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Der Hüttenbesitzer - Erster Band

Georges Ohnet: Der Hüttenbesitzer - Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/ohnet/huetten1/huetten1.xml
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDer Hüttenbesitzer ? Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 1.
year1884
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200800908
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Fünftes Kapitel

Am Abend des Tages, an dem Herr Bachelin die beiden gleich schlechten Nachrichten von dem Verluste des Prozesses und der Rückkehr des Herzogs nach Paris ins Schloß gebracht hatte, saß die Marquise, noch ganz betäubt von dem schweren Schlage, auf ihrem Zimmer und überdachte die Ereignisse, deren schmerzliche Eindrücke sich auf ihrem Gesichte deutlich verrieten. Der Marquis, der hastig eintrat, entriß die gute Frau ihren traurigen Betrachtungen. Erschreckt blickte sie auf ihren Sohn, als erwartete sie, ein neues Unglück zu erfahren. Aber da sie Octave mit ruhigen Augen und lächelndem Munde sah, atmete sie erleichtert auf.

»Was gibt es denn, mein Kind?«

»Ich melde dir die glückliche Ankunft unseres Cousins von Préfont,« antwortete der junge Mann. »Der Wagen fährt soeben in den Schloßhof.«

In der That vernahm man durch die stille Abendluft das Knirschen der Räder auf dem Kiessande. Die Marquise hüllte rasch ihre fröstelnden Glieder in einen warmen Shawl und eilte ihren Gästen entgegen. Der Wagen, einen kunstgerechten Halbkreis beschreibend, hatte eben vor dem Portale angehalten, am Wagenfenster erschien ein lachender Frauenkopf, auf dem ein rundes, mit Straußenfedern garniertes Hütchen saß, und während eine in schwedisches Leder gekleidete Hand lebhaft winkte, rief eine frische, sonore Stimme:

»Ah, guten Tag, grüß euch Gott!«

Eine seidenwogende Flut, die einen kleinen Lederstiefel und ein reizendes, von einem grauen Seidenstrumpf umhülltes Bein auf dem Kutschentritt erblicken ließ, entstieg mit außerordentlicher Beweglichkeit dem Wagen und die Baronin Préfont in eigener Person sprang in die Arme der Marquise, küßte sie, und rief mit atemloser Stimme:

»O, liebe Tante, wie freue ich mich! O, meine gute Tante! Es ist schon so lange her... Und ihr, meine Lieben...«

Flugs hing sie schon wieder am Halse des Fräuleins von Beaulieu und erneuerte ihre stürmischen Liebkosungen, begleitet von zärtlichen Worten: »Meine teure Claire! Es scheint mir, als wäre es ein Jahrhundert!«

Dann ging sie ohne Säumen zu Octave über, dem sie beide Wangen zum Kusse reichte, worauf sie mit ihm ein paar derbe Shakehands à l'anglaise wechselte und in einem fort lachend, teilte sie im Nu dem Schlosse und seinen Bewohnern ihre übersprudelnde fröhliche Laune mit.

Plötzlich ernst geworden, schrie die Baronin: »O, mein Gott! Und mein Gemahl?« Dabei drehte sie sich suchend nach allen Seiten um.

»Habe ich vielleicht meinen Mann verloren?«

Eine sanfte Stimme antwortete:

»Hier bin ich, meine Liebe; ich erwartete nur geduldig das Ende Ihrer Herzensergießungen, um nun meinerseits die Damen begrüßen zu können.« Und aus dem Schatten heraustretend, erschien ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren in elegantem Reisekostüme und näherte sich mit ruhig lächelnder Höflichkeit der Marquise und Claire.

»Nun! so grüßen Sie doch endlich!« fing die mutwillige Baronin ungeduldig wieder an.

»So, nun ist's geschehen. Jetzt, mein Lieber, wollen Sie die Güte haben, das Ausladen meines Gepäckes zu überwachen. Besonders empfehle ich Ihrer Sorgfalt den großen, schwarzen Koffer, in welchem sich meine Hüte befinden; Sie haften mir dafür mit Ihrem Kopfe.«

»Neunzehn Kolli! Dreihundert Kilo Uebergewicht!« sagte der Baron mit resigniertem Lächeln zu Octave.

Die Damen traten in den Salon. Die Baronin, sich zu der Marquise neigend, flüsterte in ihrer Geschwätzigkeit, indem sie die Augen zum Himmel erhob:

»Ah, liebe Tante, was für schreckliche Dinge haben wir Ihnen zu erzählen! ...«

Hierauf drückte sie ihr zärtlich die Hand und fuhr mit gerührter Stimme fort:

»Sie wissen, wie sehr wir Sie lieben, und daß nichts, was Sie berührt, uns gleichgültig ist...«

Und als Frau von Beaulieu unruhig auf Claire blickte, welche aufmerksam geworden war und zu lauschen anfing, fügte sie rasch hinzu:

»Ja, ja, ich weiß. ... Nun, mein Mann wird Ihnen schon alles sagen.«

Dann eilte sie rasch auf Claire zu und, wie um den Eindruck ihrer unklugen Worte zu verwischen, fing sie mit gewohnter Zungenfertigkeit von etwas Anderem zu plaudern an.

»Wir reisen in die Schweiz, du weißt es doch? ... Aber wir wollten nicht so nahe an Beaulieu vorbei, ohne euch gesehen zu haben. Wir bleiben einige Tage hier, dann fahren wir zu Wagen weiter, durch das Defilé von Verrières... Ach! unsere arme Ostarmee! Der Baron wurde bei dem letzten Treffen mit den Badensern des fürchterlichen Werder verwundet... Ihr wisset doch... O, diese Reise ist für mich eine Wallfahrt ... Mein Mann hat sich dazumal als Held benommen ... Von zweihundert Mann seiner Kompanie ... Ach! die armen Jungen sind im Schnee erfroren... hat er nur achtzig zurückgebracht, . . Und er wurde nicht einmal dekoriert! ... Es ist wahr, wir sind Legitimisten. O, meine Freunde! Diese Regierung, wie entsetzlich! ... Glaubt man hier, daß Gambetta sich entschließen wird, das Ministerium zu übernehmen? ...«

Und dabei trippelte die Baronin hin und her, lachend, gestikulierend, schwätzend wie ein Papagei, und mit verblüffender Ideengelenkigkeit und staunenswerter Mannigfaltigkeit der Ausdrucksweise von einem Gegenstande zum andern übergehend. Ein lebendes Kaleidoskop, das jeden Moment seine Bilder und Farben wechselt.

Die Marquise und Claire hörten erstaunt und fast betäubt zu. In der Stille des einförmigen Landlebens waren beide um vieles ernster und ruhiger geworden, so daß die übersprudelnde Lebhaftigkeit der kleinen Pariserin mit ihren geräuschvollen Allüren ihnen fast ein Gefühl des Schwindels verursachte.

Ohne eine Antwort auf ihre Frage abzuwarten, durchschritt die Baronin den Salon und blieb bei einem Fenster stehen. Das Thal lag bereits in tiefes Dunkel gehüllt, nur im Hintergrunde flammten die Schornsteine der Hochöfen des Hüttenwerkes, leuchtende Feuergarben in die Finsternis emporschleudernd. Mit kindlicher Bewunderung in die Hände klatschend, rief sie:

»O, wie schön, wie herrlich ist doch die Natur! ... Man glaubt eine Operndekoration vor sich zu sehen! ... Wie glücklich seid ihr, inmitten dieser Wiesen und Wälder leben zu können! Ach! Diese beneidenswerte Existenz und wie gut man sich dabei erhält! ... Sehen Sie einmal mich an und vergleichen Sie mich mit Claire. Wir sind gleichen Alters und doch sehe ich aus, als wäre ich ihre Mutter. Das sind die Strapazen der Bälle, der Diners, der Besuche, des Theaters, das Entnervende des Pariser Lebens überhaupt, wovon man so rasch dahinwelkt. Welche Arbeit all' diese Vergnügungen! – Sie lächeln, Tante? Sie wollen sagen, daß wir dies unterlassen und auch einige Monate auf unsern Gütern in der Bourgogne verleben könnten. Gewiß! Aber wie ist das möglich? Ein Gelehrter, wie mein Mann, findet geistige Anregung nur in der Stadt. – Er besucht wissenschaftliche Vereine und die Akademie. ... O, mein Gott, die Akademie! ... Und dann ich, ich habe tausend Verpflichtungen, von denen ich mich nicht lossagen darf, Beziehungen zu erhalten, Wohlthätigkeitsvereine zu leiten. Und schließlich meine Tochter – ich kann sie doch nicht immer mit ihrer Gouvernante allein lassen. – Hat man dann zwei Monate im Seebade, zwei Monate auf Reisen, zwei Monate in Nizza zugebracht, wie viel Zeit bleibt dann noch übrig? O, ich bin ganz erschöpft. – Wollen wir uns nicht niedersetzen?«

Wie ein Wirbelwind schlüpfte sie zwischen Frau von Beaulieu und Claire hindurch und nahm von der großen Bergère der Marquise Besitz.

»So, jetzt erzählt mir etwas von euch! Was treibt ihr hier? Wie vergeht euch die Zeit? Und Octave? Und euer Nachbar, der Hüttenbesitzer? ... Seht ihr, ich erinnere mich an alles, was ihr mir geschrieben habt. O, mein Gott, was würde auch aus einem werden, wenn man nicht ein bißchen Kopf hätte?«

Dabei machte sie sich's in dem großen Lehnstuhl recht bequem, und indem sie die Augen langsam schloß, bereitete sie sich vor, ihrer Tante und ihrer Cousine zuzuhören.

Doch, fast ohne jeden Uebergang, wie ein Singvogel, dessen letzter Triller kaum verhallt ist, unmittelbar darauf am Rande des Nestes einschläft, ließ auch die von der Reise ermüdete Pariserin nach kurzem Stillschweigen ihr schweres Köpfchen auf die spitzenbedeckte Lehne zurücksinken und die regelmäßigen Atemzüge, die ihren halbgeöffneten Lippen entströmten, zeigten, daß der Schlaf sie übermannt hatte.

Die Marquise und Claire tauschten ein wohlwollendes Lächeln, nahmen eine Stickerei zur Hand und erwarteten still das Erwachen der reizenden, noch so ganz Kind gebliebenen jungen Frau.

Die Baronin Sophie von Préfont – welche Ironie! Sophie der Name der Weisheit, diesem Brausekopf gegeben – war die Nichte des Marquis von Beaulieu. Sie wurde mit Claire im Kloster erzogen und gehörte gleichfalls zu der adeligen Partei, die sich so schroff gegen die kleinen Bürgerlichen benahm. Auch sie kannte die Erbin Moulinets. Engelguten Herzens, aber vogelleichten Sinnes war es ihre Lebensaufgabe, mit ihrer Güte das durch ihren Leichtsinn verschuldete Böse auszugleichen. Sie hatte nicht wenig zu dem Hasse beigetragen, den Athénaïs gegen Fräulein von Beaulieu hegte. Sie war es, die gleich am ersten Tage für Fräulein Moulinet den Beinamen »kleine Cacao« erfand. Und als es einst zwischen den dreizehnjährigen Schülerinnen zu einem Handgemenge kam, da war es hingegen Claire, die als die größte und vernünftigste dem Streite Einhalt gethan.

Doch Athénaïs fühlte sich gegen die Vermittlerin noch mehr aufgebracht, als gegen die Angreiferin. Auch war Fräulein von Beaulieu eine gar zu imponierende Erscheinung. Sie war sozusagen die Verkörperung der Aristokratie, die der kleinen Moulinet das Leben so sauer machte, und eben durch diese Ueberlegenheit erregte sie zumeist den Groll des verachteten Kindes.

In Wirklichkeit hatte Fräulein von Beaulieu Athénaïs nie irgend etwas böses zugefügt, aber ihre beiden Naturen bildeten eben den ausgeprägtesten Kontrast.

Alles an dieser Patricierin beleidigte und verdroß die Bürgerliche: die weißen Hände, die Eleganz und geschmackvolle Einfachheit der Toilette bis zu dem Briefpapier mit dem vergoldeten Monogramm und den Handschuhen, welche Fräulein von Beaulieu in den Erholungsstunden trug.

Claire und ihre Freundinnen duzten einander. Athénaïs wollte auch mit allen auf du und du sein – darob gewaltiger Streit in dieser Welt en miniature. Sophie d'Hennecourt – so hieß die Baronin mit ihrem Mädchennamen – wollte diese Vertraulichkeit sich durchaus nicht gefallen lassen und sagte stets »Sie« zu der Tochter des Schokolade-Fabrikanten. Claire lachte über diese Kindereien und ließ sich dadurch nicht abhalten, Athénaïs gleichfalls zu duzen, doch diese erblickte in der Willfährigkeit Claires nur einen Schimpf. Die feindselige Gesinnung der kleinen Moulinet entging Claire keineswegs, doch that sie, als ob sie keinerlei Gewicht darauf lege, und vielleicht unbewußt, offenbarte sie eben dadurch ihre Geringschätzung für Athénaïs.

Zwischen Fräulein d'Hennecourt und der kleinen Cacao wurde der Krieg unaufhörlich und erbittert fortgesetzt. Eines Tages erschien Sophie mit einer Düte Schokoladebonbons und allen Freundinnen davon anbietend, näherte sie sich auch mit zuvorkommender Miene Athénaïs: »Ist Ihnen ebenfalls gefällig?« sagte sie, süß lächelnd. »O, Sie können es schon wagen, es kommt nicht aus Ihrem Hause,«

Athénaïs erbleichte vor Wut, entriß ihrer Gegnerin die Düte und warf sie mit einer Gewalt durchs Fenster, daß die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Es entstand eine Prügelei, in deren Verlauf die kleine Moulinet, gewaltsam zurückgedrängt, an der zerbrochenen Scheibe sich die Hand verletzte. Aus Zorn und vor Schrecken, ihr Blut fließen zu sehen, sank Athénaïs bewußtlos zu Boden. Einer plötzlichen Eingebung ihres guten Herzens folgend, umarmte Sophie die Kleine und klagte sich laut weinend als die Urheberin des Unfalles an.

Von diesem Tage an wechselte die Scene. Athénaïs stellte sich offen an die Spitze der bürgerlichen Partei und die Schule zerfiel in zwei Lager: die Adeligen auf der einen, die Reichen auf der andern Seite. Die Kinder wuchsen heran und ihre Zwistigkeiten nahmen ein gemäßigteres, gleisnerisches Wesen an, welches bereits die Kenntnis der gesellschaftlichen Formen verriet. Sie zerkratzten sich nicht mehr die Hände, sondern verwundeten sich desto grausamer mit Worten. Claire, mit ihrem stolzen hochfahrenden Wesen, nahm an diesen Plänkeleien keinen Anteil, doch wurde sie darum nicht minder verabscheut. Zwischen ihr und Athénais hatte sich ein stummer Kampf entwickelt. Fräulein Moulinet war die erklärte Gegnerin des Fräuleins von Beaulieu, und in der That, die beiden Rivalinnen standen sich mit gleichen Kräften gegenüber.

Inzwischen erwarb Papa Moulinet ein sehr großes Vermögen. Man sagte, die Chemie der Nahrungsmittel habe ihn ein Verfahren gelehrt, welches seine Schokolade zwar ihres Nährwertes beraubte, jedoch ihm jährlich enorme Summen einbrachte. In der Pariser Welt fing man bereits an, mit ihm als einen Mann von finanziellem Wert zu rechnen; er wurde zum Schiedsrichter beim Handelsgerichte ernannt und seine Freunde hielten ihn für eine bedeutende Persönlichkeit.

Moulinet war stolz auf seinen Geldsack und blieb stets derselbe gewöhnliche, aber durchaus nicht bösartige Mensch. Er war imstande, jemand eine Gefälligkeit zu erweisen, doch natürlich stets unter der Bedingung, daß sein Interesse dabei nicht zu kurz kam. Da er sehr ehrgeizig war, bemühte er sich eifrig, den Kreis seiner Beziehungen zu erweitern und seine Gesellschaft sorgfältig auszuwählen; er sah niemals hinab, sondern hielt den Blick unentwegt nach oben gerichtet. Auf diese Weise war er, stetig emporsteigend, zur Höhe gelangt.

Mit sechzehn Jahren verließ Athénais das Kloster und ihre Mitschülerinnen sahen sie fortan nur Sonntags im Bois de Boulogne in der prächtigen Equipage ihres Vaters.

Einige Monate später kehrten auch Claire und Sophie ins elterliche Haus zurück, und der Krieg endete aus Mangel an Feinden.

Die Feindseligkeit blieb jedoch im Herzen der Tochter Moulinets sehr lebendig und sie verfolgte neidisch das glänzende Leben ihrer Rivalinnen.

In der Oper blickte sie aus ihrer Loge im zweiten Rang, die ihr Vater nur mit großer Mühe sich verschaffen konnte, mit gehässigen Gefühlen auf die Logen im ersten Range, wo Fräulein von Beaulieu in ihrer strahlenden blonden Schönheit an der Seite des Fräuleins von Hennecourt thronte, und wo während der Zwischenakte ein unaufhörliches Kommen und Gehen der elegantesten Kavaliere stattfand, indes bei Moulinet sich niemand blicken ließ.

Athénaïs sagte sich mit Bitterkeit: Von diesen glänzenden Kavalieren wird sicherlich einer Claire heiraten. Indessen war es Sophie, die zuerst zum Altare ging. Die Trauung fand in der Kirche St, Augustin mit großem Pompe statt. Athénaïs ward nicht geladen, doch behaupteten einige von den ehemaligen Schulgefährtinnen, sie verschleiert im Schatten eines Pfeilers bemerkt zu haben.

Nach der Verheiratung Sophiens und der Abreise des Herzogs nach Petersburg lebte Claire sehr zurückgezogen und seit sechs Monaten war sie sogar von Paris abwesend. Das Andenken an Athénaïs war vollständig erloschen, und als sie die in der Bergère friedlich schlummernde Baronin betrachtete, dachte sie keineswegs an die Zwistigkeiten, zu denen das leichtfertige Benehmen dieses reizenden Tollkopfes ehemals Veranlassung gegeben.

Das Oeffnen der Salonthüre weckte die Baronin aus ihrem Schlummer. Sie sah ihren Gemahl und Octave eintreten, und rasch wieder auf den Füßen, rief sie mit ihrem augenblicklich wiedergewonnenen Frohsinn:

»O, mein Gott, ihr habt mich einschlafen lassen. Man ist also hier wie Dornröschen in einem verzauberten Schlosse? Kaum angekommen, muß man die Augen schließen. Aber wo ist der erlösende Prinz? Sollten Sie es sein, Baron? Nein, es ist Octave! Liebe Tante, verzeihen Sie ... Die Landluft trägt daran alle Schuld. Sie hat mich ermüdet. Man ist in Paris an eine so kräftige Luft nicht gewöhnt.«

»Das ist bloß der erste Eindruck,« sagte die Marquise, »morgen hast du dich bereits acclimatisiert.«

Der Baron näherte sich seiner Frau mit ruhigem Ernste.

»Liebes Kind,« sagte er, »ich habe soeben deine Befehle ausgeführt. Das Gepäck ist abgeladen und das ganze Schloß damit verbarrikadiert.«

»Sehr wohl,« erwiderte die Baronin mit der Miene einer zufriedenen Königin.

»Wünschest du nicht deine Zimmer zu sehen?« fragte Claire ihre Cousine.

»Oh, sehr gern,« antwortete die junge Frau, und einen Blick des Einverständnisses mit ihrem Manne wechselnd, ergriff sie Octaves Arm, um sicher zu sein, daß auch er das gewünschte tête-à-tête ihres Mannes mit der Marquise nicht stören würde, und ein Liedchen trällernd, entfernte sie sich in Begleitung Claires und Octaves.

Im Salon dunkelte es bereits. Der Baron war ernst und gesammelt und ging schweigend auf und nieder, während die Marquise gedankenvoll vor sich hinstarrte. Das Feuer, das sie des kühlen Oktoberabends wegen befohlen hatte, knisterte in dem weiten Kamin von rosenrotem Granit und warf mit seinen lodernden Flammen bewegliche Schatten auf die Zimmerdecke.

»Wohlan, mein lieber Neffe,« begann die Marquise, »Sie wollten mich allein sprechen? Ich ahne, um was es sich handelt, und Sie sehen mich tief bekümmert.«

»Es ist auch in der That eine traurige Sache,« erwiderte der junge Mann», »und die Achtung, deren sich unser Stand erfreut, wird durch diesen Fall nicht erhöht. Mein Gott, wenn einer der unsrigen seiner Pflicht nicht nachkommt, so fällt die Schmach des verübten Unrechts auf alle seine Ranggenossen zurück. Wir besitzen nur noch einen Vorzug vor den andern Klassen der Gesellschaft: das ist das treue Festhalten an dem gegebenen Worte. Man sagt wohl noch sprichwörtlich: ›Auf Edelmannes Wort‹. Aber gar bald, wenn man sieht, daß auch wir unser Versprechen ebensowenig halten wie der erste beste – gar bald wird man uns auch diese Achtung nicht mehr zollen und damit wird unser Nimbus vollends verschwunden sein.«

Eine Thräne glänzte in den Augen der Marquise.

»Sagen Sie mir alles,« bat sie, »verbergen Sie mir nichts. Dank der Umsicht meines Notars weiß ich bereits, daß der Herzog von Bligny seit sechs Wochen in Paris weilt.« »Ah, wirklich, Tante, Sie wissen dies alles?« erwiderte mit Bitterkeit der Baron. »Und wissen Sie auch, daß der Herzog im Begriffe ist, zu heiraten?!«

»Zu heiraten!« schrie die Marquise auf und mit todesbleichem Antlitz erhob sie sich von ihrem Sitze.

»Ja, meine gute Tante, verzeihen Sie mir die herbe Offenherzigkeit, womit ich Ihnen so rasch diese Mitteilung machte, aber ich glaube, daß es in solchen Fällen am besten ist, geradeaus aufs Ziel loszugehen.«

»Zu heiraten,« wiederholte langsam die Marquise.

»Der Herzog that das Möglichste, daß die Nachricht nicht bekannt werde,« fuhr der Baron fort, »allein sein Schwiegervater, ein Bürgerlicher der alltäglichsten Art, wie es scheint, war weniger diskret. Er jubelt, der gute Mann! Seine Tochter, denken Sie, seine Tochter ... Herzogin –! Die Geschichte wurde mir von Casteran, einem intimen Freunde Blignys, erzählt, der genau weiß, wie sich der Handel zugetragen, und ich bedauere tief, Ihnen, beste Tante, gestehen zu müssen, daß es nichts Kläglicheres geben kann. Der Herzog, kaum aus Petersburg zurückgekehrt, ließ sich in seinem Klub zum Spiele hinreißen. Vom Glücke scharf mitgenommen, war er mit seinen ohnehin mageren Hilfsquellen bald zu Ende und er mußte seine Zuflucht zu den reichen Fonds der Klubkasse nehmen, In seiner maßlosen Leidenschaft fuhr er fort, so hoch zu spielen, daß seine Differenzen sich in einer Woche auf zweimalhunderttausend Franken beliefen. Es scheint, als hätte sein Mißgeschick ihm vollständig den Kopf verdreht, denn er warf sich blindlings in den Kampf. In zwei Abenden gewann er wieder alles zurück, doch spielte er weiter, verlor wieder und blieb schließlich mit zweimalhunderttausend Franken hängen.«

»Das ist eine bedeutende Summe,« meinte die Marquise.

»Um so bedeutender, als Gaston keinen Sou besaß, diese Summe zurückzahlen zu können. Bekanntlich müssen derartige Schulden binnen vierundzwanzig Stunden bei Strafe des Ausschlusses aus dem Klub und der Veröffentlichung gedeckt werden und die Lage des Herzogs war daher eine äußerst kritische. Freilich hätte er sich an die Familie wenden können. Obgleich wir kein flüssiges Vermögen besitzen, so hätten wir ihm dennoch einen Teil der Summe verschafft und für den Rest hätte man einen Aufschub erlangen können. Gaston dachte nicht daran oder wollte vielmehr nicht daran denken, denn Casteran hatte es ihm wohl geraten. Der Unglückliche verschloß sich in sein Zimmer und überließ sich den traurigsten Betrachtungen. Er sah seine sociale Stellung gefährdet und auch seine Zukunft ernstlich bedroht. Da war's, wo die Vorsehung sich ins Mittel legte in Gestalt seines zukünftigen Schwiegervaters, den Gaston, wie man mir versicherte, nur ein einziges Mal bei einer Theatervorstellung flüchtig gesehen hatte. Der gute Mann schritt entschlossen auf sein Ziel los und hielt dem Herzog ungefähr folgende Rede:

»›Herr Herzog, Sie schulden zweimalhunderttausend Franken und müssen dieselben im Laufe des Tages sich verschaffen, was Ihnen nicht gelingen wird.‹

»Und als der Herzog erzürnt eine derartige Unterredung mit einem Unbekannten abbrechen wollte, erwiderte der Alte kurz und bündig:

»›Diese zweimalhunderttausend Franken, ich bringe sie Ihnen. Ich besitze ein ungeheures Vermögen und will nicht, daß man sagen könne, ein Mann, wie ich, der seiner Tochter zehn Millionen zur Mitgift gibt, habe wegen armseliger zehntausend Louisdor eines der edelsten Adelsgeschlechter unseres Landes preisgeben lassen.‹ Das ist stark, Tante, nicht wahr? Freilich kann ich Ihnen den Wortlaut dieser entscheidenden Unterhaltung nicht verbürgen, vielleicht hat Casteran etwas übertrieben, indes mir wurde der Vorgang so erzählt. Genug, Bligny ließ sich von dem rettenden Antrage blenden.

»Er tauchte vorsichtig zuerst nur mit einem Finger in die offene Kasse seines unerwarteten Wohlthäters, nach und nach folgte die ganze Hand und blieb schließlich samt dem Herzogstitel drin. So kam Bligny zu einer Braut.«

Die Dunkelheit war plötzlich hereingebrochen und kaum vermochte der Baron noch den stolz zurückgeworfenen Kopf der Marquise zu unterscheiden, da sah der junge Mann plötzlich ein weißes Tuch vor dem Gesichte seiner Tante und merkte an einem schlecht verhehlten Schluchzen, daß sie weinte. Er näherte sich ihr, ließ sich auf ein Tabouret zu ihren Füßen nieder und ergriff zärtlich ihre Hand, fand jedoch kein Wort des Trostes für diesen gewaltigen Schmerz, der mächtiger war als der Stolz.

»Es ist vorüber,« sagte langsam die Marquise, »ich war nicht gleich Herrin meines Kummers; ich gestehe, so schwer getroffen zu sein, daß ich meine Thränen nicht zurückhalten konnte. Ich habe Gaston wie einen zweiten Sohn geliebt! Er ist von meinem Blute und alles Böse, das er sich zu schulden kommen läßt, berührt mich doppelt schmerzlich. Er war ein so gutes Kind, besaß ein so edles, großmütiges Herz, daß ich diese Veränderung nicht zu begreifen vermag. Konnte die Welt das Erziehungswerk langer Jahre in wenig Monaten so gänzlich vernichten? Wie sorgsam, wie zärtlich habe ich ihn behütet und wie belohnt er mich dafür! Oh, der Undankbare, der Undankbare!«

Tief gerührt hatte der Baron mechanisch eine der Elfenbeinnadeln ergriffen, mit denen die Marquise Häubchen für arme Kinder strickte, und mit erzürnter Hand durchbohrte er eifrigst einen großen, grauen Wollknäuel.

Nachdem die Marquise ihre Selbstbeherrschung wieder gewonnen, trocknete sie ihre Thränen und sagte mit fester Stimme:

»Das Wichtigste ist nun, daß wir Claire gegenüber die schonendste Vorsicht gebrauchen. Sie wissen, wie stolz und leidenschaftlich sie ist. Sie gleicht ganz ihrem Vater; ein Herz von Gold, aber ein Kopf von Eisen. Der verräterische Schlag trifft sie im Gefühle vollster Sicherheit, denn heute erst sprach sie mit mir von dem Herzog und nicht einen Augenblick zweifelte sie an ihm. Niemals kam ihr die Idee, daß Gaston an eine andere Frau denken könnte. Sein Schweigen und seine Zurückhaltung legt sie den Anforderungen seiner Stellung zur Last. Bei ihrem hochherzigen offenen Charakter erwartet sie auch von andern Großherzigkeit und Offenheit und auf ein Gemüt, wie das ihrige, kann eine derartige Enttäuschung sehr schädlich einwirken.«

»Aber, liebe Tante, sind Sie nicht der Ansicht, daß man erst versuchen sollte, Bligny zur Erfüllung seines Versprechens zu bewegen? Gaston hat sich hinreißen lassen ... Indem man ihm die ganze Tragweite des Fehlers, den er begehen will, vorhält, kann man ihn vielleicht auf den rechten Weg zurückführen. Wenn Sie es wünschen, so will ich den Versuch wagen.«

»Nein,« entgegnete die Marquise hoheitsvoll. »Wir gehören nicht zu denen, die sich demütigen und bitten. So traurig unsere Lage auch sein mag, so ist sie doch eine würdevolle und ich mag sie nicht ändern. Ich werde meiner Tochter so lange die traurige Wahrheit verbergen, bis die Verlobung des Herzogs mit seiner neuen Braut unwiderruflich geworden ist; denn,« fügte sie bitter lächelnd hinzu, »bei einem so launenhaften Manne, wie der Herzog von Bligny, kann man für nichts gutstehen und vielleicht wird er nochmals wechseln.«

»Wie es Ihnen beliebt,« versetzte der Baron. »Ich kann Ihre Handlungsweise nicht tadeln und, um die Wahrheit zu sagen, erwartete ich, Sie so sprechen zu hören. Komme nun, was da wolle; die Sympathie der Welt ist auf Ihrer Seite. Und sollten Sie im Geheimen Thränen vergießen, vor der Oeffentlichkeit können Sie mit ruhigem Antlitz erscheinen. Bei Bligny wird dies nicht der Fall sein.«

Flüchtige Tritte, von fröhlichem Stimmengewirre begleitet, ertönten auf der Steintreppe. Sorglos und lachend stiegen Octave und Claire mit der Baronin hinab, die durch den Frohsinn der jungen Frau in die heiterste Laune versetzt waren. Die Salonthüre wurde rasch geöffnet und wie eine Lawine stürzte die mutwillige Baronin mit Octave und Claire in das dunkle Zimmer.

»O du mein Gott! Ihr seid ohne Licht! Da ist's ja schauerlich!« schrie sie. »Man könnte glauben, in einer Gruft zu sein, so abscheulich finster, daß man sich nicht sprechen hört... Liebe Tante, Sie verhätscheln uns gewaltig. Der Baron und ich haben die schönsten Gemächer des Schlosses – wir werden uns hier bald so wohl fühlen, daß wir gar nicht mehr werden fortreisen wollen.«

»Desto besser, mein liebes Kind! Aber ich denke, die Reise wird euch Appetit gemacht haben; mir wollen zum Diner gehen.«

Als ob die Worte der Marquise gehört worden waren, öffneten sich im selben Augenblicke die hohen Flügelthüren des Speisesaales, eine Lichtflut erglänzte auf dem mit kostbarem Porzellan und massivem Silbergerät reich geschmückten Buffett und ein Diener meldete mit ernster Stimme: »Madame la Marquise est servie.«

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