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Der Irrweg der Myntje Kollart

Caroline von Feilitzsch: Der Irrweg der Myntje Kollart - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCaroline von Feilitzsch
titleDer Irrweg der Myntje Kollart
publisherAnker-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid195c09ac
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Die Großeltern

In Gedanken vertieft, wanderte Pfarrer Kramer, der jugendliche Prediger von Ondoliet, den Fußweg entlang, der zwischen Wiesen und Aeckern zu dem einfachen Häuschen des Meisters Booyen führte.

Es war ein herrlicher Abend, der nach der drückenden Sonnenhitze Menschen und Vieh Erquickung brachte. Die ganze Umgebung atmete gleichsam Frieden. Hier und dort graste ein Trüppchen Kühe, die sich freuten, daß endlich die kommende Nacht den lästigen Fliegen, die heute besonders quälend gewesen waren, wenigstens für einige Stunden Ruhe gebot. In den Wassergräben quakten die Frösche so lustig drauf los, als ob sie sich einbildeten, Musikanten im Dienste der tanzenden Mückenschwärme zu sein.

Der Pfarrer kümmerte sich aber weder um die grasenden Kühe, noch um die quakenden Frösche oder die tanzenden Mücken; ganz andere Dinge waren es, die ihn beschäftigten. Diesmal ging er nicht, wie sonst etwa, zu einem freundschaftlichen Besuch zu dem alten Herrn Booyen, sondern es trieb ihn als Hirten der Gemeinde Ondoliet die Pflicht zu ihm.

Ich will in Kürze erzählen, worüber Pfarrer Kramer mit dem alten Booyen und seiner Frau sprechen wollte.

Vor Jahren bewohnten die Eheleute Booyen den größten und schönsten Bauernhof von Ondoliet, und der Segen Gottes ruhte sichtbar auf ihnen. Reiche Ernten und prächtiges Vieh füllten Jahr für Jahr Booyens Scheunen und Ställe, und es war allgemein bekannt, daß der Bauer vom »Middenhof« zu den reichsten des Ortes gehörte. Das Ehepaar hatte nur ein Kind, eine Tochter, die die ganze Liebe der Eltern besaß und auch ihrerseits alles tat, um ihnen das Leben so angenehm wie möglich zu machen.

Das wichtigste aber war, daß Eltern und Tochter echte Gotteskinder waren, welche die heilige Kunst verstanden, die empfangenen Segnungen auf die rechte Weise zur Ehre Gottes und zum Wohl ihrer Mitmenschen zu gebrauchen. Erfuhr der Pfarrer, daß irgendwo im Dorf Armut herrschte oder jemand ohne Schuld in Not geraten war, dann brauchte er nur nach dem Middenhof zu gehen, und er konnte sicher sein, dort nie eine Fehlbitte zu tun. In der Stille wohltun und in immer echt christlicher Weise zu helfen, die auch das empfindsamste Herz nicht verletzt, war die größte Freude, die die Familie Booyen kannte. Die Folge davon war, daß das ganze Dorf die Familie sozusagen auf Händen trug.

Als Leentje Booyen zweiundzwanzig Jahre alt war, heiratete sie einen armen, aber braven jungen Mann, der vollkommen in den kleinen Kreis paßte. Es wurde beschlossen, daß die jungen Eheleute im Middenhof wohnen sollten, bis Kollart, Leentjes Mann, die Landwirtschaft genügend gelernt hatte, um das Anwesen selbst bewirtschaften zu können. Dann wollte der alte Bauer den Hof an den Schwiegersohn abgeben und mit seiner Frau ins Dorf ziehen.

Aber auch hier hieß es: »Der Mensch denkt, und Gott lenkt.« In der Umgegend brach eine Typhusepidemie aus, der Leentje erlag, nachdem sie vier Wochen vorher einem Töchterchen das Leben geschenkt hatte, und nach weiteren vier Wochen folgte Kollart seiner Frau in den Tod. Es ist unmöglich, den Schmerz der alten Leute über den so jähen Tod ihrer Kinder zu beschreiben. Tiefe Trauerschatten lagen auf dem einst so sonnigen Heim. Wohl empfingen beide die Gnade, bei dem himmlischen Arzt Balsam zur Linderung der geschlagenen Wunden zu suchen, aber die Wunde blieb doch, das Zerreißen der Bande des Bluts blieb schwer und schmerzlich, auch wenn es der Herr selbst war, der die Wunde geschlagen und den Riß verursacht hatte.

War es nicht natürlich, daß die alten Leutchen ihre ganze Liebe auf das arme Waislein, ihr Enkelkind, übertrugen? Ach, wie innig konnten beide dem Herrn danken, daß er ihnen das Kindchen gelassen hatte, um einigermaßen die Lücken auszufüllen.

Die ersten Jahre verliefen stille. Aber als Myntje zwölf Jahre alt war, kamen neue Prüfungen. Erst fuhr der Blitz in die eben angefüllte Scheune und brannte sie nieder. Es war ein um so schwererer Schlag, da Booyen um des Gewissens willen sein Anwesen nicht versichert hatte, weil er es als einen Mangel an Gottvertrauen ansah. So mußte er den ganzen Schaden allein tragen.

Im folgenden Jahre verwüstete der Hagel die in voller Pracht stehenden Felder, und einige der schönsten Kühe erlagen dem gefürchteten Milzbrand. Um all diesen Unglücksfällen die Krone aufzusetzen, machte um dieselbe Zeit ein Verwandter des alten Booyen Bankerott, der eine ansehnliche Summe von ihm geliehen hatte, womit er einen Getreidehandel begann. Die Schulden überstiegen so sehr die Werte, daß nur ein ganz unbedeutender Prozentsatz der Forderungen an die Gläubiger ausbezahlt werden konnte.

Booyen war dadurch ruiniert und beschloß nach reiflicher Ueberlegung, seinen schönen Hof zu verlassen und ein Häuschen im Dorf zu mieten. Um das kleine Kapital, das ihm zurückgeblieben war, möglichst lang zu erhalten, wollte er versuchen, als Bauernknecht Arbeit zu finden.

Aber dazu sollte es nicht kommen. Zwei frühere Nachbarn von Booyen, die in Amerika blühende Anwesen hatten, hörten von den schweren Schlägen, die den braven Mann betroffen hatten. Sie hatten nicht vergessen, daß Booyen ihnen, als sie nach der neuen Welt auswanderten, das Geld zur Ueberfahrt gegeben hatte. Wohl hatten sie das Darlehen längst zurückgezahlt, aber als sie vernahmen, daß der Grundleger ihres Glücks auf seine alten Tage noch arbeiten sollte, um vor Not bewahrt zu werden, schätzten sie sich glücklich, helfen zu können. Sie sandten ihm gerade so viel, daß er mit den Zinsen seines kleinen Kapitals bei entsprechender Sparsamkeit leben konnte. Anfangs hatte Booyen für die angebotene Hilfe gedankt, aber schließlich gelang es, ihn davon zu überzeugen, daß Gott dabei am Werk war und er sich nicht weigern dürfe, von den Früchten des Weinstocks zu genießen, dessen Pflanzung ihm zu danken war. So kam es, daß die Alten mit ihrem Enkelkind seit einigen Jahren in einem Häuschen außerhalb des Dorfes wohnten.

Myntje war zu einem hübschen Mädchen herangewachsen und der Augapfel ihrer Großeltern. Im Dorfe aber hatte man sie nicht besonders gern. Man fand sie naseweis und verwöhnt. Während der alte Booyen und seine Frau so einfach wie möglich gekleidet gingen, war Myntje zum großen Verdruß der Bäuerinnen viel schöner angezogen als die meisten Mädchen ihres Alters. Des Sonntags in der Kirche war die Aufmerksamkeit der weiblichen Jugend, besonders zu Anfang des Gottesdienstes, viel mehr auf Myntje gerichtet als auf den Gesang und das Gebet des Pfarrers, und die Blicke, mit denen die mißgünstigen Evastöchter »den Pfau der Booyen« musterten, waren nichts weniger als wohlwollend.

Die älteren Dörfler flüsterten einander wohl zu, daß die alten Booyen ihrer Enkelin zu viel nachgäben. »Sie bekommt alles, was sie haben will, und die Alten leiden Mangel«, hieß es. Die Frau des Bauern Kryger, der neben Booyens wohnte, erzählte voll Entrüstung, daß Myntje zu stolz sei, um den Boden zu putzen und die Ziege zu melken. Es sei eine Schande, daß die alte Großmutter das alles tun müsse.

Ehrliche Freunde des alten Ehepaares verfuhren anders. Sie sprachen nicht zu Dritten über Myntjes Charakterfehler und über die Mängel in ihrer Erziehung, sondern sie machten die alten Leute selbst darauf aufmerksam. Aber leider erreichten sie ebensowenig. Es schien, als ob die nachgiebigen Großeltern ganz blind wären für die gefährlichen Neigungen ihrer Enkelin, und darum auch nicht einsahen, daß ihr unverständiges Nachgeben nur schaden konnte.

Seit einigen Tagen ging nun das Gerücht, daß Myntje Kollart sich in den Kopf gesetzt habe, in Amsterdam einen Kursus im Modefach durchzumachen, und auch Pfarrer Kramer war es zu Ohren gekommen. Während seiner nun zweijährigen Tätigkeit als Seelsorger in Ondoliet hatte er schon verschiedene Male mit Booyen über Myntje und ihren sträflichen Hochmut gesprochen, aber jetzt hielt er es für seine Pflicht, die Großeltern und Myntje ernstlich vor diesen gefährlichen Plänen des jungen Mädchens zu warnen.

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