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Der Irrweg der Myntje Kollart

Caroline von Feilitzsch: Der Irrweg der Myntje Kollart - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorCaroline von Feilitzsch
titleDer Irrweg der Myntje Kollart
publisherAnker-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid195c09ac
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Glaubensmut und falsche Scham

Frau Nielsen hatte recht gehabt. Als Myntje den folgenden Morgen erwachte, waren alle Spuren von Müdigkeit verschwunden, und sie fühlte sich vollkommen frisch. Der kleine Wecker, der auf dem Kaminsims stand, zeigte auf sechs Uhr, als sie aufstand. So hatte sie Zeit, sich in Ruhe anzukleiden und ihr neues kleines Reich gründlich in Augenschein zu nehmen. Am Abend vorher war sie zu müde gewesen, sich umzuschauen.

Nachdem sie sich gewaschen und angekleidet hatte, zog sie die schwere, gefütterte Gardine zurück. Gerade unter ihrem Fenster stand ein Strauch mit dunkelroten Rosen, und etwas seitwärts war ein Beet mit wundervollen Nelken. Rechts von diesem Gärtchen war eine Tür, die offenbar zur Küche führte. Ein schmaler Fußpfad lief rings um das etwa fünfzehn Meter lange und zehn Meter breite Gärtchen, das durch eine Mauer von dem Nachbargarten getrennt schien. Einige Büsche umsäumten das Ganze. In der Mitte stand ein Birnbaum, dessen Früchte zwischen dem Laub hervorschimmerten. Unter dem Baum auf dem kleinen Rasenplatz stand ein eiserner Tisch mit vier Gartenstühlen.

Nachdem Myntje ihre äußere Umgebung besichtigt hatte, lenkte sie den Blick auf die Einrichtung ihres Stübchens. Es war klein, aber gemütlich und nett eingerichtet. An der dem Fenster gegenüberliegenden Wand war das Bett mit grünen Gardinen. Am Kopfende stand die Waschkommode, die auch durch einen grünen Vorhang unsichtbar gemacht war. Das übrige Mobiliar bestand aus einem Mahagonischrank, einem Tisch, vier gepolsterten Stühlen, einem Spiegel zwischen zwei hübschen eingerahmten Bildern, während der Wecker und zwei Vasen auf dem Kaminsims dem Ganzen einen heimeligen Stempel gaben. Ein großer, dicker Teppich bedeckte den Boden.

Myntje gefiel ihr kleines Heim, und wenn ihre Mitbewohner und die Behandlung entsprechend waren, zweifelte sie nicht, daß sie sich bald heimisch und glücklich in Amsterdam fühlen werde. Sie verlangte danach, die Leute kennenzulernen, mit denen sie künftig leben sollte.

Wen kannte sie schon? Zuerst Antonie. Sie war ohne Zweifel ein hübsches, aber auch eingebildetes Mädchen. Die Dame der Bahnhofsmission hatte sie keines Wortes gewürdigt. Auf dem Wege zur Haltestelle der Straßenbahn waren ihr zweimal Herren begegnet, die sie auffällig grüßten, und Myntje hatte gemerkt, daß Antonie sich ihrer Begleitung schämte. Letzteres konnte Myntje ihr auch nicht verdenken; denn nach der langen Reise hatte sie gewiß nichts weniger als vorteilhaft ausgesehen. Und – sie hatte ja auch nicht ihr Fünfzig-Gulden-Kleid angehabt. Am Sonntag würde sie jedenfalls ganz anders auftreten können.

Aber was bedeutete nur das seltsame Gebaren und Erröten Antoniens, als ihre Mutter sie fragte, ob sie sich nicht beim Warten auf den Zug gelangweilt habe? Sie hatte ja gar nicht geantwortet, sondern war zu spät gekommen, weil sie angeblich so viel zu tun gehabt hatte. Hatte sie etwa Geschäfte gehabt, von denen ihre Mutter nichts wissen durfte? Es mußte wohl so sein. Woher wäre sonst das Erröten und Lügen gekommen, und warum war der Blick nötig gewesen, den sie Myntje zugeworfen und der zu sagen schien: »Sei stille! Verrate mich nicht!« Myntje wußte nicht, was sie davon halten sollte. Nun, mit der Zeit würde sie schon herausbringen, was da nicht in Ordnung war.

Zum andern hatte sie Frau Nielsen, die Herrin des Hauses, kennengelernt. Sie hatte ihr sofort den Eindruck gemacht, daß sie aus vornehmem Hause stammte. Ihre ganze Persönlichkeit wies darauf hin. Es war auch deutlich zu erkennen, daß sie in ihrem Leben schon viel Leid durchgemacht haben mußte und manchem Sturm allein die Stirn hatte bieten müssen. Ihre Kleidung war zwar modern, aber sehr einfach im Gegensatz zu ihrer aufgeputzten Tochter. Etwas Strenges und zuweilen Wehmütiges lag im ganzen Auftreten, im Tun und Reden von Frau Nielsen.

Was mochte die Frau wohl so gemacht haben? Was wäre wohl auf den Seiten ihres Lebensbuches alles zu lesen? Und was bedeuteten die geheimnisvollen Worte: »Die Kinder vergessen zuweilen, was sie ihren Eltern schuldig sind. Das Leben lehrt uns in dieser Beziehung so viel Trauriges?« Stand die Klage etwa im Zusammenhang mit der offenbaren Unaufrichtigkeit ihrer Tochter? Es kam Myntje alles so fremd und rätselhaft vor.

Nun mußte sie noch den Sohn des Hauses kennenlernen, »den netten Fritz«, wie Jenny Davids ihn nannte. Wenn er nicht gerade auf Reisen war, würde er wohl zum Frühstück erscheinen.

Sie wußte nicht, ob es noch mehr Hausgenossen gab. Betje, das Dienstmädchen, zählte ja nicht zur Familie.

Um sich die Zeit bis zum Frühstück zu vertreiben, begann sie ihre Kleider und sonstigen Habseligkeiten in den großen Schrank zu räumen, der ihr zur Benutzung überlassen war. Dann schrieb sie eine Karte an ihre Großeltern, um ihnen ihre gute Ankunft mitzuteilen und ihnen einen baldigen ausführlichen Brief in Aussicht zu stellen. Unwillkürlich verfiel sie wieder ins Grübeln. Sie konnte sich nicht verhehlen, daß sie gestern sehr unwahr und feige gewesen war. Ihre Antwort auf Antoniens spöttische Frage, ob sie am Ende auch zu den Frommen gehöre, hatte eine große Aehnlichkeit mit Petri Verleugnung des Herrn beim Wachfeuer im Palast des Hohenpriesters. Nicht, daß sie den lebendigen Glauben ihrer Großeltern gehabt hätte. Davon war sie leider noch weit, weit entfernt; aber sie war doch von frühster Kindheit an in der Lehre, die zur Gottseligkeit führt, unterwiesen worden, und sie wußte Bescheid in der Bibel. Wie ein Dolchstich fuhr ihr das Gebet ihres Großvaters durchs Herz, als sie sich erinnerte, wie er noch zuletzt seine Hände über die ihrigen gefaltet und gebetet hatte: »O Herr, mein Gott, ich bitte dich nicht, daß du sie aus der Welt wegnehmest, aber daß du sie bewahrest vor dem Argen.« Und dann dachte sie an die ernsten Ermahnungen Pfarrer Kramers, als er ihr ans Herz legte: »Bedenke wohl, daß die erste zögernde Verleugnung deines Gottes die Tür öffnet zu einem vollständigen Versagen deiner Grundsätze, und daß du damit eine Mauer aufrichtest, die ein Zurückgehen beinahe unmöglich macht. Du kannst fest damit rechnen, daß der Strom der Welt und weltlicher Vergnügen dich nach dem Abgrund des Verderbens mitschleppt, wenn du dich nicht in der Kraft Christi widersetzest und auch nicht einen Augenblick nachgibst.«

Und jetzt? War die Mauer hinter ihr etwa schon aufgerichtet? Was für eine jämmerliche Figur würde sie vor Antonie abgeben, wenn sie nun doch mit ihren Grundsätzen hervortrat? Würde sie ihr nicht den Vorwurf ins Gesicht schleudern können, daß sie feige, verlogen, falsch sei, und würde Antonie mit ihren spöttisch funkelnden Augen die unverschämte Frage stellen, ob ihr gestriges Lügen auch zur Frömmigkeit passe?

Myntje fühlte, daß nun bei ihr von freimütigem Farbebekennen keine Rede mehr sein könne. Uebrigens war sie ja nach Amsterdam gekommen, um die Welt zu genießen, und dabei konnte man kein allzu zartes Gewissen haben. Jedem Ding, auch dem gottesdienstlichen Leben, konnte man zweierlei Auffassung geben, und es war unrecht, an ein junges Mädchen denselben Maßstab zu legen wie an alte, abgelebte Menschen. Und nach diesen Ueberlegungen faßte Myntje erneut den Beschluß, soviel als möglich sich dem Kreis anzupassen, in dem sie jetzt zu leben hatte.

Als die Frühstücksglocke ertönte, blickte Myntje noch rasch in den Spiegel, um zu sehen, ob alles in Ordnung sei und ging dann die Treppe hinab. Aber welche der verschiedenen Türen mochte zum Eßzimmer führen? Sie wollte sich eben bei Betje erkundigen, als ein schlankes, hübsches, etwa zwanzigjähriges Mädchen in Trauerkleidung auf sie zukam.

»Guten Morgen, Fräulein!« sagte die junge Dame. »Mein Name ist Leentje van Bel, und ich bin Lehrmädchen bei Frau Nielsen. Sie sind wohl das Fräulein, das gestern Abend erwartet wurde?«

»Ja, Fräulein«, antwortete Myntje, »und ich heiße Willy Kollart.«

»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Kommen Sie nicht aus Seeland?«

»Ja, und Sie?« fragte Myntje.

»Ich bin Friesländerin. Vergangenes Jahr ist mein Vater gestorben, und nun bin ich mit Mutter allein. Wir haben ein kleines Manufakturwarengeschäft, und da dachte ich noch das Putzmachen zu erlernen.«

»Und wie lange sind Sie schon hier?«

»Beinahe ein halbes Jahr, und ich habe vor, noch sechs Monate zu bleiben.«

»Sind wir die einzigen Lehrmädchen?«

»Die einzigen, die im Hause wohnen. Etwa zwölf weitere Mädchen sind von Amsterdam und wohnen in der Stadt. Sie suchen gewiß das Eßzimmer. Darf ich vorausgehen, um es Ihnen zu zeigen?«

Frau Nielsen stand bereits am Eßtisch und schnitt kaltes Fleisch. Sie erwiderte den Gruß der beiden Mädchen. »Ich glaube, ich brauche nicht zu fragen, ob Sie gut geschlafen haben, Fräulein Kollart«, sagte sie. »Sie sehen so viel besser aus als gestern abend. Wollen Sie den Tee einschenken, Fräulein van Bel? Und Sie, Fräulein Kollart, müssen es sich gut schmecken lassen. Freilich werden Sie die kräftige, ländliche Kost vermissen; aber daran läßt sich nun nichts ändern. Um halb neun Uhr haben wir Frühstück, um halb ein Uhr trinken wir Kaffee; das Mittagessen ist um halb sechs Uhr, und später bringt man Ihnen noch eine Tasse Tee und ein Butterbrot aufs Zimmer. Die Arbeit beginnt um neun Uhr; dann kommen auch die Lehrmädchen aus der Stadt; von zwölf bis zwei Uhr ist Pause; dann wird wieder bis fünf Uhr gearbeitet. Von da ab haben Sie frei; nur bitte ich, immer pünktlich zum Mittagessen in diesem Zimmer zu sein. Aber wo bleibt Antonie? Und Fritz läßt natürlich auch auf sich warten! Nun, da kommt wenigstens eine.«

»Guten Morgen, Mutter! Guten Morgen, Fräuleins!« sagte die Tochter des Hauses, die in ihrem braunen Morgenkleid sehr vorteilhaft aussah. Ohne sich weiter um die Anwesenden zu kümmern, goß sie sich eine Tasse Tee ein und setzte sich neben die Mutter.

»Ist Fritz noch nicht hier?« fragte sie, indem sie einen bösen Blick auf den leeren fünften Stuhl warf.

»Es ist zu langweilig. Laß uns anfangen, Mutter.«

»Warte noch einen Augenblick. Fritz muß doch gleich kommen. Ich halte auf Ordnung. Du warst selbst fünf Minuten zu spät.«

»Nun ja, fünf Minuten!«

Frau Nielsen warf einen strafenden Blick auf ihre Tochter und war im Begriff, ihr eine zornige Antwort zu geben, als die Tür aufging und Fritz ins Zimmer trat.

»Nicht böse sein, Mutter!« rief er, indem er einen Kuß auf ihre Stirn drückte. »Verzeihen Sie, meine Damen. Friedrich Nielsen.« Mit diesen Worten stellte er sich Myntje vor und machte ihr eine tadellose Verbeugung. »Gewiß finden Sie mich sehr unmanierlich, meine Damen; aber ich vergaß alles über der Angst, von Mutter wegen meines Zuspätkommens gescholten zu werden. Es soll gewiß nicht mehr vorkommen, Mutter, daß ich euch warten lasse.«

»Immer dasselbe Lied!« brummte Antonie, während Frau Nielsen ihrem Sohne einen strafenden Blick zuwarf. Nun ließen alle es sich schmecken. Wie Myntje vermutet hatte, wurde kein Tischgebet gesprochen, und auch sie selbst war zu dem Entschluß gekommen, nicht zu beten, um keinen Anlaß zu spöttischen Bemerkungen zu geben. Uebrigens konnte man ja auch ganz gut so beten, daß niemand es merkte.

Aber nun geschah, was sie am allerwenigsten erwartet hatte. Fräulein van Bel faltete die Hände, schloß die Augen und betete leise für sich, ohne sich um ihre Umgebung zu kümmern, gerade als ob sie daheim bei ihrer Mutter wäre.

Myntje klopfte das Herz. Es war ihr, als ob sie einen Schlag ins Gesicht bekommen habe. Unwillkürlich warf sie einen Blick auf Antonie, die haßerfüllt Fräulein van Bel ansah und absichtlich mit ihrem Messer auf dem Teller kratzte, um die Stille zu unterbrechen. Fritz kicherte, und Myntje fühlte, wie seine Augen sie einluden, mit einzustimmen. Das Blut stieg ihr ins Gesicht, als sie sich so plötzlich zwischen zwei Feuern sah. Was sollte sie tun? Mitlachen? Am liebsten hätte sie es getan, wenn nicht plötzlich wie mit Flammenschrift die Worte Jesu vor ihrem Geist gestanden hätten: »Wer sich aber mein und meiner Worte schämet unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, des wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.« Dieses Wort ließ das Lächeln auf ihrem Munde ersterben. Sie beugte sich tief über ihren Teller und führte den Bissen zum Munde, ohne recht zu wissen, was sie tat.

Inzwischen hatte Fräulein van Bel ihr Gebet beendet. Myntjes Verwirrung war ihr nicht entgangen, und sie hatte tiefes Mitleid mit dem jungen Mädchen, das aus falscher Scham seinem Bekenntnis untreu geworden war. Sie erinnerte sich zu gut, was für einen Kampf es sie zuerst gekostet hatte, in diesem Kreis den Heiland zu ehren und ihn als den Geber des täglichen Brotes anzuerkennen. Wie viel Spott hatte sie ertragen, wie viele Stichelreden hören und Unfreundlichkeiten wegen ihres mutigen Zeugnisses erdulden müssen. Die ganze Familie haßte sie deshalb, und besonders Antonie konnte sie nicht ausstehen. Diese versäumte keine Gelegenheit, um sie zu quälen. Im Speisezimmer, im Arbeitsraum, ja selbst in ihrem Zimmerchen, es war Ueberall dasselbe. Aber sie wußte auch, daß ihr nichts Außergewöhnliches begegnete; es war einfach das, was nicht ausbleiben konnte, was der Heiland seinen Jüngern voraussagte, als er beim Abendmahl zu ihnen sprach: »Wenn euch die Welt hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehaßt hat. Wäret ihr von der Welt, so würde euch die Welt lieb haben, aber weil ihr nicht von der Welt seid, darum hasset euch die Welt. Gedenket an das Wort, das ich euch gesagt habe: »Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen, haben sie mein Wort gehalten, so werden sie eures auch halten. Aber das alles werden sie euch tun um meines Namens willen, denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.«

»Um seines Namens willen!« Ja, das war es. Darum hatte sie Schmach und Hohn erdulden müssen. »Um seines Namens willen!« so jubelte es im Herzen des einfachen Mädchens, wenn Antonie Gehässigkeiten, Friedrich spöttische Reden und Frau Nielsen spitze Dornen auf ihren Pfad streuten. »Um seines Namens willen!« jubelte sie, wenn sie in der Einsamkeit ihre Lage überdachte und der Feind ihr zuflüsterte, doch etwas nachgiebiger zu sein, um es ein wenig leichter zu haben. »Um seines Namen willen!« Das Wort war die Kraft, die in dem kindlichen Gemüt der Tochter einer gläubigen Witwe wirkte. Es war das himmlische Manna, durch das die Seele des einfachen Mädchens erquickt wurde, das kaum der treuen Muttersorge entwachsen war. Das war der Fels, auf dem der schwache Fuß einen festen Stützpunkt fand, obwohl die Wogen um sie schäumten und kochten.

»Jetzt wird es schmecken«, sagte Antonie.

»Nicht spotten, Schwesterchen«, entgegnete Fritz, indem er mit seinem Messer ein Ei köpfte. »Nicht spotten! Jeder nach seinem Geschmack! Du hältst mehr vom Schauspiel als vom lieben Gott, ich halte es mehr mit einem Spielchen, Mutter hält mehr von der Oper, und Fräulein Kollart? Ja, womit halten Sie es?«

Wieder war Myntje in die Enge getrieben, aber sie hatte einen guten Einfall und antwortete mit einem gezwungenen Lächeln: »Ich halte es mit allem, was gut ist.«

»Hoho, das ist eine Ausflucht, mit der gar nichts gesagt ist. ›Mit allem, was gut ist!‹ Ja, was ist denn gut? Fräulein van Bel sagt, es sei gut, vor dem Essen zu beten, während ich behaupte, daß es Unsinn ist, da mir mein Ei ohne Erlaubnis von Gott ebensogut schmeckt als mit seiner Erlaubnis. Sie sagt, in der Kirche sei es schön, während ich es viel schöner im Kaffeehaus finde. Sie sagt, mit dem Tode beginne das Leben erst, während ich gewiß bin, daß dann alles aus ist. Sie hält die Bibel für ein göttliches Buch, während ich es gerade gut genug für Makulatur finde. Da haben Sie nun zwei ganz entgegengesetzte Meinungen vor sich. Welche ist nun das eigentlich Gute?«

»Ach, höre auf mit deinem langweiligen, blöden Philosophieren!« unterbrach Antonie.

»Blöd? – Ich finde es nicht blöde, wenn man herausfinden will, was gut und nicht gut ist«, entgegnete Fritz.

»Ich finde es ausgezeichnet, daß du forschen willst, was wirklich gut ist, Fritz«, mischte sich Frau Nielsen ins Gespräch. »Aber du hast wenig Nutzen, wenn du das Gute nicht auch ins praktische Leben umsetzest. Du hast wohl einen Begriff von dem, was gut und was schlecht ist. So weißt du ganz genau, daß es grundverkehrt ist, jede Nacht so spät nach Hause zu kommen und so viel zu spielen. Das weißt du. Nun fang endlich auch einmal an, danach zu handeln!«

Fritz legte seine Serviette nieder, strich seinen Bart und sagte mit großer Gemütsruhe: »Das sind Sünden der Jugend, Mutter, die sind so schlimm nicht und finden leicht Vergebung. Fragt nur einmal Fräulein van Bel!«

»Ist das wahr?« fragte Antonie lachend. »Das wäre fein für dich, der du so viel auf dem Kerbholz hast. Aber ist es wirklich wahr, Fräulein van Bel, daß man so leicht von den Jugendsünden frei werden kann? Sie müssen in diesen Dingen doch am besten Bescheid wissen.«

Myntje sah wieder den gefürchteten, herausfordernden Ausdruck in Antoniens Augen, die auf Fräulein van Bel ruhten.

Diese hielt im Essen inne und sah die grobe Fragestellerin ruhig und ernst an. Dann sagte sie, indem sie auf jedes Wort Nachdruck legte: »Ich hoffe für Sie, daß es in Ihrem Leben eine Zeit geben wird, wo Sie im Ernst die Frage stellen, die Sie jetzt in Spottlust an mich richten. Dann will ich Ihnen gern antworten. Und nun möchte ich noch hinzufügen, daß ich mich schämen würde, eine Christin zu sein, wenn ich einen Bruder oder eine Schwester kennte, die so unhöflich gegen Andersdenkende wären wie Sie. Mir schaden Sie nicht mit Ihrem Spott, aber sich selbst.«

Mit ungeheucheltem Erstaunen starrte Myntje Fräulein van Bel an. Wer hätte gedacht, daß dieses einfache Mädchen solchen Mut haben würde! Myntje konnte ein Gefühl der Bewunderung für Fräulein van Bel nicht unterdrücken. Antonie war feuerrot geworden. Ihre Augen schossen wütende Blitze; aber sie antwortete nicht auf diese strenge Zurechtweisung. Aergerlich warf sie die Serviette auf den Tisch.

Und der allezeit leichtherzige Fritz brummte vor sich hin: »So so, Schwesterchen, nun hast du dein Teil bekommen.«

Es wurde wenig mehr beim Frühstück gesprochen, aber als Frau Nielsen nach etwa zehn Minuten das Zeichen zum Aufbruch gab, konnte sie sich nicht zurückhalten, zu sagen: »Und nun bitte ich euch alle, bei Tisch nicht mehr über religiöse Dinge zu verhandeln. Dispute über solche Themen mögen für Pfarrer anregend sein; mir aber sind sie unangenehm, und ich finde es unglaublich anmaßend, wenn junge Mädchen, die noch halbe Kinder sind, sich in solchen geheimnisvollen Fragen ein Urteil erlauben. Ich hoffe, wir haben uns verstanden.«

Alle standen auf, mit Ausnahme von Fräulein van Bel, die erst noch dankte. Sie wußte wohl, daß die letzten Worte auf sie gemünzt waren, und daß Frau Nielsen damit kundtun wollte, daß sie die Antonie gegebene Zurechtweisung übelgenommen hatte. Sie tat aber, als ob die Sache sie nichts anging und verließ ruhig das Zimmer.

Es fiel Myntje auf, daß Frau Nielsen einen bösen Blick auf das betende Mädchen warf und dann einen verständnisvollen mit Antonie wechselte.

Als sie in ihrem Zimmerchen war und die Vorgänge am Frühstückstisch noch einmal überdachte, wurde der armen Myntje immer klarer, daß sie weiter auf den Pfad der Weltförmigkeit getrieben wurde, wenn sie nicht den Mut fand, ebenso aufzutreten wie Fräulein van Bel.

Aber ach! Die Mauer hinter ihr!

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