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Der Herr Pfarrer und andere Geschichten

Octave Mirbeau: Der Herr Pfarrer und andere Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
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typenarrative
authorOctave Mirbeau
titleDer Herr Pfarrer und andere Geschichten
publisherWiener Verlag
printrun1. - 5. Tausend
year1904
translatorFranz Weil
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created201301
modified20141205
projectidf8f06b0f
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Zeitgemäße Pantomine

In einem Provinzblatte, das mir von einem Freunde, Herrn Alphonse Allais, zugesendet wurde, finde ich die ordnungsmäßig beglaubigten Daten von der unzweifelhaften Echtheit des traurig grotesken Vorfalles, den ich hier schildern will.

Die Geschichte trug sich in Bernay zu, hätte aber ebensogut in Paris als regelrechte Pantomine von Paul Margueritte über die Bühne gehen können, jenes berühmten Schriftstellers, der, bevor er noch seine beliebten Romane schrieb, diese reizende dramatische Kunstgattung pflegte, die heute leider ganz brach liegt.

*

An einem trocken-kalten Febertage hatte der verspätete Reisende gegen drei Uhr nachmittags in der Tiersstraße vor dem Laden des Bäckermeisters Band folgendes merkwürdiges Schauspiel beobachten können. Vom Gehsteig aus betrachtete ein Mann, sofern man sich dieses vornehmen Ausdruckes bedienen kann, um ein Exemplar dieser Sorte zu bezeichnen, durch die von den Dämpfen angelaufenen Scheiben des appetitlichen Schaufensters die guten warmen Brote und die goldgelben Wecken, die auf den Marmortischchen aufgehäuft waren und die von einem Korbflechter fein und fest gefügten Weidenkörbe bis an den Rand füllten. Der verspätete Reisende, vorausgesetzt, daß er kein seichter Beobachter gewesen wäre, hätte auch zweifellos bemerkt, daß dieses Individium – wir wollen bei dieser geringschätzenden Bezeichnung bleiben – alle Merkmale der weitgehenden gesellschaftlichen Entartung und des ärgsten Elends aufwies. Eine schmutzige, an unzähligen Stellen zerfetzte Bluse, eine zerfranzte Hose, die an den Waden und Knöcheln mit einer dreifach umwickelten Spagatschnur befestigt war, eine verschlissene, jauchenfarbene Kappe und ein vom Kamm, Bürste und Wasser völlig unberührter Bart. An den Füßen staken alte, durchlöcherte, mit einer dicken Kotkruste bedeckte Filzpantoffel.

Auf dem Rücken trug er einen armseligen Leinwandsack, als untrüglichen Beweis eines eingewurzelten, berufsmäßigen, aber auch erfolglosen Betteltums, denn der Sack war leer.

Nach längerer Betrachtung des leckeren Gebäcks schien unser Individuum einen Entschluß gefaßt zu haben und trat mit schwankendem Schritt – sei es aus allzugroßem Hunger, sei es auch, daß er zuviel getrunken hatte – im gleichen Augenblicke in den Laden ein, als ein Gendarm aus der Querstraße bog und seinen vielsagenden Zweispitz just am selben Platze, wo eben der Vagabund gestanden, an die Scheiben drückte.

Das Provinzblatt gibt keine erschöpfende Beschreibung dieses Gendarmen, aber der Leser kann diesen mangelhaften Bericht durch die überlieferten Vorstellungen und verschiedenartigen Porträtsammlungen ergänzen, die zuhanden aller Welt sind.

Im Laden war zur genannten Stunde nur eine junge Verkäuferin anwesend, mit einer hohen weißen Haube auf dem blonden Haar, deren Schleifen wie zwei Flügel über den Nacken fielen; sie trug ein schwarzes anschließendes Kleid und hatte ein artiges und barmherziges Aussehen. Die Verkäuferin gab dem Individuum ein Stück Brot, und mit Segenswünschen auf den Lippen – wem werden diese wohl zugute kommen? – trat der Vagabund, den guten Geruch der warmen Brote gierig schlürfend, in seiner unsicheren Gangart aus dem Laden. Das hatte nicht längere Zeit gedauert, als eine Betschwester aus der Provinz benötigt, um ihre Nachbarinnen zu entehren und die Familien ihrer Bekanntschaft einander zu Todfeinden zu machen.

Der Gendarm aber stellte das Individuum gleich an der Schwelle und packte es mit der Hand beim Kragen, wenn diese Bezeichnung angesichts der zerlumpten Bluse nicht zu hochtrabend ist:

»Wo hast du dieses Brot gestohlen?« duzte er ihn und begleitete die Frage mit einem gebieterischen Blick.

»Ich habe es nicht gestohlen!« entgegnete das Individuum.

»Also, wenn du es nicht gestohlen hast, dann hat man dir's geschenkt?«

»Wahrscheinlich!«

»Und wenn man es dir geschenkt hat, dann wirst du darum gebeten haben?«

»Ei, wohl!«

»Ich stelle demnach fest, daß du gebettelt hast!«

Und das Provinzblatt, das uns dieses Gespräch wiedergibt, fügt wörtlich hinzu:

»Dieser Fall von Bettelei war um so leichter festzustellen, da der Bettler betrunken war!« Seltsame Folgerung!

»Hast du noch etwas zu sagen?« brummte der Gendarm.

Aber das Individuum hatte augenscheinlich alles Mitteilungswerte erschöpft und antwortete nicht.

»Also vorwärts, zur Wachstube!« befahl der Gendarm. »Du wirst dich dort rechtfertigen . . .«

Das Individuum weigerte sich zu gehen, und als der wackere Gendarm den Bettler am Arme faßte, um ihn fortzuschleppen, warf sich dieser zu Boden und leistete passiven Widerstand gegenüber den Bestrebungen des schweißtriefenden, atemlosen Gendarmen, der sich vergeblich bemühte seinen Gefangenen aufzuheben.

Etliche Neugierige hatten sich indes angesammelt und betrachteten mit spöttischen Mienen den heldenfesten Kampf des Gendarmen mit diesem Häuflein schlapper, verfallener Lumpen, in das der Strolch sich verwandelt hatte, der nun auf dem Pflaster hingestreckt lag, mit dem er untrennbar verbunden schien, wie das Eisen mit dem Magnet.

Ein zweiter Gendarm, den die Vorsehung gesandt hatte, war bestrebt seinem Kameraden kräftig an die Hand zu gehen. Mit vieler Mühe brachten sie es zuwege den Bettler aufzurichten, der nun von jeder Seite durch einen Vertreter der Obrigkeit gestützt, wohl oder übel gezwungen war einige Schritte zu gehen, obgleich seine Kniee jedesmal einknickten und seine Füße sich hartnäckig weigerten den Boden zu berühren. Die von Minute zu Minute anwachsende Menge lachte, johlte und ließ es sich durchaus nicht einfallen, den Gendarmen zu helfen, deren gerötete Gesichter und schweißbedeckte Gliedmaßen, Ermattung und Scham über den Mißerfolg zum Ausdrucke brachten.

Vor dem Laden des Buchhändlers angelangt, spreizte der Strolch sich plötzlich gegen einen Prellstein, entriß sich mit einer heftigen Bewegung der doppelten Umschließung der Gendarmen und warf sich zum zweitenmale auf die Erde nieder, wobei er einen der Gendarmen mitriß, der vom Pflaster in den Rinnsal kollerte, die Stiefeln in der Luft.

Nun war es unmöglich den Gefangenen wieder aufzurichten, der wie ein Pflasterstein in den Boden eingefügt schien.

»Was ist denn das, mit dem Viechkerl!« jammerten die wackeren Gendarmen. »Hat der den Teufel im Leibe? . . . Er ist wie verhext!«

Vergeblich versuchten sie, ihn umzukehren, vergeblich probierten sie ihn auf dem Pflaster fortzurollen. Eine unsichtbare Kraft fesselte ihn an den Boden. Ihre Arme, ihre Hände, ihre Banden, ihre Kniegelenke ermüdeten bis zur Erschöpfung an diesem unverrückbaren Klumpen.

Die Menge jauchzte mehr und mehr, und die Leute barsten schier vor Sachen.

Sie nahm offenbar die Partei des Bettlers, was die beiden Gendarmen noch mehr erbitterte, die in dem Bewußtsein ihrer doppelten Ohnmacht noch die Schmach der Lächerlichkeit und den Verlust des Ansehens ihrer Uniform fühlten.

Drei Soldaten, die vorüberkamen, wurden im Namen des Gesetzes aufgefordert, ihnen Beistand zu leisten, um der Obrigkeit zum Siege zu verhelfen. Nun fochten alle fünf, die zwei Gendarmen und die drei Soldaten, länger als eine Viertelstunde hindurch mit ihren zehn Armen gegen den Mann auf der Erde und es gelang ihnen endlich ihn aufzurichten.

Nachdem sie nun alle Vorsichtsmaßregeln getroffen hatten und sich derart verteilten, daß jeder einen Teil des Individuums in seiner Gewalt hatte, vermochten sie ihn auf die Wachstube zu schleppen. Der Bettler war übrigens nun ganz willfährig. Er ging jetzt ruhig, obwohl etwas gehindert durch die zehn Arme, die ihn aufrecht hielten und es ihm unmöglich machten, sich frei und ergeben zu benehmen.

In dieser Weise kam der Zug bei der Wachstube an, gefolgt von der ganzen jubelnden Bevölkerung der Stadt.

Man kann sich nirgends besser unterhalten, als in der Provinz.

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