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Guy de Maupassant: Der Horla - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorMaupassant
seriesGesammelte Werke
volume7
titleDer Horla
publisherEgon Fleischel
year1905
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050427
modified20140921
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Dreikönigstag

– »Natürlich«, sagte Rittmeister Graf von Garens. »Natürlich erinnere ich mich dieses Dreikönigssoupers während des Krieges! Ich war damals Wachtmeister bei den Husaren. Seit vierzehn Tagen hatten wir gegen die deutschen Vorposten aufzuklären.

Am Tage vorher hatten wir ein paar Ulanen niedergemacht und dabei drei Mann verloren. Darunter befand sich der arme Raudeville. Sie erinnern sich wohl an Josef von Raudeville.

Kurz, an dem Tage befahl mir mein Rittmeister, zehn Pferde mitzunehmen, das Dorf Porterin zu besetzen und die Nacht über, wenn möglich, zu halten. Man hatte sich in der Ortschaft in drei Wochen fünf Gefechte geliefert. Nicht zwanzig Häuser standen mehr und nicht ein Dutzend Bewohner steckten mehr darin.

Ich nahm also zehn Pferde und brach gegen vier Uhr auf. Um fünf als es noch dunkel war, erreichten wir die ersten Häuser von Porterin. Ich ließ halten und befahl Marchas – wissen Sie: Peter von Marchas, der seitdem die kleine Martel-Auvelin, die Tochter des Marquis von Martel-Auvelin geheiratet hat – ganz allein in das Dorf hineinzureiten und Meldung zu bringen.

Ich hatte mir nur Freiwillige ausgesucht, alles Leute von guter Familie. Es macht Spaß, mal im Dienst sich nicht mit den Kommissern 'rumärgern zu müssen.

Dieser Marchas war fabelhaft findig, schlau wie ein Fuchs und geschmeidig wie eine Schlange. Er witterte die Preußen wie ein Hund den Hasen, er fand Lebensmittel, wo wir ohne ihn einfach Hungers gestorben wären und er bekam Nachrichten überallher, Nachrichten, die immer sicher waren, mit unerklärlicher Geschicklichkeit.

Nach zehn Minuten kam er zurück und sagte:

»Es ist alles in Ordnung, seit drei Tagen ist kein Preuße durchgekommen. Das ist aber ein trauriges Nest! Ich habe mit einer barmherzigen Schwester gesprochen, die in einem verlassenen Kloster vier oder fünf Kranke pflegt.«

Ich befahl, vorzugehen, und wir drangen auf der Hauptstraße in das Dorf ein. Rechts und links sah man in der Dämmerung nur ungewiß und kaum zu erkennen ein paar Mauern stehen ohne Dach. Hier und da schimmerte ein Licht hinter einer Fensterscheibe. Eine Familie war zurückgeblieben, um ihr Haus, das noch halbwegs stand, zu bewachen, eine Familie von Tapferen oder von Armen. Der Regen begann niederzugehen, ein feiner, eisiger Regen, der uns durchkältete, ehe er uns durchnäßte, nur durch die Berührung mit unseren Mänteln. Die Pferde stolperten über Steine, Balken, Möbelstücke. Marchas, sein Pferd am Zügel, führte uns, zu Fuß vorausgehend.

»Wo bringst Du uns hin?« fragte ich.

Er antwortete:

»Ich habe ein ganz famoses Quartier gefunden.«

Und er blieb bald vor einem kleinen Bürgerhaus stehen, das noch ganz geblieben und fest verschlossen war. Es stand hart an der Straße und hatte einen Hintergarten.

Mit einem großen Stein, den er am Gitter aufgelesen, sprengte Marchas das Schloß, ging über die Treppe und stieß die Hausthür, mit ein Paar Fußtritten und indem er sich mit der Schulter dagegen stemmte, ein. Dann steckte er ein Endchen Licht an, das er stets bei sich führte, und schritt uns voran in die hübsch ausgestattete und gemütlich eingerichtete Wohnung eines reichen Rentiers. Er führte uns, mit erstaunlicher Sicherheit, als ob er in diesem Hause schon einmal gewohnt hätte, das er doch zum ersten Mal sah.

Zwei Leute, die draußen stehen geblieben waren, bewachten unsere Pferde.

Marchas sagte zum dicken Ponderel, der ihm folgte:

»Der Stall muß links sein, ich hab's beim Reinkommen gesehen. Stell doch die Pferde dort ein, wir brauchen sie ja jetzt nicht.«

Dann wandte er sich zu mir:

»Na, nun gieb doch Deine Befehle.«

Der Bengel setzte mich immer in Verwunderung.

Und ich antwortete lachend:

»Ich werde erst um das Dorf Posten aufstellen und komme dann wieder her.«

Er fragte:

»Wieviel Mann nimmst Du mit?«

»Fünf. Die anderen mögen sie um zehn Uhr abends ablösen.«

»Gut. Vier muß ich jetzt haben um die Vorräte zusammen zu suchen, zu kochen und den Tisch zu decken. Wo der Wein versteckt ist, kriege ich schon noch raus!«

Und ich ging die verlassenen Straßen zu rekognoszieren bis dorthin, wo die Ebene begann, und ich meine Posten aufstellen wollte.

Eine halbe Stunde später war ich zurück. Marchas lag in einem großen Lehnstuhl ausgestreckt, dessen Überzug er abgenommen. Er habe den Luxus gern, behauptete er.

Er wärmte sich die Füße am Feuer und rauchte eine ausgezeichnete Zigarre, deren Duft den Raum erfüllte. Allein saß er dort, die Arme auf die Stuhllehne aufgelegt, den Kopf hintenüber geneigt. Seine Wangen waren leicht gerötet, seine Augen glänzten: er sah glückselig aus.

Im Nachbarraum hörte ich Geschirr klirren und Marchas sagte heiter lächelnd zu mir:

»'s ist schon alles in Ordnung. Den Rotspohn habe ich im Hühnerstall, den Sekt unter den Stufen der Treppe gefunden. Im Obstgarten aber habe ich fünfzig Flaschen ganz feinen Schnaps ausbaldowert. Er war unter einem Birnbaum vergraben, der beim Schein meiner Laterne mir nicht ganz gerade zu stehen schien. Als Pièce de Resistance haben wir zwei Hühner, eine Gans, eine Ente, drei Tauben und eine Amsel, die ich in einem Käfig fand. Wie Du siehst, ist's allerdings nur Geflügel. Die ganze Geschichte kocht gerade. Das ist ja 'n großartige Gegend hier!«

Ich hatte mich ihm gegenüber gesetzt. Das Feuer im Kamin röstete mir das Gesicht.

»Wo hast Du denn das Holz gefunden«, fragte ich,

Er brummte:

»O, ausgezeichnetes Holz. Sind Stücke von einer Equipage. Deshalb flammt es immer so auf, das ist der Lack der brennt. Wirklich ein tadellos assortiertes Haus.«

Ich lachte. Ich fand den Kerl zu ulkig. Er sagte:

»Und dabei ist Dreikönigstag! Ich habe gleich eine Saubohne in die Gans gesteckt. Aber wir haben keine Königin, das ist zu dumm.«

Ich wiederholte:

»Ja, das ist zu dumm. Aber was soll ich dabei thun?«

»Nu, zum Donnerwetter – welche finden.«

»Was denn?«

»Frauenzimmer.«

»Frauenzimmer? Du bist wohl verrückt!«

»Na hör' mal, ich habe den Schnaps unter dem Birnbaum gefunden und den Sekt unter den Treppenstufen und dabei hatte ich doch nichts, was mich auf die Spur hätte führen können. Für Dich aber ist doch ein Frauenrock Fährte genug. Also such nur mal, alter Freund.«

Er sah so ernst aus und schien davon so überzeugt zu sein, daß ich gar nicht wußte, ob er im Scherz spräche, und ich antwortete:

»Ach, Marchas, schneide doch nicht auf.«

»Im Dienste schneide ich nie auf.«

»Ja, zum Deubel noch einmal, wo soll ich denn aber Frauenzimmer herkriegen?«

»Woher Du willst. Es müssen doch wahrhaftig in der ganzen Gegend noch zwei oder drei übrig sein. Finde sie nur und lootse sie her.«

Ich stand auf. Es war zu warm am Feuer. Marchas sagte:

»Soll ich Dir auf die Sprünge helfen?«

»Ja.«

»Geh zum Pfarrer.«

»Zum Pfarrer? Wozu?«

»Lade ihn zum Abendessen ein und bitte ihn, eine Dame mitzubringen.«

»Der Pfarrer eine Dame – ha! ha!«

Marchas sagte mit außergewöhnlichem Ernst:

»Da giebts gar nichts zu lachen: Geh zum Pfarrer und setze ihm unsere Lage auseinander. Der langweilt sich sicher grauenhaft und kommt bestimmt. Sage ihm einfach, ein Frauenzimmer müßten wir mindestens haben, aber eine anständige Dame, verstehst Du, da wir alle von guter Familie sind. Er muß doch seine Gemeindekinder an den Fingern herzählen können. Wenn es irgend eine giebt, die für uns paßt und wenn Du 's schlau anfängst, wird er sie Dir sicher nennen.«

»Nanu, Marchas, was denkst Du denn eigentlich?«

»Lieber Freund, Du wirst's schon fertig kriegen! Das gäbe mal 'n Ulk. Wir wissen schon das Leben zu genießen – Himmelsakrament noch einmal! Und pass' mal auf, wir werden ganz anständig sein, wie in der besten Gesellschaft. Sage nur dem Pfarrer, wer wir sind, heitere ihn ein bißchen auf. Du mußt ihn rühren, ihn richtig umkriegen, dann wird er 's schon thun.«

»Nee, das ist unmöglich!«

Er rückte seinen Stuhl heran, und da der Bengel meine schwache Seite kannte, sagte er:

»Denk doch mal, wie ulkig das wäre und was das für'n famosen Witz gäbe, wenn Du das erzähltest. In der ganzen Armee käme es herum und Du würdest Dir geradezu einen Namen damit machen.«

Ich zögerte, obgleich die Geschichte mich eigentlich lockte, und er fing wieder an:

»Na nu, mach mal Dampf dahinter, lieber Garens. Du bist der Befehlshaber, Du kannst allein den Höchstkommandierenden der Kirche aufsuchen. Aber so gehe doch hin. Nach dem Kriege beschreibe ich die Geschichte in Versen in der Revue des Deux Mondes. Das verspreche ich Dir. Das bist Du Deinen Leuten schuldig, die Du seit vier Wochen ohne Rast und Ruh herumhetzest.«

Ich stand auf und fragte:

»Wo ist das Pfarrhaus?«

»Die zweite Straße links. Dann kommst Du an eine Allee und am Ende derselben steht die Kirche. Links liegt das Pfarrhaus.«

Ich ging fort und er rief mir nach:

»Sage ihm nur, was wir zu essen haben, damit er Appetit bekommt.«

Ich fand sofort das Haus des Pfarrers neben einer großen, häßlichen Ziegelkirche. Ich schlug mit der Faust gegen die Thür, die weder Klingel noch Klopfer hatte und eine kräftige Stimme fragte von innen:

»Wer ist da?«

Ich antwortete:

»Der Wachtmeister von den Husaren.«

Ich hörte das Knirschen des Riegels und das Umdrehen des Schlüssels und stand einem großen, beleibten Priester gegenüber, der eine Figur hatte wie ein Athlet, mit mächtigen Händen, die aus den aufgekrempelten Ärmeln herausschauten. Sein Gesicht war gerötet. Er machte den Eindruck eines ganz braven Mannes.

Ich grüßte militärisch.

»Guten Tag Herr Pfarrer.«

Er hatte eine Überraschung gefürchtet, einen Überfall durch irgend einen Landstreicher und nun sagte er lächelnd:

»Ah, guten Tag. Bitte, treten Sie ein.«

Ich folgte ihm in ein kleines rot gepflastertes Zimmer, in dessen Kamin ein bescheidenes Feuerchen knisterte, das gegen Marchas' Höllenglut sich recht dürftig ausnahm.

Er deutete auf einen Stuhl und fragte:

»Was steht zu Diensten?«

»Bitte, Herr Pfarrer, darf ich mich zuerst vorstellen?«

Ich hielt ihm meine Visitenkarte hin.

Er nahm sie entgegen und las halblaut:

»Graf von Garens.«

Ich begann:

»Herr Pfarrer, wir sind hier elf Mann. Fünf davon auf Posten und sechs im Hause eines Dorfbewohners, den wir nicht kennen. Diese sechs heißen; Garens – mein Name – Peter von Marchas, Ludwig von Ponderel, Baron von Etreillis, Karl Massouligny, der Sohn des bekannten Malers, und Josef Herbon, ein junger Musiker.

Ich komme in ihrem und in meinem eigenen Namen, um Sie zu bitten, uns die Ehre zu geben, mit uns zu Abend zu essen. Wir feiern den Dreikönigstag mit einem Festmahl, Herr Pfarrer, und möchten gern ein bißchen lustig sein.«

Der Priester lächelte und murmelte:

»Ich glaube, es ist jetzt nicht ganz am Platze, sich zu amüsieren.«

Ich antwortete:

»Herr Pfarrer, wir schlagen uns alle Tage. In den letzten vier Wochen sind vierzehn unserer Kameraden gefallen und gestern blieben wieder drei. So wills der Krieg. Wir setzen jeden Augenblick unser Leben aufs Spiel. Haben wir da nicht das Recht, es wenigstens lustig zu verbringen? Wir sind Franzosen, wir lachen gern, lachen über alles.

Unsere Väter bestiegen lächelnden Mundes das Schaffot. Heute abend möchten wir nur ein wenig lustig sein, ganz vernünftig und anständig, gar nicht etwa uns betrinken. Verstehen Sie wohl? Ist das so unrecht?«

Er antwortete lebhaft:

»Sie haben recht, lieber Freund, und ich nehme mit großem Vergnügen Ihre Einladung an.«

Er rief:

»Hermance!«

Eine alte, krumme, runzelige Bäuerin erschien und fragte:

»Was ist denne?«

»Meine Tochter, ich esse nicht zu Hause.«

»Wo essen Se denne?«

»Mit den Herren Husaren.«

Mich überkam die Lust, zu sagen:

»Bringen Sie doch Ihre Köchin mit!« – nur um Marchas' Gesicht zu sehen. Aber ich wagte es nicht.

Ich begann wieder:

»Haben Sie nicht unter Ihren Gemeidemitgliedern irgend einen oder eine, die wir noch dazu einladen könnten?«

Er zögerte, suchte und erklärte:

»Nein, niemand.«

Aber ich fragte von neuem:

»Wirklich keinen Menschen? Ach, Herr Pfarrer, suchen Sie nur mal. Es wäre riesig nett, wenn wir ein paar Damen dabei hätten, natürlich verheiratete, irgend jemand, den Bäckermeister mit seiner Frau, den Konditor, den Uhrmacher, den Schuster, den Apotheker mit der Frau Apothekerin. Wir haben gutes Essen, Wein, und wären sehr glücklich, wenn wir bei den Leuten hier ein gutes Andenken zurücklassen könnten.

Der Pfarrer überlegte lange, dann sagte er bestimmt:

»Nein, keinen Menschen.«

Ich begann zu lachen:

»Aber Herr Pfarrer, das wäre doch wirklich sehr dumm, wenn wir keine Königin hätten. Es ist doch Dreikönigstag und die Bohne haben wir schon in die Gans gethan, damit einer sie findet. Ach, suchen Sie doch ein bißchen. Ist denn der Ortsvorstand nicht verheiratet oder vielleicht sein Stellvertreter? Oder irgend ein Gemeinderat, der verheiratet ist, vielleicht hat der Lehrer eine Frau?«

»Nein, alle Damen sind fort.«

»Was, in der ganzen Gegend giebt es nicht eine ehrsame Frau mit ihrem Mann, der wir das Vergnügen machen könnten, sie einzuladen. Denn es würde ein Vergnügen für sie sein, unter den gegebenen Umständen ein großes Vergnügen.«

Aber plötzlich fing der Pfarrer an zu lachen, daß es ihn förmlich schüttelte und rief:

»Ah, jetzt habe ich's! Jesus Maria, jetzt habe ich gefunden, was Sie brauchen. Kinder, wir werden aber lachen! Das wird einen Spaß geben, und die werden sich freuen! O, die werden sich freuen! Wo wohnen Sie denn?«

Ich beschrieb das Haus und er begriff:

»Schön, das ist die Besitzung des Herrn Bertin- Lavaille. In einer halben Stunde komme ich mit vier Damen. Passen Sie mal auf: vier Damen.«

Er ging mit mir zu gleicher Zeit davon, lachte immer noch und wir trennten uns mit der Versicherung: »In einer halben Stunde im Hause von Bertin-Lavaille auf Wiedersehen.«

Ich kehrte schnell heim, sehr erstaunt und äußerst neugierig.

Als Marchas mich sah, fragte er:

»Wieviel Couverts sinds?«

»Elf. Wir sind sechs Husaren, dann der Herr Pfarrer und vier Damen.«

Er war baff. Und ich blickte ihn triumphierend an. Er fragte noch einmal:

»Was, vier Damen! Vier Damen sagst Du!«

»Ich sage vier Damen.«

»Wirkliche Frauen?«

»Wirkliche Frauen.«

»Donnerwetter noch einmal, alle Hochachtung!«

»Angenommen, denn die habe ich auch verdient.«

Er stand von seinem Stuhl auf, öffnete die Thür und ich sah eine lange Tafel, die mit schönem, weißem Tischzeug gedeckt war. Drei Husaren, die sich blaue Schürzen umgebunden hatten, stellten Teller und Gläser zurecht.

»Wir bekommen Frauenzimmer her!« rief Marchas.

Und die drei Leute sprangen im Zimmer herum und riefen mit lauter Stimme:

»Bravo! Bravo! Bravo!« –

Alles war bereit. Wir warteten, warteten beinahe eine Stunde. Ein wundervoller Geruch nach gebratenem Geflügel zog durch das ganze Haus.

Da klopfte jemand am Fensterladen und wir sprangen gleichzeitig auf. Der dicke Ponderel lief, um zu öffnen. Und nach kaum einer Minute erschien eine kleine fromme Schwester in der Thür. Sie war mager, runzelig, sehr schüchtern und grüßte nach einander die vier erstaunten Husaren, die sie eintreten sahen. Hinter ihr klang das Aufstoßen eines Stockes auf dem Pflaster des Vorsaals. Und sobald die Schwester ins Zimmer getreten war, entdeckte ich hinter ihr, eine nach der andern, drei alte Weiber in weißen Häubchen, die humpelnd daher kamen. Die eine kippte immer nach rechts um, die andere nach links. Und nun sahen wir vor uns drei alte, humpelnde Weibchen, das Bein nachziehend, von Krankheiten und Alter entstellt, alle drei gebrechlich und invalide, die drei einzigen Insassen des Spitals, dem Schwester Saint-Benoît vorstand, die noch imstande waren, sich fort zu schleppen.

Sie hatte sich nach ihren drei Invaliden umgedreht, voller Sorgfalt um sie. Als sie dann meine Tressen sah, sagte sie:

»Herr Offizier, ich danke Ihnen vielmals, daß Sie an die alten Frauen gedacht haben. Die haben recht wenig Glück auf der Welt und Sie machen ihnen dadurch eine große Freude und große Ehre zugleich.«

Nun gewahrte ich den Pfarrer, der im Dunkel des Ganges stehen geblieben war und herzlich lachte. Auch ich fing an zu lachen und blickte Marchas an, um zu sehen, was für ein Gesicht er dazu machen würde. Dann deutete ich zur frommen Schwester gewandt auf ein Paar Stühle:

»Bitte, nehmen Sie Platz, liebe Schwester. Wir sind sehr stolz und freuen uns sehr, daß Sie unsere bescheidene Einladung angenommen haben.«

Sie holte drei Stühle, die an der Wand standen, stellte sie am Feuer nebeneinander, führte die drei alten Weiber dort hin, hieß sie sich setzen, nahm ihnen ihre Stöcke und Umschlagetücher ab und legte diese in eine Ecke. Dann deutete sie auf die erste, eine Magere mit einem mächtigen Leib, die höchst wahrscheinlich die Wassersucht hatte.

»Das ist die alte Paumelle, deren Mann durch einen Sturz vom Dach verunglückt ist; ihr Sohn blieb in Afrika. Sie ist zweiundsechzig Jahre alt.«

Dann deutete sie auf die zweite, eine große Person, deren Kopf fortwährend wackelte.

»Die da ist die alte Jean-Jean. Sie ist siebenundsechzig Jahre alt. Sie ist fast blind, denn ihr wurde bei einer Feuersbrunst das ganze Gesicht verbrannt und das rechte Bein fast zur Hälfte.«

Endlich zeigte sie uns die dritte, eine Art Zwergin mit herausstehenden, runden, blöde dreinschauenden Augen, die sie nach allen Seiten wandern ließ.

»Das ist die Putois. Geisteskrank aber ganz harmlos. Sie ist erst vierundvierzig Jahre alt.«

Ich hatte die drei Frauen gegrüßt, als ob man mich königlichen Hoheiten vorgestellt hätte, und sagte nun, mich zum Pfarrer wendend:

»Herr Pfarrer, Sie sind ein Fund für uns und wir müssen Ihnen außerordentlich dankbar sein.«

Alle fingen an zu lachen, nur Marchas nicht, der wütend zu sein schien.

»Es ist angerichtet, Schwester Saint-Benoît!« rief plötzlich Karl Massouligny.

Ich ließ sie mit dem Pfarrer vorausschreiten, dann faßte ich die alte Paumelle beim Arme, half ihr auf und schleppte sie mit einiger Mühe ins Nachbarzimmer, denn ihr Riesenleib schien so schwer zu sein wie Blei.

Der dicke Ponderel brachte die alte Jean-Jean herbei, die nach ihrer Krücke schrie. Und der kleine Josef Herbon steuerte die Idiotin, die Putois, ins Eßzimmer, in dem der Duft des gebratenen Fleisches sich verbreitet hatte.

Sobald wir vor unseren Tellern standen, klatschte die Schwester dreimal in die Hände und die alten Weiber schlugen schnell das Kreuz. Das ging wie auf Kommando, als ob Soldaten das Gewehr präsentieren. Dann sprach der Pfarrer langsam die lateinischen Worte des »benedicite«.

Wir setzten uns, und die beiden Hühner wurden von Marchas aufgetragen, der lieber die Speisen bringen wollte, als bei dieser lächerlichen Mahlzeit mit bei Tisch sitzen.

Aber ich rief:

»Schnell den Sekt.«

Der Pfropfen sprang wie aus der Pistole geschossen und trotz der Gegenwart des Pfarrers und der Schwester schütteten die drei Husaren, die neben den alten Weibern saßen, diesen mit Gewalt den Inhalt der vollen Gläser in den Mund.

Massouligny, der die Gabe besaß, überall gleich heimisch und mit jedermann sofort gut bekannt zu sein, machte der alten Paumelle auf die komischste Art den Hof.

Die Wassersüchtige, die sich ihre gute Laune erhalten hatte, trotz ihres Unglücks, antwortete ihm mit ihrer ganz affektiert klingenden Fistelstimme, und lachte so sehr über die Späße ihres Nachbarn, daß es in ihr wallte und wogte, als wollte ihr dicker Leib in die Höhe steigen und auf den Tisch fallen. Der kleine Herbon gab sich ernstlich Mühe die Idiotin betrunken zu machen und der Baron von Etreillis, der etwas ernster war, fragte die alte Jean-Jean aus über den Aufenthalt, die Lebensgewohnheiten im Spital.

Die fromme Schwester rief ganz erschrocken Massouligny zu:

»O Gott, Sie werden sie ja krank machen. Bringen Sie sie doch nicht so zum Lachen. Bitte, lieber Herr, bitte sehr!«

Dann stand sie auf und stürzte sich auf Herbon, um ihm das volle Glas, das er eben der Putois zwischen die Zähne goß, wegzureißen.

Der Pfarrer aber lachte, daß er sich nur so wand und sagte zur Schwester:

»Aber lassen Sie doch! Ein einziges Mal wird's ihnen doch nicht schaden. Lassen Sie doch.«

Nach den beiden Hühnern hatte man die Ente gegessen, der zur Seite auf der Schüssel die drei Tauben und die Amsel lagen. Dann erschien die dampfende, goldige Gans und verbreitete einen wundervollen Bratengeruch im Zimmer.

Die alte Paumelle wurde erregt und klatschte in die Hände. Die alte Jean-Jean antwortete nicht mehr auf die vielen Fragen des Barons, und die Putois grinste vor Vergnügen wie ein kleines Kind, dem man Bonbons hinhält.

»Meine Herren, erlauben Sie, daß ich die Gans übernehme?« sagte der Pfarrer. »Ich verstehe mich auf das Tranchieren!«

»Aber gewiß, Herr Pfarrer.«

Und die Schwester sagte:

»Bitte, könnte das Fenster nicht ein wenig geöffnet werden? Es ist zu warm. Ich glaube bestimmt, daß sie krank werden so.«

Ich wandte mich zu Marchas:

»Mach doch einen Augenblick das Fenster auf.«

Er öffnete es und die kalte Luft von draußen drang herein, daß die Lichter flackerten und der Dampf, der von der Gans aufstieg, anfing, sich zu kräuseln. Der Pfarrer hatte sich seine Serviette umgebunden und war dabei, als Kenner das Tier zu zerlegen.

Wir sahen ihm zu, ohne ein Wort zu sprechen, weil uns seine Thätigkeit interessierte. Denn bei dem Anblick dieses fetten, knusperigen, bräunlichen Tieres, dessen Glieder eins nach dem anderen in die braune Sauce auf der Schüssel hinabsanken, war uns neuer Appetit gekommen.

Da klang plötzlich mitten in das Schweigen hinein durch das offene Fenster von weitem ein Schuß.

Ich sprang so schnell auf, daß mein Stuhl zu Boden fiel, und rief:

»An die Pferde! Marchas, nimm gleich zwei Mann mit und kläre auf! In fünf Minuten mußt Du wieder hier sein.«

Und während die drei Reiter im Galopp in die Nacht hinausstürmten, saß ich mit meinen beiden anderen Husaren auf vor der Steintreppe der Villa, während der Pfarrer, die Schwester und die drei alten Weiber vom Fenster aus erschrocken zusahen.

Man hörte nur noch in der Ferne einen Hund bellen. Der Regen hatte aufgehört. Es war kalt, bitter kalt. Und bald unterschied ich wieder die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes, nur eines einzigen, das zurückkehrte.

Es war Marchas. Ich rief ihm zu:

»Nun?«

Er antwortete:

»Es ist nichts. Franz hat einen alten Bauern angeschossen, der auf das ›Wer da?‹ nicht antwortete und trotz seines Befehls immer weiter auf ihn zukam. Sie werden ihn gleich bringen. Wir müssen sehen, was mit ihm ist.«

Ich befahl, die Pferde wieder in den Stall zu bringen und schickte meine beiden Husaren den andern entgegen. Dann trat ich wieder ins Haus.

Da holten der Pfarrer, Marchas und ich eine Matratze in den Salon herunter, den Verwundeten darauf zu betten. Die Schwester zerriß eine Serviette, um Charpie zu zupfen, während die drei alten Weiber erschrocken in der Ecke sitzen blieben.

Bald hörte ich das Klirren von schleppenden Säbeln auf der Straße. Ich nahm ein Licht, um den uns Entgegenkommenden zu leuchten. Und die Husaren erschienen und trugen jenen regungslosen, schlaffen, langausgestreckten traurigen Gegenstand, der der menschliche Körper wird, wenn kein Leben mehr in ihm ist.

Man legte den Verwundeten auf die für ihn bereit gehaltene Matratze und ich sah auf den ersten Blick, daß es ein Sterbender war.

Er röchelte und spie Blut, das ihm aus den Mundwinkeln lief, und bei jedem Atemzuge aus dem Munde schoß. Der Mann war ganz bedeckt damit. Die Backen, der Bart, die Haare, der Hals, die Kleider, Alles sah aus, als wäre es in einer Schale mit Blut gebadet. Und das Blut war auf ihm geronnen, mit einer Schmutzkruste vermischt, gräßlich anzusehen.

Der Greis war in einen langen Hirtenmantel gewickelt. Er öffnete ab und zu die starren, erloschenen Augen, aus denen kein Ausdruck sprach und die vor Entsetzen ganz starr dreinschauten wie die Augen eines Tieres, das der Jäger tötet und das ihn anblickt, wenn es ihm zu Füßen liegt, schon dreiviertel tot, ganz gelähmt von Furcht und Schrecken.

Der Pfarrer rief:

»Ach, es ist ja der alte Placide, der alte Hirte von den Mühlen! Er ist taub, der arme Kerl und hat nichts gehört. Mein Gott, mein Gott sie haben ja den Unglücklichen totgeschossen!«

Die Schwester hatte ihm den Rock geöffnet und das Hemd und betrachtete ein kleines, violettes Loch, mitten auf der Brust, das nicht mehr blutete.

»Da ist nichts mehr zu machen,« sagte sie.

Der Hirte stöhnte fürchterlich, spuckte ab und zu mit seinen letzten Atemzügen das Blut aus und man hörte in seiner Kehle bis in die Tiefen der Lungen hinunter ein unheimliches, fortwährendes Rasseln.

Der Pfarrer stand über ihn gebeugt, hob die rechte Hand, machte das Zeichen des Kreuzes und sprach mit langsamer und feierlicher Stimme die lateinischen Worte der Absolution.

Ehe er damit fertig war, überlief den Greis ein kurzer Schauer, als ob etwas in ihm zerbräche. Er atmete nicht mehr. Er war tot.

Ich hatte mich umgedreht und sah nun ein Schauspiel, das noch fürchterlicher war, als das Sterben dieses Unglücklichen: Die drei alten Weiber standen da gegen einander gepreßt, scheußlich anzusehen, und schnitten Gesichter vor Entsetzen und Angst.

Ich näherte mich ihnen und da fingen sie plötzlich an, laut und entsetzt zu schreien, und versuchten, davon zu laufen, als ob ich auch sie töten wollte.

Die alte Jean-Jean, deren verbrannte Beine sie nicht mehr trugen, fiel der Länge nach zu Boden.

Schwester Saint-Benoît ließ den Toten liegen und stürzte auf ihre Pflegebefohlenen zu. Ohne mir ein Wort zu sagen, ohne einen Blick hing sie ihnen ihre Umschlagetücher wieder um, gab ihnen die Stöcke und Krücken, stieß sie zur Thür hinaus und verschwand mit ihnen in der schweigenden, dunklen Nacht.

Ich sah ein, daß ich sie nicht einmal durch einen Husaren begleiten lassen konnte, denn der Lärm des Säbels hätte sie ganz verrückt gemacht.

Der Pfarrer blickte noch immer den Toten an.

Dann drehte er sich zu mir um und sprach:

»Das ist nicht schön, so was!«

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