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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 5
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typefiction
authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Mutter und Sohn

Der Salon war leer. Die Baronin kehrte nach ihrem Zimmer zurück. Die Blässe ihres Gesichts hatte sich noch nicht verloren. Sie ließ sich halb entkleiden. Dann wollte sie allein sein. Ihre Kammerfrau verließ sie.

Sie saß, den Kopf auf die Hand gestützt, und schien tief nachzusinnen. Zuweilen hob sich ihre Brust höher und schien einem leisen Seufzer Raum zu geben. Dann versuchte sie, in einem Buche zu lesen, legte es aber bald beiseite.

ES klopfte leise. Das war ein Zeichen, daß die Kammerfrau sie sprechen wollte. Sie rief herein.

Mein Gott, ich habe doch gesagt, daß man mich allein lassen solle! rief Madame Danglars. Was gibt es?

Soeben ist noch diese Karte abgegeben worden, mit dem dringenden Ersuchen, sie Madame zu überreichen.

Die Baronin nahm die Karte etwas befremdet und näherte sie der Kerze; dann zuckte sie plötzlich zusammen. Beinahe wäre die Karte ihrer Hand entfallen. Aber noch hielten ihre Finger krampfhaft deren eine Spitze.

Führen Sie den Herrn in das Boudoir, sagte sie dann tonlos. Ich will allein mit ihm sprechen.

Die Kammerfrau entfernte sich. Madame Danglars sprang auf. Sie schien nach Atem zu ringen. Sie griff sich mit der Hand an die Brust, sie machte einige Schritte vorwärts.

Mein Gott, was ist das? stöhnte sie schmerzlich. Und noch einmal blickte sie auf die Karte. Sie enthielt die Worte:

»Der Baron v. Louvert wünscht Madame Danglars in einer Angelegenheit zu sprechen, die den falschen Prinzen Cavalcanti betrifft. Er glaubt, der Frau Baronin wichtige Aufschlüsse geben zu können.«

Loupert? Wer ist dieser Baron Loupert? Ich habe nie etwas von ihm gehört, flüsterte die Baronin vor sich hin. Mut, mein armes Herz, die Zeit der Leiden ist noch nicht vorüber!

Sie nahm ein kleines Fläschchen, öffnete es und sog dessen Duft in raschen Zügen ein. Es mußte ein belebendes Mittel enthalten, denn die Wangen der Baronin färbten sich wieder ein wenig. Mit entschlossenem Schritte ging sie durch das anstoßende Zimmer und öffnete die Tür zu ihrem Boudoir.

Die Kammerfrau hatte nur eine brennende Kerze hineingestellt, und das kleine Gemach, mit jenem geschmackvollen Luxus ausgestattet, den die Pariserinnen jenen Räumen zu verleihen wissen, in denen sie ihre intimsten Bekannten empfangen, war nur matt erleuchtet. Madame Danglars trat ein und schloß die Tür hinter sich.

Bitte, setzen Sie sich, mein Herr, sagte die Baronin. Sie kommen in einer Angelegenheit, die mein Interesse erweckt, und obgleich ich nicht weiß, welche wichtigen Aufschlüsse Sie mir in dieser Beziehung zu machen haben –

Wozu diese Förmlichkeiten, Frau Mutter? unterbrach sie der junge Mann. Ich komme selbst, weil ich Ihnen natürlich die wichtigsten Aufschlüsse geben kann. Ich bin Andrea Cavalcanti, der einst beinahe das Glück gehabt hätte, Ihr Schwiegersohn zu werden, der Ihnen als Sohn aber nun um so näher steht.

Schon bei den ersten Worten, die er sprach, als sie den Klang seiner rauhen und unangenehmen Stimme vernahm, war Madame Danglars zusammengebrochen und auf einen Stuhl gesunken. Jetzt drückte sie ihr Tuch vor die Augen. Sie war halb ohnmächtig. Dieses Zusammentreffen hatte sie nicht erwartet!

Sie scheinen überrascht zu sein, Frau Mutter? fuhr Loupert fort. Ich hoffe, es ist keine unangenehme Überraschung. Haben Sie denn keinen Blick der Liebe für Ihr Kind, das Sie allein nicht verlassen hat, während alle anderen Sie verlassen haben?

Diese letzten Worte waren in einem so erkünstelten sentimentalen Tone gesprochen worden, daß sie jedem Dritten ein Lächeln abgelockt haben würden. Aber Madame Danglars war nicht in der Stimmung, zu lächeln. Dieser rohe Mensch, den sie schon damals mit Widerwillen in ihrem Hause gesehen, der später als Galeerensträfling, als Dieb, als Mörder entlarvt worden – dieser Mensch war ihr Sohn, das Kind ihrer verbrecherischen Verbindung mit Herrn von Villefort, dieses Kind, das sie seit seiner Geburt tot geglaubt und von dessen Dasein sie erst in jener gräßlichen Sitzung die erste Nachricht erhalten hatte!

Ich schwöre Ihnen, Madame, daß ich den Vorsatz faßte, ein ordentliches Leben zu führen. Ich veränderte meinen äußeren Menschen, wie Sie sehen, und beschloß, auch meinen inneren umzuwandeln. Ich hielt mein Geld zu Rate, nahm den Namen Baron von Loupert an und begnügte mich mit Börsenspekulationen und Spiel – zwei Beschäftigungen, von denen sehr viel ehrliche Leute leben. Das bin ich noch heute!

Mein Herr, sagte sie endlich mit tonloser Stimme und ohne ihn anzusehen, Sie sind ein Räuber, ein Mörder geworden, wie Sie selbst eingestehen. Verlangen Sie nicht, daß ich Sie als meinen Sohn anerkenne, weder vor der Welt noch in meinem Herzen. Mein Herz fühlt keine Liebe, nur Abscheu für Sie. Jetzt sagen Sie mir, weshalb Sie gekommen sind. Ich weiß, daß Sie nicht Kindesliebe zu mir führte.

Wirklich? fragte Loupert etwas überrascht. Aber Sie können recht haben, Frau Mutter! Indessen, wenn es auch nicht die Liebe war, so war es doch das Vertrauen, das ein Sohn zu seiner Mutter haben muß. Ich kam zu Ihnen, um Ihnen mein Herz auszuschütten. Sehen Sie, Frau Mutter, es ist eine verdammt schwere Aufgabe, ehrlich durch das Leben zu kommen, selbst wenn man an der Börse spekuliert und hoch spielt. Heute Abend führte mich der Zufall mit einigen Herren zusammen – feine und noble Herren – und ich verlor mein ganzes Vermögen im Spiel. Chateau Renaud und Debray waren unverschämt genug, mir ein Darlehen abzuschlagen – sie sollen daran denken.

Bei der Erwähnung des Namens Debray zuckte Madame Danglars zusammen.

Ich weiß nun wahrhaftig nicht, wovon ich morgen leben soll, fuhr Loupert fort. Außerdem habe ich morgen meinen Anteil an einer Partie Aktien zu bezahlen, und mein Kredit an der Börse ist ruiniert, wenn ich das nicht kann. Nichts war natürlicher, als daß ich in dieser äußersten Verzweiflung an Sie dachte. Aber es war auch nur die äußerste Verzweiflung – ich gebe Ihnen mein Wort darauf – und außerdem die Kindesliebe, die Sehnsucht – der Wunsch –

Also Sie sind gekommen, um Geld von mir zu holen? sagte Madame Danglars tonlos wie immer.

So etwas Ähnliches, ja! antwortete der Sohn. Eine kleine Summe wird mir genügen – fürs erste –

Madame Danglars versuchte aufzustehen. Es gelang ihr nicht, obgleich sie sich auf den Tisch stützte. Dann aber machte sie eine gewaltige Anstrengung, ihre Züge nahmen eine eiserne und fast übermenschliche Entschlossenheit an, sie erhob sich und verließ das Zimmer. Nach zwei Minuten kehrte sie zurück, übergab dem Baron ein Paket Banknoten und sank dann sogleich wieder auf ihren Sessel. Ihre Kräfte waren erschöpft.

Loupert nahm das Paket mit sichtlicher Freude und zählte es sogleich hastig durch.

Fünfzigtausend Franken! sagte er dann ziemlich mißmutig. Ich danke Ihnen, Frau Mutter. Man sagt, Sie seien eine reiche Frau. Bei meiner augenblicklichen Verlegenheit wäre mir das Doppelte der Summe lieber gewesen.

Ein andermal! erwiderte Madame Danglars, und die Töne drangen ihr nur mühsam über die Lippen. Ich habe nicht mehr bares Geld im Hause. Geben Sie mir Ihre Adresse, ich werde Ihnen dann das Fehlende schicken. Aber – mein Herr, mißbrauchen Sie das nicht! Niemals, niemals kann zwischen mir und Ihnen von einem verwandtschaftlichen Verhältnisse die Rede sein. Was ich jetzt tue – verstehen Sie mich wohl – das geschieht nur, um ihr Schweigen zu erkaufen. Ich habe leider noch so viel Scheu vor der Meinung der Welt, daß ich nicht als die Mutter eines solchen Sohnes gelten möchte. Mißbrauchen Sie meine Güte nicht! Denn da Herr von Villefort wahnsinnig und verschollen und der Graf von Monte Christo verschwunden ist, so werden Sie wohl schwerlich mit ihrem eigenen Zeugnis gegen mich auftreten können, und in meinem Herzen, das sage ich Ihnen, regt sich kein anderes Gefühl, als das des Abscheues gegen einen Galeerensträfling, einen Mörder.

Loupert biß sich auf die Lippen und steckte ärgerlich die Banknoten in die Tasche.

Nun, Frau Mutter, sagte er dann, sich erhebend, Sie sollen nicht über mich zu klagen haben. Sie werden sehen, daß ich ein guter Sohn bin. Meine Adresse befindet sich auf der Karte. Lassen Sie mich nicht zu lange warten.

Gehen Sie geradeaus, im Nebenzimmer ist Licht! rief die Baronin jetzt, so laut sie konnte. Meine Kammerfrau wird Sie zurückführen. Kommen Sie nie wieder zu mir, wenn ich Sie nicht rufen lasse!

Ja, vielleicht werden Sie mich noch rufen lassen! sagte Loupert finster und ingrimmig. Damit ging er.

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