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Der Jagerloisl

Ludwig Thoma: Der Jagerloisl - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Jagerloisl
authorLudwig Thoma
year1989
publisherPiper Verlag
addressMümchen
isbn3-492-10925-X
titleDer Jagerloisl
pages3-143
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1921
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Henny wollte eine Kahnfahrt bei Mondschein machen; Mama lehnte für sich ab, weil sie die Nachtluft scheute, und Papa war zu bequem; er fand es hübscher, bei einem Glase Bier vor dem Hause zu sitzen.

»Dann fahre ich allein...«

»Nein; ich will hier nicht in Unruhe sein«, widersprach die Mama.

»Loisl soll rudern, dann brauchst du keine Angst zu haben.«

»Ich weiß doch nicht, ob sich das schickt?«

»Nanu! Was soll dabei sein?« fragte Papa Fehse.

»Er ist mal 'n junger Mann...«

»Das sind Leute, die rudern, sehr häufig. Oder denkst du...?«

»Ich denke, man tut, was sich schickt, und gibt keinen Anlaß zu Klatschereien.«

»Die Welt, die klatscht, ist nicht hier, und wenn sie hier wäre, möchte ich wissen, was sie dahinter finden könnte.«

»Mama, du kannst einem wirklich jede Freude verderben«, schmollte Henny; »ich lasse mich doch lieber von Loisl rudern als von dem alten Kaspar, der seinen gräßlichen Tabak raucht und mich nicht versteht, wenn ich ihm sage, wo ich hinfahren will.«

»Der Ansicht bin ich auch.«

»Schön. Wenn ihr alles besser versteht...«

Mama Fehse gab ihren Widerstand mit einem unwilligen Achselzucken auf und vertiefte sich wieder in ihren Detektivroman.

 

Eine stille, klare Nacht.

Der Mond schob sich langsam über die Bodenschneid herauf, sein Licht floß über die Schroffen und Wälder ins Tal herunter und erfüllte es mit sanfter Helligkeit. Ein glitzernder Streifen legte sich über den See und wurde breiter und breiter.

Loisl tauchte die Ruder leise ins Wasser, und Henny zog ihr Tuch fester um die Schultern, als der Bergwind kam.

»Jetzt müssen Sie mir von Ihrem Schatz erzählen...«

Loisl schwieg.

»Ist sie hübsch? Eine Sennerin, wie man's im Bauerntheater sieht, die jodelt, wenn Sie kommen?«

»Da kann i nix verzähl'n, weil i koan Schatz net hab.«

»Seien Sie doch nicht so furchtbar diskret! Papa sagt, jeder Bursche hat einen.«

»Auf'm Theata scho. Da g'hört's wahrscheinli dazua.«

»In der Wirklichkeit doch auch.«

»Kunnt's net sag'n; mi hat mei ledig's Leb'n g'freut.«

»Das glaub ich nicht...«

»I hätt scho koa Zeit...«

»Oh!«

»Sunntag und Werktag am Berg droben...«

»Aber da sind doch die Sennerinnen?«

Loisl lachte.

»Selt'n amal; auf de meist'n Alma san Stotzen, Mannsbilder, de de Arwat versehg'n. Und wenn wo a'n Almerin is, de schaugt net so aus, wia si's de Herrschaft'n denk'n.«

»Ich habe schon sehr hübsche Mädchen gesehen...«

»Herunt'n vielleicht, aber dös helft mir nix, wenn i drob'n bi...«

»Wie treuherzig Sie das sagen, aber es stimmt nicht.«

»I woaß net, warum S' mir nix glauben. Es tat si do net passen für mi, daß i so umanander laffet wia de Burschen im Dorf. De hamm leicht Zeit, wenn s' d' Heugabel weglegen...«

»Sie wollen es einfach nicht sagen...«

»Woll'n... no ja... woll'n...«

»Wenn Sie einen Schatz hätten, würden Sie es eingestehen? Ehrlich?«

»N... vielleicht aa net.«

»Aber warum? Weil ich eine Dame bin?«

Loisl zögerte.

»Desweg'n aa...«

»Auch? Und außerdem?«

»Weil Sie's san...«

»Weil ich es bin? Das versteh ich nicht.«

Aber sie verstand es gut, und der lustige Blick, den sie auf Loisl richtete, zeigte es deutlich.

Sie fuhren am Ufer entlang.

»Musik?« fragte Henny.

»Beim Koanzen Hans werd da Seppl spiel'n.«

Sie horchten auf die feinen Klänge einer Zither, die wieder vom Plätschern der Wellen übertönt wurden.

»Können Sie jodeln?«

»A weng scho, wenn's g'rad amal is, zwoastimmig.«

»Bitte...«

»Es werd net recht geh', alloa und ohne Begleitung...«

Es ging aber sehr gut; wundervoll, wie Henny sagte, die immer noch mal um Wiederholung bat.

Auch am Ufer klatschten Leute Beifall.

»Nun haben Sie mir auch einmal eine Bitte erfüllt...«

»Gern. A jede...«

»Na... zum Beispiel erzählen?«

»Weil i nix zum verzähl'n hab.«

»Und wenn Sie was hätten, würden Sie's auch nicht tun. Das haben Sie selbst gesagt...«

»Ja... halt... weil... no ja... weil...«

»Wie heißt man das, wenn hier Burschen am Fenster stehen...?«

»Zum Kammafensta geh'... fensterln...«

»Waren Sie nie? Doch das müssen Sie mir sagen...«

Loisl lachte.

»Dös kann i net laugna.«

»Also haben Sie einen Schatz...«

»G'wiß net...«

»Oder gehabt?«

»Zum Fensterln... no ja... dös muaß net glei so ernst sei...«

»Loisl! Das hätte ich nicht von Ihnen gedacht!«

»So is net g'moant... aba... i sag g'rad, daß ma net glei...«

»Es wird immer schlimmer...«

»Und nacha is dös scho woaß Good wia lang her...« sagte er resolut.

»So alt?«

»Net alt, aba es hat si halt nimma geb'n, und überhaupts hätt i koa Zeit net g'habt... und...« Er stockte.

»Und?«

»Jetza denkat i scho gar nimma dro...«

»Warum?«

»A so halt.«

»Das müssen Sie mir sagen, sonst werd' ich böse.«

»Es laßt si net sag'n...«

»Weil ich es bin?«

»Ja.«

Sie lehnte sich zurück und warf ihm wieder einen lachenden Blick zu, bei dem es ihm heiß wurde.

»Wissen Sie, wo ich Sie das erstemal gesehen habe?«

»Beim Bauern in da Au...«

»Sie machten ein bärbeißiges Gesicht, als wenn es Ihnen nicht recht gewesen wäre, daß Fremde oben waren.«

»I?«

»Doch! Herr Stresow sagte, Jäger seien immer auf dem Kriegsfuß mit Sommergästen, weil sie das Wild verscheuchen.«

»War dös der Herr, der neben Ihnen g'sessen is?«

»Neben mir... das weiß ich nicht mehr.«

»A bissel a dicker,..«

»Haben Sie sich das gemerkt?«

»Ja... Is dös...?«

»Was?«

»I hab ma denkt, ob dös am End Eahna Bräutigam is.«

Henny lachte lustig.

»Ich hab keinen Bräutigam.«

»Dös kimmt mir g'spaßig vor...«

»Wieso?«

»Ja no... a Fräulein, wie Sie...«

»Es hat sich nicht gegeben, wie Sie sagen.«

»I glaab's net.«

»Retourkutsche! Das gilt nicht.«

Henny rief es sehr fröhlich.

»Weil er selbigs Mal aa dabei war, wia'r i den Bock hoam trag'n hab.«

»Darauf haben Sie acht gegeben? Oder sagen Sie das nur so?«

»I hab'n halt g'sehg'n, und da is mir der Gedank'n kumma.«

»Damals schon?«

»Ja.«

»Da haben Sie ganz falsch gesehen...«

»No... na is 's halt an anderner...«

Er sagte das mehr vor sich hin; Henny fand es zu nett, und ganz plötzlich kam ihr ein Einfall, dem sie sofort nachgab.

»Loisl, ich will wissen, wie das ist, das Fensterln...«

»Ja, mei...«

»Nein, horchen Sie nur, Sie müssen mir das zeigen und müssen kommen...«

»Zu Eahna?«

»Ja, und müssen ganz so reden, als wenn ich ein Bauernmädchen wäre...«

»Aber...«

»Nicht so schwerfällig! Wenn ich einen Scherz machen will, sollen Sie nicht immer mit aber kommen...«

Wenn Henny die dunkle Röte gesehen hätte, die sein Gesicht überzog, hätte sie vielleicht eingesehen, daß ihr Einfall nicht ganz so harmlos war. Aber sie sprach munter darauf los.

»Man liest immer davon und hört davon, und wenn ich doch schon in der Gegend bin, will ich es ganz echt kennen lernen. Denken Sie einfach, ich wäre ein Bauernmädel, und sprechen Sie mit mir genauso...«

Nun mußte er lachen.

»Da werd net gar soviel g'redt...«

»Sondern?«

»Daß ma halt's Deandl beim Kopf nimmt und abbusselt...«

»Das natürlich nicht, Loisl!«

»Na is 's scho nimma echt...«

»Es wird auch hier Deandel geben, die es nicht so stürmisch haben wollen.«

»Net leicht.«

»Dann bin ich eine Ausnahme. Außerdem sind Eisenstangen am Fenster.«

»Da schiabt ma'r an Kopf durchi.«

»Nein – nein! Aber sehen Sie, jetzt sind Sie schon viel kecker, weil nur davon die Rede ist. So wie jetzt müssen Sie mit mir sprechen.«

»Aber... wenn's die Gneidlin spannt?«

»Spannt?«

»Wenn s'was merkt?«

»Das darf sie eben nicht. Heimlichkeit gehört doch dazu, denke ich.«

»Alte Weiba schlaf'n wia de Katzen.«

»Aha! Nun kommt Ihre Erfahrung, die Sie immer leugnen wollen. Aber, wenn sie es hört, sage ich eben Papa, wie die Sache war. Daß ich das kennen lernen wollte. Er wird die Frau dann schon aufklären... Wann werden Sie kommen?«

Wieder wurde er rot bis unter die Haarwurzeln.

»Jetzt waar's z' hell«, sagte er. »A Woch'n müaßt i allaweil wart'n weg'n an Mond.«

Henny klatschte in die Hände.

»Wie das klingt! Auf den Mond acht geben... ganz räubermäßig. Ich glaube, es wird echt...«

Auf dem Heimwege mußte Loisl noch einmal fest versprechen, zu kommen. Man wollte den Abend bestimmen, und dann mußte er beschreiben, wie er bei der Gneidlin eine Leiter nehmen und auf die Altane steigen und ans Fenster klopfen werde.

»Und dann ganz so reden, wie man eben hier bei so was spricht, Loisl!«

Ob Henny wußte, wie es dem armen Kerl heiß und kalt wurde?

Aber natürlich wußte sie es, das war ja gerade das Reizende daran.

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