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Der Hüttenbesitzer - Erster Band

Georges Ohnet: Der Hüttenbesitzer - Erster Band - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/ohnet/huetten1/huetten1.xml
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDer Hüttenbesitzer ? Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 1.
year1884
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200800908
projectid475d60f0
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Achtes Kapitel

Kaum war Fräulein Moulinet verschwunden, als Claire sich mit einem Satze erhob und mit vor Wut funkelnden Augen auf die Baronin zustürzte.

»Du, du wußtest also, daß er sich verheiratet? Warum hast du es mir nicht gesagt?«

Und da die Baronin in ihrer Bestürzung sprachlos blieb, rang Fräulein von Beaulieu in einem Anfalle wahnsinniger Verzweiflung ihre schönen Hände und fuhr stürmisch fort:

»Verraten! Verlassen! Um ihretwillen, wegen eines solchen Mädchens! Und ihr ließet es aus ihrem Munde mich erfahren! Sie konnte ungehindert mir den Todesstoß versetzen. Aber ihr, ihr seid ja alle ihre Mitschuldigen! Ist denn kein einziges unter euch, das mich liebt! Und er? Er! Für Geld! O, der Elende!«

Entsetzt über den Anblick dieses fassungslosen, alle Schranken durchbrechenden Schmerzes, versuchte die Baronin vergebens, ihre Freundin zu beruhigen.

»Um Gotteswillen! Claire, du machst mir Furcht!« stammelte sie.

Doch Fräulein von Beaulieu war ihrer selbst nicht mehr mächtig. Die Heftigkeit ihres so lange bemeisterten Charakters kam rückhaltlos zum Ausbruch. Die Seelenstärke, die sie während dieser schrecklichen Unterredung bewiesen hatte, erschien ihr jetzt als feige Schwäche. Verwundert fragte sie sich, warum sie derjenigen, die so frech mit ihren Qualen gespielt, nicht all die Beschimpfungen und Beleidigungen ins Gesicht geschleudert, welche ihr nun so reichlich von den Lippen strömten. Sie bedauerte, ihre Feindin nicht geschlagen, nicht erwürgt zu haben. Sie schrie in ihrem Zorne laut auf, wie das erste beste Weib aus dem Volke, dem man ihren Geliebten geraubt. Es war eine echt weibliche, alle Fesseln der Konvenienz abstreifende Raserei und tobend, mit den Füßen stampfend, war sie taub für die Stimme der Vernunft.

Das Blut der alten Barone, welche die Gerichtsbarkeit besaßen, schäumte in den Adern des Fräuleins von Beaulieu und sie erdachte die schrecklichsten, grausamsten Martern für ihre Rivalin. Aber bald überkam sie das Gefühl ihrer Ohnmacht von neuem und sie fing wieder zu begreifen an, daß ihre Hoffnungen für immer vernichtet und daß jede Rache ihr verboten sei. Die Spannung ihrer Nerven ließ plötzlich nach, und das Gesicht von Thränen überschwemmt, fiel sie mit herzerschütterndem Schluchzen der Baronin in die Arme.

»Ach, wie unglücklich bin ich! Wie unglücklich!«

Frau von Préfont, selbst untröstlich, drückte Claire liebkosend ans Herz, stützte deren Kopf auf ihre Schulter und mit der süßen Sprache, in welcher Mütter zu ihren Kindern reden, um die Angst der Kleinen zu stillen und ihre Schmerzen einzuschläfern, bemühte sich die Baronin, dem tiefgekränkten Gemüte ihrer Freundin wieder etwas Ruhe einzuflößen.

Claire weinte unaufhaltsam, aber diese Thränenergüsse schwemmten das Gift hinweg, das Athénaïs in die Wunde gegossen und linderten die brennende Pein.

Fräulein von Beaulieu beruhigte sich endlich wieder, und darüber errötend, daß sie sich bis zu einem solchen Grade der Verzweiflung erniedrigt hatte, beschloß sie, von nun an sich zu beherrschen und durch eine gewaltsame äußerste Anstrengung ihres Stolzes gelang ihr dies auch.

Als ihre Mutter, durch ein naives Geständnis Moulinets erschreckt, in den Salon zurückkehrte, fand sie ihre Tochter zwar nicht resigniert – die Resignation war ihr unmöglich – aber doch mutig und ihrer würdig. Sie preßte Claire in ihre Arme:

»Mein Kind, mein armes Kind!«

»Sie wissen, Mama,« fragte Claire, noch bleich und zitternd.

»Ihr Vater hat es mir soeben mitgeteilt. Und wenn ich denke,« rief die Marquise, die Arme mit Entrüstung zum Himmel erhebend, »daß gerade du, nur um keine Unhöflichkeit zu begehen, für ihren Empfang stimmen mußtest!«

»Ich bin dafür schön belohnt worden, nicht wahr?« erwiderte Claire mit Bitterkeit. »Es war sehr unklug von mir, ich hätte mich vor dieser ... Person besser in acht nehmen sollen, kannte ich doch ihre Gefühle gegen uns. Haben wir sie einst Demütigungen erdulden lassen, so hat sie sich heute gründlich dafür gerächt! Sie hat nie verziehen und nur den günstigen Zeitpunkt abgewartet, um über die glücklichste ihrer ehemaligen Mitschülerinnen herzufallen und sie mitten ins Herz zu treffen. Es ist ihr gelungen, mein Leben ist gebrochen, denn die Schmach, deren Opfer ich bin, wird stets auf mir lasten, und wenn ich nach der erfahrenen Demütigung je so thöricht sein könnte, noch ans Heiraten zu denken, wer würde mich noch wollen?«

»Wie? Wer dich wollen würde?« rief lebhaft die Marquise. »Mein Gott, alle diejenigen, die Augen zu sehen und Ohren zu hören haben. Mein Kind, wenn jemand in diesem Falle beschimpft ist, so kann es nur der Herzog sein und nicht du, und wenn du dich verheiraten willst, so wird dir, Dank dem Himmel, die Wahl wehe thun. Einem Mädchen wie Fräulein von Beaulieu mangelt es nie an Bewerbern. Es sind noch keine sechs Monate, daß ich Anträge von den achtbarsten Familien zurückweisen mußte, und jene Leute, die sich damals um dich bewarben, waren zu unglücklich, keine Erhörung gefunden zu haben, als daß sie heute anderer Meinung sein könnten.«

Claire machte eine Gebärde der Entmutigung.

»Nach dem Herzog von Bligny könnte ich nur einen Mann heiraten, der sehr hoch über ihm steht, oder einen, den ich zu lieben vorgeben könnte. Meine einzig mögliche Rechtfertigung in den Augen der Welt bestände in der Außergewöhnlichkeit meines Erwählten oder in einer wirklichen Neigungsheirat. Aber, Mama, Sie wissen, daß diese Frage unmöglich ist, und daß ein Mädchen wie ich nach einer derartigen Enttäuschung sich nur dem Kloster vermählt.«

»Du übertreibst, mein Kind,« entgegnete sanft die Marquise. »Das Kloster? Nun, und wir? Nein, du bist zu jung, um das Recht zu haben, zu verzweifeln. Du besitzest zu viel Geist und Schönheit, als daß die Zukunft dir nicht sicher noch Entschädigung bieten sollte. Und wenn du es schließlich wissen willst, gut: es befindet sich hier in deiner Nähe ein Mann, der deine Hand als das höchste Glück empfangen würde ...«

Fräulein von Beaulieu erhob ihre stolzen Augen.

»Herr Derblay?« fragte sie ruhig.

»Herr Derblay, ja,« erwiderte die Marquise. »Aber ich spreche nur deshalb von ihm, um dir die Grundlosigkeit deiner Besorgnis zu beweisen. Wer könnte sich dir nähern, ohne dich zu lieben? ... Willst du, daß wir nach Paris zurückkehren, oder möchtest du mit unsern Verwandten nach der Schweiz gehen? Sprich, mein Kind, ich bin zu allem, was dich beruhigen und trösten konnte, bereit. Was wünschest du?«

»Ach, weiß ich es?« rief Claire mutlos. Ich möchte augenblicklich verschwinden, den Menschen und mir selber entfliehen. Meine Seele ist von Haß und Verachtung erfüllt. O, daß ich sterben könnte!«

»Der Tod, mein liebes Kind, ist das einzige Uebel, wofür es kein Heilmittel gibt. Wenn alle Frauen, die von ihren Verlobten oder Gatten betrogen wurden, sterben würden, so wäre die Welt entvölkert! ... Es gibt fast gar keine treuen Männer, hörst du, und wenn sie uns nicht vor der Hochzeit täuschen, so thun sie es später! ...«

Als hätte die Marquise, indem sie von der Treulosigkeit der Männer sprach, den Ungetreuen selbst, der so viel Seufzer und Thränen verursachte, herbeigerufen, ertönte plötzlich der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes und durch das offen stehende Gitterthor sprengte der Herzog von Bligny auf einem mit Schaum bedeckten Rosse in den Schloßhof.

Im Nu sprang er zur Erde, und nachdem er die Zügel einem erschrockenen Diener zugeworfen, erstieg er, immer vier Stufen auf einmal nehmend, den Perron, und ohne nach jemandem zu fragen, wollte er unangemeldet in den Salon eintreten, als der Baron und Herr Bachelin herbeieilten und ihn im Vestibül aufhielten. Bleich, mit verstörten Zügen, ließ sich der Herzog nicht ohne Widerstreben den Weg versperren.

»Sind Herr und Fräulein Moulinet noch hier?« fragte er mit erregter Stimme.

Da der Baron bejahend antwortete, fuhr er fort:

»Meine Tante! Ich muß die Marquise augenblicklich sprechen; vielleicht ist es noch nicht zu spät.«

»Es ist zu spät,« entgegnete der Baron, »Herr und Fräulein Moulinet haben bereits gesprochen.«

Dem Herzog entfuhr ein tiefer Seufzer und, auf eine der geschnitzten Bänke niedersinkend, blickte er tiefbekümmert die beiden Männer an.

»Wie vermag ich das Unheil wieder gut zu machen, welches ich angestiftet?« fragte er.

»Dieses Unheil ist leider nicht mehr ungeschehen zu machen,« bemerkte Bachelin im Tone ehrerbietigen Vorwurfs, »und das Beste wäre, wenn Sie umkehren würden, ohne Fräulein von Beaulieu gesprochen zu haben.«

»Nimmermehr, auf diese Unterredung werde ich nicht verzichten,« rief lebhaft der Herzog, indem er sich erhob. »Ich kann den Vorwurf, der auf mir lastet, nicht auf mir ruhen lassen. Ich muß meine Handlungsweise rechtfertigen und vor allem meiner Tante die Versicherung geben, daß ich keinen Anteil habe an der Gemeinheit, die heute hier verübt wurde ... Ich bin zu allem bereit ... Aber ich muß sie sehen, sie sprechen und ... mit ihr weinen. Sehen Sie denn nicht meine Verzweiflung über das Vorgefallene?«

Der Herzog zeigte dem Baron und dem Notar ein so schmerzbewegtes Gesicht, daß beide trotz der Voreingenommenheit gegen den jungen Mann sich tief gerührt fühlten.

»Sei es,« sagte der Notar, »der Herr Baron wird die Güte haben, Ihnen, Herr Herzog, Gesellschaft zu leisten, während ich Frau von Beaulieu fragen will, ob sie geneigt ist, Ihre Bitte zu erfüllen.«

Herr Bachelin ließ die beiden Cousins allein zurück und begab sich nach dem Salon.

Teils ahnungslos und teils unempfindlich für die schreckliche Aufregung, die das Haus durchtobte, dessen Gäste sie waren, plauderten Herr und Fräulein Moulinet, Philipp, Susanne und Octave ruhig und friedlich auf der Terrasse. Die Sonne neigte sich bereits am Horizont und rötete mit einem Purpurstreifen den Himmel, dessen Blau eine leichte Schattierung von Grün zeigte.

Eine köstliche Ruhe stieg mit dem Abend ins Thal hinab, dessen Hintergrund sich schon mit dunklen Schatten füllte. Die Glocke der Kirche von Pont-Avesnes tönte mit melancholischem Klange in der Ferne, für den nächsten Tag ein Leichenbegängnis verkündend. Die ganze Natur atmete einen so tiefen Frieden, daß auch Athénaïs seinem Einflusse unterlag. Sie fühlte sich weniger gereizt, und nachdem sie so vollständig über ihre Rivalin triumphiert hatte, wollte sie ihr von nun an mit schonender Rücksicht begegnen.

Im Salon, wo die drei Frauen weilten, herrschte unterdessen namenlose Bestürzung. Als Claire den Herzog mit verhängten Zügeln in den Hof sprengen sah, war sie vor Schrecken außer sich emporgesprungen. Sie versuchte, zu sprechen, vermochte es jedoch nicht und indem sie bloß die Hand gegen den Neuangekommenen ausstreckte, wurde sie von einem durch nervöses Lachen unterbrochenen Stammeln befallen. Sie schien wahnsinnig zu werden. Entsetzt stürzten die Marquise und die Baronin auf das junge Mädchen zu, das am ganzen Körper konvulsivisch zitterte und dessen Lippen ganz blau geworden. Sie befürchteten einen Ohnmachtsanfall und wollten um Hilfe rufen; doch mit befehlender Gebärde hielt Claire sie zurück und mit gewaltsamer Anstrengung stieß sie mühsam die Worte hervor: »Nichts, niemand, lasset mich, ich werde mich sogleich erholen.«

Sie setzte sich und kalte Schweißtropfen perlten auf ihrer Stirn. Die Marquise umhüllte ihre fröstelnde Tochter mit ihren Wollfichus und ihrem Shawl. So verstrichen in tödlicher Angst einige Minuten. Claire saß mit vorgeneigtem Kopfe, den Rücken gegen die Kissen gelehnt, regungslos, wie betäubt da und nur ihre funkelnden, starr nach einem Punkte gerichteten Augen verrieten, daß sie nicht schlafe. Sie überlegte und unter der Anstrengung dieses tiefen Nachdenkens zeigte sich eine tiefe Falte zwischen ihren Augenbrauen.

Nach einer kurzen Weile kehrte das Blut wieder in ihre Wangen zurück; ein rettender Gedanke schien in ihrem stürmisch arbeitenden Gehirn aufgetaucht zu sein. Ein Seufzer erleichterte ihre Brust und mit einer raschen Bewegung warf sie die Tücher, mit denen ihre Mutter sie bedeckt hatte, von sich.

Beim Geräusch der sich öffnenden Glasthüre, durch welche Bachelin eintrat, wandte sie sich um, und da sie nicht wollte, daß man ihr den Kummer ansehe, lächelte sie dem Notar freundlich zu. Mit bestürztem Ausdruck und wie in einem Krankenzimmer auf den Fußspitzen gehend näherte sich dieser der Marquise und sagte mit leiser Stimme:

»Ich bitte um Entschuldigung, Frau Marquise, doch was sich eben ereignete, ist so außerordentlich ...«

»Ich weiß,« unterbrach ihn Frau von Beaulieu heftig, »der Herzog ist da.«

»Ja, Frau Marquise,« erwiderte etwas aus der Fassung gebracht der Notar, »und trotzdem wir ihn zurückzuhalten suchten, besteht er darauf, Sie zu sprechen ...«

»Das ist denn doch zu stark,« rief die Marquise aus, indem sie mit ungewohnter Raschheit zur Thüre schritt.

»Wohin gehen Sie, Mama?« fragte Claire.

»Ich will ihn hinauswerfen lassen, wie er es verdient,« antwortete die Mutter mit vor Entrüstung hoch gerötetem Antlitze.

Claire schwieg einen Moment, als schrecke sie noch vor der Ausführung eines ernsten Entschlusses zurück, dann warf sie stolz den Kopf zurück.

»Nein, Mama,« sagte sie, »man darf den Herzog nicht hinauswerfen lassen, man muß ihn empfangen.«

»Ihn empfangen?« wiederholte die Marquise verblüfft, als zweifle sie an dem Verstande ihrer Tochter.

»Ja, und man muß ihm sogar ein freundliches Gesicht zeigen,« fuhr Claire fort. »Um keinen Preis der Welt will ich, daß er wisse, wie sehr mich seine Untreue schmerzt. Er ... er sollte sich von einem Mädchen, wie ich es bin, beweint sehen! Er könnte zu stolz werden. Lieber alles erdulden, nur nicht sein beschimpfendes Mitleid! Nein ... nein ... Sie müssen ihn empfangen, Mama. Man darf ihm wohl die Thüre öffnen, wenn man sie seiner Verlobten nicht verschloß.«

»Aber mein Gott, was hast du vor?« fragte die Marquise beunruhigt.

»Ich will mich rächen!« rief Claire mit zornblitzenden Augen. Dann wendete sie sich zum Notar.

»Haben Sie die Güte, den Herzog zu bitten, er möge sich noch einen Augenblick gedulden. Unterdessen wollen Sie mir Herrn Derblay rufen.«

Die Marquise und die Baronin wechselten einen Blick des Staunens. Sie verstanden Claire noch nicht, während der scharfsinnige Notar, der sofort erriet, daß seine Kombination dem günstigen Erfolge nahe war, mit der Leichtigkeit eines jungen Mannes aus dem Zimmer verschwand.

Einen Augenblick später betrat Philipp das Gemach.

»Ich bitte euch, meine Lieben, entfernt euch auf kurze Zeit, ich will mit Herrn Derblay allein sprechen,« sagte Claire.

Frau von Beaulieu und die Baronin zogen sich zurück und erwarteten in peinlicher Spannung das Ende der Unterredung.

Philipp, durch ein flüchtiges Wort des Notars verständigt, war tief bewegt: er fühlte, daß sich in diesem Augenblicke sein Geschick entscheiden sollte, und unbeweglich, mit geneigtem Haupte, blieb er vor dem heißgeliebten Mädchen stehen.

»Mein Herr,« begann Fräulein von Beaulieu, »unser alter Freund und ausgezeichneter Berater, Herr Bachelin, teilte meiner Mutter mit, daß Sie mir die Ehre erweisen, sich um meine Hand zu bewerben.«

Ohne etwas zu erwidern, verneigte sich Philipp bloß, um seine Zustimmung auszudrücken.

»Ich halte Sie für einen Ehrenmann,« fuhr Claire fest und ruhig fort. »Um solche Absichten zu hegen, mußten Sie, gleich meiner Umgebung, gewußt haben, daß der Herzog sich von mir abgewendet ...«

»Ja, mein Fräulein, ich wußte es,« erwiderte Philipp mit Nachdruck; »und glauben Sie, daß, wenn es von mir abhinge, Ihr Glück zu sichern, indem ich Ihnen den Herzog wieder zuführte, ich selbst in diesem Augenblick nicht zögern würde, es zu thun, gälte es auch den Preis meines Lebens.«

»Ich danke Ihnen,« entgegnete Claire, »doch jedes Band zwischen mir und dem Herzog ist für immer gelöst. Und der sicherste Beweis, den ich zu geben vermag, ist der, daß ich bereit bin, Ihnen, wenn Sie noch die gleichen Gefühle hegen, meine Hand zu reichen.«

Bei diesen Worten wurde Claires Stimme so schwach, daß Philipp dieselben mehr erriet als hörte. Der junge Mann gedachte plötzlich des Tages, wo seine Schwester, als sie ihn traurig und entmutigt gesehen, lachend zu ihm gesagt:

»Du wirst sehen, sie selbst wird dich noch einmal um die Gunst bitten, ihr Gemahl zu werden.«

So hatte sich denn Susannens Prophezeihung erfüllt. Und jetzt träumte er nicht, es war wirklich wahr, Claire selber bot ihm ihre Hand an.

Ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte Philipps Herz, und die schöne Hand, die zu besitzen er nicht mehr gehofft, erfassend, drückte er auf die eiskalten Finger den schüchternsten und zugleich wonnigsten Kuß.

»Nun bleibt mir noch eine Bitte, mein Herr. Ich wünsche, daß es den Anschein habe, als wären wir bereits seit einigen Tagen verlobt. Ich brauche Ihnen wohl die Gründe dieses Verlangens nicht zu erklären, sie wurzeln in meinem Stolze. Ueber den Zustand meines Herzens sind Sie ja gewiß nicht im Unklaren, aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß Sie in mir jederzeit eine treue und ergebene Frau finden werden. Und nun, bitte, verlassen Sie mich, doch bleiben Sie in der Nähe, weil Ihre Anwesenheit vielleicht notwendig sein dürfte.«

Unterdessen hatte der Notar in geschickter Weise den Herzog hinzuhalten gewußt und erst als er Herrn Derblay mit strahlendem Antlitz aus dem Salon kommen sah, öffnete er die Thür zur Terrasse, um sich mit dem Herzog zu Frau von Beaulieu zu begeben.

Der Schrecken Moulinets und seiner Tochter, als sie den Herzog von Bligny vor sich erblickten, war ungeheuer. Napoleon, als er seinen General Grouchy erwartete und statt seiner die Vorposten des Marschalls Blücher gewahrte, konnte nicht bestürzter sein, als die Tochter Moulinets. Die Anwesenheit des Herzogs in diesem Momente durchkreuzte alle ihre Berechnungen ... Eine quälende Angst ergriff sie. Wie, des Sieges so gewiß, sollte sie etwa nun eine verhängnisvolle demütigende Niederlage erleiden? Was konnte nicht ein Zusammentreffen Gastons mit Claire für Folgen haben? War der Bruch in der That so weit gediehen, daß eine Versöhnung unmöglich geworden? Konnte nicht ein einziger Blick die alte Neigung entflammen und die Freude des Wiedersehens die Verlobten wieder zusammenführen?

Herr Moulinet war gleichfalls ungemein überrascht, ging indes in seinen Vermutungen nicht so weit, wie der hellblickende Verstand seiner Tochter. Es war ihm unbegreiflich, warum der Herzog nicht in Varenne ihre Rückkehr erwartet hatte, und er hatte keine Ahnung, was ihn nach Beaulieu geführt. Mit einem liebenswürdigen Lächeln schritt er seinem künftigen Schwiegersohne entgegen und wollte ihm die Hand reichen, aber entsetzt vor dem zornigen Blicke des Herzogs, der ohne Gruß an ihm und seiner Tochter vorüberschritt, fuhr er zurück. Dennoch folgte er dem Herzog in den Salon.

Hier hatten die Damen schleunigst einen Scenenwechsel improvisiert, und als der Herzog eintrat, fand er die Marquise wie gewöhnlich in ihrer großen Bergère vergraben; die Baronin stand ans Kamin gelehnt mit verschränkten Armen, damit es Gaston ja nicht in den Sinn käme, ihr etwa die Hand reichen zu wollen. Fräulein von Beaulieu saß mit dem Rücken gegen das Licht gekehrt, um die Erregung ihrer Gesichtszüge zu verbergen. Claires wundervolles Goldhaar war das erste, das die Blicke des jungen Mannes fesselte. Unwillkürlich erbebte er, und von tiefer Rührung übermannt, stand er auf dem Punkte, zu ihr, die er noch immer zärtlich liebte, hinzueilen und sich ihr zu Füßen zu werfen, unbekümmert, was auch aus dieser leidenschaftlichen Aeußerung entstehen könne.

Der strenge, kalte Blick der Marquise hielt ihn jedoch zurück und indem er sich vor der Frau, die ihm stets eine gütige Mutter gewesen, tief verneigte, begann er mit gepreßter Stimme:

»Frau Marquise ... teure Tante ... Sie sehen meine Erregung ... meinen Kummer ... mein schmerzliches Bedauern! ... In Varenne angekommen bei dem Herrn – der Herzog schämte sich, den Namen Moulinets auszusprechen – erfuhr ich den nicht zu entschuldigenden Schritt ...«

»Aber, Herr Herzog,« unterbrach ihn der ehemalige Handelsrichter, sichtlich beleidigt.

Der Herzog wendete sich hierauf mit stolzer Gebärde zu seinem künftigen Schwiegervater:

»Ein unverzeihliches Benehmen, an dem ich, wie ich laut erklären muß, nicht im geringsten beteiligt bin. Ich habe vielleicht viele Fehler begangen, war leichtsinnig und undankbar, doch ein so beleidigendes Benehmen gegen die Meinen billigen ... das, nein, bei meiner Ehre, das habe ich nicht gethan!«

»Ein einfacher Höflichkeitsbesuch,« murmelte Moulinet, von der energischen Sprache des Herzogs eingeschüchtert; »ich verstehe nicht ...«

»Sie haben kein Verständnis für etwas derartiges,« unterbrach ihn der junge Mann mit niederschmetternder Verachtung, »dies ist Ihre einzige Entschuldigung!«

Herr Moulinet war jedoch von seiner eigenen Bedeutung zu tief durchdrungen, als daß er sich noch länger meistern lassen wollte, selbst nicht von einem Manne, der ihm, wie der Herzog, als ein höheres Wesen erschien.

Er nahm eine würdevolle Miene an und sich gravitätisch verneigend, sagte er:

»Wenn ich einen Fehler gemacht habe, mein lieber Schwiegersohn, so bitte ich, mir zu sagen, worin mein Unrecht besteht; ich bin bereit, es wieder gut zu machen.«

Jedoch mit der Anrede »mein lieber Schwiegersohn« brachte er den Herzog vollends außer sich und mit einem schneidigen »genug, mein Herr,« wehrte Gaston jede weitere Bemerkung des ehemaligen Handelsrichters ab.

Hierauf wendete er sich wieder den Damen zu.

»Liebe Tante, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig, erlauben Sie, daß ich sie Ihnen gebe. Claire, ich werde mich nicht von hier entfernen, ehe Sie mir verziehen haben.«

Bei diesen Worten, die Gaston jetzt zum erstenmal direkt an Claire richtete, erhob sich Fräulein von Beaulieu und ihrem treulosen Verlobten mit bewunderungswürdiger Ruhe ins Gesicht blickend, entgegnete sie langsam:

»Aber, Herzog, Sie schulden mir keine Erklärung und haben keinerlei Verzeihung nötig. Sie verheiraten sich, wie man mir sagte, mit der Tochter des Herrn ...«

In dieses letzte Wort legte Claire eine Unsumme von Sarkasmus.

»Sie hatten doch, scheint mir, das Recht, so zu handeln, wie Sie es gethan. Waren Sie denn nicht frei, wie ich es war?«

Der Herzog, welcher zu träumen glaubte, blickte der Reihe nach auf Claire, auf seine Tante und die Baronin und bemerkte mit Erstaunen, daß man ihnen weder Erregung, noch Trauer oder Zorn ansah. Er war auf Thränen gefaßt und fand nichts als Lächeln. War es möglich, daß Fräulein von Beaulieu während eines Jahres, das er freilich unglücklich genug angewendet, sich so vollständig von ihm abgewendet hatte?«

»Ihre Verlobte kam selbst, um mir diese erfreuliche Nachricht mitzuteilen,« fuhr Claire fort, »das ist sehr schön und ich will auch meinerseits nicht zurückbleiben.«

Sie machte einige Schritte gegen die Terrasse und rief Philipp mit einer Handbewegung herbei. Athénaïs folgte unerschrocken dem Hüttenbesitzer und bald waren alle Gäste des Schlosses im Salon.

»Meine Herren, ich muß Sie einander vorstellen,« sagte Claire mit schrecklicher Kaltblütigkeit. Und zu Philipp gewendet, wies sie auf Gaston: »Herr Herzog von Bligny, mein Cousin,« hierauf wendete sie sich zum Herzog und ihm mit ihrem Blicke Trotz bietend, sagte sie: »Herr Derblay, mein Verlobter! ...«

Wäre ein Blitzstrahl auf das Schloß herniedergefahren, er hätte kaum eine ähnliche Erschütterung hervorgerufen, als sie die Zuschauer dieser Scene empfanden; der Herzog wankte völlig vernichtet. Athénaïs bekam einen Schwindelanfall und ihr blühender Teint wurde aschfarben. Der Baron und die Baronin wechselten einen Blick höchsten Erstaunens und nur Herr Bachelin und Susanne zeigten keinerlei Verwunderung; der Notar, weil er insgeheim an der Herbeiführung dieser Lösung gearbeitet, und Susanne, weil sie in der Vergötterung ihres Bruders nicht daran gezweifelt, daß Fräulein von Beaulieu eines Tages die unwiderstehlichen Vorzüge Philipps werde anerkennen müssen.

Der Herzog bewies bei dieser Gelegenheit, daß seine diplomatische Laufbahn für ihn nicht ganz fruchtlos gewesen. Er erholte sich augenblicklich und mit tadelloser Haltung und liebenswürdigem Lächeln wendete er sich zu Herrn Derblay:

»Empfangen Sie meine besten Glückwünsche, mein Herr,« sagte er mit einer Stimme, die nur wenig zitterte. »Sie heiraten eine Frau, deren sehr wenige unter uns würdig gewesen wären.«

So niedergeschmettert Athénaïs sich auch in ihren Gedanken fühlte, begriff sie doch, daß sie gute Miene zum bösen Spiel machen müsse. Sie näherte sich Fräulein von Beaulieu und sie aufmerksam anblickend, brachte sie ihr gleichfalls ihre Glückwünsche dar. Mit perfidem Lächeln fügte sie halblaut hinzu:

»Das ist also eine Neigungsheirat!«

Claire erbebte und plötzlich fühlte sie das Entsetzliche ihrer Lage. Der Mann, den sie heiß liebte, stand vor ihr und war im Begriffe, sich mit ihrer Rivalin zu entfernen. Sie sah ihn, wie er, durch die unerwartete Nachricht mit der Familie Moulinet wieder versöhnt, mit Athénaïs plauderte und, ihre Hand in der seinen haltend, mit der Unbefangenheit eines glücklichen Mannes lachte.

Und sie, Ciaire, hatte in einer Regung unbezähmbaren Stolzes über ihr Leben entschieden, sich ihrer Freiheit für immer beraubt. Sie hatte sich einem Manne verlobt, den sie nicht lieben konnte, weil ihr Herz noch von den schmerzlichsten und teuersten Erinnerungen an einen andern erfüllt war.

Sie warf einen Blick tödlicher Angst auf den Herzog und war nahe daran, zu ihm zu eilen, ihn den Koketterieen ihrer Rivalin zu entreißen und ihm die Wahrheit zu gestehen. Aber Gaston benahm sich so ruhig, so gleichgültig und ungezwungen, daß eine Wiederkehr von Zorn und Stolz sie vor dieser Schwäche schützte. Nein, lieber alles andere, als die Rolle der Verlassenen spielen. Von neuem Mute belebt, opferte sie ihre ganze Zukunft dem Triumphe ihrer Eigenliebe, und den Herzog und Athénaïs mit siegesbewußtem Blicke streifend, murmelte sie:

»Ich werde früher als ihr verheiratet sein.«

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