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Der Hexenprediger

Hans Hoffmann: Der Hexenprediger - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Hexenprediger
authorHans Hoffmann
year1883
firstpub1883
publisherGebr. Paetel
addressBerlin
titleDer Hexenprediger
pages254
created20150508
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In den Schären.

Ein wolkenloser Himmel und ein voller, leuchtender Sonnenschein lag über dem Meere. Und dieser Sonnenschein goß selbst über die starre, traurige Schärenküste einen stillen Hauch von sommerlicher Heiterkeit und Lebensfreude. Die Küsten des südlichen Norwegen sind felsig und wüst zerrissen, die Felsen sind niedrig und ohne Schönheit, eine trübsinnige, grau uniformierte Gesellschaft, die verdrossen über das Wasser hinüberblickt zu ihrer melancholischen Wiederholung, den trübsinnigen, grau uniformierten Schäreneilanden, welche in endlosem Zuge ihren Zug begleiten. Nacktes, totes Gestein hüben und drüben, wenig Gras und weniger Bäume, höchstens daß hie und da eine verkrüppelte Birke oder eine einsame Föhre in einem Felsenrisse ihren stummen Gedanken nachhängt. Und in mürrischem Schweigen bereut die eingezwängte Meeresflut, daß sie vorwitzig ihre lebenslustigen Wogen in diese weltverlassene Wüste verschlossen hat, und nur manchmal schäumen jene in ohnmächtiger Wut gegen den 78 unzerstörbaren Inselwall, wenn von draußen durch die schmalen, gewundenen Eingänge die freien, stürmischen Brüder der Nordsee sie sprudelnd und jauchzend begrüßen.

Aber die Mittsommersonne kann auch diese trostlose Steinwildnis mit goldigem Rot übermalen, und der klare Himmel kann aus der stummen Flut ein reines, köstliches Blau mit freundlicher Täuschung hervorzaubern.

Auf einem Inselchen stand eine einzelne hölzerne Hütte, eng an den Felsen geschmiegt; eigentlich war dieser Felsen das ganze Eiland, nur eine mäßige, ebene Grasfläche, die aber hier, gegen die Seewinde geschützt, noch ziemlich üppig erschien, umgab das kleine Haus. Vor Jahren hatte dort sogar eine ganz gerade gewachsene Birke gestanden, bis sie von der Ziege zernagt und bald verkommen war.

Die Schären bildeten hier eine breite, stille Bucht, die ganz wie ein geschlossener See aussah, unendlich leer und kahl und einsam, nur daß heute drei lebendige Wesen die kalte Ruhe mit verschiedenartiger Beschäftigung unterbrachen: die koloristisch thätige Sonne, die baummörderische Ziege, die jetzt in heuchlerischer Friedfertigkeit bescheiden graste, und ein recht junges Mädchen,. dessen abwechselungsreiche Thätigkeit darin bestand, daß es bald den rechten, bald den linken Fuß 79 ins Wasser tauchte und dann bald den linken, bald den rechten Fuß an der Sonne trocknen ließ. Die Sonne freilich begnügte sich hiermit nicht, sondern bewies gleichzeitig ihre malerische Begabung durch ein graziöses Spiel mit den üppigen lichtblonden, etwas krausen Haaren, denen sie einen allerliebsten zitternden Goldton zu verleihen wußte.

Jetzt unterbrach die Ziege ihre stumme Arbeit, trabte ans Wasser und streckte mit aufmunterndem Meckern den Kopf zutraulich über die runde Schulter ihrer Herrin. Da sprang diese kräftig auf ihre gereinigten Füße, gähnte ein Mäßiges, reckte die vollen Arme ein paarmal energisch auseinander und hüpfte und kletterte dann den Felsen aufwärts.

Mit ziemlich heißen Wangen kam sie auf seinem steilen Gipfel an und ließ ihre muntern Augen Ausschau halten über die weite See, ob sie etwa des Vaters braunes Segel irgendwo auf der blauen, leichtgekräuselten Wasserfläche entdecken möchten. Aber die scharfen Blicke fanden es nicht am ganzen Horizont; er mochte heute zwischen den Schären sein Netz geworfen haben. Dagegen zeigte sich in ziemlicher Nähe ein großes, prächtiges Barkschiff, dessen Kurs sie alsbald aufmerksam verfolgte. Freilich war es nicht etwa der majestätische Anblick des ruhig, leicht zur Seite geneigt, mit vollen Segeln durch die spielende Flut 80 dahingleitenden Schiffes, was ihre Gedanken fesselte: vielmehr kam ihr die praktischere Erinnerung, daß unten im Fischkasten grade ein frisch gefangener Lachs von ungewöhnlichem Gewicht vorhanden war, und sie erwog, daß der Kapitän eines so großen Schiffes wahrscheinlich genügendes Verständnis für einen besonderen Leckerbissen haben würde, kurz, daß da vielleicht ein Geschäft zu machen wäre.

Schnell entschlossen wandte sie dem erhabenen Anblick des unermeßlichen Meeres den Rücken und stieg mit solcher Eile abwärts, daß sie in vollem Laufe unten ankam, worüber die Ziege in große Aufregung geriet und mit gesenkten Hörnern auf die eigene Herrin losging. Doch eine kurze Ohrfeige trieb sie bei Seite, daß sie sich wehmütig meckernd auf das unzugänglichste Gestein zurückzog.

Die strenge Gebieterin aber hatte in wenigen Minuten ihren ohnmächtig zappelnden Fisch eingeschifft und führte ihn im leichten Segelboot seinem bittern Loose entgegen. Mit kundiger und sicherer Hand lenkte sie den Kiel in den engen Sund, der sich durch die Schären wand, und gelangte eben rechtzeitig in die offene See, um geradeaus segelnd den stolzen Dreimaster in seinem gleichmäßigen Lauf zu treffen. Es war die schöne Bark »Norge« von Arendal. Man warf der Seglerin ein Tau zu, sie fing es geschickt auf 81 und legte ihre tanzende Nußschale dem ruhigen, mächtigen Bau zur Seite. Der Steuermann blickte über Bord, vernahm ihr Anerbieten, blinzelte verständnisinnig und ließ dem Kapitän Meldung thun. Nach einer Weile ließ sich eine Strickleiter hernieder, und ein junger kräftiger Matrose schwang sich gewandt ins Boot, die Verhandlungen einzuleiten. Es wäre indessen unzweifelhaft weiser gewesen, einen bejahrten Seebären mit verhärteter Seele zu schicken, man wäre schneller und billiger zum Ziele gekommen. Denn dem braven Nils Thoresen fühlte sich das kecke Mädchen mit weiblichem Instinkt von vornherein diplomatisch überlegen und beantwortete jeden Versuch, ihre nicht gerade demütige Forderung herabzudrücken, mit einem festverschanzten Nein und einem trotzigen Aufwerfen der roten Lippen, welches letztere ihr zu seinem Unglück so reizend stand, daß er bald auf jede Bedingung hin kapitulierte mit dem verzweifelten Entschluß, aus eigenen Mitteln eine Kleinigkeit zuzulegen, um nicht den Zorn der kontrollierenden Behörde zu erregen. Doch errang er wenigstens den Vorteil, seine stolze Siegerin eine tüchtige Strecke ins Schlepptau der »Norge« zu nehmen, und als er endlich langsam den Rückzug antrat, trug er nicht nur den schwer errungenen Fisch mit an Bord, sondern bewahrte auch in feinem und gutem Herzen ihren ihr mindestens ebenso mühsam 82 abgekämpften Namen Mildrid und die allenfalls erkennbaren Merkmale ihrer Wohnstätte. Von dem Lachs bekam weder er noch irgend ein anderer Matrose einen Bissen zu kosten.

Die kluge Mildrid aber konnte am Abend freudestrahlend ihrem Vater den reichlichen und unverhofften Ertrag ihrer wohldurchdachten Unternehmung einhändigen.

Als nach dem folgenden, unendlich langen Tage die Sonne sich anschickte, auf wenige Stündlein hinter den langweiligen Felsen zu verschwinden, konnte sie grade noch sehen, wie eine wohlgebaute Schaluppe in die sonst so menschenleere Bucht einbog, gelenkt von einem jungen Matrosen, auf dessen gebräunten Wangen unter dem flachshellen Haar sie die deutlichen Spuren ihrer eignen heißen Sommerarbeit erkannte.

Der auffallende Ankömmling blickte spähend nach allen Seiten umher; und als sein Gesicht die Richtung nach der einsamen Fischerhütte genommen hatte, zuckte ein Strahl listiger Freude in seinem aufmerksamen Auge, und schnurgerade lief der Kiel auf das bewohnte Fleckchen Erde zu. Und kaum hatte er seinen eiligen Fuß auf das feste Land gesetzt, als auch eine wohlbekannte Mädchengestalt neugierig in der Thüre erschien, um sich das so unerwartet aufgetauchte lebende Wesen zu betrachten.

83 In demselben Augenblick versank die Sonne mit unwillig zuckenden Strahlen völlig hinter dem öden Gestein, und zweifellos war es nur ein kräftiger Widerglanz dieser bewundernswerten Farbenerscheinung, der sich plötzlich auf den runden Wangen des hübschen Kindes, ja bis in die Stirn hinauf malte. Selbst jenes unwillige Zucken fand hier seine Wiederholung, denn die roten Lippen kräuselten sich zugleich gar seltsam trotzig auf, ohne daß bis jetzt ein vernünftiger Grund zu einem so ungastlichen Mienenspiel zu ersehen war. Wenn dasselbe aber vielleicht den Zweck hatte, den Fremdling abzuschrecken, so erwies sich die Rechnung als vollkommen verfehlt, denn der mehr thatgewohnte als redegewandte Seefahrer wußte darauf nur die eine kurze, aber verständliche Antwort, die kriegslustigen Lippen einfach zu küssen. Und wenn nun an Stelle des solcherart lahm gelegten Mäulchens die lebhaften Augen um so entrüsteter aufblitzten und selbst das blonde Stirnhaar sich zornig aufzukrausen schien, so änderte das doch an der Hauptsache nichts: das Mädchen war und blieb geküßt.

Wie es aber geschehen konnte, daß dies arme Wesen dieselbe Gewaltthat noch mehrfältig über sich ergehen lassen mußte und sein verzweifelter Widerstand immer mehr und mehr erlahmte – Du lieber Gott ja, das Kind war siebzehn Jahr alt, vielleicht auch 84 achtzehn, und war auf diesem Lebenswege so erstaunlich wenig männlichen Geschöpfen begegnet, daß es schließlich nicht so sehr zu verwundern war, wenn sie einem so wolgeratenen Exemplar dieser bevorzugten Gattung sogleich mit offenem Herzen, ja sogar mit offenen Armen entgegenkam.

Mit diesem wortlosen Dialoge war der wichtigste und anziehendste Teil der Scene entschieden vorüber, denn die – überdies viel zu gedehnte – Fortsetzung beschränkte sich im wesentlichen auf eine gründliche Repetition und einige allerdings nicht wertlose reale Aufklärungen. So erfuhr die wißbegierige Mildrid, daß das Schiff des schnell gewonnenen Freundes nicht allzu fern in den Schären lag und Eis lud, welches nach dem heißen Lande Aegypten bestimmt war. Er selbst aber, Nils Thoresen, war gebürtig aus dem nächst benachbarten Küstenstädtchen, wo ihm noch eine alte Mutter lebte, fuhr seit mehreren Jahren zur See und hatte es auf der Stufenleiter menschlicher Ehren bis zum vollberechtigten Matrosen gebracht. Vieler Menschen Städte hatte er gesehen und ihren Sinn erkannt, und er erzählte der aufhorchenden Jungfrau seltsame Wundergeschichten aus fremden Ländern, wovon sie vielleicht mehr glaubte als er, die aber für einen weltkundigeren Zuhörer ein erfreuliches Zeugnis abgelegt hätten von seiner beweglichen, häufig wahrhaft 85 schöpferischen Phantasie. Jedenfalls gelang ihm die Hauptsache, den jugendlichen Wissensdrang der lieblichen Hörerin so zu entzünden, daß sie beim Abschied bestimmt versprach, morgen Abend, wenn der Vater wieder hinausgefahren sein würde, den Besuch in Person bei dem wohlbekannten Eishause zu erwidern. Denn er hatte die Schiffswache während der Nacht und konnte seinen Posten nicht verlassen.

Der Abschied war eine recht langwierige Operation: dreimal bestieg er die Schaluppe, und dreimal mußte er sie wieder verlassen, um erst den allerletzten Kuß als Zehrpfennig der Erinnerung mit auf die lange Reise zu nehmen, und wiederum mußte er das Boot noch einmal wenden, um wenigstens noch den allerallerletzten Händedruck zu empfangen; bei dieser Gelegenheit fand es sich, daß leider Gottes das Segel noch nicht recht in Ordnung war; es mußte sogar in ganz ungeheurer Unordnung sein, wenn ein so erfahrener und gewandter Schiffer die Zeit gebrauchte, alles zurecht zu machen – aber am Ende kam doch alles zurecht, und der Wind war über alle Begriffe günstig, so daß in unerklärlich kurzer Zeit das schöne weiße Segel hinter den schmutzigen grauen Felsen verschwand.

Als der redliche Fischer gegen Morgen von seinem Beutezuge heimkehrte, fand er mit gerechtem Erstaunen sein Töchterlein draußen im Freien auf dem kalten 86 Felsboden in sitzender Stellung fest eingeschlafen, und als sie ihm erwacht offenbarte, wie ihr auf einmal die wundervolle Schönheit der hell dämmernden Sommernacht aufgegangen, da schüttelte er sehr verwundert seinen grauen Kopf. Jetzt zog sie jedoch ein warmes Lager in ihrem schützenden Kämmerlein bei weitem vor.

Am folgenden Tage ging Mildrid ihrem Vater nicht nur in allen Dingen mit der gewohnten Rührigkeit und Sorgfalt zur Hand, sondern es lag in ihrem Thun eine ganz besondere stille Zärtlichkeit, es war, als ob sie einen wortlosen, heimlichen Ausdruck suchte für das dunkle Gefühl einer ihr fast verborgenen Schuld gegen ihn. Nach einem bösen Gewissen sah freilich das strahlende Gesichtchen am allerwenigsten aus, aber ihr Gebahren glich doch einer leisen Abbitte für ein begangenes Unrecht. Und er merkte wohl ein eigentümliches Wesen an ihr, denn er sah ihr weit öfter, als er sonst gewohnt war, mit halb verwunderten, halb wohlgefälligen Blicken zu, ohne indessen eine Erklärung zu finden. Nur machte er bei dieser Gelegenheit, vielleicht zum erstenmale, die Entdeckung, was für ein auffallend hübsches Töchterlein er sein eigen nannte. Und als er gegen Abend wieder hinausfuhr zum Fischen, da streichelte er ihr den blonden Kopf, küßte sie auf die Stirn, und sein ganzes ehrliches Gesicht lachte vor Stolz und Freude.

87 Sie aber stand und blickte ihm nach, und als das große Boot hinter der nächsten Insel verschwunden war, da machte sie eine plötzliche Geberde, als wollte sie ihn zurückrufen und ihm noch etwas Großes, Wichtiges anvertrauen. Und dann ließ sie die Arme sinken und zeigte ein sehr betrübtes Gesicht; sie hatte gewiß zum erstenmal das Vertrauen ihres alten Vaters umgangen.

Alt war der Mann, obgleich er eine so junge Tochter besaß; er hatte erst ein Weib genommen, als sein Vater und seine Mutter gestorben waren und ihn einsam auf dem ererbten Ahnensitz zurückließen: denn schon sein Großvater hatte dort gesessen, gefischt und geheiratet; weiter vermochte er den Stammbaum des Geschlechts nicht nachzuweisen. Seine Frau war früh gestorben, und er nährte und pflegte seitdem sich und seine Tochter in redlichem, gleichförmigem Tagewerk. Seine Fische verkaufte er, soweit sie nicht dem eignen Bedarf dienten, andern Fischern der Nachbarschaft, – was man dort eben Nachbarschaft nennt – sehr selten kam er selbst einmal zur Stadt, denn er mußte dann länger als eine Nacht von seinem Hause fern bleiben.

Als sich Mildrid nun allein sah, kam eine gewaltige Unruhe über sie. Eine Weile noch trippelte sie zaudernd hin und her, dann rüstete sie das kleinere Boot zur nächtlichen Ausfahrt.

88 Bei schwachem Winde glitt sie durch die leise sinkende Dämmerung; die Luft war warm und schwer, heimliche Nebel schlichen um die stummen Felsen, die regungslose Flut hatte eine trübe, bleierne Färbung, und mattherzig spiegelten sich darin grau in Grau die freudlosen Schären. Mehrere Stunden glitt der einsame Kiel auf einförmigem Wege dahin; immer glanzloser ward die Luft und das Wasser. Es war keine Nacht, aber es war auch nicht der lichte Silberschein nordischer Sommernächte; eine wüste, bleiche, unheimliche Dämmerung brütete über der Erde.

Endlich tauchte der schwarze Rumpf eines großen Schiffes schwer aus dem Nebel hervor, langsam zeigten sich die Umrisse deutlicher; die kahlen Masten wurden sichtbar wie ein riesiges Gerippe.

Das Schiff lag dicht am steinigen Gestade, mächtige Haufen von Eisschollen waren aufgetürmt bei einem großen Holzgebäude, ein feuchtkalter Hauch wehte von dort unbehaglich herüber. An Land wie an Bord herrschte tiefes Schweigen, kein lebendes Wesen war zu bemerken; Mildrid fuhr rund um die hohen Wände vom Bugspriet zum Steuerruder, keine Seele erschien. Sie begann lebhaft mit den Rudern zu plätschern, um die Aufmerksamkeit des Ersehnten zu erregen, er kam nicht zum Vorschein; sie rief ganz leise mit zitternder Stimme: »Nils«, noch einmal etwas lauter, vergebens; 89 zum dritten Mal fast weinend – da endlich schob sich eine menschliche Physiognomie über Bord: es war das breite, grinsende Gesicht des Steuermanns.

»Nils sitzt unten im Raum und darf nicht heraus, weil er gestern zu lange ausgeblieben. – Bei Dir also ist er gewesen? Na, da ist's kein Wunder. Aber, Schätzchen, wenn ich Dir raten soll, mach', daß Du nach Hause kommst, es giebt ein böses Wetter, und es kommt bald, ein sehr schlimmes Wetter.«

Der unwillkommene Kopf verschwand, wie er erschienen, und ließ das arme Mädchen in dreifachem Schrecken: der Geliebte unerreichbar und bestraft um ihretwillen! Und sie entdeckt von einem Fremden! Und – das Wetter. Denn jetzt erst sah sie um sich, wußte aber auch sogleich, daß ihr Heimweg nicht so leicht und ruhig sein werde als die Herfahrt.

Und mit schwerem und bangem Herzen lenkte sie ihr Fahrzeug denselben Weg zurück. Noch war es still und schwül, aber schon zuckte fern am Horizont ein fahler, unsteter Schein in den Wolken, und während sie langsam, mühsam vorwärts ruderte, stiegen die Wolken mit unaufhaltsamer Eile höher und höher, greller und wilder ward das jähe Leuchten der Blitze, und plötzlich fuhr der erste hastige Windstoß auf, wie ein angstvolles Zittern stob es über die Wasserfläche. Eine zweite, lange, heulende Windsbraut folgte und 90 schreckte die Flut gewaltsamer aus ihrer bangen Ruhe, ein langer, dumpfer, drohender Donner rollte mit furchtbarer Feierlichkeit durch die bebende Stille. Vorsichtig ließ Mildrid das Segel halb hernieder, die Windstöße kamen gerade von hinten, sie konnte wenigstens auf eine schnelle Fahrt hoffen. Und in der That, bald sauste das schwanke Fahrzeug durch den peitschenden Regen, durch sprühende Blitze und prasselnde, brüllende Donnerschläge vom Sturm gehetzt dahin wie ein geängstigtes Wild; kaum schien es die scharfen, kurzen, spritzenden Stoßwellen zu berühren in seinem fliegenden Lauf, und mit schier erschreckender Schnelligkeit näherte es sich der heimatlichen Bucht.

Aber auch das Unwetter schien, wie es mit rasender Eile aufgestiegen war, seine übergewaltige Wut und Kraft ungewöhnlich schnell gebrochen und ausgetobt zu haben, seltener fielen die schweren Tropfen, matter und dumpfer hallten die Donner von den Felsen wieder, und die durchnäßte und zerzauste Schifferin konnte bald das volle Segel aufhissen, denn mit bangen Gedanken sehnte sie sich jetzt mehr als zuvor nach der bergenden Hütte.

Als sie endlich die letzte Felsenenge vor dem erwünschten Ziele durchsegelte, fiel ihr am Himmel eine sonderbare, dunkle flammende Röte auf: war das der Morgenschein? Unmöglich. Ein Nordlicht? Jetzt, in 91 der hellen Sommernacht, die sich schon zum Morgen neigte? Unmöglich. Oder etwa ein Widerschein ferner Blitze? Vielleicht, vielleicht. Ja, es konnte gar nichts Anderes sein, ohne alle Frage war es das. Aber unerklärlich war doch wieder die tiefe andauernde Röte; beklemmten Herzens fuhr sie weiter. Jetzt konnte sie die Felsen gegenüber ihrem Hause übersehen, und die standen in einem noch viel stärkeren, wild glühenden Rot, das in greller Pracht siegreich kämpfte mit dem stillen, bleichen Licht der Nacht oder des erwachenden Morgens. Zauberhaft schön war der Anblick, aber sie zitterte vor einer Schönheit, die ihr fremd und rätselhaft war.

Und schrecklich löste sich das Rätsel. Sie bog um den letzten Felsvorsprung: das Haus stand in lichten Flammen. Ihre arme, liebe, trauliche Hütte brannte, hülflos, rettungslos.

Sie kam näher, und schon sanken die Flammen, nur eine gestaltlose feurige Masse war zu erkennen, aus welcher große knisternde Funken weithin zerstoben und zischend im Wasser erloschen. Unglaublich schnell verzehrte sich der Rest, und als sie landete, fand sie einen glimmenden Trümmerhaufen. Der flammende Schein am Himmel und auf den Felsen war verschwunden, kalt und bleich und farblos starrten sie herüber, fürchterlich bleich war Alles, Alles rund 92 umher – es war ein Glück, daß sie ihr eigenes Angesicht nicht sah.

Stumm und fassungslos stand sie und blickte in die Verwüstung – ihr Vater, ihr armer Vater war fern und ahnte noch nichts von dem schrecklichen Jammer – – Alles ganz und gar verbrannt, und nichts übrig geblieben!

Da schmiegte sich etwas Warmes, Lebendiges dicht an ihre Seite: es war die Ziege, die das ganze Schrecknis allein und verlassen hatte erleben müssen. Mildrid umschlang sie zärtlich mit den Armen, setzte sich nieder und weinte an ihrem Halse strömende, bitterliche Thränen.

Aber bald fuhr sie wieder in die Höhe. Ihr Vater, wo blieb ihr Vater? Er pflegte sonst zurück zu sein um diese Stunde. Und gar nach solchem Wetter!

In unbestimmter neuer Angst eilte sie atemlos den vom Regen schlüpfrigen Fels hinan, das verschüchterte Tier immer ängstlich an ihrer Seite, und oben sahen die Beiden hinaus auf das große Meer und sahen eine grenzenlose, schäumende, kochende Wasserwüste, keine Spur von einem Segel. Ein dumpfes, rastlos donnerndes Brausen schwoll zu ihnen herauf, sonst kein Laut ringsum.

Verzweiflungsvoll kehrte die Tochter sich ab – doch drüben im Nordosten stieg tröstend die Sonne auf über den Felsen, klar, leuchtend und herrlich wie alle diese Tage – 93 und der Vater konnte ja nicht draußen sein, er mußte sich irgendwo zwischen den Schären geborgen haben, als das Gewitter heraufzog – – freilich, wo? – – und warum war er noch nicht zu Hause? – Sollte er etwa, aus irgend welchen Gründen, ohne etwas zu sagen, gleich von vornherein nach der Stadt gefahren sein? Sehr unwahrscheinlich, aber – ganz unzweifelhaft! Es gab ja tausend Möglichkeiten . . .

. . . Die Sonne stieg höher und höher – er konnte in dem Falle freilich nicht vor Abend kommen; die Sonne begann langsam sich zu senken – es konnte allerdings recht gut auch bis zum Morgen dauern. Und es wurde Abend, Nacht und Morgen, er kam nicht.

Die kalte Nacht verbrachte sie in ihrem Boot und bedeckte sich mit dem Segel; Schlaf aber vermochte sie nicht zu finden. Am Morgen empfand sie zu all ihren Sorgen einen nagenden Hunger; sie melkte die Ziege und trank, dann durchstöberte sie den Schutt und die Asche in der unbestimmten Hoffnung, noch einen genießbaren Rest von Brod zu finden.

Da fiel ihr eine Stelle auf, wo die Erde in sonderbarer Art zerwühlt und aufgerissen war: hier mußte der zündende Blitz hineingeschlagen haben! Neugierig forschte sie weiter; auf einmal sah sie etwas merkwürdig Glänzendes; sie bückte sich danach, schob die 94 Asche bei Seite – und fand einen ganzen Haufen blanker, schimmernder, vollwichtiger Speciesthaler. Viele waren geschwärzt und fast unkenntlich, einige in einen großen Klumpen zusammengeschmolzen, aber die meisten besaßen ihre unversehrte Schönheit.

Nie in ihrem Leben hatte die glückliche Finderin einen solchen Reichtum beisammen gesehen; sie hatte eine unbegrenzte Ehrfurcht vor dem baaren Gelde, weil ihr so erstaunlich wenig davon bis jetzt in die Hände gekommen war. Hastig scharrte sie ihren Silberfund zusammen und wühlte und grub noch eine geraume Weile, bis sie die Gewißheit gewonnen hatte, daß ihre schärfsten Blicke auch nicht einen einzigen Thaler mehr entdecken konnten.

Es war ihr unbegreiflich, wie ihr Vater so ungeheure Summen hatte ersparen können! Freilich, verschwendet hatte er nie, und ein geschickter und glücklicher Fischer war er gewesen wie nur Einer, sein Inselsitz glich der Höhle des Löwen: viele kleine Mammonsspuren führten hinein und sehr wenige wieder heraus. Still und treu hatte er gesammelt für sie, seine Tochter, und nun konnte er es nicht mehr sehen, wie die reiche Erbin vor dem ungewohnten Schatze kniete und, während sie ihn sorgsam und ängstlich in ihr Tuch band, eine Thräne nach der anderen darüber fallen ließ.

Denn kaum noch konnte sie zweifeln: ihr Vater 95 war tot, bei dem furchtbaren Gewittersturm ertrunken. Wohl harrte sie noch einen Tag und noch eine Nacht und klammerte sich verzweifelt an flatternde Hoffnungen, wieder und wieder erklomm sie den Felsen und durchspähte das Meer und jeden Winkel der Schärenbucht; Fels und Meer blieben einsam und leer an Trost. Die entsetzliche Unruhe trieb sie, hinauszusegeln und zu suchen in allen Engen und Buchten, wo es auch sei; aber sie wagte es nicht, jeden Augenblick konnte ja der Vater heimkehren und durfte doch sein Eiland nicht verlassen finden.

Endlich gab es dennoch keine andere Möglichkeit mehr als die eine schreckliche. Und so langsam, unter so bangen Qualen der Angst war sie an den schmerzvollen Gedanken gewöhnt worden, daß die harte Gewißheit kaum noch eine Steigerung ihres Elends war; sie beugte nur stumm das Haupt unter der Wucht des Schlages, sie weinte nicht mehr.

Sie wußte jetzt, bleiben konnte sie nicht länger, sie mußte die einsame Insel verlassen und ihr Glück zum erstenmal im Leben draußen suchen. Nils Thoresen mußte helfen, der Geliebte, der Bräutigam mußte und konnte sie schützen, er allein blieb ihre Hoffnung in der traurigen Verlassenheit.

Die Ziege blieb zurück, gleichsam um das Eigentumsrecht auf die heimische Klippe zu wahren. Desto 96 fürsorglicher verpackte Mildrid ihren Silberschatz für die Reise; sie ahnte, daß er ihr draußen von Bedeutung werden könnte.

Unsäglich bang und schwer war das Herz der jungen Kapitalistin, als sie mit dem Ruder ihr Schifflein abstieß und das friedliche Eiland weiter und weiter vor ihren Blicken zurückwich. Traurig sah es jetzt freilich dort aus, aber es war doch ihre Heimat, von der sie schied, und die Heimat des toten Vaters.

Eine leichte Brise trieb das Boot mit mäßiger Schnelligkeit vorwärts; Mildrid lenkte es heute hinaus aus den Schären und segelte auf offener See; das eingeschlossene Wasser und die ernsten Felsen beengten ihr die Brust und erinnerten schmerzlich an ihre verlassene Schärenbucht. Erst in der Gegend des Eishauses steuerte sie wieder nach innen; sie erreichte das Ziel, sie fand das Haus, aber es war verschlossen und einsam, das Schiff war fort.

Ein kalter Schreck durchbebte die Enttäuschte, sie war nun ganz allein. Die »Norge« war also abgesegelt mit dem armen Matrosen, der nicht einmal Abschied nehmen durfte von seiner Braut, sie segelte längst auf weitem Meere, auf dem Wege nach dem fernen heißen Lande im Süden zu Mohren und Heiden. Er kam wieder, ja ganz gewiß kam er wieder; aber wann? Und wo sollte sie so lange bleiben und leben? Noch 97 einmal dämmerte in ihr eine leise matte Hoffnung: die »Norge« konnte möglicherweise noch bei der Stadt Anker geworfen haben. Und weiter nahm sie ihren Kurs an der Schärenküste entlang, immer fremder ward die Gegend, immer bänger ward ihr viel getäuschtes Herz.

Endlich, endlich nahte sie dem Ziele. Das Städtchen lag an einem kleinen Fjord und hatte mit seinen schmalen Gassen und niedrigen Holzhäusern ein recht freundliches, wohnliches Ansehen. Im Hafen lagen einige kleinere Fahrzeuge, aber kein stolzes Barkschiff, keine »Norge« war zu sehen. Das arme Mädchen hatte es wirklich kaum gehofft, aber die bittere Gewißheit schlug sie doch grausam darnieder.

Sehr furchtsam steuerte sie dem Lande zu, ohne recht zu wissen, was sie dort weiter beginnen wollte. Zögernd trat sie ans Ufer; unschlüssig stand sie da, ihr schweres Tuch krampfhaft an sich pressend. Zum erstenmal in ihrem Leben sollte sie sich mutterseelenallein unter unzählige fremde Menschen wagen!

Plötzlich in ihrer größten Not kam ihr ein trostreicher Gedanke: die Mutter des Geliebten wohnte ja hier in der Stadt, die konnte sie aufsuchen und sich ihr vertrauen. Die neue Hoffnung gab ihr Mut und Kraft zurück; voll tiefer Sehnsucht machte sie sich auf, den Weg zu der Helferin zu suchen. Und wieder war 98 es eine Ermutigung, daß die erste ihr begegnende Seele ein Fischer war, also doch ein verwandtes Wesen.

Schüchtern und errötend that sie ihre Frage nach Nils Thoresen und seiner Mutter; mit Entzücken vernahm sie die Antwort, daß der Mann Beide sehr gut kenne. Und dazu war dieser fremde Mensch ganz freundlich und zutraulich zu ihr, erbot sich sofort, sie zu dem gesuchten Hause zu führen, und erzählte ihr bereitwillig und redselig, daß Nils, eben ihr Nils, gestern noch bei seiner Mutter gewesen und erst heute Morgen mit der »Norge« in See gegangen sei. Sie faßte ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm und berichtete, während sie tapfer neben ihm herschritt, sogleich offenherzig ihre ganze traurige Geschichte, den Brand der einsamen Hütte, den Tod des Vaters, die gezwungene Trennung von der Ziege, und daß Nils Thoresen ihr Bräutigam sei. Er aber suchte sie mit ehrlichen Worten zu trösten: daß das Ertrinken gar nichts Besonderes sei, und daß sie alle darauf täglich gefaßt sein müßten. In ihrer schmerzlichen Annahme gab er ihr Recht: wer in der Nacht draußen gewesen und noch nicht zurückgekehrt, für den war keine Hoffnung mehr.

So waren sie durch ein paar Gäßchen bei dem gewünschten Ziele angekommen, und der gutmütige 99 Helfer verabschiedete sich, ihr freundschaftlich die Hand schüttelnd.

Ohne sich auf die unbekannte Formalität des Anklopfens einzulassen, betrat sie ziemlich kecken Schrittes das Stübchen der Frau Gunlaug, ihrer künftigen Schwiegermutter. Das Zimmer war sehr einfach, ärmlicher als ihre heimatliche Hütte; am Spinnrade saß eine stattliche Frau mit wohlwollenden Gesichtszügen, die jedoch in diesem Augenblick einen etwas verwunderten Ausdruck zeigten.

»Bist Du die Mutter von Nils Thoresen?« fragte Mildrid.

»Ja«, erwiderte die Frau und sah noch verwunderter aus als zuvor.

»Ich bin Mildrid Ohlsdatter.«

Die Frau schaute sie mit sonderbaren Blicken an und sagte garnichts.

»Ist Nils nicht gestern hier gewesen?« fragte das Mädchen wieder nach einer beklommenen Pause.

»Ja«, war die kurze Antwort.

»Hat er denn Nichts von mir gesagt?«

»Nein, was soll er von Dir sagen?«

Das arme Kind war tief erschrocken; er hatte mit seiner Mutter nicht einmal gesprochen von ihr! Kein Wort von ihr, seiner Braut! Das war doch seltsam, unerklärlich. Große Thränen traten ihr in die Augen, 100 sie zitterte in schrecklicher Verlegenheit. Die fremde Frau musterte sie so mißtrauisch.

»Ich war – ich bin ja – seine – seine – Geliebte«, stammelte sie endlich errötend und ängstlich. Jetzt aber wurde die Miene seiner Mutter nicht bloß argwöhnisch, sondern mehr und mehr geradezu verächtlich und zornig.

»Wo bist Du denn hergelaufen?« sagte sie mit scharfer Stimme. Da war Mildrid's Verlegenheit mit einem Mal verschwunden, ihr ganzer Stolz und Trotz regte sich: Hergelaufen! Sie, eine Kapitalistin!

»Ich brauche nicht herzulaufen«, sagte sie mit hochmütig aufgeworfener Lippe, »ich brauche auch nicht zu betteln, wenn Du das denkst; dafür hat mein Vater gesorgt: nimm das nur einmal und zähle das!«

Dabei hob sie ihren Geldsack auf einen Tisch, ließ ihn mit prahlerischem Klirren darauf niederfallen und begann hastig das Tuch zu öffnen. Und nun machte die junge Geldaristokratin zum ersten Male die Erfahrung, welch ein gewaltiger Fürsprecher und Seelenbezwinger der große Gott Mammon ist. Die gute Mutter Gunlaug war gewiß keine habgierige und selbstsüchtige Frau: und doch erhielten ihre Gedanken und Worte plötzlich eine ganz andere Richtung durch jene einfache und vielleicht nicht einmal sehr taktvolle Handlung der Fremden. Man konnte es ihr wirklich 101 nicht so sehr verdenken, wenn sie das unbekannte Mädchen nicht allzu liebevoll empfangen hatte, das da plötzlich hereinschneite, unangemeldet, mit wenig geordneter Kleidung, aufgeregtem Gesicht und etwas verwilderten Haaren, das sich mir nichts dir nichts die Geliebte ihres einzigen Sohnes nannte und noch förmlich Ansprüche auf diesen Titel zu gründen schien. Daß die verdächtige Person sehr hübsch war, konnte ihr unter diesen Umständen auch nicht einmal zur Empfehlung gereichen.

Aber nun zeigte es sich, daß sie auf jeden Fall mehr brachte, als sie etwa empfangen konnte, ihr auffahrender Stolz flößte eine gewisse Achtung ein, und vor allem war es das merkwürdige und rücksichtslose Vertrauen, mit dem sie ihre Schätze vor wildfremden Augen aufdeckte, wodurch die vorsichtige Frau zu ihren Gunsten umgestimmt wurde.

»Aber um Gotteswillen, Kind, wo kommst Du denn her, und wer bist Du?« sagte sie freundlich und teilnehmend, trat ihr entgegen und nahm sie aufmunternd bei der Hand. Jetzt faßte auch das trotzige Mädchen neues Zutrauen und schilderte mit zutraulicher Breite all ihre Schicksale und Thaten.

Gunlaug war eine kluge und erfahrene Frau und schüttelte am Ende ziemlich bedenklich den Kopf. Nicht, daß sie an Mildrid zweifelte: im Gegenteil, die 102 Treuherzigkeit ihrer Erzählung war völlig überzeugend – aber sie kannte die Welt und kannte die jungen Männer, vorzüglich die Matrosen; sie wußte auch, daß ihr Sohn nicht anders geartet sei als sie alle, und verlangte ihn auch nicht anders. Und warum sollte er mit einem hübschen Mädchen, das ihm zufällig auf dem Wege begegnete, nicht schön thun, ohne sich etwas Besonderes dabei zu denken? Einen einzigen Abend! Und unmittelbar vor einer großen Reise! Daß dies arme Ding da die Sache so kindisch ernst nehmen würde, konnte ihm in der That kaum in den Sinn kommen. Wenn er selbst sich etwas mehr dabei gedacht hätte, würde er es sicher ihr, seiner Mutter, nicht verschwiegen haben, so weit kannte sie ihren Sohn auch. Aber die Selbsttäuschung der Armen that ihr von Herzen leid, nur mühsam und widerstrebend versuchte sie, ihr sonderbares Vertrauen etwas zu erschüttern.

»Weißt Du denn wirklich auch so ganz gewiß«, fragte sie endlich zögernd, »daß Nils Dir treu bleiben wird?«

»Ja, das weiß ich«, antwortete Mildrid ruhig.

»Hat er es Dir versprochen?«

»Das habe ich vergessen.«

»Hat er Dir denn versprochen, Dich zu heiraten?«

»Davon haben wir gar nicht geredet.«

103 »Wie weißt Du dann überhaupt in aller Welt, ob er je zu Dir zurückkehren wird?«

»Weil ich zu ihm kommen würde, und wenn er bei den Mohren bleiben wollte.«

Frau Gunlaug seufzte, mit dem Mädchen war nichts anzufangen. Einen Augenblick ärgerte sie sich über die große Dummheit; aber ihre Gutmütigkeit war doch stärker als der Ärger.

»Aber wo willst Du denn so lange bleiben, Kind?« fragte sie weiter.

»Ich wollte bei Dir bleiben«, sagte die Unverbesserliche, »und mit dem Gelde da mein Haus wieder bauen lassen, und dann können wir Beide dort auf ihn warten.«

»Soll er denn da in den Schären bei Dir wohnen?« seufzte Frau Gunlaug.

»Ja, er soll Fischer werden wie mein Vater; es ist sehr guter Fang dort.«

»Ganz allein in den einsamen Schären, so weit von der Stadt?«

»Ich bleibe ja bei ihm, und Du doch auch. Es kommen auch manchmal Schiffe vorbei.«

Gunlaug rang im Stillen die Hände; mit welcher Sicherheit das tolle Ding alles bestimmte und anordnete! Da half kein Widerstreben; mit christlicher Ergebung fügte sie sich zuletzt.

104 »Ich werde Dir eine Streu machen, da kannst Du heut Nacht schlafen.«

»Ja, und morgen werde ich mir ein Bett kaufen«, erwiderte Mildrid mit unverwüstlicher Ruhe. – –

So kommt man zu einer Schwiegertochter und weiß nicht wie! sprach bekümmert zu sich selber die überrumpelte Mutter ihres Sohnes; doch als sie sich zu Bett legte, mußte sie sich zu ihrer Überraschung gestehen, daß sie die wunderliche Person in aller Eile von Herzen lieb gewonnen habe. Aber was sollte daraus werden? –

Mildrid aber schlief währenddessen schon längst den ruhigsten sorgenlosesten Schlaf.

Das erste Geschäft des Morgens war ein recht erfreuliches, die Zählung und Abschätzung der großen Erbschaft durch die Schwiegermutter wider Willen, womit diese zugleich eine Revision von Mildrid's Gedanken und Plänen zu verbinden suchte. Die sachverständige Taxe ergab in der That, daß die Summe immerhin ausreichen mußte zur Einrichtung eines kleinen Holzhauses, ohne dadurch bis auf den letzten Rest erschöpft zu sein. Nun war die Aussicht, Mitbewohnerin dieses Zukunftspalastes zu werden, gar sehr verlockend für die arme Wittwe, die jetzt kümmerlich zur Miete wohnte und sich nur dürftig von der Unterstützung des Sohnes und eigener Arbeit ernährte; nur die völlige 105 Vereinsamung auf einer fernen öden Insel war für die gesellige Städterin ein höchst bedenklicher Punkt. Aber durchaus erfolglos und hoffnungslos blieb jeder Versuch, das neue Haus für die Stadt zu erwerben; die Fischertochter war unerbittlich. Ganz vergebens schilderte Gunlaug mit beredter Zunge die Freuden und den Nutzen mitteilender Geselligkeit, ganz vergebens auch führte sie später die Starrköpfige in das schöne Birkenwäldchen am Berge über der Stadt und zeigte ihr alle Herrlichkeit der Welt, die schmucken Landhäuschen und unten am Fjord das belebte Städtchen – Mildrid blieb unbezwungen auch von dieser Versuchung. Wo das alte Haus gestanden, mußte auch das neue stehen, an derselben Schärenbucht, auf demselben Felsen, an demselben Fleck: nur könnte man vielleicht einige Bäume zu pflanzen versuchen, und der Stall der Ziege könnte verbessert werden.

Zuletzt ergab sich die arme Frau auf Gnade und Ungnade, und die Siegerin machte sich sogleich mit erschreckender Thatkraft daran, ihren Plan zu verwirklichen. Sie suchte sich ihren Weg zum Strand, besichtigte ihr Boot, das unberührt an der Stelle lag, wo sie es gestern festgebunden, und fand endlich auch ihren Wohlthäter von gestern, den sie suchte. Mit großem Eifer entwickelte sie ihm ihren Bauplan und bat um seine beratende Stimme. Der gute Mann war zwar 106 ebenfalls höchst verwundert über ihren Hang zur Einsiedelei, versagte aber der armen Waise nicht seine Hülfe, sondern versprach ihr ein paar tüchtige Arbeiter zu besorgen, die das Haus in kurzer Zeit nach ihren Wünschen aufrichten würden.

So wurde Mildrid Hausbesitzerin.

Bis zur Vollendung des Baues aber führte sie mit ihrer Beschützerin und usurpirten Schwiegermutter ein zurückgezogenes Leben, ohne daß der Friede durch unnütze Besprechungen der Zukunft gestört wurde.

Da erhielt Frau Gunlaug eines Tages einen Brief von ihrem Sohn, aus Gibraltar datirt und folgenden Wortlauts:

»Liebe Mutter! Wir haben bis jetzt eine gute Reise gehabt, und haben schon den halben Weg gemacht. Ich war diesmal die ersten Tage ganz traurig und hatte Heimweh; aber der Steuermann lachte mich aus und sagte, das schickt sich nicht für einen Matrosen. Und da hat er auch Recht. Und ich bin jetzt auch wieder sehr munter. Dies Land heißt Spanien und ist sehr heiß; aber der Steuermann sagt, es giebt hier die schönsten Mädchen auf der ganzen Welt, und wenn ich heiraten wollte, soll ich Eine davon nehmen. Aber er sagt, am besten wäre es immer, wenn man ledig bliebe wie er; und das hat der Vater auch öfter zu Dir gesagt; und das werde ich auch wohl thun. Wir 107 fahren heute Abend weiter, denn wir haben Südwest, darum leb' wohl und schreib' mir einen Brief nach der Stadt Alexandria in Ägypten, wie ich Dir gesagt habe.

Dein treuer Nils.«

Die Mutter war glücklich über die gute Nachricht und sah nur bedenklich zu Mildrid hinüber; doch hielt sie es für das Beste, ihr den Brief vorzulesen. Das Mädchen wurde sehr still und nachdenklich: er wollte garnicht heiraten! Und er schrieb von andern Mädchen und noch dazu den schönsten von der Welt, aber nicht von ihr. Schon drangen ihr die Thränen gewaltsam ins Auge. Doch – hatte sie denn ihrem Vater etwas davon gesagt? Nein. Und warum nicht? Weil sie es nicht über die Lippen bringen konnte. Des Rätsels Lösung war gefunden. Glücklich und zuversichtlich teilte sie ihre scharfsinnige Entdeckung der Zweiflerin mit. Und wieder seufzte diese und schwieg verzagend. In ihrem Briefe aber erwähnte sie gelegentlich, daß sie jetzt mit einem jungen Mädchen Namens Mildrid Ohlsdatter, einer Fischerwaise, zusammenwohne, die ihr sehr fleißig zur Hand gehe und ein gutes und braves Geschöpf sei. –

In den nächsten Tagen fand der große Umzug statt; die zwei Frauen sagten der Welt Lebewohl und zogen sich in die steinige Wüste zurück, um fortan selbander ein klösterlich Leben zu führen. Die kleine 108 Einrichtung war zuvor besorgt worden, und mit stolzer Freude konnte die junge Herrin ihren Gast in das neu erstandene Erbe ihrer Ahnen einführen. Ein ganz klein wenig melancholisch blickte nun freilich die gute Gunlaug drein, als sie die grauen Felsen sah und die graue Flut und die graue Luft und die verlassene Enge der neuen Wohnstätte: doch als Mildrid mit strahlenden Augen ihr Alles einzeln vorzeigte, den stolzen Felsen und das unendliche Meer und das grüne Gras und die Ziege und den verschönerten Stall, und als sich das trauliche Häuschen aufthat, still und behaglich: da fühlte die Witwe, daß sie hier doch zwei recht schätzbare Dinge gefunden, ein Herz und eine Heimat. Darum nahm sie auch das Mädchen und küßte es auf die Stirn und nannte es ihre liebe Tochter.

Leider wurde die Freude des ersten Einzugs sehr bald gestört: Frau Gunlaug fiel plötzlich in eine so ernsthafte Krankheit, daß ihre junge Wirtin mehrere Wochen lang mit harten Sorgen zu kämpfen hatte und weder Tag noch Nacht von ihrem Lager weichen konnte.

Sobald aber die kräftige Natur der Erkrankten sich doch endlich durchgerungen und die unermüdliche Pflegerin fast ohne Unterbrechung zweimal vierundzwanzig Stunden des stärkenden Schlummers genossen hatte, da unternahm diese eiligst eine Fahrt zur Stadt, 109 um nach Neuigkeiten zu forschen. Und reich beladen kehrte sie zurück mit einem Brief aus Alexandria, welcher den Augen der nun plötzlich ganz genesenden Mutter folgende Worte offenbarte:

»Liebe Mutter! Diese Stadt ist wohl zehnmal so groß als Christiania und Bergen, und die Menschen sind Heiden und sehr bunt angezogen, sonst aber sind sie nicht so schlimm; jedoch ist es sehr teuer hier. Und die Frauen und die Mädchen sind alle ganz verschleiert, und man sieht nur die Augen, welche sehr schwarz sind. Auch giebt es viele Esel, welche sie statt der Pferde gebrauchen. Es ist aber so schmutzig und so heiß hier, daß man am liebsten den ganzen Tag im Wasser bliebe, aber auch das ist viel zu warm. Ich habe gestern die »Norge« verlassen, denn der Kapitän wollte mich einsperren; weil ich etwas viel getrunken hatte. Denn wir trinken hier Wein statt Bier, und der ist viel stärker. Aber ich bin schon wieder auf ein dänisches Vollschiff gegangen, das heißt »Fädrelandet« und segelt nach Amerika und von da noch weiter nach Indien, und der Steuermann, der von der »Norge« sagt, das ist das schönste Land in der Welt, und es giebt da die höchsten Bäume und die herrlichsten Blumen und noch viel schönere Mädchen als in Spanien, und sie sind so reich, daß sie eine ganze Stadt kaufen können, und heiraten alle nur fremde Schiffer, sagt 110 der Steuermann. Es wird wohl ein Jahr dauern, bis wir wiederkommen, oder noch länger, und das thut mir etwas leid, aber ich muß nun einmal nach Indien kommen, und wenn es zehn Jahre dauerte. Es ist gar nicht zu sagen, was für ein schönes Land das sein muß: es giebt da auch Elephanten. Schicke nur Deinen nächsten Brief nach Malta an Bord des »Fädrelandet«. Das ist eine Insel, wo wir landen, und da wohnen die Engländer und da weißt Du ja, wie Du da schreiben mußt.

Dein treuer Sohn Nils.«

Die nächste Folge dieser aufregenden Lektüre war eine große Niedergeschlagenheit beider Frauen, eine schlaflose Nacht für die alte, und beängstigende Träume für die junge, in denen sie lauter verschleierte Mädchen unter prächtigen Blumen herumwandeln sah; aber zum Unglück waren die Schleier ganz durchsichtig, und sie entdeckte erschreckend schöne Gesichter und Nils stand immer mitten unter ihnen und lachte vor Vergnügen.

Die Mutter aber schrieb am Morgen sogleich einen neuen Brief, in welchem sie von ihren nächtlichen Thränen schwieg und sagte, er möchte nur thun, was er wollte, denn sie wäre wohl aufgehoben und wohnte in den Schären bei der Mildrid Ohlsdatter, die sie besser gepflegt hätte wie eine Tochter, denn sie wäre beinahe zum Tode krank gewesen und ohne diese Pflege 111 gewiß gestorben. Aber er möchte daran nicht weiter denken, sondern ruhig nach Indien fahren; wenn es auch lange dauerte, wiederkommen würde er ja doch endlich.

Nachdem sie dieses Werk verfaßt hatte, fragte sie Mildrid, ob sie einen Gruß bestellen sollte, oder ob sie selbst etwa ein paar Worte hinzufügen wollte. Die aber sagte Nein: wenn er nichts sagte, wollte sie auch schweigen. Doch führte sie den wohl versiegelten und adressirten Brief sogleich trotz der beschwerlichen Fahrt in die Stadt und übergab ihn den Händen der fernhintreffenden Post. Auf der Rückfahrt hatte sie die wunderlichen Träume der Nacht längst überwunden. Es war ja doch offenbar Alles nur Spaß, was er von den fremdländischen Mädchen schrieb: und wenn sie noch so schön waren, heiraten konnte er sie ja doch nicht, wenn er auch wollte – und er wollte ja gar nicht, er hatte ja schon eine Braut – denn er verstand ihre Sprache nicht, noch sie die seine. Darüber also war sie vollkommen beruhigt. Und wenn es auch sehr betrübend war, daß er so lange fortblieb, warten wollte sie schon, ein Jahr und zwei und drei Jahre, warten wollte sie.

Und warten mußte sie lernen schon vorläufig in der nächsten Zeit, und mit ihr Frau Gunlaug, denn soviel sie hofften und harrten von Woche zu Woche, 112 kein Brief kam mehr von Nils, weder aus Alexandria noch aus Malta, noch aus Indien oder irgend einer andern Stadt der weiten Welt. Schon gingen die lichten Sommertage zu Ende, immer länger wurden die Nächte und dunkler und kälter, immer beschwerlicher wurden für Mildrid die wöchentlichen Fahrten zur Stadt. Der dicke Kachelofen begann seine Arbeit, und die beiden Frauen saßen daran und spannen und harrten. Bittere Sorgen spann die Mutter mit hinein und seltsame Hoffnungen Mildrid. Dies unverwüstliche Gemüt begann immer fester sich einzubilden, Nils schreibe nur deshalb nicht, weil er selbst kommen werde, und dann mußte er ja nun bald kommen, er mußte schon ganz nahe sein.

Aber dies letzte lustige Gespinnst der Hoffnung wurde eines Tages schrecklich zerrissen durch ein Zeitungsblatt, das ihr in der Stadt ein alter Freund, der gutmütige Fischer, gab. Da stand mit grausamen Worten gedruckt:

»Das dänische Vollschiff »Fädrelandet« von Kopenhagen, Kapitän Jensen, ist an der sicilischen Küste verunglückt und mit der ganzen Ladung und einem Teil der Mannschaft gesunken, nur Einzelnen gelang es, sich zu retten.«

Die Wucht dieses Schlages zerbrach endlich auch Mildrid's felsenfesten Glauben an das Glück ihrer 113 Liebe, und damit stürzte auf einmal Alles in ihrem Herzen zusammen, Liebe, Glaube, Hoffnung, ein Augenblick zerschlug und zerschmetterte sie ganz und gar: eine Heimat hatte sie verloren gehabt und sich wiedererobert, einen Vater verloren und eine Mutter dafür gewonnen; aber hier war nichts zu erkämpfen, nichts wieder zu erringen, den Geliebten konnte die ganze Welt nicht ersetzen, hier half kein Kampf mehr mit dem Schicksal: und da erlag ihre tapfere Seele. Sie weinte nicht und klagte nicht, sie empfand kein Mitleid mit der unglücklichen Mutter, sie fühlte nur in sich selbst eine grauenhafte Leere und eine entsetzliche Angst vor dem künftigen nutzlosen, sinnlosen Leben. Doch als die jammernde Mutter die Arme um ihren Nacken schlang und sie inbrünstig küßte und ihre trockenen Wangen mit Thränen überströmte, da stöhnte sie laut auf und riß sich los und stürzte aus der Thür, und hinauf auf den Felsen, als ob sie wenigstens sein Grab sehen wollte, denn das wüste Meer war ja sein Grab. Und wunderbar! wie sie da oben stand und mit irrenden Augen umherblickte, da stieg in ihrem tiefsten Herzen wieder etwas wie eine grausame Hoffnung auf: die unendliche Weite konnte ja unendliche Wunder bringen, noch hatte sie des Geliebten, noch des Vaters Leiche nicht gesehen – sie konnten doch noch leben, sie konnten plötzlich hergesegelt kommen von Ost und West und 114 Süd, es war immer noch eine schattenhafte Möglichkeit, an die sich ihre lebensstarke Seele im Todeskampfe klammerte – – aber das Grausame dieses Hoffens war, ihr Kopf wußte es nur zu gut, es war trügerisch, es log unbedingt.

Da – kam ein Segel. Es kam aus den Schären, es steuerte unzweifelhaft gerade auf ihr Eiland zu, quer über die Bucht – aber gerade das erfüllte sie mit einem tiefen Grausen, eine fürchterliche Gespensterfurcht ergriff sie, die Hoffnung war verschwunden: nur die Toten konnten ihren Kurs auf diese Insel nehmen. Sie blieb stehen wie gebannt und sah mit bebendem Herzen dem nahenden Boote zu.

Es nahte wirklich, es stieß ans Land; ein Mann stieg heraus, ging auf ihre Hütte zu und verschwand in der Thür. Ihre Kniee zitterten so, daß sie sich nicht mehr halten konnte, sie setzte sich auf den Stein – und weinte, zum ersten Mal, vollhinströmende, reichliche Thränen. Und die Thränen lösten das innere Grausen und die fürchterliche Leere auf in warmen Schmerz – der wirkliche Schmerz war schon eine Erleichterung. So saß sie und weinte sich satt, und als unten die Thür sich aufthat und Gunlaug heraustrat und lebhaft winkte, da stand sie ruhig auf und ging hinab – Schlimmeres konnte sie ja gar nicht mehr treffen, es konnte nur etwas Gleichgültiges sein.

115 Aber es war nichts Gleichgültiges. »Er lebt!« jauchzte die Mutter, und die Thränen liefen ihr in hellem Strom über die Wangen.

»Wer lebt?« fragte Mildrid ganz ruhig.

»Nils lebt,« schluchzte Gunlaug, »Nils Thoresen, mein Nils, unser Nils, er ist gerettet, er lebt, er hat geschrieben, hier ist sein Brief.« – Und so war es wirklich: kurz nachdem das Mädchen mit ihrer Unglücksnachricht die Stadt verlassen hatte, war der verspätete Postdampfer von Christiania nach Bergen angekommen und hatte einen Brief mitgebracht für Frau Gunlaug aus einem fremden Lande mit fremdem Namen. Der befreundete Fischer, der die Lage der Dinge auf dem einsamen Schäreneiland kannte, hatte sich ohne Zögern mit der Heilsbotschaft auf die Fahrt begeben, um womöglich die Seglerin einzuholen; aber er kam ein wenig zu spät, und so mußten die armen Frauen erst den Becher der Schmerzen bis zum Grunde leeren.

Aber das Gegengift war gut und wirksam; das erfuhr auch der wackere Fischer, in seinem Leben war er nicht so stürmisch überhäuft worden mit Segenswünschen und Danksagungen, eßbaren und trinkbaren, sein Magen wie sein Herz wurden gesättigt mit Freuden über seine Wohlthat.

»Wann kommt er nun zurück zu mir, zu uns?« fragte Mildrid.

116 »Er könnte in vierzehn Tagen hier sein, wenn . . . wenn . . . er Geld hätte«, erwiderte Gunlaug verlegen.

»Wieviel?«

»Vielleicht . . . ungefähr . . . dreißig Species.«

»Dann wird er in vierzehn Tagen kommen«

Das Mädchen holte eilig den ganzen Rest der Erbschaft und übergab ihn dem treuen Fischer zur schnellen Beförderung. Und jetzt sah sich der arme Mann förmlich hinweggedrängt von der Schwelle, die ihn erst so gastlich empfangen, kaum ließen sie ihn den letzten Bissen in Ruhe verzehren.

»Nun kommt er zu Dir – Dein Bräutigam«, sagte die Mutter, als sie wieder allein waren und lächelte geheimnisvoll. Sie wußte wohl, warum, sagte aber nichts weiter. Eine seltsame Neuigkeit enthielt sein Brief, sie nahm ihn in der Stille noch einmal vor und las ihn wieder durch mit peinlichster Gründlichkeit. Ja, da stand es geschrieben:

»Liebe Mutter!

Jetzt bin ich in dem Lande Sicilien und bin sehr lange krank gewesen. Denn unser Schiff ist gesunken, und ich weiß selbst nicht, wie ich noch gerettet bin. Ich bin fürchterlich lange auf dem Wasser herumgeschwommen, und als ich ans Land kam, wußte ich selbst nichts mehr von mir, und dann bin ich wohl viele Wochen ohne Besinnung gewesen, denn ich weiß nichts von 117 dieser Zeit, aber jetzt lebe ich wieder und bin eigentlich ganz gesund. Sie haben mich in ein Krankenhaus gebracht, und die Krankenwärter haben lange schwarze Röcke an und glauben nicht an Luther, obgleich sie sonst gute Menschen sind; nur wollen sie mich bekehren und kommen öfter mit Kreuzen und allerlei Zeug, aber Gott sei Dank, ich verstehe sie nicht und sie mich auch nicht, denn sie sind Italiener. Aber gestern besuchte mich ein sehr gütiger Herr aus Deutschland, der wieder an Luther glaubt und etwas norwegisch sprach, aber so schlecht, daß ich fortwährend lachen mußte. Der versprach mir, daß er mir helfen wollte, wenn ich gesund wäre, daß ich nach Hause käme. Aber ich weiß nicht, ob er mir Geld borgen wird, denn er sagte, dies kostet wohl dreißig Species, und ich habe keinen Schilling. Wenn Du mir soviel schicktest, könnte ich in vierzehn Tagen zu Hause sein, aber Du hast ja selbst nichts. Oder er bringt mich vielleicht auf ein deutsches Schiff, denn mit den Deutschen wird man schon fertig und versteht manchmal, was sie meinen, aber mit diesen Italienern gar nicht. Der Besuch dieses Herrn hat mich doch so sehr getröstet, und als er fortging, war ich ganz traurig. Die Stadt, wo ich bin, hat einen so sonderbaren Namen, daß ich ihn wieder vergessen habe, obgleich ich ihn auswendig lernte. Aber wenn man aus dem Fenster sieht, ist es so schön, wie 118 ich noch nichts Anderes gesehen habe. Hier ist ein ungeheuer großer Berg, der Feuer speit wie der Berg in Island, aber jetzt ist es gar nicht gefährlich, denn er raucht bloß ein bischen. Diese Stadt liegt sehr hoch auf dem Berge und man kann weit über das Meer sehen, und das Wasser ist ganz blau und wunderschön. Aber wenn ich da hinaussehe, bekomme ich doch so schreckliche Sehnsucht nach Norwegen, daß ich am liebsten weinen möchte. Denn es ist sehr schlimm, wenn man mit niemand reden kann, und niemand sich um mich bekümmert, als daß sie mir Medizin geben und mich zu Bett bringen.

»Aber jetzt habe ich endlich Deinen Brief gekriegt, wer weiß, wo der so lange herumgelaufen ist, und es ist ein großes Wunder, daß die Post mich hier gefunden hat; ich kann es gar nicht begreifen, und doch ist es so. Und da habe ich gelesen, daß Du bei der Mildrid Ohlsdatter in den Schären wohnst, und daß Du auch krank gewesen bist, und sie Dich so gut gepflegt hat, und da sind mir die Thränen nur immer so über die Backen gelaufen. Und seitdem habe ich keinen Augenblick Ruhe mehr gehabt und habe an nichts denken können als an Mildrid und habe eine ganz entsetzliche Sehnsucht nach ihr und weiß nicht, wie ich das so lange aushalten soll. Denn Du mußt wissen, ich kenne sie sehr gut, hat sie Dir nichts davon gesagt? Du 119 darfst aber nicht böse sein, daß ich von ihr still gewesen bin, denn ich hatte sie schon ganz vergessen, seit mich der Steuermann von der »Norge« auslachte, weil ich etwas traurig war. Ich kannte sie auch gar nicht so sehr, bloß zweimal habe ich sie gesehen, und das vergißt man so leicht, wenn man in der Welt herumfährt, und dann erzählte der Steuermann soviel von den anderen Mädchen, die viel schöner wären. Das heißt, vergessen habe ich sie doch nicht, ich habe doch manchmal heimlich an sie denken müssen, denn sie hatte mir damals gar zu gut gefallen. Und nun weiß ich gar nicht mehr, was mit mir geschehen ist; ich muß immer denken, wie schön es wäre, wenn sie mich gepflegt hätte wie Dich, und wenn sie hier wäre statt der fremden Menschen oder ich bei ihr in den Schären. Ich möchte sie gar zu gerne heiraten und denke gar nicht mehr daran nach Indien zu fahren, wenn sie meine Frau werden will. Sag' ihr nur um Gottes willen nicht, daß ich sie vergessen habe, sondern sag' ihr, daß sie das schönste und beste Mädchen von der Welt ist, und grüße sie tausendmal. Ich habe ganz erschreckliche Sehnsucht nach ihr. Das heißt aber auch nach Dir.

Dein treuer Sohn.
  Nils Thoresen.«

Aus diesen merkwürdigen Geständnissen einer gebesserten Seele gab die kluge Gunlaug natürlich nur 120 eine weise Blumenlese der jungen Braut, die nicht ahnte, daß sie das eben erst geworden war. Und von nun an war diese Glückliche mit einer fast unbezwinglichen Fülle von Geschäften überhäuft; was mußte nicht alles zum würdigen Empfang geputzt, gescheuert, gewaschen, geordnet und in Stand gesetzt werden: kein Winkel in und außer dem Hause blieb unberührt von der sorgenden Hand, selbst die widerstrebende Ziege wurde schonungslos einer harten Reinigung unterworfen. Und dazwischen mußte Mildrid noch von Tag zu Tag häufiger den Felsen ersteigen und hinausblicken nach allen Seiten auf das Wasser, ob nicht endlich das ersehnte Segel sich zeigte.

Und dort oben wurde die Harrende eines Tages von ihrer alten Freundin, der Sonne, entdeckt, die nach mehreren Wochen einmal wieder die Wolken durchbrach, um auch diese Gegend zu inspizieren. Die Gegend war freilich öder als je, es war der erste Schnee gefallen und deckte das Bischen von Leben, was sich da sonst noch zeigte; auch die Ziege hatte sich ins Innere ihrer Gemächer zurückgezogen, die Felsen zogen sich dicke Nebelpelze über das frische Hemd von Schnee, die Flut duckte sich zwischen ihnen und wurde nur von einer leisen Gänsehaut überlaufen: aber desto schöner und lebensvoller war dort oben die blonde Königin der Schären mit ihren hellen forschenden Augen und den 121 hoffnungglühendenWangen: und wenn die allschauende Sonne ein wenig westwärts blickte hinter die nächsten Inseln und dort in einem kleinen Boot einen jungen Matrosen mit sehnsüchtigem und doch glückseligem Angesicht ins Auge faßte, so konnte sie beruhigt für heute ihr Tagewerk schließen: zur Beleuchtung des Weiteren genügte das stille, friedliche Abendrot.

 


 

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