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Der Hüttenbesitzer - Erster Band

Georges Ohnet: Der Hüttenbesitzer - Erster Band - Kapitel 4
Quellenangabe
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typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDer Hüttenbesitzer ? Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 1.
year1884
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Sechs Wochen vor den erwähnten Ereignissen war der Herzog von Bligny von Petersburg nach Paris gekommen und fuhr, ermüdet von der langen, ununterbrochenen Fahrt, vom Bahnhofe direkt in seinen Klub.

Da er in Paris keine Wohnung besaß und das Hotel seiner Tante geschlossen war, fand er es sehr bequem, eines der Zimmer zu beziehen, welche die bedeutenden Klubs stets zur Verfügung ihrer Mitglieder bereithalten. Er gedachte, längstens acht Tage in Paris zu weilen, gerade so lange, als er Zeit brauchte, um seine Geschäfte im Ministerium zu ordnen und einige Einkäufe zu besorgen; dann wollte er sich nach Beaulieu begeben.

Seit mehr als einem Jahr war er von Frankreich abwesend. Inzwischen hatte er in der vornehmen russischen Gesellschaft jenes künstliche Pariser Leben geführt, das im Auslande als höchster Grad des feinen Tones gilt, welches aber der Lebensweise der Pariser großen Welt ebensowenig gleicht, wie ein Rheinkiesel einem Diamant von Wisapoor.

Die raffinierte Sittenverderbnis der Slaven hatte sich seiner gleichfalls bemächtigt und er fand großen Genuß an einer Existenz, welche asiatische Ueppigkeit mit europäischer Thätigkeit vereint. Die vornehmen Russinnen fesselten ihn mit ihrer Grazie und dem rätselhaften Zauber ihrer Schönheit; er wollte das Geheimnis dieser lächelnden Sphinxe mit den feurigen Augen und den drohenden Krallen ergründen. Als schöner, wohlerzogener Kavalier und Träger eines großen Namens war er viel gesucht und allmählich war das Bild seiner Verlobten, einst so treu seinem Herzen eingeprägt, verloscht, wie die schönen Pastellgemälde Latours, deren Farben mit der Zeit verblassen.

Fern von Claire fühlte er sich anfangs wie im Exil und beschloß, höchst zurückgezogen zu leben. Doch wie sich absondern, wenn man der jüngste Attaché der französischen Botschaft und von allen Seiten Gegenstand der liebenswürdigsten Zuvorkommenheiten ist! Nach acht Tagen streng beobachteter Zurückgezogenheit konnte Gaston sich nicht erwehren, an einem der Empfangsabende seines Chefs zu erscheinen. Er hielt seinen Einzug in die hohe Petersburger Gesellschaft.

Von diesem ersten Abende an wurde der junge Herzog der Liebling der russischen Aristokratie. Sein Großvater, zur Zeit der Revolution mit dem Grafen Artois emigriert, hatte mit Nesselrode, Pahlen, Gortschakow in nahen Beziehungen gestanden. Gaston wurde daher von den hervorragendsten Persönlichkeiten des Hofes mit schmeichelhafter Auszeichnung empfangen und dem Zar vorgestellt, der ihm mit außerordentlicher Gunst begegnete. Von heute auf morgen war die Stellung des fünfundzwanzigjährigen Diplomaten eine der wichtigsten geworden und seine Vorgesetzten, gewandt genug, um dessen Erfolge nicht zu verdunkeln, hofften, aus dem so rasch gewonnenen Einflusse ihres Untergebenen gelegentlich Nutzen zu ziehen.

War aber Gaston ein eleganter Kavalier und ein vollendeter Weltmann, so blieb er doch stets ein höchst mittelmäßiger Politiker. Er warf sich auf das Vergnügen und vernachlässigte die Intrigue und es unterlag bald keinem Zweifel, daß, wenn auch die Petersburger Gesellschaft einen brillanten Gast, Frankreich keinen nützlichen Diener in ihm gewonnen hatte.

Schwadronierend, von Blume zu Blume flatternd, glich der Herzog nicht der arbeitsamen Biene, die Honig erzeugt, sondern der glänzenden Wespe, die ihren goldenen Panzer in der Sonne funkeln läßt und auf Raub ausgeht. In wenig Wochen entwickelte er sich zum flottesten Lebemann, dessen gestählte Nerven den ermüdendsten Anstrengungen trotzten. Er hielt den renommiertesten Trinkern stand und alle Welt weiß, wie die Russen trinken können. Im Adelsklub spielte er einst eine zur Legende gewordene Partie Baccara, bei welcher die Spielenden den Tisch während drei Tagen und Nächten nur verließen, um ihre erschöpften Kräfte wiederherzustellen, und er besiegte schließlich seine gewaltigen Partner nicht etwa durch sein ausdauerndes Glück, sondern weil der Schlaf sie todmüde auf den Teppich hinstreckte. Die reizende Lucie Tellier, der französische Stern des Theaters Michel, wurde seine Geliebte und blieb es trotz aller Versuchungen der verschwenderischsten Bojaren. Eines schönen Tages jedoch, als er sie langweilig fand, wahrscheinlich weil sie ihm zu treu war, überließ er sie wieder der moskowitischen Galanterie.

Frau von Beaulieu hatte recht gehabt. Der Herzog war der Held der Saison und es gab kein richtiges Fest ohne ihn. Die reichsten Erbinnen richteten ihre Blicke hoffnungsvoll auf ihn; er wies jedoch alle Anträge zurück und wurde darum nur um so lebhafter begehrt.

Nach sechs Monaten hatte diese Existenz keinen Reiz mehr für ihn; er war vollständig blasiert und fand nur noch im Spiel ein Mittel gegen seinen Spleen. Sobald er eine Karte in die Hand nahm, war er Spieler mit Leib und Seele. Er spielte und zwar mit unverschämtem Glück, und jeden Morgen kehrte er, mit der seinen Partnern abgenommenen Beute beladen, heim, mit fahlem Antlitz, einen Staubgeschmack auf den Lippen, um alsdann erschöpft bis in den Nachmittag hinein zu schlafen. Gegen vier Uhr, wenn das Gas in der Stadt angezündet wurde, stand er auf, und so sah er während zwei Jahren kaum die Sonne. Er war ein Nachtschmetterling. Seine markierten Züge waren noch schön, aber der Reiz der Jugend, dieser Duft der frischen leidenschaftslosen Gesichter, war verschwunden. Er trug die Physiognomie eines Lebemannes; seine braunen Haare begannen an den Schläfen dünner zu werden, und das Auge, von unbestimmtem Blau, war tief eingefallen. Das tolle Leben, das er führte, drückte ihm von Tag zu Tag sichtbarer seinen unheilvollen Stempel auf. Seine Tante hätte Mühe gehabt, ihn wiederzuerkennen. Das war nicht mehr der junge schüchterne Mann mit der sanften Stimme, den Fräulein von Beaulieu mit ihrem resoluten männlich-festen Charakter lachend »Fräulein Gaston« nannte. Er besaß nichts mehr von jener anmutigen Weichheit, die ihn einst einem Mädchen ähnlich machte. Er war ein Mann, und zwar einer der gefährlichsten geworden, ein Skeptiker, der an gar nichts mehr glaubte und der sein Vergnügen über alles setzte. Das väterliche Blut, durch die ruhigen Freuden des Familienlebens abgekühlt, war ins Sieden geraten. Und dieses feurige, leidenschaftliche Geschlecht der Bligny, das seit Heinrich III. dem französischen Hofe die frivolsten Söhnchen, die verwegensten Wüstlinge, die galantesten Kavaliere und die liederlichsten Roués geliefert, fand in ihm einen Vertreter, der seinen Ahnen Ehre machte.

Eine Riesenkraft wohnte dem zierlichen Körper des jungen Mannes inne. So wie ehemals die verweichlichten Seigneurs, die Gesicht und Hände schminkten und eher ihren Pagen herbeiriefen, als daß sie sich bückten, um ihr Bilboquet aufzuheben; die sich in einer Sänfte tragen ließen, um die Strapazen des Reitens zu vermeiden, am Tage der Schlacht aber, mit hundert Pfund Eisen auf dem Körper, wie Rasende ins Getümmel stürzten und die heroischsten Thaten verrichteten, so hätte auch Gaston für einen nützlichen Zweck keine hundert Schritte zu Fuß gethan; aber er war imstande, einen ganzen Tag zu jagen oder mit dem Rapier in der Hand stundenlang auf die ermüdendste Art zu fechten.

Beim Spiele zeigte er sich in seiner ganzen Kraft. Er schien das Glück unter seinen Willen zu beugen und er gewann mit unerhörter Beharrlichkeit. Das schlechteste Spiel wurde gut, wenn er es übernahm; die Bank, die fortwährend verlor, solange er sie angriff, zeigte sich unerschöpflich, wenn er sie hielt. Zwei Jahre lang behandelte ihn Fortuna als verzogenen Liebling und man nannte ihn nur noch: »Gaston der Glückliche«.

Die Trümmer seines väterlichen Erbes, vermehrt durch die Hilfsquellen des Spieles, erlaubten ihm, auf großem Fuße zu leben. Er besaß ausgezeichnete Pferde, eine prächtige Wohnung und all den luxuriösen Komfort, der einem Weltmann gleich ihm unentbehrlich ist.

Nachdem Gaston den Abend im Theater oder in einer Familie zugebracht, bestieg er einen Schlitten und ließ sich spazieren fahren. In warme Pelze gehüllt, ließ er sich das Gesicht von dem eisigen Nachtwinde umwehen und stärkte auf diese Art seine Nerven zum Spiele. 11m zwei Uhr morgens kam er alsdann ganz erfrischt in den Klub, wo er seine Partner bereits übermüdet fand. Sein kühnes Wagen hatte daher volle Berechtigung, denn mit stoischer Gelassenheit nahm er an dem Spieltische Platz, und weder Gewinn noch Verlust konnten je über seine Ruhe triumphieren. Soweit die Erinnerung der Spieler reichte, hatte man nie eine schönere Haltung beim Spiele gesehen.

Er ging auch viel in Gesellschaft und bestand unzählige Liebesabenteuer, obwohl er kein leidenschaftliches Temperament besaß und ein viel zu gründlicher Egoist war, um zu lieben. In Wahrheit benahm er sich als bon prince und ließ die Schönen, die ihm Avancen machten, nicht verzweifeln. Er verabscheute Thränen und wollte niemandem Kummer bereiten, aus Furcht vor Klagen und Vorwürfen.

Ein einzigesmal glaubte er sich tiefer getroffen, aber die Folge bewies, daß er sich geschmeichelt hatte. Eine der vornehmsten Damen der russischen Gesellschaft, die Gräfin Woresew, berühmt durch ihre blonden Haare und ihre Smaragde, verliebte sich in ihn. Von ihrem eifersüchtigen Gatten streng überwacht, konnte die schöne Gräfin Gaston weder sprechen, noch ihm schreiben. Der Herzog, der sehr verliebt war, vergaß fast seine Karten. Er folgte der Gräfin in alle Gesellschaften und walzte mit ihr unter den düster flammenden Blicken des Grafen, fand jedoch keine Gelegenheit, sich ihr im geheimen zu nähern.

Um den Gemahl irrezuführen, fingierte Gaston eine Reise nach Moskau, verschwand für zwei Tage und kehrte insgeheim zurück. Der dadurch getäuschte Graf milderte seine Ueberwachung und die schöne Russin konnte dreimal den Herzog besuchen. Die Gräfin ließ ihren Wagen vor dem Hauptportale von Saint-Alexis halten, betrat die Kirche, und dieselbe sofort durch eine Seitenpforte verlassend, ging sie leichten Fußes zu ihrem Rendezvous. Beim dritten Besuche wurde sie von dem Lakai verraten, der ihr heimlich gefolgt war und rasch den Grafen benachrichtigte.

Dieser eilte wütend zu Bligny, mußte jedoch erst im Vorzimmer mit dem Diener, einem Pariser, durchtrieben wie Mascarille, parlamentieren. Während dieser Zeit suchte die reizende Gräfin entsetzt mit Gaston nach einem Ausgang, bei welcher Gelegenheit sich die Muskelkraft des jungen Mannes in glänzendster Weise bewährte.

Das Badezimmer seines Palais lag nach dem Hofe des benachbarten Hauses, aber das Fenster des Zimmers war durch Eisengitter verschlossen. In einem Momente, mit einer fürchterlichen Anstrengung seiner bis zum Zerreißen angespannten Muskeln bog er das Gitter auseinander und Frau Woresew konnte ungesehen entfliehen.

Einige Sekunden später empfing Herr von Bligny ruhig lächelnd den Grafen und dieser war genötigt, seinen schlecht begründeten Verdacht zu gestehen und sich unter Entschuldigungen zurückzuziehen.

Da jedoch sorgfältige Nachforschungen die Richtigkeit seiner Vermutung feststellten, beschloß Woresew, den Herzog zu einem Duell zu zwingen. Er begab sich in den Klub und übernahm die Bank. Nachdem die Karten verteilt und Gaston abgehoben hatte, erklärte der Graf plötzlich nicht weiter spielen zu wollen. Der Herzog verlangte kalt eine Erklärung, der Graf verweigerte sie und eine Herausforderung folgte.

Das Benehmen des Grafen wurde einstimmig getadelt; aber der Zweck, den der beleidigte Gatte angestrebt, war erreicht. Am nächsten Morgen fand das Rencontre statt. Man schlug sich bei grimmiger Kalte in einem Birkenwäldchen auf Pistolen, zwanzig Schritt Entfernung, Feuer nach Belieben. Gaston, voll Respekt für sein eigenes Leben, zeigte sich jedoch keineswegs großmütig gegen den Gatten seiner Geliebten und jagte beim ersten Zeichen seinem Gegner eine Kugel in den Unterleib. Der Graf, auf den blutgeröteten Schnee hingestreckt, erhob sich hierauf mit wilder Energie und zielte, auf den Ellbogen gestützt, kalt nach Bligny. ... Aber die Schwäche, die ihm der Blutverlust verursachte, ließ seine Hand zittern und er traf den Herzog bloß an der Schulter.

Der Graf genas von seiner lebensgefährlichen Verwundung und auch Gaston konnte nach Verlauf von sechs Wochen sein gewohntes Leben wieder beginnen.

Doch seltsam! Die Kugel des Grafen Woresew schien die Glücksader des jungen Herzogs entzweigerissen zu haben. War's das verlorne Blut, welches das glückliche Gleichgewicht seiner Fähigkeiten gestört hatte? Oder hatte das Glück treulos seinem Günstling den Rücken gekehrt? Genug, seit jenem Tage war er mit dem Erfolge entzweit und verlor unablässig.

Seine stolze Sicherheit verließ ihn und er lernte die Pein des Spielers kennen, der schlechte Karten wittert. Er warf sein Geld nicht mehr mit der Zuversicht des Siegers auf den Spieltisch; er beherrschte seine Partner nicht mehr durch seine unerschütterliche Ruhe; er erbleichte jetzt und die zitternden Hände trommelten nervös auf dem Tische. Die schwarzumränderten Augen blickten düster unter den zusammengezogenen Brauen und die weißen Zähne bissen krampfhaft in die Lippen. Mutlosigkeit und Schwäche überfielen ihn und seine ehemals so viel bewunderte Haltung erschlaffte und brach zusammen. Stufenweise sank er von der Höhe des Erfolges hinab, die er im Triumphe erstiegen hatte. Der Spielgewinn verschwand unglaublich rasch und der Herzog geriet in Geldverlegenheit. Er entschloß sich zu Anleihen – diesen Vorboten nahenden Sturzes – und gezwungen, sich an die Hilfe anderer zu wenden, verlor er das Vertrauen zu sich selbst. Er, der einst als Meister galt, den das blinde Glück über seine Gefährten erhob, der sich als Souverän dieser Weltkinder gefühlt und stolz auf diese Ueberlegenheit gewesen, sah nun sein Piedestal zusammenstürzen; denn von dem Tage an, wo er nicht mehr gewann, hörte er für diese Spieler zu existieren auf. Kam er nun in den Klub, so wurde er nicht mehr mit aufmerksamem Schweigen empfangen. Ein paar alltägliche Begrüßungen ... und niemand wendete sich seinetwegen vom Spiele ab. Er verlor sich in den gleichgültigen Gruppen; man fürchtete ihn nicht mehr.

Trotzdem war seine Leidenschaft für das Spiel nie so heftig gewesen, als gerade in dieser schweren Epoche. Er berechnete seine Züge nicht mehr, sondern griff seine Gegner mit blinder Wut an und gewann und verlor in einer Nacht ungeheure Summen. Er war nicht mehr der geschickte stolze Kavalier, der sein Roß beherrscht, er war der entsetzte, sinnlose Jockey, der, von dem schwindelnden Galopp seines Pferdes fortgerissen, nicht mehr versucht, es zu lenken, und der viel näher daran ist, die Knochen zu brechen, als das Ziel zu erreichen.

Gaston erreichte in der That das Ziel nicht. Wenn Fortuna auch hie und da ihm wieder lächelte, so verstand er nicht mehr ihre Gunst zu benützen und verlor in seiner Spielwut alles wieder, was er gewonnen hatte.

Der Botschafter rettete ihn von einer unausbleiblichen Katastrophe, indem er ihn mit einer Mission nach Paris schickte. Das Duell mit dem Grafen Woresew hatte einen schlechten Eindruck in den höchsten Kreisen gemacht; der Diplomat fand es daher klug, den Herzog für einige Zeit zu entfernen und er erteilte ihm einen dreimonatlichen Urlaub. Dieser Urlaub, den Gaston aus Eigenliebe nie freiwillig gefordert hätte, damit es nicht den Anschein habe, als verließe er besiegt das Schlachtfeld, kam ihm sehr gelegen und er empfing ihn mit großer Freude.

Er sah, daß es in Petersburg mit seiner Rolle zu Ende sei und er beeilte sich demgemäß, zu verschwinden, um sich zu sammeln und einen neuen Lebensplan zu entwerfen. Es blieben ihm nur noch fünfzigtausend Franken als letzter Fonds seiner Spielbörse, die eine Zeitlang wahre Schätze geborgen hatte. Mit der Verarmung änderten sich auch seine Gedanken. In dem Taumel seines schwelgerischen Lebens hatte er die Erinnerung an Claire verloren. Jetzt begann er wieder an seine Verlobte zu denken. Der freundliche, stille Salon des Hotels Beaulieu, in welchem Claire geduldig, vielleicht seufzend seiner harrte, erschien ihm plötzlich in seinem früheren Reize, und auch die alte Liebe glaubte er wieder im Herzen zu verspüren. Er schwor, dem fieberhaften, tollen Leben zu entsagen, das ihm so viele bittere Freuden und grausame Sorgen gebracht. Auch der Gedanke, daß, wenn er selbst die Trümmer seines väterlichen Erbes vergeudet hatte, Fräulein von Beaulieu hingegen ein bedeutendes Vermögen besaß, trug nicht wenig dazu bei, ihn in seinen guten Vorsätzen zu bestärken.

Mit einmalhunderttausend Franken Renten, ihrer Mitgift, konnte man, wenn man sechs Monate auf den Gütern weilte, während des andern Halbjahres einen standesgemäßen Haushalt in Paris führen. Diese Ideen verliehen ihm neue Thatkraft. Er fühlte, daß er ein anderer Mensch und wieder sanft und gut werden könne. Mit wonnigem Entzücken genoß er diese Rückkehr zu seinen ersten Jugendträumen, und als der Zug in den Glashallen des Nordbahnhofes hielt, begrüßte er freudig und leichten Herzens Paris, von dem entfernt sein Geist und sein Herz sich so schwer verirrt hatten.

Es war abends. Wie ein Kind vergnügte er sich damit durch das Wagenfenster auf die lange, mit unzähligen Gasflammen besäte Rue Lafayette hinauszublicken. Das Getriebe der großen Stadt griff ihm mächtig ans Herz. Es schien ihm als hätten die Vorübergehenden in ihrem ganzen Wesen eine ihnen speciell eigene Lebendigkeit und Regsamkeit; der Straßenverkehr war ein höchst geräuschvoller. Beim Faubourg Montmartre geriet er in ein Wagengedränge; die Kutscher schrieen und eiferten gegeneinander und die eiligen Fußgänger glitten dicht unter den Köpfen der Pferde hinweg. Endlich konnte der Wagen weiterfahren, zuerst längs der großen Gartenmauer des Hotel Rothschild hin, dann bog er in die Rue du Helder und plötzlich sah sich der Herzog mitten auf dem Boulevard.

Eine heftige Gemütsbewegung erfaßte ihn. In endloser Folge bewegten sich die Kutschenreihen zur Oper. Im Hintergrunde bequemer Landauer erblickte man schöne Frauen in eleganten Ballhüllen, den Kopf mit Spitzenshawls umgeben. Elektrische Sonnen, welche die Fassade des Theaters mit bleichem, weißlichem Lichte übergossen, ließen die Helme der Stadtsergeanten funkeln, die hoch zu Roß unbeweglich inmitten des Platzes hielten. Die Auslagen der Kaufläden hoben sich flammend von den Trottoirs ab, die schwarz von Menschen waren. Es war das bezaubernde Bild der Pariser Nächte, welches sich hier in seiner unwiderstehlichen Gewalt und seiner ganzen Pracht und Fülle entrollte.

Ermüdet von der langen Eisenbahnfahrt, begab sich der Herzog sogleich nach seiner Ankunft im Klub in das für ihn reservierte Zimmer und schlief in einem Zuge bis zum nächsten Morgen.

Gaston war nicht lange genug von Paris entfernt gewesen, als daß er die süßen Gewohnheiten des Boulevardiers verloren hätte. Er faßte sofort auf dem Asphalt Fuß; der garstige russische Firnis verduftete und er fühlte sich wieder Pariser vom Scheitel bis zur Sohle. Zwei Tage war er trunken von Paris, er fuhr in den Champs Elysées, im Bois spazieren, flanierte im »Hotel des Ventes« umher und wandelte entzückt die kurze Strecke zwischen der Magdalenenkirche und dem Boulevard Montmartre auf und nieder, glücklich mit seinen Bekannten Grüße wechseln und seinen Freunden die Hand drücken zu können. Er besuchte die kleinen Theater und fand die dümmsten Stücke köstlich. Sein inneres Behagen strömte in maßlosem Enthusiasmus über. Im Grunde fühlte er sich wie erlöst, seitdem er Rußland verlassen hatte. Der Bann war gebrochen; nun war er frei und erleichtert atmete er auf.

Seine Geschäfte im Ministerium waren in drei Tagen geordnet und er beschloß, zu Ende der Woche abzureisen, um Claire und ihre Mutter zu überraschen. Im Voraus genoß er schon die Freude dieser Ueberraschung, hörte er ihre Freudenrufe. Um ein Königreich hätte er nicht auf dies Vergnügen, unvermutet anzukommen, verzichten mögen.

Er hatte einen sehr schönen Verlobungsring gekauft, einen großen Saphir, von Brillanten umgeben. Schon sah er Claire vor sich, wie diese, süß lächelnd, ihm ihren rosigen Finger reichte, damit er selbst ihn mit dem goldenen Reifen schmücke. Und diesmal war es ernst, der Ring war das erste Glied der Kette, die beide bald für immer umschließen sollte.

Am Abende vor seiner Abreise bemerkte der Herzog bei der Rückkehr vom Theater eine ungewöhnliche Lebendigkeit im Klub. Er erkundigte sich nach der Ursache und erfuhr, daß im Festsaale eine außerordentliche Vorstellung stattfinde. Ein vornehmes, auserlesenes Publikum war versammelt, um »Die Erziehung der Prinzessin« anzuhören, eine Operette in zwei Akten, komponiert von Jules Trélon, Text vom Herzog von Féras, zwei talentvollen Männern aus den besten Gesellschaftskreisen.

Die Darstellung versprach eine sehr glänzende zu werden. Madame Judic gab die Prinzessin unter Mitwirkung einiger adeliger Dilettanten und der ersten Kräfte der Variétés, des Palais Royal und des Gymnase.

Man erwartete einen großartigen Erfolg und alle Welt kam gleichzeitig sehr früh an, um einen guten Platz zu erhalten. Das geräumige, mit prächtigen Tapeten geschmückte Vestibule war vom Gemurmel fröhlicher Stimmen, vom Rauschen der seidenen Toiletten, die von ihren Trägerinnen mit graziöser Handbewegung wieder zurecht gebracht wurden, und der warmen, mit den feinsten Parfüms gesättigten Luft erfüllt. Anstatt, wie er beabsichtigte, sich zur Ruhe zu begeben, warf der Herzog seinen Ueberrock einem Lakai zu und folgte der eintretenden Menge.

So entscheidet oft ein höchst geringfügiges Ereignis das Geschick der Menschen. Als der Herzog sich entschloß, die Operette anzuhören, ahnte er keineswegs, daß er damit seine ganze Zukunft wesentlich umgestalten sollte.

Der Festsaal erglänzte in strahlendem Lichte. Auf den Sesseln hatte Kopf an Kopf die zahlreiche Gesellschaft Platz genommen. Ein buntes Gemisch von Atlas, Samt und Seide, eine Skala der funkelndsten Farbentöne, aus denen das schimmernde Weiß nackter Schultern hervorleuchtete, das Ganze von leisem Schwirren der Fächer wie von zarten Flügelschlägen bewegt.

Das Summen der mit flüsternder Stimme geführten Konversation wurde von Zeit zu Zeit lebhafter, sobald irgend eine berühmte Persönlichkeit den Saal betrat.

Der Herzog wendete sich einer Gruppe schwarzer Fräcke zu, unter denen er einige Freunde erkannt hatte. In ihrer Mitte thronte Herr Escande, ein junger Notar und künftiger Erbe von Millionen. In tadellos eleganter Kleidung redete er mit wichtigthuender Miene, aber der unerwartete Anblick des Herrn von Bligny schien seine flinke Zunge in ihrer Behausung festzunageln. Verblüfft, mit offenem Munde starrte er den Herzog an, der sich lächelnd näherte. Das plötzliche tiefe Schweigen der Umstehenden wurde durch den Ausruf: »Ach, das ist wirklich jammerschade!« unterbrochen. Diese in betrübtem Tone ausgestoßene Bemerkung kam von einem großen, alten, kahlköpfigen Herrn, mit rotem Gesichte, weit abstehenden, von gelben Haarbüscheln beschatteten Ohren und steifem, durch eine breite weiße Kravatte in die Höhe gehobenem Kinn. Seine Kleidung verriet den ehemaligen Kaufmann; große Diamantenknöpfe prangten an dem Chemisett, während die ausgeschnittenen Lackschuhe weiße Baumwollstrümpfe sehen ließen.

Bligny hatte seinen Freunden die Hand geschüttelt und betroffen von dem Schweigen, das ihm sehr beredt erschien, wollte er eben fragen, weßhalb sein Erscheinen den Umstehenden ein so sichtliches Mißbehagen einflöße, als der alte Herr sich an einen der Freunde des Herzogs wendete und ihm, laut genug, um gehört zu werden und eine Weigerung unmöglich zu machen, ins Ohr raunte: »Bitte, lieber Freund, stellen Sie mich dem Herzog vor.«

Der Freund zeigte eine verdrießliche und zugleich erstaunte Miene, die sonnenklar zu sagen schien: Was hat denn dieser Kerl wieder für verrückte Einfälle? Nach kurzem Zögern entschloß er sich endlich.

»Mein lieber Herzog ... Herr Moulinet ...«

»Industrieller,« fügte lebhaft der Mann mit den Diamantenknöpfen hinzu, »ehemaliger Richter beim Handelsgerichte ...« Und mit gerührter Miene der Hand des jungen Mannes sich bemächtigend, fuhr er fort:

»Ich habe die Ehre, Herr Herzog, Ihre Familie zu kennen. Fräulein Moulinet, meine Tochter, wurde mit Fräulein von Beaulieu, Ihrer Cousine, im selben Kloster erzogen. Ja, mein Herr, im Sacré-Coeur, dem ersten Erziehungs-Institute von Paris ... Aber für meine Athénaïs war mir nichts zu viel. Das Beste schien mir nicht gut genug für sie ... und ich bitte Sie, zu glauben, daß ich mit großem Bedauern die betrübende Nachricht ...«

Seit einem Augenblicke machte Herr Escande sehr sonderbare Bewegungen. Auf die Gefahr hin, sein Hemd zu zerknüllen und den künstlich geschlungenen Knoten seiner Kravatte zu derangieren, gab er mit den Armen telegraphische Zeichen, stampfte mit den Füßen, stieß mehrere »Hm, Hm« aus ... doch vergebens ... Herr Moulinet, der zu sehr in seine Mitteilungen vertieft war, oder absichtlich nicht verstehen wollte – die späteren Ereignisse lassen das letztere vermuten – fuhr in seinen Beileidsbezeugungen fort ...

»Verzeihen Sie,« unterbrach ihn der Herzog, die Stirne runzelnd, »ich verstehe Sie nicht ... Sie sprechen von einer betrübenden Nachricht, die unsere Familie berührt und insbesondere Fräulein von Beaulieu betrifft. Ich weiß nicht, was das heißen soll. Wollen Sie gefälligst, ich bitte, sich deutlicher erklären,«

Die Aufregung des Herrn Escande erreichte den höchsten Grad und als Moulinet mit gesenktem Kopfe schwieg, als wäre ihm die Antwort peinlich, ergriff der junge Notar das Wort, indem er sich dem Herzog näherte.

»Mein Gott, lieber Herzog,« begann er mit feierlichem Tone, »ich bedaure unendlich, daß Sie heute abend und an einem Orte, der sich für eine derartige Mitteilung so wenig eignet, die traurige Thatsache kennen lernen sollen, auf welche Herr Moulinet eben anspielte ... Indes, da Sie dieselbe morgen ohnehin erfahren würden, so zögere ich nicht länger, Sie von dem Vorgefallenen zu unterrichten. Eben als Sie eintraten, hatte ich diesem Herrn hier erzählt, daß ich, heute aus England zurückgekehrt, als erster erfahren habe, daß der Prozeß, den die Familie von Beaulieu gegen die Seitenlinie in England führte, verloren sei, ohne daß eine Appellation möglich wäre ...«

Bei dieser unerwarteten Nachricht erbleichte der Herzog. Der Verlust dieses Prozesses, auf den die Marquise so große unzweifelhafte Hoffnungen gesetzt, bedeutete den Ruin Claires. Gaston machte indes eine gewaltsame Anstrengung, um seinen Schrecken zu verbergen und entgegnete mit zurechtweisendem Ton:

»Erlauben Sie mir, mein lieber Notar, über die Leichtfertigkeit zu staunen, mit der Sie diesem Herrn hier Mitteilungen machen, welche die Familie von Beaulieu betreffen. Ich dachte nicht, daß die Angelegenheiten der Meinen Stoff böten zur Unterhaltung Unbeteiligter und zu müßigen Klatschereien. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie in Zukunft etwas zurückhaltender sein wollten ...«

Der junge Notar erbebte bei diesen Worten. Seine Gesichtsmuskeln zuckten vor Aufregung, er schüttelte den Kopf und begann mit verletzter Miene:

»Aber mein lieber Herzog, glauben Sie doch ...«

»Ich glaube, was ich glauben muß,« unterbrach ihn trocken der Herzog und entfernte sich mit seinen Freunden.

Moulinet und Escande, die allein zurückgeblieben, sahen sich eine Weile sprachlos an, dann begann der Industrielle mit sauerm Lächeln:

»Stolzes Blut diese Blignys! Sie sind ordentlich abgetrumpft worden, nicht wahr, mein lieber Notar? Und ich habe auch meinen Teil weggekriegt. Liegt übrigens nicht viel daran. Wildes Blut! Wildes Blut! Und dazu ruiniert?«

»Bis auf den letzten Heller,« entgegnete verächtlich der Notar, »und das spielt dann den großen Herrn, befiehlt, erteilt Zurechtweisungen. ...«

»Und wie ausgezeichnet! Ja, sehen Sie, mein lieber Notar, die Revolutionen können immerhin Gleichheit proklamieren, diese Leute werden uns doch nie als ihresgleichen betrachten. Uebrigens wäre dieser Herzog ein vorzüglicher Gatte für ein reiches Mädchen ...«

Die drei mit feierlicher Langsamkeit ertönenden Hammerschlage, welche den Beginn der Vorstellung anzeigen, unterbrachen die Konversation. Escande und Moulinet setzten sich und der Herzog hatte ebenfalls unweit von ihnen Platz genommen.

Die Ouvertüre begann. Ein Walzer mit leicht beschwingtem Rhythmus ließ seine süß schmeichelnde Melodie erklingen. Gaston, scheinbar aufmerksam lauschend, war insgeheim mit seinen stürmenden Gedanken beschäftigt. Der Blitzschlag, der das Vermögen des Fräuleins von Beaulieu, seiner Verlobten, getroffen, vernichtete auch seine Zukunft; denn keinen Augenblick, wir müssen es zu seinem Lobe gestehen, dachte er daran, sein Versprechen nicht zu halten. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß er eine andere als Claire zur Frau nehmen könnte. In seiner Brusttasche trug er das weißsamtene mit den vereinigten Wappen der Beaulieus und Blignys gezierte Etui, das den Verlobungsring umschloß; aber durch sein Wort hielt er sich viel fester gefesselt, als durch das Symbol dieses Goldreifens.

Und dennoch! Claire ohne Vermögen bedeutete die Mittelmäßigkeit fürs ganze Leben, die Notwendigkeit, als Landedelmann zu vegetieren, sich wie ein wildes Tier in einem Provinzschlosse zu verbergen, und, aus Furcht vor unnützen Ausgaben, mit niemandem zu verkehren. Das war für den schönen, verführerischen und gesuchten Gaston ein Einsargen in der Vollkraft und im Vollglanze des Lebens. Bitter bereute er nun, ungeheure Summen leichtsinnig vergeudet zu haben. Freilich war dies bloß im Spiele gewonnenes Geld, aber schließlich war es doch Geld und in unserer prosaischen Zeit, wo jeder nur nach seinem pekuniären Werte geschätzt wird, ohne reiche Mittel leben zu müssen, hieß für ihn gar nicht leben.

Sodann dachte er gerührt an die Verzweiflung Claires und ihrer Mutter ... noch ahnten sie nichts, da doch dieser Dummkopf von Escande die verhängnisvolle Nachricht erst ganz frisch aus England gebracht. Gaston nahm sich vor, seine Reise zu beschleunigen, um früher bei seinen Lieben einzutreffen, sie zu trösten und den harten Schlag durch seine Gegenwart zu mildern.

Inzwischen hatte der Vorhang sich erhoben und zeigte eine blühende Sommerlandschaft. Ein Chor von Schnittern und Schnitterinnen sang nach einer Tanzmelodie:

»Schöne Mädchen, singet doch.
Und ihr Knaben auch,
Eure Sicheln schwinget hoch,
Wie's der Schnitter Brauch.«

Und als hatte dieser kurze banale Vers ihm einen neuen Ideengang eröffnet, sah er sich plötzlich in Beaulieu unter dem klaren, blauen Himmel eines warmen Sommertages, wahrend auf den nahen Getreidefeldern die Schnitter singend ihre Garben banden. An der Seite des geliebten Mädchens fühlte er sich glücklich in seiner Armut. Es war eine heilige Ruhe und ein süßer Friede nach den stürmischen Kämpfen seines kurzen Weltlebens! Willig überließ er sich dieser Empfindung und sing an, in der Mittelmäßigkeit, zu der ihn Claires Vermögensverlust verdammte, ungeahnte fesselnde Befriedigung vorauszusehen.

Auf der Bühne sang die Judic mit ihrer schmeichlerisch süßen Stimme in leidenschaftlicher Glut:

»Komm'! All der Größe ich gern entsage,
Hinweg vom Hof, hinweg von dem Palaste!«

Und mit schelmischem Blicke antwortete der Chevalier Alphonse von Rouflaquette:

»Nicht doch! Die Größe schließet nicht die Liebe aus;
Bewahre Macht und Reichtum für die Tage,
Wo du sie deinem Alphonse bieten magst.«

Herr Moulinet, der lang ausgestreckt in seinem Sessel lag, wiegte den Kopf wie ein Bär, der die Flöte blasen hört. Weit entfernt, den Abenteuern der Bühnenprinzessin zu folgen, beschäftigten sich seine Gedanken mit einer andern Prinzessin ... es war dies seine Tochter, die braune Athénaïs. Er sah sie im Kloster als kleines Mädchen mit ihrem zu kurzen Kleide, ihren plumpen Schuhen und roten Händen, mit der eckigen, in voller Entwicklung begriffenen Gestalt und den verschwommenen, undankbaren Zügen. Sie kam zu ihm ins Sprechzimmer, inmitten der andern elegant gekleideten, vornehmen Pensionärinnen, die mit geringschätzenden Blicken die Kaufmannstochter maßen, Papa Moulinet war damals noch nicht reich, hatte noch nicht seine große Schokoladefabrik in Villepint gegründet, noch nicht die im Marktschreierstil verfaßten, auf blaues Papier gedruckten Prospekte erfunden, welche später seine Erzeugnisse bis in die entferntesten Ortschaften Frankreichs verbreiteten.

Er verkaufte zu jener Zeit Kolonialwaren en gros und die vornehmen Damen genierten sich nicht, laut ihr Erstaunen darüber zu äußern, daß die Erbin des »Krämers« in dem Pensionate Aufnahme gefunden. Das Echo der kleinen Intriguen der Klasse war bis zu ihm gedrungen, er wußte, mit welcher Arroganz seine Tochter von den adeligen Zöglingen behandelt wurde. Und an der Spitze dieser oppositionellen Koterie stand, wie er sich erinnerte, das stolze Fräulein von Beaulieu.

Wie oft hatte er seine Tochter Worte des Zornes und des Hasses gegen ihre Feindin ausstoßen hören. Weinend schwor sie, daß sie sich einstens rächen würde. Und war er nicht heute gekommen, der Tag der Rache, ohne daß man selbst nur die Hand dazu gerührt hätte? Athénaïs Moulinet war heute eine der reichsten Erbinnen von Paris und die hochmütige Claire von Beaulieu ein armes Mädchen ohne Mitgift. Die Tochter des »Krämers«, gekleidet von Worth, vorteilhaft frisiert, umgeben von Luxus, war wie umgewandelt und, beleuchtet von ihrem Millionenschimmer, galt sie heute als eines der schönsten Mädchen der Geldaristokratie. Die Tochter der Marquise hingegen in bescheidener einfacher Kleidung lebt in der Provinz, muß im Dunkel verschwinden und wird – wer konnte es wissen – vielleicht sogar auch auf die seit langen Jahren geplante Verbindung verzichten müssen.

Herr von Bligny, ein so glänzender Kavalier, Träger eines so schönen Namens! Wie oft, wenn der junge Herzog mit seiner Tante, der Marquise, ins Sacré-Coeur kam, um Claire zu besuchen, hatte Athénaïs vor Wut gezittert, wenn sie die beiden beisammen sah, denn sie ahnte, daß sie für einander bestimmt seien. Claire sollte Herzogin werden. Und sie, Athénaïs? Sie würde sicherlich irgend einen Notar oder einen Industriellen heiraten und die Mutter gleich ihr gedemütigter Töchter und von oben herab behandelter Söhne werden.

Bei diesem Gedanken zuckte ein stolzes Lächeln um seinen Mund. Er lehnte sich zurück, und mit der Hand in eine seiner Taschen fahrend, aus der bald ein leiser Klang durcheinander geworfener Goldstücke ertönte, murmelte er: »Warum denn das? Erlauben es meine Mittel etwa nicht, ihr den Gemahl zu bezahlen, der ihr gefällt?« Er wendete sich mit ernsthafter Miene um und, seine Augen über die glänzende Versammlung gleiten lassend, schien er hier den passenden Schwiegersohn zu suchen. Wer war der Kühne, der seine Athénaïs zurückweisen würde, wenn diese einen Check von unbeschränktem Werte in der Hand hält! War's ein Graf, ein Marquis? Welche Summe war erforderlich, um ihn sich zu verschaffen? Man brauchte sie nur zu nennen. Moulinet konnte ebenso leicht zehn Millionen wie eine geben. »Herbei zur Auktion, ihr Herren, der Vater ist reich genug, für seine Tochter einen Prinzen zu kaufen!«

Sein Blick wurde kühn, fast drohend; er irrte flüchtig auf all diesen unbekannten Gesichtern umher und blieb an dem Herzog von Bligny haften. Der junge Mann sah düster genug darein. »Er denkt an seine Cousine,« sagte sich Moulinet, und eine lebhafte Aufregung erfaßte ihn. In welch sonderbaren Ideengang verlor sich nun Moulinet? Gewiß hatte er selber es nicht deutlich anzugeben vermocht; genug, der Beginn eines Projekts keimte bereits in seinem rechnenden Gehirne.

Laute Beifallsrufe durchrauschten den Saal. Der Vorhang war gefallen, der erste Akt der Operette war vorüber. Der Herzog hatte sich erhoben und, begleitet von seinen Freunden, schritt er mit gleichgültiger Miene dem Ausgange zu. Moulinet folgte ihm mit den Augen, dann verließ auch er seinen Platz und entfernte sich gleichfalls in derselben Richtung wie die jungen Leute.

Die Spielpartie im ersten Stocke ließ sich durch das Fest nicht stören und die für das Spiel reservierten Säle blieben ruhig und schweigsam. Nur hie und da drang ein Refrain der Operette wie ein leises Gesumme zu den Ohren der Spieler. Nichts vermochte indes, sie zu zerstreuen. Sie wußten gar wohl, daß man unten sich belustige; aber was lag ihnen daran? Ihr Vergnügen war an diesen Tisch in Hufeisenform gefesselt, unter den glühenden Gasflammen, welche ihr Gehirn austrockneten.

Elegant geschmückte Frauen in duftenden frischen Toiletten hatten sich wie ein Blumenstrauß um die Spielenden gruppiert, doch sie wurden von ihnen kaum beachtet. Die Coeur- und Pikdame erschien ihren Augen weit anziehender. Unempfindlich gegen die Reize des Festes, gegen den Klang der Musik und des Gesanges fuhren sie in der drückenden, entnervenden Hitze des Saales fort, Geld über den grünen Tisch rollen zu lassen.

Mechanisch war der Herzog nach dem Spielsaal geschritten, absichtslos hatte er seinen Weg dem Zufalle überlassen. Oder war es sein Geschick, das ihn nach so heldenmütigen Vorsätzen wieder an den Rand des grünen Tisches führte? Der Banquier hatte eben sein: »Messieurs, faites votre jeu!« gerufen. Der Herzog zog ein Tausendfrankenbillet aus der Tasche und ließ es nachlässig auf den Tisch fallen. Er gewann. Ueberrascht, daß der Erfolg sich ihm neuerdings zuwende und neugierig, ob sein Glück auch anhalten würde, setzte er sich nieder. In demselben Augenblicke betrat Moulinet den Spielsaal. Es war das erste Mal, daß er den Fuß hiehersetzte, denn er verabscheute aus Princip das Hazardspiel und wollte nur durch Geschicklichkeit das Glück errungen wissen. Er näherte sich dem Tische, und das Tausendfrankenbillet des Herzogs erblickend, legte er ernsthaft ein Zehnfrankenstück daneben.

Moulinet wünschte offenbar das Recht zu haben, den Herzog beobachten zu dürfen, und da er nicht unbescheiden scheinen mochte, erkaufte er sich durch das Spiel dieses Recht. Moulinet war eben ein Mann, der im gegebenen Fall Konzessionen zu machen wußte.

Das Spiel dauerte fort, doch das Glück hatte sich gewendet. Es schien, als hätten die zehn Franken des tugendhaften Industriellen den Zauber gebrochen. Bligny erbleichte, und neuerdings von seiner Leidenschaft erfaßt, wagte er wütend seine letzten Bankbillette: Moulinet, der den Spielgewinn verachtete, fuhr fort, zehn Franken zu setzen.

Als gegen Tagesanbruch das Spiel aus Mangel an Spielern endete, hatte der Herzog vierzigtausend Franken verloren, während Herr Moulinet, befriedigt über das Geschick des Verlobten des Fräuleins von Beaulieu, schon lange fest und ruhig in seinem prächtigen Hotel auf dem Boulevard Malesherbes schlief.

Zu derselben Stunde, als Gaston seinem Vorsatz gemäß den Frühzug besteigen sollte, um nach Beaulieu zu fahren, begab er sich mit ausgehöhltem brennenden Kopfe auf sein Zimmer und, am Fenstergeländer lehnend, sah er den Straßenkehrern zu, die eben ihr Tagwerk begannen. »Ich habe mir heute nacht eine Dummheit zu schulden kommen lassen,« rief er, »aber diesen Abend reise ich ab. Zum Teufel mit dem Baccarat!« Er kleidete sich um, stieg hinab und ließ sich in das Bois de Boulogne fahren. Abends reiste er nicht ab, sondern kehrte zum Spieltische zurück.

Während dieser Zeit erwartete Claire, unerschütterlich in ihrem Vertrauen und unwandelbar in ihrer Liebe, die Rückkehr ihres Verlobten.

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