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Guy de Maupassant: Der Horla - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorMaupassant
seriesGesammelte Werke
volume7
titleDer Horla
publisherEgon Fleischel
year1905
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050427
modified20140921
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Im Walde

Der Gemeindevorsteher wollte sich eben zu Tisch setzen, als man ihm meldete, daß ihn der Feldhüter auf dem Gemeindehaus mit zwei Gefangenen erwarte.

Er ging sofort hin und sah in der That seinen Feldhüter vor sich, den alten Hochedur, der mit ernster Miene ein älteres Ehepaar aus der Stadt bewachte.

Der Mann, ein beleibter Herr mit roter Nase und weißen Haaren schien sehr müde zu sein, während die Frau, ein kleines Weibchen im Sonntagsstaat, rund, dick, mit leuchtenden Wangen, herausfordernd den Hüter der Gerechtigkeit betrachtete, der sie gefangen genommen. Der Ortsvorstand fragte:

»Was ist denn los, Hochedur?«

Der Feldhüter machte seine Aussage.

Er war früh zur gewöhnlichen Stunde ausgegangen, um im Gehölz von Champioux bis zu der Grenze von Argenteuil seinen Patrouillengang zu machen. Er hatte auf dem Felde nichts Besonderes bemerkt. Es war schönes Wetter gewesen und das Getreide stand gut, da hatte der junge Bredel, der in seinem Weinberge arbeitete, ihm zugerufen:

»He, Hochedur; gehen Sie doch mal an den Waldsaum! Gleich am ersten Gebüsch, können Sie 'n Taubenpärchen finden! Die sind zusammen wenigstens hundertunddreißig Jahre alt.«

In der bezeichneten Richtung war er davon gegangen, in das Unterholz getreten und hatte dann Worte und Seufzer gehört, die den Verdacht erregten, daß es sich um ein Sittlichkeitsvergehen handelte. Er war also auf Knieen und Händen, als hätte er einen Wilddieb abfassen wollen, noch näher herangeschlichen und hatte das hier stehende Ehepaar gerade in dem Augenblick abgefaßt, als es sich seinen Trieben überlassen.

Der Ortsvorstand betrachtete ganz erschrocken die Schuldigen. Der Mann mochte wohl sechzig Jahre zählen und die Frau mindestens fünfundfünfzig.

Er schickte sich an, sie zu verhören, indem er zuerst das Wort an den Mann richtete, der so leise antwortete, daß man ihn kaum verstand.

»Wie heißen Sie?«

»Nicolaus Beaurain.«

»Ihr Beruf?«

»Posamentier, Rue des Martyrs in Paris.«

»Was thaten Sie da im Walde?«

Der Posamentier schwieg, senkte die Blicke auf seinen dicken Bauch und legte die Hände glatt auf die Schenkel. Der Ortsvorstand begann von neuem:

»Bestreiten Sie, was der Beamte ausgesagt hat?«

»Nein.«

»Sie gestehen es also zu?«

»Jawohl.«

»Was haben Sie zu Ihrer Entschuldigung vorzubringen?«

»Nichts!»

»Wo haben Sie Ihre Mitschuldige kennen gelernt.«

»Sie ist meine Frau!«

»Ihre Frau?«

»Jawohl.«

»Ja, leben Sie denn nicht zusammen in Paris.«

»Jawohl, wir leben zusammen.«

»Ja, aber erlauben Sie mal, dann sind Sie verrückt, ganz verrückt, sich hier auf freiem Felde um zehn Uhr morgens abfassen zu lassen.«

Der Krämer weinte beinah vor Scham, und murmelte:

»Sie hat's gewollt. Ich habe ihr ja gesagt, daß es eine Dummheit ist, aber wenn ein Frauenzimmer was im Koppe hat, wissen Sie, dann hat sie's nicht anderswo.«

Der Ortsvorstand, der gern einen Witz machte, lächelte und antwortete:

»In Ihrem Falle scheint mir gerade das Gegenteil richtig zu sein. Sie ständen nicht hier, wenn sie es nicht wo anders als im Kopfe gehabt hätte.«

Da ward Herr Beaurain böse und wandte sich gegen seine Frau.

»Siehste, was Du mit Deiner Poesie angerichtet hast? Nun sind wir schöne reingefallen, jetzt kommen wir noch vor's Gericht, in unserem Alter, wegen Sittlichkeitsvergehen und da können wir nur gleich unsere Bude zumachen, das Geschäft verkoofen und in eine andere Stadtgegend ziehen! Da sitzen wir schöne drin.«

Frau Beaurain stand auf und gab, ohne ihren Mann anzublicken, ohne Verlegenheit, ohne falsche Scham, beinahe ohne Zögern folgende Erklärung ab:

»Mein Gott, Herr Vorstand, ich weiß ja, daß wir uns lächerlich gemacht haben. Wollen Sie mir erlauben, wie ein Advokat über meine Sache zu sprechen oder vielmehr wie eine arme Frau. Und ich hoffe, daß Sie uns so entlassen und uns die Schande einer Anklage ersparen werden.

Vor langen Jahren, als ich jung war, habe ich eines Tages hier in der Gegend die Bekanntschaft des Herrn Beaurain gemacht. An einem Sonntag war's. Er war Kommis in einer Kurzwarenhandlung und ich Ladenmädchen in einem Konfektionsgeschäft. Ich erinnere mich dessen noch, als ob es gestern gewesen wäre. Ab und zu kam ich Sonntags hier heraus mit einer Freundin, mit Rosa Levêque, mit der ich in der Rue Pigalle zusammen wohnte. Rosa hatte einen Schatz und ich nicht. Er kam mit uns hierher. Eines Sonnabends erklärte er mir lachend, daß er am nächsten Tage einen Kameraden mitbringen würde. Ich verstand schon, was er wollte, aber ich sagte, das sei unnütz. Denn ich war anständig, Herr Vorstand.

Am andern Tage trafen wir an der Eisenbahn Herrn Beaurain. Damals sah er recht gut aus. Aber ich war entschlossen, keine Dummheiten mit ihm zu machen und ich that es auch nicht.

Wir kamen also nach Bezons. Es war prachtvolles Wetter, ein Wetter, daß einem's Herz im Leibe lacht. Mir wird nämlich, wenn es so schön ist, heute noch genau so wie damals, ganz närrisch, daß ich gleich heulen könnte! Wenn ich in der Natur bin, werde ich ganz verdreht. Das Grün, der Gesang der Vögel, das Getreide, das sich im Winde bewegt, die Schwalben, die so schnell durch die Luft schießen, der Duft der Wiesen, des Mohns, der Gänseblumen, all das macht mich ganz verrückt, das ist, wie wenn man Champagner trinkt und ist ihn nicht gewohnt.

Kurz, es war wundervoll, hell, freundlich, daß das Auge gar nicht genug sehen konnte und man mit tiefen Zügen die Luft einsog. Rosa und Simon küßten sich alle Augenblicke. Und ich mußte das immer mit ansehen. Herr Beaurain und ich schritten hinter ihnen her ohne ein Wort zu sprechen. Wenn man sich nicht kennt, weiß man nichts zu sagen. Er sah schüchtern aus und mir machte es Spaß, daß er so verlegen war. Da kamen wir an das kleine Wäldchen. Und dort war es frisch wie in einem kühlen Bade und wir setzten uns ins Gras. Rosa und ihr Schatz hielten sich darüber auf, daß ich so ernst dreinschaue. Aber wissen Sie, ich konnte doch nicht anders sein. Und dann fingen sie wieder an, sich zu küssen, als ob wir gar nicht da wären. Und dann flüsterten sie miteinander, standen auf und gingen ins Gebüsch, ohne ein Wort zu sagen. Sie können sich denken, welch thörichtes Gesicht ich wohl gemacht habe, dem jungen Manne gegenüber, den ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen. Ich war so verdutzt, als die beiden Andern einfach so davon gingen, daß ich plötzlich Mut bekam und anfing zu sprechen. Ich fragte, was er triebe. Er war Kommis bei einem Kurzwarenhändler, wie ich Ihnen vorhin gesagt habe. Wir sprachen also ein paar Augenblicke miteinander. Da faßte er Mut und wollte unternehmender werden. Aber ich habe ihm tüchtig den Standpunkt klar gemacht. Ist's nicht so, Beaurain?«

Herr Beaurain, der verlegen auf seine Füße blickte, antwortete nicht.

Sie fuhr fort:

»Da begriff der junge Mann, daß ich anständig sei und fing an, auf ganz nette Art und Weise, als ehrlicher Junge, mir den Hof zu machen. Seit diesem Tage kam er jeden Sonntag wieder. Er war sehr in mich verliebt. Und ich liebte ihn auch sehr, sehr! O, der war früher ein hübscher Kerl.

Kurz, im September heiratete er mich und wir machten einen Laden auf in der Rue des Martyrs.

Ach, während der ersten Jahre gings schlecht, da mußten wir uns mal schinden! Die Geschäfte wollten nicht vorwärts gehen. Wir konnten uns keine Landpartieen mehr leisten. Und dann entwöhnten wir uns dessen allmählich. Man hat andere Sachen im Kopfe. Man denkt mehr ans Portemonnaie als an Liebelei, wenn man Kaufmann ist. Wir wurden allmählich alt und merkten es nicht und waren ruhige Leute geworden, die kaum mehr an die Liebe denken. Man bedauerts nicht weiter, wenn man nicht merkt, daß es einem fehlt.

Und dann, Herr Vorstand, die Geschäfte gingen besser und wir waren unserer Zukunft einigermaßen sicher. Und da weiß ich wirklich nicht mehr, was eigentlich mit mir vorgegangen ist.

Da fing ich an zu träumen, wie ein Pensionsmädchen. Wenn ich die Wägelchen sah, worauf in den Straßen die Blumen feil geboten werden, hätte ich heulen können. Der Veilchenduft zog bis in den Laden hinein, wo ich auf meinem Stuhl an der Kasse saß, und ließ mein Herz schlagen. Da stand ich auf und stellte mich in die Ladenthür, um den blauen Himmel zwischen den Dächern dort oben zu betrachten. Wenn man so den Himmel von einer Straße aus beguckt, sieht er aus wie ein Fluß, wie ein langer Fluß, der in vielen Windungen über Paris hinläuft. Und da oben schießen dann Schwalben hin wie Fische, 's ist ja dumm, wenn man in meinem Alter solche Ideen hat, aber wissen Sie, Herr Vorstand, wenn man sein ganzes Leben gearbeitet hat, da kommen einem Augenblicke, wo man plötzlich merkt, man hätte wohl auch was anderes machen können und dann kommt die Reue, ja die Reue! Sehen Sie, zwanzig Jahre lang hätte ich in den Wald hinausgehen können und küssen und kosen wie alle Andern, wie alle andern Frauen. Ich dachte daran, wie schön es sein müßte, dort unter dem Laubdach zu liegen, mit jemandem, den man liebt. Und jeden Tag dachte ich daran, jede Nacht. Ich träumte solange vom Mondschimmer auf dem Strome, bis mich beinahe die Lust überkam, mich zu ertränken.

Zuerst hätte ich so etwas meinem Mann gar nicht sagen dürfen. Ich wußte nur zu gut, daß er sich über mich lustig machen und mir sagen würde:

»Verkaufe lieber Zwirn und, Nadeln.«

Und dann, um's nur zu gestehen, hatte mir Herr Beaurain nicht mehr viel zu sagen. Aber wenn ich in den Spiegel sah, begriff ich doch, daß auch ich niemand mehr was groß zu sagen hätte.

Da faßte ich einen Entschluß und schlug ihm vor, wir wollten eine Landpartie dorthin machen, wo wir uns kennen gelernt. Ohne sich etwas dabei zu denken, nahm er an und da kamen wir diesen Morgen so gegen neun hierher.

Als das Getreide uns umrauschte, war mir ganz wundersam zu Mute, ganz anders. Ja, so ein Frauenherz wird nicht alt und ich sah wahrhaftig meinen Mann nicht mehr so wie er jetzt ist vor mir, sondern so, wie er einstmals war. Das kann ich Sie versichern, Herr Vorstand, ich war wahrhaftig betrunken, wie betrunken. Ich fing an ihn zu küssen und er war erstaunt darüber, als hätte ich ihn ersticken wollen. Er sagte immerfort:

»Du bist ja verrückt! Du bist ja verrückt! Was hast Du denn nur heute früh.«

Ich aber hörte nicht auf ihn, ich hörte nur auf mein Herz. Und ich drängte ihn in den Wald . . . und da geschah's. Herr Vorstand, ich habe die Wahrheit gesagt, die reine Wahrheit.«

Der Ortsvorstand war ein Mann von Geist. Er stand auf, lächelte und sagte:

»Liebe Frau, gehen Sie in Frieden und sündigen Sie nicht wieder – im Walde.«

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