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Der Irrweg der Myntje Kollart

Caroline von Feilitzsch: Der Irrweg der Myntje Kollart - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCaroline von Feilitzsch
titleDer Irrweg der Myntje Kollart
publisherAnker-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid195c09ac
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Die Welt erwählt

Es war Samstagabend. Grübelnd starrte Myntje auf ein Briefchen, das sie vor einer Stunde auf ihrem Tisch vorgefunden hatte, als sie mit Leentje von ihrem Ausflug nach dem Tiergarten zurückgekommen war. Es war ein so schöner Tag gewesen, und die Stunden waren ihr wie im Fluge vergangen. Schließlich hatten beide sich eilen müssen, um rechtzeitig zum Esten nach Hause zu kommen. Sie hatten geplaudert und gelacht, wie nur junge Mädchen es fertig bringen; aber zu Myntjes nicht geringer Verwunderung hatte Leentje kein Wort darüber gesagt, daß sie nicht den Mut zum Tischgebet gehabt hatte und auch nicht mit in den Jungfrauenverein gegangen war. Nur nach dem Mittagessen flüsterte Leentje ihr zu: »Morgen abend um fünf Uhr hole ich dich zur Kirche ab, am Vormittag kann ich nicht, weil ich einer Freundin versprochen habe, mit ihr in eine benachbarte Landpfarrei zu gehen, wo ihr Vetter zum ersten Male predigt. Also vergiß nicht, um fünf Uhr.«

»Gut, ich werde bereit sein«, antwortete Myntje.

Und nun hatte, während sie rasch Leentje noch etwas wegen der Arbeit gefragt hatte, Betje das Briefchen auf den Tisch gelegt, in welchem folgendes stand:

Liebes Fräulein!

Morgen abend wohne ich einer Vorstellung im Rembrandt-Theater bei. Antonie kann mich nicht begleiten, weil sie eine Einladung des Studentenklubs zum Ball angenommen hat. Sie werden sicher gern mit mir kommen. Die Vorstellung soll sehr schön sein. In der Voraussetzung, daß Sie mich begleiten werden, habe ich schon Karten für uns beide genommen. Punkt sieben Uhr werde ich Sie abholen.

Frau Nielsen.

Noch nie in ihrem Leben hatte Myntje so deutlich die Wahrheit des Bibelwortes gefühlt: »Niemand kann zwei Herren dienen.« Sie war in der Meinung nach Amsterdam gekommen, daß sie beides leicht vereinigen könne, den Kirchenbesuch nicht versäumen und die Freuden des Weltlebens genießen. Sie hatte sich eingebildet, daß sie, wenn sie die Grenzen zwischen Welt und Christentum nicht allzu scharf zog, sie mit beiden auf freundschaftlichem Fuß leben könnte. Und nun? War es nicht, als ob zwischen den beiden feindlichen Mächten ein beständiger Kampf um sie geführt wurde, und schien nicht alle Augenblicke ein Felsblock auf ihrem Weg zu sein, wodurch sie gezwungen war, zu wählen, ob sie rechts oder links gehen wollte?

Myntje hatte sich vorgenommen, mit Leentje am Sonntag stillschweigend in die Kirche zu gehen, ohne die Familie Nielsen etwas davon merken zu lassen. Aber nun sah sie, daß aus diesem heimlichen Schleichgang morgen nichts werden konnte, und daß sie zu einem Entschluß kommen mußte. Sollte sie Leentje sagen, daß sie morgen nicht mit zur Kirche wollte? Dann wollte sie gewiß den Grund wissen, und die Wahrheit konnte sie ihr doch um keinen Preis sagen. Das Gespräch, das sie Dienstag mit ihr gehabt hatte, war Myntje wie Dolchstiche durchs Herz gegangen, und sie hatte das Gefühl gehabt, als ob jemand unendlich Höheres vor ihr saß, der ohne jeden unedlen Hintergedanken aus reiner christlicher Liebe ihr Bestes suchte und wirklich darunter litt, wenn sie untreu war. Darum ließ sich auch die Stimme ihres Gewissens nicht zum Schweigen bringen, und diese hielt ihr so viel Häßliches und Verkehrtes vor, daß sie sich manchmal mit Abscheu vor sich selbst abwandte.

Andrerseits aber wirkten beständig starke Kräfte, um sie in den Strom weltlicher Begehrlichkeiten abzutreiben. Die stärkste dieser Mächte war der Hochmut, jener böse Charakterzug, der eigentlich der Vater aller anderen Verkehrtheiten war. Wohl war diese verderbliche Eigenschaft in den letzten Tagen weniger hervorgetreten, weil sie in der fremden Umgebung eine gewisse Unbeholfenheit und Kleinheit fühlte. Je mehr sie sich aber eingewöhnte, und je freier sie sich in den neuen Verhältnissen bewegen lernte, desto mehr wuchs das eitle Verlangen, es den andern gleichtun zu können.

Und die zweite Ursache ihres unentschiedenen Gebarens war die Angst vor dem Spott der Nielsens. Sie fürchtete nichts so sehr, als ausgelacht zu werden. Antoniens höhnische Blicke machten sie zittern.

Ein solches Hin- und Hergezerrtwerden, ein Hin- und Herhinken, den Genuß der Welt so gut wie den Frieden Gottes entbehren, das ging nicht auf die Dauer. Auf irgendeine Weise mußte eine Entscheidung kommen.

Myntje hatte lange genug nachgedacht und schließlich die letzten Zweifel über Bord geworfen. Sie nahm Briefpapier und Umschlag, setzte sich an den Tisch und schrieb, allerdings mit etwas zitternder Hand:

Liebes Leentje!

Leider kann ich nicht mit Dir zur Kirche gehen. Ich bin von Frau Nielsen eingeladen worden, mit ihr auszugehen, und wage nicht, es ihr abzuschlagen. Ich habe auch über den Jungfrauenverein nachgedacht, möchte aber lieber nicht hingehen. Also, bitte, reden wir nicht mehr darüber.

Mit freundlichem Gruß
Deine Myntje.

Sie nahm sich vor, das Briefchen erst am nächsten Morgen durch Betje in Leentjes Zimmer legen zu lassen, damit keine Gelegenheit zu einer Aussprache war.

Eifrig machte sie sich nun an ihre Muster und hörte nicht, wie der Rosenbaum vor ihrem Fenster hin und her geschüttelt wurde und ein starker Wind sich erhoben hatte. Ein fürchterlicher Blitz mit darauffolgendem Donner schreckte sie auf. Sie trat bebend ans Fenster und zog die Gardine etwas zurück, als ein neuer Blitzstrahl zuckte und das Zimmer taghell erleuchtete. Es war, als ob der Allmächtige in heiligem Zorn einen feurigen Pfeil auf die böse Erde schleuderte. Der Donner ließ die ganze Stadt in ihren Fundamenten beben, während die Fenster flirrten und der Regen in Strömen niederprasselte. Blitz folgte auf Blitz, Donner auf Donner. Ratlos vor Angst floh Myntje aus ihrem Zimmer hin zu – Leentje!

Nun, während die Stimme des Herrn sich in eindrucksvoller Majestät über den Wolken vernehmen ließ, seine Allmacht in Feuerflammen am Himmel schrieb und seine Hand den tosenden Wind entfesselte, krampfte sich das widerspenstige, hochmütige Herz vor Angst zusammen und suchte da eine Zuflucht, wo es noch vor einigen Augenblicken am wenigsten hinneigte.

Auf dem Gang begegnete Myntje Antonie, tropfnaß, mit aufgeweichtem Hut und zerzausten Haaren.

»O Gott, was für ein Wetter!« rief sie, als sie Myntje sah, und noch atemlos vom Laufen, mit verstörten Augen nach den Blitzen sehend, flüsterte sie: »Bitte, bleiben Sie bei mir. Mutter ist eingeladen, und ich fürchte mich so entsetzlich allein.«

Einen Augenblick stand Myntje betroffen still. War dieses ängstliche, nervöse Geschöpf wirklich Antonie? Und nahm diese den Namen Gottes in den Mund? Konnte ein einziges Donnerrollen des Herrn der Heerscharen diesen stolzen Nacken schon beugen? Wie klein und leer mußte die Seele dieser eitlen Weltdienerin sein!

Unterdessen hatte das Wüten der Elemente noch zugenommen, und Myntje sagte, vor Angst zitternd: »Ich wollte zu Fräulein van Bel, gehen Sie mit?«

Einen Augenblick zauderte Antonie. Als aber ein neuer Donnerschlag das ganze Haus erschütterte, stürmten beide Mädchen, von der Angst gejagt, in Fräulein van Bels Zimmer.

Diese erhob sich, schloß die Bibel, in der sie gelesen hatte, und bot ihren beiden Gästen mit großer Ruhe einen Platz an. Sie ahnte wohl, was die beiden zu ihr führte und konnte kaum ein Lächeln unterdrücken, als sie Antonie in so demütiger Haltung vor sich stehen sah.

»Wollen Sie nicht Ihre nassen Sachen ablegen, Fräulein? Sie könnten sich sonst leicht erkälten.«

»O nein, danke. Es ist nicht so schlimm. Aber fürchten Sie sich gar nicht? Merken Sie nichts von der Gefahr, daß wir jeden Augenblick vom Blitz getroffen werden können?«

»Ich bin mir wohl bewußt, daß wir jeden Augenblick sterben können«, antwortete Leentje, indem sie einen ernsten Blick auf Antonie richtete. »Die täglichen Ereignisse, die Unglücksfälle und schnell verlaufenden Krankheiten sind wie der Blitzstrahl Mittel Gottes, um uns zu treffen. Gestern las ich noch von einem Mädchen, das plötzlich im Theater tot umfiel, und gerade inmitten von Vergnügen und Genuß ist man sicher am wenigsten auf einen Besuch des Königs der Schrecken vorbereitet.«

Antonie, eine Beute tödlicher Angst, saß händeringend und jammernd wie ein Häufchen Unglück da. Sie beugte das hochmütige Haupt vor der Stimme des Allmächtigen, die vom Himmel ertönte.

Viel schlimmer noch aber war es Myntje zumute. Es war, als ob allein um ihretwillen der Orkan losgebrochen sei, und sie dachte an den Propheten Jona und an den Sturm, den der Herr geschickt hatte, um den vor seinem Angesicht Fliehenden zum Gehorsam zurückzubringen. Floh nicht auch sie vor Gottes Angesicht? War nicht das Briefchen, das sie vor wenigen Augenblicken geschrieben hatte, eine klare Erklärung, daß sie den Dienst der Welt über den Dienst Gottes stellte? Sie hatte es so einrichten wollen, daß keine Mahnung Leentjes sie vor dem ersten entscheidenden Schritt erreichen konnte, und siehe – da sendet Gott ein Gewitter, das sie direkt unter den Schutz der Freundin treibt, dem sie hatte entfliehen wollen. Und nun läßt Gott Leentje gerade erzählen, was sie besonders treffen mußte: »Gestern las ich von einem Mädchen, das im Theater tot umfiel.« Wer hier nicht Gottes Finger sah, mußte blind sein.

Draußen wüteten die Elemente weiter. Der Himmel glich einem unendlichen Feuersee, während das Tosen des Sturmes und das Grollen des Donners an Gewalt zuzunehmen schien. »Wenn Gottes Langmut nun mit uns Sündern zu Ende war? Wenn wir nun vor Gottes Richterstuhl erscheinen müssen? Was geschieht mit mir, die ich auf frischer Tat ertappt worden bin?«

Diese Fragen quälten Myntje, daß der Angstschweiß ihr von der Stirn perlte. Wäre sie dem Drange ihres Gewissens gefolgt, dann wäre sie Fräulein van Bel um den Hals gefallen, hätte ihr alles bekannt, um dann mit ihr auf den Knien den Herrn um Vergebung zu bitten. Aber – da war Antonie. Wenn das Wetter morgen wieder gut war, würde ihr Spott unerträglich sein.

Nach etwa einer halben Stunde verzog sich allmählich das Wetter, der Sturm legte sich, und ein gleichmäßig niederfallender Regen beschloß das Wüten der Elemente.

Antonie stellte sich vor den Spiegel, um ihr Haar zu ordnen. »War das ein Heidenwetter!« sagte sie. »Es ist eigentlich Unsinn, sich darüber so aufzuregen; aber ich werde immer beim Gewitter so aufgeregt. Ihr seht, daß ein gefühlloses Gemüt auch noch etwas Gutes an sich haben kann. Stumpfe Naturen fürchten sich nicht einmal vor einem Gewitter!« Bei diesen Worten flog ein höhnischer Blick zu Fräulein van Bel hinüber, was natürlich nur bewirken sollte, den Eindruck ihres feigen Benehmens zu verwischen und den glühenden Haß zu befriedigen, den sie gegen das einfache Mädchen hatte, deren Ruhe inmitten der Gefahr ihre Eitelkeit verletzt hatte.

Eine dunkle Blutwelle flog über Leentjes Gesicht, und zornfunkelnd waren ihre Augen; aber sie bezwang sich und antwortete so ruhig als möglich: »Danke, Fräulein Nielsen. Es gibt nicht nur stumpfe, sondern auch feige Naturen, und letztere lernt man gut bei einem Gewitter kennen.«

Hart schlug die Tür ins Schloß, und Antonie war verschwunden.

»Nun danke ich dir für deine Gastfreundschaft, Leentje; schlafe wohl!« sagte Myntje und erhob sich.

»Gute Nacht! Auf Wiedersehen morgen abend«, sagte Fräulein van Bel.

Und damit trennten sich die beiden Mädchen für immer.

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