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Der Irrweg der Myntje Kollart

Caroline von Feilitzsch: Der Irrweg der Myntje Kollart - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCaroline von Feilitzsch
titleDer Irrweg der Myntje Kollart
publisherAnker-Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140210
projectid195c09ac
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Der Sauerteig der Sünde dringt durch

Es war vier Monate später.

Myntje Kollart war eine gelehrige Schülerin in der Schule weltlicher Vergnügungen geworden. Nach Fräulein van Bels Abreise hatte sie sich anfangs wohl etwas verlassen gefühlt, aber bald empfand sie es sehr angenehm, sich frei zu wissen, ohne das beängstigende Bewußtsein, von jemand beobachtet zu werden. Sie war froh, nun nicht mehr heucheln zu müssen. Seitdem sie allein den Einflüsterungen ihres Herzens folgte, bewegte sie sich geflügelten Schrittes auf dem breiten Weg des Verderbens, beständig die Stimme des Gewissens unterdrückend und sich mit allerlei Ausflüchten beruhigend.

Sie merkte selbst, daß eine Wandlung mit ihr vorgegangen war. In den ersten Wochen regte sich das Gewissen in ihr, so oft sie ohne Gebet ihre Mahlzeiten einnahm, aber nun achtete sie längst nicht mehr darauf.

Das Kostüm für fünfzig Gulden trug sie jetzt alle Tage, wenn sie ausging, und da sie doch nicht am Sonntag das gleiche wie am Werktag anziehen konnte, hatte sie sich, auf Antoniens Rat, noch ein Sonntagskleid angeschafft. Bezahlt war allerdings das zweite Kleid so wenig wie das erste. Auch der neue Hut, mit dem sie des Sonntags prunkte, war noch nicht bezahlt. Und schon liebäugelte sie mit dem Ankauf eines Abendkleidchens, eines neuen Mantels und eines Schals, wie alle Damen solchen im Theater trugen.

Aber bei all ihrem Leichtsinn quälte Myntje eine gewisse Unruhe, die sie zuweilen mitten im schönsten Vergnügen überfiel. Die Unruhe kam hauptsächlich von den Schulden, die sie gemacht hatte. Noch hielten sich ja die Lieferanten still, aber einmal mußten sie doch mit ihren Forderungen kommen. Was dann? Myntje vermochte sich keine Antwort aus diese Frage zu geben. Sie tröstete sich mit der Hoffnung, daß sich, wenn die Not an den Mann kam, schon ein Ausweg finden werde.

Dreimal hatte sich der Pfarrer noch im Hause Nielsen gemeldet und eine Unterredung mit Fräulein Kollart gewünscht, aber immer bekam er von dem Dienstmädchen den Bescheid, das Fräulein sei nicht zu Hause. Auf die Frage, wann die junge Dame anwesend sei, hatte man ihm zweimal eine bestimmte Zeit angegeben, und obwohl er pünktlich auf die Minute kam, erhielt er abermals den Bescheid, daß das Fräulein ausgegangen sei. Der Pfarrer merkte wohl, daß das Mädchen log und man seinen Besuch bei Fräulein Kollart absichtlich hintertrieb. Darum suchte er auf andere Weise mit Myntje in Verbindung zu treten. Er schrieb ihr einen freundlichen, aber sehr ernsten Brief, worin er sie an ihr Versprechen, in die Kirche und zur Religionsstunde zu kommen, erinnerte. »Ich habe Sie noch nicht gesehen, und das läßt mich fürchten, daß Sie durch den Einfluß Ihrer Umgebung vom rechten Weg abkommen. Um Ihres zeitlichen und ewigen Wohles willen möchte ich Sie noch einmal sprechen. Bedenken Sie wohl, die Schritte auf dem breiten Pfad der Weltlust werden so leicht getan, aber das Zurückkommen ist gar hart und beschwerlich. Der Teufel ist immer darauf aus, den Weg der Sünde als etwas Unschuldiges vorzustellen. Und wenn wir ihm Gehör schenken, dann gleiten wir unbemerkt immer weiter ab, bis wir zu spät die unüberbrückbare Kluft entdecken, die sich zwischen uns und Gott aufgetan hat. Besuchen Sie mich doch einmal. Sie sollen sich wohlfühlen und etwas von dem Frieden wieder spüren, den Sie jetzt gewiß nicht haben.«

Es erfolgte keine Antwort. Noch einmal begab sich der Pfarrer in die Govert-Flink-Straße.

Betje wiederholte getreulich die ihr angelehrte Auskunft: »Das Fräulein ist nicht zu Hause.«

»So«, erwiderte der Pfarrer, der entschlossen war, sich diesmal nicht wieder ohne weiteres abweisen zu lassen. »Es ist merkwürdig, daß ich das Fräulein nie treffe. Ißt sie hier zu Mittag?«

»Ja, Herr Pfarrer.«

»Um wieviel Uhr?«

»Um sechs Uhr.«

»Gut. Jetzt ist es halb fünf. Ich werde hier auf und ab gehen und um sechs Uhr wieder anschellen. Sollte das Fräulein heimkommen, ohne daß ich es gewahr werde, so sagen Sie ihr, bitte, daß ich um sechs Uhr zurückkommen werde. Ich muß sie sprechen.«

Mit großer Geduld ging er die Straße auf und ab und behielt dabei immer Frau Nielsens Haustür im Auge. Endlich schlug die Turmuhr sechs. Natürlich hatte er niemand ins Haus kommen sehen, und es stand somit fest, daß er belogen worden war.

Als der Pfarrer schellte, erschien diesmal nicht das Dienstmädchen, sondern ein junger Mann mit einem anmaßenden Gesichtsausdruck.

»Ich bin Pfarrer van Baren und möchte Sie bitten, mir Gelegenheit zu einer kurzen Unterredung mit Fräulein Kollart zu geben.«

»Kann ich etwas ausrichten?« fragte Friedrich Nielsen kurz angebunden.

»Nein, ich muß das Fräulein selbst sprechen.«

»Dann kommen Sie, bitte, etwas später; wir essen jetzt.«

»Das ist das drittemal, daß ich vergebens komme. Jedesmal heißt es, das Fräulein sei ausgegangen. Noch vor anderthalb Stunden bekam ich diese Antwort. Ich habe mir die Mühe genommen, bis sechs Uhr vor dem Hause auf und ab zu gehen, weil ich wußte, daß Fräulein Kollart dann essen muß. Nun ich weiß, daß sie zu Hause ist, will ich gern warten, bis das Essen vorüber ist. Kann ich sie in etwa dreiviertel Stunden sprechen?«

»Nein«, entgegnete der junge Mann so brutal und mit einem so bösartigen Blick, daß der Pfarrer einen Augenblick sprachlos war. Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet. Dann fragte er ruhig:

»Haben Sie das Recht, mir den Zugang zu einem Mädchen zu verweigern, das zu meiner Gemeinde gehört?«

»Das Fräulein verzichtet auf Ihre Besuche und hat mich gebeten, es Ihnen zu sagen. Darf ich bitten?« fügte er hinzu mit einem Blick auf die Tür.

»Ich muß aber darauf bestehen, –« weiter kam Pfarrer van Baren nicht, denn plötzlich fühlte er sich an der Brust gepackt und zur Tür hinausgedrängt. Ehe er es recht begriff, was geschehen war, stand er auf der Straße, während die Haustür dröhnend zuflog.

Nun machte er keine Versuche mehr, Myntje zu sprechen, und am nächsten Tage erzählte er Pfarrer Kramer in einem ausführlichen Briefe seine Erlebnisse und riet ihm zum Schluß, des Mädchens Großeltern zu veranlassen, Myntje unter allen Umständen heimzuholen, es möge kosten, was es wolle.

Die Damen der Bahnhofsmission wurden nicht viel besser behandelt. Sie wurden von Antonie auf so ungezogene Weise abgefertigt, daß ihnen die Lust verging, ihre Besuche zu wiederholen. Es war klar, daß die junge Seeländerin sie nicht empfangen wollte.

So standen die Dinge viereinhalb Monate, nachdem Myntje nach Amsterdam gekommen war. Aus allem ging hervor, mit welch verwerflichen Mitteln der böse Einfluß ihrer Umgebung auf Myntje einwirkte. Sie wollte sich ganz von den Menschen freimachen, durch deren Ermahnungen sie in ihrem Vergnügen gehindert wurde. Die Stimme des Gewissens war nun allerdings nicht mehr so quälend, aber bei dem mindesten Anlaß rührte sie sich wieder, nicht in Vorwürfen oder Klagen, aber in der Ankündigung eines unbestimmten, schrecklichen Unheils, das seine Schatten schon vorauswarf.

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