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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 6
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typefiction
authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Der Brand

In dieser Nacht – derselben Nacht, die so verhängnisvoll für Madame Danglars geworden war und es auch für Don Lotario werden sollte – in dieser Nacht durchschritt Morel mit gekreuzten Armen, finsterer Stirn und langsamen Schritten den schmalen Raum, den die vier Wände seines Gefängnisses bildeten.

Jetzt weckte ein Geräusch an seiner Tür den Kapitän aus seinem Sinnen. Es konnte die Ronde sein, die das Gefängnis inspizieren wollte. Es war eine Art von Abwechselung; Morel war damit zufrieden.

Der Schlüssel drehte sich in der Tür, eine Gestalt trat ein. Hinter ihr schloß sich die Tür.

Morel sah den Eintretenden erstaunt an. Es war kein Mann in Uniform, kein Gefängniswärter, kein Soldat. Es war ein Mann im langen Mantel, mit einem bürgerlichen Hut, den er jetzt abnahm.

Guten Abend, Herr Kapitän! sagte er. Wie geht es Ihnen? Hoffentlich nicht zu schlecht!

Morel sah den Fragenden schärfer an. Das war nötig, denn die trübe brennende Laterne verbreitete nur ein schwaches Licht.

Oh, mein Herr, Sie sind es? Gott sei Dank! rief er. Ich habe oft an Sie gedacht.

Es war derselbe Mann, der einst zu ihm gekommen war, um ihm von seiten des Grafen den Auftrag zu bringen, jene Summe nach London zu befördern. Morel hatte wirklich oft an diesen Mann gedacht, den er nicht kannte und der dennoch zu dem Grafen Monte Christo in näheren Beziehungen zu stehen schien.

Ich glaube es, sagte der Fremde, indem er seinen Mantel auseinanderschlug. Ihre Lage ist eine traurige geworden.

Morel reichte ihm den einzigen Stuhl, der sich im Zimmer befand, und der Herr setzte sich. Es war ein Mann in reiferen Jahren. Sein Alter ließ sich nicht auf den ersten Blick bestimmen. Sein Äußeres hatte nichts Auffälliges. Er war von großer, schlanker Gestalt. Sein Gesicht aber war bedeutend. Das dunkle Haar, leicht mit Grau gemischt, fiel ihm lang über die Schläfe und ließ seine hohe, blasse Stirn frei. Die dunklen Augen waren groß, schön und ausdrucksvoll. Eine leicht gebogene Nase erhob sich über dem energisch gezeichneten Mund. Sein Anzug war einfach.

Traurig? Ja, weil man mich auf eine peinliche und ungerechte Weise quält! rief Morel. Ginge es nach Recht und Gesetz, so hätte man mich jetzt zu einer bestimmten Strafe verurteilt und würde mir wenigstens gestatten, zuweilen meine Frau und mein Kind zu sehen.

Wie können Sie hier Gerechtigkeit verlangen! sagte der fremde Herr. Doch darüber sprechen wir ein andermal. Jetzt handelt es sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Gewiß zürnen Sie mir und dem Grafen, daß wir bis jetzt nichts für Ihre Befreiung getan. Aber wir beide sind unschuldig. Sie werden mit einer solchen Strenge bewacht, daß es mir die größte Mühe gekostet hat, nur diese Unterredung mit Ihnen zu erlangen. Natürlich danke ich sie nur der Bestechung.

Jedes Ihrer Worte ist ein Trost für mich! sagte Morel, in dessen Herz die Hoffnung zurückkehrte.

In diesem Augenblick knarrte der Schlüssel in der Tür.

Was ist das? rief der Fremde überrascht. Der Schließer hatte doch versprochen, mich zwei Stunden mit Ihnen allein zu lassen!

Die Tür öffnete sich. Ein Herr, in einen langen Mantel gehüllt, trat ein. Die Tür schloß sich zwar hinter ihm, aber der Riegel wurde nicht vorgeschoben. Der Fremde hatte sich erstaunt erhoben.

Guten Abend, meine Herren! sagte der Eintretende mit einem sarkastischen Lächeln. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, und erlauben Sie mir, in Ihrem Bunde der Dritte zu sein.

Wer sind Sie, mein Herr, daß Sie es wagen, hier einzudringen? fragte der Fremde, noch immer überrascht.

Ich heiße Franck-Carré und bin der Staatsanwalt Seiner Majestät des Königs, antwortete der Herr. Und was den Eintritt in dieses Gefängnis anbetrifft, so steht er mir wahrscheinlich so gut zu wie jedem anderen.

Hierbei ist eine Verräterei im Spiel! rief der Fremde. Der Schließer hat mich verraten.

Der Mann hat nur seine Schuldigkeit getan. Er unterrichtete mich davon, daß jemand den Kapitän Morel heimlich zu sprechen wünsche, und ich gab ihm den Auftrag, diese Unterredung herbeizuführen, mir aber die Stunde mitzuteilen, da es mir erwünscht war, Ihre Bekanntschaft zu machen.

Sehr verbunden! sagte der Fremde, der jetzt seine Ruhe vollständig wiedererlangt hatte. Da es mir jedoch darum zu tun war – wie Sie sich denken können – mit Herrn Morel allein zu sprechen, und da ich füglich nicht verlangen kann, daß Sie sich entfernen, Herr Staatsanwalt, so ist mein Geschäft hier zu Ende. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.

Ich bitte um Entschuldigung! sagte der Staatsanwalt, als der Fremde seinen Hut nahm, und stellte sich vor die Tür. Ich sagte Ihnen schon, daß ich gekommen sei, um Ihre Bekanntschaft zu machen, und diesen Zweck habe ich noch nicht erreicht. Sie würden außerdem nicht weit kommen, denn ich habe natürlich den Befehl gegeben, Sie draußen zu arretieren. Sie werden also besser tun, hier zu bleiben. Es ist bequemer für uns beide, uns hier auszusprechen. Sie sehen das ein, nicht wahr?

Nicht ganz, antwortete der Fremde. Da Sie mir aber sagen, daß man mich draußen arretieren würde, so muß ich wohl hier bleiben. Welche Absicht hat Sie hierher geführt, Herr Staatsanwalt?

Der Ton dieser Frage war so gebieterisch und die Miene des Fremden dabei so ruhig und fest, daß es beinahe schien, als wäre der Fremde hier eine Amtsperson und Franck-Carré der Schuldige. Der Anwalt stutzte auch wirklich, faßte sich aber sogleich.

Welche Absicht, mein verehrter Herr? Eine sonderbare Frage! sagte er lächelnd. Sie wissen es ja bereits. Ich wünschte den Herrn kennenzulernen, der ein so großes Interesse an Kapitän Morel nimmt.

Und wenn Sie meinen Namen oder überhaupt mich kennengelernt haben, was dann? fragte der Fremde.

Dann werde ich Sie im Interesse des Staates und im Interesse des Herrn Morel bitten, mir diejenigen Aufklärungen zu geben, die der Kapitän mir bis jetzt verweigert hat, erwiderte Franck-Carré. Sie sehen, ich bin offen.

Offen, wie gewöhnlich ein Staatsanwalt! sagte der Fremde, in einen höflichen und leichten Konversationston übergehend. Gut also! Ich weiß, welche Erklärungen Sie wünschen. Ich habe meinen Freund Morel selbst gebeten, sie Ihnen zu geben.

In der Tat? rief Franck-Carré erfreut. Nun, weshalb zögern Sie länger, Herr Kapitän?

Ich zögere jetzt ebensosehr wie früher, antwortete Morel, der bis jetzt ein stummer, aber aufmerksamer Zuhörer gewesen war. Von mir werden Sie jenen Namen nicht erfahren, auf keinen Fall!

Welch ein Eigensinn! rief der Staatsanwalt und wandte sich zu dem Fremden. So machen Sie der Sache ein Ende, mein Herr, und sagen Sie mir – denn Sie müssen das wissen – wer jener Londoner Herr gewesen ist?

Eine offene Frage pflegt auch eine offene Antwort zu finden, erwiderte der Fremde lächelnd. Aber in diesem Fall tut es mir leid, sie Ihnen nicht geben zu können. Ich darf Herrn Morel weder bevormunden noch ohne seine Einwilligung für ihn handeln. Und da ich nicht die Ehre habe, ein Angeklagter zu sein, so habe ich wahrscheinlich auch nicht die Verpflichtung, Ihnen Auskunft über Ihre Fragen zu geben.

Mein Herr, Sie vergessen, mit wem Sie sprechen! rief der Staatsanwalt beleidigt. Entweder Sie nennen mir hier Ihren Namen, oder Sie begleiten mich in ein anderes Zimmer. Aber das sage ich Ihnen im voraus, daß Sie das Gebäude nicht eher verlassen werden, als bis die Behörde über Ihre Persönlichkeit im klaren ist.

Nun, wenn es denn sein muß! sagte der Fremde lächelnd. Als ein guter Franzose habe ich Achtung vor dem Gesetz!

Und er näherte sein Gesicht dem Ohr des Staatsanwalts und flüsterte ihm einen Namen zu.

Der Anwalt fuhr zusammen, als durchzucke ihn ein elektrischer Schlag. Der Fremde trat ruhig zurück. Franck-Carré maß ihn mit einem Blicke, in welchem Mißtrauen und Scheu sich paarten. Der letztere Ausdruck behielt jedoch die Oberhand, als er die ruhige Haltung und das stolze, feinlächelnde Gesicht des Fremden bemerkte. Der Anwalt war ein viel zu erfahrener Mann und hatte hinreichend genug Gelegenheit gehabt, Personen des verschiedensten Ranges kennen zu lernen, um nicht zu wissen, daß der Fremde ihm die Wahrheit gesagt hatte. Er machte eine stumme Verbeugung, die der Herr ebenso stumm erwiderte. Dann senkte er seinen Blick und versank in ein tiefes Nachsinnen.

Er hatte einen Namen gehört, der in ganz Paris bekannt war, den Namen eines Mannes, der durch seine hohe Geburt, seinen Reichtum und seine Gelehrsamkeit gleich ausgezeichnet war, eines Mannes, der allerdings keine politische Stellung, kein Amt bekleidete, aber vielleicht gerade deshalb um so mehr Einfluß ausübte. Und dieser Mann war ein Freund Morels, wahrscheinlich auch ein Freund des Grafen Monte Christo, ein Anhänger der Napoleoniden – so wenigstens schien es. Wurde dieser Mann in den Prozeß hineingezogen, so erhielt dieser eine noch größere Wichtigkeit. Mit vieler Mühe war es in der letzten Zeit gelungen, die Teilnahme des Publikums ein wenig von dem Prozeß abzulenken. Wurde dieser Mann aber als ein geheimer Anhänger Ludwig Napoleons hingestellt, so mußte diese Teilnahme von neuem und stärker erwachen. Und geheim konnte diese Teilnahme nicht bleiben. Es gab zu viel Zungen, die schwatzten – genug, Franck-Carré war in einer peinlichen Verlegenheit. Auf der einen Seite konnte ihm die Regierung Dank wissen, diesen Mann entdeckt zu haben, auf der anderen konnte man ihn wegen dieser Entdeckung tadeln. Jedenfalls mußte sie geheim, ganz geheim bleiben.

Der Staatsanwalt war so sehr von diesen Gedanken bewegt, daß er die Anwesenheit der beiden Personen ganz vergaß und langsam und nachdenklich durch das kleine Zimmer schritt. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben.

Mein Herr, sagte er, Sie sagten mir, Kapitän Morel kenne Ihren Namen nicht?

Jawohl, das ist die Wahrheit, erwiderte der Fremde mit Bestimmtheit.

Und Sie wünschen auch nicht, daß Herr Morel diesen Namen jetzt erfahre? sagte Franck-Carré.

Genau genommen ist das unwichtig, erwiderte der Fremde. Aber ich hätte allerdings gewünscht, daß Herr Morel die Mitteilungen, die ich ihm zu machen habe, aus meinem eigenen Munde vernähme.

Gut denn, so erlaube ich mir, Sie um eine Unterredung mit mir in einem anderen Zimmer zu ersuchen. Sie wird sehr kurz sein. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen zur Last fallen will.

Ich bin überzeugt davon, erwiderte der Fremde mit der Höflichkeit eines Mannes von Welt. Aber würden Sie mir nicht vorher gestatten, meine unterbrochene Unterredung mit Herrn Morel ohne Zeugen fortzusetzen?

Das ist mir unmöglich, ganz unmöglich! rief Franck-Carré bedauernd. Hätte ich gewußt, daß ich Sie hier finden würde, so hätte ich diese Unterredung vielleicht nicht gestört – ich gestehe es. Jetzt aber darf ich einen so großen Verstoß gegen meine amtliche Pflicht nicht mehr wagen. Wenn es Ihnen also gefällig ist, so kehren wir zusammen zurück.

Ich bin bereit dazu, sagte der Fremde und wandte sich zu dem Kapitän.

Halt! Was ist das! rief der Staatsanwalt jetzt überrascht. Hören Sie nicht Stimmen? Nicht Geschrei? Was bedeutet das?

Fast mit ihm zugleich waren auch die anderen beiden Männer bestürzt aufgefahren. Man hörte in der Tat einen dumpfen Lärm, aus dem zuweilen einzelne schrille und gellende Laute hervorklangen. Zugleich füllte ein rötliches, starkes Licht das Zimmer, das von der Laterne nur spärlich erleuchtet war. Der Staatsanwalt eilte nach der Tür.

In demselben Augenblick wurde diese hastig geöffnet, und dasselbe dunkelrote Licht drang stärker hinein.

Retten Sie sich, Herr Staatsanwalt! rief der Schließer mit entsetzter Stimme. Es brennt im vorderen Flügel.

Franck-Carré schrak zusammen. Aber er war ein Mann von persönlichem Mut. Er ergriff den Schließer und hielt ihn am Arme fest.

Ruhig, ruhig, mein Freund! sagte er. Das Feuer wird gelöscht werden. Ich kenne die Lokalitäten dieses Gebäudes nicht genau. Welche Ausgänge gehen nach der Straße? Zeigen Sie sie uns und vergessen Sie Ihr Amt nicht. Öffnen Sie die Gefängnisse nicht eher, als bis die bewaffnete Macht in hinreichender Stärke hier angelangt ist.

Es gibt nur einen Ausweg aus diesem Flügel, antwortete der Schließer, an allen Gliedern zitternd. Er führt über die Treppe nach vorn, in den Flügel, der brennt. Und auch die Treppe brennt schon oder wird bald brennen.

Es wird nicht so schlimm sein, sagte der Staatsanwalt. Kommen Sie, begleiten Sie mich! Wir werden schon einen Ausweg finden.

Diese Worte waren an den Fremden gerichtet. Unterdessen nahm der Feuerschein mit einer rasenden Schnelligkeit zu. Man hörte die Flammen knistern. Man hörte das entsetzliche Geschrei der Gefangenen. Morel erbleichte.

Und ich soll hier zurückbleiben und bei lebendigem Leibe verbrennen, Herr Staatsanwalt? fragte er hastig und bitter.

Mein Gott, die Gefahr ist nicht so groß, und ich kann nichts weiter tun, als den Leuten Vernunft predigen. Sie verlieren bei solchen Gelegenheiten nur zu leicht den Kopf. Man wird des Feuers Herr werden. Kommen Sie!

Dabei wandte sich der Staatsanwalt, ohne sich weiter um Morel zu kümmern, abermals zu dem Fremden.

O nein, so ist es nicht gemeint! antwortete dieser hastig. Denken Sie, ich werde meinen jungen Freund verlassen?

Dann tun Sie, was Ihnen gut dünkt! rief der Staatsanwalt. Gefahr ist für uns alle vorhanden. Jeder muß an seine eigene Rettung denken. Schließer, öffnen Sie die Türen nicht eher, als bis die Wache gekommen ist.

Dabei ging er den schmalen Gang hinunter, der nach der Treppe zuführte. Gefahr war in der Tat vorhanden. Das Knistern und Prasseln der Flammen war stärker geworden. Die Luft wurde schwül und heiß. Viele der Gefangenen, die sich in dem hinteren Flügel des Gebäudes befanden, schienen aus dem Schlafe erwacht zu sein und pochten mit wahnsinniger Gewalt an die Türen. Aus dem vorderen Flügel hörte man wildes Gebrüll, dazwischen die verzweifelten Rufe: Öffnet die Türen! Wir ersticken! Hilfe, Hilfe!

Kommen Sie, sagte der Fremde zu Morel, wir müssen uns einen Ausweg suchen, sonst könnte mir dieser nächtliche Besuch das Leben kosten. Kommen Sie, vielleicht gelingt es Ihnen bei dieser Gelegenheit, zu entfliehen.

Morel eilte zurück in sein Zimmer, um seinen Hut zu holen. Man hatte ihm seine bürgerliche Kleidung gelassen.

Sie haben gehört, was mir der Herr Staatsanwalt befohlen! sagte der Schließer, ihm entgegentretend. Sie müssen hier bleiben.

Torheit! rief der Fremde anstatt Morels. Halten Sie uns nicht auf! Man wird Sie entschädigen.

Dabei drängte er den Schließer beiseite und eilte, von Morel gefolgt, den Gang hinunter. An seinem Ende leuchtete eine flammende Helle, von der sich eine einzelne schwarze Gestalt deutlich abzeichnete.

Es ist der Staatsanwalt, sagte der Fremde. Das ist kein gutes Zeichen. Wenn er nicht hinaus kann, wie sollen wir es dann anfangen, dieses Labyrinth zu verlassen? Wir müssen in seiner Nähe bleiben, das wird das beste sein!

Sie traten dicht an ihn heran. Die ganze Gefahr lag jetzt vor ihnen. Die Treppe, die einzige, die, wie vorher der Schließer gesagt hatte, aus diesem Flügel nach den vorderen Gebäuden führte, stand in Flammen, und hätte nicht der Zugwind den Rauch nach einer anderen Richtung getrieben, so wäre schon jetzt der Aufenthalt in dem schmalen Gange unmöglich gewesen. Der vordere Flügel, oder wenigstens ein Teil davon, brannte, und noch hörte und sah man nichts von Feuerwehrleuten, die bemüht gewesen wären, den Flammen Einhalt zu tun. Man hörte nur das gräßliche Geschrei der Gefangenen, die in ihren Zellen vielleicht vom Rauch oder auch von der Glut des Feuers bedrängt wurden.

Entsetzlich! sagte Franck-Carré schaudernd. In zehn Minuten wird diese Treppe niedergebrannt sein und die Flammen werden in die Zellen dringen. Die einzige Rettung kann uns nur von der Seite des Kanals kommen.

Vom Kanal? Sie meinen den Kanal, der diesen Flügel des Gebäudes umgibt? fragte der Fremde.

Ja, antwortete der Staatsanwalt. Aber ehe es uns gelingt, die Gitter an den Fenstern zu zerbrechen, ehe man Leitern angesetzt oder uns Stricke zugeworfen hat, können wir längst erstickt sein.

Werden Sie nicht die Zellen der Gefangenen öffnen lassen? fragte der Fremde.

Es ist strenger Befehl, dies nicht eher zu tun, als bis eine genügende Wachmannschaft eingetroffen ist.

Aber über die brennende Treppe kann sie doch unmöglich heraufgelangen, erwiderte der Herr.

Freilich! antwortete Franck-Carré, die Achsel zuckend. Aber kann ich helfen? Selbst auf dem Hofe können sich die Soldaten nicht aufstellen, denn der Wind treibt die Flammen dorthin. Die einzige Rettung kann uns von der Seite des Kanals kommen, wie ich Ihnen sagte, und ich hoffe, daß man dort bereits Anstalten trifft, uns Hilfe zu bringen. Schließer! Kommen Sie her! Ist eine Zelle nach dem Kanal zu leer?

Nein, Herr Staatsanwalt, antwortete der Mann, der an allen Gliedern zitterte.

So öffnen Sie eine, gleichviel, wer darin ist, sagte Franck-Carré. Wir müssen von dorther um Hilfe rufen.

Und die übrigen Zellen?

Bleiben verschlossen, bis der Befehl zum Öffnen gegeben wird.

Der Schließer eilte voran. Die drei Männer folgten ihm mit einer Hast, die in diesem Augenblick sehr erklärlich war. Der Schließer öffnete eine Zelle und ließ die Herren eintreten.

Franck-Carré eilte sogleich an das Fenster. Währenddessen warf Morel einen Blick auf den Gefangenen, der diese Zelle bewohnte. Er war überrascht von seinem Lager aufgesprungen, als er die Tür sich öffnen hörte, und starrte die Eintretenden mit verschlafenen Augen an.

Er war von kräftiger Gestalt. Haar und Bart hingen ihm struppig um den Kopf. Sein Anzug war die gewöhnliche Sträflingskleidung, die Morel nicht erhalten hatte, weil er noch nicht durch das Gesetz verurteilt worden. Der Sträfling warf scheue und lüsterne Blicke nach der geöffneten Tür. Wahrscheinlich dachte er sogleich an Flucht. Aber im nächsten Augenblick mochte er sich diese Störung erklären, denn durch die Tür drang der helle Schein des Feuers ein, und er hörte die Stimmen seiner Genossen in den anderen Zellen, die verzweifelt nach Hilfe schrien. Ein Strahl wilder Freude zuckte über sein Gesicht, und er blieb ruhig in seiner Ecke stehen, die Augen von Zeit zu Zeit lauernd auf jeden einzelnen richtend und eine günstige Gelegenheit abwartend, die sich ihm bieten würde.

Diese Scheiben! Ich hatte vergessen, daß sie geblendet sind! rief der Staatsanwalt. Man kann nichts sehen!

Haha! lachte der Gefangene tückisch. Ja, ja, ich habe mich oft darüber geärgert.

Ich muß sie einschlagen! Es hilft nichts! rief Franck-Carré, und stieß gegen die Scheiben.

Haha! lachte der Gefangene wieder. Die Wache wird das wohl hören! Wart' nur, mein Bürschchen!

Dann aber schien ihm ein Gedanke zu kommen, und er trat rasch auf den Staatsanwalt zu.

Hört mal, ihr seid wohl Kameraden und wollt fliehen? rief er und legte dem Beamten die Hand auf die Schulter.

Laß mich zufrieden und geh zum Teufel! rief Franck-Carré heftig. Siehst du nicht, daß es brennt?

Zum Teufel ginge ich sehr gern! murmelte der Gefangene zurücktretend, und Franck-Carreé steckte den Kopf durch das Gitter.

He, Schildwache, rief er hinunter, ich bin der Staatsanwalt. Ruft nach Hilfe, ruft die Pompiers!

Zurück! hörte man die Stimme der Wache heraufschallen. Zurück, oder ich schieße!

Aber ich bin ja der Staatsanwalt, mein Name ist Franck-Carré! antwortete der Beamte noch heftiger.

Ein Schuß und eine Kugel, die dicht über dem Kopf des Staatsanwalts in das Fenster schlug, war die einzige Antwort. Die Scherben fielen klirrend nieder, der Gefangene lachte mit höhnischer Freude auf, und Franck-Carré sprang totenbleich mitten in das Zimmer zurück. Der Kapitän dagegen trat rasch an das Fenster.

Ehe er wieder geladen hat, will ich einen Blick hinauswerfen! rief er hastig. Da ist der Kanal, ungefähr sechs Schritte von der Mauer. Da drüben steht eine Menge Menschen, ich glaube die Pompiers zu sehen. Sei nicht töricht, Kamerad! rief er dann zu dem Wachtposten hinab. Ich bin Kapitän Morel von den Spahis, und der Staatsanwalt ist wirklich bei uns. Es brennt im Gebäude! Rufe lieber nach Hilfe, anstatt zu schießen.

Aber die Wache schien den Worten nicht zu glauben. Die Instruktionen waren streng und gemessen. Kaum daß Morel Zeit hatte, seinen Kopf zurückzuziehen, und abermals schlug eine Kugel in das Fenster.

Das ist ein Dummkopf! rief der Kapitän lachend. Gewiß ist er aus der Provinz. Nun, Herr Staatsanwalt, unsere Sache scheint schlecht zu stehen, und ich glaube, Sie hätten in Ihrem eigenen Interesse besser daran getan, meine Unterredung mit jenem Herrn nicht zu stören.

Der Staatsanwalt murmelte einige Worte vor sich hin. Der Gefangene hatte sehr aufmerksam gelauscht. Wenn er so listig war, wie seine Züge beimuten ließen, so mußte er aus Morels Worten entnommen haben, daß auch dieser ein Gefangener war. Er beobachtete den Kapitän mit gesteigerter Neugierde.

Draußen tobte und heulte und wimmerte es! Man hörte die Flammen prasseln, die Balken stürzen, ein wüstes Getümmel erfüllte das ganze Gebäude, die Hitze wuchs, zuweilen wälzten sich Dampfwolken in die Zelle, der hintere Flügel schien bereits vom Feuer erfaßt zu sein. Morel fühlte große Schweißtropfen von seiner Stirn rinnen.

Jetzt hörte man unten das Klirren von Waffen und eisernen Gerätschaften, dann Kommandorufe.

Es sind die Pompiers! rief Franck-Carré aufatmend. Noch zehn Minuten, und wir sind gerettet!

Gerettet! Ich hoffentlich auch, murmelte der Gefangene leise. Maximilian Morel eilte an das Fenster.

Hierher, meine Freunde! rief er. Der Herr Staatsanwalt befindet sich hier! Zu Hilfe! Ah, ein braves Korps! Jetzt setzen sie über den Kanal! Da haben sie ihre Leitern und Stricke! Hierher, Kameraden!

Aber mit der Stimme Morels zugleich ertönte derselbe Hilferuf aus den Fenstern aller anderen Zellen, die nach der Seite des Kanals hinaus lagen. Man hörte das Geschrei schauerlich durch die Nacht klingen.

Heiliger Gott! rief Morel, der immer noch am Fenster stand. Es scheint in dem unteren Stock zu brennen. Der Dampf quillt aus den Fenstern. Wenn die Leute nicht eilen, so sind wir verloren. Und es wird Zeit kosten, die Eisenstäbe durchzufeilen. Und drei Stock hoch, da reicht keine Leiter aus. Gott sei uns gnädig!

Als er sich umwandte, stand der Gefangene neben ihm. Seine Augen funkelten. Sein blasses Gesicht, das jahrelang keine andere Luft als die des Kerkers geatmet zu haben schien, war von der fliegenden Hitze der Aufregung gerötet und trug einen wilden, entschlossenen Ausdruck. Er ergriff mit der Hand einen von den Eisenstäben.

Was diese hier anbetrifft, sagte er, so ist das eine Kleinigkeit. Ich habe das meinige getan.

Und mit einem wilden Lachen rüttelte er an dem Stabe, der sogleich zusammenbrach.

Jetzt ist Platz, durch eine solche Öffnung kommt man schon durch! sagte er und behielt den Eisenstab in der Hand. Wir sind ja alle schlank. Natürlich werden mir die Herren den Vortritt lassen.

Franck-Carré sah den Gefangenen finster an, wagte aber nicht zu widersprechen. Er fühlte sehr gut, daß jetzt die Bande des Gesetzes und der Disziplin gelockert seien, und daß jede menschliche Natur in einer solchen Lage das äußerste daran setzen mußte, das Leben zu retten. Auch Morel und der Fremde schwiegen.

Der Kapitän hatte übrigens recht gehabt. Man sah außen Dampfwolken aufwirbeln, die aus dem unteren Stockwerke zu kommen schienen. Diese Rauchwolken versperrten die Aussicht. Man sah nichts mehr von den Pompiers, man hörte nur ihre Kommandorufe. Jetzt legte sich der Gefangene zum Fenster hinaus.

Hierher, zur Hilfe! rief er mit einer Donnerstimme. Hier befindet sich der Herr Staatsanwalt!

Wir werden ein Tau hinaufwerfen! Paßt auf! rief es von unten. Jetzt! Achtung!

Du sollst die Freiheit haben, wenn du das Tau fängst! rief Franck-Carré.

Ich danke! erwiderte der Gefangene kurz und höhnisch. Man hörte einen Gegenstand an die Mauer schlagen. Der Gefangene griff hinaus. Aber er hatte das Tau nicht gefaßt. Wahrscheinlich hatten es die Pompiers schlecht geworfen.

Die Gefahr wuchs jetzt mit jeder Minute. In der Zelle eine höllische Glut, draußen Dampf und finstere Nacht. Wieder griff der Gefangene hinaus. Er schien etwas erfaßt zu haben.

Ich habe es, meine Herren! rief er triumphierend. Nun adieu!

Rasch befestigte er den eisernen Haken, der sich an dem oberen Ende des Taues befand, an der Fensterbrüstung, nahm den Eisenstab zwischen die Zähne, schwang sich in das Fenster und verschwand.

Er wird nicht weit kommen! sagte Franck-Carré. Sie werden ihn unten festhalten.

Die drei Männer drängten sich an das Fenster, um zu sehen, ob der Gefangene glücklich den Boden erreichte. Aber alles war Dampf und Finsternis. Das Tau war straff, dann wurde es wieder lose.

Rasch, rasch! rief es von unten. Das Feuer schlägt aus den Fenstern! Das Tau versengt!

Eilen Sie, Herr Staatsanwalt! rief der Fremde. Ihnen gebührt das Vorrecht. Vorwärts!

Die Gefahr gab dem Staatsanwalt, der sich nicht mehr in der Blüte der Jugend befand, Kraft und Gelenkigkeit. Er kletterte auf die Fensterbrüstung und ergriff das Tau. Dann verschwand er. Eine Minute darauf hörten die beiden Zurückgebliebenen einen Schrei und das Tau zitterte und schwankte.

Er wird losgelassen haben und gestürzt sein! sagte Morel. Nun, mein Herr, schnell! Ich will der letzte sein.

Adieu! sagte der Fremde. Ich werde mich unter dem Namen Dupont in Ihrer Wohnung nach Ihnen erkundigen.

Bei diesen Worten ergriff er das Seil. Morel folgte ihm mit ängstlichen Blicken. Aber er schien sicher hinabgelangt zu sein. Wenigstens bemerkte der Kapitän nichts Auffälliges.

Nun schwang er sich selbst in die Fensteröffnung und ergriff das Tau. Von früher her gewöhnt an körperliche Übungen, war es ihm ein leichtes, schnell hinabzuklettern. Die Gefahr begann erst weiter unten. Dort brachen die Flammen bereits aus den Fenstern des untersten Stockwerks. Morel mußte hindurch. Wahrscheinlich war es dort gewesen, wo Franck-Carré das Seil losgelassen hatte und gestürzt war.

Auch der Kapitän wurde hier von der Hitze betäubt, das Tau wäre ihm beinahe aus den Händen geglitten. Er rutschte pfeilschnell die letzten zwanzig Fuß hinab. Unten angelangt, stürzte er.

Als er sich wieder aufrichtete, sah er den Staatsanwalt auf der Erde liegen. Einige Pompiers waren um ihn beschäftigt. Aber Morel konnte nur wenige Schritte weit sehen. Der schmale Raum zwischen der Mauer des Gefängnisses und dem Kanal war in heiße Dampfwolken gehüllt. Er suchte den Fremden und glaubte ihn in einiger Entfernung zu sehen. Er eilte ihm nach. Aber plötzlich fühlte er einen heftigen, betäubenden Schlag, wie von einer Eisenstange auf den Hinterkopf, taumelte zu Boden und verlor die Besinnung.

Als er wieder zu sich kam, befand er sich inmitten eines Vierecks von Soldaten, die eine Schar Gefangener bewachten. Er fühlte einen dumpfen und heftigen Schmerz an seinem Hinterkopf, und als er mit der Hand dort hinfaßte, zog er sie blutig zurück. Zugleich fiel es ihm auf, daß er jetzt mit einer Gefängnisjacke bekleidet war. Verwundert richtete er sich auf und sah sich um. In einiger Entfernung bemerkte er einen hellen Schein und eine Menge Menschen. Das war das brennende Gefängnis. Er wollte nach seiner Uhr sehen; sie fehlte ihm. Er griff nach der Tasche seines Rockes – aber er hatte den Rock nicht mehr. Erstaunt schüttelte er den Kopf, Er fühlte jedoch, daß es unnütz sein würde, Fragen an die Soldaten zu richten. Nur für seine Wunde wollte er einen Verband haben.

Kamerad, sagte er zu einem Soldaten, ist kein Wundarzt hier? Ich habe eine Blessur am Hinterkopf.

Wer ist sein Kamerad? antwortete der Soldat mürrisch. Hier ist kein Wundarzt. Das wird sich später finden.

Der Kapitän setzte sich wieder auf die Erde, denn der Schmerz raubte ihm beinahe die Besinnung und er fürchtete zu fallen. Eine halbe Stunde ungefähr verging, dann kam ein Offizier und sagte:

Das Feuer ist gedämpft oder kann wenigstens nicht weiter um sich greifen. Führen Sie die Gefangenen durch das hintere Tor auf den Gefängnishof und lassen Sie niemand entwischen!

Morel erhielt einen Kolbenstoß und raffte sich auf. Er schwankte vorwärts. Einer von den Gefangenen schien Mitleid mit ihm zu haben und reichte ihm den Arm. Sie schritten durch ein Tor. Dann befand sich der Kapitän auf dem Hofe des Gefängnisses. Eine noch größere Schar von Soldaten umgab hier die Gefangenen.

Morel vermochte nicht zu denken. Er fühlte nur seine Wunde. Zuweilen durchzuckte ihn der Gedanke, daß es ihm doch nicht gelungen, zu fliehen, und er seufzte. Jetzt traten die Gefangenwärter vor. Die Nummern, die sich auf den Jacken der Gefangenen befanden, wurden besichtigt und jeder einzeln abgeführt.

Nr. 36! sagte der eine Wärter, einen Blick auf Morels Jacke werfend. Aha, ich weiß schon! Das ist der Schlingel, der dem armen Ballard so viel zu schaffen machte. Am Ende hat er ihn totgeschlagen.

Lieber Freund, sagte Morel, seine ganze Kraft zusammennehmend, ich bin nicht Nr. 36. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Jacke komme. Ich bin der Kapitän Morel. Der Herr Staatsanwalt kann es bezeugen.

So? Wir haben keinen Kapitän Morel in unseren Listen, erwiderte der Wärter höhnisch. Das wird sich zeigen. Der Herr Staatsanwalt ist übrigens gefährlich gestürzt und jetzt vielleicht schon tot.

So kann der Schließer bezeugen, daß ich Kapitän Morel bin, sagte Max. Ich wohnte in Nr. 29.

Er wohnte dort? Sehr gut! rief der Wächter lachend. Der Schließer! Jawohl, der arme Ballard ist tot oben gefunden worden. Einer von den Hunden hat ihn erschlagen, vielleicht du selbst! Vorwärts, Marsch! – – –

»Ein heftiger Brand hat in der Nacht den mittleren Flügel des Gefängnisses am Bièvre-Kanal zerstört. Wir kennen die Einzelheiten noch nicht genau. Doch versichert man, daß keiner von den Gefangenen entflohen und keiner verbrannt oder beschädigt sei. Dagegen ist ein anderes Unglück zu beklagen. Der Staatsanwalt, Herr Franck-Carré, der sich zu jener Zeit, um einen der Gefangenen zu vernehmen, in dem Gebäude befand und nicht anders als durch ein hinaufgeworfenes Seil gerettet werden konnte, ist, als er beinahe die Erde erreicht hatte, gestürzt und hat sich schwer verwundet. Außerdem ist der Schließer Ballard, wahrscheinlich als er die Zellen der Gefangenen öffnete, erschlagen worden. Der Verdacht trifft den berüchtigten Etienne Rablasy, der sich jedoch glücklicherweise noch in den Händen der Gerechtigkeit befindet, da es ihm nicht gelang, zu entfliehen.«

Wie? Was ist das? sagte Don Lotario vor sich hin. Reblasy, so nannte sich ja jener Kerl, und wenn er derselbe ist, so ist er gewiß entflohen. Weshalb sollte ein anderer Mensch den Namen dieses Mörders annehmen?

Der junge Mann dachte einige Minuten lang über diesen Umstand nach. Dann aber kam sein Diener, um ihm bei der Toilette zur Hand zu sein, und Don Lotario vergaß über dem, was ihm der Tag bringen sollte, die Ereignisse der Nacht.

Einstweilen erwog er, ob er die Erlaubnis, die ihm Therese gegeben, benützen und sie besuchen solle. Er hätte es gern getan, aber er überlegte. Das Leben in Paris war nicht ohne allen Einfluß auf ihn geblieben. Er hatte bereits gelernt, seinem Herzen zu mißtrauen und mehr zu überlegen, als vielleicht nötig war. Auch dachte er jetzt bereits nüchterner über sein nächtliches Abenteuer. Interessant war seine Bekanntschaft gewiß, aber manches Interessante hatte auch seine gefährlichen Seiten.

Zur rechten Zeit erinnerte er sich jedoch daran, daß ihm Therese gesagt, sie kenne den Abbé Laguidais. Der Abbé war ein bejahrter, in Paris sehr bekannter und geachteter Mann. Auch er mochte in seiner Jugend weltliche Torheiten gekannt haben, um so mehr, da seine Ansichten in jeder Beziehung sehr weltlich waren – jetzt aber ließ sich kaum annehmen, daß er in einem anderen als freundschaftlichen Verhältnisse zu dieser jungen Dame stehe. Don Lotario wollte sich vorher bei dem Abbé nach ihr erkundigen.

Der elegante Mietswagen hielt, wie immer, Punkt zwölf Uhr vor der Tür. Don Lotario lebte gut, aber er war kein Verschwender. Er hatte die Absicht, daß seine zwanzigtausend Dollars für seinen Aufenthalt in Europa genügen sollten. Er wollte dem Lord Hope zeigen, daß er würdig sei, einen solchen Beschützer zu haben.

Der Wagen fuhr über die Boulevards; sie waren ziemlich leer. Don Lotario traf keinen Bekannten. Er ließ sich nach dem Café Tortoni fahren. Der erste, den er dort sah, war Loupert, der die Zeitung las.

Loupert blickte auf. Don Lotario war noch unentschieden, ob er ihn grüßen solle oder nicht. Wahrscheinlich aber hätte seine natürliche Gutherzigkeit gesiegt, und er hätte die Bekanntschaft mit dem Baron wieder erneuert, wenn nicht Loupert selbst getan hätte, als kenne er den Spanier nicht mehr. Er blickte gleichgültig wieder auf seine Zeitung, und Don Lotario bestellte sein Frühstück, ziemlich verdrießlich über seine Begegnung mit diesem Menschen, den er jetzt verachtete.

Ein anderer Bekannter gesellte sich zu dem jungen Spanier, und bald hatte Don Lotario alles andere vergessen. Plötzlich sah er jedoch einen Mann eintreten, den er schon gesehen zu haben glaubte. Er war gewählt und stutzerhaft gekleidet, und das silbergraue Beinkleid belehrte den Spanier, daß er nicht irre, obgleich er kaum seinen Augen zu trauen wagte. Der Eintretende war niemand anders, als Herr Etienne Rablasy, der Flüchtling.

Noch war Don Lotario von Rablasy nicht bemerkt worden, und er hatte Zeit, auf seinen Teller zu blicken und seine Überraschung zu verbergen. Diese Frechheit war groß! Lotario konnte keinen Augenblick daran zweifeln, daß der Mensch, den er die Nacht über bei sich beherbergt, ein Dieb, ein Räuber sei. Er hatte es natürlich gefunden, daß dieser Mensch eine andere Kleidung gewählt. Aber an diesem Orte zu erscheinen, dem Versammlungsplatze der feinen Welt – das ging über das Verzeihliche hinaus, und Don Lotario überlegte einige Minuten lang ernsthaft, ob er nicht am besten tun würde, nach der Polizei zu schicken und den Flüchtling verhaften zu lassen. Junge Leute aber sind stets großmütig und mitleidig, selbst da, wo sie es nicht sein sollten, Don Lotario hielt es für überflüssig, sich in diese Angelegenheit zu mischen. Er blieb auf seinem Platze. Dennoch war ihm die Gegenwart dieses Menschen unbehaglich, und er wagte kaum, seine Blicke zu erheben. Es ging ihm, wie den meisten ehrlichen Leuten; er schämte sich anstatt des anderen. Endlich aber ermannte er sich und blickte um sich.

Rablasy mußte ihn jetzt längst bemerkt haben, und in der Tat grüßte er Don Lotario, aber so artig und höflich, daß sich der junge Mann genötigt sah, diesen Gruß, wenn auch schwach, zu erwidern. Noch weniger Lust hatte der junge Mann, sich mit Rablasy in ein Gespräch einzulassen, und es war immerhin möglich, daß der Unverschämte ihn anzusprechen wagte. Er erhob sich also schnell, verließ das Café und fuhr nach der Wohnung des Abbés Luguidais.

Der Abbé, der sonst regelmäßig bis vier oder fünf Uhr zu sprechen war, hatte heute ausnahmsweise ausgehen müssen. Erwarten wollte ihn Don Lotario nicht. Sollte er zu Mademoiselle Therese fahren, ohne nähere Auskunft über sie zu haben? Er wollte es wagen.

Das Haus, in welchem die Dame wohnte, war nicht leicht zu verkennen. Es war das größte in der Nachbarschaft.

Mademoiselle Therese zu Hause? fragte er den Portier, der schläfrig in seinem Zimmer saß.

Ich glaube, mein Herr. Wollen Sie sich eine Treppe hoch bemühen!

Don Lotario ging hinauf. Das Haus war elegant, nicht gerade zu elegant, um die Wohnung einer »verdächtigen« Dame zu sein, aber doch wieder zu einfach und zu sauber, um einen solchen Gedanken aufkommen zu lassen. War Therese wirklich eine »Verlorene«, so mußte sie es jedenfalls verstanden haben, die höchsten Güter des Weibes um einen hohen Preis zu verkaufen. Das Treppengeländer war aus schön geschnitztem Eichenholz, die Stufen mit Teppichen bedeckt. Don Lotario klingelte.

Mademoiselle Therese zu sprechen? fragte der junge Mann die freundliche Dienerin.

Ihr Name, mein Herr?

Don Lotario de Toledo.

Treten Sie ein, wenn es Ihnen gefällig ist. Madame ist in ihrem Boudoir.

Der junge Mann hatte nicht die plebejische Gewohnheit, mit den Dienerinnen zu sprechen. Aber hier drängte sich ihm eine Frage auf.

Hat die Dame mich etwa erwartet, mein schönes Kind? fragte er.

Das weiß ich nicht, antwortete die Dienerin. Aber Madame hat mir Ihren Namen genannt – heute früh – und das genügt.

Gut, dachte Lotario bei sich selbst, ich bin erwartet worden! Die Dienerin nennt sie Madame – aber so nennt man in Frankreich jede Dame. Sie ist in ihrem Boudoir. Mein Schicksal wird sich entscheiden!

Er ging weiter. Das Zimmer, das er betrat, war im feinsten Geschmack ausgestattet, überhaupt hatte die Wohnung nicht das Ansehen einer gemieteten, die man nur auf kurze Zeit bewohnt. Eine geschickte und sinnige Hand schien die Einzelheiten geordnet zu haben. Die Wohnung mußte der Dame gehören. Diese Überzeugung erhöhte das Interesse des jungen Mannes.

Therese war allein. Sie saß an einem kleinen Tische am Fenster, in einem leichten und eleganten Morgenanzuge.

Aber Don Lotario erschrak. Mitten in der Verbeugung, mitten in seiner Anrede hielt er inne. Das Gesicht der jungen Dame war leichenblaß, ihr Auge starr und gläsern, ihre Hände konvulsivisch zusammengepreßt. Sie bemerkte den Eintretenden nicht oder wollte ihn nicht bemerken. Kein Zug in ihrem Gesicht veränderte sich, sie erhob sich nicht, ihre Lippen waren krampfhaft geschlossen. Lotario glaubte eine Leiche zu sehen, kein lebendes Wesen.

Mein Gott! rief er. Was ist Ihnen? Sind Sie krank? Ich werde Ihre Diener rufen.

Keine Antwort. Don Lotario zweifelte nicht länger, daß Therese wirklich krank sei, daß sie sich in einer Art von Starrkrampf befinde. Eine Täuschung, selbst eine absichtliche, konnte hier nicht obwalten. Er sah einen Klingelzug und zog heftig daran, dann suchte er nach Wasser, nach einer belebenden Essenz.

Madame ist krank! Sie hat einen ihrer Anfälle! rief die Dienerin, die jetzt in das Zimmer stürzte. Aber es wird vorübergehen, ich hoffe es. Ich bitte Sie, verlassen Sie auf einige Minuten das Zimmer, mein Herr! Nur auf einige Minuten.

Der Spanier trat zurück. Das war ein seltsamer, beinahe schrecklicher Anfang. Unruhig ging er im Nebenzimmer auf und nieder, während noch eine andere Dienerin kam. Vielleicht hätte er sich ganz zurückziehen müssen. Aber er war unruhig, er wollte wissen, ob dieser Anfall glücklich vorübergegangen sei. Er sah noch immer das geisterbleiche Gesicht, das starre Auge, und ein tiefes Mitleid mischte sich in das flüchtige Interesse, das er bisher für die Dame empfunden hatte. Unterlag sie öfter solchen Anfällen? Hing das zusammen mit ihrer düsteren Gemütsstimmung? Er bedauerte sie. Seine Teilnahme wuchs. Ein leidendes, blasses Gesicht in dem Dämmerlicht eines Krankenzimmers erregt oft mehr unsere Sympathie, als brennende Wangen und leuchtende Augen in einem glänzenden Ballsaal. Er beschloß, zu bleiben.

Ungefähr zehn Minuten verstrichen, während Lotario schnell auf und ab ging.

Sie sind noch da, Herr Lotario? sagte die eine Dienerin, die jetzt eintrat. Das ist schön. Madame wünscht Sie zu sprechen.

Wirklich? rief der Spanier. Aber hat sie sich auch vollständig wieder erholt? Ich bin nur hier geblieben, um Gewißheit darüber zu haben. Sagen Sie Madame, daß ich Sie nicht belästigen will. Nur, wenn sie ganz wohl ist.

Der Anfall ist vorüber, und Madame wünscht ausdrücklich. Sie zu sprechen! sagte die Dienerin.

Als Don Lotario in das Boudoir trat, saß Therese auf dem Sofa. Ihr Gesicht war noch immer sehr blaß, sehr erschöpft. Man sah in jedem ihrer abgespannten und matten Züge die Spuren der schrecklichen Krisis. Aber ihr Auge hatte jene furchtbare Starrheit verloren, die den jungen Mann vorher so sehr erschreckt. Es war sanfter und milder, wenn auch nicht frisch und glänzend.

Verzeihen Sie, Don Lotario. sagte sie, und er bemerkte, daß sie sich absichtlich bemühte, ihre Schwäche zu verbergen – verzeihen Sie, daß ich Sie nicht auf bessere Weise empfing. Die Schuld ist freilich nicht mein. Ich bin zuweilen ein Opfer dieser Anfälle, die ihren Grund in meinen Nerven haben. Setzen Sie sich. Sie haben meine Wohnung gefunden?

Wie sollte ich nicht? Ich hatte mir das Haus genau gemerkt, antwortete Lotario. Aber ich bitte Sie, Madame, legen Sie sich keinen Zwang auf, der Ihnen schaden könnte. Wenn Sie der Ruhe bedürfen, so entferne ich mich sogleich. Sie erlauben mir vielleicht, ein andermal zurückzukehren und mich nach Ihnen zu erkundigen.

Nein, bleiben Sie, wenn es Ihnen sonst recht ist, sagte Therese. Sobald es vorüber ist, bin ich wieder so kräftig wie vorher. Leider bin ich selbst schuld daran. Gewisse Erinnerungen an die Vergangenheit, die ich oft mit Gewalt heraufbeschwöre, genügen, um mich in jenen Zustand zu versetzen. Ich weiß es, und ich sollte mich davor hüten. Aber manchmal zwingt mich ein dämonischer Zauber, in meinen eigenen Erinnerungen zu wühlen, so lange, bis mich jene entsetzliche Starrheit ergreift, und ich glaube vor den Pforten des Todes zu stehen. Sie haben mich in meinen schlimmsten Augenblicken gesehen – fügte sie mit einem Lächeln hinzu – die Koketterie, die wir ja alle mehr oder weniger besitzen sollen, zwingt mich also, mich Ihnen auch in besseren Momenten zu zeigen. Nicht wahr, ich war häßlich? Ich war ein Bild des Todes, der Krankheit?

Sprechen Sie nicht davon! rief Lotario mit aufrichtiger Teilnahme. Ich war tief ergriffen. Wie können Sie noch darüber scherzen wollen? Wie können Sie glauben, daß ein Mensch von Gefühl bei diesem Anblick etwas anderes empfunden hätte, als den tiefsten Schmerz und die innigste Teilnahme!

Indessen überhob ein Zwischenfall den jungen Mann der Mühe, diese Unterredung fortzusetzen, die ihm peinlich geworden war, aber freilich sein Interesse für die Dame noch erhöht hatte. Eine Dienerin fragte, ob Madame für den Herrn Grafen zu sprechen sei.

Gewiß, antwortete Therese – wenn Don Lotario es wünscht, die Bekanntschaft des Grafen Arenberg zu machen!

Arenberg? sagte Lotario. Wenn ich nicht irre, habe ich den Namen schon bei dem Abbé Laguidais gehört.

Das ist wohl möglich, erwiderte die Dame. Graf Arenberg ist mein väterlicher Freund, mein Beschützer.

Ein alter Herr von mindestens sechzig Jahren – vielleicht viel darüber – trat ein. Er war ohne Hut und Überzieher, sein Anzug verriet, daß er in dem Hause wohne. Seine Figur war schlank, mittelgroß und hager, sein Wesen fein und aristokratisch, sein Gesicht blaß und zart, sein Haar lang und schneeweiß. Niemals hatte Don Lotario ein Gesicht mit einem milderen, ruhigeren Ausdruck gesehen. Das blaue Auge des Grafen war fast überirdisch rein und klar. Es glänzte noch so lebhaft, als sei der Graf ein Jüngling. Und doch war seine Haltung schon gebückt.

Graf Arenberg, aus Deutschland – Don Lotario de Toledo, aus Mexiko, sagte Therese, die Herren einander vorstellend. Bis jetzt war es mir noch nicht vergönnt, zwei Herren aus so verschiedenen Gegenden der Welt in meinem Zimmer zu sehen.

Der Graf verbeugte sich sehr artig gegen Don Lotario, wandte sich dann aber sogleich und mit großem Interesse zu Therese.

Sie sind krank gewesen, meine Freundin, sagte er sanft, und seine Stimme klang wie Musik. Sie haben einen Ihrer traurigen Anfälle gehabt. Wann werden Sie aufhören, sich selbst zu quälen? Wann werden Sie endlich ruhig werden?

Nie, nie, mein werter Freund! antwortete Therese mit einem schwachen Lächeln. Doch Sie sehen, es ist vorüber!

Ich bin Ihnen dankbar, Don Lotario, daß Sie Mademoiselle Therese in eine bessere Stimmung versetzt haben, sie lächelt wenigstens! sagte der Graf, sich zu dem jungen Spanier wendend. Nein, nein, Therese, Sie dürfen nicht mehr mit dem Abbé sprechen! Seine Anschauungen sind zu düster für Sie. Sie müssen heiterer werden. Ich bin wirklich froh, einmal einen jungen Mann bei Ihnen zu finden, dessen Gesicht nichts von jener Schwermut und nichts von jenem Weltschmerz verrät, die leider jetzt das Erbteil unserer ganzen Jugend zu sein scheinen!

In bezug auf den Abbé mögen Sie recht haben, Herr Graf, sagte Lotario. Mir kam derselbe Gedanke. Laguidais ist ein vortrefflicher Mann. Aber er scheint mir mehr dazu geeignet, die Heiteren und Sorglosen an den Ernst des Lebens zu erinnern, als die Unglücklichen zu trösten. Er ist selbst nicht einig mit sich und mit der Ordnung der Welt.

Das ist sehr wahr, sagte der Graf. Sie kennen also den Abbé. Ah, ich habe Ihren Namen dort gehört. Richtig. Sie kommen aus Mexiko. Sie sind dem Abbé von Lord Hope empfohlen. Er hat mit großer Anerkennung von Ihnen gesprochen.

Der Abbé ist sehr freundlich gewesen, sagte Lotario. Leider bin ich viel zu unerfahren, um seine Verdienste und Talente ganz würdigen zu können. In Lord Hope und in dem Abbé habe ich Männer kennengelernt, die mir den ganzen Abgrund meiner Unwissenheit gezeigt haben. Aber, Gott sei Dank, ich bin noch jung, ich kann noch lernen!

Wenn Sie diesen Gedanken haben, dann ist Ihnen schon geholfen! sagte der Graf. Besuchen Sie Mademoiselle Therese nur recht oft. Sie scheinen heiter und froh, Ihr Herz ist gewiß noch nicht zerrissen. Therese braucht solche Männer. Der Abbé und ich – wir sind viel zu alt für sie, und gegen junge Leute hat sie eine unbegreifliche Abneigung.

Dann darf ich mir wenig von meinen Bemühungen versprechen, selbst wenn ich sie wagen wollte, sagte Lotario lächelnd. Und sind Sie denn überzeugt davon, daß Mademoiselle Therese mich zu ihrem Seelenarzt annehmen will?

Ich erlaube Ihnen wenigstens, den Versuch zu machen, mich zu heilen, sagte Therese. Mehr kann ich doch nicht tun!

Das heißt, Sie erlauben mir, Sie öfter zu besuchen? fragte Lotario.

Ich werde es gern sehen, wenn Sie oft und zu jeder Zeit, die Ihnen recht ist, kommen, sagte Therese.

Gut denn! Es sei! rief der junge Mann, dem der heitere Ton weit mehr zusagte als ein düsteres Gespräch.

Sie wurden dem Abbé von Lord Hope empfohlen, also kennen Sie diesen wohl näher? fragte ihn jetzt der Graf.

Ich kenne ihn, antwortete Don Lotario, und doch ist das wohl zuviel gesagt. Der Lord scheint mir ein Mann, dessen Wesen schwer zu ergründen ist. Jedenfalls ist es der außerordentlichste Mann, den ich je kennengelernt.

Erzählen Sie uns von ihm, sagte Therese. Sie erwähnten seinen Namen in der Nacht nur flüchtig.

Der junge Spanier war gern bereit, das wenige zu erzählen, was er von dem Lord wußte. Seine Erzählung erregte jedoch trotz ihrer Kürze das Interesse der beiden Zuhörer.

Sagen Sie mir, ist der Graf verheiratet? fragte Therese, als Don Lotario seinen Bericht beendet.

Merkwürdig, daß das beinahe immer die erste Frage ist, rief der Spanier lachend. Ich kann Ihnen leider keine Auskunft darüber geben, Mademoiselle. Er wich einer Frage, die ich deshalb an ihn richtete, aus. Doch vermute ich beinahe, daß er sein Kastell mit einem weiblichen Wesen teilt, und ich gestehe, ich hätte die Dame sehen und kennen mögen, die ein Lord Hope seiner Liebe für würdig hält.

Dann verabschiedete sich der Graf, indem er sagte: Adieu, mein Kind. Ich bin zufrieden, daß Sie wieder wohl sind. Ich habe ein Geschäft jenseits der Seine und muß Sie verlassen. Adieu, Don Lotario, auf baldiges Wiedersehen! Und vergessen Sie nicht, wenn Sie einmal Mademoiselle Therese nicht antreffen sollten, nach mir zu fragen!

Don Lotario verbeugte sich höflich und gab dem Grafen die Versicherung, daß er dies tun werde. Arenberg ging, nachdem er noch einen Blick zärtlicher Teilnahme auf das junge Mädchen geworfen.

Kaum war er gegangen und Don Lotario dachte eben entweder an die Anknüpfungspunkte für ein neues Gespräch, oder an die Einleitung zum Abschied, als die Dienerin die Baronin Danglars anmeldete.

Sie ist willkommen! antwortete Therese. Kennen Sie die Baronin, Don Lotario?

Nein, antwortete der junge Mann. Gehört sie zu Ihren Freundinnen?

Ja, es ist sogar die einzige, die ich in Paris besitze, antwortete Therese. Sie ist bedeutend älter als ich und hat viel Kummer gehabt. Nach Ihrer Ansicht müßte ich also den Umgang mit ihr abbrechen. Es ist eine liebenswürdige, geistreiche Frau, und gerade, daß sie Kummer gehabt hat und vielleicht noch hat, macht sie mir lieb.

Die Baronin trat ein. In ihrem schwarzen Anzuge – sie trug fast immer Schwarz – sah sie noch blasser, vielleicht auch älter aus als gewöhnlich, und an diesem Morgen war sie so bleich, wie Therese sie nie gesehen. Selbst ihr Schritt war langsam und schwer. Die Baronin schien heute eine Matrone zu sein.

Mein Himmel, Baronin, wie leidend sehen Sie heute aus! rief Therese ihr entgegen. Was ist Ihnen widerfahren?

Und sie schien willens zu sein, aufzustehen und ihr entgegenzueilen. Aber ihre Kräfte waren noch zu schwach. Sie sank zurück.

Bleiben Sie, bleiben Sie! sagte Madame Danglars, sich neben sie setzend. Ich habe eine schlechte Nacht, eine sehr schlechte Nacht gehabt. Das kommt wohl zuweilen vor, und in meinem Alter überwindet man das nicht so leicht. Aber es wird bald vorübergehen. Ich glaubte, Sie seien allein oder der Graf sei bei Ihnen. Ich hoffe doch, daß ich nicht störe.

Therese machte Don Lotario und die Baronin miteinander bekannt. Madame Danglars betrachtete den schönen jungen Mann nicht ohne eine gewisse Neugierde. Don Lotario erregte stets die Aufmerksamkeit der Damen. Aber daß er sich hier in diesem Zimmer befand, mochte ihn der Baronin noch interessanter machen. Gewiß kannte sie die Ansichten Theresens und ihr Herz. Er mochte der erste junge Mann sein, den sie bei ihrer jungen Freundin gesehen.

Es schien Don Lotario indessen, als habe sie eine vertrauliche Unterredung mit Therese gesucht, und da ohnehin die Zeit gekommen war, in der er sich schicklicherweise entfernen mußte, so erhob er sich.

Therese bat den jungen Mann, seinen Besuch zu wiederholen, und Don Lotario versicherte, er werde kommen. Aber es schien, als sei das Versprechen seinerseits aufrichtiger als die Bitte Thereses. Er erhielt noch eine Einladung von Madame Danglars für einen der nächsten Abende und nahm sie an. Dann ging er.

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