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Der Irrweg der Myntje Kollart

Caroline von Feilitzsch: Der Irrweg der Myntje Kollart - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCaroline von Feilitzsch
titleDer Irrweg der Myntje Kollart
publisherAnker-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid195c09ac
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Der Mann mit den Fäusten

Die Strahlen der Lampe verbreiteten ein freundliches, mildes Licht in dem Raume, der Herrn Landhuis als Büro diente. Den Kopf in die Hand gestützt, saß der Mann, den wir als Leiter der Mitternachtsmission kennen, an seinem Schreibtisch und starrte auf ein in großer Eile mit Bleistift geschriebenes Briefchen, das er soeben erhalten hatte. Der kurze Bericht lautete:

»Mit dem Mittagsschnellzug abgereist.
W.«

»Gut«, murmelte Herr Landhuis zufrieden lächelnd vor sich hin, »meine anfängliche Vermutung bestätigt sich.«

In dem Augenblick klingelte es, und gleich darauf brachte das Dienstmädchen ein Telegramm. Herr Landhuis öffnete es und las:

»Eine Einrichtung, wie Sie vermuten, ist hier nicht bekannt. Die Adresse in der rue blanche gibt es nicht.

Dumoulin, Polizei-Kommissar.«

»Ganz wie ich erwartet habe«, sagte Herr Landhuis. »Herr van der Griend, ich habe Sie durchschaut. Die ganze Reise nach Calais ist ein Schwindel, eine Lüge, um uns auf falsche Spur zu bringen. Und du, du arme Myntje Kollart, bist so weit gekommen, daß du dich von einem Kerl wie van der Griend zum Lügen und Irreleiten verführen läßt. Du wagst es, in Gesellschaft eines solchen Menschen nach Frankreich zu reisen. Ach, wie schnell geht es von Stufe zu Stufe auf dem Wege des Verberbens!«

Der Leiter legte beide soeben empfangenen Mitteilungen beiseite, machte einige Einträge in sein Notizbuch und schlug dann sein Tagesjournal auf, um den ganzen Verlauf der Angelegenheit noch einmal durchzugehen. Welche lange Liste von Namen führte dieses Journal auf seinen Blättern! Wieviel Jammer und Weh war mit diesen Namen verbunden! Verworfene Ratschläge, listige Irreführungen, verwüstete Jugend, ein zerbrochenes Leben und ein frühzeitiger Tod. Hier in diesem Buch waren die Hauptakten so mancher Tragödien kurz und sachlich geschildert.

Ihr jungen Mädchen, die ihr meinet, das Leben, das doch nur einmal durchlebt werden kann, sei ein Freudenfest, auf dem man straflos nach Herzenslust genießen kann, werft einen Blick in diese Akten und bekennt zitternd, daß euer Freudenfest ein Tanz am Rande des Abgrundes ist!

Und ihr Jünglinge, die ihr die Tage eurer Jugend den Genüssen der Welt weiht, deren Pfade abschüssig und schlüpferig sind, denen unbemerkbar Gift in den schäumenden Becher geträufelt worden ist, – lernt aus diesen Zeilen die Wahrheit des Spruches aus dem Munde des weisen Königs erkennen: »Wer die Zucht verwirft, verachtet seine Seele.«

So oft Herr Landhuis dieses Buch durchblättert, umwölkt sich seine Stirn, und es überkommt ihn ein Gefühl der Mutlosigkeit, daß er im Gebet dagegen ankämpfen muß.

Immer wieder mahnt die Mitternachtsmission in einer großen Anzahl Blätter, daß die Eltern ihre Kinder doch nicht ohne zwingenden Grund in die großen Städte schicken möchten; immer wieder macht sie auf die großen Gefahren aufmerksam, die das Leben der Großstadt für Jünglinge und Jungfrauen birgt, die der Aufsicht der Eltern entbehren. Immer wieder bittet sie, doch wenigstens Erkundigungen einzuziehen über die Umgebung, in die die jungen Leute kommen sollen, – und doch ziehen alljährlich Scharen von unerfahrenen Jünglingen und Jungfrauen nach den Volkszentren, die darum auch Brennpunkte der Verführung und Sünde sind. In der Mehrzahl sind es die christlichen Eltern, die nicht gewarnt werden wollen. Und die Folgen? Manchmal geht es ja gut, und es kommt glücklicherweise oft vor, daß die Unvorsichtigen vor den Folgen ihrer Vermessenheit bewahrt bleiben. Andrerseits aber entstehen dunkle Geschichten, die die Tagebücher der Mitternachtsmission füllen. Jedesmal, wenn Herr Landhuis eine solche Geschichte in sein Tagebuch schreibt, fragt er sich seufzend: »Was nützt unser Warnen?« Es wäre in der Tat zum Mutloswerden, wenn man nicht den Born kennte, dessen Wasser die Stärke derjenigen vermehren, die keine Kraft haben.

Diesmal hatte Herr Landhuis keine Zeit, traurigen Gedanken nachzuhängen. Der Kampf, der zwischen ihm und van der Griend um ein Mädchenleben geführt wird, nähert sich seinem Abschluß. Ein Mißgriff kann alles unwiderruflich verderben. Die Angelegenheit erfordert die volle Kraft des Mannes.

Punkt für Punkt geht Herr Landhuis die Handlungen der Gegenpartei noch einmal durch, und sorgfältig prüft er die vermutlichen Pläne van der Griends. Während einer vollen Stunde wird in dem Büro nichts anderes gehört, als das Knistern des Feuers im Ofen.

Endlich springt der Leiter der Mitternachtsmission auf und reibt sich die Hände wie jemand, der die Lösung eines Rätsels gefunden hat. Ein paarmal geht er im Zimmer auf und ab, hin und wieder einen Blick auf den Wandspruch über seinem Schreibtisch werfend, auf dem die Worte des 121. Psalms stehen: »Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.« Dann setzt er sich und schreibt auf verschiedene Blätter einige Zeilen. Hierauf klingelt er.

»Mina«, sagte Herr Landhuis zu dem eintretenden Mädchen, »bring' schnell diese Depeschen aufs Telegraphenamt. Hier hast du Geld. Und dann bitte Herrn Willems, daß er heute abend noch vor neun Uhr zu mir kommen möchte.«

Als das Mädchen sich entfernt hatte, ordnete Herr Landhuis noch dieses und jenes auf seinem Schreibtisch und wollte eben die Lampe löschen, um zum Tee in sein Wohnzimmer zu gehen, als er schellen hörte.

Die Tür ging auf, und ein ungewöhnlich großer Mann mittleren Alters trat ein. Seine mächtige Gestalt füllte beinahe die ganze Türöffnung, während der Fremde sich einen Augenblick im Zimmer umsah. Er ist gut gekleidet, wenn auch sein Anzug Spuren langen Gebrauchs zeigt. Ein brauner Vollbart umrahmt sein Gesicht, und als er den breitgeränderten Schlapphut abnimmt, kommt ein dichter, aber verwahrloster Haarbusch zum Vorschein. Des Mannes Gesicht ist nicht gerade vertrauenerweckend. Es liegt etwas Schlaues, Heimtückisches darin, das einen unwillkürlich an einen Panther erinnert.

»Treten Sie näher«, sagte Herr Landhuis, »und setzen Sie sich, mein Herr. Wer sind Sie?«

Der Fremde schloß behutsam die Tür, nahm auf dem angebotenen Stuhle Platz und sagte: »Wer ich bin, tut nichts zur Sache; ich habe nicht vor, Ihnen meinen Namen zu nennen. Ich halte es mit dem Grundsatz: ›Hören, sehen und schweigen.‹« Er faltete die Hände über seinem faustdicken Stock und lehnte sich in seinen Stuhl zurück, als ob er sich aufs Anhören einer langen Rede gefaßt mache. Dabei hielt er den boshaft funkelnden Blick auf Herrn Landhuis gerichtet.

Dieser war vollständig ruhig. Auf ein Büro der Mitternachtsmission kommen zuweilen Menschen, die man nirgendwo anders trifft. Aber allerdings, solch einen wunderlichen Kauz hatte Herr Landhuis noch nicht bei sich gesehen, und er war neugierig, zu erfahren, wie dieser eigenartige Besuch verlaufen werde. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und sagte: »So, das ist also Ihr Motto; aber ich vermute, daß Sie hierhin gekommen sind, um mir nicht bloß das zu sagen.«

Der Fremde verwandte noch immer keinen Blick von Herrn Landhuis. Plötzlich richtete er sich auf und schrie, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug: »Natürlich habe ich etwas anderes zu sagen. Verstehen Sie mich?«

»Ja, ich verstehe Sie«, antwortete der Leiter, »aber darum brauchen Sie kein Stück aus meinem Schreibtisch zu schlagen. Sagen Sie ruhig und ohne Umschweife, was Sie auf dem Herzen haben, und dann will ich sehen, ob ich Ihnen dienen kann.«

»Mir dienen? Potztausend, ich will Ihnen dienen, Mensch!« rief dieser und schlug abermals auf den Tisch.

Unwillkürlich fragte sich Herr Landhuis, ob der Mann irrsinnig oder betrunken sei. Zur Sicherheit zog er seine Schreibtischschlüssel aus der Tasche und schloß ein kleines Fach auf, das dicht im Bereich seiner Hand war.

»Sie haben Frau Nielsen hier gehabt!« schrie der Fremde aufs neue. »Sie haben sie hierhin gerufen, und sie kam. Ich weiß wohl, warum sie kam. Sie wissen etwas von ihrem Sohne. Sie wissen, daß er zusammen mit meinem Freunde van der Griend ein Mädchen belästigt hat in der Sarphatistraße. Sie sind von zwei Ihrer Leute beobachtet und verhindert worden. Der Dritte, der es gesehen hat, war ich; aber ich kümmere mich nicht um die Sache. Sie hingegen ließen Frau Nielsen kommen, damit Ihnen die Myntje Kollart nicht entschlüpft, und ließen die alte Frau merken, daß Sie ihren Sohn dem Gericht ausliefern würden, wenn sie der Aufforderung nicht Folge leistete. Lüge ich?« Ein noch stärkerer Schlag auf den Tisch bekräftigte die Rede; Wasserglas und Aschenbecher klirrten.

»Mein Motto ist: ›Hören, sehen und schweigen‹«, antwortete Herr Landhuis. »Bitte, zerbrechen Sie nicht meinen Aschenbecher.«

»Gehen Sie zum Kuckuck mit Ihrem Motto!« brüllte der Kerl. »Hüten Sie sich zu sagen, daß ich lüge. Sie meinen, rechnen und planen zu können; aber andere können es auch, Herr Landhuis. Und noch besser als Sie, denn ich will Ihnen sagen, daß Sie mit all Ihrer Findigkeit doch das Spiel verloren haben. Sie meinen, van der Griend packen zu können; aber ich sage Ihnen: Sie irren sich. Hören Sie?«

Herr Landhuis antwortete nicht sofort, hielt aber den Blick forschend auf den unmanierlichen Fremden gerichtet. Welche Rolle mochte er in dem Falle Myntje Kollart spielen? Je länger er sich den Kerl ansah, desto fester wurde seine Ansicht, daß er einen Handlanger van der Griends vor sich habe, und er beschloß, dem sonderbaren Besuch so schnell als möglich ein Ende zu bereiten.

»Freund«, sagte er. »Ich habe gerade noch fünf Minuten für Sie, darum sagen Sie kurz und bündig, was Sie von mir wollen.«

Ein neuer Faustschlag erschütterte den Tisch. »Was ich will?« schrie der Wüstling. »Ich will, daß Sie sofort tun, was ich sage. Van der Griend ist nach London, und dort, nicht in Paris, müssen Sie ihn fangen. Warum ich ihn verrate, geht Sie nichts an; aber ich habe Ursache, mich an ihm zu rächen und benutze die sich mir bietende Gelegenheit. Geben Sie mir jetzt zwei Telegramme in Ihrer Geheimschrift mit, eines für die Pariser Polizei, die Sie natürlich benachrichtigt haben, worin Sie ihr melden, daß van der Griend nicht nach Paris kommt und sie sich nicht zu bemühen braucht, und eines für London, worin Sie um seine Verhaftung bitten. Vorwärts, schreiben Sie jetzt die Telegramme.«

Landhuis fing an, sich jetzt wirklich über den ungehobelten Patron zu ärgern. Er stand auf und trat an die Tür. »Wenn Sie gelernt haben, sich anständig zu benehmen, können Sie wiederkommen«, sagte er und wies nach der Tür. »Solange Sie so nach Schnaps riechen und die einfachsten Umgangsformen mit Füßen treten, habe ich nichts mit Ihnen zu tun. Uebrigens kann ich Ihnen beweisen, daß Sie selbst von van der Griend betrogen worden sind, oder daß er Sie gesandt hat, um mich irrezuführen. Das letztere scheint mir der Fall zu sein; aber ich versichere Ihnen, daß ich nach meinem Ermessen und nicht nach Ihrer Anweisung handle. Nicht wahr, Sie haben mich verstanden? Und nun bitte ich Sie, zu gehen.«

Der Fremde war kreideweiß geworden. Er sprang auf, und drohend seinen Knüppel umspannend, schritt er auf Herrn Landhuis zu.

Aber er hatte diesmal seinen Herrn gefunden. »Auf solche Dinge sind wir vorbereitet«, sagte Landhuis, ruhig lächelnd. »Kennen Sie dieses Instrument?« Und damit zog er eine kleine Pistole aus der Tasche und richtete sie gegen den Kopf seines Widersachers.

Die Auswirkung war geradezu ergötzlich. Der Löwe veränderte sich plötzlich in einen Hasen, und langsam ausweichend, die angsterfüllten Augen unverwandt auf den Lauf der Pistole gerichtet, stammelte er: »Nicht schießen! Nicht schießen! Ich gehe schon!«

Herr Landhuis ließ die Waffe nicht sinken. »Hören Sie«, sagte er, »wenn ich an dieser Klingelschnur ziehe, kommt mein Dienstmädchen. Ich kann sie zur Polizei senden und Sie hier festhalten bis zur Ankunft des Polizisten. Ich werde es tun, wenn Sie nicht wahrheitsgetreu meine Fragen beantworten. Ertappe ich Sie auf der geringsten Unwahrheit, so werden Sie verhaftet. Erstens: Wohin geht van der Griend?«

»Nach Paris.«

»Es ist Ihr Glück, daß Sie die Wahrheit sagen. Zweitens: Wer kauft das Mädchen?«

»Andrée.«

»Drittens: Wer sind Sie? Wie heißen Sie, und wo wohnen Sie?«

»Ich heiße Vermaes mit dem Spitznamen ›Peter mit den Fäusten‹. Eine feste Wohnung habe ich nicht, denn ich reise mit einer Truppe Ringkämpfer auf die Jahrmärkte.«

»Und nun hat Sie van der Griend gekauft, um mich irrezuleiten und mich durch Gewalt zu zwingen, die Pariser Polizei von seiner Spur abzuleiten, nicht wahr?«

Einen Augenblick zauderte Peter. »Sie werden mich verklagen«, brummte er.

»Wenn ich das wollte, würde ich es Ihnen rundweg sagen«, antwortete Landhuis. »Ich wiederhole, Sie können hingehen, wohin Sie wollen, wenn Sie mir mitteilen, was ich wissen will. Noch einmal: Hat van der Griend Sie gekauft?«

»Ja, er hat mir zehn Gulden gegeben und mir hundert versprochen, wenn ich Sie ermorde. Aber das hätte ich um keinen Preis getan.«

»Ein rascher Schlag mit diesem Knüppel hätte leicht den Tod herbeiführen können«, bemerkte Herr Landhuis. »Nun, Vermaes, können Sie gehen; aber vergessen Sie nicht, es kommt eine Stunde, wo Sie vor dem Richter des Himmels und der Erde erscheinen und Rechenschaft geben müssen über alles, was Sie in Ihrem Leben getan haben, nicht nur über die Dinge, die vor dem weltlichen Richter strafbar sind, sondern auch über die sogenannten kleinen Sünden, die Sie vielleicht gar nicht als solche bezeichnen. Nehmen Sie das Büchlein mit, das gerade vor Ihnen liegt, und lesen Sie es um Ihrer selbst willen andächtig. Vielleicht wird es Ihnen noch zum bleibenden Segen, und wir begegnen einander noch einmal unter ganz andern Umständen. Sollten Sie je Rat oder Hilfe brauchen, dann besuchen Sie mich, Vermaes; ich will Ihnen helfen, so gut ich kann. Guten Abend.«

Die große, plumpe Hand des Banditen griff nach dem Büchlein, und mit einem scheuen: »Ich danke höflich. Guten Abend, Herr Landhuis«, ging er zur Tür hinaus. Einen Augenblick später sah ihn Landhuis die Straße überqueren.

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