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Guy de Maupassant: Der Horla - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorMaupassant
seriesGesammelte Werke
volume7
titleDer Horla
publisherEgon Fleischel
year1905
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderwww.gaga.net
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
created20050427
modified20140921
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Eine Familie

Ich wollte meinen alten Freund Simon Radevin besuchen, den ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen.

Früher war er mein bester Freund, ein Busenfreund einer, mit dem man lange Abende ruhig und heiter zusammensitzt, dem man die intimsten Herzensdinge anvertraut, für den man in leisem Gespräch wundersame zarte, feine Ideen findet, die solche Seelenfreundschaft erzeugt, weil sie den Geist anregt und schärft.

Jahrelang hatten wir uns kaum verlassen, wir hatten zusammen gelebt, Reisen gemacht, gedacht, geträumt, wir liebten dieselben Dinge, mit derselben Liebe, wir bewunderten die gleichen Bücher, begeisterten uns für dieselben Kunstwerke, schauerten bei den gleichen Erregungen zusammen, und hatten oft über das Gleiche gelacht, sodaß wir uns verstanden, wenn wir nur einen Blick wechselten.

Dann hatte er sich verheiratet. Er hatte plötzlich ein Mädchen aus der Provinz zur Frau genommen, die nach Paris gekommen war, um einen Mann zu suchen. Wie war es nur möglich gewesen, daß dieses kleine, fadblonde, magere Geschöpf mit ihren wasserhellen, geistlosen Augen, mit ihrer derben, dummen Stimme, diesen zartbesaiteten klugen Menschen mit ihren einfältigen Händen hatte einfangen können! Kann man so etwas verstehen! Er hatte wahrscheinlich von Glück geträumt, von einem stillen, süßen, dauernden Glück in den Armen einer zärtlichen, treuen, guten Frau und alles das hatte er wohl im durchsichtigen Blick dieses kleinen Geschöpfes mit dem bleichen Haar zu lesen vermeint.

Er hatte nicht daran gedacht, daß ein thätiger, lebhafter, nervöser Mensch alles satt bekommt, sobald er einmal die platte Wirklichkeit der Dinge erfaßt hat, er müßte denn allmählich so verdummen, daß er gar nichts mehr kapiert.

Wie würde ich ihn wiederfinden? Immer noch so lebhaft, geistreich, fröhlich, enthusiastisch oder eingeschläfert durch das Leben in der Provinz? Der Mensch kann sich in fünfzehn Jahren sehr, sehr verändern.

Auf einem kleinen Bahnhof hielt der Zug. Als ich ausstieg, stürzte ein dicker, sehr dicker Mann mit roten Wangen und dickem Wanst auf mich zu, öffnete beide Arme und rief:

»Georg!«

Ich umarmte ihn, aber erkannt hätte ich ihn nicht und ich sagte ganz erschrocken:

»Donnerwetter! Bist Du aber dick geworden!«

Er antwortete lachend:

»Ja, was denkst Du denn bei dem guten Leben, bei gutem Essen und regelmäßigem Schlaf! Essen und Schlafen, das ist mein Lebensinhalt.«

Ich betrachtete ihn und suchte in diesem fetten Gesicht die einst geliebten Züge. Nur sein Auge war dasselbe geblieben, aber ich fand in ihm nicht den Blick wieder von früher, und sagte mir: wenn es wahr ist, daß das Auge der Spiegel der Seele ist, so ist die Seele in dieser Brust da nicht mehr dieselbe wie früher, nicht mehr die, in der ich zu lesen verstand.

Aber sein Auge leuchtete doch voll Freude und Freundschaft. Nur die klare Intelligenz, die so viel wie Worte redet vom Werte eines Menschen, lag nicht mehr darin.

Plötzlich sagte Simon zu mir:

»Das sind meine beiden Ältesten.«

Ein Backfisch von vierzehn Jahren, fast Jungfrau und ein Junge von dreizehn Jahren, mit der Schülermütze näherten sich mir verlegen und linkisch.

Ich fragte:

»Sind das Deine?«

Er antwortete lachend:

»Nu ja.«

»Wieviel hast Du denn?«

»Fünf. Drei sind noch zu Haus.«

Er hatte das mit stolzer Miene gesagt, zufrieden, beinahe triumphierend, und mich ergriff ein tiefes Mitleid mit einer Art von Verachtung gepaart für diesen ehrgeizigen und naiven Erzeuger, der seine Nächte damit zubrachte, zwischen Schlaf und Wachen in seinem Philisterhause Kinder in die Welt zu setzen wie ein Kaninchen in seinem Bau.

Wir stiegen in einen Wagen, den er selbst kutschierte und es ging durch die Stadt, eine traurige, verschlafene Stadt, auf deren Straßen sich nichts regte als ein Paar Hunde und zwei oder drei Dienstmädchen.

Ab und zu zog ein Krämer unter seiner Thüre den Hut. Simon grüßte und nannte mir den Namen des Mannes, wahrscheinlich um zu beweisen, daß er alle Einwohner bei Namen kännte.

Wir waren schnell durch die Stadt gekommen und der Wagen lenkte in einen Garten, der gern hätte Park sein mögen, und hielt dann vor einem Haus mit Türmchen, dem man es ansah, daß es sich auf das Schloß ausspielen wollte.

»Da ist mein Bau«, sagte Simon, um eine Kompliment zu hören. Ich antwortete:

»Das ist ja wunderhübsch.«

Auf der Veranda erschien eine Dame, die sich schon in Toilette geworfen für den Gast, in Frisur für den Gast, mit Redensarten eigens versehen – für den Gast. Das war nicht mehr das blonde fade Mädchen, das ich vor fünfzehn Jahren in der Kirche gesehen hatte, sondern eine dicke Dame mit Löckchen, eine jener Damen, von denen man nicht weiß wie alt sie sind, die keinen Charakter haben, keine Eleganz, keinen Geist, nichts, was erst das Weib macht. Sie war eben eine Mutter, eine Gebärmaschine, eine menschliche Henne, ein Fettklumpen, der für nichts Sinn hat, als für die Kinder und das Kochbuch.

Sie hieß mich willkommen und ich ging in den Vorsaal, wo der Größe nach drei Würmer wie die Orgelpfeifen aufgestellt waren, gleich wie Feuerwehrleute zur Besichtigung vor dem Bürgermeister.

Ich sagte: »Aha! Das sind die Anderen?«

Simon nannte strahlend ihre Namen:

»Johann, Sophie und Guntram.«

Die Thür zum Salon stand offen. Ich ging hinein und erblickte in einem Lehnstuhl etwas Zitterndes, ein menschliches Wesen, einen alten gelähmten Mann.

Frau Radevin sprach:

»Das ist mein Großvater, er ist siebenundachtzig Jahre alt.«

Dann rief sie dem zitternden Greise ins Ohr:

»Papa! Das ist ein Freund von Simon!«

Der Ahnherr machte einen Versuch, mir Guten Morgen zu sagen und plärrte irgend etwas wie: quack, quack, indem er die Hand dabei bewegte. Ich antwortete:

»Sie sind zu liebenswürdig«, und ließ mich in einen Stuhl fallen.

Simon war eben hereingekommen und meinte lachend:

»Ah, Du hast die Bekanntschaft vom lieben Papa gemacht? Der Alte ist unbezahlbar, er ist die größte Freude der Kinder, und ich sage Dir, lieber Freund, er ißt, – ißt, ißt, nein der ißt, daß man vor Lachen sterben muß bei jeder Mahlzeit. Du hast keine Ahnung, was der essen würde, wenn man ihn sich selbst überließe. Aber das wirst Du Alles sehen, Alles sehen. Er liebäugelt mit der Mehlspeise, als wäre sie ein junges Mädchen. So 'was Komisches giebts nicht wieder. Na, Du wirst's Alles sehen.«

Dann brachte er mich auf mein Zimmer, damit ich mich etwas herrichten sollte, denn es sollte gleich zu Tisch gehen. Ich hörte auf der Treppe ein großes Getrippel und Getrappel und drehte mich um. Alle Kinder folgten im Gänsemarsch ihrem Vater, wahrscheinlich mir zu Ehren.

Mein Zimmer hatte die Aussicht in's Freie auf eine endlose, nackte Ebene, ein Meer von Gras, Gerste und Hafer ohne irgend welchen Baumwuchs dazwischen, ohne irgend eine Hügelreihe, ein ergreifendes und trauriges Bild des Lebens, das in diesem Hause gelebt ward.

Eine Glocke klang. Es läutete zu Tisch. Ich ging hinunter.

Frau Radevin nahm mit feierlicher Miene meinen Arm und wir gingen ins Eßzimmer. Ein Diener rollte den Stuhl des Alten, der, sobald er vor seinem Teller saß, einen gierigen und interessierten Blick auf die Tafel warf, indem er von einer Schüssel zur andern mühevoll seinen zitternden Kopf wandte.

Da rieb sich Simon die Hände und sagte:

»Paß mal auf, jetzt wirst Du aber lachen.«

Und alle Kinder, die jetzt merkten, daß man mir den Großvater als Fresser vorführen wollte, fingen zu gleicher Zeit an zu lachen, während die Mutter nur lächelnd die Achseln zuckte.

Radevin brüllte den Greis an, indem er seine Hände zum Sprachrohr an den Mund legte:

»Heut giebt es Milchreis mit Zucker.«

Das runzelige Gesicht des Ahnherrn erhellte sich und er zitterte stärker von oben bis unten, um bemerklich zu machen, daß er verstanden hätte und zufrieden wäre.

Wir begannen zu essen.

»Jetzt sieh mal zu«, flüsterte Simon. Der Großvater mochte die Suppe nicht und wollte keine essen, man zwang ihn dazu, der Gesundheit halber und der Diener stopfte ihm mit Gewalt den vollen Löffel in den Mund, während der Alte blies, um die Bouillon nicht herunterschlucken zu müssen, so daß sie als Fontäne auf den Tisch und die Nachbarn spritzte.

Die Kinder wanden sich vor Freude, während der Vater äußerst zufrieden sagte:

»Ist der Alte nicht ulkig?«

Und während der ganzen Mahlzeit beschäftigte man sich nur mit ihm. Er verschlang die auf dem Tisch stehenden Schüsseln mit den Augen. Seine zitternde Hand versuchte sie zu fassen und heranzuziehen. Man stellte sie ihm beinahe in Reichnähe um sich an seinen verzweiflungsvollen Versuchen zu weiden, wie an den verzweifelten Bemühungen seines ganzen Wesens, an seinen Blicken, an seinem Munde, an seiner Nase, die herumschnupperte. Vor lauter Gier begeiferte er seine Serviette, gab unverständliche Töne von sich, und die ganze Familie freute sich über dieses scheußliche groteske Martyrium.

Dann legte man ihm auf seinen Teller ein ganz kleines Stück, das er mit fiebernder Gefräßigkeit herunterwürgte, um schnell mehr zu bekommen.

Als der Milchreis mit Zucker serviert ward, bekam er beinahe einen Krampf, er stöhnte vor Begierde.

Guntram rief ihm zu:

»Du hast zuviel gegessen, Du darfst nichts mehr kriegen!«

Und man that so, als würde man ihm nichts mehr geben.

Da fing er an zu heulen, weinte und zitterte noch mehr, als sonst, während alle Kinder lachten.

Endlich gab man ihm seinen Teil, ein ganz kleines bißchen, und nun gab er, während er den ersten Bissen aß, mit dem Munde einen lächerlichen, schnalzenden Ton von sich und bewegte dabei den Hals wie eine Ente, wenn sie ein zu großes Stück hinunter würgt.

Als er fertig war, rutschte er hin und her auf seinem Sitz, um noch mehr zu bekommen.

Das Mitleid packte mich angesichts der Qual dieses halb lächerlichen, halb bemitleidenswerten Tantalus und ich legte für ihn ein gutes Wort ein:

»Ach Gott, gieb ihm doch noch ein bißchen Reis.«

Simon antwortete:

»Nee, nee, lieber Freund, wenn er zuviel äße bei seinem Alter, könnt's ihm wirklich Schaden thun.«

Ich schwieg und dachte über das Wort nach. O Moral, o Logik, o Weisheit! Bei seinem Alter! Man versagte ihm also das einzige Vergnügen, das er noch kosten konnte, nur seiner Gesundheit wegen. Seine Gesundheit! Was sollte dieses träge zitternde Überbleibsel eines Menschen noch damit anfangen. Man schont ihn, wie man sagt, man verlängert sein Leben. Sein Leben! Wieviel Tage: zehn, zwanzig, fünfzig oder hundert? Wozu? Seinetwegen oder um ihn noch länger der Familie zu erhalten, damit sie sich noch länger an dem Anblick seiner ohnmächtigen Freßgier weiden könnte?

Er hatte in diesem Leben nichts mehr zu suchen, nichts mehr, nur einen Wunsch besaß er noch, eine einzige Freude. Warum sollte man ihm diese letzte Freude nicht ganz erfüllen, ihm soviel geben daß er sich zu Tode fräße!

Nachher spielten wir lange Zeit Karten und ich ging schließlich auf mein Zimmer um mich schlafen zu legen. Ich war traurig, traurig, traurig.

Und ich setzte mich ans Fenster. Man hörte draußen nichts als leisen, weichen, süßen Vogelgesang von einem Baume irgendwo. Der Vogel sang wahrscheinlich so leise die Nacht hindurch, um sein Weibchen einzuschläfern, das auf den Eiern brütete.

Und ich dachte an die fünf Kinder meines armen Freundes, der jetzt wohl an der Seite seiner ekelhaften Frau oben schnarchte.

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