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Der Hexenprediger

Hans Hoffmann: Der Hexenprediger - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
booktitleDer Hexenprediger
authorHans Hoffmann
year1883
firstpub1883
publisherGebr. Paetel
addressBerlin
titleDer Hexenprediger
pages254
created20150508
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Lyshätta.

Mörkedal am Nebbefjord ist ein abgelegenes, weit über Berglehnen hingesprengtes Dorf im westlichen Norwegen dicht an der Küste; nur eine schroffe Felsenmauer scheidet den kleinen Fjord von der offenen Nordsee und an seiner Mündung das Klippenlabyrinth des Schärengartens. Das Thal ist sehr eng, finster und wenig fruchtbar, daher denn größere Schiffe die Gegend niemals anlaufen, selbst nicht die regelmäßigen Dampfer, die von Drontheim hin- und hergehen. Und das um so weniger, als die Einfahrt hier zu den gefährlichsten gehört wegen der zahlreichen blinden Klippen, welche wohl zur Ebbezeit sichtbar werden, bei Flut und bei Sturm dagegen völlig verschwinden und die Merkzeichen des Fahrwassers nicht mehr erkennen lassen. Die Fischer von Mörkedal freilich kennen ihren Weg auch so, außer wenn eine stürmische Nacht oder Nebel sie draußen überrascht: dann aber wären selbst sie verloren ohne das Notfeuer auf dem Felsen Lyshätta, das die Kameraden in solchen Fällen entzünden und 4 unterhalten, bis der Vermißte eingelaufen ist oder der Tag seinen Untergang zur Gewißheit macht. Der Lyshätta fällt mit steiler Wand grade ins Meer, ohne vorgelagerte Schären, nur daß an seinem Fuß sich eine breite Steinplatte gleichsam tastend vorstreckt, die bei Landwind und ruhigem Wetter sogar eine Landung gestatten würde, wenn etwa Jemand auf einen so wunderlichen Gedanken verfallen sollte, diesem öden und ungastlichen Gestein einen abenteuernden Besuch zu gönnen. Bei Weststurm aber ist grade diese Platte besonders gefürchtet, denn hart an ihr vorüber windet sich das schmale Fahrwasser, und Hunderte schon wären an ihr zerschellt ohne das leitende Feuer auf der Höhe.

An einem düstern Spätherbsttage waren die Leute von Mörkedal vollzählig auf dem kleinen Friedhof am Fjord versammelt, noch immer in großer Aufregung, denn es war kein gewöhnlicher Todesfall, der sie alle herbeirief: der Mann am Notfeuer war vom Blitz erschlagen worden. Wunderbarer Weise aber war der ausgebliebene Fischer dennoch gerettet: eben derselbe Blitz hatte den brennenden Holzstoß zwar zerstört und die Felswand hinabgeworfen, doch so, daß in ihren Spalten und Rissen viele Scheite hängen blieben und andere unten auf der Platte noch flammend übereinander fielen und also dem irrenden Fahrzeug seinen sicheren Weg wiesen.

5 Im ersten tiefen Schnee stand die Gemeinde um das offene Grab und lauschte den Worten ihres alten Predigers. Dieser Mann sprach nicht, wie es sonst üblich ist, in preisenden Worten von dem Verstorbenen, denn was Gutes an ihm gewesen war, das kannten sie ja alle; er erwähnte auch nicht, daß derselbe bei einem rühmlichen Rettungswerk als Opfer gefallen war, denn er hatte ja nichts als seine Schuldigkeit gethan: sondern der Greis redete mit mächtigem Ton von dem Zorne Gottes und seiner strafenden Gewalt über die Menschenkinder.

»Sehet«, sagte er, »die Donner des Herrn ertönten, und die Stürme des Himmels fuhren dahin über das Meer. Und die Berge und die Wasser bebten vor der Stimme seines Zornes. Und siehe, der eine schwache Mensch, unser Bruder, stellte sich dem Dräuen des Herrn entgegen, schürte das Feuer und sprach in seinem Herzen: Ich bin mächtiger als Wogen und Wetter, mein Licht überwindet die Nacht und meine starke Hülfe die Not des Bedrängten zwischen den Klippen; er soll nicht untergehen, so lange ich wache, ich, der Mensch, der Gewaltige, der Kluge, der Herr über die Erde und all ihr Leben! Und als er so sprach und in stolzer Ruhe hinabschaute über die schäumende Weite des Meeres, da ergrimmte Gottes Geist über ihn, das Schnauben seines Athems ward schrecklicher, 6 ein Feuerstrahl fuhr heraus zwischen seinen Braunen und traf den einsamen Mann auf dem Felsen, daß er niedersank wie ein Halm und all sein Hochmut und seine Macht in nichts zerging. Und derselbige Strahl traf sein Werk, das glänzende Feuer, und schlug es auseinander, daß die lodernden Stämme in die Tiefe flogen wie leichte Funken von brennendem Stroh. Der verlorene Mensch aber drunten auf dem dunkeln Wasser sah den Glanz auf der Höhe verschwinden und das Auge seiner Hoffnung erlöschen; und er verzagte in seiner Brust und dachte: Nun kann auch Gott mich nicht mehr erretten!

Aber der Herr wollte abermals seine Macht erzeigen auch an diesem Armseligen, und er ließ die zersprengte Lohe weiterglimmen gleich Fackeln in den Rissen des Felsens und unten auf dem öden Gestein: und der Mensch erkannte die allmächtige Hand des Herrn und glaubte an ihn und fand seinen Weg und fuhr gerettet vorüber.

Dieser Schwache weilet nun unter uns, und der starke Helfer liegt erschlagen. Der Blitz aber, der ihn tötete, soll uns alle zugleich mitten in die Seele treffen und soll den Stolz in unserm Busen zerschmettern: denn wir waren alle gleich diesem Einen und trotzten auf unsere Menschenkraft und vergaßen uns zu beugen vor dem höchsten Herrn des Himmels und der Erde. 7 Darum ist uns Solches zur Buße und zu heilsamem Schrecken geschehen . . .«

So fuhr der Geistliche fort, statt dem Toten vergebliches Lob zu spenden, seinen lebenden Hörern mächtige Worte ins Gewissen zu werfen. Und die Bauern und Fischer ließen sich gern und mit einem behaglichen Schauder die harten Herzen durch und durch schütteln. Nachher priesen sie den tüchtigen Redner und lebten wie zuvor, trotzten dem Meer und den Stürmen und entzündeten ihr Notfeuer auf dem Berge, wenn Einer von ihnen in Gefahr geriet, und retteten diesen.

Dem Prediger gegenüber stand ein Kind am Grabe, Inga, die einzige Tochter des Erschlagenen, nun eine doppelte Waise. Doch sie verstand ihr Unglück noch nicht, sie lauschte nur bewundernd der prächtigen Rede, und ihre blauen Augen strahlten vor Entzücken über die Schilderung des zersprengten, auffliegenden, in den Lüften und in der Tiefe fortlodernden Feuers. Hätte ich das mit ansehen können! war ihr einziger Gedanke.

Nachdem das Grab geschlossen war, nahm Sörensen, der Geistliche, die Kleine bei der Hand und führte sie mit sich zum Pfarrhofe. Er hatte beschlossen die Waise bei sich an Kindesstatt zu erziehen, denn er war selbst ein kinderloser Mann, dem dazu sein Weib vorweggestorben war.

8 So lebte Inga in seiner Hut bis in ihr zwölftes Lebensjahr und lernte von ihm mancherlei Dinge und Kenntnisse, die andern Kindern des Dorfes verborgen blieben, und seine strenge und starke Weise wirkte auf ihre junge Seele. –

Nach jenem Unglücksfall war es einmal geschehen, daß der Mann am Notfeuer bei einem starken Gewitter aus Furchtsamkeit seitab wich und den Brand zerfallen ließ. Seitdem ließ es sich der Pfarrer nicht nehmen, bei jedem neu vorkommenden Falle sich selbst von der Pflichttreue des Wächters und der sicher leuchtenden Kraft des Feuers zu überzeugen, obgleich ihm der Gang zur Höhe in den Sturmnächten mit jedem Jahre beschwerlicher wurde.

Während des letzten Winters zumal war er recht zusehends gebrechlich geworden, und als er sich nun wieder einmal bei einem Frühlingssturm zu solchem einsamen Gange auf den Felsen bereitete, bat ihn Inga, sich zu schonen und auf die Treue des zum Dienst bestellten Mannes und auf Gottes Hülfe zu vertrauen. »Hast Du doch selbst einmal gesagt, wir sollen nicht trotzen auf unsere Menschenkraft, sondern sollen uns beugen vor dem Herrn des Himmels und seinem allmächtigen Willen . . .«

Als sie das sagte, blickte ihr der Greis seltsam und fast erschrocken ins Gesicht und sprach endlich: 9 »Laß uns nicht grübeln, sondern unsere Pflicht thun.«

Und er hüllte sich in seinen Pelz und wandte sich zu gehen.

»Lieber Vater«, sagte Inga, »laß mich statt Deiner gehen, oder nimm mich wenigstens mit Dir zu Deiner Hülfe, es ist ein furchtbares Wetter heute.«

Plötzlich drehte er sich um und schaute dem Kinde scharf und streng ins Auge.

»Inga!« sagte er, »ist es bloß Deine Sorge um mich, die Dich so reden läßt, oder ist es wieder Deine alte Begierde, die lodernde Flamme über dem Abgrund zu sehen? Ich aber sage Dir, Du sollst aus einem ernsten Dinge kein leichtfertig Schauspiel machen. Wenn das Haus Deines Nachbarn brennt und Du fändest in dem Schreckniß eine lustige Augenweide, wäre es nicht Sünde? Bleib Du und sorge in Demut für das Nächste und sorge, Deine thörichten Gelüste zu bezwingen. Ich gehe allein.«

Er ging. Inga war tief errötet bei seinen Worten, denn es ist wahr, zur einen Hälfte hatten sie das Richtige getroffen. Immer und immer wieder war in dem Kinde der seltsame Wunsch aufgestiegen, jene segensreiche Flamme in der Nacht emporflackern zu sehen; so oft sie denselben erst dringend, dann schüchtern geäußert, war sie ruhig und strenge zurückgewiesen 10 worden. Doch nur um so heftiger wuchs das dauernde Verlangen in ihrem thörichten Herzen.

Heute aber gesellte sich dazu die herzliche Sorge um den treuen Mann, der seine wankende Gesundheit der Wut dieses Unwetters preisgab. Er sah heut so besonders alt und hinfällig aus: wie leicht konnte ihn auf dem langen Wege eine Schwäche überkommen, und dann war er so hülflos da draußen!

Das Kind überredete sich, es sei nur diese Stimme sorgender Liebe, die es antriebe, ihm heimlich nachzueilen, zu seinem Beistande bereit zu sein. Nur leise schien sich dahinter die Sehnsucht nach der herrlichen Flamme zu bergen. Unbezwinglich wuchs ihr Verlangen, sie zitterte in der Einsamkeit vor Ungeduld, die sich zu unbestimmter Angst steigerte, der heulende Sturm erschien ihr als ein lockender Ruf ins Freie, ins bewegte Leben . . . sie konnte nicht anders, sie mußte hinaus. Der Reiz des Verbotenen siegte. Sie wußte, daß der Geistliche stets bei nächtlichen Gängen die Thür des Hauses verschloß: und grade dies Gefühl der Gefangenschaft erhitzte ihre Unruhe ins Unerträgliche und erweckte ein trotziges Freiheitsgefühl; was sie hindern wollte, beschleunigte nur ihren Entschluß.

Nachdem sie sich mit sturmfesten Kleidern versehen, öffnete sie hastig das Fenster ihres im oberen Stockwerk gelegenen Zimmers und spähte in den kleinen 11 Hof hinab, der rings von hölzernen Gebäuden umschlossen war. Selbstverständlich war Alles dunkel und einsam. Sie stieg auf das Fensterbrett und ließ sich außen vorsichtig hinab bis zu einer schmalen Holzleiste, welche die beiden Stockwerke trennte, dann griff sie mit der andern Hand nach dem vorspringenden untern Rande des nächsten Fensters, und es gelang ihr so, sich weiter zu schieben, langsam und ängstlich, denn ein Sturz auf den Boden konnte leichtlich, ja sicher eines ihrer gesunden Glieder kosten. Noch zwei andere Fenster hatte sie auf dem gefährlichen Wege zu passiren, dann war sie an der Ecke des Hauses und hatte halb gewonnenes Spiel. Denn dort begann eine hölzerne Gallerie, die sich außen an der Querwand hinzog, und von der eine Treppe auf den Hof führte. Die letzte Gefahr war der nicht geringe Sprung zum Geländer der Gallerie, aber auch der gelang ihrer hastigen Kühnheit, und nun stand sie auf sicherem Boden. Ungesehen eilte sie die Treppe hinab und aus dem Hofthor hinaus in die stürmische Nacht dem Felsen Lyshätta zu. In ihrer kindischen Glut merkte sie kaum etwas von dem Toben des Wetters, noch weniger von der Steile des Aufstiegs, bis sie plötzlich, um eine scharfe Felsenecke biegend, die rote, prächtige Flamme in geringer Weite vor sich erblickte und einen lauten Ruf des Entzückens ausstieß.

12 Doch im selben Augenblick gewahrte sie nahe dem brennenden Holzstoß den greisen Pflegevater neben dem Manne, der die Wacht hatte, und der jäh erwachende Schreck ob ihres offenen Ungehorsams lähmte ihre Freude und ihren Mut. Sie wagte keinen Schritt mehr vorwärts zu thun, sondern glitt scheu bei Seite und barg sich in einigen vom Sturm gezausten niederen Büschen. Zitternd vor Aufregung starrte sie unverwandt auf die Gestalt und das Antlitz des Greises, vor dem sie sich fürchtete. Jetzt, von dem mächtigen Glanz der Flamme beschienen, war sein Aussehen frisch und kräftig, wie neu belebt, als wäre es von eigener innerlicher Wärme.

Sie sah ihn ruhige Worte mit dem Manne wechseln, nach einiger Zeit ihm die Hand schütteln und sich heimwärts auf den Weg machen. Sein rüstiges Aussehen hatte ihre Sorge beschwichtigt, auch wußte sie, daß sie selbst nach längerem Aufenthalt ihn noch mit Leichtigkeit überholen konnte; all ihre Teilnahme beschränkte sich jetzt auf die Schönheit des Feuerspiels. Sie wagte sich hervor und begrüßte den Wächter, den sie gut kannte und nicht fürchtete; es war der Landhändler, ein angesehener Mann im Orte. Er erstaunte nicht wenig über die unvermutete Erscheinung des sonderbaren Kindes; zu lügen vermochte Inga nicht, sie erzählte ihm treuherzig ihre Sorge um den Vater, 13 ihren Ungehorsam und ihre Furcht und bat, sie nicht zu verraten. Zuletzt sprach sie schüchtern den Wunsch aus, einen Brand über die Felsenkante in die Tiefe stürzen zu sehen. Lächelnd willfahrte er ihr, zog einige tüchtige Scheite aus dem mächtigen Holzstoß heraus und ließ sie in herrlichem Bogen nach einander in dem Abgrund verschwinden. Mit sprachlosem Entzücken, und doch leise erschaudernd sah das Kind dem feurigen Spielwerk zu, bis der Landhändler ein Ende machte.

»Sie fallen nicht ins Wasser«, sagte er, »sie bleiben auf der Platte liegen, aber sie werden erloschen sein, es geht zu tief hinab und zu steil. Einige sagen zwar, ein Mensch könnte hinabklettern, wenn er wollte, aber versucht hat's noch Keiner, denn es ist nichts da unten zu holen als Stein und jetzt die paar Holzstückchen, wenn Jemand Brennholz braucht,« setzte er lachend hinzu.

Die großen blauen Augen des Kindes hingen begierig an seinem Munde, und das machte ihn gesprächig, wie jeden Erzähler die Andacht seiner Hörer befeuert.

»Einmal ist Einer von unten herauf gestiegen«, berichtete er mit gläubigem Ernst, »aber er ist nicht lebendig bis oben gekommen, und es ist auch schon sehr lange her.«

»Wer war der Mensch?« fragte Inga und legte 14 vor Begierde, zu hören, ihre kleine Hand auf seinen Arm.

»Das ist so geschehen,« fuhr er fort. »Eine Königstochter fuhr auf dem Meer vorüber mit ihren Rittern. Und einen von den Rittern hatte sie gern, und er sie auch, denn sie war sehr schön. Sie dachte aber, es könnte möglich sein, daß er sie heiraten wollte, bloß damit er König würde und nicht weil er sie lieb hätte. Und sie sagte ihm das und sagte, er müßte ihr eine Probe bestehen, daß er sie wirklich lieb hätte. Da sprach er: ›So will ich auf diesen Felsen da steigen, welcher sehr gefährlich ist und auf den sich kein Anderer wagt, und will oben Deine Farben aufstecken. Und daran sollst Du meine Liebe erkennen.‹ Und als er das gesagt hatte, nahm er ein großes seidenes Band mit ihren Farben, und weil es schon gegen den Abend kam, nahm er auch eine Fackel mit; und damit ging er in ein Boot und fuhr an diesen Felsen und fing an hinaufzuklettern. Es war aber noch schwerer und dauerte länger, als er gedacht hatte, und als er fast bis zu dieser Kante gekommen war, war es ganz dunkel geworden, und er konnte nicht erkennen, daß er schon beinahe die Höhe erreicht hatte. Da entzündete er seine Fackel und wollte vor sich leuchten: in dem Augenblick aber, da seine Hände so das Gestein losließen, strauchelte er mit den Füßen und stürzte nach hinten. Und 15 er konnte nur noch seine brennende Fackel emporschleudern, damit sie seiner Geliebten ein Zeichen sei, wie hoch er gestiegen, und dann fiel er in die Tiefe. Die Fackel fiel hier oben auf diese Stelle und brannte fort und entzündete alle Bäume ringsum, die damals hier standen, so daß es ein mächtiges Leuchtfeuer gab, welches alle Schiffe weithin erblicken konnten. Seit dieser Zeit und von dem hellen Lichte hieß der Felsen Lyshätta bis auf diesen Tag. Der Ritter aber war tot.«

»Und was ward aus der Königstochter?« fragte das Kind hastig und erschüttert.

»Das weiß ich nicht,« sagte der Landhändler ehrlich, »wahrscheinlich hat sie nachher einen Prinzen geheiratet. Aber vielleicht weiß es Karin Sverdrup, die Alles weiß« setzte er mit einem kleinen Lachen hinzu, »und es ist schade, daß es Nacht ist, wo ordentliche Menschen schlafen, sonst könntest Du auf dem Rückweg zu ihr heranspringen und sie fragen. Ich möchte es auch wissen, was Königstöchter bei solchen Dingen thun: bei uns nehmen die Mädchen, wenn sie ihren Liebsten verlieren, einen Andern.«

Die Erinnerung an den Rückweg und der Hinweis auf die Gewohnheit ordentlicher Leute riß das Kind aus seiner gefesselten Spannung, mit hastigem Dank nahm es Abschied und sprang in flüchtigen Sätzen den Berg hinab, den gewöhnlichen Pfad ein wenig zur 16 Seite lassend, um so an dem Pfarrer unbemerkt vorbeizuschlüpfen.

Als sie sich jedoch dem Hause jener Karin Sverdrup näherte, welche ein ziemliches Stück vom Dorfe entfernt einsam am Bergeshange hauste, bemerkte sie mit Verwunderung, daß noch Licht aus ihrem Fenster schimmerte. Rasch hielt sie im Laufe an: sollte die alte Karin noch wachen? Durfte sie noch hineingehen, nach dem Schicksal der Königstochter zu fragen?

Leise und auf den Zehen, als ob das Wetter nicht auch den derbsten Schritt hätte übertönen müssen, schlich sie zu dem Fenster und spähte hinein; aber entsetzt fuhr sie zurück: dort auf dem ärmlichen Bette an der Wand lag der greise Pfarrer, und Karin leuchtete in sein Gesicht, welches so bleich und starr wie eines Toten war. Mit einem lauten Schrei stürzte Inga an die Thür, riß sie auf und flog hinein, durchnäßt und vom Sturm zerzaust, wie sie war.

Erstaunt drehte die Alte sich herum, und ihre Ueberraschung ward nicht geringer, als sie das Kind erkannte.

»Du kommst zur rechten Zeit,« sagte sie endlich leise: »aber doch schon zu spät. Er ist gestorben.«

Inga stand still und starrte sie an, als ob sie eine unverständliche Sprache redete.

»Der Gang in solcher Nacht war zu viel für ihn,« fuhr Karin fort, »er hätte auch einem Jüngeren schaden 17 können. Du hättest ihn nicht gehen lassen dürfen, da er schon so schwach war, oder hättest ihn begleiten sollen. Möglich, daß er noch wäre zu retten gewesen.«

Das arme Kind stand nun ganz verwirrt von so plötzlichem Schicksal und fast erdrückt in seiner jungen Seele von unklar wechselndem Schuldbewußtsein. Du hast ihn herzlos allein gehen lassen, und davon ist er gestorben! war der eine Gedanke. Du bist seinem festen Gebot ungehorsam gewesen, und er ist aus der Welt gegangen, ohne Dir zu vergeben! der zweite, widersprechende.

Aus heftigster Reue erwuchs ihr langsam der große Schmerz und plötzlich dann eine überquellende Liebe und Dankbarkeit, da sie bis dahin von ihrem Wolthäter alles Gute nach Kinderart so ruhig und gelassen hingenommen hatte, wie die Erwachsenen die Gaben ihres lieben Gottes hinzunehmen pflegen.

Doch sie war eine kräftige Natur, und die rasche Liebe suchte eilig einen Weg, sich nach außen zu bethätigen.

»Ich will nach Eidvangen laufen und den Arzt rufen. Er kann ja noch nicht tot sein,« sagte sie und machte sich sogleich bereit, ohne zu bedenken, daß es reichlich drei oder vier Stunden bis dahin zu gehen gab.

»Er ist tot,« erwiderte Karin bestimmt, »mir wirst 18 Du wohl auch zutrauen, daß ich dies verstehe, und besser als der Arzt.«

Das sah Inga ein, denn die Alte war Allen bekannt als ein kluges und heilkundiges Weib. Darum entsagte sie aller Hoffnung, setzte sich zu den Füßen des Toten und weinte.

Karin ließ sie eine Weile stumm gewähren, dann begann sie ein Gespräch.

»Schade, daß der Prediger hin ist,« sagte sie, »er war gut, er konnte Einem ins Herz reden, daß man's drei Tage merkte. Wer weiß, wie's der neue machen wird.«

»Der neue?« fragte Inga erstaunt, »ist denn schon ein neuer da?«

»Noch nicht, Du Schäfchen. Aber es wird bald einer kommen, verlaß Dich darauf, die Stelle ist nicht schlecht.«

Inga konnte das einsehen. Doch heimlich empörte es ihr Gemüt, daß hier vor der kaum erkalteten Leiche schon von einem Nachfolger die Rede war. Nur wandte sich wunderlicherweise ihre stille Erbitterung nicht gegen die, welche so bestimmt davon sprach, sondern gegen jenen künftigen Nachfolger selbst, der die Kühnheit besaß, diesen geliebten Toten ersetzen zu wollen! Bitteres Mißtrauen gegen den Eindringling setzte sich 19 hurtig in ihrem Herzen fest. Aber sie behielt das für sich; es schien nicht ihre Art, Gefühle laut zu äußern.

Nach einer Pause begann Karin von Neuem das Gespräch. »Und was wird nun aus Dir werden, Kind?« sagte sie ruhig, »der Neue wird Dich wohl schwerlich bei sich behalten wollen, am wenigsten, wenn er selbst Kinder hat. Oder Du kannst als Magd im Hause bleiben, wie es Dir zukommt, denn Du bist eines armen Fischers Kind. Wir Armen sind dazu geboren, überall zu dienen und überall zu entsagen. Immer Dienst ohne Lohn, immer Mühe ohne Preis, das war mein Schicksal alle Zeit, und das wird auch Deines sein. Sieh da, wie ähnlich Dein Leben meinem beginnt: ich war auch Magd im Pfarrhofe, und ich war so dumm, wie wir alle sind, so lange wir jung bleiben; ich warf meine Augen auf des Pfarrers Sohn und diente Jahr aus Jahr ein um seine Liebe mit aller Kraft, aber es fiel ihm niemals ein, mich anzusehen, er saß und hockte über seinen Büchern Tag aus Tag ein, und dann fand er uns Menschen alle Tage sündhafter, und wenn er predigte zur Zeit der langen Krankheit seines Vaters, so schalt er gewaltig über alles Tanzen und Spielen und Karessiren und Trinken: aber daß ich nun ihm zu Liebe all die Frömmigkeit mir annahm, die er wollte und nie zum Tanzen ging und mir von keinem Menschen schön thun ließ, das 20 merkte er nicht einmal, und ich war in seinen Augen nicht besser als die andern. Und ich glaube gar, er hat auch nicht gesehen, daß ich dazumal hübsch und stattlich genug war, viel hübscher als die schwächliche Person, die nachher aus der Stadt kam und so zimperlich that und so schüchtern und doch immer leise, leise um ihn herumschlich und mit den Augen schmachtete, bis sie ihn gefangen hatte und er sie heiratete. Nun, natürlich, sie starb ihm bald, und er blieb einsam zurück, so daß er sich zuletzt doch eine arme Fischerwaise ins Haus nahm: und auf seinem allerletzten Gange war er so klug, sich in das Haus der alten Larin Sverdrup zu verirren und unter ihren Händen wenigstens zu sterben. Siehst Du, ich habe ihm die Augen zugedrückt, da aller Welt Hülfe ihm fern war; und das ist auch etwas wert, wenn man vierzig Jahre lang gewartet hat. Oder meinst Du, ich hätte nachher noch einen gewöhnlichen Fischer oder Bauer heiraten mögen, nachdem ich mich so vornehm hatte verliebt gehabt?«

Inga war trotz ihres Kummers ganz aufmerksam geworden auf das Gerede der Alten. Ei, dachte sie plötzlich bei den letzten Worten, ist das nun nicht die Antwort auf die Frage, was aus der Königstochter geworden sei? Und sie begann vor Karin eine heimliche Hochachtung zu empfinden, ein Gefühl, das der 21 alten Jungfrau schwerlich von irgend einem andern Menschen gezollt wurde.

Ueber diesen Gedanken schlief das Kind ganz plötzlich ein; die Anstrengung des nächtlichen Marsches und die verschiedenartigen wechselnden Aufregungen hatten es stark genug ermüdet, um es seine Not für etliche Stunden vergessen zu machen.

* * *

Als der alte Prediger Sörensen begraben war, waltete Inga bis zum Frühling als einsame Herrin im Pfarrhofe. Niemand bestritt ihr das Recht dazu, obgleich sie es schwerlich hätte nachweisen können, wenn es ihr Einer mißgönnt hätte; der Verstorbene hatte über ihre Zukunft in seinem Testamente nichts weiter bestimmt, als daß er ihr den größeren Teil seines Hausrats zu freiem Eigentum vermachte. Das war freilich recht wenig, die Sachen waren an sich von geringem Wert und durch Alter und langen Gebrauch nicht eben verbessert. Sörensen hatte nie etwas auf äußern Schmuck des irdischen Lebens gehalten, und was ihm das Amt über seine Bedürfnisse hinaus abwarf, das verwendete er ausschließlich zu wohlthätigen Zwecken.

Trotzdem war es für die junge Inga ein stolzes Gefühl, über irgend einen Besitz nach freiem Belieben schalten zu können und nun gar die Schlüssel des 22 Pfarrhofes in eigener Hand zu regieren. Der Knecht und die Magd blieben zwar auch im Hause wohnen, aber sie beschränkten ihre Allmacht kaum; sie hatten das Kind gern und waren gewohnt, in ihm die junge Herrin zu sehen.

Und es war doch ein wunderliches Leben, das sie nun führte. Sie fürchtete sich nicht in dem stillen Hause, dazu waren ihr die Räume zu wohl vertraut, aber es erfaßte sie doch oft eine unbestimmte Unruhe, die sie tagelang nicht unter dem Dache duldete; sie trieb sich dann in den Bergen und Wäldern umher trotz der winterlichen Zeit und suchte nach Spuren des kommenden Frühlings, die sich aber nur spärlich und langsam genug zu zeigen begannen. Wieder andere Tage dagegen that sie keinen Schritt aus dem Zimmer ihres Pflegevaters, las in diesen und jenen Büchern allerhand krause Dinge, wie sie der Zufall ihr in die Hand spielte, theologische Schriften, Erdbeschreibungen oder Gedichte und fand kaum die Zeit, mit ihren zwei Leuten die Mahlzeiten zu verspeisen.

Verständige Leute schüttelten wohl den Kopf, wenn sie von so absonderlichem Treiben etwas hörten oder sahen, doch es fiel Keinem ein, in guter oder böser Absicht dagegen aufzutreten. Inga blieb frei und ungehemmt in all ihrem Thun, bis der volle Frühling 23 herankam und mit ihm der neue Prediger Christian Riddervold mit seiner Familie erwartet wurde.

Inga blickte dem Tage, der ihr künftiges Schicksal entscheiden mußte, mit einem unsichern Trotze entgegen; der Amtsnachfolger ihres Pflegevaters erschien ihr wie ein siegreicher, aber unberechtigter Prätendent, der das Andenken Jenes herabzusetzen und sie selbst aus ihrem ehrlich ererbten Eigentum zu verjagen kam. So konnte sie es nicht über sich gewinnen, den Feind persönlich zu erwarten und zu empfangen, wie es die Schicklichkeit gewißlich erfordert hätte: vielmehr, als dessen Ankunft bestimmt nach Tag und Stunde angezeigt war, übergab sie ihre Schlüssel der Magd und eilte selbst in aller Morgenfrühe in den gewohnten Wald hinaus.

Es war aber in diesem Jahre der Sommer noch schneller als sonst dem Frühling auf die Fersen getreten, wenige der langen Tage hatten genügt, um alles Grün in üppigster Fülle hervorzutreiben, und wenige Wochen, um im Walde die ersten Beeren reifen zu lassen.

Inga war eine Meisterin in der Kunst, diese frühen Erdbeeren in ihren sonnigen Schlupfwinkeln aufzusuchen, und es währte nur wenige Stunden, da hatte sie ihr ganz ansehnliches Körbchen mit den duftigen Früchten gefüllt und schaute nun nach einem 24 behaglichen Plätzchen um, wo sie dieselben mit rechter Muße verzehren könnte: denn es verstieß wider ihre Grundsätze, beim Pflücken sogleich von der Hand in den Mund zu leben, sie wußte, wie sehr der Genuß durch die hoffende Anschauung der wachsenden Menge im Körbchen vorbereitet und gesteigert wird. Der Tag war warm, sie zog sich deshalb recht tief in den Schatten einiger überhangenden Haselsträucher zurück, die eine prächtige natürliche Laube bildeten, streckte sich hier an bequemer Stelle ins weiche Moos, stellte das Körbchen vor sich hin und betrachtete es eine Weile mit entzückten Augen, den Genuß nach bewährter Praxis noch ein wenig hinauszuschieben. Mitten in solchem beglückenden Schauen aber verschwammen ihr die einzelnen Beeren mehr und mehr zu einer herrlichen roten, leise wogenden Flut, ihr Köpfchen nickte ein paarmal wunderlich vornüber, und plötzlich sank es schwer und müde über den Arm ins Gras, nicht ohne zugleich den Korb umzustoßen und die rote Flut in einem prächtigen Strom über den leicht abschüssigen Boden rollen zu lassen.

Ihr ganz absonderlicher Unstern führte zu eben dieser Zeit einen jungen Burschen desselbigen Weges quer durch den Wald. Er befand sich auf der schwankenden Grenze jenes Lebensalters, da der Jüngling sich aus der Knabenlarve mühsam und oftmals mit 25 gar seltsamem Gebahren herauszuringen trachtet, und wahrscheinlich hatte der träumerische, halbmelancholische Blick seiner braunen Augen auch keine andere Ursache als eben die natürlichen Wunderlichkeiten und unklaren Stimmungen, die jener Zustand mit sich zu bringen pflegt. Seine Kleidung war nicht die bäuerliche, sondern feiner in Stoff und Schnitt, wenn auch weder nagelneu noch von besonderer Schonung zeugend.

Es geschah nun, daß er seitwärts etwas Farbiges durch die Bäume schimmern sah, und als er der auffallenden Erscheinung nachging, erblickte er mit nicht geringem Erschrecken mitten in so verborgener Waldeinsamkeit ein höchst niedliches junges Kind, das da gar anmutig im tiefen Moose ruhte. Die weichen blonden Haare flossen frei über den rechten Arm, auf den ihre schlummernde Stirn gesunken war, so daß ihr Mäulchen grade dicht über dem köstlichen Erdbeerstrome schwebte. Die Lippen aber bewegten sich unablässig im Traum und schienen leise nach dem süßen Labsal zu schnappen, das ihnen durch den ungerufenen Schlaf entzogen war. Und wie die holdselige Mittagssonne mit freundlicher Zudringlichkeit durch das leichte, schwankende Blätterdach der niedrigen Bäumchen heimlich über ihr Antlitz spielte, da war es gewiß nicht leicht zu entscheiden, wem an rosiger Frische der Preis 26 gebührte, den roten Waldbeeren oder den hübschen Kinderlippen.

Der Knabe seinerseits aber ward beinahe ebenso rot wie jene beiden Gegenstände, blickte sich mißtrauisch rings in den Büschen um, und erst als er sich wirklich mit der Schläferin allein sah, wagte er es aus ehrfurchtsvoller Entfernung das ihm so unvermutet aufgebaute Bild eingehender zu betrachten. Es verlor dadurch keineswegs, und dem Bewundernden stieg noch mehr als einmal eine jäh aufflammende Glut ins Antlitz, bis diese wechselnde Färbung allmählich in eine gleichmäßige warme Röte überging. Keinen Schritt wagte er rückwärts oder gar vorwärts zu thun, er selber schien sich wie von einem märchenhaften Banne gefangen und empfand ordentlich einen leisen, süßen Schwindel im Haupte. Es lag eine so tiefe Stille unter den Blättern, daß er ernsthaft zusammenschrak, als es auf einmal in dem Laube raschelte und eine muntere Bachstelze durch die Zweige schlüpfte, ein Weilchen harmlos mit dem zierlichen Schwänzchen wippte und dann rasch und ungeniert einige seitab gerollte Erdbeeren aufpickte. Nach dieser That machte sie sich wieder in das Gezweig, äugte noch einmal das schlanke Hälschen drehend durch die Blätter und verschwand.

Anfangs war es dem Knaben fast ein wenig 27 unbehaglich, daß er in dieser Lebenslage von einem sehenden Wesen sich überrascht fand, darauf aber, nachdem das Abenteuer für den klugen Vogel so glücklich abgelaufen war, ergriff ihn selbst auf einmal eine Tollkühnheit, er wagte es niederznknieen und langsam näher rutschend dem schlafenden Kinde sorgfältig und vorsichtig die störenden Früchte unter dem Munde wegzuessen. Bei dieser Beschäftigung mochte er aber, nachdem er sich schon ganz an die letzten Beeren vor ihren Lippen herangeschmaust hatte, mit einem vorwitzigen Haarbüschel der wachsam vorgestreckten kleinen Nase zu nahe gekommen sein, denn bei einem zufälligen Aufblick bemerkte er um deren beide Flügel ein sanftes, wetterleuchtendes Zucken, welches zwar durchaus nichts Bösartiges oder Drohendes an sich hatte, ihn aber dennoch dermaßen erschreckte, daß er zurückprallte und mit der Hast des bösen Gewissens auf seine Füße sprang.

Er hatte auch grade nur noch Zeit, ein Schrittchen rückwärts zu thun, als das Kind schon mit einem gesunden Niesen aus dem Schlummer fuhr und nach einem kurzen unbestimmten Blinzeln ganz verstört und zornig von ihrem Sitz zu dem Eindringling aufschaute.

»Das ist abscheulich«, rief sie nach einer dumpfen Pause, »der hat mir meine Erdbeeren aufgegessen!«

28 Und ihr Gesichtchen vermochte wirklich einen recht kräftigen Abscheu vor solcher That auszudrücken.

Der junge Mensch stotterte in entsetzlicher Verwirrung allerlei zusammenhangloses Zeug, das zu seiner Entlastung dienen sollte, aber durch das Uebermaß nur sein Schuldbewußtsein kräftiger ins Licht rückte, so daß es Inga deutlich wurde, wie nur persönliche Bosheit die treibende Kraft seiner Handlungsweise gewesen sein konnte.

»Wer bist Du?« fragte sie deshalb mit richtender Strenge.

»Ich heiße Halvor Riddervold und bin der Sohn des neuen Predigers von Mörkedal,« erwiderte er, froh, endlich eine sachliche Behauptung aufstellen zu dürfen.

Aus Inga's großen Augen aber schoß sogleich ein Blitz verächtlichen Trotzes. »So, das konnte ich mir freilich denken!«

Der arme Halvor konnte unmöglich ahnen, daß sie damit garnichts anders sagen wollte als etwa dies: »Von solchen Eindringlingen kann man freilich nur erwarten, daß sie Einem alle Bissen vor dem Munde wegnehmen« – er konnte höchstens darin ein Zugeständniß finden, daß sein Äußeres einen so anständigen Ursprung verriete, und begann deshalb einiges Selbstvertrauen zu fassen.

29 Das Mädchen aber nahm den leeren Korb, stand eilig auf, schüttelte die Haare kräftig in den Nacken und marschierte schweigend ab. Halvor ging hinterher und suchte ihre Seite zu gewinnen. »Meine Eltern müssen schon in Mörkedal angekommen sein,« erzählte er dabei, »ich habe einen Umweg über den Berg genommen, weil das Wetter so schön ist und damit ich die Gegend gleich besser übersehen könnte als vom Kariol und vom großen Wege aus.«

Sie antwortete nicht, sondern schritt nur hastiger vorwärts, um der unbequemen Gesellschaft zu entgehen. So mußte er bescheiden hinter ihr her treiben, so lange sie auf dem schmalen Waldpfade gingen; als aber das offene Feld und die Landstraße erreicht war, verstand sie es mit Nachdruck und Ausdauer so einzurichten, daß immer die volle Breite des Weges zwischen ihr und dem Feinde blieb, ohne daß dieser die Absicht ihrer Bewegungen erkannte.

In solcher stummen Gemeinschaft gelangte dieses junge Paar zu dem Pfarrhof. Nicht ohne Verdruß bemerkte Inga, daß während ihrer Abwesenheit das Eingangsthor mit frischen Kränzen geschmückt worden war und daß eine Zahl der angesehensten Männer des Ortes im Hofe versammelt stand. Das alles um den Unwürdigen, der ihrem verehrten und geliebten 30 Pflegevater nachzufolgen und sein Haus in Besitz zu nehmen wagte!

»Ist dies unser Pfarrhof?« fragte Halvor freudig. Sie nickte nicht einmal zur Bestätigung, sondern schritt nur gelassen voran. Er aber sah auch darin eine besondere liebenswürdige Dienstwilligkeit, ihm persönlich den Weg zu zeigen.

Als Inga mit ihrem hartnäckigen Begleiter das große Familienzimmer betrat, fand sie daselbst die neuen Ankömmlinge noch in voller Reiseunruhe. Wenigstens die Frau, eine feine, etwas kühl und vornehm aussehende Person, wirtschaftete heftig unter hundert Paketen und Schachteln herum, während der Prediger es sich bereits auf einem großen Stuhle bequem gemacht hatte und aus einer Pfeife ungeheure Rauchwolken zum Fenster hinausblies.

Die Leute gefielen Inga garnicht; daß sie bei ihrem Eintritt eine gewisse Verlegenheit auf den Gesichtern nicht verbergen konnten, erklärte sie sich zwar ganz natürlich aus dem stillen Schuldbewußtsein der Eindringlinge, aber sie gefielen ihr eben auch sonst nicht; der Prediger mit seinem derben, behaglichen Gesicht und dem breiten Lächeln auf den Lippen konnte doch nicht entfernt daran denken, ihren Pflegevater ersetzen zu wollen.

Darum sagte sie kein Wort der Begrüßung, 31 sondern warf heftig den Kopf in den Nacken und marschierte stumm und ungezogen wieder hinaus. In ihrer Kammer freilich warf sie sich auf ihr Bett und weinte bitterlich.

Mit diesem ungesitteten Abgange hatte sie ihr Schicksal völlig besiegelt. Dem Prediger, der das anmutige Geschöpf vielleicht sonst nicht ungern im Hause behalten hätte, war jedes trotzige und unbehagliche Wesen in der Seele zuwider, und seine Frau hatte mit weiblichem Scharfblick sofort andere bedenkliche Wahrnehmungen gemacht, nämlich erstens, daß dies zuvor vielbesprochene Kind bildhübsch war und sich in wenigen Jahren zu einer recht gefährlichen Jungfrau auszuwachsen drohte, und zweitens, daß es sich schwerlich je in die Stellung einer geachteten Magd wurde herabdrücken lassen.

Darum trat sie rasch an die Seite ihres Mannes und sagte mit gedämpfter Stimme, aber sehr entschieden:

»Sie darf auf keinen Fall im Hause bleiben: weißt Du, schon um Halvors willen nicht!«

Der Knabe, welcher im Interesse eben des Kindes mit gespannter Aufmerksamkeit an den Mienen seiner Eltern hing, hatte trotz der Vorsicht die Worte seiner Mutter verstanden und rief mit lautem Eifer:

»O, mich stört sie garnicht. Und wie dürfen wir 32 die Arme so aus dem Hause jagen? Mutter, ich bitte Dich, das geht doch garnicht!«

Die redliche Heftigkeit, mit der er diese Worte hervorstieß, die warme Röte, welche sein Antlitz überzog und der eigene Glanz seiner Augen machte beide Eltern stutzig. Die Mutter sah ganz erschrocken auf den unerwarteten Anwalt der fremden Waise, der Vater aber lachte laut und rief behaglich:

»Ei, ei, mein guter Junge, da ist das Unglück wohl gar schon geschehen, und Du hast Dich in aller Geschwindigkeit in das niedliche Tierchen verliebt? Ei, ei, das wäre mir eine schöne Bescherung, eine Liebelei in einem christlichen Predigerhause!«

Schwerlich hatte dieser zufahrende Scherz die Absicht, den Sohn so tief zu verwunden, wie es dennoch geschah. Halvor stand regungslos, von lodernder Glut übergossen, ihm war, als habe ein aufzuckender Blitz aus verborgener Wolke ihm eine süße, dämmernde Mondscheinlandschaft plötzlich in harter, schonungslos greller Beleuchtung gezeigt. Der flüchtige Spott enthüllte ihm selbst gewaltsam das kaum erst keimende Geheimnis seines Herzens, und ein doppelter Strom widersprechender Empfindungen stürzte sich über seine unbeschützte Knabenseele. Das zarteste Wonnegefühl eines mit herrlichem Schauder geahnten unendlichen Glückes mengte sich mit der Qual und Scham, dies 33 eben noch keusch vor sich selber schweigende Glück mit derbem Spaß an das unerträgliche Tageslicht gezerrt zu sehen. Dieser eine kurze Augenblick durchtränkte ihn bis ins Tiefste seiner jungen Seele mit Trotz und abschließender Herbigkeit; mit verhaltenen Thränen kehrte er sich ab und eilte stumm hinaus. Die Eltern verstanden es beide nicht, seine entblößte und verwundete Seele mit vernünftigen Worten zu besprechen; sie ahnten nicht einmal, einen wie großen Teil seiner vertrauenden Liebe sie an diesem Tage verloren hatten.

»Sie kann nicht bei uns bleiben«, sagte die Mutter noch einmal nachdrücklicher, nachdem ihr Sohn gegangen war. Und sie beschlossen, unter den ehrbarsten und bestbeleumundeten Leuten des Dorfes Umfrage zu halten, wer etwa das Kind auf einige Jahre halten und erziehen wolle, bis es erwachsen sei. Darum ließen sie Inga durch eine Magd herunterholen, redeten ihr gütlich zu und suchten ihr klar zu machen, daß ihr keineswegs etwas Böses geschehe, wenn sie künftig in einem andern rechtschaffenen Hause untergebracht werde.

Inga aber dachte: »Aha, der Erdbeerendieb hat sie nun ganz gegen mich aufgehetzt!« Und laut rief sie: »Ja wohl, ich weiß es, daß mein Vater ein Fischer war, und ich will bei einem Fischer wohnen so lange, 34 bis ich heiraten kann. Aber trauen lasse ich mich von einem andern Prediger!«

Der Geistliche konnte nicht umhin zu lachen, dann verwies er ihr milde ihr aufsätziges Benehmen und behielt den jetzt hartnäckig schweigenden Trotzkopf geduldig bei sich, bis die rasch besandten Hausväter und Mütter kamen, mit denen er ihretwillen verhandeln wollte.

Allein sein guter Wille hatte keinen glücklichen Erfolg; die Leute erklärten Einer nach dem Andern fast mit den gleichen Worten, es sei eine eigene Sache mit dieser Inga, sie habe zu vielerlei gelernt bei dem seligen Sörensen und müsse sich daher notwendig mehr dünken als sie, die ungelehrten Fischer und ihre Kinder, und so passe das schon schlecht zusammen: auf der andern Seite aber sei sie nichts, habe nichts und verstehe wahrscheinlich auch nichts, was in ihrer schlichten Wirtschaft von Nutzen sei, und das passe noch schlechter zusammen. Und es sei doch wohl am Richtigsten, daß der eine Prediger ausesse, was der andere eingebrockt.

Mitten in diesen Verhandlungen sprang auf einmal Inga selbst mit strömenden Thränen des Zornes auf und schrie laut und heftig:

»Ich weiß schon, wohin ich gehen soll, ich weiß schon, für wen ich nicht zu gut und nicht zu schlecht bin!«

Und mit den Worten sprang sie ungestüm aus 35 der Thür, streckte draußen auf dem Hofe als einzigen Abschiedsgruß dem jungen Halvor die Zunge heraus und lief spornstreichs durch das Dorf die Höhe hinauf zu der einsamen Hütte der alten Karin Sverdrup.

Damit hatte sie in der That die unangenehme Frage rasch zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt. Karin ließ sich gern bereit finden, die jugendliche Stütze zu sich zu nehmen, und die Pfarrersleute waren doppelt froh, das bedenkliche Geschöpf in so erfreulicher Ferne von ihrem Sohne zu wissen. Sie ahnten nicht, mit wie leidenschaftlicher Gewalt er sein heimlich vereinsamtes Herz dennoch in die phantastische Liebe zu dem fremden schönen Wesen flüchtete, das ihm, je seltener es seine Augen sahen, nur desto mehr in dem träumerischen Zauberlicht vor der Seele schwebte, wie er es damals zuerst in der duftigen Waldeinsamkeit erblickt hatte.

* * *

So lebte Inga etliche Jahre lang stille Tage allein mit der alten Person aus dem Berge, dem geselligen Leben und Treiben scheu entrückt; sie kümmerte sich nicht um die Leute drunten, und die Leute kümmerten sich noch weniger um sie. Sie vermied es fast ängstlich, das Dorf öfter als irgend nötig war zu betreten, wenn auch ihr kindischer Groll gegen das Pfarrhaus sich allmählich zu einer mehr gleichgültigen 36 Abneigung milderte. Halvor erblickte sie selten, wenn er von der Schule in die Ferien kam; sie streckte ihm jetzt nicht mehr die Zunge heraus, doch wenn er sich schüchtern einmal ihr zu nähern versuchte, gab sie kurze Antwort und machte sich so hastig los, daß er nicht weiter an sie zu dringen wagte. Aber seine in leichten Lüften schwebende Leidenschaft ward durch solche Begegnungen dennoch immer von Neuem genährt und gestärkt und begleitete ihn als ein unvergeßlicher Kindertraum in die Jünglingsjahre hinein.

Nach diesen Jahren aber geschah es, daß Inga's Menschenscheu ein ganz plötzliches Ende nahm und unmittelbar fast in das grade Gegenteil umschlug. Das begab sich in einer Jahreszeit, da die endlos langen Nächte des hohen Nordens endlich wieder von den schnell wachsenden lichten Tagesstunden überflügelt wurden. Ein schwankendes Wetter mit übermütigem Wechsel von Regen, Sturm und Sonnenschein verriet die heimliche Nähe des Frühlings, in den Thälern war das Eis hinweggeschmolzen, und selbst auf den Bergen begannen dicht neben breiten Schneefeldern lustig und zuversichtlich die ersten Blumen hervorzusprießen.

In diesen Tagen war das frisch erblühte Mädchen einmal gegen den Abend tiefer am Berge hinabgestiegen als sie sonst pflegte und hatte lustwandelnd ihr blondes Haar mit Blumen geschmückt. Da vernahm sie vom 37 Dorfe her ungewohnte Klänge, munter und herzerregend, die nichts Geringeres waren als eine kräftig schmetternde Tanzmusik, aus dem wohlbekannten Hause des Landhändlers erschallend. Bei diesen Tönen geschah es ihr zum erstenmal, daß sie ihre Einsamkeit mit schneidender Wehmut wirklich als eine rechte Verbannung und Einöde empfand, und sie konnte sich nicht helfen, sie mußte lauschen und wieder lauschen und mußte näher und näher gehen und war mitten im Dorfe, ehe sie sichs versah; und auf einmal stand sie im Tanzsaal selber und blickte mit schüchternem Entzücken in das herrliche Gewühl von lauter jungen, lustigen, tanzenden Menschenkindern.

Das plötzliche Auftauchen einer so neuen Erscheinung erregte einiges Aufsehen, und Inga fühlte bald mit einem leisen Schauder, wie sie von allen Blicken einer eingehenden und sehr ungescheuten Musterung unterzogen wurde. Voll Schreck und Verwirrung zog sie sich tief in eine Ecke zurück und setzte sich neben ihren alten Bekannten, den Landhändler, der die Fiedel strich; der nickte ihr freundschaftlich zu und ermunterte sie zum Tanzen; im Uebrigen hatte er keine Zeit, sich viel um sie zu bekümmern.

Leider kam nur Niemand sie zum Tanz zu holen; Inga nämlich, welche sich ihre plötzliche Verlegenheit durchaus nicht anmerken lassen mochte, setzte eine so 38 vornehme und fast hochmütige Miene auf, daß die guten Bauernjungen ihre natürliche Blödigkeit nicht überwanden, zumal das seltsame Mädchen vom Berge längst in etwas abenteuerlichem Ansehn bei ihnen stand und für etwas Apartes galt, das nicht recht vertraulich zu ihnen gehörte. Darum kam Keiner über ein verstohlen bewunderndes Anstarren ihrer frischen Schönheit hinaus. Die andern Mädchen aber und deren Mütter hatten gewiß keine Veranlassung, einer so überlegenen Erscheinung den Weg zu künftigen Triumphen über sie selbst freiwillig zu ebnen. Vielmehr stellten dieselben zum Ueberfluß in aller Stille den alten Spruch der Leute von Mördedal über die Waise als eine Warnungstafel vor deren äußere Reize: »Sie ist nichts, hat nichts und kann nichts.«

Einer freilich war doch, der es versuchte sie anzureden, aber der that es zur unglücklichen Stunde, als sie selbst noch von der ersten Befangenheit des weltungewohnten Kindes sich nicht befreit hatte. Es war Halvor Riddervold, der sich einmal wieder dem heimischen Dorfe als ein ansehnlicher Student von Christiania präsentierte. Inga schüttelte leise den Kopf und wandte ihr Gesicht errötend von ihm ab: wie konnte sie mit dem grade den Tanz beginnen, der von je in so unerfreulichen Beziehungen zu ihr gestanden! Und 39 in dem Lärm ringsum und der eignen Erregung vergaß sie schnell den unbedeutenden Zwischenfall.

Halvor jedoch vergaß ihn nicht, er ließ die Augen nicht von ihrer reizenden Gestalt und stand fortan thatlos abseits, bald mit trüben, bald mit froh aufleuchtenden Blicken; er konnte nicht wissen, was ihr Erröten bedeutete.

Während der ersten halben Stunde war es Inga ganz zufrieden, so allein und immer weniger beachtet zu sitzen; sie lernte in der Stille allmählich ihre Verwirrung zu bemeistern. Sobald sie sich aber zu ruhiger Besinnung und Umschau gesammelt hatte, begann ihr doch eigen ums Herz zu werden; ihr weibliches Gefühl erkannte schnell, einer wie schmählichen Vernachlässigung sie hier ausgesetzt war. Noch harrte sie eine gute Weile in Geduld auf Erlösung, heißer und heißer regte sich die Lust zu tanzen, zu lachen, zu jubeln, ihr war, als sehe sie in dem fröhlichen Treiben hier alle Jugendlust und alle Glückseligkeit der Welt vor sich ausgebreitet: wie strahlten die Augen aller jener Glücklichen, wie glühten ihre Wangen, wie lachten die Lippen von dauernder Freude!

Mit steigender Bitterkeit empfand sie es, daß sie, sie allein ausgeschlossen war von solcher Herrlichkeit, die doch so dicht, so greifbar nahe vor ihren sehnenden Augen vorüberwogte. Das Herz pochte ihr gewaltsam 40 in der Brust von süßer Begierde und heimlichem Leid, aber noch hielt sie tapfer und stolz auf ihrem verlorenen Posten aus. Der alte Trotz wider Menschen und Schicksal schwoll in ihrem gekränkten Herzen auf, sie vermochte es, kühl und verächtlich in das Drängen und Toben zu lächeln und endlich mit ruhiger Würde ihren Heimweg anzutreten, als wäre sie nur gekommen, wie eine Königin einmal dem Treiben ihres Volkes auf ein Stündlein in einiger Nähe zuzuschauen.

Allein sobald sie an den letzten Häusern vorübergegangen war, und sich sicher glaubte vor den Augen des Spottes, da brach der Strom ihrer Thränen unaufhaltsam los, und sie empfand auf einmal mit trostlosem Jammer alle jene Verschmähung und Verstoßenheit, die sie jahrelang mit dumpfer Gleichgültigkeit als ein natürliches Geschick ertragen hatte. Jetzt wollte ihr Herz schier zerspringen vor der brennenden Sehnsucht nach Leben, Lust und Ansehn unter den andern Menschen. Doch war es ihr nicht möglich, ihre alte Lebensgenossin in die neuen Schmerzen einzuweihen, sondern sie bewahrte dieselben, nachdem sie sich satt geweint, ungesellig in verschwiegener Brust.

Es war ihr aber für den andern Morgen eine sonderbare und gewiß erfreuliche Ueberraschung vorbehalten: sie fand aus der Holzbank unter ihrem Fenster einen frischgepflückten Strauß von duftigen Bergblumen.

41 Das war mehr als neu und wunderbar, das war ein Rätsel, für welches eine Lösung nach den gestrigen Vorgängen wahrlich nicht leicht zu finden war. Daß der Strauß vom Himmel gefallen sei, war nicht grade anzunehmen, aber daß ein lebender Mensch ihn gebracht haben sollte, war doch eigentlich nicht viel wahrscheinlicher. Die alte Karin Sverdrup hielt sich alle Tage ihres Lebens wunderfern von einer so ausschweifenden Romantik, die pflückte wohl Ziegenfutter und gelegentlich etwa ein heilsames Kräutchen, aber wahrhaftig keine nutzlosen Blumen. Sonst schien der Landhändler ihr einziger Freund: doch hätte der alte Mann sich das Vergnügen, sie so zart zu beschenken, ohne Zweifel bequemer gemacht als bei Nacht und Nebel den hohen Berg hinaufzuschleichen. Eines noch sagte ihr der angeborne jungfräuliche Scharfsinn mit großer Bestimmtheit: daß es kein weibliches Wesen sei, dem sie diese freundliche Aufmerksamkeit verdankte. Und so blieb denn am Ende wirklich nichts Anderes übrig, als die männliche Jugend ihrer Bekanntschaft vor den musternden Gedanken aufmarschieren zu lassen. Aber leider, sie fand auch da Keinen, dem sie die gute That eher als jedem Andern hätte zutrauen können; sie war ja gestern von Allen gleichmäßig schlecht behandelt worden. Ganz flüchtig tauchte auch Halvor in ihren Gedanken auf; 42 doch sie mußte alsbald selber lachen, daß ihr der natürliche Feind sogar in diesem Augenblicke eingefallen war.

Doch ob nun gleich ihre stillen Forschungen solcherart völlig resultatlos verliefen, so blieb doch die Eine tröstliche Gewißheit bestehen, daß der Strauß von irgend Jemand für sie bestimmt war und daß ihr aus seinen zarten Blumen gleichsam eine freundlich teilnehmende Menschenseele entgegenduftete. Und das war unendlich viel für ihr dürstendes Herz; das so lange zusammengepreßt gewesen, jetzt brach es auf wie eine Knospe und begann sogleich in frommer Schwärmerei den edlen Unbekannten mit den reichsten Kränzen jugendlicher Dankbarkeit und Rührung zu schmücken. Je länger sie sich mit ihm beschäftigte, desto voller hingegeben blühte ihm ihre junge Seele entgegen, desto deutlicher aber auch und bestimmter malte ihre kecke Phantasie sich den Liebenswerten mit den leuchtendsten Farben aus, so daß es nicht gar lange währte, bis sein im seligen Träumen gestaltetes Bild an Hoheit, Schönheit und Herzensgüte die Grenzen fast aller menschlichen Möglichkeit, jedenfalls ihrer eigenen geringen Lebenserfahrung weit überschritten hatte.

Alle diese Gedanken aber gaben ihr reichliche Beschäftigung für eine ganze Woche; und als der Sonntag wieder gekommen war, hatte sich ihr Herz so fest in den schönen Traum der Hoffnung hineingesponnen, 43 daß sie trotz der früheren Demütigung sich doch wieder übermächtig gedrängt fühlte, den Tanzsaal im Hause des Landhändlers aufzusuchen; wußte sie doch, daß ein großes Herz heimlich für sie schlug, und hoffte sie mit freudiger Ahnung, daß der Treue diesmal kommen und sich völlig offenbaren mußte.

So ging sie denn hin, setzte sich wie das vorige Mal an ihren Platz in der stillen Ecke und harrte mit hochklopfendem Herzen auf das Nahen des Glückes.

Allein nichts Absonderliches geschah; keiner der Burschen unternahm es, sie zum Tanze zu holen: auch befand sich wahrhaftig nicht ein Einziger darunter, der sich ihrem Ideale auch nur annähernd hätte vergleichen dürfen. Bänger und bänger ward ihr zu Mut, immer tiefer und schmerzlicher sank ihre beglückende Zuversicht: und plötzlich durchzuckte ein entsetzlicher Gedanke mit eisigem Schrecken ihre fiebernde Stirn: mit dem Strauß war sie offenbar nur genarrt worden, irgend ein schändlicher Bube hatte ihn hinaufgetragen, um sich hinterher mit den Mädchen über ihre leicht betrogene Eitelkeit lustig zu machen! Ja, ja, das war es unzweifelhaft! Und darum also blickten die lustigen Tänzerinnen manchmal mit so spöttischen und hochmütigen Blicken zu ihr herüber!

Da glaubte die Ärmste vergehen zu müssen vor Scham und Leid, das war zu viel des Bittern für ein 44 heimatloses Herz. Aber Inga dachte an ihren alten Pfleger Sörensen und seine kraftvollen Lehren, und sie bezwang sich mehrere Stunden lang mit aller Gewalt, daß Niemand die Niederlage ihres Gefühles sehen sollte; und dann war sie wirklich fast gleichgültig geworden und konnte ruhig aus dem Zimmer gehen, als wenn nichts geschehen wäre, so tapfer hatte sie sich durchgekämpft.

Als sie ins Freie trat, sah sie, daß auch in der Natur ein Kampf geschehen war: der Winter hatte dem andrängenden Frühling noch ein glückliches Rückzugstreffen geliefert und eine breite Schneedecke als Siegeszeichen über das weite Schlachtfeld gezogen. Doch schon stand der Mond wieder am halb geklärten Himmel und beleuchtete dem schönen Mädchen seinen einsamen Weg. Rasch und fest schritt es aufwärts über den weichen Schnee; hart am Wege auf halber Höhe ihres Berges stand eine einzelne Birke: sie war noch im vorigen Jahre ein schöner Schmuck der Landschaft gewesen, aber im Sommer hatte sie der Blitz getroffen und den Stamm gespalten, und ihre Äste waren verdorrt, nur einige kleine Zweige versuchten auch in diesem Frühling noch zu grünen, und auf ihren jungen Blättchen lag jetzt der frische Schnee. Inga stand eine Weile still und betrachtete ernsthaft den wohlbekannten Baum. Langsam nahm sie die 45 Blumen aus ihrem Haar, mit denen sie sich für den unbekannten Freund geschmückt hatte und streute sie um sich in den Schnee. Sie lächelte bitter zu ihrem Thun; sie wußte, sie brauchte sich fortan für Niemand mehr zu schmücken, sie war ja so sicher, daß sie überhaupt nicht wieder unter die Menschen gehen würde.

Auf einmal stand ein Mensch neben ihr, so plötzlich, daß sie heftig erschrak: und mit dem äußersten Staunen erkannte sie Halvor Riddervold, den Sohn des Predigers, den Feind ihrer Kindheit. Aber ganz grenzenlos ward ihre Ueberraschung, als derselbe mit noch fliegendem Atem sehr lebhaft und sehr aufgeregt zu ihr zu reden begann und seine Rede sich als eine leidenschaftlich herausflutende förmliche und feierliche Liebeserklärung erwies.

Inga war so vollständig betäubt und benommen, daß sie gar keinen vernünftigen Gedanken dabei fassen konnte, sondern ihn sprachlos mit großen Augen anstarrte und immer nur bei sich dachte: »Ja, wie ist so etwas in aller Welt nur möglich!« Und da sie also hartnäckig schwieg, so stockten auch ihm allmählich die Worte, und Beide standen sich eine gute Zeit in stummem Schrecken gegenüber. Doch zuletzt ertrug der Jüngling den Zweifel nicht länger, und mit lauter, angstvoller Stimme stieß er hervor:

»Und wenn Du mich nicht willst, mich nicht lieben 46 kannst, so sage nur Nein, so sprich nur wenigstens, und sage nur Nein, so weiß ich doch, wie es mit mir steht! Nur nicht dies dumpfe, fürchterliche Schweigen!«

Allein sie schwieg noch immer.

»Sage nur Nein, ich bitte Dich um Gotteswillen! Ich weiß ja nun doch schon, daß Du mich nicht lieben kannst!« drängte er nochmals. Da merkte sie endlich, daß sie doch ein Wörtchen reden mußte. Und was sollte sie sagen? Er hatte gewiß ganz Recht, daß sie ihn nicht liebte; was sollte sie also andres sagen als dieses Nein, das er von ihr verlangte? Darum sagte sie Nein und ging still ihres Weges von dannen.

Weit war sie aber noch nicht gekommen, als urplötzlich der vieldurchdachte rätselhafte Blumenstrauß wieder in ihrer Erinnerung auftauchte. Ja, da war das Rätsel, und da war es gelöst! Es war nun klar wie Sommersonnenschein, Halvor war der liebenswürdige Geber gewesen! Ganz erschrocken stand sie still und drehte sich hastig herum. Da sah sie Halvor noch an der Birke stehen, ihn selbst wie vom Blitz getroffen. Der Schein des Mondes über dem Schnee war so hell, daß sie fast noch seine Züge unterscheiden konnte. Noch sprechender aber war die Haltung seines Körpers: die kräftigen Glieder lehnten schlaff und wie aufgelöst an dem morschen Stamm, die Arme hingen wie die eines Toten herab, und sein Haupt war schwer auf 47 die Brust gesunken, der Hut lag an der Erde und die Haare legten sich wirr um seine Schläfe. Einen Augenblick dachte sie entsetzt beinahe, er sei tot, doch bald merkte sie, daß er lebte und zitterte oder zuckte: das erkannte sie an dem Baum, den er leise mit erschütterte; und von den dürren Zweigen schwebte wehend in gleichmäßigem Fall ein feiner Regen von Schneeflocken auf sein Haar und seine Schultern nieder.

Inga erbebte bis ins Herz, und ihre Kniee wankten. Der entblätterte Baum da unten hatte Mitleid mit dem Schicksalsgenossen und streute seine weichen Flocken über ihn, als wollte er ihm damit den Verlust verhüllen, gleichwie er das kahle Braun der eigenen Zweige in dem silbernen Schmuck verbarg. So kam es der Tochter des Berges vor – und was hatte sie gethan? Das erste und einzige Herz, das ihr liebevoll nahte – hatte sie kalt und kurz von sich gestoßen, dasselbe Herz, dem noch vor wenigen Stunden ihre Seele ohne es zu kennen in glühendem Dank entgegenschlug! Sie war über die Maßen betroffen und erschüttert, jenes flüchtig gedankenlose Nein brannte sie schmerzlich fast als ein schauerndes Gefühl von schwerer Schuld. Am liebsten wäre sie nun gleich umgekehrt, dem gekränkten Manne das schwere Unrecht abzubitten, aber sie hatte den Mut nicht, sie vermochte nicht einen Schritt mehr vorwärts oder rückwärts zu thun, Thränen verdunkelten 48 sogar ihre ängstlich forschenden Augen. Nur wie durch einen zitternden Flor sah sie, daß Halvor sich endlich losriß von dem Baum und mit stürmischen Schritten den Berg hinabeilte. Die stille Birke ragte wieder ganz einsam aus dem öden Schneefelde; ihre Zweige waren nun alle von Schnee entblößt und hingen schwarz und wirr um den zerrissenen Stamm.

Inga empfand einen tiefen Schauder vor ihrer Einsamkeit mit dem gespenstigen Baum, nur ein dunkles Gefühl des Bangens oder der Reue war es, das sie bewegte; es kam ihr vor, als habe sie ein großes Unheil heraufbeschworen, das nun erst unaufhaltsam seinen Gang nehmen müßte, und hastig raffte sie sich empor, ihren Weg zu vollenden. Noch einen Blick warf sie nach der Unglücksstätte zurück: da sah sie Halvors Hut noch unten im Schnee liegen; der weibliche Ordnungssinn regte sich mitten in aller Verstörtheit, sie stieg wieder hinab und nahm ihn mit sich; im Gehen reinigte und glättete sie ihn mit aller Sorgfalt, und nun hatte sie auf einmal die wunderliche Empfindung, daß sie damit einen Teil ihres Unrechts schon wieder gesühnt habe. Der Hut erschien ihr wie ein kleiner Schatz, den sie mitten im Schiffbruch geborgen; und doch wußte sie keineswegs, was sie etwa mit demselben anfangen sollte. Kaum mit halber Klarheit sagte sie sich, daß sie da gleichsam ein Pfand 49 in Händen hielt, vermittelst dessen sich die abgebrochenen Beziehungen vielleicht noch wieder anknüpfen ließen. Und ein leises Wohlwollen regte sich zugleich gegen den Mann, mit dem sie zur Zeit einen Besitz gemeinsam hatte.

Mit dieser einzigen Beute des so hoffnungsvoll ersehnten Abends kehrte sie nach Hause zurück. Sie hatte keineswegs die Absicht, ihrer alten Hausgenossin das schwere Geheimniß ihres Herzens mitzuteilen, denn so sehr sie mit jener auch in gutem Frieden lebte, so war doch ihr Vertrauen in solchen Dingen nicht groß genug, und sie fürchtete ein wenig ihre scharfen und klugen Ratschläge. Doch wider Verhoffen saß Karin noch am Spinnrade, und Inga vergaß in ihrer Aufregung, daß sie den Hut in der Hand trug, den die raschen Augen der Alten sogleich entdeckten. Nun war kein anderer Ausweg mehr, sie mußte das vorgefallene Schreckniß erzählen.

»Da hast Du gewißlich eine gewaltige Dummheit gemacht,« gab Karin ohne Weiteres ihr Urteil ab, »mit eigenen Händen hast Du Thörin Dein Glück von Dir gestoßen. Denke, welch Leben könntest Du führen als die Frau eines Predigers hier oder anderswo, in allem Behagen, mit schönen Kleidern und hundert der schönsten Sachen – und wie lebst Du hier in Kümmerniß und Elend, kaum daß wir grade das tägliche 50 Brot mit hundert Mühen erschwingen. Gefällt es Dir wirklich so herrlich in dieser Einöde, daß Du Dein Leben lang nichts Besseres wünschtest? Oder wird es Dich jemals glücklich machen, einen armseligen Fischer zu heiraten und mit ihm gedrückte Tage hinzuschleppen, wenn Dich ja noch einer um Deines glatten Gesichtes willen nehmen sollte? Kannst Du wirklich ganz vergessen, daß Du es einmal besser gehabt hast im Leben? Kind, Kind, Du hast zu viel gelernt für die Fischer und Bauern, Du bist ihnen zu klug, Du kannst nimmer glücklich mit ihnen leben: und nun kommt Einer, mit dem Du es könntest, zu dem Du passest, und Du weisest ihn von Dir! Warst Du ganz von Sinnen in dem Augenblick? Gott steh uns bei, es wird kein zweiter Prediger kommen, um die Hand der ärmsten Dirne im Dorf zu werben!«

Inga rang mit ihren Thränen, und ängstlich stotterte sie zu ihrer Entschuldigung:

»Es überraschte mich so . . . Er war mir immer sonst feindlich gewesen vom ersten Tage an, da ich ihn gesehen . . .«

»Was?« rief Karin erstaunt, »Der war Dir feindlich? Der? Der Einzige ist er gewesen, der damals schon für Dich gesprochen hat, der Einzige, der Dich im Pfarrhof hat behalten wollen. Und so heftig hat er das verlangt, daß er mit seinen eigenen Eltern sich 51 erzürnt hat, und Einige sagen, der alte Unfriede zwischen ihnen sei bis heute noch nicht recht ausgeglichen, weil der junge Mensch eine andere Art Glauben sich angenommen hat wie sein Vater, denn er hat gemeint, der hätte den rechten Glauben nicht, wer ein unschuldiges Kind so aus seinem gewohnten Hause und Leben jagen könnte.«

Als Inga diese neuen Dinge von Halvor vernahm, wurde sie ganz und gar überwältigt von Schrecken über ihren Undank; im Geiste sah sie wieder seine schmerzgebeugte Gestalt an der Birke stehen, ein unsägliches Mitleid überkam sie zugleich mit verdoppelter Reue und Angst, und trostlos warf sie sich auf ihr Bett, um ungestört sich auszuweinen.

Und trostlos erwachte sie am andern Morgen nach unruhigem Schlaf und eilte in aller Frühe in den Wald hinaus, wie sie gewohnt war, wenn ihr eine Sorge auf dem Herzen lag. Es hatte aber inzwischen der Winter seine letzte Nachhut schon wieder an sich gezogen, der verspätete Schnee war verschwunden, und zum erstenmal in diesem Jahre brach der Frühling mit voller Gewalt sich Bahn in der zähen nordischen Bergwelt. Ein lauer Regen hatte die Matten und Wälder durchtränkt, jetzt lösten sich die letzten Wolken weit am Himmel, und bald glühte die Sonne mächtig aus wolkenlosem Blau über das feuchte Erdreich, daß 52 ein erquickender Dampf emporstieg und weithin mit zartem Duft über dem erfrischten Boden schwebte. Es war, als ob man mit Augen sehen könnte, wie von Stunde zu Stunde die sehnsüchtigen Knospen der Bäume mehr sich dehnten und wuchsen und heimlich sich öffneten, und wie die Gräser immer grüner und immer lieblicher im Sonnenscheine erglänzten. Und so etwa Einer erst nach der Mittagszeit die Fensterladen aufgeschlagen und hinausgeschaut hätte, als die Sonne schon viele, viele Stunden lang ihre fröhliche Arbeit gethan hatte, dem würde fast wie eines Märchens Wunder die so hastig aufgegrünte Frühlingsherrlichkeit erschienen sein.

Als nun Inga all dies drängende Quellen und Schwellen um sich her erblickte, da begann auch ihr bedrücktes Herz in leiser Hoffnung wieder aufzuthauen. Tief unten im Thale sah sie das gewohnte Kirchlein und den Pfarrhof daneben, sie gedachte ihrer Kindheit und wie sie einst als Herrenkind darin geschaltet, und ganz heimlich spann sie sich in einen freundlichen Traum hinein, daß sie doch vielleicht noch einmal dort als Herrin wohnen könnte, daß sie das Glück wieder umhegte und Wohlstand, Anmut des Lebens und Liebe; und als sie so träumte, erschien ihr auch Halvors Bild nicht mehr fremd und feindlich wie sonst, sie konnte in ihrem Herzen Vertrauen zu ihm fassen, stille 53 Freundschaft und Wohlwollen löste sich erquickend aus dem herben Mitleid und der Reue: ja, wenn er jetzt käme und seine flehende Frage wiederholte, sie hätte das harte Nein nimmer wieder über ihre Lippen gebracht.

Aber ein neuer Schreck durchschauerte sie bei diesem Gedanken: sie wußte plötzlich ganz bestimmt wie durch eine Offenbarung, daß er nicht wiederkommen würde, nachdem er einmal abgewiesen war; ein Anderer vielleicht, dieser niemals. Woher sie's wußte? War es die Entschlossenheit seines Schmerzes, die sie gestern gesehen, die jähe Verzweiflung, die es ihr sagte, oder war es nur das Bewußtsein, wie sie selbst in solchem Falle handeln würde? Sie grübelte nicht über die Quelle ihrer Erkenntniß; aber sie wußte es, er trug den gleichen grillenhaften Trotz in seiner Brust wie sie selber.

In erneutem Kummer senkte sie das Haupt: aber seltsam, je ferner auf einmal die Erfüllung jenes Traumes gerückt schien, desto reizender ward derselbe ihrem verlangenden Herzen, und als sie ihn noch wenige Tage im Stillen erpflegt hatte, war das alte überschwengliche Ideal ihrer wolkenwandelnden Phantasie gar bedeutsam dem Irdischen genähert und war nahe daran, mit Halvor Riddervolds wirklicher Gestalt und Zügen völlig in Eins zu fließen.

54 Da geschah es nach einigen Tagen, daß sie am Bergeshang hinwandelnd zwischen den Büschen und Felsen einen schmalen Durchblick auf den Fjord gewann und auf dem stillen Wasser einen Mann in einem kleinen Boot erblickte: und in dem Manne glaubte sie Halvor Riddervold zu erkennen. Diese Vermutung weckte einen kühnen Gedanken in ihr, und schnell ward er zur That. Sie holte den Hut Halvors aus dem Hause, schmückte ihn eilig mit schönen frischgepflückten Frühlingsblumen und ging mit ungeregelten Schritten bald hastend bald zaudernd den Berg hinab. An der stillen Birke wagte sie nicht die Augen aufzuschlagen, sondern schlich gedrückt an ihr vorüber; und noch scheuer strich sie unten in weitem Bogen um das Dorf herum, bis sie zu dem einsamen Strande gelangte. Sie barg sich daselbst hinter einem Felsblock und harrte wohl eine Stunde lang, bis Halvor endlich sein Boot dem Lande zutrieb. Jetzt war er nahe genug, daß sie deutlich seine Züge unterscheiden konnte, und es war nicht schwer, in dem verdüsterten Antlitz all das Schwere zu lesen, das er in den letzten Tagen durchgekämpft: aber nicht bloß das Leid verschmähter Liebe lag darin, sondern zugleich der schwer gekränkte Stolz des Mannes, und ein verächtlicher Trotz schien seine Lippen zu kräuseln. Er sah aber gut aus in dieser Haltung, und Inga fühlte einen leisen Schauer 55 heimlicher Wonne in ihr Herz wehen; sie begriff nun garnicht mehr, wie sie das Nein hatte aussprechen können.

Als er nun endlich landete, schoß ihr heiß das Blut in die Wangen, sie erzitterte heftig von unerklärlicher Angst, und nur mit aller Mühe vermochte sie sich aufzuraffen und mit tief gesenkten Blicken sich an den Weg zu stellen, wo er vorüber mußte. Als aber Halvor herankam und sie erkannte, kehrte er finster sein Antlitz ab und schritt stolz und schweigend an ihr vorüber, als sähe er sie garnicht oder als wäre sie ein toter Baumstamm. Da entfloh ihr der Mut, sie fand kein einzig Wörtchen ihn anzureden, und die Scham hielt sie in Schrecken gefesselt. Nun ist Alles aus! dachte sie in rascher Verzweiflung.

Da fiel zum Glück ihr Auge auf den Hut, den sie zusammengepreßt in beiden Händen hielt: ja, den mußte sie dennoch abgeben als sein rechtmäßiges Eigentum. Diese klare Notwendigkeit gab ihr im letzten Augenblicke die verlorene Kraft zurück, sie holte Halvor ein, vertrat ihm fast den Weg und fand sogar ein wenig ihre Sprache wieder.

»Hier ist Dein Hut«, stotterte sie erglühend, »Du hattest ihn unter der Birke verloren. Und . . . vergieb mir, was ich gesagt habe . . . ich wußte noch nicht . . . ich meinte es nicht so . . . ich dachte nicht, 56 daß so etwas möglich sei . . . ich habe Dir ein großes Unrecht gethan . . . aber ich liebte Dich auch wirklich noch nicht . . . o wenn Du mir vergeben könntest . . . es ist nun anders geworden . . .«

Hier stockte ihr endlich doch der Atem, und sie schwieg. Einen Augenblick leuchtete Halvors Antlitz strahlend auf, eine mächtige Röte überflog seine Wangen, und in diesem einen Augenblick erschien er dem Mädchen so schön und herrlich, daß selbst ihr altes Ideal dagegen verblaßte; sie schloß wie geblendet die Augen und fühlte sich überwallt von einem Strome heißer Entzückung. Blitzschnell aber verdüsterte wieder ein trotziges Mißtrauen seine Züge, er trat hastig einen Schritt zurück und stieß die bitteren Worte hervor: »Kann man auch heute hassen und morgen lieben? – Gewiß, Du bist ein kluges Mädchen und hast Dir fein und verständig überlegt, daß Du eine arme Waise bist und in meinem Hause vielleicht eine gute Zuflucht finden würdest; darum magst Du jetzt mit mir fürlieb nehmen. Das ist klug und vernünftig gedacht! Ich aber bot Dir ein ganzes Herz und mag kein halbes dagegen empfangen. Leb' wohl, und ich danke Dir für den Hut. Die Blumen daran magst Du zurücknehmen.«

Nach diesen kalten und ruhigen Worten eilte er mit seltsam heftigen Schritten von dannen.

57 Inga stand eine lange Weile und starrte ihm nach, betäubt und wie gelähmt an allen Gliedern vor Entsetzen. Dann trat sie hinter den Felsblock zurück und saß dort still und matt und fand auch keine Thränen für so großen Jammer. Sie meinte ersticken zu müssen vor Scham und Trotz. Daß er ihr das sagen durfte! Und – daß sie ihn nicht Lügen strafen konnte! Dies war das schreckliche Bewußtsein, unter dem ihr Herz zerbrechen wollte. War es denn nicht so? Hatte sie nicht zu allererst von dem Glück und Behagen in seinem Hause geträumt – und dann erst von ihm selber? Und wenn sie ihn selbst nun dennoch von Herzen lieb gewonnen hatte, konnte sie das Andere leugnen, wenn er noch einmal käme und sie aufs Gewissen fragte? Was half es, daß auch ehrliche, überströmende Dankbarkeit und Rührung ihr Herz erregt und überwältigt hatte? Das Andere blieb darum doch bestehen als unübersteigbare Schranke zwischen ihm und ihr, seit er selbst ihren heimlichen Traum in furchtbar deutliche Worte gebannt hatte; die waren nimmer hinwegzutilgen, und darum konnte sie nie sein eigen werden, und wenn er auch zehnmal freiwillig käme, ihr die Kränkung abzubitten. Hier gab es kein Vergessen und Vergeben; das Glück der Liebe war verspielt für alle Zeiten, so dachte sie mit hastiger Verzweiflung.

Da wünschte Inga nichts mehr als zu sterben; 58 sie wollte vergessen und vergessen werden. Vergessen werden? Nein! Regte sich nicht doch in ihr mit leisem Trost der Gedanke, daß er sie zu Grabe begleiten und sicherlich lange noch, lange mit Sehnsucht und Reue ihrer gedenken würde?

Mit Reue? – Nein! Nein! Er verachtet Dich ja, er weiß ja nicht und wird es dann nimmer erfahren, daß Du ihn dennoch, dennoch von ganzem Herzen und aus tiefster Seele geliebt hast!

Dieser Gedanke brachte sie ganz aus der Fassung. Also nicht einmal sterben durfte sie, denn sie würde dahingehen mit seiner Verachtung beladen; und das war schrecklicher als alles Verlieren und Entsagen. Ich muß ihm erst beweisen, daß ich ihn doch geliebt habe! murmelte sie stöhnend. Allein sie fand kein Mittel, wie sie das möglich machen sollte. Und doch kam sie über den Gedanken nicht hinweg; er war wie ein Netz, in welchem all ihr Sinnen und Wünschen gefangen blieb.

Stundenlang blieb sie so in ihr schmerzliches Brüten versunken und wühlte sich immer tiefer in die verwirrten Maschen ihrer Gedanken; sie sah nichts um sich her, nicht einmal, was sie sonst immer sah, den Himmel und das Wetter.

Auf einmal fuhr sie aufgeschreckt empor; sie vernahm einen Schritt, ein Mensch erschien am Strande: 59 es war Halvor. Er kam! Er kehrte zurück! – Doch was half das ihr noch? – Und er kam auch nicht einmal zu ihr.

Vielmehr ging er wieder grade auf sein Boot zu, sprang hinein, sah nach dem Segel und blickte nach alter Gewohnheit prüfend auf den Himmel. Einen Augenblick schien er zu stutzen; die eigentümliche Färbung der Luft und die schwere Wolkenwand im Westen konnte seinen geübten Blicken nicht entgehen. Plötzlich aber hob er die Rechte hoch empor, als forderte er das Wetter selbst zum Zweikampf heraus und trieb das Boot mit scharfem Stoß vom Lande.

In all seinen Schritten und Bewegungen lag eine seltsame Hast und Wildheit; es war leicht zu erkennen, daß eine gewaltige innere Erregung sein ganzes Thun wie ein Krampf durchzuckte und beherrschte. Inga folgte mit steigender Unruhe dem leichten Fahrzeug, wie es schnell und sicher die sanften Wellen des Fjords durchschnitt; sie konnte nicht lange zweifeln, daß er auf die Schären lossteuerte, daß er aufs Meer hinauswollte. Was konnte er dort suchen in diesem Boot und bei diesem deutlich drohenden Wetter? Gewiß nichts Anderes als eben den Kampf mit dem Sturm, um so die eigne Leidenschaft zu dämpfen: Inga konnte das gut verstehen, sie hätte am liebsten das gleiche wilde Mittel ergriffen. Doch als sie ihn nun fast 60 zwischen den Schären verschwinden sah, sprang sie doch empor und that hastig einige Schritte vorwärts, als wollte sie ihn noch zurückhalten von der unbesonnenen Fahrt; schnell aber bebte sie wieder zurück, preßte die Hände an die Stirn und starrte ihm nach ins Weite, bis die letzte Spur seines Segels ihren Augen entrückt war.

Da endlich raffte sie sich auf und eilte nun mit flüchtigem Schritt vom Strande bergaufwärts, aber nicht nach ihrer Hütte zu, sondern in ganz anderer Richtung, hinauf zum Felsen Lyshätta: dort konnte sie die freie Fläche des Meeres nach allen Seiten überschauen.

Als Inga den Gipfel erreichte, sah sie Halvors Segelboot tief unter sich schon auf offenem Wasser langsam ins Weite streben. Die Luft war selbst hier oben dumpf und schwül wie nur im Hochsommer, in der Tiefe mußten vereinzelte Windstöße über das Wasser schauern, man sah es an dem Segel, das sich dann plötzlich zur Seite legte und schneller vorwärts glitt; die Wolkenschicht im Westen schien unbeweglich still zu stehn wie ein festgebanntes Stück der langen nordischen Winternacht. Nichts bewegte sich, die bange Erde hielt gleichsam den Atem an, das noch ruhende Wetter nicht aufzuwecken; nur das einsame Schiffchen zog weiter und weiter, keck und ruhig grade auf die große 61 Wolke zu, als wollte es dem zusammengeduckten Sturm da drüben das Signal zum Aufspringen übermitteln.

Die Sonne schien noch, aber aus einem häßlichen, schleichenden Dunstschleier heraus, der die lange Linie der öden, zerklüfteten Steinküste und der nackten grauen Schären noch trübseliger erscheinen ließ als sonst.

Inga schaute regungslos dem fliehenden Segel nach; nur noch als ein weißes Pünktchen war es ihrem scharfen Auge vor dem Schwarz des Himmels sichtbar.

Auf einmal huschte ein kurzes, zitterndes Kräuseln über die ungeheure Breite der See; dann ward es wieder ruhig wie zuvor. Aber bald kam ein zweiter Windschauer, nur erst dem Auge sichtbar an dem hastigen Aufsprudeln kurzer Wellen. Nun in schnellerer Folge ein dritter und vierter, und jetzt kam plötzlich Bewegung auch in die dunkle Masse der Wolke. Wie von einer unterirdischen Gewalt emporgedrängt hob sie sich mit gleichmäßiger Wucht, näherte sich der schon tief ihr entgegensinkenden Sonne, erreichte, umfaßte und verschlang ihr Licht; und in einem Augenblick trat eine grauende Dämmerung an die Stelle des hellen Tages.

Noch sah Inga, wie das ferne Segel eine rasche Schwenkung machte und offenbar seinen Kurs ostwärts nach dem Lande zurücknahm, dann ward es ihr von dem wachsenden Dunkel verborgen. Bis es die Schären 62 wieder erreichte, mußte längst die Nacht über den gefährlichen Klippen lagern.

Inga schauderte. In langen, gewaltigen Stößen fegte jetzt der Wind an den Felsen entlang, und aus der Tiefe dröhnte ein dumpfes, gleichmäßiges Donnern bis hier oben herauf. Wehe dem, der drunten verlassen mit der brüllenden Brandung um sein Leben ringen mußte!

Inga stand und harrte thatlos, denn sie konnte ja nichts thun als sich selbst vor dem Unwetter schützen, und daran dachte sie nicht. Und es wurde Nacht, tiefe Nacht, noch ehe die Sonne völlig ins Meer gesunken sein konnte; eine einzige schwarze Wolke deckte den Himmel ganz.

Da gedachte sie an die Hülfe, die zur Hand war, sie gedachte an das Notfeuer. Wie ein leuchtender Strahl fiel es in ihr Herz: Jetzt kann ich ihm beweisen, daß ich ihn geliebt habe! Und eilig schritt sie zur That.

An der Stirn des Felsens, ein wenig unterhalb seiner höchsten Spitze, war die Feuerstätte, eine fast ebene Fläche von mäßigem Umfang, durch überhangende Felsen etwas vor dem Regen geschützt. Ein mächtiger Holzstoß stand dort beständig geschichtet zu augenblicklichem Gebrauch bei plötzlicher Wetternot, und Feuerzeug mit allem Zubehör lag in einer künstlich 63 ausgearbeiteten Steinnische bereit. So konnte das Mädchen leicht den Brand entzünden. Rasch sprühte das dürre Reisig auf, die Glut griff um sich vom Winde gefacht und quoll von unten flackernd in die Höhe; hell und siegend stieg die rote Flamme in die Nacht empor.

Wie schön war die brausende Glut mitten in dem feindseligen Dunkel, wie feierlich ihr machtvolles Lodern! Inga stand und schaute mit freudigen Blicken hinein; über ihr toste der Donner, schwere Regentropfen peitschten ihre Stirn und Wange, der Sturm schleuderte ihre langen Flechten wild und höhnisch zur Seite und zerrte an den flatternden Kleidern, aber sie achtete das alles nicht, sondern schürte ruhig ihr Feuer und freute sich seines herrlichen Leuchtens. Es leuchtete ja für ihn, dem sie ihre Liebe zeigen mußte.

Da kam ihr ein seltsamer Gedanke: Wie, wenn nun irgend ein anderer Mensch in Todesnot auf dem Wasser wäre, würdest Du für den, für den allerfremdesten, nicht eben dasselbe thun, auch ihn retten, sobald es in Deiner Macht läge? Das heißt noch keine Liebe zeigen, das ist noch nichts als Menschenpflicht!

Und weiter dachte sie: Wenn jetzt Halvor im Hause und im Dorfe vermißt wird und Andere kommen, das Notfeuer anzuzünden, was bist Du dann? Du würdest ja fliehen und Dich verbergen, und Niemand wüßte, wer es gewesen, der zuerst am Platze war . . .

64 Eine namenlose Angst ergriff sie über solchem Grübeln, und ihre Begriffe verwirrten sich. Immer enger schloß sich ihr Denken in den festen, quälenden Ring hinein: Du mußt ihm dennoch untrüglich beweisen, daß Du ihn geliebt hast, hier, jetzt, zu dieser Stunde, die Gelegenheit kommt nie wieder; Du kannst ihm heut ein furchtbar redendes Zeugniß von Deiner Liebe geben . . . Du kannst es, Du mußt es . . . es giebt keinen andern Weg für Dich . . .

Sie sah im Geist ihren toten Vater, wie er auch an dieser Stelle stand, und wie der Blitzstrahl niederfuhr und das Feuer zerriß und die Brände den Fels hinabsprengte bis in die Tiefe . . . und der Mann auf dem Meere ward doch gerettet!

Und wenn jetzt wieder ein Blitz fiele und vollbrächte dasselbe? . . . Und wenn das Feuer in die Tiefe stürzte, wer wüßte es anders, als daß der Blitz es getroffen wie damals . . .?

Und wieder sah sie im Geist den kühnen Ritter, der einst den Felsen hinangeklommen, um der Königstochter die Kraft seiner Liebe zu zeigen: sein Beispiel war es, das ihr den wilden Gedanken in die Brust gesenkt.

Inga stöhnte laut auf und sank in die Kniee. Ja, sie wußte, es ging um Leben oder Sterben, nein, es ging dem Tode entgegen, wenn nicht ein Wunder 65 geschah – aber das wollte sie ja, sterben, nur sterben und mit dem Tode ihre Liebe besiegeln. Wenn man ihre Leiche dort unten fand, dann wußte er ja, daß sie für seine Rettung sich geopfert; und weiter verlangte sie nichts mehr.

Und wenn er selbst mit zu Grunde ginge? Nur einen einzigen Augenblick dämmerte ihr leise das Bewußtsein eines frevelhaften Spiels auch mit seinem Leben, rasch ward der warnende Gedanke verschlungen von der aufgewühlten Leidenschaft; hastig sprang sie empor und jauchzte ihren grausigen Entschluß laut in die wilde Sturmnacht hinaus: »Ja, ja, so will ich ihm zeigen, wie ich ihn liebte!«

Sie ergriff die mächtige Schürstange mit fiebernder Hand und bohrte sie gewaltsam in das untere Gefüge des Holzstoßes und riß und rüttelte daran, so stark sie vermochte. Da zitterte die hohe Flamme unsicher auf, sie zuckte, wankte, sie griff noch einmal wild flackernd in die Höhe wie ein zu Tode getroffener Mensch, und dann brach sie zusammen, und zur Seite stürzend stoben die zerrissenen Brände wie ein feuriger Katarakt, von tausend sprühenden Funken umwirbelt und hastig im Bogen über einander geschleudert den Abhang hinab in die finstere Tiefe.

Inga sah es mit schauderndem Entzücken; nun war es geschehen, nun gab es keine Wahl mehr, sie 66 mußte selber die riesige Felswand hinab, den brennenden Scheiten nach, die sie voraufgesendet. Aus kleinem Kienholz band sie sich eine Fackel, die gefährliche Bahn zu beleuchten; und dann stieg sie abwärts auf Pfaden, die sonst kein menschlicher Fuß betrat, tastend von Stein zu Stein, von Riß zu Riß. Lockerer fiel jetzt der Regen, nur einzelne scharfe, prickelnde Tropfen schlugen ihr Gesicht und ihre Hände, die bald von den reißenden Felskanten bluteten. Steine lösten sich unter ihren Füßen, rollten schurrend und prasselnd abwärts und verschwanden nach wenigen Sekunden lautlos im leeren Abgrund. Hier und dort sah sie seitwärts einen ihrer Brände im Geklüfte hängen und rotglimmend durch die dürren Sträucher funkeln. Einige Seevögel flogen vor ihr wie gestaltlos schwirrende Schatten mit greulichem Kreischen auf und flatterten zornig um ihre zum erstenmal gestörte Brutstätte. Inga mußte zuweilen die Augen schließen, um nicht vom lähmenden Schauer übermannt und hinabgerissen zu werden in die lauernde Tiefe.

Endlich, endlich, nach langem, qualvollem Steigen kam es näher, das Brüllen und Zischen der weißen Flut: der ungeheure Fels schien zu erzittern von der Riesenwucht der rastlos herangewälzten Nordseewogen. Doch ihnen stieg Inga gefaßten Mutes entgegen und vollendete ihren grausamen Weg; ein letzter, herzhafter 67 Sprung, und aufathmend stand sie auf der sichern und ebenen Steinplatte dicht über dem Wasser. In großer Eile trug sie nun die weitgesprengten Trümmer des großen Holzstoßes zusammen, häufte geschickt die halbverkohlten Scheite übereinander und legte ihre noch brennende Fackel daran. Leise begann es zu knistern und zu sprühen, ängstliche Funken zitterten umher, langsam fraß sich die neue Glut an dem feuchtgewordenen Holz empor, aber sie leckte und wuchs unablässig, immer stiller wurde das widrige Zischen, immer dünner der brodelnde Qualm, höher und höher schoß die reine Flamme und goß ihr loderndes Licht weithin über die langen weißen Kämme der andonnernden Wogenmassen.

Inga stand an den Fels gelehnt und hütete ihres Brandes; kühne, begehrliche Flämmchen züngelten seitwärts empor bis fast an die hangenden Flechten und die heiß bestrahlte Wange des schönen Nordlandskindes; die sehnsüchtigen Augen drangen unbeirrt vorwärts über die Flut und spähten sorgend hinaus in die von fernen Blitzen zerrissene Finsterniß. Und die noch heimlich blutende Hand hielt die kleine, fast verglimmende Fackel hoch über das aufgerichtete Haupt empor, als könnte das Fünkchen Licht noch etwas beitragen zu der Leuchtkraft des hoffnungschweren Feuers.

Um den Rand des breiten Steines, auf dem sie stand, wühlten die mächtigen Schaumwellen; klatschend 68 schlugen sie an die feste Wurzel des Felsens, und jäh abprellend reckten sie sich blitzschnell empor zu furchtbarer Höhe, gleich wüsten Nebelgestalten von allen Seiten höhnend und drohend, bis sie zerstäubten und zerschmettert wurden von immer neuen aufwirbelnden und wieder stürzenden Schaumgebilden. Doch ihre sprudelnde Wut war ohnmächtig, sie konnten nur heulen und schrecken, aber nicht hinausgreifen auf den hohen Stein trotz ihrer hundert langenden Schlangenarme; Inga wußte es und stand fest. Da – schlug eine Welle weit über den Rand, und der quirlende Schaum züngelte heimlich zerrend um ihre Füße; eine Minute verging, und eine zweite Sturzflut schoß hinüber, höher noch und reichlicher als die erste, und die dritte folgte wieder nach kürzerer Zeit, und die rief ihre rasenden Schwestern nach, und sie kamen, schneller und schneller, und höher und höher. Ja, wenn die wachsende Hochflut ihrem äußersten Stande sich naht und der Weststurm auf den steigenden Wasserschwall peitscht und mit Donnerruf ihn vorwärts jagt, da haben die Wogen der Nordsee Freinacht und dürfen auch die Steine und Klippen überschäumen, die sonst ihrem zügellosen Spiele trotzen und sicher scheinen vor ihrem Zorn. Inga erkannte, was diese hastenden Sprühwellen bedeuteten: vielleicht noch Minuten, so mußte ihr Brand zerfallen, das Licht erlöschen, und dann war Alles 69 verloren, sie selbst und der Mann, dem sie ihre Liebe beweisen wollte.

Wie hülfeflehend irrte ihr Auge um die dumpfe Ferne, und in dem Augenblick jagten mehrere schnell folgende Blitze über den Wolkenhimmel, und vor ihr schwebte nicht gar fern und in deutlichen Umrissen erkennbar ein großes Schiff dicht vor den Schären mit zersplitterten Masten herumgeschleudert, schlaff taumelnd wie ein Sterbender, der auf ein rasendes Pferd gebunden ist. Erbleichend starrte sie immerfort nach der Richtung, ihrer selbst und der eigenen Not vergessend . . . neue Blitze flimmerten . . . das Schiff senkte sich matt gegen die Felsen dort, und ruhig, lautlos, gleichgültig versank es vor den Augen des staunenden Mädchens unter das ungestört fortwirbelnde Wasser.

Da fühlte die Einsame ein erstickendes Schlingen in der Kehle, und es erfaßte sie jählings die betäubende Furcht vor dem Sterben, dem verlassenen unbekannten Sterben in der würgenden Flut. Wie ein Krampf überfiel sie die Versuchung zu fliehen, das Feuer im Stich zu lassen, und sie blickte angstvoll rückwärts den Fels hinan. Da stand er, schroff und unzugänglich, fürchterlich senkrecht dem Auge; ein Grausen packte sie bei dem Gedanken, daß dort hinauf für sie der einzige Weg zur Rettung ging, doppeltes Grausen, daß sie selbst noch eben da herabgestiegen. Sie bebte zurück 70 davor, diese Bahn noch einmal zu betreten; lieber versinken in den weichen Wogen als mit zerrissenen Gliedern über das rauhe Gestein zu stürzen. Sie ergab sich still und blieb bei ihrer Flamme.

Und die Wogen schwollen nicht weiter. Die Flut hatte den höchsten Stand erreicht, nur der kräuselnde Schaum umquoll fort und fort ihren Fuß unschädlich wie ein spielendes Raubtier. Der Holzstoß hielt Stand, das Feuer konnte so noch eine gute Weile fortbrennen, und mit seinen knisternden Funken stieg die Hoffnung neu in ihrem Herzen auf. Sie hob das Haupt empor und ließ das Auge wieder schweifen . . . und ein jubelnder Schrei entrang sich der tieferschütterten Brust und tönte fast über das Heulen des Sturmes und des Meers hinüber: hoch auf dem Kamm einer Welle schwebte ganz nahe eine dunkle Masse, verschwand und flog wieder in die Höhe, stolz und siegreich . . . das konnte nur ein Boot, konnte nur der Geliebte sein: und dann war er gerettet. Mit herrlichem Stolz fühlte sie da, wie ganz sein Leben jetzt an dem ihren hing, an ihrem Auge, das treulich über der Flamme wachte.

Und es war Halvor. Wenn er hinausgefahren war in toller Leidenschaft, um in körperlichem Ringen, im Kampf mit den Schrecken des Meeres seine wilderregten Gefühle niederzudrücken, und weil ihm das 71 Leben gleichgültig geworden schien, so ward der sinnlose Trotz ihm bald genug gebrochen. Als er es merkte, daß der Kampf sehr ernstlich ums Leben ging, als die unverhoffte Nacht über den Fluten hereinbrach und der Sturm sich verdoppelte, als der Weg durch die Schären ihm von Dunkel umhüllt und verschlossen war, als er nicht mehr heimwärts konnte, auch wenn er es wollte, da stemmte er sich gegen den Tod mit der ganzen Angst der Kreatur und dem heißen Lebensdurst der kräftigen Jugend. Und in dem verzweifelten Ringen um das neu geliebte Leben erschien ihm das Notfeuer auf dem Berge als ein gnadenvoller Stern – und als er aufatmete und hoffte, da zerstob die hoffnungsreiche Flamme und sprühte den Fels hinab und erlosch in der Tiefe, und seine Qual war nun schrecklicher denn zuvor.

In seiner Not aber steuerte er gradeaus auf die gefürchteten Klippen zu, er mußte die Einfahrt finden oder rasch an ihnen zerschellen, dann war es entschieden mit einem Mal. Und als er den dunkeln Steinen sich nahte, fast schon gewiß seines Todes, da sah er plötzlich das zweite Licht aufglänzen tief unten wie aus dem Wasser selbst, und ob es ihn gleich ein unbegreifliches Wunder dünkte, so folgte er doch dem Rettungsstrahl; er erkannte den Felsen, er wußte den Weg, und eben wollte er seitwärts in die schmale 72 Wasserstraße einbiegen, als er mit staunendem Blick entdeckte, daß ein Weib neben der geheimnisvollen Flamme stand, ein einsames Weib mitten in dem Tosen der Wasser. Fast glaubte er eine gütige Meerfee zu sehen, die huldreich aus dem Abgrund heraufgestiegen, dem bedrängten Menschen zu helfen, und wie verzaubert mit heimlichem Grausen starrte er auf die Erscheinung.

Aber das Wunder war größer: es war jenes Mädchen selbst, um dessen willen er sich in wahnwitzigem Eigensinn in den Sturm geworfen. Da riß er jählings das Steuer herum, von unwiderstehlicher Gewalt gezogen, und lenkte das Boot mit fester Hand grade auf den Stein zu, wo Inga bei der Flamme stand. Wohl sah er, wie sie ihm angstvoll zurückwinkte und auf den Durchgang der Schären wies, wohl wußte er, es drohte hier doppelte Gefahr, doch er zögerte nicht, er steuerte vorwärts, wohin die Liebe ihn rief, in die Brandung hinein; wenige Wellen noch schleuderten ihn hinauf und hinab, und dann packte ihn eine und riß das Boot an den scharfen Fels, daß es mit knatterndem Krachen zerbarst und zersplitterte.

Einen einzigen Augenblick sah Inga in dem Schein der Flamme sein strahlendes Antlitz, sein glückverklärtes Auge; einen einzigen Augenblick jauchzte es in ihrem Herzen: »Jetzt weiß er, daß ich ihn doch geliebt habe!« 73 – Dann ward er von dem furchtbaren Stoß herumgewirbelt wie ein Rohr und rücklings nieder auf den platten Fels geschleudert, daß er auch nicht einen Hauch oder Seufzer mehr von sich gab, sondern regungslos mit aufwärts gekehrtem Antlitz in schöner Todesruhe dalag.

Inga warf sich über ihn und barg ihr Haupt an seiner Brust; so blieb sie liegen fast so regungslos wie der Tote selber. Noch brannte das Notfeuer eine Weile fort, aber bald ward das Sausen der Flammen schwächer, die Glut geringer; nicht lange, so stürzte das künstliche Gebäude zusammen, die Brände fielen hierhin und dorthin auf den feuchten Stein und verglommen zischend einer nach dem andern. Tiefe Finsternis und eine eisige Winterkälte hauchte nun über das stürmende Wasser; doch Inga fühlte weder Grauen mehr noch Frost. Langsam ging die Betäubung ihres Geistes und die schwere Müdigkeit ihrer Glieder nach der fürchterlichen Erregung in einen tiefen Schlaf über, aus dem sie nicht mehr erwachen konnte. Man schläft nicht ungestraft in solcher Frühlingsnacht am norwegischen Nordseegestade.

Mit der eintretenden Ebbe begann der Sturm in seiner schweren Wucht allmählich nachzulassen, die Wellen wichen langsam und zögernd von dem Stein am Fuße des Lyshätta, und als das herrliche Licht des Morgens 74 dämmernd heraufstieg, war der Himmel über den Schären klar, der Wind kam vom Lande, und wenn auch die See noch hohl ging, so war das doch nur das Nachbeben von den Schauern der Nacht, und immer schöner glättete sich das beruhigte Meer mit dem steigenden Sonnenschein.

 


 

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