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Der Herr Pfarrer und andere Geschichten

Octave Mirbeau: Der Herr Pfarrer und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorOctave Mirbeau
titleDer Herr Pfarrer und andere Geschichten
publisherWiener Verlag
printrun1. - 5. Tausend
year1904
translatorFranz Weil
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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modified20141205
projectidf8f06b0f
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Der billige Tod

Eines Abends kehrte der alte Cormeau später heim als gewöhnlich. Mißlaunig und in Gedanken versunken, schleppte er sich wortlos an das Feuer. Er beachtete sein Weib nicht, das auf einem ganz niederen Schemel saß und, die Ellbogen an die Kniee gestemmt, langsam Rüben für ihre Küche schnitt. Der Schatten des Abends häufte sich in dem Deckengebälke, überflutete alle Winkel und senkte sich nach und nach über die ganze Stube. Auf der heißen Asche summte ein Kochtopf. Neben dem Herd saßen zwei regungslose nachdenkliche Katzen mit halbgeschlossenen Lidern. Draußen war strenger Frost. Auf dem Hügel gegenüber dem Hause lag ein roter Nebel und mählig deckte der kalte Mantel der Nacht die Ebene, in der hie und da der Reif, glänzenden Perlen gleich, aufblitzte. Dann und wann hörte man das Klappern von Holzpantoffeln auf dem hartgefrorenen Boden.

»Cormeau!« rief das Weib mit zitternder Stimme . . . »he, Cormeau!«

Aber Cormeau rührte sich nicht. Er hatte die Arme über die dürren Beine gekreuzt, den Nacken über die Kniee gebeugt und schien ganz entfernten Gedanken nachzuhängen.

»Hörst du?« schrie neuerdings das Weib, deren Stimme im wachsenden Dunkel noch schriller wurde . . . »He, hörst du? Die Rüben sind gefroren.«

Und als Cormeau diese Mitteilung unbeachtet ließ, streckte sie ihren kantigen, kahlen Eulenkopf auf dem ausgetrockneten Hals vor, und fügte mit bitterer Betonung bei: »Sie sind gefroren, sag' ich dir! Freilich! . . . Ich hab's gewußt. Du hast heuer keine Einschlaggrube machen wollen, hast es dir in den Kopf gesetzt . . .«

Aber Cormeau antwortete nicht. Starr wie von Stein saß er auf seinem Stuhle.

»Was ist dir denn? . . . Cormeau! . . . Hörst du nicht?« Erschrocken über sein Schweigen kreischt sie nun auf: »Die Rüben sind gefroren, sag' ich dir, dummer Kerl! . . . Aber was hast du denn?«

In diesem Augenblicke pochte man draußen an der Türe, und gleich darauf wurde in der offenen Türe der Schattenriß eines Bettlers sichtbar, dessen elende, hagere, flehende Gestalt sich scharf von dem blassen Abendhimmel abhob. Und während Cormeau und sein Weib gleichzeitig voll Mißtrauen ihre an nächtliche Raubvögel gemahnenden Köpfe vorstreckten, hörte man eine zitternde Stimme: »Bitte . . . bitte . . .«

Der Blick des Bauern unter den stark gerunzelten Brauen wurde sehr hart: »Geh weiter, Faulpelz,« sagte er . . . »Für Taugenichtse haben wir nichts.«

Die klagende Stimme hub wieder an: »Bitte, guter Herr! . . . Es ist so schrecklich kalt! Heute Nacht kann man so leicht am Wege erfrieren . . .«

»Was kümmert's mich . . . schau, daß du weiter kommst!«

»Wenn Sie mir nur ein Lager geben wollen, . . . einen Winkel in Ihrem Stall . . . nur für einige Stunden.«

»In meinem Stall!« Cormeau brach in ein höhnisches Lachen aus.

»Geh, geh, was glaubst du denn, mein Bürschchen? Bei meinen Kühen? . . . Was dir nicht einfällt . . . geh weiter!«

»Bitte, Bitte . . . ich habe seit gestern nichts gegessen!«

»Mach dich fort!«

»Mein Kamerad ist gestern nachts im Straßengraben erfroren . . . Muß ich denn des gleichen Todes sterben?«

»Mach, daß du fortkommst!«

»Bitte, Barmherzigkeit!«

Die Stimme war schwach und weinerlich. Cormeau brüllte!

»Sieh, daß du fortkommst, sag' ich dir. Wenn du kein Taugenichts wärst, dann hättest du genug, dich satt zu essen, und wüßtest auch, wo du schlafen kannst. So ist es ganz recht für dich. Glaubst du, ich arbeite, um Taugenichtse zu füttern und Spitzbuben zu beherbergen! Vorwärts . . . Fort mit dir . . . Mach mich nicht wild . . . Mich friert schon im Rücken bei der offenen Türe.«

Achselzuckend nahm der Bettler seinen leeren Sack über die Schulter und sagte einfach: »Das ist nicht recht! Das ist nicht wohlgetan . . . lebt wohl!«

Dann zog er die Türe zu und ging langsam seines Weges, während er fast kaum vernehmbare Worte murmelte.

»Das ist doch zu dumm!« murmelte Cormeau und sagte zu seiner Frau in befehlendem Tone: »Schieb den Riegel vor die Tür. Sie sollen klopfen, so lange sie wollen.«

Die Frau gehorchte.

»Ist das ein Elend,« sagte sie leise, während sie die Türe mit einer starken, in die Mauer eingelassenen Eisenbarre verschloß. »Ist es nicht besser, wenn solches Geschmeiß krepiert? Wenn man alle Nichtstuer ausfüttern sollte, die vorbeikommen, na, dann danke ich schön. In unserem Stall schlafen zu wollen! . . . daß die Kühe dann allerlei häßliche Krankheiten bekommen.«

Da es indes Nacht geworden war, zündete sie eine Kerze an, setzte sich wieder auf den Schemel und fuhr in ihrer Arbeit fort.

Cormeau hatte sich in seinem Stuhle aufgerichtet und betrachtete mit stierem Blick, wie das Feuer langsam die Kohle verzehrte.

Nach einigen Minuten begann die Frau: »Cormeau! . . . He! . . . Mann! . . . Ich sag' dir, die Rüben sind gefroren . . . Bist gar taub? . . . Warum sagst du denn nichts, wenn ich zu dir spreche?«

Beim spärlichen, flackernden Lichte der Kerze betrachtete sie den verschrumpften Bauern, der unbeweglich beim Feuer saß, und sie wiederholte: »Warum redest du nicht? Du hast irgend was, was dich quält. Du bist nicht wie sonst.«

Endlich antwortete Cormeau: »Nichts hab' ich.«

»O ja, du hast was! Du hast was! Du bist krank . . . Mir scheint, du bist ganz rot . . . Mir scheint, du bist beinahe violett.«

»Nichts fehlt mir,« versicherte der Bauer nochmals mit sichtlicher Anstrengung.

»Aber doch . . . Du bist ja ganz blau.«

»Ich bin ganz blau?«

»Ja, ganz blau bist du!«

»Na, ja, ich weiß nicht, was mit mir ist. Freilich fühl' ich mich nicht recht wohl. Es saust mir in den Ohren . . . und jetzt saust es oben im Kopf. Als ich vorhin auf Remys Feld war, glaubte ich umzufallen. Aber das macht nichts . . . Ich werde ein wenig gehen, es wird mir gleich besser sein.«

Er versuchte sich zu erheben, konnte aber nicht. Es kam ihm vor, als sei sein Körper plötzlich Blei geworden. Eine seltsame Schwäche überfiel seine Muskeln, brach seine Arme, zermalmte ihm das Kreuz. Seine matten, feuchten Hände vermochten die Stuhllehne nicht mehr festzuhalten. Seine Zunge versagte den Dienst, und die Gegenstände ringsum begannen sich im Kreise zu drehen, nahmen seltsame, lebende Formen an, die wie Gespenster aussahen . . . Eine kleine rote Flamme . . . eine Stichflamme leuchtete plötzlich vor seinen Augen auf, tanzte herum und verschwand in einer dunklen Nacht, die aus dem Erdinnern zu kommen schien.

Er seufzte schwach. Seine Kehle war trocken, sein Atem schwer: »Ich glaub', ich werd' sterben. Jawohl! Jawohl! . . .«

»Geh, wie kannst so was sagen,« sprach die Frau.

»Ja, ja . . . ich glaub', ich werd' sterben.«

»Aber nein, du hast nur einen Wind im Kopf!«

»Ja, ja . . . ganz sicher werd' ich sterben. Ich hab' keinen Wind im Kopf . . . Den Tod hab' ich im Kopfe! Leg mich auf den Boden, sonst ersticke ich . . .«

Sie streckte ihn auf dem Boden aus, legte unter seinen Kopf ein Kissen, und schob seine schlotternden Beine zusammen, die bereits kalt zu werden begannen.

»Nun, höre wohl,« sagte Cormeau mit verlöschender Stimme. »Gib acht, daß du verstehst, was ich dir erklären will. Komm näher . . . es geht schon sehr schwer . . .«

Sie Frau beugte sich über des Sterbenden Antlitz.

»Hörst du also?«

»Ja, ich höre!«

»Die Sache ist die! . . . Der Friedhof ist zu klein . . . ich weiß, daß er zu klein ist!«

»Jawohl!«

»Ich weiß, daß ihn der Gemeinderat vergrößern will! Ich weiß, daß er das Feld von Remy kaufen will!«

»Jawohl!«

»Aber Remy weiß nichts davon. Also, gib acht, was man da tun kann. Höre zu! Du wirst Remys Feld kaufen. Es ist nichts wert . . . Lauter Steine . . . ein Schindanger. Mit zwanzig Pistolen hast du es gut gezahlt.«

»Aber wenn es steinig ist, will ich's nicht kaufen.«

»Höre . . . wenn du es gekauft hast, machst du es der Gemeinde zum Geschenk.«

»Ich soll das Feld der Gemeinde schenken? Du bist verrückt geworden, Cormeau! . . . Du redest so, weil du krank bist.«

»Sei ruhig . . . Du machst es der Gemeinde zum Geschenk mit der Bedingung, daß die Gemeinde dir dafür im Friedhofe einen Platz von fünf Quadratmetern für immer überläßt. Das hat einen Wert von fünfhundert Franks. Verstehst du? Du gibst zweihundert Franks her und bekommst dafür fünfhundert! Dabei sind dreihundert Franks gewonnen. Mußt dich aber eilen. Geh gleich morgen zu Remy. Aber nicht später als morgen!«

»Fünfhundert Franks! Fünfhundert Franks!«

Und die Frau verlor sich in Gedanken über die genannten Summen, überschlug im Kopfe den Reingewinn dieses Unternehmens . . . Sie merkte nicht, daß er zu sprechen aufgehört hatte. Sie hörte das schwache, ersterbende Röcheln nicht, das wie das Geräusch einer ablaufenden Uhr aus seiner Kehle kam; sah nicht, wie seine Finger sich krampften, wie seine Beine sich verzerrten, nicht seine Augen, deren Apfel sich unter den erweiterten starren Lidern zurückrollten, daß nur das Weiße sichtbar war. Plötzlich kam der Bäuerin ein schwerer Einwurf in den Kopf: Wie, wenn die Gemeinde das Geschenk zurückweist? . . . sagte sie sich, voll Angst vor dieser Möglichkeit.

Dann rief sie: »Cormeau!«

Aber Cormeau antwortete nicht.

Sie beugte sich über ihn, legte ihre knochigen Hände auf die Brust ihres Mannes und schüttelte ihn an den Schultern: »Cormeau . . . Cormeau!«

Aber Cormeau antwortete nicht. Er war tot.

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