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Der Hochwald

Adalbert Stifter: Der Hochwald - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleDer Hochwald
senderwbergner@aol.com
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Johanna schlang ihre beiden Arme um sie, und obgleich sie die Gewalt dieser Thränen nicht begriff, so wurde sie doch selbst bis zu dem heftigsten Schluchzen gerührt – und die Last der Herzen löste sich durch diese milden Perlen.

Der Morgen fand sie, Johannen an dem Busen der Schwester mit den müde geweinten Augen tief und fest entschlummert. Clarissa wachte schon längst, aber da der Schwester Haupt ihr zum Theil auf Busen und Schulter lag, so regte sie sich nicht, um ihr nicht den Morgenschlaf zu stören, der mit so sichtbar süßer Hülle auf dem geängsteten Herzen lag. Endlich da sich die braunen Augen langsam aufthaten, und befremdet auf Clarissen sahen, wie sie denn in ihr Bett gerathen, so strich diese sanft mit der Hand über die Scheitel der goldblonden Locken, und sagte: »Guten Morgen, liebes, liebes Kind.«

Aber mit einer Art Beschämung über die Lage, in der sie sich fand, sprang Johanna auf, und begann sich anzukleiden, indem ihr nach und nach das Bewußtsein der vergangenen Nacht kam, und der Wichtigkeit des heutigen Tages.

Auch Clarissa kleidete sich schweigend an, und ließ dann durch die Magd den alten Gregor rufen. Er kam.

»Ihr habt heute Nacht singen gehört,« redete sie ihn an.

»Ja.«

»Ihr kennt den Mann sehr gut, welcher gesungen?«

»Ich kenne ihn sehr gut.«

»Er wünscht dringend mit uns zu reden.«

Der Jäger sah sie mit betroffenen Augen an. »Ich weiß es,« sagte er; »aber daß auch ihr es wisset?!«

»Wir wissen es, und wollen ihn auch sprechen, und zwar, wenn es möglich ist, noch heute; aber nicht hier – in unser Haus soll kein fremder Mann kommen – sondern an der Steinwand bei den letzten Ahornen soll er uns erwarten. Johanna und ich werden kommen, und ihr seid gewiß so freundlich uns zu begleiten. Wenn der Schatten der Tannen von dem See gewichen ist, möget ihr uns abholen, wenn es bis dahin geschehen kann.«

»Es kann geschehen – aber bedenket, daß ihr selbst es seid, die es so wollen.«

»Bereitet es nur, Gregor – ich kenne auch den Mann, und wir wollen ihn fragen, warum er unsere Ruhe und Zuflucht stört.«

Gregor ging.

Der Vormittag war vorüber, der Schatten der Tannen war von dem See gewichen, und man sah Gregor mit der Büchse auf der Schulter die zwei Mädchen dem Ahornwäldchen zuführen. Johanna war, wie gewöhnlich, in ihrem weißen Kleide, aber Clarissa hatte all ihren Schmuck und ihre schönsten Kleider angethan, so daß sie wie eine hohe Frau war, die zu einem Königsfeste geführt wird. Es liegt etwas Fremdes und Abwehrendes in Schmuck und Feierkleid der Frauen; sie sind gleichsam der Hofstaat ihrer Seele, und selbst der alte Waldsohn, der nie andere Juwelen sah, als die des Morgens in den Tannen, fühlte sich von Clarissens Schönheit gedrückt und fast unterthänig; denn auch in ihrem Angesichte lag ein fremder Schimmer und ein strahlender Ernst.

Johanna's Herz klopfte ungebändigt und – obwohl sie sich's zu sagen schämte – die kleine Kugel, und der Jägerbursche, der von dem furchtbaren Wildschützen erzählt hatte, wollten ihr nicht aus dem Sinne kommen, und es war ihr dunkel drohend, als ob etwas Entsetzliches kommen würde.

So war man bis gegen die letzten Ahornen gelangt. Ein Mann, in einfache, ungebleichte Linnen gekleidet, einen breiten Hut auf dem Haupte, eine Flinte in dem Arme saß auf einem der grauen Steine. Wie man ganz in die Nähe gekommen, stand er auf, zog ehrerbietig den Hut, und wies sein Antlitz. – Johanna hätte fast einen Schrei gethan – so schön war er – auch Clarissa wankte einen Augenblick. Wie er den Hut abgenommen und das Angesicht mit einem schnellen Ruck ihnen zugewendet, warf sich eine Flut von Haaren, wie ein goldener Strom auf seine Schultern, darlegend das lichte Antlitz, fast knabenhaft schön und fein, daraus die zwei großen dunkelblauen Augen hervorsahen, wie zwei Seelen, die auf Clarissen hafteten. – – Auch sie vergaß ihr dunkles Auge auf seinen Zügen, den wohlbekannten, vielgeliebten, vielgekränkten, – bis sie plötzlich hocherröthend einen unbeholfenen Schritt seitwärts that, gleichsam gegen die Bank hin, die in der Nähe stand, als wollte sie sich darauf setzen. Johanna, bloß diese Absicht vermuthend, war ihr behülflich, und setzte sich neben sie. Er, noch immer kein Wort redend, ließ unbewußt seine Blicke ihren Bewegungen folgen, als sei er betreten, daß eine ganz andere Gestalt gekommen, als er erwartet. Endlich legte er seine Flinte seitwärts, und setzte sich den Mädchen gegenüber auf denselben grauen Stein, auf dem sie ihn gefunden.

Die hohen Bäume, die graue Felswand, und die weißen Nachmittagswolken sahen stumm auf die seltsame, ebenfalls stumme Versammlung.

Gregor ging abseits von den Ahornen, anscheinend so hie und da das fortschreitende Vergelben der Blätter betrachtend.

Endlich thaten sich Clarissa's Lippen auf, und sie sagte: »Ihr habt uns aufgefordert – – ihr wolltet, mein' ich, mit uns reden – wir sind gekommen – so redet.«

»Ja,« antwortete er, »ich bat euch um eine Unterredung, aber nur euch; denn ich kenne die andere Jungfrau nicht.«

»Es ist meine Schwester Johanna.«

Mit Verwunderung blickte er nun auf Johannen, und sagte trübselig lächelnd: »Sie ist aus einem Kinde nun eine schöne Jungfrau geworden; – o Clarissa, wir haben uns sehr lange nicht gesehen – damals war sie ein Kind, das selten sichtbar wurde, daß ich ihrer schon ganz vergaß. – Kennet Ihr mich, Johanna?«

Sie schüttelte mit dem Kopfe.

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