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Der Hüttenbesitzer - Erster Band

Georges Ohnet: Der Hüttenbesitzer - Erster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/ohnet/huetten1/huetten1.xml
typefiction
authorGeorges Ohnet
titleDer Hüttenbesitzer ? Erster Band
publisherVerlag von J. Engelhorn
seriesEngelhorn's Allgemeine Romanbibliothek
volumeErster Jahrgang. Band 1.
year1884
firstpub
translatorJ. Linden
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created200800908
projectid475d60f0
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Zehntes Kapitel

Es war bereits ein Uhr nach Mitternacht, als Susanne in ihrem weißen Kleide noch vor Beendigung der Namensunterzeichnung die Sakristei verließ und mit Windeseile in den Gemächern der Neuvermählten erschien. Vor dem hohen, in Sandstein gemeißelten Kamin des kleinen Salons kniete die treue Brigitte und schürte mit kräftiger Hand das große Feuer, das mit seinem Scheine die blumenbemalte Kaminplatte erhellte.

»Wie, Fräulein Susanne,« rief Brigitte aus, »Sie kommen schon aus der Kirche zurück? Ist die Trauung denn schon beendigt?«

»Jawohl, vollständig fertig, meine Gute, und darauf habe ich die ganze Gesellschaft im Gespräche mit unserem lieben Pfarrer verlassen, um hierher zu eilen und nochmals nachzusehen, ob wir nichts vergessen haben. Wir haben nun eine neue Herrin im Hause, Brigitte, und müssen trachten, daß es ihr bei uns gefällt.«

»O, mein Gott, wie sollte es ihr denn bei uns nicht gefallen,« rief Brigitte, »wenn sie die Frau von unserem Philipp wird? Und ist der Vogel hübsch, so ist unser Käfig gleichfalls nicht übel.«

Dabei warf das Mädchen einen bewundernden, liebkosenden Blick auf das prächtige kunstvolle Mobiliar à la Henri III.; welches den hohen Raum schmückte, auf die großen Fauteuils mit den geschnitzten Lehnen, die niedrigen Kredenzen mit den geschweiften Füßen und die Tapeten von Cordovaleder, deren von der Zeit gebräunter Goldglanz bescheiden im Schatten funkelte. Durch eine halb geöffnete Thür erblickte man das Schlafzimmer, das von einer Lampe, deren Schimmer in dem Spiegelglas eines herrlichen Schranks im Stil Louis XVI. widerstrahlte, matt erleuchtet wurde.

»Ist da drinnen gleichfalls alles in Ordnung?« fragte Susanne, indem sie auf das Schlafzimmer wies.

»Alles, ich stehe gut dafür, ich selbst habe alles vorbereitet. Die Hochzeit hat ja ohnedies unseren Dienern den Kopf verdreht, man ist nicht imstande, etwas von ihnen zu bekommen, den Faulenzern.«

Alsdann näherte sie sich dem jungen Mädchen und sagte mit malitiösem Augenzwinkern:

»Wenn man denkt, Fräulein, daß in einem oder zwei Jahren Sie ebenfalls das ganze Haus so drunter und drüber bringen werden!«

Susanne errötete und wendete sich verlegen ab.

»Davon ist gar keine Rede, meine Gute, glücklicherweise!« »Glücklicherweise?« wiederholte die treue Magd. »O desto besser! Aber wer ist denn nur der schöne junge Mann, der dem Fräulein beim Fortgehen den Arm reichte und dabei so glücklich aussah? ...«

»Das ist der Marquis Octave von Beaulieu,« erwiderte das junge Mädchen, indem sie, um einer strengeren Prüfung zu entgehen, sich umwendete und nochmals alles zu überblicken schien; »der Bruder von Fräulein Claire.«

»So, so!« rief Brigitte mit lautem Lachen, »dieser Brautführer sieht mir ganz danach aus, als ob er gewisse Absichten habe.«

»So geh' doch, du weißt nicht, was du sprichst,« schmollte Susanne, bis zu den Haarwurzeln rot werdend. Das Rollen mehrerer Equipagen auf dem Kiessande des Hofes unterbrach gerade rechtzeitig Brigittens Geplauder und Susanne eilte ans Fenster, von wo sie in der Dunkelheit die Wagenlaternen mit ihrem hellen Schein das dunkle Grün der Bäume beleuchten sah.

»Unsere Gesellschaft kommt,« rief das junge Mädchen, und die Thüre öffnend, betrat sie den Salon zu gleicher Zeit mit der Baronin, die, eingehüllt wie auf einer Nordpolexpedition, mit Octave und dem Baron eintrat, indem sie ausrief:

»Oh, lasset euch nicht stören! Wir sind's ja. Welches Glück, daß ich hier Feuer finde! Ich bin ja schon zu einer wahren Eisscholle geworden.«

Die junge Frau zog einen Fauteuil heran und machte sich's vor dem Kamin bequem, indem sie ihr Kleid etwas zurückschob und ihre kleinen, mit schwarzem Atlas bekleideten Füße am Feuer wärmte.

Sodann ließ sie ihren Pelzmantel bis zur Taille hinabgleiten und seufzte nach einer kleinen Weile:

»So, jetzt ist mir besser!«

Die Equipagen, welche die Verwandten der Familie Beaulieu, die Zeugen des Herrn Derblay und einige wenige Bekannte herbeiführten, hielten nun in rascher Folge vor dem Perron. Herr Moulinet, Athénaïs und der Herzog hatten gleichfalls der Ceremonie beigewohnt. Die bekannte Galakutsche und die große Livree der Lakaien waren bei dieser Gelegenheit benützt worden, aber leider war die Dunkelheit so groß, daß der Glanz und Reichtum des prächtigen Gefährtes nicht die gewünschte Wirkung that. Moulinet hätte hundert Franken gegeben, wenn wenigstens Mondschein gewesen wäre, doch das Nachtgestirn blieb unerbittlich und zeigte sich nicht ein einziges Mal.

Der ehemalige Handelsrichter war übrigens sehr enttäuscht. Er war eigens zu dieser Feier aus Paris gekommen, in der Hoffnung, einer Hochzeit der großen Welt beiwohnen zu können, und war nun mitten in eine mehr als bürgerlich einfache Feierlichkeit hineingefallen. Er hatte erwartet, die vornehmsten Familien des Landes zu treffen, und wen bemerkte er in diesem Augenblicke im Salon, wen? den Notar, der ihm das Gut von Varennes verkauft hatte, einige von den Verwandten und die Zeugen der Vermählten. Es war zum Lachen. Einen Augenblick lang hatte Moulinet indes eine wirkliche Aufregung verspürt und gefunden, daß die Festlichkeit, trotz ihrer Einfachheit, dennoch großartige Verhältnisse durchblicken ließ. Als sie nämlich von Beaulieu hinabfuhren, um sich zur Kirche zu begeben, mußten die Wagen an den Arbeitern des Herrn Derblay vorbei, die, in dichten, langen Reihen geordnet, ehrfurchtsvoll schweigend am Wege standen. Die guten Leute waren zwar nicht zur Messe geladen, allein sie wollten ihren verehrten Brotherrn nicht zur Trauung fahren lassen, ohne ihm und seiner jungen Frau ihre Huldigung darzubringen. In ihrem Sonntagsstaat erwarteten sie den Hochzeitszug vor dem Portale gruppiert und diese leise flüsternde, bewegte Menge von fast zweitausend Personen, Männer, Frauen und Kinder, schien in der Dunkelheit riesige Verhältnisse anzunehmen. Als nun die Wagen heranrollten und alle Häupter sich entblößten und ehrfurchtsvoll neigten, da fühlte sich Moulinet tief befangen. Er wollte lächeln und grüßen, wie er dies bei feierlichen Anlässen von hohen Persönlichkeiten gesehen, doch wurde er plötzlich dermaßen verwirrt, daß sich seine Kehle zusammenschnürte und er verlegen zu lachen anfing, ohne zu wissen warum.

Durch einen zornigen Blick seiner Tochter wieder zu sich gebracht, bemühte er sich, mit großer Würde aus dem Wagen zu steigen, und indem er rasch noch die Falten seiner perlgrauen, ein wenig zerknitterten Beinkleider glatt strich, versuchte er, eine prächtige, stolze Haltung anzunehmen.

Die Kirche erschien ihm enge und schmutzig. Er schnitt eine verächtliche Grimasse, als er sich auf die Holzbank niedersetzte und warf stolze Herrscherblicke auf seine Umgebung. Kaum zwanzig Kerzen brannten vor dem Altar und der Pfarrer trug denselben priesterlichen Schmuck, wie acht Tage früher bei der Trauung einer Müllerstochter. Moulinet fühlte sich zu Spöttereien aufgelegt und zum Herzog sich neigend, wollte er ein Gespräch mit ihm beginnen; doch Gaston sah ihn mit so sonderbarem Blick an, daß der ehemalige Handelsrichter es für besser hielt, nicht weiter darauf zu bestehen. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder der Ceremonie zu, die einfach, wie für arme Leute vor sich ging. Nur die Orgel, von kunstfertiger Hand gespielt, begleitete mit ihren Klängen die Worte des Priesters, und die ernsten, feierlichen Töne des Instrumentes hallten in dem kalten düsteren Räume tief melancholisch wider.

Der Herzog, bleich, mit gefurchter Stirne, schien von ernsten Gedanken erfüllt. Dieser Choral that ihm weh. Seine Erinnerung führte ihn in die kleine, alte Kirche seiner Heimat, zur Leichenfeier seines Vaters zurück. Es waren dieselben klagenden Orgeltöne, dieselbe durch Altarkerzen schwach erhellte Dunkelheit, derselbe Duft brennender Wachskerzen und verbrannten Weihrauchs, der zum Herzen dringt und es bedrückt. Ihm zur Seite saß damals seine Tante, die mit ihm weinte, und Octave und Claire, die, gleich ihm in Trauerkleidern, ihm liebevoll die Hand reichten. Und heute war er allein.

Die geliebten Wesen, die ihn tröstend umgaben, die stets so gütig gegen ihn gewesen, er hatte sich mit ihnen entzweit, für immer, hatte freiwillig die Bande zersprengt, die ihn an seine Familie fesselten. Diese Claire, die er angebetet, war nun die Gattin eines andern, und er selbst sollte der Gemahl einer Fremden werden, der er, wie er ganz gut wußte, bloß zum Werkzeug ihrer gehässigen und ehrgeizigen Absichten diente.

Eine unendliche Traurigkeit beschlich sein Gemüt und bitter beklagte er seine Schwäche. All die Güte und Liebe, die man ihm, als er verwaist zurückgeblieben, erwiesen hatte, vergalt er mit Undank und Treulosigkeit. Aber war er nicht selbst hart genug dafür bestraft? Hatte er, indem er auf Claire verzichtete, nicht auch seinem eigenen Glücke entsagt? ... Alsdann fing er an, seine Handlungsweise mit der des Herrn Derblay zu vergleichen und konnte nicht umhin, anzuerkennen, daß der Hüttenbesitzer ebenso ergeben und großmütig sich erwiesen, als er selbst undankbar und selbstsüchtig gewesen. Konnte er nicht ebensogut das geliebte Mädchen heiraten, auch wenn sie kein Vermögen besaß? Er hätte nur zu arbeiten brauchen. Indem der Herzog sein unnützes Leben zu bereuen begann, fand er mit einmal, daß er in der Welt eine traurige Rolle spiele, gleich einer Null, die erst zur Bedeutung gelangt, wenn man eine Zahl voranstellt. Um etwas aus sich zu machen, mußte er seinen altadeligen Namen durch eine bürgerliche Heirat beflecken. Doch was vermochte er aus sich selbst? Nichts. Er war zum Luxusgegenstand geworden, den man sich kauft, wie man sich ein Luxuspferd hält.

Diese Betrachtungen, die er bis dahin noch nie gemacht, flößten ihm einen tiefen Widerwillen gegen Moulinet ein. Er kam sich vor wie sein Sklave, und wütend beschloß er, sich gegen diese Gewalt zu empören und seinerseits den künftigen Schwiegerpapa zu beherrschen. Gleichzeitig erschien ihm auch Athénaïs als das, was sie in Wirklichkeit war, ein unbedeutendes Geschöpf, ohne Geist und Gemüt, niedrig, gemein und böswillig. Er beobachtete sie, wie sie steif und geziert im Betstuhle kniete und in ihrer für ein junges Mädchen viel zu reichen Toilette mit gelangweilter Miene zerstreut umhergaffte.

Hierauf wendete er seine Blicke zu Claire, die mit geneigtem Kopfe unter ihrem weißen Schleier andächtig zu beten schien. An einer leichten Bewegung ihrer Schultern erriet der Herzog, daß sie weinte.

Neben ihr, unbeweglich, mit ernstem Gesichte, richtete Philipp seine Gestalt empor. War dies der Mann, den sie liebte und den sie ihm vorgezogen hatte? Unglaublich!

Da erkannte der Herzog in einem Momente den Beweggrund von Claires Handlungsweise und die Situation, die ihm seit zwei Wochen dunkel und unergründlich geschienen, wurde ihm plötzlich licht und klar.

Er begriff nun die wirkliche Stellung des Hüttenbesitzers. Und als er Claire in ihrem Schmerze so bewunderungswürdig schön sah, durchzuckte ihn ein Gedanke, der ein flüchtiges Lächeln auf seine Lippen brachte. Der aufrichtige und bereuende Bligny, der er seit vierzehn Tagen gewesen, verschwand für immer und er wurde wieder der kalte, blasierte Skeptiker, den die russische Verderbtheit aus ihm gemacht.

Gaston nahm sich vor, an diesem Derblay, dem Hauptmitschuldigen an der Demütigung, die er hatte erleiden müssen, eine süße Rache zu nehmen. Dieser Eisenschläger im definitiven Besitze einer so reizenden Frau wie Claire! War dies zu ertragen möglich? Sie weint, sagte er sich weiter, sie verabscheut also diesen Mann und liebt noch mich.

Sogleich gewann er seine ganze Sicherheit wieder. Bis zu diesem Momente war er in trüber, gedrückter Stimmung gewesen. Kaum fühlte er sich jedoch auf günstigem Terrain, als er, seiner Ueberlegenheit gewiß, die ungezwungene stolze Haltung des großen Herrn wieder annahm.

Als die Ceremonie zu Ende, begab man sich in die kleine armselige Sakristei, und als die Neuvermählte ihren Schleier zurückschob und ihr Antlitz den forschenden Blicken der Gesellschaft darbot, suchte der Herzog vergebens die Spur der Thränen, die er sie insgeheim vergießen sah. Das Feuer ihres Stolzes hatte dieselben verzehrt und ruhig lächelnd bewegte sie sich mit vollkommener Geistesfreiheit. Der Herzog wurde unzufrieden, er wünschte Claire niedergeschlagen zu sehen. Die stolze junge Frau wollte sich also gegen ihn verteidigen und ein Kampf schien unvermeidlich; er wollte ihn aufnehmen und zweifelte keinen Augenblick an seinem endlichen Triumph.

Bei der Rückkehr aus der Kirche mußte er im Wagen die ganze Flut der Bemerkungen über sich ergehen lassen, die Moulinet während der Ceremonie zurückzuhalten gezwungen war. »Das sei was rechtes, so eine Heirat um Mitternacht in einer Grabeskirche, wo die Kälte einem wie ein Bleimantel auf die Schulter sinke. Er, der ehemalige Handelsrichter, könne einen solchen Geschmack nicht begreifen. In drei Wochen würde er seine Tochter zum Altare führen und dann würde man sehen, was er unter einer Hochzeit verstehe. Die Trauung müsse in der Magdalenenkirche stattfinden. Große Illumination, Blumen, grüne Bäume, Chöre und Solos ...« »Soli,« unterbrach ihn der Herzog, den dieses anmaßende Zurschautragen des Reichtums zu verdrießen anfing.

»Solos, Soli ...« wiederholte Moulinet, der auf die Richtigkeit der Endungen nicht viel Gewicht legte. »Ja die Sache würde wohl fünfzehntausend Franken kosten! Aber was hatte dies für ihn zu bedeuten! Er verheiratete ja nicht alle Tage seine Tochter und er wünsche, daß man noch lange davon sprechen solle.«

»Mein Herr, so wenig man auch davon sprechen mag, es wird leider immer noch zu viel sein,« unterbrach ihn wieder der Herzog mit schneidigem Tone.

»Aber mein Schwiegersohn ...« wollte Moulinet ärgerlich erwidern.

»Aber, mein Herr,« unterbrach ihn von neuem der Herzog; »erstens bin ich noch nicht Ihr Schwiegersohn, und dann werden Sie mich sehr verbinden, wenn Sie es künftig unterlassen, mir gegenüber diese Benennung zu gebrauchen, die so sehr nach dem Kramladen schmeckt. Endlich mache ich Sie aufmerksam, daß wir bereits bei Herrn Derblay angekommen sind, und ich bitte Sie in unser aller Interesse, so wenig als möglich zu sprechen.«

Im großen Empfangssalon von Pont-Avesnes unterhielt sich die Marquise, in einem Fauteuil sitzend mit Herrn Bachelin. Frau von Beaulieu hatte am Morgen den alten Notar beauftragt, Philipp um die Erlaubnis zu ersuchen, Claire über den wirklichen Stand ihres Vermögens aufklären zu dürfen.

Nach der Hochzeit, dachte die Marquise, sei es an der Zeit, die junge Frau von ihrem Vermögensverluste und von der zartsinnigen Uneigennützigkeit ihres Gemahls in Kenntnis zu setzen. Herr Derblay würde auf diese Weise den gerechten Lohn für sein taktvolles Zartgefühl empfangen.

Philipp, der sehnlichst wünschte, jede Sorge und jede Bitterkeit von Claire fernzuhalten, wollte nichts davon hören. Die junge Frau sollte keinerlei Demütigung erleiden, wenn sie die Schwelle seines Hauses betrat. Dieses verletzte, empfindliche Gemüt noch mehr verdüstern wollen? Und weshalb? Um seiner Eigenliebe einen Genuß zu bereiten? Damit ihm Claire dankbar sei? Es schien ihm seiner unwürdig, zu ähnlichen Mitteln zu greifen, um die Neigung seiner Frau zu gewinnen. Er verlangte mehr als ihre Dankbarkeit, er strebte nach ihrer Liebe.

»Mein lieber Bachelin,« sagte die Marquise, »ich werde schweigen, da es Herr Derblay wünscht; doch ich weiß nicht, ob ich an seiner Stelle so viel Feinheit zeigen würde. Seine Handlungsweise entzückt mich, ich gestehe es; er hat eine ungewöhnlich hohe Sinnesart, besitzt eine erstaunliche Charaktergröße und ist in der That ein außerordentlicher Mensch.«

»Das hatte ich die Ehre, Ihnen zu sagen, Frau Marquise, als ich, Sie erinnern sich noch, das erste Mal von ihm sprach,« erwiderte der Notar. »Er ist in Wahrheit ein Edelmann.«

»Ja, ja, wir hatten Glück mit ihm,« fügte die Marquise hinzu, »und Ihnen verdanken wir dieses günstige Resultat. Hoffen wir, daß auch meine Tochter gleich uns ihren Gatten zu schätzen wissen wird ... Aber sehen Sie, Bachelin, wie blaß sie ist – –«

Der Notar wendete sich um.

Claire, unter ihrem Orangenblütenkranze bleich wie eine Tote, erschien ihm wie Julia, die bei der geliebten Stimme Romeos sich von ihrem Marmorlager erhebt. Der Herzog hatte sich ihr genähert und mit melancholischem Lächeln sich vor ihr verneigend, sagte er:

»Ehe wir uns trennen, Claire, wollte ich Sie noch einmal sprechen. Mein Herz ist unruhig und betrübt und mit einem einzigen Worte können Sie mir die Ruhe wiedergeben. Seien Sie gütig, sagen Sie, daß Sie mir verzeihen ...«

Claire erhob stolz ihre Stirn und dem Herzog einen triumphierenden Blick zuwerfend, antwortete sie mit fester Stimme:

»Ich habe Alles vergessen ... Ich liebe meinen Gemahl ... Leben Sie wohl, Herzog!«

Bligny zitterte und den herausfordernden Trotz mit gleicher Münze zahlend, entgegnete er:

»Ich wünsche, daß Ihre Worte aufrichtig seien.«

Dann fügte er fast drohend hinzu:

»Auf Wiedersehen, Claire,« und nachdem er sich nochmals verbeugt hatte, entfernte er sich.

»Sie gehen schon, Herzog?« sagte der Baron Préfont, indem er den jungen Mann aufhielt.

»Ja,« antwortete kalt der Herzog. »Ich habe hier nichts mehr zu thun. Die Reihe kommt nun an den Gemahl.«

»Ei, ei, Herzog, Sie sagen dies nicht ohne Bitterkeit. Gestehen Sie, daß Sie jetzt, da Sie Claire vermählt sehen, Reue empfinden.«

Mit spöttischem Blicke wies der Herzog auf Claire, die sich kaum aufrecht halten konnte.

»Reue? Sollte wirklich ich es sein, der bereut?«

»Mein Lieber,« entgegnete der Baron, »das ist eine sehr anmaßende und lächerliche Antwort. Aber, wenn Sie sich für einen so gewaltigen Sieger halten, so erlauben Sie doch, daß ich Sie auf Herrn Derblay aufmerksam mache. Sehen Sie ihn einmal genau an und sagen Sie mir, ob er das Aussehen eines Mannes hat, der sich seine Frau nehmen läßt?«

Der Herzog fixierte Philipp, der in einer Ecke des Salons seine hohe Gestalt emporrichtete. Sein von der Luft gebräuntes Gesicht verriet Kraft und Energie. Der Zorn eines solchen Mannes mußte schrecklich sein.

»Bah!« machte der Herzog mit frivolem Tone, »seit Vulkan haben die Schmiede kein Glück bei den Frauen ...«

»Und ich sage Ihnen,« versetzte ernst der Baron, »hüten Sie sich vor seinem Hammer ...«

Bligny zuckte leichtfertig die Achseln und begab sich zu Herrn Moulinet, der in einer Thüröffnung stand. »Wenn Sie wünschen, so wollen wir uns jetzt entfernen,« sagte er zu ihm.

»Nun, ich werde Sie nicht zurückhalten,« murmelte der ehemalige Handelsrichter. »Welcher Empfang! Mein lieber Herzog ... nicht einmal ein Glas Wasser wird einem angeboten! Das ist doch bei uns Bürgerlichen ganz anders. Sie sollen sehen, wie ich so etwas verstehe ... Ich werde zwei Diners und einen Ball geben und unsere Gäste werden nicht mit hungrigem Magen fortgehen, dafür bürge ich.«

Moulinet konnte ungestört alle geplanten Festlichkeiten aufzählen, der Herzog hörte ihm nicht zu. Er betrachtete Athénaïs, die eben von der Neuvermählten Abschied nahm, indem sie Claires Hände ergriff und sich lauten Zärtlichkeitsergüssen überließ.

»Während des Sommers werden wir sehr oft beisammen sein,« sagte sie. »Varenne ist ja kaum eine Meile von hier entfernt. Aber während des Winters, wie wirst du mir da fehlen! ... Oh, ohne dich wird mir Paris öde und leer scheinen! Wird dich Herr Derblay denn ohne Erbarmen für immer in Pont-Avesnes gefangen halten? Ich weiß wohl, daß du selbst es nicht besser wünschest: du bist geliebt, du liebst ... Versprich mir indes, daß du an mich denken wirst, in Glück und auch im Leid, wenn dir je welches zustoßen sollte. Du weißt, daß ich stets innigen Anteil daran nehmen werde.«

Diese perfiden, grausamen Worte trafen Claire gewaffnet.

»Sei versichert,« entgegnete sie, »daß ich deine Freundschaft nach ihrem richtigen Werte zu schätzen weiß. Aber du weißt, das Glück sucht keine Zeugen und ich werde glücklich sein, ohne es zu äußern.«

Mit Wut im Herzen sah Athénaïs, daß es ihr nicht gelungen war, ihre mutige Gegnerin einzuschüchtern, und so wollte sie ihr denn wenigstens keinerlei Qual ersparen.

»Willst du mich umarmen?« sagte sie.

»Sehr gerne,« antwortete Claire ohne Zögern und ihre brennenden Lippen berührten Athénaïs Stirne. Doch nun fühlte die junge Frau ihre Kräfte erschöpft, sie ergriff rasch den Arm der neben ihr stehenden Baronin und zog sie in ein Nebengemach.

»Gehen wir hinaus, ich ersticke!«

Die beunruhigte Marquise folgte gleichfalls ihrer Tochter, deren Gesicht entstellt war, die Augen waren geschlossen, der Mund verzerrt und sie schien ohnmächtig zu werden. Aber die Energie ihrer Seele besiegte nochmals die Schwäche ihres Körpers und mit einem liebevollen Blicke auf ihre Mutter, die sich besorgt zu ihr hinabneigte, sagte sie:

»Es ist nichts, ein wenig Müdigkeit und die Alteration ... doch fühle ich mich schon besser ...«

Und wirklich stieg in diesem Momente Fieberglut in ihre Wangen und ihre Augen glänzten. Die Marquise, vor der Claire sorgfältig ihre Qualen verborgen hatte, fing in diesem Momente an, Verdacht zu schöpfen. Sollte ihre Tochter sie getäuscht haben? Würde die Verbindung, welche sie selbst so vollständig befriedigte, auch ihrem Kinde das verdiente Glück gewähren? Die gute Frau überdachte in einem Augenblicke mehr, als sie dies während vierzehn Tagen gethan, und stellte sich eine Menge von Fragen, die sie nicht zu beantworten vermochte. Gewohnt, dem Willen anderer zu gehorchen, stets nachsichtig und fügsam, wie sie es ehemals gegen die Untreue ihres Gatten gewesen, hatte sie sich auch in diesem Falle dem Despotismus ihrer Tochter gebeugt, ohne sich weiter viel um ihre mütterliche Verantwortlichkeit zu kümmern. Sie war eines jener willenlosen Wesen, die sich in jede Lage des Lebens geduldig fügen, und die nicht zu begreifen vermögen, daß man versuchen könne, gegen sein Geschick anzukämpfen. Sie hatte Claire ganz nach eigenem Belieben handeln lassen, doch in dieser ernsten Stunde fragte sie sich zum erstenmal, ob diese Nachgiebigkeit auch klug gewesen. Tief bewegt, suchte sie nun eine Billigung ihres Vorgehens in den Augen ihrer Tochter und Claire zärtlich in die Arme schließend, sagte sie:

»Du bist doch glücklich, mein Kind, nicht wahr? ... Meine mütterliche Führerrolle ist nun zu Ende. Von heute an wirst du selbst Herrin deines Lebens ... Sage mir, ob ich alles that, was von mir abhing, um dich glücklich zu machen.«

Claire, welche die peinliche Unruhe ihrer Mutter sah, machte eine letzte Anstrengung, um sie noch länger zu täuschen, und indem sie sie umarmte, erwiderte sie:

»Ja, teure Mutter, du hast mich glücklich gemacht. Sei ruhig und ohne Sorge.« Und als die Marquise bei diesen Worten in Thränen ausbrach, fügte sie mit erstickter Stimme hinzu:

»Mache mich nicht weich ... man könnte glauben ...« Sie vollendete den Gedanken nicht und umarmte die Mutter ein letztes Mal. »Geh,« sagte sie, »wir müssen uns trennen ... geh auf morgen ...«

Frau von Beaulieu, durch diese scheinbare Ruhe beschwichtigt, fand ihre, eine kurze Weile gestörte Sicherheit wieder und kehrte ohne den geringsten Verdacht in den Salon zurück.

In eben dem Augenblicke trat Susanne, von Brigitten begleitet, in das Zimmer der Neuvermählten. Das junge Mädchen, die hinreichende Geschicklichkeit der treuen Dienerin bezweifelnd, wollte derselben in ihren Dienstleistungen behilflich sein. Das gute Kind ging, leicht wie ein Vogel, in dem Gemache hin und wieder, indem sie sich um die geringsten Details kümmerte und alles sorgfältig überwachte.

Claire beobachtete sie, im stillen unzufrieden und argwöhnisch, und dachte mit Erbitterung, daß sie an der Schwester ihres Gatten eine allezeit gegenwärtige Wächterin haben würde, deren von Liebe erleuchteten Augen keine einzige ihrer Mutlosigkeiten und Schwächeanwandlungen entgehen würde. Sie sah in Susannen einen natürlichen Spion und in der Ueberspanntheit ihrer Gefühle fing sie an, dieselbe zu hassen. Inzwischen hatte das junge Mädchen ihrer Schwägerin den Schleier und den Brautkranz abgenommen, und indem sie dieselben behutsam hin- und herwendete, bald die Falten des Tülls zurechtstrich, bald die einzelnen Blüten wieder aufrichtete, war sie sichtlich von einem geheimen Wunsche gequält, den auszusprechen sie noch zu zaudern schien.

Endlich begann sie errötend: »In unserer Gegend glaubt man, daß eine Blume aus dem Kranze einer Neuvermählten, die man aufrichtig liebt, Glück bringt. Schwester, ich liebe Sie so sehr, wollen Sie mir erlauben, eine dieser Blumen zu nehmen? ...«

Claire blickte das junge Mädchen kalt an, und indem sie mit einer raschen Bewegung die Guirlande, die ihr Kleid schmückte, herunterriß, warf sie ihr dieselbe zu Füßen.

»Wenn diese Blumen Glück bringen,« rief sie aus, »so sind sie mir unnütz! Da sind sie, nehmen Sie alle!« Susanne fuhr erschreckt zurück, das Bouquet entfiel ihren Händen und mit Thränen in den Augen wendete sie sich zu Claire, indem sie sanft klagend erwiderte:

»Sie scheinen nicht viel Wert auf diese Blumen zu legen und doch ist es mein Bruder, der sie Ihnen gab.«

Ciaire fühlte sich gerührt von der schmerzlichen Klage dieses Kindes, sie versuchte, sich zu beherrschen, doch die Heftigkeit ihrer Natur siegte und die Hand, die sie noch eben Susannen reichen wollte, fiel kalt und starr zur Seite hinab.

»Lassen Sie sie, gute Kleine,« sagte im selben Momente die Baronin zu Fräulein Derblay. »Claire bedarf der Ruhe. ... Seien Sie unbekümmert und nehmen Sie das kleine Bouquet mit; es wird Ihnen bald als Muster dienen können.« Dabei zeigte sie Susannen ein lächelndes Gesicht und führte sie, wieder beruhigt und vertrauensvoll zur Thür des Zimmers. Alsdann kehrte sie zu Claire zurück, die mit starren Augen schweigend dasaß.

»Woran denkst du, meine Liebe?« fragte die Baronin. »Du hast der Kleinen weh gethan und so ganz unverdienterweise. Vermagst du denn gar nicht deine Nerven zu beherrschen? Wirklich,« fügte sie hinzu, indem sie zu scherzen versuchte, »wenn man dich unter den Klangen des Trauermarsches aus dem fünften Akte der »Jüdin« zum Scheiterhaufen führen würde, könntest du auch nicht verstörter aussehen.«

Claire warf ihrer Freundin einen so vorwurfsvollen Blick zu, daß dieselbe sofort wieder ernst wurde.

»Nun, was fehlt dir denn, sage mir's doch!« Claire ergriff ängstlich die Hände der Baronin und sagte: »Aber siehst du denn nicht, wie sehr ich leide? Du verstehst also nicht, daß ich wahnsinnig werde? In einem Augenblicke werdet ihr alle, die ihr mich liebt, euch entfernen, und ich werde allein in diesem großen Hause zurückbleiben. An wen mich wenden, auf wen mich stützen? Alles was mich an die Vergangenheit fesselt, bricht entzwei, und die Zukunft liegt schwarz und öde vor mir.«

»Du jammerst,« versetzte die Baronin, »als wärest du in Wirklichkeit verlassen. Bleibt dir denn nicht die alte Zuneigung der Deinen und wirst du nicht von nun an eine neue, aufrichtige und ergebene Liebe bei deinem Manne finden? Sieh, er betet dich an; habe Vertrauen.«

Die Baronin hielt inne, denn sie sah Claire bei den Worten »dein Mann« erbleichen und zittern.

»O, wenn du wüßtest, was in mir vorgeht!« flüsterte die junge Frau. »Diese Heirat, die ich gewollt, die ich mit dem Ungestüm meines empörten Stolzes herbeigesehnt, flößt mir nun, da sie stattgefunden, Entsetzen ein. Dieser Mann, der mein Gatte geworden, ich möchte ihm entfliehen! Ich bitte dich, geh' nicht fort, bleibe da, er wird sich nicht an mich heranwagen, wenn du bei mir bist. O, dieser Mann! Dieser Mensch, der mir die erste Furcht in meinem Leben einflößt, o wie hasse ich ihn!«

»Mein Gott!« rief die Baronin entsetzt aus, »du erschreckst mich. Deine Mutter ist vielleicht noch nicht fort, willst du, daß ich sie rufe?«

»Nein!« erwiederte Claire rasch, »nein! Gerade vor ihr will ich es am meisten verbergen. Du hast doch gesehen, wie aufrecht ich mich in ihrer Gegenwart gehalten. Sie soll meine Pein nicht kennen, meine Verzweiflung nicht ahnen. Gute Mutter, aus Liebe zu mir, aus Schwäche hat sie mich ermutigt, mir geholfen diese Heirat zu schließen. ... Wenn sie denken könnte! ... Ach nein, es ist genug, wenn ich allein leide! Alles, was geschehen ist, habe ich selbst gewollt, und ich selbst muß die Folgen tragen. Meine Schwäche ist nicht zu entschuldigen und sie ist meiner unwürdig. Sei ruhig, sie wird sich nicht wieder erneuern. ...« Und indem sie der Baronin, die, beunruhigt von dem herben Tone und der Bitterkeit dieser Worte, sie aufmerksam beobachtete, ein undurchdringliches Gesicht zeigte, fuhr sie fort:

»Entferne dich nun ohne Hintergedanken und ohne Besorgnis. Umarme mich und möge alles, was du in dieser Stunde von mir gehört, auf immer von dir vergessen sein, so bald du die Schwelle dieses Zimmers überschritten hast. Versprichst du es mir?«

»Ich verspreche es dir,« sagte die Baronin. ... Dabei erstickte sie einen Seufzer, warf noch einen letzten Blick auf ihre Freundin und ging hinaus, indem sie murmelte:

»Arme Claire!«

(Ende des ersten Bandes.)

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