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Guy de Maupassant: Der Horla - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorMaupassant
seriesGesammelte Werke
volume7
titleDer Horla
publisherEgon Fleischel
year1905
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050427
modified20140921
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Josef

Die kleine Baronin Andrée von Fraisières und die kleine Gräfin Noëmi von Gardens waren ganz beschwipst, aber total beschwipst.

Sie hatten in dem großen Salon mit den hohen Spiegelscheiben, durch die man auf das Meer hinaus blicken konnte, miteinander gegessen. Durch die offenen Fenster zog die milde Sommerabendluft herein, lau und frisch zugleich, eine köstliche Brise von der See. Die beiden jungen Frauen waren auf ihren Chaiselongues ausgestreckt und nippten von Zeit zu Zeit einen Tropfen Chartreuse, rauchten Zigaretten und erzählten sich intime Erlebnisse, Heimlichkeiten, die sie nur in der fröhlichen Stimmung des beginnenden Schwipses über die Lippen bringen konnten.

Ihre Männer waren nachmittags nach Paris zurückgefahren und ließen sie allein in diesem kleinen, einsamen Seebade, das sie ausgewählt, um den galanten Bummlern und Courmachern der Modebadeorte zu entgehen. Da sie fünf Tage der Woche abwesend waren, so fürchteten sie die Landpartien, die Picknicks, die Badestunden und die schnelle Vertraulichkeit, die in dem Bummelleben der Bäder leicht entsteht. Sie fürchteten sich vor Dieppe, Etretat und Trouville und hatten ein Haus gemietet, das ein Sonderling im Thale von Roqueville bei Fécamp sich gebaut und dann verlassen hatte. Dort hatten sie ihre Frauen für den ganzen Sommer begraben.

Sie waren total beschwippst. Da sie gar nicht wußten, was sie eigentlich anfangen sollten, um sich zu zerstreuen, hatte die kleine Baronin der kleinen Gräfin ein Champagnerdiner erster Klasse vorgeschlagen. Zuerst hatte es ihnen einen Hauptjux gemacht, das Essen selbst zu kochen. Dann hatten sie unter stetem Lachen gegessen und tüchtig dazu getrunken, um den Durst zu löschen, den die Hitze der Küche in ihnen erzeugt. Nun schwatzten sie, redeten Unsinn, eine wie die andere, rauchten Zigaretten und gossen langsam ihre Chartreuse hinab. Sie wußten wirklich gar nicht mehr, was sie eigentlich sprachen.

Die kleine Gräfin, die Beine über einer Stuhllehne, hatte des Guten fast noch mehr gethan als ihre Freundin. Nun sagte sie:

»Eigentlich müßten wir, um so einen Abend nett zu beschließen, ein paar Liebhaber haben. Wenn ich's früher gewußt hätte, hätte ich zwei aus Paris bestellt und Dir einen überlassen.«

Die andere sagte:

»Ach, ich finde immer welche. Sogar heute abend, wenn ich einen haben wollte, hätte ich einen.«

»Na hör mal, in Roqueville? Etwa einen Bauernjungen?«

»Nein, doch nicht ganz.«

»O, das mußt Du mir aber erzählen.«

»Ja, was soll ich Dir denn erzählen?«

»Von Deinem Liebhaber.«

»Weißt Du, ich kann ohne Liebe nicht existieren. Wenn mich nicht jemand liebt, ich glaube, ich käme mir vor, als wäre ich tot.»

»Ich auch.«

»Nicht wahr?«

»Ja, die Männer verstehen das eben nicht, vor allem unsere Männer nicht.«

»Nein, durchaus nicht. Aber wie sollen sie auch anders sein? Zu der Liebe, die wir nötig haben, gehören allerlei kleine Aufmerksamkeiten, Artigkeiten, das brauchen wir, wie's tägliche Brot, das gehört einmal zu unserem Leben, ist uns unentbehrlich.«

»Unentbehrlich.«

»Ich muß irgend jemand um mich haben, um mich herum fühlen, der an mich denkt, überall, immer. Wenn ich einschlafe, wenn ich aufwache, muß ich wissen, daß mich jemand liebt, daß einer von mir träumt und sich nach mir sehnt, sonst bin ich unglücklich, ach, ich sage Dir, unglücklich, daß ich heulen möchte die ganze Zeit.«

»Ich auch.«

»Weißt Du, es ist gar nicht anders möglich! Wenn ein Mann sechs Monate lang nett gewesen ist gegen uns, vielleicht auch ein oder zwei Jahre, wird er unbedingt endlich doch gleichgiltig, stumpfsinnig, ganz stumpfsinnig, er kümmert sich nicht mehr um uns, zeigt sich so wie er ist, macht einem Szenen wegen der Schneiderrechnung, wegen jeder lumpigen Rechnung überhaupt. Einen, mit dem man immer zusammenlebt, kann man nicht lieben.«

»Das ist sehr richtig!«

»Nicht wahr? Also, wo war ich denn eigentlich . . . ich habe keinen Schimmer mehr . . . .«

»Du sagst, alle Männer sind stumpfsinnig.«

»Ja, stumpfsinnig alle.«

»Das ist wahr.«

»Und was denn noch?«

»Was? Was noch?«

»Ja, was sagte ich denn dann noch?«

»Das weiß ich doch nicht! Du hast noch gar nichts gesagt.«

»Nu, ich wollte Dir doch was erzählen.«

»Ja, ja das ist richtig, warte mal –«

»Halt, ich hab's.«

»Ich bin ganz Ohr.«

»Ich sagte Dir also, weißt Du, ich finde überall einen Liebhaber.«

»Wie machst Du denn das?«

»Das ist ganz einfach, paß mal auf. Wenn ich in eine neue Gegend komme, sehe ich mich erst mal ein bißchen um, dann treffe ich meine Wahl.«

»Du triffst Deine Wahl?«

»Nu ja, zuerst sehe ich mich ein bißchen um, unterrichte mich über dies und das, vor allen Dingen muß so ein Mann diskret sein, reich und nicht knausrig, nicht wahr?«

»Ja, das stimmt.«

»Na und dann muß er mir auch als Mann gefallen.«

»Natürlich.«

»Dann ködere ich ihn.«

»Du köderst ihn?«

»Ja, wie man Fische fängt. Hast Du nie geangelt?«

»Nee, niemals.«

»O, da hast Du aber viel versäumt, das ist nämlich reizend und lehrreich dazu . . . kurz, ich ködere ihn.«

»Ja, wie machst Du denn das?«

»Ach sei doch nicht so dumm! Kann man nicht die Männer fangen, die man haben will? Als ob sie die Wahl hätten! Sie bilden sich natürlich ein, daß sie wählen könnten, diese Kameele, aber wir wählen immer. Weißt Du, wenn man nicht gerade häßlich ist und auch nicht gerade dumm, wie wir beide, dann begehren uns alle Männer ohne Ausnahme und wir können sie von früh bis abends Revue passieren lassen und wenn wir einen finden der uns paßt, so ködern wir ihn.«

»Ja, nun weiß ich aber noch immer nicht, wie Du das anstellst?«

»Wie ich das anstelle? Nu, ich thue gar nichts, laß mich begucken, weiter nichts.«

»Du läßt Dich begucken?«

»Nu ja, das ist doch ganz genug, wenn man sich mehrmals hinter einander hat begucken lassen, hält einen so 'n Mann unfehlbar für die Hübscheste und Begehrenswerteste aller Frauen, und macht einem den Hof. Dann gebe ich ihm zu verstehen, daß ich ihn gar nicht übel finde, natürlich, ohne irgend was direkt zu sagen, und dann verliebt er sich sofort rasend, aber rasend. Dann habe ich ihn. Das dauert kürzer oder länger, wie er gerade angelegt ist.«

»So kriegst Du alle, die Du willst?«

»Beinahe alle.«

»Giebts denn welche, die widerstehen?«

»Manchmal.«

»Warum denn?«

»Warum – na den keuschen Josef spielen sie aus drei Gründen: entweder sind sie in eine andere verliebt oder fürchterlich schüchtern oder, ja wie soll ich das bezeichnen, oder sie sind nicht imstande, bei der Eroberung einer Frau das letzte Wort zu sprechen.«

»Aber liebe Freundin, das glaubst Du wirklich?«

»Ja, ja, ganz bestimmt, von der letzten Klasse giebt's 'ne ganze Menge! Viel mehr jedenfalls als man so denkt. Sie sehen aus, wie alle anderen, sind gekleidet wie die andern, blähen sich auf wie ein Pfau, das heißt, wenn ich sage ›Pfau‹ so ist das ein falscher Ausdruck, denn sie können sich eben nicht aufblähen.«

»Aber, aber liebes Kind . . . .«

»Weißt Du, die Schüchternen, die sind manchmal unglaublich dumm, das sind Männer, die sich offenbar nicht mal ausziehen können, um ganz allein zu Bette zu gehen, wenn in ihrem Zimmer ein Spiegel steht. Mit solchen muß man energisch sein, sie immer anstieren und ihnen heimlich die Hand drücken. Und auch das verfängt manchmal nicht. Sie wissen eben nie, wie und wo anfangen, und wenn man als letztes Mittel in ihrer Gegenwart ohnmächtig wird, sind sie sehr besorgt um einen, und wenn man nicht gleich wieder zur Besinnung kommt, holen sie gar Hilfe.

Die Liebsten sind mir die, die in eine Andere verliebt sind. Die muß man im Sturm nehmen, weißt Du, gleich Bajonettangriff.«

»Hör mal, das ist ganz gut, aber wenn's nun gar keine Männer giebt, wie zum Beispiel hier?«

»Nu, da finde ich eben welche.«

»Dann findest Du welche? Wo denn?«

»Überall. Hör mal das bringt mich auf meine Geschichte zurück.

Denk Dir also, es sind jetzt zwei Jahre her, da ließ mich mein Mann den Sommer auf seinem Gute Bougrolles verleben. Da gab es nichts, verstehst Du, aber auch nichts, gar nichts. Auf den Schlössern der Nachbarschaft lebten ein Paar ekelhafte plumpe Tölpel, Jägernaturen; weißt Du auf solchen Schlössern, wo es nicht mal ein Badezimmer giebt; Männer, die wenn sie geschwitzt haben, ruhig in den Unterkleidern zu Bett gehen, Leute die man gar nicht bessern könnte, weil Sie eben von Natur schmutzig sind.

Nun rate mal, was ich da gethan habe?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Denk Dir, ich hatte eben eine Menge Romane von George Sand gelesen, Romane, in denen die Arbeiter Engel sind und alle vornehmen Leute Verbrecher. Und nun denk' Dir, daß ich im Winter vorher den Ruy-Blas gesehen hatte, der mich höllisch gepackt hatte. Kurzum, einer unserer Pächter hatte einen Sohn, einen schönen Kerl von zweiundzwanzig Jahren, der angefangen hatte, zu studieren, um Priester zu werden, dann aber das Seminar verlassen, weil er den Beruf nicht mochte. Sieh mal, den habe ich als Diener angenommen.«

»Ach, und dann?«

»Dann – dann – liebe Freundin, na, dann habe ich ihn ganz von oben herab behandelt, indem ich ihm sehr viel zeigte von meiner Schönheit. Den habe ich nicht geködert, diesen Bauernjungen, den habe ich einfach verrückt gemacht.«

»Aber Andrée!

»Ja, das machte mir sogar einen Riesenspaß.

Und denk Dir, er ist sofort in Flammen aufgegangen wie ein Strohdach. Da habe ich dann bei Tisch während der Mahlzeiten nur noch von Reinlichkeit gesprochen, von der Art seinen Körper zu pflegen, von Douche und Bädern und das gelang so gut, daß er nach vierzehn Tagen früh und abends im Bache ein Bad nahm und sich dann mit Odeur begoß, daß das ganze Schloß davon stank. Ich mußte 's ihm sogar verbieten, indem ich ihm wütend sagte, daß ein Mann niemals ein anderes Parfüm gebrauchen dürfe als Eau de Cologne.«

»Aber Andrée!«

»Da kam ich auf den Gedanken, eine ländliche Bibliothek zu gründen und ich ließ ein paar hundert moralische Romane kommen, die ich allen unsern Bauern und auch meinen Dienstboten borgte. In diese Sammlung hatten sich aber einige Bücher eingeschlichen, einige ganz poetische Bücher, von jenen, die die Seele in Schwingungen setzen, die Pensionsmädchen und Schuljungen verrückt machen. Die habe ich meinem Diener gegeben. Das hat ihm etwas Lebensart beigebracht, eine sehr eigentümliche Lebensart.«

»Aber Andrée!«

»Dann bin ich mit ihm etwas familiär geworden und habe angefangen, ihn du zu nennen. Ich hatte ihn Josef getauft. Liebe Freundin, ich sage Dir, er war in einem Zustande, wirklich schrecklich, er wurde mager, mager wie ein Hahn und seine Augen glänzten wie irrsinnig. Das machte mir furchtbaren Spaß, das war einer meiner reizendsten Sommer.«

»Und dann?«

»Dann? Nun, eines Tages, als mein Mann fort war, ließ ich ihn den Korbwagen anspannen, um mich in den Wald zu fahren. Es war sehr heiß, sehr heiß, na und –«

»Aber Andrée! Nun mußt Du mir auch alles, sagen, bitte, bitte, bitte!«

»Da trink erst mal 'ne Chartreuse, sonst pichle ich die Flasche noch ganz allein aus. Na, kurzum, und dann bin ich unterwegs unwohl geworden.«

»Wieso denn?«

»Sei doch nicht so dumm. Ich habe ihm gesagt, mir würde es schlecht und er müßte mich auf den Rasen tragen und als ich dann im Grase lag, rang ich nach Luft und sagte ihm, er sollte mich aufschnüren, und als ich dann aufgeschnürt war, habe ich die Besinnung verloren . . . .«

»Vollkommen?«

»O, nein, nicht ganz.«

»Na, und?«

»Und so mußte ich fast eine Stunde lang ohne Besinnung liegen bleiben. Er fand kein Mittel, mir zu helfen, aber ich war geduldig und habe die Augen erst aufgethan – nach seinem Fall.«

»Aber Andrée! Und was hast Du ihm denn gesagt?«

»Ich? Nichts, was sollte ich ihm denn sagen, da ich doch ohne Besinnung war? Ich habe ihm gedankt, ich habe ihm gesagt, er soll mich wieder in den Wagen tragen und er hat mich zum Schloß zurückgefahren. Aber als er um die Ecke bog, hätte er beinahe umgeworfen.«

»Aber Andrée! Ist das alles?

»Das ist alles.«

»Hast Du nur ein einziges Mal die Besinnung verloren?«

»Wahrhaftig, nur ein Mal. Zum Liebhaber wollte ich den Jungen nicht haben.«

»Hast Du ihn denn hinterher noch lange behalten?«

»Natürlich, ich habe ihn noch. Warum soll ich ihn denn fortschicken, ich konnte mich sonst über ihn nicht beklagen.«

»Aber Andrée! Und er liebt Dich noch immer?«

»Das will ich meinen.«

»Wo ist er denn?«

Die kleine Baronin streckte die Hand nach der Wand aus und drückte den Knopf der elektrischen Klingel.

Sofort öffnete sich die Thür und ein großer Diener trat ein, der einen starken Geruch von Eau de Cologne verbreitete.

Die Baronin sagte zu ihm:

»Hör mal, Josef, ich glaube, ich befinde mich nicht ganz wohl, hol doch mal meine Jungfer.«

Der Diener blieb unbeweglich stehen, wie der Soldat vor dem Offizier, seinen glühenden Blick auf die Herrin gerichtet, die nun wieder sagte:

»Aber, Du dummer Kerl, mach doch schnell, wir sind doch heute nicht im Walde und Rosalie wird mich besser pflegen als Du.«

Er drehte sich auf dem Absatz herum und ging.

Die kleine Gräfin fragte ganz verstört:

»Was willst Du denn Deiner Jungfer sagen?«

»Ich werde ihr sagen: mir ist schon wieder besser. Nein, ich lasse mir trotzdem das Kleid öffnen, daß ich wieder Luft kriege, ich kann gar nicht mehr atmen! Ich habe einen Schwips, liebe Freundin, einen Schwips sage ich Dir, ich glaube, wenn ich jetzt aufstände, ich würde gleich wieder umfallen.«

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