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Der Irrweg der Myntje Kollart

Caroline von Feilitzsch: Der Irrweg der Myntje Kollart - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCaroline von Feilitzsch
titleDer Irrweg der Myntje Kollart
publisherAnker-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid195c09ac
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Zwischen Mutter und Sohn

Es war an einem Sonntagmorgen. Das Frühstück war vorüber, und Fritz Nielsen befand sich noch allein mit seiner Mutter im Eßzimmer. Wie gewöhnlich in der letzten Zeit war bei dem Frühstück fast nicht gesprochen worden, und es hatte in dem kleinen Kreis eine gedrückte Stimmung geherrscht. Das gemütliche Plaudern, das die täglichen Mahlzeiten zu solch wohltuenden Augenblicken der Ruhe und Entspannung macht, kannte man bei Nielsens nicht. Alles verlief kalt und steif, was bei der Erziehung, die Frau Nielsen ihren Kindern gegeben hatte, auch ganz natürlich war. Alles war darauf berechnet gewesen, Weltmenschen aus ihnen zu machen. Höhere Ideale kannte Frau Nielsen nicht. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, daß die Gesetze der allgemeinen Formen das Herz kalt und arm lassen. Erst seitdem ihre Kinder groß waren, erkannte sie die Mängel in ihrem Charakter und fing an, sich nach dem Grund zu fragen, weshalb in ihrer Familie so große Oberflächlichkeit und Lieblosigkeit herrschten. Heute sollte sie darüber aufgeklärt werden und zwar von einer Seite, von der sie es am wenigsten erwartet hätte.

»Mutter, ich möchte so gern einmal ruhig mit dir sprechen.« Mit diesen Worten wandte sich Fritz an seine Mutter, als diese sich anschickte, das Zimmer zu verlassen.

Frau Nielsen sah ihren Sohn verwundert an. »Was mochte mit dem Jungen sein?« fragte sie sich. Seit zwei Wochen war er so ganz verändert, wich jeder Gesellschaft aus, er lachte nicht mehr und sprach so wenig als möglich. In den letzten vierzehn Tagen war er kaum dreimal aus dem Hause gewesen, sondern hatte sich scheu in sein Zimmer zurückgezogen, als ob er ein böses Gewissen hätte und fürchtete, die Leute könnten seine Schuld auf seinem Gesicht geschrieben lesen.

»So, Friedrich, dann komm in mein Zimmer«, antwortete Frau Nielsen.

Fritz folgte seiner Mutter, und sein ganzes Benehmen verriet, daß er die Unterredung gewaltig fürchtete. Sein Herz klopfte zum Zerspringen.

»Nun, mein Junge, was willst du?« fragte die Witwe, nachdem sie die Tür geschlossen hatte.

»Mutter, ich möchte heute in die Kirche«, antwortete der junge Mann ruhig aber entschieden, indem er seine schwermütigen Augen mit einem eigentümlichen Ausdruck auf die alte Dame richtete.

»Was? Du in die Kirche? Was fällt dir ein?« rief Frau Nielsen mit vor Zorn geröteten Wangen und funkelnden Augen. »Ich hoffe nicht, daß das dein Ernst ist.«

»Warum nicht, Mutter?«

»Weil ich es nicht dulden werde, weil ich alles Fromme verabscheue, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß die Religion nur eine Maske ist, hinter der sich alles versteckt, was gemein und niedrig ist. Wenn du wüßtest, was ich von den frommen Leuten erfahren habe, dann würdest du dich wohl hüten, mit der Kirche in Berührung zu kommen.«

»Aber was hast du durch die Religion erfahren, Mutter?«

»Frage mich nicht! Oder willst du, daß dir deine Mutter beichtet? Du weißt, daß ich nicht lüge, und es muß dir genügen, wenn ich dir sage, daß die Frommen schuld an meinen frühzeitig ergrauten Haaren und an den tiefen Falten in meinem Gesicht sind. Sprich mir darum nicht mehr vom Kirchengehen. Ich sage dir, sobald du den Fuß in die Kirche setzest, entsteht zwischen dir und mir eine Kluft, die niemals überbrückt wird. Vergiß das nicht, Fritz!«

In großer Aufregung sprang die alte Dame auf, eilte ans Büfett und goß sich ein Glas Wasser ein. Als sie trank, zitterte sie derart, daß sie das Glas kaum halten konnte.

Fritz sah ernst vor sich hin. Die Unterredung verlief ganz anders, als er sich gedacht hatte. Wohl hatte er auf Widerstand gerechnet, aber nicht auf eine derartige Erbitterung. Was mochte wohl seine Mutter durchgemacht haben, daß sie nach so langer Zeit noch solchen Haß gegen alles Christentum hatte? Fritz konnte nur annehmen, daß dabei irgendein Mißverständnis im Spiele war, oder daß vielleicht unechte Frömmigkeit schuld an seiner Mutter Widerwillen gegen alles Christliche war. Er fühlte, daß es ihm als Sohn nicht zustand, weitere Fragen zu stellen; er mußte warten, bis sich die Sache früher oder später aufklärte. Aber er war fest entschlossen, seinen Gang zur Kirche nicht aufzugeben. Es war ein solcher Hunger nach dem Brot des Lebens in seinem Herzen, der trotz allen Widerstands Befriedigung heischte. Und wenn wirklich sein Entschluß einen Bruch mit seiner Mutter zur Folge hatte, dann galt es, den Heiland zu wählen nach der göttlichen Mahnung: »Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist meiner nicht wert.«

»Mutter«, sagte er mit bewegter Stimme, »du weißt, es gab eine Zeit, wo ich über das Christentum ebenso dachte wie du. Ehe Fräulein van Bel in unser Haus kam, hielt ich alle Christen für Heuchler. Aber je mehr ich das Mädchen kennenlernte und sie in ihrem Tun und Lassen beobachtete, änderte sich meine Ansicht, und ich merkte etwas von der Kraft wahren Glaubens. Ich fing an, aus Neugierde die Bibel zu lesen und kam, ohne daß ich es wollte, ja sogar gegen meinen Willen, unter den Einfluß dessen, was ich las. Ach, Mutter, wenn du wüßtest, was ich in der letzten Zeit durchgemacht habe! Durch das Lesen der Bibel habe ich mich selbst kennengelernt als ein elendes Geschöpf, das schuldig ist vor Gott und eines schrecklichen Urteils gewärtig sein muß. Meine Angst war so furchtbar, daß ich krank davon wurde. Ich sah keinen Ausweg aus meiner Not. Wenn ich es gewagt hätte, hätte ich zum ersten Male in meinem Leben gebetet; aber ich wußte auch nicht, was und wie ich beten sollte. Ich fühlte nur zu gut, daß alles, was die Bibel mir zur Last legte, volle Wahrheit war. Meine Schuld schien mir viel zu groß, als daß ich auf Gnade hätte hoffen können. Die Verheißungen, die in der Bibel standen, waren meiner Meinung nach für andere, die weniger schuldig waren als ich, so daß ich sie mir nicht zuzueignen wagte. Eine Zeitlang war ich so verzweifelt, daß ich mir nicht zu helfen wußte. Da kam mir der Gedanke, an Fräulein van Bel zu schreiben. Meiner Meinung nach war sie am besten in der Lage, meinen Zustand zu verstehen und mir zu raten. Ich schrieb ihr und bekam nach zwei Tagen eine Antwort voll warmer Teilnahme und guter Ratschläge. Unter anderm riet mir Fräulein van Bel, eine Familie de Bruin zu besuchen, die mich sicher mit Freuden willkommen heißen und mir mit Rat und Tat beistehen würde. Ich besuchte die Familie und fand dort, was ich brauchte. Mit ihr habe ich verabredet, daß wir heute zusammen zur Kirche gehen. Nun weißt du alles, Mutter.«

Mit sehr gemischten Gefühlen hatte Frau Nielsen das lange Bekenntnis ihres Sohnes angehört. Ein paarmal hatte sie gute Lust gehabt, ihn zu unterbrechen; aber sie bezwang sich mit der Energie, die sie in allen Lagen kennzeichnete.

»So, so! Also hat sich der junge Herr bekehren lassen!« rief sie giftig aus. »Wenn es auf die eine Weise nicht mehr geht, versucht man es auf die andere.«

Fritz sah seine Mutter fragend an, er verstand sie nicht.

»Es scheint, der Gottesdienst ist doch noch zu etwas gut«, fuhr Frau Nielsen spottend fort. »Ich muß gestehen, du spielst deine Rolle vortrefflich. Ich hätte nie gedacht, daß solch ein schauspielerisches Talent in dir steckt.«

»Was meinst du damit, Mutter?«

»Was ich damit meine? Das fragst du noch? Wahrhaftig, du spielst meisterhaft.« Mit ätzendem Spott stieß Frau Nielsen diese Worte hervor. »Uebrigens ist es wieder so eine fromme Heuchelei, daß du wildfremde Leute um Rat fragst und dabei deine Mutter beiseite läßt«, fuhr sie fort. »Wenn ich an den Ernst deiner Frömmigkeit glaubte, würde ich dich an das Wort der Bibel erinnern: Ehre Vater und Mutter.«

Fritz stand auf und stellte sich vor seine Mutter. Auf seinem Gesicht lag ein so tiefer Ernst, daß Frau Nielsen die spöttischen Worte, die sie noch hatte sagen wollen, nicht mehr über die Lippen bringen konnte. »Mutter«, sagte er, »ich verstehe nicht, was du mit der Schauspielerei meinst. Daß ich andere um Rat fragte und nicht dich, ist wahr; aber ich wußte, daß du mich in meinen Schwierigkeiten nicht verstehen und mir darum auch nicht raten konntest. Beweisen deine Worte nicht, daß du zum ersten Male nicht nachfühlen kannst, was mich bewegt? Hättest du uns in der Furcht Gottes aufgezogen, hätte ich mir bei dir Rat geholt. Dann wäre es wohl auch nicht so weit mit mir gekommen. Du hast Antonie und mich stets ängstlich von aller Religion ferngehalten, und das war ein Fehler, der sich jetzt rächt. Wir sind ohne inneren Halt in die Welt gegangen und sind von ihr überwunden worden. Allerhand Scheinschönheit hat uns betört, hemmungslos haben wir uns dem Genuß, um nicht zu sagen der Ausschweifung hingegeben und sind schließlich Modepuppen ohne Herz geworden. Du weißt so gut wie ich, was unserm Familienleben fehlt. Alle unsere Eigenliebe und Lieblosigkeit ist eine Folge von dem Mangel an christlicher Erziehung. Wie ganz anders würde unser Zusammenleben sein, wenn wir alle drei Gott dienten und uns untereinander liebten und achteten.« Dabei standen dicke Tränen in den Augen des jungen Mannes, und seine Stimme bebte.

»Du bist ja sehr deutlich gewesen«, entgegnete Frau Nielsen. »Du hast mir in unzweideutigen Worten vorgehalten, wie verkehrt ich euch erzogen habe, und ich muß damit auch die Schuld an allem tragen, was dich jetzt drückt und beschwert. Vielleicht bin ich auch schuld an deiner Trunksucht und deinen Spielschulden. Nun will auch ich mich deutlich ausdrücken. Mit deinem Komödienspiel meine ich nichts anderes, als daß du in Fräulein van Bel verliebt bist. Sie ist der einzige Grund deiner sogenannten Bekehrung, und um sie zu gewinnen, ziehst du jetzt den Kirchenrock an. Ich will in meiner Nähe weder geheuchelte noch echte Religion dulden, vorausgesetzt, daß es letztere überhaupt gibt, was ich vorläufig noch bezweifle. Versteh' mich recht. Wenn du zur Kirche gehst, so stellst du dich gegen mich, und ich rate dir, dann so wenig wie möglich in meine Nähe zu kommen. Ich weiß dann, daß die Frommen, die mir so viel Jammer verursachten, mir nun auch meinen Sohn gestohlen haben. Ich habe nichts weiter zu sagen und bitte dich, mich jetzt allein zu lassen.«

»Laß mich nur noch eines sagen«, bat Friedrich. »Es ist mir nicht eingefallen, dir etwas vorzuwerfen ...«

»Genug, genug!« fiel die arme Frau ihm in die Rede, und ihre Hand, die Friedrich ergriffen hatte, aus der seinen lösend, schob sie ihn zur Tür hinaus, die dröhnend ins Schloß fiel.

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