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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 4
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typefiction
authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Im Palais Royal

Es war im Palais Royal, aber in einem geheimen Zimmer, denn die hier versammelte Gesellschaft hütete sich wohl, einem Fremden Zutritt zu gestatten. Die Zigarren dampften, die Gasflammen verbreiteten eine betäubende Hitze. Auf dem einen Tische standen Weinflaschen und Gläser, auf dem anderen lagen Karten und Geld.

Die Gesellschaft, die hier vereinigt war, gehörte zur besten von Paris. Es waren lauter junge Leute, wenigstens solche, die noch für jung gelten wollten. Es wurde gespielt, und zwar hoch.

Das Spiel war jetzt auf eine Zeitlang unterbrochen worden. Einzelne Herren saßen auf den Sofas, andere standen in Gruppen beieinander und plauderten über die Tagesneuigkeiten.

Eine dieser Gruppen wurde von vier Personen gebildet. Es waren Lucien Debray, Sekretär im Ministerium des Auswärtigen, der Graf Chateau Renaud, der seit einiger Zeit die diplomatische Laufbahn ergriffen hatte – aus Langerweile, wie er sagte – der Journalist Beauchamp, gefürchtet und bekannt wegen seiner scharfen Feder, und der Vicomte Franz von Epinay – letzterer ein blasser, junger Mann mit ausdrucksvollem Gesicht und einem Anflug von Melancholie, der einstige Verlobte Valentines.

Eine fünfte Person, ebenfalls ein junger Mann, stand etwas seitwärts von der Gruppe, scheinbar in Gedanken versunken und unbeschäftigt, es war Herr von Loupert.

Am anderen Tisch fing man jetzt wieder an zu spielen. Die jungen Leute gingen dorthin und nahmen an dem Spiel teil. Nur der Vicomte und der Journalist blieben auf ihrem Platze und betrachteten die anderen.

Wer ist dieser Baron Loupert? fragte Epinay. Ich habe früher nie etwas von ihm gehört.

Ich ebensowenig, antwortete Beauchamp. Vor ungefähr einem Jahre traf ich ihn zum erstenmal in einigen Kreisen. Wie ich hörte, ist er ein Adeliger aus der Provinz, der hier sein Vermögen bis auf eine kleine Summe verschwendet hat. Mit diesem Reste ist er an die Börse gegangen und hat dort sein Glück versucht.

Also ein Industrieritter. Er trägt eine Perücke, obgleich er noch ziemlich jung aussteht.

Wirklich, Sie haben recht, ich habe noch nicht darauf geachtet! rief Beauchamp halblaut. Dieses schöne schwarze Haar ist nicht echt. Es kontrastiert auch zu scharf mit seinem rötlichen Teint. Sehen Sie nur jenen Mexikaner an. Dessen Haar ist gewiß echt. Und was für Locken! Und welcher Teint! Das ist südliches Blut!

Ein schöner junger Mann, wirklich! Wer ist er? Er spricht geläufig, aber mit einem fremden Akzent.

Ich sagte Ihnen ja, es ist ein Mexikaner aus Kalifornien. Er heißt Don Lotario de Toledo und reist jetzt, entweder um sein Geld loszuwerden oder um sich auszubilden. Im Grunde ist es ja dasselbe. Er kam vor ungefähr einem Vierteljahr hierher und fand sogleich Eingang in die besten Familien. Er ist ein liebenswürdiger, naiver Mensch, dem man es bei den ersten Worten anhört, daß er zum erstenmal in Paris ist. Aber das gefällt hier. Er hat enormes Glück bei den Frauenzimmern. Auch muß er Geld haben, denn dieser Loupert hat sich an ihn herangemacht.

Das Spiel war lebhaft geworden. Es standen hohe Summen. Don Lotario hatte Glück, das Geld floß ihm zu. Loupert verlor und blickte mit geheimem Neide auf den jungen Spanier. Er lieh Geld von ihm, das ihm Don Lotario mit der größten Bereitwilligkeit gab. Auch das verlor er. Jetzt wich auch Lotarios Stern, und nach einer Viertelstunde saßen die beiden mit leeren Händen und leeren Taschen vor der Bank. Chateau Renaud und Debray waren die Gewinner gewesen.

Die Gesellschaft stand im Begriff, das Palais Royal zu verlassen. Loupert sah mißmutig und verstimmt vor sich hin, während Don Lotario sich nicht sehr um seinen Verlust zu kümmern schien, der übrigens nicht groß gewesen war.

Die jungen Leute verließen nun gruppenweise das Zimmer. Debray, Chateau Renaud und Beauchamp gingen zusammen.

Es muß das letztemal gewesen sein, daß dieser Loupert hier gewesen, sagte der Graf. Ich habe eine sehr üble Meinung von ihm.

Das ist auch meine Ansicht! bestätigte Debray. Und dieser Don Lotario?

Das ist ein ehrlicher und prächtiger Junge! sagte Beauchamp. Wir müssen ihn vor Loupert warnen. Was kann er dafür, daß sich der Mensch an ihn herangemacht? Er ist fremd, ein Neuling in Paris, Loupert wird ihn ruinieren!

Hatte nicht Don Lotario auch eine Empfehlung an den Abbé Laguidais? fragte Chateau Renaud.

Wohl, das ist sogar seine Hauptempfehlung, erwiderte Beauchamp. Deshalb kann man eben für ihn bürgen. Ich habe noch nie gehört, daß der Abbé Laguidais einen verdächtigen Menschen protegiert hätte.

Das ist wahr, sagte Debray. Und wie ich höre, besucht der Spanier den Abbé häufig. Wir wollen es dem Abbé sagen, daß er ihn vor Loupert und ähnlichen Leuten warnt.

Währenddessen gingen die beiden jungen Männer, um die sich diese Unterhaltung drehte, schweigend nebeneinander nach dem linken Seineufer, auf dem sich Don Lotarios Wohnung befand. Mitternacht war vorüber. Die Straßen waren schon ziemlich leer und wurden mit jeder Minute einsamer. Don Lotario pfiff eine Melodie und rauchte seine Zigarre. Loupert ging düster und mit gesenktem Kopfe neben ihm. Seine Hände waren geballt.

Lotario, unterbrach er das Schweigen, Sie müssen mir bis morgen Abend zehntausend Franken leihen.

Ich glaube, ich werde es wirklich nicht können, antwortete der Spanier offenherzig und gutmütig.

Zum Teufel, auch Sie machen Ausflüchte! rief der Baron aufbrausend. Sie müssen es, ich kann Ihnen nicht helfen.

Aber, liebster Freund, lassen Sie mich erst überlegen, ob ich es kann! erwiderte der Spanier etwas gereizt. Ich habe heute das Geld verloren, das bis zu Ende dieses Monats reichen sollte. Zu Hause habe ich noch ungefähr viertausend Franks. Die sollen für meinen Aufenthalt in Paris hinreichen. Ich mag nicht noch einmal zu meinem Bankier gehen. Ohnehin habe ich in Paris schon weit mehr Geld ausgegeben, als ich wollte. Ich müßte meinen Entschlüssen Ihretwegen untreu werden und abermals Geld fordern. Und offen gestanden, das wird mir schwer.

Gut! Ich will Sie nicht weiter darum bitten. Wir sind geschiedene Leute. Gute Nacht, Don Lotario!

Aber der wegwerfende Ton, in dem Loupert dies sprach, verfehlte diesmal seine Wirkung, so gut wie die paar Schritte, die er machte, um sich von ihm zu entfernen. Don Lotarios Stolz erwachte.

Herr Baron, rief er ihm nach, wenn Sie deshalb meine Bekanntschaft aufgeben wollen, so wird es mir nur lieb sein, und ich freue mich, Sie von dieser Seite kennengelernt zu haben. Guten Abend!

Loupert schien etwas entgegnen zu wollen. Da der Spanier aber bereits seinen Weg fortsetzte, so machte auch er einige Schritte in der entgegengesetzten Richtung.

Don Lotario betrat jetzt den Pont neuf. Als er in die Nähe des Denkmals Heinrichs IV. gekommen war, das sich mitten auf der Brücke befindet, glitt ihm sein Stock aus der Hand und er bückte sich, ihn aufzuheben. Dabei bemerkte er eine Gestalt, die an dem Geländer stand, das die Brücke auf der Seite des Denkmals begrenzt. Es war eine Frau.

Diese einzelne weibliche Gestalt, die regungslos an dem Geländer der Brücke lehnte, fiel ihm auf. Er näherte sich leise dem Geländer und lehnte sich, einige Schritte von der Unbekannten entfernt, über dieses. Dabei warf er scharfe und forschende Blicke auf seine Nachbarin, die seine Gegenwart bis jetzt nicht im geringsten zu bemerken schien.

Verzeihung, Madame, sagte Don Lotario, ich habe Sie gestört.

Keine Antwort. Die Dame nahm ihre frühere Stellung wieder ein, als ob sie die Anrede gar nicht gehört, oder nicht bemerkt habe, daß diese an sie gerichtet sei.

Wir sind vielleicht Kunstgenossen, fuhr er fort. Vielleicht studieren Sie ebenso wie ich die Lichtreflexe im Wasser. Man hat hier eine sehr schöne Gelegenheit dazu und ist vor allen Dingen ungestört.

Sie studieren die Lichtreflexe? fragte die Dame in einem Tone, dem man den Spott anhörte.

Jawohl, antwortete Don Lotario, sehr erfreut über dieses Entgegenkommen. Sehen Sie, wie schön diese Laternenreihe sich im Wasser spiegelt und wie der Schein dort unten sich so matt leuchtend vereinigt.

In der Tat, es ist ganz hübsch, sagte die Dame mit ihrer wohllautenden Stimme. Haben Sie die Absicht, Paris von diesem Standpunkte aus zu malen? Das müßte ein ganz eigenes Bild werden.

Doch, mein Herr, meine Zeit ist um, meine philosophischen Betrachtungen sind zu Ende. Ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie mich an das wirkliche Leben erinnert haben, und finde, daß es Zeit ist, nach Hause zurückzukehren. Adieu, mein Herr!

Ich hoffe, Sie werden mir erlauben, Sie zu begleiten, sagte Don Lotario. Wo wohnen Sie?

Im Maraisviertel, Rue du Grand-Chantier, antwortete die Dame. Ich nehme Ihre Begleitung an, obgleich ich mich nicht im mindesten fürchte, allein zu gehen – wie Sie sich denken können, da Sie mich hier gefunden.

Sie wohnen in der Rue du Grand-Chantier? fragte Don Lotario. Dort wohnt ein sehr berühmter Herr, mit dem ich hier bekannt gemacht worden bin, und den ich sehr häufig, fast täglich besuche.

Jetzt, da ich Sie genauer sehe, ist es mir auch, als hätte ich Sie vor meinem Fenster vorübergehen sehen, sagte die Dame. Wer ist jener Herr? Der berühmteste Mann, der in der Straße wohnt, ist der Abbé Laguidais.

Er ist der, den ich meine, sagte Don Lotario. Kennen Sie ihn vielleicht?

Ein wenig, antwortete die Dame. Doch kommen Sie jetzt. Und wo wohnen Sie? Ich hoffe, daß ich Sie nicht zu weit von Ihrer Wohnung entferne? Ich kann sonst wirklich sehr gut allein gehen.

Ich wohne in der Nähe des Palais Luxembourg, antwortete Don Lotario. Doch das ist Nebensache. Es ist für mich noch früh, und der Weg ist nicht weit. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?

Ich nehme ihn an, sagte die Dame und legte ruhig und mit dem feinsten Anstande ihren Arm in den seinigen.

Sie gingen über die Brücke nach dem rechten Seineufer. Es war jetzt ganz einsam auf der Straße.

Sie sind kein Maler, wie Sie mir anfangs sagten? fragte die Dame.

Nein, antwortete Don Lotario, und ich hoffe, Sie sind mir nicht böse wegen dieser kleinen und unschuldigen Erfindung.

Sie nennen es eine Erfindung, sagte die Dame. Ich könnte es mit demselben Recht eine Lüge nennen. Aber die Männer machen sich kein Gewissen daraus, die Frauen zu belügen.

Mein Gott, Sie dürfen das nicht so streng nehmen! rief der junge Mann. Es würde uns oft an jeder Gelegenheit fehlen, die Bekanntschaft einer Dame zu machen, wenn wir nicht eine solche kleine Erfindung bei der Hand hätten.

Ich nehme es auch nicht so genau, sagte die Dame ruhig und gleichgültig. Obgleich man vielleicht sagen könnte, daß Bekanntschaften, die mit einer Lüge anfangen, auch mit einer Lüge endigen müssen.

Wie hart Sie sind! sagte der Spanier. Ich hoffe, mit unserer Bekanntschaft wird dies nicht der Fall sein.

Sie glauben also, wir werden überhaupt näher bekannt werden? fragte die Dame.

Wenn es von mir und meinen Wünschen abhängt, dann gewiß, antwortete Don Lotario. Das scheint mir auch sehr leicht, da Sie mir gesagt haben, daß Sie mit dem Abbé Laguidais bekannt sind. Ich werde den Abbé bitten, mich Ihnen vorzustellen. Freilich ist es vorher nötig, daß ich ihm den Namen der Dame sage.

Mein Name ist Therese. Ein anderer ist für Sie nicht nötig, sagte die Dame. Außerdem ist es überflüssig, den Abbé Laguidais deshalb zu bemühen. Ich bin freie Herrin über mich selbst, ich wohne allein, ich kann Bekanntschaften machen, wo und mit wem ich will. Es hängt von Ihnen ab, ob Sie mich besuchen wollen oder nicht.

Don Lotario war aufs höchste überrascht. Sollte er sich dennoch getäuscht haben? War es eine jener »unabhängigen« Damen, die man zahlreich genug in Paris findet? Oder war es eine Frau, eine Witwe, die sich wirklich unabhängig nennen konnte? Aber nein. Die Worte der Dame hatten nicht einladend geklungen. Sie waren im Gegenteil eher abstoßend gewesen. Sie hatten so kalt, so gleichgültig gelautet. Oder war auch das nur ein Schein? Sollte das den jungen Mann um so mehr reizen? Wollte sie sich interessant machen?

Aber sie war mit dem Abbé bekannt! Der Abbé mußte dieses Rätsel lösen.

Dann werde ich mir in den nächsten Tagen die Freiheit nehmen, sagte Don Lotario. Um welche Zeit –

Das kann ich Ihnen nicht genau bestimmen, sagte die Dame ruhig. Ich binde mich nicht an bestimmte Stunden, wie die großen Damen. Ich gehe aus, wenn ich Lust habe. Es hängt also von Ihnen ab, eine glückliche Stunde zu treffen. Unter welchem Namen wird man Sie mir melden?

Ich heiße Lotario de Toledo, antwortete der junge Mann. Und Sie werden mich empfangen? Sie geben mir Ihr Versprechen nicht als ein bloßes Versprechen, um augenblicklich mein Verlangen zu befriedigen?

Pfui, wie schlecht müssen die Männer sein, daß sie hinter jedem Wort eine Lüge wittern! rief die Dame.

Und wenn es wäre? Wir werden oft von den Frauen getäuscht! sagte Don Lotario.

Das ist wahr! Ich hatte es vergessen! sagte die Dame, Doch hier ist meine Wohnung. Adieu, mein Herr!

Sie zog ihren Arm aus dem seinigen und klingelte. Die Tür öffnete sich, und sie verschwand.

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