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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 9
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authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Morel oder Rablasy?

Ich ermahne Sie, Angeklagter, uns die volle Wahrheit zu sagen, und mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihr Leugnen die Strafe nur verstärken wird!

Mit diesen Worten begann der Präsident des kleinen Gerichtshofes, vor dem sich Maximilian Morel befand, sein Verhör. Dann fügte er hinzu:

Ihr Name, Angeklagter?

Maximilian Morel! erwiderte der Kapitän, dessen Gesicht sehr bleich und traurig, dessen Aussehen sehr verwildert war und der noch eine Binde um den Kopf trug.

Sie beharren also bei Ihren falschen Behauptungen? Desto schlimmer für Sie!

Aber welchen Namen soll ich Ihnen denn angeben? rief Max verzweifelnd. Ich habe keinen anderen, ich weiß keinen anderen. Ich habe in der Voruntersuchung alles genau angegeben. Wie ich dazu gekommen, die Jacke mit der Nummer 36 zu tragen, weiß ich nicht. Irgendein Verbrecher muß mich durch einen Schlag betäubt und mich mit dieser Jacke bekleidet haben, um den Verdacht von sich abzuwälzen. Ich hoffe, der Gerichtshof hat meinem Wunsche genügt und sich die nötigen Aufklärungen von dem Staatsanwalt, Herrn Franck-Carré, erbeten.

Dies ist natürlich geschehen, erwiderte der Präsident. Herr Frank-Carré ist jedoch noch immer sehr krank und hat bloß im allgemeinen aussagen können, daß er sich nur sehr dunkel auf die Ereignisse jener Nacht besinnen könne. Wenn Sie aber wirklich der Kapitän Morel wären, so sei es eine Kleinigkeit für Sie, Ihre Identität mit dieser Person zu konstatieren. Sie dürften dann nur den Namen dieses Mannes angeben, nach dem der Herr Staatsanwalt Sie so oft gefragt. Wollen Sie das tun?

Herr Franck-Carré hat also trotz seiner Krankheit diese Angelegenheit nicht vergessen! fügte der Kapitän bitter. Und wenn ich den Namen nicht nenne?

So wäre dies ein neuer Beweis, daß Sie Etienne Rablasy und nicht Kapitän Morel sind.

Und wenn ich Etienne Rablasy wäre, was würde dann mit mir geschehen?

Sie würden die Strafe für Ihre Verbrechen erleiden und diese wäre keine geringere als der Tod!

Max beugte den Kopf, und sein blasses Gesicht verriet durch feine qualverzogenen Mienen, einen wie schweren und bitteren Kampf er in seinem Innern durchkämpfte.

Ich werde den Namen nicht nennen! sagte er endlich mit fester Stimme. Die Gerechtigkeit mag ihren Lauf nehmen, und Gott verzeihe es den Richtern, wenn sie den Schuldigen nicht von den Unschuldigen zu unterscheiden vermögen. Weshalb ist mein Wunsch nicht erfüllt worden? Weshalb hat man meine Frau nicht zu mir geführt? Sie würde mich auf der Stelle erkannt haben!

Sehr einfach deshalb nicht, weil es nicht in unserer Ansicht liegen konnte, einem so schweren und verschmitzten Verbrecher Gelegenheit zu geben, mit irgendeiner Person eine Unterredung zu haben, antwortete der Präsident. Außerdem liegt noch ein anderer Grund vor. Wir haben bei Madame Morel anfragen lassen, ob sie wisse, wo sich ihr Mann befinde, und da sie darüber jede Auskunft verweigerte, so haben wir bei ihr vor acht Tagen eine Haussuchung vornehmen lassen.

Sehr edel! Bei einer Frau ohne allen Schutz! murmelte Max bitter vor sich hin.

Bei dieser Haussuchung ist ein Billett gefunden worden folgenden Inhalts, fuhr der Präsident fort. Ich werde es Ihnen vorlesen, Angeklagter!

»Meine liebe Frau! Sei unbesorgt um mein Schicksal! Es ist mir gelungen, glücklich zu entfliehen. Bereite Dich vor, mir zu folgen. Ich werde Dir von London oder von einem anderen Orte aus Nachricht geben. Max Morel.«

Der Kapitän starrte den Präsidenten an und schien nicht zu wissen, ob er recht gehört.

Unterzeichnet mit meinem Namen? sagte er dann und faßte sich an die Stirn. Ich habe nie ein solches Billett geschrieben, nie! Lassen Sie mich die Handschrift sehen!

Ein Gerichtsdiener überreichte das Billett dem Angeklagten.

Die Handschrift hat Ähnlichkeit mit der meinigen, ist aber nicht dieselbe! sagte dieser mit unsicherer Stimme. Mein Namenszug ist ein anderer. Diese Handschrift ist nachgemacht! Mein Gott, wer kann einen solchen Betrug und zu welchem Zwecke verübt haben?

Er ließ das Billett fallen und versank in eine düstere Träumerei. Währenddessen verlasen die Beamten einige Aktenstücke, und der Anwalt des Staates, sowie der offizielle Verteidiger des Angeklagten wechselten einige Worte miteinander.

Angeklagter! sagte der Präsident dann. Der Gerichtshof hat die Überzeugung von Ihrer Schuld gewonnen! Sie sind überführt, während eines Zeitraums von drei Jahren unter verschiedenen Namen und unter verschiedenen Verkleidungen in der Provençe und Dauphiné eine Reihe von Mordtaten, Raubanfällen und Diebstählen begangen zu haben, entweder allein oder mit einer Schar von Spießgesellen. Sie sind ferner überwiesen, sich bei ihrer Gefangennehmung den Dienern der Obrigkeit widersetzt und zwei Gendarmen getötet zu haben. Auch lastet der Verdacht auf Ihnen, der Mörder des Gefängniswärters und Schließers Vallard zu sein. Jedes von diesen Verbrechen allein würde den Tod verdienen. Bereuen Sie und tilgen Sie einen Teil Ihrer Schuld durch ein offenes und reuiges Bekenntnis.

Bei diesen Worten, die mit erhobener Summe gesprochen wurden, hatte Morel wieder aufgeblickt. Er vernahm sie wie ein Träumender und schüttelte verwirrt den Kopf.

Meine Herren, sagte er dann, noch einmal erkläre ich feierlich und rufe Gott zum Zeugen an, daß mein Name Morel und nicht Rablasy ist und daß ich an den Verbrechen, deren Sie mich beschuldigen, keinen Anteil habe. Das weitere überlasse ich der Barmherzigkeit Gottes!

Als er sich erhoben hatte und ehe man ihn in seine Zelle zurückführte, wurden ihm Ketten angelegt. Der Kapitän ließ es mit großer Ruhe geschehen. Er war in einem Zustande der Betäubung, der es ihm nicht einmal erlaubte, seine Lage klar einzusehen.

Nur zuweilen schüttelte es ihn wie Fieber, und eine wahnsinnige Wut ergriff ihn. Dies geschah, wenn er an Valentine und sein Kind dachte. Dann schüttelte er seine Ketten und sah mit ohnmächtiger Wut empor nach dem starken Gitter des Fensters. Freilich kannte Valentine seine Lage nicht einmal. Wenn derselbe Verbrecher, der ihm jenen Streich versetzt, später unter Morels Namen an sie geschrieben und ihr die Versicherung gegeben, daß er glücklich geflohen – so mußte sie glauben, ihr Mann sei in Sicherheit, und erwartete wahrscheinlich täglich weitere Nachrichten von ihm.

Fast ebensogroß war sein Ingrimm, wenn er daran dachte, daß er an Stelle des gemeinen Verbrechers, eines Mörders und Räubers sterben solle. Konnte es ein gräßlicheres Los geben für einen Mann, dessen größter Schatz von jeher die unbefleckte Ehre gewesen war?

Morel wußte nicht, daß es jemand gab, der bemüht war, ihn zu retten, wenn auch nur aus juristischen Gründen. Einer von den Richtern – fast immer im Widerspruch mit seinen Kollegen – war fest von der Unschuld des Angeklagten überzeugt und suchte die Beweise dafür zu sammeln. Er tat es mit großem Scharfsinn. Fürs erste wies er nach, daß in jener Nacht bei dem Brande vier Personen geflohen seien: Herr Franck-Carré, ein unbekannter Herr, den der Staatsanwalt nicht zu kennen vorgab und den er bei einer Unterredung mit Morel überrascht hatte, endlich jener Morel selbst und der Verbrecher Rablasy. Es handelte sich also darum, wer wirklich entflohen sei, Rablasy oder Morel.

Der Jurist wies nach, daß ein so verwegener Verbrecher wie Rablasy gewiß die günstige Gelegenheit, die ihm dieses Ereignis darbot, nicht unbenutzt habe lassen können, zu entfliehen. Da er aber voraussichtlich in seiner Sträflingsjacke bald wieder festgenommen worden sein würde, so habe er an eine Gelegenheit denken müssen, sich einen anderen Anzug zu verschaffen. Als Morel, der zuletzt das Seil ergriff, unten angelangt sei, habe er ihn durch einen Schlag mit einer eisernen Stange – wahrscheinlich aus einem Gitter – betäubt, den Bewußtlosen seines Rockes entkleidet und ihm dafür die Sträflingsjacke angezogen. Ferner sei es ihm, da er in dem Rocke wahrscheinlich die Brieftasche des Kapitäns gefunden, ein leichtes gewesen, seine Handschrift nachzuahmen und an Frau Morel zu schreiben. Dadurch hatte er den Zweck erreicht, eine Konfrontation der Gattin mit ihrem Manne zu verhindern, die erstere glauben zu machen, daß ihr Mann geflohen sei, und auf diese Weise Nachforschungen nach ihm (Rablasy) selbst zu verhindern.

Die Annahme des Juristen stimmte mit der Wahrheit vollkommen überein, und es war seltsam genug, daß sie nicht schon früher Eindruck auf die Richter gemacht hatte. Diese aber waren überzeugt, daß Rablasy noch in ihrer Gewalt sei, und wollten um keinen Preis die Gelegenheit verlieren, einen so berüchtigten Verbrecher zu verurteilen. Sie wiesen deshalb jene Beweisführung als bloße Vermutungen ab.

Der Jurist jedoch, erbittert durch die Hartnäckigkeit seiner Kollegen, blieb dabei nicht stehen. Zuerst versuchte er es, Madame Morel zu sprechen. Diese aber, wahrscheinlich von der Flucht ihres Mannes überzeugt und besorgt, daß die Juristen etwas von seinem Schicksal erfahren wollten, ließ ihn gar nicht vor. Emanuel, ihr Schwager, hatte ihr ein für allemal abgeraten, etwas mit den Juristen zu tun zu haben.

Der freiwillige Verteidiger Morels mußte also auf andere Art zum Ziele zu gelangen suchen. Leider war Vallard, der Schließer, der allein die Gefangenen genau gekannt hatte, tot. Der Jurist machte aber darauf aufmerksam, daß das Beinkleid Morels nicht das der Sträflinge sei, wie es Rablasy doch gewiß getragen hatte. Ferner war seine Wäsche feiner, als man es bei Rablasy vermuten durfte. Auch war der Dialekt des Angeklagten nicht derjenige der Provençalen, und Rablasy stammte aus der Provençe. Er setzte es endlich durch, daß er zum offiziellen Verteidiger des Angeklagten bestimmt wurde. In seiner Ehre angegriffen und nur darauf brennend, seine Ansicht durchzufechten, wurde er der Retter Morels.

Von solchen Kleinigkeiten hängt oft das Leben eines Menschen ab! Er hatte auch einige Unterredungen mit Morel, und in einer bat er den Kapitän, ihm den Namen jenes Mannes zu nennen, den Franck-Carré bei ihm in der Zelle angetroffen, da derselbe als ein Hauptentlastungszeuge dienen könne. Leider mußte ihm Morel gestehen, daß er den Namen jenes Mannes nicht kenne und daß dieser ihm nur gesagt, er werde sich unter dem Namen Dupont nach ihm erkundigen. Der Jurist sah sich also genötigt, seine Hoffnungen in dieser Beziehung aufzugeben.

Es mag seltsam erscheinen, daß weder Monte Christo noch sein Freund in Paris genauere Erkundigungen in dieser Angelegenheit anstellten. Aber erstens wurde der Prozeß sehr rasch geführt, und zweitens war jener angebliche Dupont überzeugt, daß Morel in jener Nacht zugleich mit ihm entflohen sei.

Er hatte durch seine Kundschafter erfahren daß Madame Morel jenes Billett erhalten, und war nun seiner Sache vollständig gewiß. Bald darauf verließ er auch Paris.

Dennoch war es den Bemühungen des Juristen gelungen, die Überzeugung seiner Kollegen zu erschüttern und einen Aufschub des Todesurteils zu bewirken. Die Mehrzahl hielt zwar immer noch dafür, daß der Angeklagte wirklich jener Rablasy sei und nur alle Mittel der Verstellung aufbiete, sich zu retten. Die Möglichkeit eines Irrtums war jedoch vorhanden, und der angebliche Rablasy wurde deswegen zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt.

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