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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 3
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typefiction
authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Die Familie Morel

Die Tribünen im großen Sitzungssaal der französischen Pairskammer waren selten so gefüllt gewesen wie am 28. September des Jahres 1840. Eine wichtige Anklage sollte verhandelt werden. Die Elite der Pariser Gesellschaft drängte sich auf den schmalen Sitzen der Tribünen. Alle Augen waren auf den Saal gerichtet – auf denselben Saal, der einst das Verdammungsurteil des Generals von Morcerf, Pairs von Frankreich, gehört hatte.

Die tiefste Stille herrschte. Dort unten saß der Kanzler Pasquier, der Vorsitzende des Pairshofes, seitwärts von ihm der Staatsanwalt Franck-Carré, vor ihm im weiten Halbkreise eine Schar von ungefähr zweihundert Männern, alle im gewählten Anzuge oder in glänzender Uniform, der Mehrzahl nach schon bejahrte Leute. Es waren die Pairs von Frankreich, es war die Blüte des französischen Adels.

Nach dem Prozeß führten Gerichtsdiener einen jungen Mann in das Zimmer und verließen dann wieder das Gemach. Er war von großer und stattlicher Figur und mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein.

Herr Maximilian Morel, wenn ich nicht irre? sagte der Kanzler Pasquier.

Ja, mein Herr, erwiderte der junge Mann. Kapitän Morel. Aber ehe ich Ihre Fragen beantworte, erlauben Sie mir meinerseits vielleicht auch eine Frage. Wie ich gehört habe, hat heute der Prozeß der Angeklagten in der Angelegenheit von Boulogne begonnen. Weshalb hat man mich nicht vor den Pairshof gestellt?

Verschiedene Gründe haben uns bewogen, mit Ihnen eine Ausnahme zu machen, sagte der Kanzler. Für jetzt halten wir es für notwendig, zuvor mit Ihnen allein zu sprechen. Was weiter geschieht, wird eine Folge dieser Unterredung sein.

Also zur Sache. Ihren Namen kennen wir, auch Ihren früheren Stand. Jetzt bekleiden Sie, wie wir erfahren, keine öffentliche Stellung mehr. Sie sind Privatmann, nicht wahr?

Ich bin Eigentümer eines Hauses in den Champs Elysées und eines Schlosses bei Tréport.

Sind Sie verheiratet?

Ja, Herr Kanzler.

Mit wem?

Mit Valentine von Villefort, Tochter des früheren Staatsanwalts.

Jetzt flüsterte der Staatsanwalt dem Kanzler einige Worte ins Ohr, und sie sprachen eine Zeitlang leise miteinander.

Sie behaupten, mit Valentine von Villefort, der Tochter des früheren Staatsanwalts, verheiratet zu sein? sagte der Kanzler dann.

Mein Herr, entgegnete Morel schnell und beinahe heftig, ich behaupte es nicht, ich bin es in der Tat.

Aber es gibt keine Valentine von Villefort mehr, sie ist gestorben, sagte der Kanzler ruhig und siegesgewiß.

Sie war gestorben, wenigstens glaubte man es, sagte der Kapitän und richtete seinen Blick nach oben, als wolle er dem Himmel danken. Man hielt sie für tot, aber sie wurde gerettet durch jemand, den ich nächst Gott am meisten verehre. Indessen, ich glaube, Herr Kanzler, das gehört nicht hierher. Meine Frau hat mit der Sache nichts zu tun.

Es handelt sich nur um eine Feststellung Ihrer Familienverhältnisse, sagte Pasquier, wie es schien, nicht ganz zufriedengestellt. Fahren Sie fort. Sie waren französischer Offizier. Weshalb nahmen Sie Ihren Abschied?

Fürs erste nahm ich in Algier Urlaub, um eine Wunde heilen zu lassen, erwiderte Morel. Dann hielt mich meine Verheiratung in Frankreich fest, und später bat mich meine Frau, den Abschied zu nehmen und nur für sie zu leben, und das bestimmte mich.

Aber was alles in der Welt hat Sie denn bewogen, ein Anhänger Bonapartes zu werden? fragte der Kanzler leichthin und beinahe vertraulich.

Mein Vater war ein Anhänger Napoleons, der Großvater meiner Frau, Noirtier von Villefort, wird Ihnen aus vergangenen Zeiten gleichfalls als Bonapartist bekannt sein. Der Bonapartismus lebt also in unserer Familie. Außerdem aber handelte ich auf den Wunsch eines Mannes, dem mein Vater seine Rettung, dem ich das Leben meiner Gattin verdanke, desselben Mannes, den ich bereits erwähnte, und dessen Wünsche mir unter allen Umständen Befehle sein werden. Das grenzt an Wahnsinn! murmelte der Kanzler halblaut. Und wer ist dieser Mann?

Der Graf von Monte Christo! antwortete Maximilian Morel mit einem gewissen Stolz.

Der Kanzler war überrascht und blickte den Staatsanwalt mit einem beinahe spöttischen Lächeln an.

Der Graf von Monte Christo? Wer ist das? Wo lebt er? Ich habe nie etwas von ihm gehört, sagte er dann.

Das ist möglich, ich weiß selbst nicht, wo er jetzt lebt, sagte der Kapitän. Aber er existiert. Sollten Sie nicht von ihm gehört haben, als er vor einigen Jahren in Paris war? Man sprach allgemein von ihm.

In der Tat. ich erinnere mich dunkel, sagte der Kanzler. Wahrscheinlich ein Abenteurer oder dergleichen.

Herr Kanzler, rief der junge Mann beinahe heftig, urteilen Sie nicht über einen Mann, den Sie nicht kennen. Es gibt auf der Welt keinen edleren Charakter, als den dieses Mannes.

Sie scheinen von ihm eingenommen zu sein, gut! meinte Pasquier achselzuckend. Also dieser Graf von Monte Christo gab Ihnen den Auftrag, sich den Bonapartisten anzuschließen. Weshalb tat er das?

Sie fragen mich zuviel, ich weiß es nicht, antwortete Morel. Im Juli erschien ein Herr bei mir, den ich nicht kannte. Er brachte mir einen Gruß vom Grafen Monte Christo und sagte mir, daß dieser sich meiner noch erinnere. Dann gab ei mir die Weisung, im Namen des Grafen mich zu dem Bankhause Rothschild zu begeben und dort eine Summe, die man mir ausliefern würde, wenn ich mich legitimierte, in Empfang zu nehmen. Er sagte mir auch, daß es dem Grafen angenehm sein würde, wenn ich mich der Sache anschlösse, welcher der Mann angehöre, dem ich das Geld überbringen sollte. Ich fragte, welche Sache das sei. Der Herr antwortete mir, ich würde es erfahren. Ich begab mich zu den Gebrüdern Rothschild, und nachdem ich mich legitimiert, erhielt ich eine bedeutende Summe ausgezahlt. Ich reiste damit in Begleitung meiner Frau nach London, denn dort befand sich der Herr, dem ich das Geld auszahlen sollte. Er nahm es in Empfang und sagte mir, es sei für die Sache Ludwig Napoleons bestimmt. Darauf hielt ich es für meine Pflicht, mich ebenfalls dieser Sache anzuschließen, um so mehr, da meine Sympathie mich zu dem Prinzen hinzog.

Und wer war dieser Herr in London?

Ich werde seinen Namen nicht nennen, erwiderte der Kapitän. Er befindet sich nicht unter den Angeklagten und hat keinen Anteil an der Ausführung des Planes genommen, er gehört nur zu den Freunden des Prinzen.

Und wer war der andere Herr, der Ihnen den Auftrag des Grafen Monte Christo brachte? fragte der Kanzler.

Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ihn nicht kenne. Ich habe ihn weder vorher noch nachher gesehen.

Merkwürdig genug! meinte Pasquier unbefriedigt. Und Sie können mir auch nicht sagen, ob jener Londoner Herr in Beziehungen zu dem Grafen stand, und in welchen?

Nein, Herr Kanzler. Ich habe nie danach gefragt.

Sie werden aber wenigstens die Summe nennen können, die der Graf durch Sie nach London schickte?

Auch das ist mir verboten. Es war jedoch eine bedeutende Summe, das kann ich sagen.

Betrug sie über eine Million?

Gewiß! Weit darüber.

Dann muß der Graf von Monte Christo ein reicher Mann sein!

Ohne Zweifel. Ich halte ihn für einen der reichsten Männer der Erde.

Und woher stammen diese ungeheueren Schätze? Ich habe nie von einer so reichen Familie Monte Christo gehört.

Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, sagte der Kapitän. Ich verehre den Grafen als den besten und edelsten aller Menschen, als den Retter meiner Familie. Ich habe ihn nie gefragt, woher er seine Schätze erhalten. Außerdem, glaube ich, gehört dieser Gegenstand nicht hierher. Wenden Sie sich an den Grafen selbst.

Sprechen Sie offener, Kapitän Morel, und Sie sollen frei sein. Nennen Sie uns den Herrn, dem Sie das Geld brachten.

Auf keinen Fall! erwiderte Morel ruhig. Auch befindet sich dieser Herr noch in London, soviel ich weiß.

Wenn Sie halsstarrig sind, so werden wir streng sein müssen, sagte der Kanzler. Sie werden Ihr Gefängnis nicht eher verlassen, als bis Sie den Namen genannt haben.

Das Gesicht des jungen Mannes war glühend rot geworden. Es schien ihm schwer zu werden, an sich zu halten.

Sie scherzen, Herr Kanzler! sagte er dann. Es gibt hoffentlich eine Gerechtigkeit in Frankreich. Man möge mich vor den Pairshof, vor die Assisen oder vor das Polizeigericht stellen, wohin man will. Man mag mir dort ein Urteil sprechen lassen, und ich werde meine Strafe verbüßen, unter derselben Form, wie die anderen Teilnehmer des Unternehmens.

Wir werden sehen! sagte der Kanzler in einem Tone, dessen Bedeutung sich nicht erraten ließ. Sie sind entlassen!

Er klingelte. Die Gerichtsdiener erschienen. Morel verließ mit einem kalten Gruß und unruhigem Blick das Zimmer. –

In dem Wohnzimmer eines freundlichen Hauses in der Rue Meslay saß am Vormittag des folgenden Tages Julie, die Schwester des Kapitäns Morel, am Fenster und stickte. Ihr gegenüber las Emanuel Herbault, ihr Mann, in einer Zeitung, während ein kleines Mädchen ihre Puppe auf seinem Knie tanzen ließ, und ein blondlockiger Knabe sich vergebens bemühte, die Aufmerksamkeit des Vaters auf seine unschuldigen Possen zu ziehen. Aber der Vater las heute die Zeitung aufmerksamer als je, ebenso wie eine andere junge Frau, die auf dem Sofa saß und mit dem linken Arm einen kleinen Knaben, mit der rechten ebenfalls eine Zeitung hielt.

Es war Valentine, die Gattin Morels. Während der Gefangenschaft ihres Mannes lebte sie nicht in ihrem Hause in den Champs Elysees. Es war ihr dort zu einsam, zu leer. Sie war zu Emanuel und Julie Herbault geflüchtet, mit denen sie wenigstens über Maximilian sprechen konnte, und die ihren Kummer teilten. Das schwarze Kleid trug die junge, liebende Gattin, um auch äußerlich anzudeuten, wie tief sie den augenblicklichen Verlust Maximilians empfinde. Der Knabe auf ihrem Schoß war Edmond Morel.

Jetzt trat ein alter Diener ein. Es war Penelon, ein alter Matrose, der schon dem Vater Maximilians und Juliens gedient hatte und einst ein tüchtiger Seefahrer gewesen war. Er überreichte der jungen Frau eine Karte.

Was ist das? rief diese, nachdem sie gelesen. Herr Franck-Carré, General-Staatsanwalt, bittet mich um eine kurze Unterredung. Was kann der Anwalt des Staates von mir wollen?

Aber mein Gott, Valentine, errätst du denn nicht? Er wird dich wegen Maximilian sprechen wollen! rief Julie.

Die junge Frau, die ganz bleich geworden war – vielleicht weil ihr der Name »General-Staatsanwalt« die einstige Stellung ihres Vaters ins Gedächtnis zurückrief – erholte sich jetzt und stand schnell auf.

Dann werde ich mit ihm sprechen müssen, nicht wahr? fragte sie unschlüssig.

Ohne Zweifel, gewiß, sagte Emanuel. Penelon, führe den Herrn in das Besuchszimmer. Seien Sie vorsichtig, Valentine, man kann nicht wissen, weshalb ein Staatsanwalt kommt. Seine Absichten können gut sein, möglicherweise will er Sie aber über Max ausforschen. Nehmen Sie sich also in acht!

Lieber Himmel, ich weiß so wenig von dem, was Max getan, daß mir das nicht schwer werden wird! rief Valentine.

Unterdessen hatte Valentine ihren kleinen Edmond den Armen Juliens anvertraut und den Salon verlassen. Sie ging nach dem Besuchszimmer, wo ihr ein schwarzgekleideter Herr mit einem blassen, hageren Gesicht und mit dem Hut in der Hand entgegentrat.

Madame Valentine Morel? fragte er mit einer Verbeugung.

Die bin ich.

Die Tochter des Herrn von Villefort, wenn ich nicht irre?

Jawohl, Herr Staatsanwalt. Bitte, nehmen Sie Platz! Welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen, Sie bei mir zu sehen? Ich vermute, daß es die Angelegenheiten meines Mannes sind, die Sie zu mir führen.

In der Tat, Madame, sagte Herr Franck-Carré, der hier vollständig den Ton und die Manier eines unbefangenen Weltmannes annahm. Und ich hoffe, Sie werden aus diesem Grunde meine Kühnheit verzeihen.

Im Gegenteil, ich bin Ihnen dankbar. Es ist mir schon ein Trost, etwas von meinem Manne zu hören. Er befindet sich nicht unter den Angeklagten, die vor den Pairshof gestellt sind, wie ich aus den Zeitungen ersehen.

Nein, seine Teilnahme an dem Attentat ist keine so bedeutende gewesen. Ich hoffe sogar, er wird zu der Zahl derjenigen gehören, die mit einer ganz leichten Haft davonkommen. Aber das hängt zum Teil von ihm selbst ab.

Wieso? fragte Valentine halb erfreut, halb überrascht. Von ihm selbst?

Ja, Madame! erwiderte Franck-Carré und sah die junge Frau mit dem harmlosesten Blicke an, der ihm zu Gebote stand. Lassen Sie mich offen sprechen! Ich komme zu Ihnen nicht in meiner amtlichen Stellung, sondern als ein Freund, als ein wirklicher Freund. Hoffentlich, Madame, stimmen Sie mir darin bei, daß Ihr Mann sich übereilt hat. Er lebte ruhig und unabhängig im Schoße einer glücklichen Familie, im Besitze einer vortrefflichen und schönen Gattin. Weshalb begab er sich auf das Gebiet politischer Spekulationen, weshalb schloß er sich einem Unternehmen an, das man mindestens abenteuerlich nennen muß und das nun auch vollständig und für immer mißglückt ist? Er hätte das schon um Ihretwegen nicht tun sollen.

Sie haben nicht unrecht! sagte Valentine, bei der diese Worte Anklang fanden. Aber mein Mann hatte gewisse heilige Verpflichtungen, die ihm zur Notwendigkeit machten, die Partei des Prinzen zu ergreifen.

Ich weiß, Ihr Mann ist darin sehr offen gegen uns gewesen. Er folgte dem Wunsche des Grafen Monte Christo und überbrachte eine Summe von zwei Millionen nach London, Es waren über zwei Millionen, glaube ich.

Ich weiß es wirklich nicht, antwortete die junge Frau ganz unbefangen und ohne zu ahnen, daß der freundliche Herr sie ausforschen wollte. Doch wundert es mich beinahe, daß Max Ihnen das gesagt hat. Er pflegt seine Bekanntschaft mit dem Grafen Monte Christo sonst vor allen Leuten geheimzuhalten.

Oh, er hat uns noch weit mehr gesagt! rief Franck-Carré. Und das war sehr recht von ihm, denn er weiß, daß wir es gut mit ihm meinen, und daß Aufrichtigkeit immer zum Ziele führt. Um so mehr setzt es mich in Erstaunen, daß er so hartnäckig und verschwiegen über einen Punkt ist, den wir durchaus kennen müssen. Es handelt sich um die Nennung eines einzigen Namens, der noch dazu sehr unwichtig ist. Wahrscheinlich aber hat Ihr Mann sein Ehrenwort gegeben, diesen Namen nicht zu nennen, und er läßt sich durch diese Rücksicht abhalten, an sein eigenes und an das Wohl seiner Familie zu denken. Denn ich verhehle Ihnen nicht, Madame, daß Ihr Mann nicht eher seine Freiheit wiedererlangen wird, als bis er diesen Namen genannt hat. Ich habe deshalb an Sie gedacht.

Aber um was für einen Namen handelt es sich denn? fragte Valentine ängstlich und gespannt.

Um den Namen des Herrn, dem Ihr Mann die Summe in London aushändigte, sagte Franck-Carré.

Mein Gott, leider kenne ich ihn nicht! rief Madame Morel mit der aufrichtigsten Betrübnis. Wie schade!

Ja, das ist allerdings ärgerlich! meinte der Staatsanwalt, der sich getäuscht sah und nur mit Mühe seine ruhige Haltung behauptete. Ich dachte, Sie kennten diese Person. Nun, es gibt noch einen andern Ausweg. Wenn ich nicht irre, ist morgen der Tag, an dem Sie Ihren Mann sprechen können. Er wird Ihnen sagen, daß man ihn um diesen Namen gefragt hat. Wenden Sie Ihre ganze Überredungskraft an, Madame, um Ihren Mann zu bewegen, nicht länger bei seinem hartnäckigen Schweigen zu beharren. Es hängt viel davon ab. Sagen Sie ihm, daß er Sie, daß er sein Kind, daß er das freie Licht des Tages nicht eher wiedersehen wird, als bis er diesen Namen genannt hat.

O mein Gott, das wäre schrecklich! rief die junge Frau in der größten Angst. Max ist so starrköpfig, so eigensinnig! Und ich sollte ihn nicht wiedersehen? Er sollte seinen Edmond nicht sehen – das würde ihn wahnsinnig machen!

Um so mehr Grund für Sie, ihm das Törichte seiner Weigerung klar zu machen! sagte Franck-Carré fest und entschieden. Wenn er Sie und sein Kind liebt, so wird er einen Namen nennen, an dem uns nicht viel liegt, der nun aber einmal zur Bedingung seiner Freilassung gemacht ist. Vielleicht könnte ich selbst – da ich so viel Interesse an Ihnen nehme – diesen Namen erfahren. Aber ich müßte dann wissen, welches der Herr gewesen ist, der Ihrem Manne zuerst den Auftrag des Grafen Monte Christo überbrachte. Kennen Sie ihn nicht?

Lieber Gott, auch das kann ich Ihnen nicht sagen! rief die junge Frau, deren Bestürzung wuchs.

Das ist fatal! sagte Franck-Carré und konnte eine Gebärde des Unmuts nicht unterdrücken. Auf diese Weise gibt es also kein anderes Mittel als dasjenige, das ich Ihnen vorgeschlagen. Suchen Sie morgen Ihren Mann zu bewegen, jenen Namen zu nennen. Bieten Sie Ihre ganze Kraft auf, nehmen Sie Ihren Sohn mit sich. Sonst, Madame, ich muß es Ihnen trotz meiner Teilnahme sagen, sonst werden Sie Ihren Mann vielleicht lange Zeit nicht wiedersehen, aber ich hoffe, er wird vernünftig sein. Sie versprechen mir also, das Ihrige zu tun?

Ich verspreche es von ganzer Seele! antwortete die junge Frau. Und ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar Herr Staatsanwalt.

Und der Staatsanwalt verließ die junge Frau, die sogleich nach dem Salon zurückeilte. Beide waren zufrieden. Franck-Carré hatte nicht alles erfahren, aber doch manches, und Valentine war so überzeugt davon, daß dieser Mann ein wahrer Freund sei, daß selbst die Zweifel Emanuels sie in ihrer guten Meinung nicht beirren konnten.

Aber ihre Augen waren verweint und feucht, ihr Herz war sehr schwer, als sie am Mittag des andern Tages von dem Besuche, den sie ihrem Manne gemacht, zurückkehrte. Morel war standhaft geblieben. Er hatte erklärt, weder ihr noch sonst jemand den Namen nennen zu wollen. Man solle ihn nach dem Gesetz verurteilen, das verlange er, weiter nichts. Er hatte seine Frau getadelt, daß sie dem Staatsanwalt so viel gesagt. Genug, Valentine war ganz unglücklich. Sie eilte zu dem Staatsanwalt. Er war nicht zu sprechen.

Am dritten Tage darauf fuhr sie wieder nach dem Gefängnis ihres Mannes. Man verweigerte ihr den Zutritt zu dem Kapitän. Man sagte ihr, daß ihre ferneren Besuche vergeblich sein würden.

Emanuel setzte eine Bittschrift an den Pairshof und an den König auf. Aber es erfolgte keine Antwort. Die Tage vergingen der jungen Frau in unendlicher Qual. Keine Nachricht, kein Wort, kein Brief von ihrem Gatten!

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