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Der Jahrmarkt

Ludwig Tieck: Der Jahrmarkt - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
booktitleSchriften, Zwanzigster Band
authorLudwig Tieck
year1853
firstpub1832
publisherGeorg Reimer
addressBerlin
titleDer Jahrmarkt
pages178
created20130625
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Titus wendete sich jetzt nach einer abgelegenen Gasse, um jenen unternehmenden Verleger aufzusuchen, der ihm als 145 ein Mann von Geschmack und Einsicht, und als freisinnig empfohlen worden, der gern junge Autoren aufmuntere und unterstütze.

Als er den bescheidenen Laden, welcher ihm kein großes Zutrauen einflößen wollte, aufgefunden hatte, fragte er nach dem Besitzer der Handlung. Ein kleiner, magrer Mann kam ihm entgegen, der ihn gleich mit scharfen Blicken musterte. Er mochte wohl aus einer gewissen verlegenen Bescheidenheit sogleich den angehenden neuen Autor erkennen, denn statt höflich zu seyn, warf er sich gleich in die Brust und fragte kurz und barsch: Womit kann ich dienen, mein Herr?

Titus, der kürzlich erst von seinem vornehmen Gönner mit Lob und Bewunderung war überschüttet worden, empfand diesen Herrscherton etwas übel und erwiederte aus ähnliche Weise: Mein Herr, ich kam, Ihnen ein Anerbieten zu thun, was Ihnen vielleicht nützlich seyn könnte; wenn Sie aber keine Zeit haben sollten, mein Gesuch anzuhören, so will ich Sie nicht belästigen, sondern eine andre Handlung aufsuchen, die meinen Vorschlägen vielleicht billiger die Hand bietet.

Der Herr Zinnober erschrak fast, und glaubte jetzt, irgend einen berühmten Autor verletzt zu haben, oder einen höchst freisinnigen Mann, der ihm mit bitterer Feder in öffentlichen Blättern schaden könne; deshalb nahm er schnell eine andere Wendung, nöthigte den Fremden in ein Stübchen, und bat ihn, sich niederzusetzen, und ihm mit Gemächlichkeit seine Wünsche vorzutragen.

Titus nannte ihm nun seinen Namen, und wie er, obschon als Edelmann geboren, von je Wissenschaft und Künste höher als einen zufälligen Vorzug der Geburt geschätzt habe. – Als nun Herr Zinnober über diese Eröffnung noch höflicher wurde, bekam Titus ein so großes Vertrauen zu dem kleinen Mann, daß er ihm fast zu weitläufig sein 146 literarisches Bestreben auseinandersetzte. Er erzählte ihm, wie seit vielen Jahren Jean Paul sein Lieblings-Dichter sei, den er unablässig gelesen und studirt habe. Die Bewunderung dieses herrlichen Geistes, die genaue Bekanntschaft mit seinem Humor habe in ihm eine ähnliche Stimmung erzeugt, so daß es ihm wohl gelungen sei, das menschliche Thun und Treiben aus demselben Gesichtspunkte anzusehn; seine Begeisterung sei endlich so hoch gestiegen, daß sie ihm die Feder gleichsam in die Hand gezwungen habe, um der Welt die Ergießungen seiner Laune und seines Herzens mitzutheilen. Da er nun überdies, wie ein jeder moralisch gebildete Mensch es müsse, auch die Tugend, den Edelmuth, die Religiosität und alles Billige auf jeder Seite empfehle, so scheine es ihm dringende Noth, dieses Werk eiligst dem Druck zu übergeben. Wünsche er so auf der einen Seite seinen Landsleuten und Mit- und Nachwelt nützlich zu werden, so treibe ihn auf der andern auch der Stachel aller edlen Seelen, sich nehmlich berühmt zu machen und seinen Namen zu verewigen.

Zinnober hatte mit großer Geduld zugehört und sagte jetzt gerührt: Und Ihre Bedingungen?

Diese, sagte Titus, zu machen, würde ich Ihnen überlassen, denn meine Absicht ist nicht sowohl darauf gerichtet, durch meine Arbeit etwas zu erwerben, als nützlich zu seyn und mich auszuzeichnen.

Mit einem billigenden Lächeln lobte Zinnober diesen großmüthigen Entschluß, der eines moralischen Autors, der noch obenein Edelmann, vollkommen würdig sei, und fügte dann hinzu: Mein verehrter Herr, ich gebe Ihnen nur das unmaßgeblich zu bedenken, daß von den vielen Nachahmern jenes großen Geistes es keinem einzigen gelungen ist, nur einigermaßen Beifall zu finden. Die Kritik hat behaupten 147 wollen, es sei leicht, in dem Tone fortzufahren, den jener Genius, als Original, angestimmt habe. Nun bin ich zwar überzeugt, daß Ihre Arbeit, hochwohlgeborner Herr, eben so sehr Original als Nachahmung seyn wird, daß es Ihnen gelungen seyn wird, ganz neue Seiten dem geheimnißvollen Herzen und der tiefsinnigen Seele abzulauschen, aber, glauben Sie mir, Verehrter, und zürnen Sie mir deshalb nicht, für einen Anfänger, wie ich es noch bin, kann dieser treffliche Artikel, den Sie mir anzubieten die Gnade haben, nicht fruktifiziren. Die Welt hat jetzt ein anderes Bestreben. Alles drängt nach dem Oeffentlichen, das Staatsleben blüht, Gesinnungen, gründliche, liberale, lassen sich vernehmen, jeder will thätig seyn und seinem Jahrhundert nützen; die Freiheit der Presse, der Kampf gegen veraltete Vorurtheile und Bedrückungen, das Stürzen der Autoritäten und großer Namen, die Proklamation der ächten Freiheit, dies, sammt Memoirs, Anekdoten, Enthüllung und an den Prangerstellen von Lastern und Kabalen, so wie Aehnliches, ist jetzt an der Tagesordnung. O, herrlicher Mann, wenden Sie Ihr großes, einziges Talent doch dazu an, auf diese Weise Ihren Mitmenschen nützlich zu seyn, und sich unverwelklichen Ruhm zu erwerben.

Auf welche Art meinen Sie? fragte Titus, der verwirrt war und sich doch geschmeichelt fühlte.

Sehn Sie, fuhr der Buchhändler fort, im Grunde ist es auch leichter als jene Studien, die Sie so mühselig gemacht haben. Glauben Sie mir nur, es geht schon die Rede, daß unser Jean Paul sehr weichlich sei, daß er zu oft der Unnatur folge, und seine weiblichen Charaktere besonders aus Luft und Dunst gewoben sind. Er selbst wird schon vernachlässigt und wird bald nicht mehr der Lieblingsschriftsteller seyn, der er so lange gewesen ist.

148 Was wünschten Sie also von mir herauszugeben? fragte Titus weiter.

Wenn Sie in unsrer Stadt bekannt sind, fuhr Zinnober fort, so wissen Sie auch, wie man klagt und schilt, lobt und tadelt. Könnten Sie mir nun so ein recht derbes, etwas grimmiges Büchlein über unsre Minister schreiben, etwas vom Hof einfließen lassen, so recht gründlichen Tadel, der wenigstens so aussieht, oder eine recht maliciöse Lobeserhebung von allen bei uns wichtigen Männern, die beim Volke nicht recht beliebt sind, so, daß jeder gleich die Bosheit mit Händen griffe, so wäre Ihr Ruhm auf immer entschieden, und Sie gälten der Welt als geistreicher Patriot. Dazu müßte nun freilich noch eine gewisse Kraft, Wärme, Begeistrung gefügt werden, was wir Gesinnung nennen, ein Aufbrausen bei jeder Gelegenheit, das Tugend verräth, so ein Zischen oder Gischen, so oft Sie auf Freiheit, Volksunterdrückung, Adelstolz und dergleichen kommen, daß es den guten Lesern so recht in Arme und Beine fährt, und sie gleich durch Ihre schöne Sprache und freimüthige Darstellung erhitzt eine Prügelei anfangen möchten. Wenn Sie mir ein solches Buch machen können, so theilen wir uns in den Gewinn.

Ich bin viel zu wenig mit den politischen Verhältnissen bekannt, antwortete Titus, um ein solches Werk unternehmen zu können.

Werk? sagte Zinnober, indem er die Nase rümpfte; ich sehe wirklich, daß Sie noch wenig mit der Schriftstellerei bekannt sind, denn es schreibt sich ja nichts leichter, als dergleichen. Man horcht zusammen, man spricht und läßt antworten, aus Vermuthungen über diesen und jenen Mann macht man Gewißheit, und wo Vermuthung fehlt, erfindet man geradezu; dazu kommt, daß man nicht immerdar zu lügen braucht, die Wahrheit hat das an sich, daß sie sich so 149 und so erklären und deuten läßt, die ächte Kunst aber ist, mit einem Skrupel Wahrheit einen ganzen Zentner Lüge verkäuflich und beifällig zu machen. Einen solchen politischen Schriftsteller habe ich immer gesucht; widmen Sie sich, geistreicher Mann und Herr, diesem einträglichen Fache, und wir wollen uns innig verbinden.

Was nicht aus mir selbst hervorgeht, sagte Titus, dazu kann ich meine Hand nicht bieten, am wenigsten zu solchen Sachen, die mir unmoralisch vorkommen.

Wo kommen Sie denn her? rief Zinnober lachend aus; wie fremd sind Sie in der Literatur. Zwei Drittheil unserer Bücher werden von uns Buchhändlern geradezu bestellt. Und das ist auch recht und billig. Wir sitzen an der Quelle der Erfahrung und sehen, was gekauft, was vernachlässiget wird. Macht was Aufsehen, Furore, reißt man sich darum, ist unser eins gleich hinterdrein, da wird fortgesetzt, ergänzt, in derselben Manier etwas geliefert. Oder wir bemerken von unserer Warte herab eine Lücke in der Literatur: gleich lassen wir sie durch ein neues Buch ausfüllen. Nun fließt der Strom der Wissenschaften einmal langsam, oder stehet gar still. Frisch wieder drauf los gearbeitet, daß er in Bewegung kommt. Wo soll der einsame Stubengelehrte, der fast immer bestochen für diese oder jene Arbeit schwärmt, und alles nur einseitig, das Ganze aber niemals sieht, woher soll er die Kenntniß schöpfen dessen, was Noth thut? Nein, mein Herr, wir sind die Verwalter der Wissenschaft und Literatur, und die Gelehrten und Schriftsteller nur unsre Handlanger, wenige abgerechnet, die sich emancipiren wollen. Aber wir werden, wie ein großes Fabrikgeschäft, gewiß binnen Kurzem die ganze Sache des Volksthums und Volkswissens ganz allein dirigiren, und dann wird man auch eine ganz andre Consequenz, als bisher, wahrnehmen. Und was nennen Sie 150 unmoralisch? Wenn man sich und sein ganzes Dasein dem Wohle des Volkes opfert, wenn wir nichts denken und wollen, als die große himmlische Freiheit befördern und ausbreiten, können wir da immer gerecht seyn? haben wir nur Zeit dazu? Und wie unbedeutend, daß diesem oder jenem Manne, der der Sache im Wege steht, oder nicht eifrig genug Hand anlegt, Unrecht geschieht? Daß er mancher Dinge bezüchtiget wird, die ihm kein Mensch beweisen kann? Warum ist er groß, berühmt und ausgezeichnet? Konnte er sich nicht mit der Mittelmäßigkeit begnügen? Denn das ist doch auch verderbliche Aristokratie, unbillig hervorragen wollen. – Am liebsten aber stiftete ich ein recht bissiges, skandalöses Journal oder Wochenblatt, da müßte über Alles scharf, witzig, kurz und anziehend gesprochen, raisonnirt, abgeurthelt und immer gelogen und gelästert werden. Was soll denn geschehen, wie soll denn die Zeit vorwärts kommen, wenn man immer ein Paar Geister saumselig und abergläubig bewundert? Herunter gerissen das Hohe, erniedrigt das Große, das mit Füßen getreten, was man gestern anbetete, den beschmutzt, der das Reine liebt, mit dem sich verbrüdert, der eben so denkt, oder dessen Zahn und Gift man fürchten muß, wie die wachsamen Kettenhunde immerdar gebellt, auch wenn keine Ursache ist, so muß das Leben immer frisch und thätig erhalten werden, und die Musen müssen sich zu Köchinnen und Wäschermädchen umwandeln, wenn die Literatur lebendig einwirken, wenn das Wissen fortschreiten, wenn die Pedanterie absterben soll. Schlagen Sie ein und helfen Sie bei dem großen Werke.

Ich kann mich nicht diesen Klätschereien hingeben, sagte Titus etwas unwillig, und mein Vorbild, Jean Paul, hat nie auf diese Weise zu wirken gestrebt.

Sie kommen mir fast verdächtig vor, fuhr der 151 Buchhändler in seinem Eifer fort; sollten Sie vielleicht jener jesuitischen Parthei angehören, die in allen Richtungen dem Lichte entgegenarbeitet? – Noch eins, und etwas ganz Unschuldiges. Sie müssen doch erfahren haben, wie der berühmte oder berüchtigte kleine Caspar unser ganzes Land, vorzüglich aber die Residenz, in Bewegung setzt. Man weiß wenig von dem Menschen, man erzählt allerhand von ihm. Der neuliche Diebstahl, als der Laden, der mit Brüsseler Spitzen handelte, ganz ausgeplündert wurde, hat alle Menschen wieder aufmerksam gemacht. Schreiben Sie schnell seine ganze Lebensgeschichte, als hätten Sie neue und noch ganz unbekannte Nachrichten erhalten; seine Jugend und Erziehung muß erzählt werden, alle seine Streiche, und wir können manche von Cartouche und andern berühmten Spitzbuben mit hinein nehmen. Der Gauner soll sich in vielfältigen Verkleidungen, mit allerhand Namen, in allen Gesellschaften umtreiben. Welches Feld für einen erfindsamen Kopf, wie der Ihrige ist. Fingiren Sie, Sie haben ihn dort und hier angetroffen, sind genau mit ihm bekannt gewesen, führen Sie seine Reden an, sagen Sie, er hat hier in meinem Laden mit Ihnen gesprochen; legen Sie ihm possirliche und scharfe Urtheile über unsre berühmtesten Schriftsteller in den Mund, über die Regenten, etcetera, etcetera. Aber in acht Tagen muß das Werk fertig seyn, und so wie Sie schreiben, wird Tag und Nacht auch gedruckt und korrigirt. Noch im Jahrmarkt wird es über zehn Tagen mit dem Bildnisse des allbekannten Räubers ausgegeben, es geht reißend ab, und ich theile mit Ihnen den Gewinnst. –

Alles, was Sie mir da vortragen, erzählen und anbieten, sagte Titus, ist mir so fremd, daß ich nicht darauf antworten, und noch weniger auf Ihre Anmuthungen eingehen kann. In meiner Einsamkeit habe ich nur ein 152 poetisches Auge auf die Händel und Verwirrungen der Welt gerichtet und bin ganz unfähig, auch wenn Sie mich, was gewiß nicht ist, überreden könnten, irgend einen dieser Plane auszuführen. Aber betrachten Sie wenigstens mein Buch, lesen Sie nur einige Kapitel, ja selbst nur einige Seiten, und ich bin überzeugt, Sie werden so hingerissen, so frappirt durch die neuen Gegenstände, die kühnen Bilder und Vergleichungen, den Witz und Humor, die Naturschilderungen nicht einmal mit gerechnet, daß Sie es gern drucken und der Welt übergeben.

Zinnober sah ihn ungläubig an, und nahm das fein eingeschlagene und versiegelte Paket langsam und mißtrauisch in seine dürren Hände, betastete es mit den langen Fingern, als wenn diese durch den Einschlag das Manuscript lesen könnten, und ging dann an den Schreibtisch, um die Siegel zu lösen. Er beseitigte das feine, einhüllende Papier, wickelte den Inhalt heraus – und starrte dann den Ueberbringer mit weit geöffneten Augen lange an. Titus wußte nicht, wie er diese sonderbare Miene auslegen sollte, und sagte ruhig: Nun lesen Sie etwas. – Herr! Herr! fuhr der Verleger auf ihn ein – Alles ist entdeckt! Sie selbst (o Finger der rachekundigen Nemesis!), Sie selbst bringen mir einige Pakete der geraubten Brüsseler kostbaren Spitzen! – Und an den Spitzen den Zettel – hören Sie: – er las: »Dem kleinen Caspar wird bedeutet, daß man ihn kennt, er hat kaum noch eine Stunde Zeit, sich zu retten.« – He! – Und darunter hier von einer andern Hand: –»Er kann nicht aus der Stadt, er thut am besten, wieder einmal, wie schon oft geschehen, die Maske des Gelehrten oder Schriftstellers vorzunehmen.« –

Die Spitzen und der Zettel wurden schnell verschlossen, indem der Verleger zugleich seine Gehülfen und den 153 Hausknecht rief. Bewacht, bewacht diesen Mann! er ist der weltberüchtigte kleine Caspar! schrie er mit der lautesten Stimme. – Alle entsetzten sich. – Daniel, sagte er, indem er sich an seinen großen Ladenburschen wendete, Du hast den derbsten und klarsten Ton; stelle Dich auf die Gasse hinaus, und schreie es aus, daß es mir gelungen ist, den kleinen Caspar zu fangen; er sei hier im Hinterstübchen durch die Glasthüren zu sehen, aber jeder, der ihn sehen will, muß im Laden eins von meinen Büchern kaufen, sonst wird er nicht eingelassen. Darauf gehalten; Sie, Melchior, gehen Sie nicht davon ab. –

Die Diener richteten den Befehl ihres Herrn aus, und bald hörte man Daniels Stimme, bald füllte sich die Gasse, bald drängten Menschen heran, und Melchior hatte viel zu thun, jedem ein Buch oder Büchelchen zu verabreichen und die Bezahlung einzunehmen. – Hier, sagte der Verleger, sitzt, Verehrte, der weltberühmte Gaudieb; wie charakteristisch ist sein gelbes, vermagertes Gesicht, die braunen, dunkeln Augen, die kleinen, kaum sichtbaren Augenbraunen. Sehen Sie, selbst dieser leberfarbene Rock ist bedeutsam. – Mit einem weltberühmten Namen ist er zu mir gedrungen, Titus nennt sich der Spitzbube, die Wonne des Menschengeschlechts, nach dem Kaiser, der keinen Tag ohne Wohlthat verlieren wollte. Gewiß hat er keinen Tag und keine Nacht ohne Spitzbubenstreiche vergehen lassen. – Aber nun genug, meine Herren, treten Sie nun ab, Sie haben ihn genug gesehen; Sie sehen, mein ganzer Laden ist voll, Alle haben ein Recht, ihn zu betrachten. Machen Sie Platz. – Eilig, Melchior! – Himmel, die ganze Straße ist schon gedrängt voller Menschen! – Hausknecht, bindet den Bösewicht fest an den Stuhl, ich muß im Laden helfen Geld einnehmen. – Wer nicht ein größeres Buch kauft, wird gar nicht eingelassen! – Gemach! 154 meine Freunde! Human und höflich, wer den Genuß haben will, in die Nähe des Spitzbuben zu treten! – Nicht so gedrängt und gestoßen! – Still! ich habe nur zwei Hände! – Hier, nehmen Sie, geben Sie, – machen Sie Platz, die Andern wollen auch sehn!

So nahm der kluge Zinnober von dieser unerwarteten Entdeckung mit schlauer Eile seinen Vortheil, denn einige Hundert Menschen kauften bei ihm größere oder kleinere Bücher und bezahlten schnell und ohne den Preis genau zu beachten, um nur den bekannten und gefürchteten Schelm in Augenschein zu nehmen; indessen der arme Titus, an seinem Stuhle festgebunden, die Schadenfreude und den Hohn Aller ertragen mußte, die ihn mit einem schimpflichen Tode bedrohten. Das Getümmel war so groß, daß er es bald völlig aufgab, etwas zu seiner Rechtfertigung zu sagen. So resignirt und immerdar die schadenfrohen Verwünschungen hörend, schien er sich endlich, betäubt und überschrieen, selbst für den Verbrecher zu halten, für welchen ihn alle Anschauenden hielten.

Man hatte die Wache rufen müssen, um den Andrang vor dem Hause zu vermindern. Das Geschrei und Gerücht, welches sich bald durch die ganze Stadt verbreitete, daß der große Dieb eingefangen in Zinnobers Buchhandlung sitze, hatte den Polizei-Inspektor bewogen, sich ebenfalls zum Verleger zu begeben, um den Inquisiten in Augenschein zu nehmen. Der Inspektor protestirte lebhaft gegen den Ankauf eines Buches, weil er nicht als Neugieriger, sondern um sein Amt zu versehen, in das Haus trete. Nach einigem Widerspruch ward ihm, als einem Offizianten, der freie Eingang gestattet, er ward sogar in das innere Gemach hinzugelassen, um den Delinquenten näher zu betrachten, zu welchem ihn der Buchhändler selbst begleitete. Indessen draußen noch der 155 Verkehr fortgesetzt wurde, der sich aber schon etwas verminderte, sagte Zinnober zum Inspektor: Sehen Sie, Herr Wahrmund, da sitzt der gottlose Bösewicht, den ich mit Gefahr des Lebens zum Besten des Staates eingefangen habe. Hier sind die Brüsseler Spitzen, die in seiner Tasche waren, hier ist der Zettel, der ihn, mehr als ein eignes Geständniß es könnte, überführt. – Er zeigte dem Inspektor die Dokumente, die er dann wieder verschloß. – Nun wissen Sie, fuhr Zinnober fort, daß die Regierung demjenigen, der den großen Verbrecher lebend einliefern würde, zwei Tausend Thaler zur Belohnung verheißen hat: auf diese mache ich jetzt Anspruch, und werde diesen Mann hier, den ich mir durch Klugheit und Geistesgegenwart erworben und eingefangen habe, der Polizei oder dem Kriminal-Gerichte nicht eher abliefern, bis diese zwei Tausend Thaler hier blank und baar auf meinem Tische liegen.

Das hängt nicht von Ihnen ab, mein Herr, sagte der Inspektor; wir werden sogleich, ohne zu fragen, den armen Sünder abholen und die Untersuchung eröffnen.

Ich gebe ihn nicht heraus, schrie Zinnober; vorher mein Geld!

Was? erwiederte der Inspektor; sollen wir etwa die Katze im Sacke kaufen? Wenn er es nun nicht ist?

Katze im Sack! sagte Zinnober eifernd; welche unpassende Ausdrücke! Ehrenrührig! Er sitzt öffentlich da; die Handschrift und die Spitzen sind bei ihm gefunden worden; mein Handel ist der ehrlichste von der Welt; ich liefere Ihnen einen lebendigen, gesunden, gut konservirten Spitzbuben, in seinen besten Jahren, frisch und munter, nicht vom Volke zerschlagen, nicht durch Verhöre und Gewissensbisse herunter gebracht, und für die gute Waare will ich mein gutes Geld. Es ist aber begreiflich, daß die Inquisition und der Staat, besonders 156 bei dem jetzigen Spaar-System, ihn lieber umsonst hätte. Aber ich werde mir kein X für ein U machen lassen. Mein Recht ist klar.

Wenn es sich so findet, sagte der Offiziant, wird Ihnen Ihre Belohnung nicht entstehn; am wenigsten wird, wie Sie fast zu glauben scheinen, geleugnet werden, der Verbrecher sei er selbst, wenn es sich erst vollständig ausgewiesen hat.

Ich bin aber wirklich, wimmerte Titus, eine solche Katze im Sack, die man einer löblichen Justiz für einen Hasen verkaufen will. Erbarmen Sie sich meiner, geehrter Herr, und führen Sie mich zum Präsidenten der Polizei, der mich noch gestern Morgen bei den Wachsfiguren in meiner vollständigen Unschuld, in der unbescholtensten Gesellschaft gesehen hat; er wird mich frei sprechen.

Kürzer ist es, mein Guter, sagte der Offiziant, Er wird vorläufig auf das Stockhaus gebracht und dort krumm geschlossen, damit er morgen, der Ordnung gemäß, zum Verhör geführt werden kann. Die Pflicht der ächten Polizei ist es, jeden Menschen, bis auf nähere Ausweisung, für einen Schelm zu halten. Auf die bloße Einwendung, man sei tugendhaft, darf nicht gehört werden.

Ich bin nicht tugendhaft, klagte Titus, aber unschuldig.

Und ich glaube noch weit eher, sagte der Polizei-Mann, daß ein Mensch tugendhaft, als daß er unschuldig sei.

Mir ist jetzt der Mensch, rief Zinnober. wie ein Wechsel nach Sicht; ich lasse und lasse denselben nicht aus meinen vier Pfählen. Jeder ist sich selbst der Nächste. Ich habe niemals einen andern Nächsten anerkannt.

Der Streit wäre noch heftiger geworden, wenn nicht alles durch den Eintritt eines angesehenen Mannes eine andere Wendung genommen hätte. Der Präsident, welcher von dem Auflauf gehört hatte, fuhr selbst vor, um den 157 Grund oder Ungrund des Gerüchtes zu untersuchen. So wie er eintrat, erkannte er Titus wieder, den er in Gesellschaft des Amtmanns und Predigers gesehn hatte. So sehr sich Zinnober weigerte, mußte er doch sogleich Titus vom Stuhle losbinden. Titus dankte seinem vornehmen Befreier mit gerührtem Herzen. Der Präsident ließ sich die Spitzen und die Handschrift ausliefern und sagte zum Verleger: Sein Sie für das Erste mit dem Gewinnst zufrieden, Herr Zinnober, den Sie ziemlich widerrechtlich gemacht haben, indem Sie diesen unschuldigen und achtbaren Mann wie ein wildes Thier zur Schau ausstellten und ihn für Geld sehen ließen. Herr von Titus könnte deshalb noch eine Klage gegen Sie erheben, ich vertraue aber seiner Gutmüthigkeit so viel, daß er diese Sache wird beruhen lassen. – Wie sind Sie aber an diese Spitzen gerathen, Herr von Titus?

Ich begreife es selbst nicht, antwortete dieser; ich las einem angesehenen Manne, einem Herrn von Wandel, mein Manuskript vor; ich ging von ihm, mit meinem Buch in der Tasche, und wie ich es diesem geldgierigen Herrn hier zum Drucke vorlegen will, hat es sich in diese Spitzen verwandelt.

Die Sache ist klar, antwortete der Präsident; wir haben, auf seltsamen Wegen freilich, die bestimmteste Anzeige erhalten, daß das Haupt der Diebesbande sich schon seit lange als ein Herr von Wandel in der Residenz umtreibe, alle Cirkel und öffentlichen Orte in dieser Maske besuche, um seiner Bande durch seine Bekanntschaften die Mittel und Wege zum Raube zu erleichtern. Er war unter dem Namen des kleinen Caspar bekannt, er soll aber eigentlich Lindwurm heißen. Dieser listige Mensch hat sich heut aus dem Staube gemacht, weil er erfuhr, daß er entdeckt worden sei; er hat Ihnen, armer Mann, das Paket mit dem Zettel in die 158 Tasche praktizirt, und noch einige Worte hinzugefügt, die Sie nur um so mehr verdächtig machen mußten. Kommen Sie, ich will Sie in meinem Wagen nach Ihrem Gasthofe zurück führen, um Sie vor den Mißhandlungen des unverständigen Pöbels zu sichern.

So geschah es, so ungern auch Zinnober seine Beute fahren ließ. Er sah ihr um so trauriger mit langem Halse nach, weil sich nach der Erklärung des Präsidenten sogleich alle Käufer wieder zerstreuten. Indessen war er mit seinem unverhofften Gewinne, den er schnell überzählte, ziemlich zufrieden, und rechnete mit einiger Sicherheit darauf, daß noch mancher in den folgenden Tagen aus Neugier in seinen Laden treten, und so seine Handlung, die zu den unbekanntesten gehörte, einige Celebrität erlangen würde.


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