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Der Jagerloisl

Ludwig Thoma: Der Jagerloisl - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Jagerloisl
authorLudwig Thoma
year1989
publisherPiper Verlag
addressMümchen
isbn3-492-10925-X
titleDer Jagerloisl
pages3-143
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Frau Geheimrat Calmon war zu Fehses herübergefahren und hatte nur die Mama angetroffen; Herr Fehse war mit Henny nach Kaltenbrunn ausgeflogen; seine Frau hatte es wegen Migräne abgelehnt, die Partie mitzumachen.

Aber so war es der Geheimrätin gerade recht; sie hätte es nicht besser treffen können, denn es gab etwas zu besprechen, was sich am besten unter Damen abmachen ließ. Vorerst nur eine Idee, ein Wunsch, den die Tante des Herrn Stresow hegte. Henny hatte dem jungen Manne gefallen, die Partie war gut, recht gut sogar; es handelte sich also nur darum, ob man sich auf der anderen Seite über die Vorteile der Verbindung klar war. Ein paar Andeutungen genügten, um Frau Fehse über den eigentlichen Zweck des Besuches aufzuklären, und sie griff das diskret vorgebrachte Anerbieten mit Begeisterung auf.

Stresow & Lademann! Ein Bedenken wäre lächerlich, ja frivol gewesen. Die Spreewerke standen in hohem Ansehen, die Familie nicht minder. Crême de la Crême hatte neulich Redantz von ihr gesagt; sie stand in naher Verbindung mit ersten Familien Berlins, auch mit einigen Größen im Rheinland.

Und der junge Stresow war korrekteste Norm in seinen Ansichten und Manieren. Frau Fehse strömte von Herzlichkeit über, als sie ein wünschenswertes Glück in solche Nähe gerückt sah; sie gab der hochverehrten Geheimrätin zu verstehen, daß sie im Bilde sei, und auch, daß die Wünsche der klugen, erfahrenen Dame mit den ihrigen übereinstimmten.

So konnte Frau Calmon sehr bald ihr Geheimnis entschleiern und offen reden.

»Wir verstehen uns«, sagte sie; »vorausgesetzt also, daß Ihr Töchterchen...«

»Henny ist Gott sei Dank wohlerzogen und...«

»Man kann nie wissen; im übrigen handelt es sich ja vorerst nur um eine Idee von mir. Wenn sie Ihren Beifall hat und wenn Ihr Mann...«

Frau Fehse zog unwillkürlich die Achseln hoch, wie in feindseliger Abwehr einer lächerlichen Möglichkeit.

»Wenn Ihr Mann glaubt, daß sich diese Idee verfolgen ließe...«

»Glaubt! Er würde zu diesem Glauben rasch und gründlich bekehrt werden!«

»Dann käme es vor allem darauf an, daß die jungen Leute sich wiedersehen würden. Mein Neffe hat leider einen kleinen Unfall erlitten...«

»Ach! Doch hoffentlich...«

»Nein, es ist nicht schlimm; er war eben den ersten Tag beim Regiment, da stürzte er mit dem Pferde. Seine Mama hat mich beruhigt, er hat nur ein paar Quetschungen erlitten.«

»Der Ärmste!«

»Er hat die Übung abbrechen müssen und wird nach Baden-Baden kommen.«

»Gott, das träfe sich gut! Meine Schwägerin ist dort und dringt darauf, daß wir sie besuchen...«

»Sie sagten mir das neulich, und ich dachte auch daran; vielleicht reisen Sie hin...«

»Nein, wirklich! Das trifft sich großartig.«

»Ich will etwa in zehn Tagen nach Baden-Baden; wenn Sie auch dort wären...«

Frau Fehse war sogleich entschlossen und damit von Kostümsorgen bedrängt. War sie genügend versehen, oder sollte sie in München das Fehlende ergänzen? Oder in Baden-Baden?

Sie faßte sich aber wieder und wandte sich der Geheimrätin mit erhöhter Liebenswürdigkeit zu.

Die Damen trennten sich im besten Einvernehmen und wollten zuletzt die Reise gemeinsam machen.

So stand Papa Fehse vor einem fait accompli, als er ahnungslos zurückkehrte.

Er wurde in seiner Schilderung der Reize von Kaltenbrunn jäh unterbrochen, um die Nachricht entgegenzunehmen, daß er sich aus der gepriesenen Ruhe und Behaglichkeit in das rauschende Leben eines Kurortes zu stürzen habe.

»Na hör mal...«

»Wie du überhaupt nur einen Moment überlegen kannst...«

»Kann ich immer und halte mich sogar für verpflichtet, es zu tun. Immer kaltes Blut, Nelly!«

»Es handelt sich um Hennys Lebensglück.«

»Wollen mal sehen; vorläufig handelt es sich jedenfalls nur um 'nen Einfall von der alten Schachtel.«

»Heinrich!«

»Is es anders?«

»Wie du so was sagen kannst! Frau Geheimrat Calmon hat Gefallen an Henny gefunden und gibt sich die Mühe...«

»Na, so groß is die Mühe nicht, und außerdem ist das ja eine Lieblingsbeschäftigung älterer Damen...«

»Ich konnte mir denken, daß ich bei dir nur höhnischen Widerspruch finde.«

»Wart's mal ab! Ich lasse mit mir reden, aber ein Unangenehmes hat diese Reise.«

»Wieso?«

»Es riecht wie Nachlaufen.«

»Nicht im mindesten. Wir besuchen Kitty; zufällig ist Herr Stresow als Rekonvaleszent dort...«

»Und zufällig weiß er ganz genau, daß seine Tante das arrangiert hat...«

»Tut man das nicht immer in solchen Fällen?«

»Weeß ich nich. Und der zweite Punkt meiner väterlichen Bedenken ist, daß mir der junge Mann nich so kolossal imponiert hat.«

»Natürlich nicht! Dazu hat er viel zu gute Manieren...«

»Danke!...«

»Aber wenn du glaubst, daß ich Hennys Glück verscherzen lasse mit derartigen lächerlichen Ansichten, so irrst du dich; ich weiß, was ich als Mutter zu tun habe, und ich...«

»Na... na... na... nur keine Aufregung! Wir wollen mal die Hauptperson hören... Henny!... Henny!«

»Papa?«

»Komm mal runter, aber dalli!«

Henny kam in die Stube; sie sah, daß Mama ziemlich aufgeregt war, und ihre Neugierde regte sich.

»Was ist los?«

»Wir hatten eben hochwichtigen Familienrat und...«

»Herr Stresow interessiert sich für dich...« fiel Frau Fehse ein.

»Keine Ausschmückungen, Nelly! Also Frau Calmon war hier und ließ durchblicken...«

»Bitte, sie hat klipp und klar gesagt...«

»Schön! Also Frau Calmon hat klipp und klar gesagt, daß vielleicht 'ne Möglichkeit besteht, daß du vielleicht ihrem Reserveonkel gefallen kannst...«

»Nun rede aber ich! Henny! Die Frau Geheimrat ist eigens herübergekommen, um – natürlich nich plump, sondern diskret – anzufragen, was du und was wir darüber denken, wenn Stresow sich für dich interessierte...«

»Gott, ich finde ihn nicht unsympathisch...«

»Du weißt doch, daß er eine glänzende Partie ist?... Bitte, Heinrich, unterbrich mich nicht – – Du bist dir doch darüber klar, daß du nach jeder Richtung hin...«

»Respektive, du kannst dir darüber nicht sofort klar sein, sondern du willst vermutlich erst mal darüber nachdenken...«

»Was gibt es da lange nachzudenken? Frau Calmon will doch nicht, daß wir uns sofort erklären; wir sollen mit dir nach Baden-Baden...«

»Bald?« fragte Henny.

»Je eher, desto besser...«

»Oh, fein! Da kommen wir ja noch zu den Rennen, und ich las zufällig gestern, daß das große Tennisturnier in der ersten Septemberwoche ist...«

»Die Gründe sind schlagend«, sagte Herr Fehse. »Du findest ihn nicht unsympathisch, es sind Rennen, es gibt 'n Tennisturnier und so nebenbei vielleicht 'ne Verlobung...«

»Ich freue mich eben...«

»Auf was? Auf das Ballschmeißen oder auf den nicht unsympathischen Jüngling oder auf die Rennen oder...?«

»Nu quäl aber Henny nicht! Sie ist klug genug, um...«

»... den Ernst des Lebens sofort richtig zu erfassen...«

»Ach, Papa, nich so tragisch! Ich bin ja noch nicht verlobt, und was soll ich denn dagegen haben, Herrn Stresow wiederzusehen?«

»Oder ist dir der Gedanke so unerträglich, daß Henny über die Werbung eines hoch angesehenen, glänzend situierten, tadellosen Mannes ernstlich nachdenkt?«

»Ich verstand Tennisturnier...«

»Daß ich mich auf Baden-Baden freue, ist doch klar!«

»Man muß ja nicht immer unter Bauern leben und kann auch Vergnügen an Eleganz haben.«

»Geht auf mich...«

»Henny hat eben meinen Geschmack...«

»Und die Tiefe der Empfindung. O Weiber!«

»Vielleicht wirst du in Gegenwart deiner Tochter nicht in diesem Tone reden?«

»Gar nischt rede ich. Als Mann habe ich natürlich die ganze Angelegenheit viel oberflächlicher aufgefaßt wie ihr. Vor euren zarteren Gefühlen und eurer Innerlichkeit muß ich kapitulieren.«

»Du bist also einverstanden, daß wir...?«

»Ich sehe bloß ein, daß mir die Opposition nichts hilft...«

»Papachen! Liebes, gutes Papachen! Wir fahren also wirklich?«

»Komm, Henny. Wir haben noch sehr viel wegen der Toilette zu besprechen.«

»Ja, und nimm auf alle Fälle dein Racket mit zur Verlobung!« sagte Papa Fehse.

 

Nach heißen Tagen war ein heftiges Gewitter niedergegangen, und nun hingen Wolkenfetzen an den Bergen, Nebel stiegen aus allen Tälern auf und schoben sich zusammen.

Es gab Regen.

Herr Fehse war allein; seine Damen waren nach München gefahren, um nur das Notwendigste an Toilette zu beschaffen. Er langweilte sich, und da der dritte Mann, den Redantz zum Skat bestellt hatte, durch irgend etwas verhindert war, fuhr er nicht nach Tegernsee hinüber, sondern hockte mißmutig in seiner Stube.

Von den Dachrinnen plätscherte es eintönig herunter, und zuweilen fuhr ein Windstoß in die Bäume vor dem Hause. Dann schauerten sie zusammen und schüttelten das Wasser von ihren Blättern ab.

Eine trübselige Stimmung.

Was ließ sich anfangen?

Herr Fehse beschloß, einen Rundgang durchs Dorf zu machen und sich mal ein bißchen mit den Leuten zu unterhalten.

Zunächst wollte er sehen, was eigentlich mit dem jungen Menschen, mit dem Jäger, los war, der sich eine ganze Woche nicht mehr hatte blicken lassen.

Er ging zur Heißin in die Küche. Die Alte empfing ihn mit freundlicher Ehrerbietung.

»'n Tag! Ihr Sohn zu Hause?«

»Da Loisl? Na, der is auf der Hütt'n drob'n, scho seit a sechs Tag.«

»Er ist sehr eifrig... was?«

»Gar z' fleißig is er. I sag oft, derrenn di no net ganz! De andern lassen si wohl Zeit, aber du moanst scho, sag i, du muaßt dir d' Haxen weglaffa. Aba da gibt's gar nix bei eahm...«

»Das ist doch sehr anerkennenswert!«

»Sagen Sie's aa, gel? Ja, er is scho a ganz a richtiger Mensch, grad brav. I hab nia koan Vadruß mit eahm g'habt. Wia oft de junga Leut san, a weng ausg'lassen. Dös hat's bei eahm gar it geb'n.«

»Da haben Sie Ihre Freude an ihm, was?«

»Scho wirkli a Freud und koan Vadruß gar it, aber gengan S' do eina in d' Stub'n! In da Kuchl is Eahna do z'schiach...«

»Nee, liebe Frau...«

»Es is ja net amal aufg'rammt. Genga S' a wengl eina, i schinier mi ganz.«

»Na... also...«

Herr Fehse ließ sich in die Stube führen.

»'n bißchen nieder.«

»Ja, geln S'? Is halt an alts G'lump...«

Er sah prüfend herum. An den Wänden hingen etliche Ölfarbendrucke; der heilige Joseph mit einer Lilie in der Hand, das Herz Jesu mit der Dornenkrone.

Daneben ein Schlachtenbild; die tapfern Bayern im Kampfe mit den Turkos.

Neben dem Ofen hingen Hirschgeweihe, etliche Gamskrucken und Rehgewichtl. Ein paar Bretter, die an die Wand gelehnt waren, erregten Fehses Aufmerksamkeit.

»Zu was gehören die?«

»Da spannt er im Winter seine Fuchsbalg auf. I schimpf oft, weil s' a so an G'stank eina mach'n, aber es is sinscht koa Platz net vorhanden, wo s' trucka wern...«

»So... so. Er is 'n tüchtiger Jäger.«

»I wollt, er waar koana.«

»Sagen Sie das nich! Is doch was Schönes, so 'n Leben auf den Bergen.«

»I kunnt's net lob'n; er hat Plag grad gnua, und wia oft kimmt er hoam, soachnaß und ausg'froren! I sag's oft. Kannt'st as du net viel schöner hamm, sag i, dahoam ums Haus umanand? Und er hätt no dazua an recht'n G'schick zu der Arwat und kennt si guat aus mit 'n Viech. Glei besser wia de mehrern Bauern.«

»Das is eben die Leidenschaft, liebe Frau...«

»Ja, leider Gott's...«

»Sind Sie schon lange Witwe?«

»Han?«

»Ob Ihr Mann schon lange tot ist?«

»Da Hansgirgl? An elft'n Jahr is scho; den Hirgscht wern's elf Jahr. Hätt's eahm koa Mensch net denkt bei so an fest'n Loder. Grad broat und g'stand'n is er g'wen, aber auf oamal is eahm 's Bluat abg'stand'n und hat net lang dauert, a so a Woch'n an achti, na is dahi ganga. I woaß no wia heut, wia'r a hoam kemma is vom Holz draußd. Muatta, sagt er, mit mir is nix mehr, hat er g'sagt, i kenn's guat. An sellan Wehdam hat er ei'wendi g'habt, und er is 'n aa nimma müassi wor'n...«

Fehse verstand kaum ein Wort, und er interessierte sich auch nicht weiter für die Schicksale des alten Hansgirgl.

»Sagen Sie mal...« Er wußte eigentlich nicht, was er fragen wollte. »Tja... ja... sagen Sie mal, wann kommt Ihr Sohn heim?«

»Woaß wohl net, aber heut oder morg'n muaß er do kemma bei dem Weda. I glaab a so, daß 's am Berg ommat schneibt. Sollt i eahm was ausricht'n?«

»Er soll wieder vorsprechen, wenn er da ist... Ich habe mir aus München Rauchtabak schicken lassen, sagen Sie ihm...«

»I wer's eahm sag'n; aber derf i Eahna net an Kaffee siad'n?«

»Nee, danke; ich muß wieder weg...«

»Aber a Schnapsel...?«

»Wirklich nich; adjö, gute Frau!«

»Bfüa Good nacha... a Glasei Schnaps hätten S' do...«

Herr Fehse war schon zur Türe hinaus.

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