auf seinen Kopf legen. Ich hätte ihn lieber in den Haaren gerissen, als ihn gesegnet, besonders heut Morgen. – Ich sah wohl, verehrter Herr Prediger, mit welchem Grauen Sie sich von diesem katholischen Aberglauben abwendeten, und mein Herz flog Ihnen deshalb auch gleich entgegen.

Ja, mein Lieber, sagte Gottfried schmunzelnd, ich durfte als ordinirter Pfarrer keine solche Blöße geben, mich von einem Eremiten segnen zu lassen. Ich hätte mich zurückgezogen, wenn ich selbst gewußt hätte, daß es nur ein nachgemachter Einsiedler sei.

Der Eremit sagte, nachdem ihm die Gesellschaft mehr Vertrauen eingeflößt hatte: verehrte Freunde (verzeihen Sie, daß ich so dreist bin, Ihnen diesen Namen zu geben), ich habe mich endlich selbst aus dieser Hölle erlöst, denn so muß ich den Aufenthalt bei dem Baron nennen. Denn keine größere Qual giebt es wohl auf Erden, als eine unauslöschliche Langeweile. Mein Gehalt war so kümmerlich, daß ich wirklich fast ganz allein von der mir angewiesenen Eremitenkost leben mußte. Ein nichtswürdiges Fasten, welches, da es nur von der abergläubischen päpstlichen Kirche vorgeschrieben wird, meinem Gewissen fast eben so lästig als meinem Magen wurde. Zuweilen, wenn katholische Herrschaften bei ihm speiseten, wurde ich wohl auch an die Tafel gezogen, aber mit raffinirter Grausamkeit. Denn ich mußte alsdann, damit die Fremden, wenn sie rechtgläubig waren, sich in ihrer Verwunderung an mir erbauen sollten, nur rohe Wurzeln und Kräuter speisen. Natürlich suchte ich, wie auch heute geschah, meinem verdorbenen Magen in der Schenke durch ein Glas Wein wieder aufzuhelfen: aber dann wurde ich von meinem boshaften Zwingherrn, wenn er es erfuhr, als Säufer und Trunkenbold ausgescholten. Solch Aergerniß machte er mir auch heute, als ich seinen ersten Klingelzug nicht 57 gleich gehört hatte. Seine Natur ist eine schlechte Comödie, und seine Andacht mit dem Eremiten Gotteslästrung.

Der Amtmann war verlegen, was er hierauf erwiedern sollte, weil er in dieses Schelten über einen verehrten Mann und seine bewunderte Kunstwelt weder einstimmen konnte, noch wollte. Der Pfarrer aber, dessen Gefühle nicht so zart seyn mochten, stimmte mit dem vollständigsten Beifall in die Anklagen des entlaufenen aufgebrachten Einsiedlers. Gottlos, rief er aus, ist die ganze Garten-Anstalt, weil der hochmüthige Freigeist das Christliche und Heidnische so frech durcheinander mengt und verwirrt. Schade was um die sinnreichen Allegorieen, wenn der ächte Glaube dadurch auf falsche Wege geleitet wird. Wollte er einmal einen christlichen Garten bauen, so mußten weder Eremiten mit Brevieren, noch Sirenen, noch Chinesen und dergleichen Unzucht, nebst dem Höllenhund und Pluto oder Elysium hinein kommen, sondern er mußte streng bei den Thränen der Verzweiflung und Hoffnung verbleiben, von da in die christliche Liebe und in den Glauben an die Unsterblichkeit führen. Kann denn ein Weltmann, dem so große Reichthümer zu Gebote stehn, nicht alle Gründe für die Unsterblichkeit der Seele, nicht alle vernünftigen Beweise für das Dasein Gottes in seinem Garten aufpflanzen und ausmauern? Aber ihm ist es nur um Sinnenlust und Ueberraschung zu thun, und Ihrem Fritz seinen neuen Reiserock mit seinen Wasserstrahlen zu verderben. Wo hat man noch gesehn, daß die Leidenschaften den Menschen naß wie eine Katze machen?

Ihr Christenthum, sagte Titus, macht Sie sehr unbillig gegen die Kunst, theurer Freund. Glauben Sie doch, Bester, daß die Heiden in ihrem Tartarus und Elysium eine dunkle Vorahndung von unsrer Wahrheit, vom Himmel und der Hölle hatten. Wäre der Garten dazu angelegt, um 58 Heiden oder Freigeister zu bekehren, so hätte Ihr Tadel Grund, aber da Alles nur einen süßen Traum, eine schwärmerische Täuschung, eine Erinnerung an die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Zeiten und Räume andeuten soll, so ist das Kunstwerk mehr für den freien sinnigen Denker, für den fühlenden Menschen als für den orthodoxen Christen eingerichtet. Zu geschweigen, daß es schwer fallen müßte, Aussichten in die Ewigkeit, oder Beweise für das Dasein Gottes in Garten-Anstalten deutlich auszudrücken.

Wie Sie wollen, sagte der Pfarrer, ich mag mit Ihnen nicht streiten, der Sie lau im Glauben sind, um dem Phantastischen, der Poesie, Allegorie, Symbolik und Hieroglyphe, oder gar jenem noch verdächtigern Humor, oder der sogenannten Ironie mit desto wärmerm Herzen anzuhängen. Aber ich schwöre Ihnen, ein wahrer Christ könnte die Augsburgische Confession so gut zu einem Garten machen, wie jener Phantast seine Weltgeschichte und Zeitalter.

Sie gehn zu weit, sagte der billige Amtmann. Jedes in seiner Art. Es bleibt ja für die Zukunft einem religiösen Fürsten wohl einmal vorbehalten, Ihr Ideal zu verwirklichen. Geht doch alles stufenweise, so in der Geschichte, wie in der Kunst. Möglich (und der Gedanke ist erfreulich), daß die Menschheit so hoch steigt, daß man in Zukunft einen Verbrecher oder gottlosen Zweifler nur in das Gatterthor eines Gartens sanft einschiebt, um ihm nach zwei, drei Stunden jenseit als Gläubigen, Ueberzeugten und Tugendhaften wieder heraus zu lassen. – Sie haben aber wirklich (fuhr er fort, indem er sich wieder an den Einsiedler wendete) ein trübseliges Leben dort geführt, welches für uns durchreisende Fremde einen so reizenden Anschein hatte. Denn ich dachte mir, wie glückselig Sie dort in der grünen Umgebung, von Crucifixen und Todtenköpfen umstellt, der Andacht gewidmet 59 seyn müßten. Ich bin überzeugt, wäre meine Frau mit uns gewesen, sie hätte in Ihrer Seele Freudenthränen vergossen.

Das ist eben die lehrreichste Allegorie, sagte der Pfarrer, daß nicht alles Gold ist, was glänzt, daß hinter dem Kreuze oft der Teufel steckt, daß es nichts so Unnatürliches giebt, als die so genannte Natur, daß, wo man Wolle sucht, man oft selbst geschoren nach Hause kommt, und daß es am schlimmsten ist, wenn es einem, wie dem Einsiedler geht, immerdar geschoren zu werden, ohne eigentlich Wolle zu haben, wenn man auch vielleicht Schaaf oder Hammel ist.

Mann! Mann! rief erschrocken die gutmüthige Pfarrerin aus; Gottfried! Wohin geräthst Du denn? So habe ich Dich ja in meinem ganzen Leben nicht gesehn.

Es ist allerdings merkwürdig, sagte Titus, wie unserm lieben Prediger dieser Kunstgenuß zugeschlagen ist, als wenn er aus den Thränenweiden und Rosen nur bittern Wermuth geschlürft hätte. Es scheint, sein Gemüth muß dergleichen berauschende Erhebungen vermeiden, sonst wird er, trotz seiner Milde, ein Ketzermacher und inquisitorischer Verfolger.

Mich hat dieser Kunst-Vormittag milde und nur müde gemacht, sagte der Amtmann selbstgefällig. Und Du, mein Sohn Fritz? fragte er lächelnd diesen.

Hunger kriegt man, sagte Fritz, daß man den Cerberus braten möchte; und insofern macht die Kunst auch gut und menschlich, denn Menschen, wie ich mir habe sagen lassen, die einen guten Appetit und Magen haben, sind immer auch gute Menschen.

Bleiben wir das, sagte der Amtmann. eine gewisse Rührung und Spannung der Lebensgeister erfrischt auch unsre Seele, und macht sie zart und weich, dann tritt die körperliche Ermüdung ein, und es ist eine schöne Einrichtung der allweisen Vorsehung, daß wir Schwache so auf die 60 irdischen Nahrungsmittel hingewiesen werden, um in dieser Erschöpfung Zorn, Bitterkeit und Kritik aller Art auszulöschen.

Sehr wahr und tiefsinnig! rief der ziemlich berauschte Eremit; denn dieser unaufhörlich kneifende Hunger machte mich ja fast zum bösen Menschen, der immerdar den Baron und seine Freunde beneidete, die sich so gut herausfüttern konnten. Und doch bedaure ich diesen Baron.

Wie so? fragte der Amtmann.

Weil ihn ebenfalls, fuhr der Eremit fort, die Langeweile so ungeheuer quält. Jetzt ist er nun seit einigen Jahren mit seinem Allerwelts-Garten fertig geworden. Was soll er thun, wenn er nicht wieder einreißt, und statt Chinesen, Samojeden, statt Mandarinen, Braminen einsetzt? Er kennt jeden Grashalm und jeden Frosch im Sumpf; da steht er also und gähnt und gähnt, und sieht sich oben im Thurm fast die Augen nach allen Richtungen aus, ob denn nicht von Süden oder Norden, oder Nordnord-West und Südsüd-Ost eine Caravane anlangt, oder ein Reiter, oder mindestens doch ein Fußgänger, der wohl bei ihm einkehren und seine Zaubereien bewundern möchte. Wenn er nur dürfte, so ließe er es als Gesetz auf den Landstraßen anschlagen, daß Niemand bei Lebensstrafe durchreisen dürfte, ohne seinen Garten zu betrachten.

In der That! sagte Titus sehr lebhaft; nun das ist wahrlich ein sehr merkwürdiger Charakterzug! Ich, so wie jeder gebildete Mensch, der gern die Gastfreiheit übt, wird jeden angenehmen Fremden oder guten Bekannten freudig aufnehmen, aber diese Sehnsucht nach Gästen darf man doch wohl eine übertriebene, ja krankhafte nennen.

Gewiß! sagte der Einsiedler, denn man muß so reich seyn, wie er, um an dieser Leidenschaft nicht zu verarmen. Wenn er nun Fremde in seinem Netze eingefangen hat, 61 drängt er sich hinzu, ihnen die Raritäten selbst zu zeigen, um sich an ihrem Maul-Aufsperren, Aha-Schreien, Zappeln, Verwundern, Kreischen, oder gar ihren Thränen der Dummheit zu ergötzen.

Sacht! mein lieber Mann, unterbrach ihn der Amtmann; Ihr Zorn führt Sie zu weit.

Vergebung, sagte der erhitzte Einsiedler, die neue, ungewohnte Freiheit berauscht mich gleichsam, doch kann ich es nicht über mich gewinnen, an diesem Kunst-Baron, bei dem ich so lange Hunger und Kummer, Durst und Angst habe erleiden müssen, irgend eine gute Seite aufzufinden. Er rechnet sich auch selbst, so richtig ist sein Urtheil, zu seinen Pagoden und chinesischen Fratzen.

Wie das? fragte der Pfarrer begierig.

Hat sich eine Gesellschaft nun wieder melden lassen, so schickt er blank, von Gold starrend, seinen Bedienten, sein Thürsteher muß sich in seinen auffallendsten Staat werfen, und seine Keule mit dem ungeheuren silbernen Knopf in die Hand nehmen. Um so lieber thut er dies, wenn er meint, die Fremden sind vielleicht etwas simpel, haben die Welt nicht viel gesehn. Dann steht er selbst ganz ruppig, arm, die Ellenbogen am Ueberrock zerrissen, mit schmutzigen, herabhängenden Strümpfen im Hintergrund, und freut sich über die Maaßen, wenn die Gimpel vor seinem Portier in Ehrfurcht erstarren, und als Pinsel noch mehr erschrecken, wenn sie im Verlumpten den gnädigen Baron nachher erkennen müssen.

Herr Einsiedler! rief der Amtmann unwillig aus; Sie vergessen sich wirklich zu sehr. Zähmen Sie Ihre bittre Zunge etwas mehr, wenn wir Ihnen länger mit Wohlgefallen zuhören sollen.

Der Eremit, welcher merkte, daß er seinen Wirth 62 beleidigte, mäßigte seinen Eifer, und fuhr etwas ruhiger fort: entdeckt nun der erhabene Gartenfreund, daß die Gesellschaft, welche er führt, verständige, gebildete und edle Menschen sind, so zieht er an eine der vielen Glocken, die im Garten vertheilt sind, und alle ihre Bedeutung haben, und die Fremden finden im gothischen oder chinesischen Hause ein anständiges Frühstück. Zeichnen sich die Fremden durch Gedankenreichthum, Tiefsinn und Feinheit aus, so ladet er sie auch an seine Tafel. Dann wird auch, mögen es Fürsten, oder Land-Adel, oder Pfarrer seyn, das silberne Tafel-Serviee aufgesetzt.

Der Amtmann schmunzelte wohlgefällig, und der Pfarrer, plötzlich beschämt, suchte seinen vorigen bittern Tadel wieder zu vergüten, indem er mit andächtiger Miene sagte: ich Armer bin nebst meiner Familie einer so hohen Auszeichnung nicht würdig gewesen, sondern man hat mich nur, als Begleiter meines edlen Freundes, gütig aufgenommen, obgleich der ausgezeichnete Mann mich nach seiner zu weit getriebenen Güte einmal einen tiefen Denker nannte.

Wir haben, sagte die Pfarrerin, heut von Zinn gespeiset, das aber sehr schön war.

Glauben Sie das nicht, verehrte Frau, antwortete der Einsiedler, es war schweres, gediegenes Silber. Zinn finden Sie im ganzen Schlosse nicht.

Mann! Gottfried! schrie die Pfarrerin auf; ich möchte ohnmächtig werden, wenn ich nur könnte. Ich habe von schweren, silbernen Tellern gegessen. Und alle die vielen, großen Schüsseln, die Terrinen, die Aufsätze, alles pures, reines Silber! Daß ich so was erleben muß!

Mäßige Dein irdisches Erstaunen etwas, sagte Gottfried milde; ich habe es auch für Zinn gehalten: der Baron hat uns große, zu große Gnade erwiesen. Wir haben 63 gespeiset, so gut, reich und prächtig, wie es uns im Leben niemalen wieder begegnen wird.

Der Amtmann sah ihn an und sagte: Herr Gevatter, wenn auch nicht von schwerem Silber, werden wir doch auch noch einmal mit einander eine Mahlzeit verzehren, die sich darf loben lassen.

Der Pfarrer reichte ihm freundlich die Hand, und der Eremit sagte wieder mit einigem Grimm: ich saß indessen in meiner Hundehöhle und hungerte! – – Darum bin ich vielleicht in meinem Urtheil über den Baron nicht ganz gerecht. So artig der Mann gegen Sie war, so grob kann er seyn, wenn einmal ein Fremder sich ohne Erlaubniß in seinen Garten begiebt, und er jenen dort trifft, der nun alles bunt durch einander und, so zu sagen, gegen den Strich genossen hat. Aber seit einem Jahre hat er ein noch größeres Leiden. Drüben, eine Meile von hier, hat der Graf einen schönen Garten durch neue verständige Anlagen noch verschönert. Er hat der Natur selbst auf einfache Weise nachgeholfen, und nicht mit Künsteleien und kindischen Effekten einen Kuckkasten aufgebaut. Kenner und Verständige besuchen den Grafen und freuen sich seiner Anlagen. Dies ist der größte Verdruß für unsern Baron. Ich habe ihn schon todtenblaß werden sehn, wenn ein Reisender jenen andern Garten lobte. Ich weiß gewiß, dieser Nachbar verbittert ihm sein Leben.

Ganz gut, sagte der Amtmann, er bleibt mit allen seinen Schwächen immer ein verehrungswürdiges Individuum, denn er strebt einem Unsichtbaren nach, einem Ueberirdischen, und ein solcher ist immer mehr werth, als tausende von denen, die sich nichts Höheres wissen und wünschen, als nur der Gemeinheit zu dienen. –

Man stand vom Tische auf, um sich zur Ruhe zu 64 begeben. Der Amtmann gab dem Eremiten, ohne daß es Jemand bemerkte, einige Goldstücke, damit er sich Kleider verschaffen und ihn in einem Anzuge, der weniger anstößig sei, nach der Residenz begleiten könne. Der Eremit dankte mit einer demüthigen Verbeugung und entfernte sich; die Uebrigen eilten nach ihren Ruhestätten, um morgen früh, bei guter Zeit, bereit zu seyn, die Reise fortzusetzen, damit man noch zeitig am Sonntage in der Residenz eintreffen könne.

Am folgenden Morgen, als Alle sich zum Einsteigen in den Wagen versammelten, war der Einsiedler nirgend zu finden. Man hörte, daß er in einem neuen Anzuge, mit verschnittenen Haaren und Bart, sich einem Courier angeschlossen habe, der schon vor Sonnen-Aufgang nach der Hauptstadt geeilt sei. Der Amtmann tröstete sich, seinen Begleiter verloren zu haben, und der Pfarrer war augenscheinlich froh, dieses verdächtigen Gefährten entledigt zu seyn. Christian war wieder, in der Nachbarschaft des Herrn Titus, der Führer der Rosse, und machte sich, so sehr dieser auch dagegen kämpfte, dadurch lächerlich, daß er auf der breiten Chaussee Jedermann befragte, ob dieses auch der rechte Weg nach der Residenz sei.

So kam man denn gegen Mittag an. Im Thor wurde gefragt, man zeigte die Pässe, der Visitator ließ sich mit einer Kleinigkeit zufrieden stellen, und die Koffer brauchten nicht losgebunden, nicht aufgeschlossen zu werden. Man fuhr weiter und erschrak nur, als Christian wieder still hielt, über ein unmäßiges Gelächter einiger Vorübergehenden. Dieser weise Kutscher hatte nehmlich, um durchaus nicht irre zu fahren, wiederum gefragt, ob dieses die rechte Straße nach der Residenz sei, und ein Schalk, der Anführer einer Gesellschaft, antwortete lachend laut: kleiner lieber Mann, Er ist 65 ja schon mitten in der Stadt! Vorübergehende, die die Sache erfuhren, verstärkten das fröhliche laute Gelächter. –

Man stieg am Gasthofe ab. In der Eil fragte der Amtmann den Pfarrer: welches waren doch Ihre sonderbaren Nummern, Herr Gevatter? – Der Pfarrer sah seinen vornehmen Freund verwundert an, und sagte endlich: wahrlich, ich habe sie selbst vergessen. – Vergessen? rief der Amtmann; etwas so Wichtiges? – Es waren, sagte der Pfarrer nach einer Pause, 64, 28, 33. –

Bei Erkundigung im Gasthofe hörte der Pfarrer, es sei schon zu spät, noch Zahlen in der Lotterie zu besetzen; bloß bei der Haupt-Collekte sei es noch möglich. Er eilte gegen Abend dorthin. Auf der Treppe begegnete ihm der Amtmann, der ihn in der Eile nicht erkannte. Der Collekteur war verdrüßlich und sagte: sonderbar, daß die Herren so auf den letzten Augenblick warten! – Ich komme vom Lande, sagte der Pfarrer Gottfried, und bin eben erst angelangt. – Man nahm das Goldstück murrend, und gab ihm das Billet mit den Zahlen. Der Pfarrer ging nachdenkend zum Gasthof, sinnend, was sein Freund, der Amtmann, beim Lotto für Geschäfte habe ausführen wollen. –


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