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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 2
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authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Albert Herrera

Adieu, Leutnant Herrera! Auf Wiedersehen!

Adieu, Herzensfreund! Mut auf den Weg!

Tod den Kabylen! Es lebe Frankreich!

So lärmte und schwirrte es durcheinander, und die Gläser streckten sich dem Scheidenden entgegen. Der Wein blinkte, die Sonne lachte, und die Augen der Krieger leuchteten.

Und wem galten diese Scheidegrüße? Doch nicht einem Kabylen selbst? Man hätte es beinahe glauben können, denn der, dem alle Hände sich entgegenstreckten, war ein junger Mann im Weißen Burnus, dessen Zipfel bis über den Kopf emporgezogen war, mit einem Gürtel um das Unterkleid, dem gebogenen Yatagan an der Seite und einer langen Beduinenflinte in der Hand. Sein Gesicht war gebräunt, sein Haar und Bart dunkel, sein Auge ernst und sinnend. Aber daß er trotz seiner Tracht ein Sohn Frankreichs war, hatten ja schon die Begrüßungen der Freunde verraten.

Der junge Mann dankte allen herzlich; er lächelte zuweilen, aber er blieb ernst. Zuweilen warf er einen gedankenvollen Blick auf das Zelt des Kommandeurs, das hell im Sonnenschein leuchtete und von dem die Farben Frankreichs niederflatterten. Nicht weit von ihm scharrte ein prächtiges Pferd, nach Kabylensitte gezäumt und geschmückt, den gelben Sand mit seinem Hufe.

Gleich darauf teilte sich die Gruppe. Die Kameraden sprangen beiseite und bildeten eine Gasse, militärisch grüßend. Ein Offizier höheren Grades kam vom Zelt des Kommandeurs, Er war groß und stattlich und kräftig gebaut, Schnurr- und Knebelbart gaben ihm eine echt martialische Haltung. Es war Oberst Pelissier, damals Kommandeur einer Abteilung der Division von Mostaganem.

Auch Albert Herrera nahm sogleich eine militärische Haltung an und erwartete den Kommandeur.

Also bereit, mein junger Freund? fragte dieser. Parbleu! Es ist gut, daß wir Ihnen nicht eine Stunde von hier zwischen den Felsen begegnen. Wir würden Sie ohne Zweifel für einen Kabylen halten und kurzen Prozeß mit Ihnen machen. Um so besser. Sie werden selbst die schlauesten Augen täuschen. Und verstehen Sie wirklich die Sprache der Kabylen so vollständig, Leutnant Herrera, daß man Ihnen nicht mißtrauen wird?

Ich glaube es, Herr Oberst! erwiderte Albert. Solange ich die Ehre habe, unter den Fahnen meines Vaterlandes gegen die Söhne der Wüste zu kämpfen, habe ich die Sprache unserer Feinde studiert, und ich glaube, ich kenne sie vollkommen.

Dann steht Ihrer Abreise nichts mehr entgegen, sagte der Oberst. Mit Gott, Leutnant Herrera! Das Vaterland wird Ihre Dienste nicht vergessen, wenn Sie glücklich zurückkehren!

Ich danke Ihnen, Herr Oberst! Aber ich habe noch eine Bitte. Darf ich einige Worte mit Ihnen allein sprechen?

Mit Vergnügen! erwiderte Oberst Pelissier und lehrte nach seinem Zelt zurück. Der Leutnant folgte ihm.

Herr Oberst, sagte der junge Mann, als die beiden allein waren, ich bedarf eines Mannes, dem ich eine letzte Bitte anvertrauen kann, und wen dürfte ich eher um eine Gunst bitten als meinen Oberst! Ich weiß, daß ich zu einem Unternehmen gehe, von dem ich nur im günstigsten Falle lebend zurückkehren kann. Nicht, daß ich zaghaft wäre, Herr Oberst – ich freue mich über die Gunst, die mir zuteil geworden ist, ich bin stolz auf diese Auszeichnung. Ich wollte Sie nur bitten, im Fall ich nicht lebend zurückkehre, diesen Brief meiner Mutter zu übersenden: Mercedes Herrera in Marseille. Die Adresse steht auf dem Briefe.

Und nun noch eines. Ich lege ein Geheimnis in Ihre Hände, Herr Oberst. Mein Name ist nicht Herrera, es ist der Name meiner Mutter. Ich bin der Sohn eines Mannes, den auch Sie gekannt haben, der Sohn eines Mannes, dessen Andenken ich nicht reinigen kann von der Schmach, die auf ihm lastet, der aber einst eine ehrenvolle Stelle in der Welt einnahm, und meine Pflicht ist, den Namen des Toten, der ja rechtlich auch der meine ist, wieder zur Geltung zu bringen. Kehre ich glücklich zurück, Herr Oberst, so vertraue ich darauf, daß Sie mein Geheimnis bewahren werden, denn es ist noch lange nicht meine Absicht, den Namen meines Vaters wieder anzunehmen. Sterbe ich aber für das Vaterland, dann, Herr Oberst, mögen Sie demjenigen, der nach meinem Namen fragt, sagen, daß es der Sohn des unglücklichen Generals von Morcerf gewesen, der seinem Vaterlande diesen Dienst erwiesen.

Wie? rief der Oberst erstaunt. Sie wären Albert von Morcerf, der Sohn des Generals? Sie sind, wenn ich mich recht erinnere, als Stellvertreter für einen anderen bei uns eingetreten und haben vom untersten Grade auf gedient!

Das alles hat seine Richtigkeit, antwortete Albert traurig, aber mit Ruhe und Würde. Es hat gewiß viele Leute gegeben, die meine Mutter und mich wegen unserer Handlungsweise tadelten. Aber wir konnten nicht anders. Wir konnten ein Erbe nicht behalten, auf dem der Verrat und außerdem noch eine frühere, den meisten unbekannte Schuld ruhte. Meine Mutter verkaufte alles und überließ es den Armen. Ich selbst aber faßte den Entschluß, das, was ich einst würde, nur durch mein eigenes Verdienst zu werden. Selbst der Name meines Vaters sollte mir weder nützlich noch hinderlich sein. Ich nahm den Familiennamen meiner Mutter an. Das Glück ist mir günstiger gewesen, als ich dachte. Ich bin Leutnant. Meine Kameraden lieben mich, meine Vorgesetzten haben mir wiederholt ihr Wohlwollen gezeigt.

Gut denn! sagte Oberst Pelissier. Es bleibt dabei. Sterben Sie, was ich nicht annehmen mag, so wird das Vaterland erfahren, welches Blut für Frankreich geflossen. Kommen Sie aber zurück, dann –

Dann, Herr Oberst, unterbrach Albert rasch den Kommandeur – dann, ich wiederhole es noch einmal, bin ich nichts, weder für Sie noch für die Welt, als der Leutnant Herrera. Adieu, Herr Oberst, ich danke Ihnen!

Adieu, Leutnant Herrera! sagte Pelissier und reichte ihm seine Hand. Und es soll mir lieber sein, unseren alten Freund wiederzusehen, als der Welt den Tod Albert von Morcerfs anzukündigen!

Der junge Mann dankte ihm mit einem Blicke und verließ das Zelt.

Das Roß stampfte ungeduldiger den sandigen Boden, die Kameraden drängten sich noch einmal dichter heran. Wieder tönten die Abschiedsgrüße, die Wünsche für den glücklichen Erfolg von allen Seiten. Bereits saß Albert Herrera im Sattel. Sein weißer Burnus umhüllte ihn wie eine Wolke.

Adieu, Freunde, rief er jetzt. Macht mir Platz! Adieu! Tod den Kabylen! Es lebe Frankreich!

Es lebe Frankreich! schallte es donnernd von allen Seiten.

Das Pferd bäumte sich stolz, dann stürmte es vorwärts. Albert grüßte mit der Hand. Noch einmal tönte der donnernde Ruf, der Burnus des Reiters flatterte im Winde, dann hüllte ihn eine Sandwolle ein, und nach fünf Minuten war er hinter dem niedrigen Gebüsch verschwunden, das die Ebene bedeckte und sich bis zu den Vorbergen des Atlas hinzog, die bläulich herüberschimmerten.

Albert Herrera ritt dem Gebirge zu. Er sollte auskundschaften, wohin sich die Kabylen zurückzogen, er sollte sich allein unter die Tausende verschmitzter und blutdürstiger Feinde wagen. Der Auftrag war so gefährlich, daß fast Tollkühnheit dazu gehörte, ihn anzunehmen. Aber Albert hatte sich freiwillig dazu erboten, als die Rede von einem solchen Kundschafter gewesen war, und der Oberst Pelissier, verwegen und nicht wählerisch in seinen Mitteln, hatte das Anerbieten des jungen, talentvollen Offiziers angenommen.

Plötzlich hemmte ein kleiner Fluß seinen Ritt.

Albert beschloß, hier ein wenig zu rasten, sein Pferd zu tränken und währenddessen eine geeignete Stelle zum Übersetzen aufzufinden. Aber das war nicht so leicht, als er anfangs vermutete. Die Ufer des Gewässers waren sehr hoch und sehr steil. Irgendwo mochte es wohl einen bequemen Übergang geben, aber Albert konnte ihn nicht entdecken. Er beschloß also, nachdem er eine Viertelstunde vergeblich gesucht, den Fluß hinaufzureiten, bis er eine Stelle fände, an der das Ufer weniger steil und hoch sei.

Da bemerkte er auf der anderen Seite einen Reiter. Er war nicht in der Tracht der Kabylen, sondern, wie der Leutnant auf den ersten Blick bemerkte, in der Tracht der Juden von Algier. Auch er ritt am anderen Ufer entlang, wahrscheinlich, um ebenfalls eine Furt zu suchen. Noch hatte der Jude den Franzosen nicht bemerkt. Albert konnte ihn also ungestört beobachten.

Schon hier also begann Alberts schwierige Aufgabe. Er war in der Tracht der Kabylen und wollte auch für einen solchen gehalten werden. Der Jude mußte ihm also mißtrauen, und doch hätte er gern erfahren, wo die nächsten Kabylen sich befänden und auf welchen Stamm er treffen müsse. Das hätte ihm seine Aufgabe erleichtert.

Jetzt hatte der Jude eine Furt gefunden und ritt dort in das Wasser hinein. Albert war entschlossen, ihm zu begegnen. Erstens wollte er mit dem Juden sprechen und ihn ausforschen, und zweitens wollte er die erste Probe bestehen und sich überzeugen, ob ihn wirklich jeder in seiner Verkleidung für einen Kabylen halte.

Scharf sprengte er das Ufer entlang. Der Jude war gerade im Fluß, als er ihn bemerkte, und Albert sah deutlich, wie der arme Israelit erschrak und sein Tier anhielt. Ein Ausweichen war nicht möglich.

Heraus aus der Furt oder zurück! rief Albert gebieterisch. Ich muß hinüber! Mach mir Platz!

Der Jude trieb sein Maultier an, stieg dann ab und zog es mühsam das diesseitige Ufer hinauf.

Woher kommst du? fragte Albert, ihn scharf musternd und die stolze Haltung annehmend, die den Eingeborenen und Mohammedanern den Juden gegenüber eigen ist. Kommst du aus dem Lager der Gläubigen?

Ich komme wohl aus dem Gebirge, aber nicht aus dem Lager der Gläubigen.

Aber du hast vielleicht gehört, wo Bu Maza ist? fragte Albert. Gib mir Antwort, ich will zu ihm.

Der Jude schien doch zu überlegen, ob er mit der Antwort heraus solle. Er befand sich auf einem Gelände, das zwei streitende Parteien trennte. Fragen und Antworten, die einen so berühmten Führer, wie Bu Maza, betrafen, mußten mit Vorsicht aufgenommen und gegeben werden.

Ich habe von ihm gehört, antwortete der Jude. Er zog durch die Berge.

Und wohin willst du, ungläubiger Hund? rief Albert, Du kommst aus den Bergen und willst die Schlupfwinkel der Gläubigen den Franken verraten! Zeige mir deinen Ferman.

Der Jude, der durch großen Kummer niedergedrückt zu sein schien, zog langsam und traurig ein Stück Papier aus der Tasche, das mit arabischen Schriftzeichen bemalt war. Es war von einem der Stellvertreter Abd el Kaders ausgefertigt, und schon nach der ersten Zeile wurde der Leutnant aufmerksamer, denn er kannte die Namen des Besitzers. Der Paß lautete auf Eli Baruch Manasse, Kaufmann aus Oran, der in das Gebirge reisen wollte, um dort seine Tochter aufzusuchen. Eli Baruch Manasse, das wußte Albert von Oran her, war der reichste Kaufmann jener Stadt, und seine einzige Tochter war wegen ihrer Schönheit berühmt. Der junge Offizier befand sich also keiner ganz gewöhnlichen Persönlichkeit gegenüber. Er hatte auch davon gehört, daß der Jude ein Freund der Franzosen sei. Die meisten Offiziere kannten ihn, schon wegen der Geldverbindungen, die sie mit ihm hatten.

Eli Baruch Manasse? sagte Albert und runzelte die Stirn. Du bist ein Freund der Franken, wie ich weiß.

Mehr noch ein Freund der Gläubigen, antwortete der Jude schüchtern. Obwohl Gott mir gnädig sein würde, wenn ich es mit den Franken hielte, denn die Gläubigen haben mir viel Leids getan.

Was willst du damit sagen, Giaur? herrschte ihn Albert an. Was bedeuten diese verräterischen Worte?

So Gott mir soll gnädig sein, ich bin kein Verräter! rief der Jude. Aber ich bin ein armer, elender Mensch, dem sie haben genommen und gestohlen sein Kind, wider alles Recht und Gesetz! Mein armes, liebes Kind, meine Judith! Schön war sie, wie eine Tochter Zions, und klug, wie die Königin von Saba! Ich bin ein armer, geschlagener Mann!

Die Tränen stürzten ihm aus den Augen. Dieser Ausbruch des Schmerzes war kein erkünstelter.

Er zerraufte verzweifelnd seinen grauen Bart, und die Tränen stürzten ihm in Strömen aus den Augen.

Und nun willst du zu den Franken gehen? fragte Albert finster. Du willst ihnen verraten, wo die Gläubigen sind, und willst sie bitten, daß sie dir zu deiner Tochter verhelfen, nicht wahr, Giaur?

Ich weiß nicht, was ich tue! rief der Jude verzweifelnd. Aber ich werde das Unrecht und die Gewalt ausschreien in alle Welt, und wer mir wiedergibt meine Tochter, dem werde ich dienen wie ein Sklav', wie ein Hund – ob es nun ist ein Franke, ein Gläubiger oder ein Jude!

Höre, Giaur, sagte Albert, ich will hinüber zu den Gläubigen. Finde ich den, der deine Tochter geraubt hat, so werde ich ihm sagen, daß er unrecht getan, denn ein Gläubiger soll sich nicht wegwerfen mit der Tochter eines ungläubigen Hundes. Auch Abd el Kader und Bu Maza, wenn sie das hören, werden es nicht billigen.

Der Jude schüttelte traurig den Kopf. Das schien ihm ein schwacher Trost, und unwillkürlich wandte er seinen Blick nach Norden, als ob er von den Franzosen bessere Hilfe erwarte. Albert überlegte.

Haben Sie das Ereignis schon den französischen Kommandeuren mitgeteilt? fragte er dann plötzlich in seiner Muttersprache.

Der Jude fuhr zusammen, als er die französischen Worte hörte, und warf einen erschreckten Blick auf den jungen Mann.

Noch nicht? Gut denn, sagte Albert. Gehen Sie zum Obersten Pelissier und bleiben Sie ruhig acht Tage bei ihm. Warten Sie das weitere ab. Wenn es möglich ist, Ihre Tochter zu retten, so wird es geschehen. Und nun sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie die Kabylen getroffen, ich erspare mir vielleicht einen Umweg.

Gottes Wunder! rief der Jude ganz außer sich. Der Herr ist ein Franzose?

Was ich bin, kann Ihnen jetzt gleichgültig sein, erwiderte Albert kurz. Wo also sind die Kabylen?

Kennen Sie die Berge der Dahre? Wissen Sie, wo sie liegen? fragte der Jude.

Ungefähr ja, antwortete Albert. Also dort? Gut, ich werde meinen Weg dorthin nehmen. Und nun, Freund, kein Aufhebens weiter. Reiten Sie unverzüglich nach dem Lager und bleiben Sie dort. Sagen Sie niemand weiter, daß Sie mich getroffen, als dem Oberst Pelissier. Und noch eins! Sie haben mich für einen Kabylen gehalten, nicht wahr? Sie würden es selbst jetzt noch glauben?

So Gott mir soll helfen, ja! rief Manasse. Ich glaubte, ich hätte einen von diesen Hunden vor mir.

Adieu denn! rief Albert, und den Juden voller Erstaunen zurücklassend, ritt er durch die Furt.

Die Sonne stand schon tief. Albert war bereits im Lager der Kabylen. Die Wachen hatten ihn angehalten und vor einen Führer gebracht, mit dem er bereits eine längere Unterredung gehabt.

Er kam angeblich als ein Abgesandter jenes Beys Achmet, der Konstantine tapfer gegen die Franzosen verteidigt und sich dann, wie es hieß, nach dem Süden, nach Biled ul Dscherid. dem Dattellande, am Rande der Wüste Sahara, zurückgezogen hatte. Man glaubte ihn längst gestorben, vielleicht war er auch schon tot. Um so willkommener mußte den bedrängten Kabylen die Nachricht sein, daß der tapfere Vorkämpfer des Islam noch lebe und sich entschlossen habe, wieder auf dem Kampfplatze aufzutreten und den Gläubigen eine Schar frischer Truppen zuzuführen. Wenn es Albert glückte, die Rolle eines Abgesandten Achmet Beys aufrecht zu erhalten – und es schien so – dann war der schwierigste Teil seines Unternehmens gelöst, und er durfte hoffen, sich so lange bei den Kabylen aufhalten zu können, bis er ihre geheimen Schlupfwinkel ausgekundschaftet.

Albert, der sich für einen Verwandten Achmet Beys ausgab, erhielt nun drei Diener angewiesen, die für ihn und sein Roß sorgen sollten. Ein eigenes Zelt wurde für ihn aufgeschlagen. Am Abend des folgenden Tages erwartete man Bu Maza. Mit diesem sollte Albert sprechen und dann zu Achmet zurückkehren, um ihm zu melden, daß man den Bey erwarte.

Zufrieden mit dem bisherigen Verlaufe der Dinge, streckte sich der junge Offizier auf das Löwenfell nieder, das ihm zum Lager diente, und bald versank er in Träumerei.

Als er am anderen Morgen erwachte und den Kopf aus seinem niedrigen Zelt hervorstreckte, sah er nicht ohne Verwunderung, daß seine Lage sich verändert zu haben schien. Drei Kabylen, mit ihren langen Flinten im Arm, kauerten vor seinem Zelt, die anderen standen in Gruppen beisammen und flüsterten miteinander. Es schien eine gewisse Aufregung im Lager zu herrschen. Albert dachte an die Nähe oder an einen Angriff der Franzosen. Aber als er den Kopf weiter hinaussteckte, hoben seine drei Wächter zu gleicher Zeit ihre Flinten und legten sie drohend auf ihn an, daß Albert schnell seinen Kopf zurückzog. Eine Ehrenwache war das also nicht.

Nach einiger Zeit sah er abermals aus dem Zelte. Dieses Mal erhoben sich die Flinten der Kabylen nicht, und Albert verließ das Zelt mit der größten Ruhe und Würde. Er richtete seine Schritte nach dem Zelt des Scheiks. Vorgefallen mußte etwas sein. Die Kabylen wichen ihm aus, warfen mißtrauische und forschende Blicke auf ihn, flüsterten untereinander und folgten ihm gruppenweise nach dem Zelt des Scheiks.

Gerade als Albert anfragen lassen wollte, ob er vor dem Scheik erscheinen dürfe, trat dieser aus dem Zelt.

Du hast uns betrogen, du Hund! sagte er mit erhobener Stimme. Allah strafe dich!

Wen meinst du? fragte Albert ruhig und sah sich um, als ob vielleicht jemand hinter ihm stände, an den diese Worte gerichtet wären. Wen soll Allahs Rache treffen?

Dich! rief der Scheik. Du hast uns betrogen. Du bist ein Franke, ein Giaur, ein Hund, nicht der Abgesandte Achmet Beys.

Das ist zu viel! rief Albert und wandte sich ab von dem Scheik. Ich werde zurückkehren zu Achmet Bey, ich werde ihm sagen, daß die Gläubigen seinen Abgesandten als einen Giaur behandelt haben, und er wird dann überlegen, ob er denen seine Hilfe sendet, die ihn in der Person seines Gesandten beschimpft haben.

Du bist ein schlauer und verstockter Lügner! Aber Allah hat uns ein Mittel gegeben, deine Lügen zu entlarven. Bald wird dein Blut die Felsen der Dahra röten. Kennst du diesen Mann?

Und er zeigte auf das Zelt, an dessen Eingang ein blasses, gelbes Gesicht mit einem grauschwarzen Bart sichtbar war. Albert erkannte auf den ersten Augenblick die ängstlichen erschreckten Züge des Juden von Oran.

Das also war es! Das Blut des jungen Mannes wallte heftig nach seinem Herzen. Also dieser Jude hatte ihn verraten. Der Mann, dem er versprochen, sein Kind zu befreien, wenn es möglich sei – dieser Mann war in das Lager der Kabylen zurückgekehrt, um dort zu melden, daß der Fremde ein Franke sei.

Welchen Mann? fragte er. Den dort im Zelt? Ich traf diesen Menschen an der Furt eines Flusses, und er erzählte mir eine Geschichte von seiner geraubten Tochter. Ich war vom Wege abgekommen, und da er mir sagte, daß er wisse, wo die Gläubigen seien, so fragte ich ihn nach dem Wege. Ich hielt ihn anfangs für einen Spion, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß er in das Lager der Franken wollte.

Und du hast ihm nicht gesagt, daß du ein Franke seiest? Du hast ihm keine Hilfe versprochen? fragte der Scheik.

Nein! antwortete Albert ruhig. Wie hätte ich das sagen können, da ich ein Gläubiger bin und mich nicht mehr um seine Tochter kümmere als um eine Hündin. Ist dieser Giaur gekommen, um mich zu verleumden, so soll er im Lager bleiben, bis ihr Boten an Achmet Bey gesendet habt, und wenn sie zurückgekehrt sind und euch sagen, daß ich die Wahrheit gesprochen, so werde ich diesem Giaur mit eigener Hand den Kopf vom Rumpfe trennen!

Wir werden warten, bis Bu Maza kommt! sagte der Scheik weniger hart. Er mag entscheiden, ob es der Mühe lohnt, zu Achmet Bey zu schicken und die Wahrheit deiner Worte zu erforschen. Bis dahin bleibst du in unserem Lager, und wehe dir, wenn du Miene machst, es zu verlassen.

Langsam wandelte er durch das ganze Lager, überschaute alle Stellungen, prägte die einzelnen Örtlichkeiten seinem Gedächtnisse genau ein und kehrte dann nach seinem Zelte zurück. Die Wachen waren von dort entfernt worden, und man brachte Albert das Beste, was das Lager nur bieten konnte: Reis und Fleisch, Datteln, Feigen, Honig – aber er war doch ein Gefangener, seine Aufgabe war gescheitert.

Es war am Nachmittag desselben Tages. Albert hatte Tabak und Pfeife verlangt, man hatte sie ihm gebracht. Er rauchte, die Ankunft Bu Mazas erwartend, die für den Abend verkündet war. Von Zeit zu Zeit sah er durch ein kleines Loch in der Leinwand des Zeltes hinaus auf das Lager.

Jetzt bemerkte Albert dort eine ungewöhnliche Bewegung. Die Kabylen rannten hin und her. War Bu Maza gekommen, oder hatte sich etwas anderes ereignet? Albert stand auf und verließ das Zelt.

Schon sah er, wie die Weiber sich ordneten, wie die Maultiere herbeigeführt und bepackt wurden. Wollte man das Lager abbrechen? und weshalb? Da unterschied das geübte Ohr des Leutnants Flintenschüsse in weiter Ferne. Sie waren nur spärlich, vielleicht trieb auch nur der Wind den Schall von einzelnen Schüssen herüber. Die Franzosen mußten in der Nähe sein. Sollte Oberst Pelissier schon jetzt einen Angriff wagen? Sollte er Nachrichten über den Aufenthalt der Kabylen erhalten haben? Es konnte auch ein anderes Korps sein.

Unterdessen wurde das Lager mit rasender Schnelle abgebrochen. Nach einer Viertelstunde war der ganze Kabylenstamm zum Abmarsch gerüstet. Auch Albert hatte sein Pferd erhalten. Es war ihm bedeutet worden, sich in der Nähe des Scheiks zu halten, und er tat es. Dort hörte er aus einzelnen Äußerungen, daß die Franzosen gegen das Gebirge anrückten, wahrscheinlich, weil sie die Lagerstelle der Kabylen kannten. Sie mußten stark sein, denn die Kabylen fühlten sich nicht aufgelegt, den Kampf aufzunehmen.

Drei Stunden dauerte der Marsch, man befand sich in dem wildesten Teil des Gebirges. Der Zug bewegte sich in eine Schlucht hinab, und Albert sah zu seiner Verwunderung den vorderen Teil des Zuges in einer Art von Felsentor verschwinden. Bald erriet er jedoch das Geheimnis. Die Felsen bildeten hier eine mächtige Grotte, die Hunderte von Menschen fassen konnte und die so abgelegen lag, daß nur ein eingeweihter Führer sie zu finden vermochte.

Albert hatte bereits gehört, daß solche Grotten sich in der Dahra befänden, aber er hatte nicht geglaubt, daß sie so geräumig seien. Die Höhle bildete ein riesiges Gewölbe, so breit und lang wie das Innere eines majestätischen Domes, nur nicht so hoch. Einzelne Fortsetzungen schienen sich sogar noch tiefer in das Innere des Gebirges hineinzuziehen und sich dort zu verzweigen.

In der Höhle hatte man Fackeln und Feuer angezündet, denn es herrschte eine vollkommene Dunkelheit darin, schon deshalb, weil auch draußen bereits finstere Nacht war. Alles bereitete sich zur nächtlichen Ruhe vor, und Albert folgte dem Beispiel der Kabylen, die sich fester in ihre Burnusse wickelten und auf die Erde legten.

Einmal in der Nacht wachte Albert auf und hörte, wie ein Kabyle mit dem Scheik sprach und ihm die Nachricht brachte, daß man noch immer einzelne Schüsse gehört habe. Dann schlief er wieder ein, wachte jedoch abermals auf, als das erste Licht des grauenden Morgens durch die Öffnung der Grotte hereinschimmerte.

Er war ganz munter und richtete sich auf. Sonderbar! War es eine Täuschung seiner Sinne, war es Wirklichkeit? – er hörte die französischen Signalhörner in der Ferne tönen. Es kostete ihm Mühe, nicht aufzuspringen, er mußte an sich halten. Jetzt hörte er dieselben Töne – es war Wirklichkeit, die Franzosen mußten in der Nähe sein. Er legte sich wieder auf die Erde, aber er horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.

Bald wurde es auch unter den Kabylen rege, Boten stürzten zum Scheik, die nächtliche Stille in der Grotte machte einer geräuschvollen Unruhe Platz. Der Scheik erhob sich und ging nach dem Ausgang der Grotte. Die Signalhörner der Franzosen ertönten immer näher. Dazwischen fiel hin und wieder ein Schutz.

Die Kabylen schienen bestürzt zu sein. Albert hörte ein lautes Durcheinandersprechen. Er vernahm daraus, daß sich auf allen Anhöhen Franzosen zeigten, wie es schien, in bedeutender Anzahl. Auch ihnen mußte die Grotte bekannt sein, denn ihre Operationen deuteten darauf hin, daß sie diese umzingeln wollten.

Ein französischer Parlamentär verlangte jetzt die Ergebung sämtlicher Kabylen, die in der Grotte versammelt waren. Die Bedingungen waren annehmbar. Die Hälfte der Männer sollte als Kriegsgefangene bei den Franzosen bleiben, die andere Hälfte mit den Frauen und Kindern ohne Waffen abziehen.

Der Scheik ließ jedoch antworten, er könne auf diese Bedingungen nicht eingehen. Er verlangte für alle freien Abzug, nur die Hälfte der Männer sollte die Waffen niederlegen. Anderenfalls sei er entschlossen, sich bis aufs äußerste zu verteidigen.

Der französische Kommandeur mochte die Wahrheit dieser Behauptung prüfen wollen, denn zehn Minuten später erschienen die Köpfe der Zuaven am Eingange der Höhle, und Flintenschüsse knatterten.

Jetzt hielt der junge Offizier den Zeitpunkt für gekommen, in dem er an seine eigene Rettung denken müsse. Während die Kabylen Vorbereitungen trafen, dem Angriff der Franzosen zu begegnen, suchte er sich dem Ausgange der Höhle zu nähern. Er wußte noch nicht bestimmt, was er tun wollte. Ohne weiteres und auf gut Glück hinauseilen konnte er nicht, denn seine Kameraden mußten ihn für einen Araber halten, und es war tausend gegen eins zu wetten, daß ihn eine Kugel traf, ehe er noch ein Wort hatte sprechen können. Aber vielleicht konnte er sich gefangennehmen lassen, wenn die Franzosen tiefer eindrangen.

Unterdessen hatten die Kabylen sehr schlaue Maßregeln getroffen, dieses Eindringen aufzuhalten. Sie blieben in der Dunkelheit und errichteten dort Bollwerke zu beiden Seiten der Höhle, so daß die Mitte ganz frei blieb. Denn es ließ sich erwarten, daß die Franzosen vorzüglich nach der Mitte feuern würden.

Wenn der Kampf ernstlich wurde, so mußte er entsetzlich werden, das sah Albert ein. Die Kabylen hatten den großen Vorteil, die Gestalten der Franzosen zwar nur in schwarzen Umrissen, aber doch ganz deutlich am Ausgange der Höhle zu sehen, während sich den Franzosen keine andere Zielscheibe bot, als die gähnende Dunkelheit der Grotte. Aber wenn es selbst den Kameraden Alberts gelang, den Eingang der Höhle zu forcieren – was enorme Opfer erforderte – so stand nur eine noch gräßlichere Fortsetzung des Kampfes bevor, denn das Handgemenge mußte in einer vollkommenen Dunkelheit geführt werden. Die Kabylen hatten schon jetzt fast alle Fackeln ausgelöscht.

Unruhig und nicht ohne Bangigkeit erwartete Albert den Beginn des Kampfes. Der Scheik hielt sich im Vorderteil der Grotte auf und gab seine Befehle. Albert, der eine Zeitlang ganz dicht bei ihm war, hörte ihn leise zu einem Gefährten sagen, daß im Notfall noch ein, allerdings nur für Einzelne gangbarer Ausgang aus der Höhle ihm bekannt sei. Dann schlüpfte der junge Offizier weiter nach vorn. Er wollte jetzt nicht vom Scheik bemerkt und in das Innere zurückgewiesen werden.

Nun entspann sich das Gefecht. Die Kugeln der Zuaven pfiffen durch die Höhle und schlugen gegen deren Wände. Die Kabylen antworteten. Der enge, geschlossene Raum ließ jeden einzelnen Schuß wie einen Donner des Jüngsten Gerichts ertönen. Die Höhle schien zusammenbrechen zu wollen. Noch waren die Schüsse einzeln, die Zuaven wagten sich nicht recht vor. Sie mochten wissen, daß ihre Körper treffliche Zielscheiben boten, und in der Tat, wo nur ein Franzose auftauchte, streckten ihn die Kugeln der Kabylen zu Boden. Albert sah mit Betrübnis die vergeblichen Bemühungen der Zuaven, sich irgend eine Schutzwehr zu verschaffen. Zuletzt erschien eine ganze Kompagnie Franzosen. Man schien zu der richtigen Einsicht gekommen zu sein, daß einzelne Tirailieurs hier nichts ausrichten könnten. Die Franzosen stürmten in die Höhle hinein. Der Kampf wurde lebhafter, allgemeiner.

Jetzt nahm Albert seine ganze Besonnenheit zusammen, jetzt war die Möglichkeit einer Flucht vorhanden. Er nahm eine Flinte, die er auf der Erde fand, und mischte sich in die vorderen Reihen der Kabylen. Ein Hagel von Kugeln prasselte an die Wände der Höhle, eine Salve der Kabylen antwortete.

Zurück! rief eine Stimme neben ihm. Du hast hier vorn nichts zu suchen. Zurück!

Es war der Scheik. Albert blieb stehen. Er mußte fürchten, von den Kabylen erschossen zu werden, wenn er noch einen Schritt vorwärts tat.

Darf ich nicht kämpfen gegen die Giaurs wie die anderen Gläubigen? fragte er ruhig.

Nein! antwortete bei Scheik kurz und bestimmt. Wir dürfen dir nicht trauen, du bist ein Gefangener.

Die Aussicht zur Flucht war für den jungen Franzosen verloren. Vielleicht zu seinem Glücke. Denn schon sah er die Franzosen sich zurückziehen. Dreiviertel von ihnen bedeckten getötet oder verwundet den Boden am Eingang zur Höhle, Es war unmöglich gewesen, den Eingang zu forcieren. Die Hörner bliesen zum Rückzug.

Fünf Minuten darauf erschien abermals ein Parlamentär. Albert erwartete ebenso wie die Kabylen, daß der französische Kommandeur günstigere Bedingungen stellen würde. Er irrte.

Der Scheik der Kabylen sollte sich den Franzosen überliefern, so lautete die Aufforderung. Mit ihm sollten drei Viertel der Männer sich als Kriegsgefangene ergeben. Geschähe das nicht im Laufe einer Viertelstunde, so hätten die Kabylen sich auf das äußerste gefaßt zu machen.

Diese Aufforderung wurde, wie Albert voraussah, von den Kabylen mit Hohnlachen aufgenommen. Der Scheik ließ zurückantworten, daß er bei seinen früheren Bedingungen verharre. Zu seiner Umgebung äußerte er, daß Bu Maza jetzt bald zum Entsatz kommen müsse.

Abermals verging eine Viertelstunde, diesmal im tiefsten Schweigen. Die Kabylen, die einen wiederholten Angriff erwarteten, verbarrikadierten jetzt den ganzen Eingang der Höhle.

Dann sah man einzelne Zuaven am Eingang erscheinen. Sie trugen große Reisigbündel vor sich, zum Schutz, wie Albert glaubte. Ihre Zahl vermehrte sich in einer Minute auf mehr als dreißig. Plötzlich brannten die Bündel, welche die Zuaven trugen, und diese schleuderten ihre Last so weit sie konnten in die Höhle hinein. Eine feurige Masse bedeckte den ganzen Boden am Eingang der Grotte. In den Bündeln schien sich Pulver zu befinden. Es flackerte hell auf. Man sah nicht mehr das Tageslicht, sondern nur eine Rauchwolke.

Ein entsetzlicher, allgemeiner Schrei dröhnte durch die ganze Höhle, deren Felsenwände davon erbebten. Wie ein Blitz fuhr Albert die Erinnerung durch den Kopf, daß er den Oberst Pelissier einst davon hatte sprechen hören, er wolle einmal ein ganzes Kabylennest ausräuchern, wenn er es in einer Grotte beisammen fände. Gerechter Gott! Der Oberst machte sein Versprechen zur Wahrheit. Die Kabylen waren verloren und Albert mit ihnen!

Wer beschreibt das entsetzliche Geschrei, das durch die ganze Höhle ertönte, wer schildert dieses Geheul der Angst, der Verzweiflung, diese Verwirrung, diese Betäubung! Heller flackerte das Feuer auf, immer neue Bündel flogen in die flammende Mauer am Eingang der Höhle, ein erstickender Qualm drängte sich langsam in das Innere, zuerst an der Decke fortziehend, dann sich tiefer senkend. Albert verlor auf einen Augenblick seine Geistesgegenwart. Auf einen solchen Tod war er nicht vorbereitet gewesen!

Da erinnerte er sich dessen, was der Scheik über einen zweiten Ausgang gesagt. Inmitten des wütenden Jammergeschreies, das wie das Geheul des erzürnten Meeres rings um ihn tobte, suchte er den Scheik. Es war ein großer Mann. Er glaubte ihn zu sehen, wie er nach dem Hintergrunde der Grotte eilte, und nur noch an seine eigene Rettung denkend, alles niederstoßend, was ihm in den Weg kam, folgte er dem Scheik. Schon umwirbelte ihn ein entsetzlicher Dampf, schon erstarb der letzte Schein von Licht in dieser unheimlichen Unterwelt, er fühlte, daß er über menschliche Körper dahinschritt, er hörte wildes, entsetzliches Geschrei rings um sich her – aber noch sah er den Scheik, noch war er dicht bei ihm, noch flatterte das weiße Gewand des Führers, um den sich einige andere Kabylen geschart hatten, dicht vor ihm her.

Was dann mit ihm geschehen, dessen konnte sich Albert nur mit der grüßten Mühe erinnern, und auch nur wie eines wüsten, schrecklichen Traumes. Er erinnerte sich, daß er geglaubt, in der Hölle zu sein, daß er mit Kabylen und Kabylenweibern gekämpft, die in der Raserei des Todeskampfes einander zerfleischten, daß ein erstickender Qualm ihm die Kehle zugeschnürt, und daß er endlich in einen engeren schmalen Gang gekommen, in dem eine vollständige Dunkelheit geherrscht. Nur noch wie aus weiter Ferne war das Geräusch von Schritten und Stimmen vor ihm an sein Ohr gedrungen und hatte ihm eine Weisung gegeben, wohin er sich zu wenden habe, überall hin hatte ihn der Dampf verfolgt, bis er endlich ein schwaches Licht über sich und ein paar Ohnmächtige neben sich gesehen. Dann war auch er besinnungslos, auf den Tod erschöpft, niedergesunken.

Aber für einen ohnmächtigen Krieger gibt es kein besseres Belebungsmittel als den Donner von Schüssen, und Albert hörte diesen Donner nicht weit von sich. Er schlug die Augen auf, er stützte sich auf seinen Arm.

Jetzt erst sah er, wo er sich befand. Er war auf der Spitze des Felsens, in dessen Innerem sich die Grotte befand, die für die Kabylen so verhängnisvoll geworden war. Neben ihm lagen der Scheik und drei andere Kabylen, ebenfalls bis auf den Tod erschöpft. In nicht zu weiter Entfernung hielt eine Schar von Arabern kampfbereit auf ihren Pferden. Weiterhin war eine andere beträchtliche Zahl von Reitern und Kabylen zu Fuß mit den Franzosen im hitzigen Gefecht.

Albert sollte bald Aufklärung darüber erhalten. Der Scheik seufzte tief auf.

Wäre Bu Maza eine Viertelstunde früher gekommen, so wäre das Unglück vereitelt worden! sagte er dann. Aber Allah ist groß und Mohammed sein Prophet. Es sollte so sein! Fügen wir uns in Demut!

Es war also Bu Mazas Schar, die um wenige Minuten zu spät eingetroffen, und die jetzt mit den Franzosen kämpfte. Schon dachte Albert nicht mehr an die gräßliche Vergangenheit, schon richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf das, was vor ihm lag. Wie würde der Kampf sich entscheiden?

Bu Maza kommandierte in eigener Person, wie Albert aus den Reden des Scheiks und seiner Genossen hörte. Auch waren die Franzosen in einer ungünstigen Lage. Ihre Hauptmacht befand sich im Tale, am Eingange der Grotte.

Beinahe eine Stunde lang währte der wütende Kampf. Endlich gelang es den Franzosen, sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tales einen Ausweg zu bahnen und die Höhen zu erreichen. Aber sie mußten bedeutende Verluste erlitten haben, denn sie setzten den Kampf nicht fort. Sie schienen zufrieden damit, selbst einer ähnlichen Vernichtung entgangen zu sein, wie sie vorher die Kabylen in der Grotte betroffen.

Gleich darauf erschien ein französischer Parlamentär. Albert, der unterdessen mit dem Scheik und dessen Begleitern zu den Kabylen gegangen war, hörte deutlich, was er sprach. Der französische Kommandeur ließ sagen, daß er die Kabylen in der Grotte deshalb vernichtet, weil sie auf ihrem törichten Widerstande beharrt und ihm eine Schar seiner besten Leute getötet. Wolle man dies den Franzosen, die von Bu Mazas Leuten gefangen worden, entgelten lassen, so werde er gleichfalls die gefangenen Kabylen unbarmherzig hinopfern.

Bu Maza – Albert hatte ihn jetzt gesehen und als den Anführer erkannt – ein echter Araber mit gelbem Gesicht und schwarzem Bart, beriet mit seinen Genossen. Anfangs schien man allerdings Willens zu sein, die gefangenen Franzosen zu töten, da aber einige Häupter der Kabylen von den Franzosen gefangen waren, so stand man von dieser Rache ab. Bu Maza ließ dem Kommandeur sagen, er werde nachher wegen der Auswechslung der Gefangenen mit ihm unterhandeln. Bis dahin stehe er für die Sicherheit der Franzosen.

Nun wandte sich Bu Maza zu dem Scheik, der ehrerbietig und traurig auf ihn zutrat und ihm den Saum des Mantels küßte.

Ich habe gehört, daß du gerettet bist, und das ist eine Freude für mich bei diesem Unglück! sagte Bu Maza. Allah ist groß! Er will seine Gläubigen prüfen, ehe er ihnen die Krone des Sieges schenkt. Wieviel hast du gerettet?

Mich selbst und diese drei, sagte der Scheik. Was jenen anbetrifft, so werde ich nachher mit dir über ihn sprechen.

Bei diesen Worten deutete er auf Albert, der sich ruhig und ehrfurchtsvoll vor Bu Maza verneigte.

Und wie groß war deine Schar? fragte der Anführer.

Wir zählten vierhundert streitbare Männer, antwortete der Scheik. Außerdem waren achtzig Greise bei uns, ebensoviel Frauen und zweihundert Kinder. An Pferden hatten wir sechshundert, dann dreihundert Maultiere. Von dem allem sind nur wir vier gerettet.

Allah ist groß! rief Bu Maza und streckte die Hand zum Himmel. Er wird diese Opfer rächen! Aber es ist ein großer Verlust, er hat uns mehr gekostet, als hätten wir eine Schlacht verloren. Indessen wollen wir nachforschen lassen, vielleicht sind noch einige zu retten. Was meinst du?

Ich glaube es nicht, antwortete der Scheik, auf den Felsen deutend. Noch immer steigt Dampf aus den Löchern.

Dennoch traf man Anordnungen, um in die Höhle einzudringen.

Eine Stunde später stand Albert dem Anführer der Kabylen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der Scheik erzählte diesem alles, was er über ihn wußte, und betonte namentlich die Verdachtsgründe, die gegen ihn vorlagen. Bu Maza hörte ruhig, ernst und aufmerksam zu. Er verwandte keinen Blick von Albert, und dieser wußte zu gut, wieviel jetzt auf dem Spiele stand, um nicht seine ruhigste und aufrichtigste Miene anzunehmen.

Als der Scheik gesprochen, sprach er seinerseits. Er wiederholte alles, was er schon dem Scheik gesagt, er entkräftete den Verdacht, den der Jude auf ihn geworfen. Bu Maza hörte ebenso ruhig zu.

Wenn dieser Mann die Wahrheit spräche, sagte er dann zum Scheik, so könnten wir den Verlust ersetzen, den wir erlitten. Ich habe davon gehört, daß Achmet Bey noch lebt. Übrigens können wir diesen Mann auf die Probe stellen. Wie weit ist es nach Biled ul Tscherid, bis nach dem Hause Achmet Beys?

Ich bin zwölf Tage geritten ohne Unterlaß und auf einem guten Pferde, antwortete Albert.

Gut, ich werde dir fünfzig meiner Leute zur Begleitung geben, sagte Bu Maza. Du wirst zurückkehren zu Achmet Bey und ihm sagen, daß wir ihn und seine Krieger erwarten. Findest du das Haus des Bey nicht, hast du gelogen, so werden meine Leute dich zurückführen, und du wirst deine Strafe erleiden!

Für Albert Herrera aber war es ein Ritt in die dunkle Zukunft, in ein düsteres Verhängnis, vielleicht in den Tod! Jeder Hufschlag seines Pferdes entfernte ihn weiter von seinen Kriegsgefährten, von seinem Vaterlande, von der Zivilisation und näherte ihn jenem Orte, den er selbst nicht kannte, an dem sich aber sein Schicksal entscheiden sollte. –

Längst lag die Dahra mit ihren Schrecknissen weit hinter der Schar. Beinahe vierzehn Tage waren vergangen. Nach Alberts Voraussetzungen konnte man nicht mehr allzufern vom Ziel der Reise sein. Der Weg indessen war weit, und man konnte sich um eine oder zwei Tagereisen irren. Albert konnte auch nach Ansicht der Kabylen leicht ein wenig vom Wege abgekommen sein. Noch schöpfte niemand Verdacht.

An einem der folgenden Tage führte es der Zufall, daß Albert auf kurze Zeit ohne Begleiter war. Die größere Zahl der Kabylen ritt eine Strecke voraus, die kleinere war ein wenig hinter ihm zurückgeblieben. So ritt er allein in der Mitte auf dem weichen Sande, der die Hufschläge der Rosse weniger hören ließ als ein Teppich. Jetzt aber bemerkte er einen Reiter neben sich. Er blickte auf. Verwundert erkannte er einen fremden Araber.

Eine Minute lang schauten sich die beiden Männer an. Der ernste Araber schien in dem Gesichte Alberts forschen zu wollen, ehe er ihn anredete. Albert seinerseits wünschte im voraus zu wissen, was den stolzen Mann zu ihm führe. Er beobachtete ihn aufmerksam und bemerkte jetzt, daß er nicht mehr ganz jung war. Sein Gesicht war ernst und düster, sein Blick mißtrauisch und forschend.

Du bist der Fremde, der uns zu Achmet Bey führen soll? fragte der Araber stolz und finster.

Ob dich, das weiß ich nicht, antwortete Albert ruhig. Aber der Schar diene ich zum Führer.

Ich bin ein Verwandter Achmet Beys. Mein Vater kämpfte mit ihm in Konstantine gegen die Franzosen. Ich will jetzt zu ihm ziehen und bei ihm wohnen. Hält er noch immer streng fest an den Regeln des Korans? Ist er noch immer ein Muster der Gläubigen?

Gewiß! antwortete Albert, scheinbar verwundert. Hat je ein Mensch daran gezweifelt?

Nein, aber man erzählte früher von ihm, daß er Christinnen und Jüdinnen in seinen Harem nimmt.

Es ist möglich, daß er in dieser Beziehung nicht streng dem Koran folgt, meinte Albert leichthin. Das ist kein Unglück.

Meinst du? versetzte der Araber und warf einen forschenden Blick auf Albert. Die Gläubigen jenseits des Atlas sind strenge. Sie dulden es nicht, daß ein Krieger eine Jüdin in seinen Harem nimmt. Sie weisen ihn von sich.

Jetzt wußte Albert, mit wem er sprach. Er war überrascht, aber angenehm.

Du bist also derjenige, der die Tochter des Juden Eli Baruch Manasse aus Oran geraubt hat? sagte er so gelassen, als handele es sich um den Ankauf eines schönen Pferdes. Und du willst sie nun zu Achmet Bey führen?

Wer sagt dir das? fragte der Araber finster. Und was weißt du von der ganzen Sache?

Willst du sie geheim halten? Mir ist die Sache sehr gleichgültig. Ich habe davon sprechen hören im Lager der Gläubigen, und der Vater dieser Jüdin war es, der den Verdacht gegen mich aussprach, ich sei ein Franke. Der Tor! Er glaubte, er könne durch diese Lüge seine Tochter retten!

Wie? Also war der Jude noch einmal im Lager?

Gewiß! Das weißt du nicht? Er kehrte zurück, um mich zu verleumden. Was hat er nun davon? Du führst seine Tochter in ein fernes Land, und er ist wahrscheinlich tot, erstickt in der Höhle der Dahra.

Allah il Allah! murmelte der Araber nach diesen Worten Alberts, und eine schwere Last schien ihm vom Herzen zu fallen. Du glaubst also, Achmet Bey sei nicht so streng in diesem Punkt?

Ich vermute es, erwiderte Albert, kann dir aber freilich nichts Bestimmtes sagen. Ich bin nicht in den Harem des Beys eingedrungen, kenne seine Weiber nicht und weiß nicht, ob Jüdinnen oder Christinnen unter ihnen sind.

Bu Maza ist ein Tor, er hätte mich nicht in die Ferne zu schicken brauchen, meinte der Araber mißmutig. Wie kann es den Gläubigen ein Ärgernis geben, wenn ein Krieger eine Jüdin zu sich nimmt?

Bu Maza hatte also den Räuber der Jüdin fortgeschickt, damit sein Verhältnis zu der Tochter des Giaurs den Gläubigen kein Ärgernis gebe. Das erriet Albert aus diesen Worten.

Man hat mir gesagt, daß die Reise ungefähr vierzehn Tage dauern würde! sagte der Araber dann.

Es können wohl fünfzehn oder sechszehn werden. Es tut mir leid deinetwegen – fügte Albert mit leichtem Spott hinzu – du wirst dich sehnen, mit der schönen Jüdin allein zu sein!

Vielleicht sagte der Araber kurz, grüßte flüchtig und sprengte zu seinen Dienern zurück.

Der junge Franzose wußte nun, was es mit diesem Fremden für eine Bewandtnis hatte. Er wußte nun auch, daß er sich seit längerer Zeit in der Nähe der schönen Jüdin befunden, ohne es zu ahnen.

Die anderen Kabylen hatten die Unterredung der beiden bemerkt. Sie fanden sich bald ein, um zu hören, was der schweigsame Fremde demjenigen mitgeteilt hatte, der doch im allgemeinen am wenigsten des Vertrauens würdig schien. Albert antwortete sehr kühl auf die Fragen, die man an ihn richtete. Er hielt es für überflüssig, das, was er selbst erraten, den anderen zu offenbaren. Er sagte nur, der Fremde habe sich nach den Verhältnissen Achmet Beys erkundigt.

Wenige Minuten darauf zog ein anderer Umstand die allgemeine Aufmerksamkeit vollständig von diesem Gegenstande ab.

Ein Löwe! rief ein Kabyle, pfeilschnell heransprengend. Ein Löwe! Ein prächtiges Tier! Vorwärts! Zur Jagd!

Wie ein elektrischer Strahl zündete diese Kunde.

Ebenso langsam und ruhig, wie Albert seine Flinte erhob, kauerte sich der Löwe zusammen und bückte sich zum Sprunge. Beide, Mensch und Tier, starrten sich mit weitgeöffneten Augen an. Es war ein entsetzlicher Augenblick. Das Pferd zitterte und schnaubte. Mehr noch als sein Herr schien es die ganze Gefahr zu begreifen.

Jetzt legte Albert die Flinte an die Wange. Jetzt erhob sich der Löwe. Ein Sprung, ein Knall – Albert fühlte das Gewicht einer gewaltigen Masse auf seinem Körper, er fühlte warmes Blut über sein Gesicht strömen.

Als Albert wieder zum Bewußtsein kam, umstand ihn eine finstere Schar mit düsteren Blicken, schweigsamen Gesichtern. Er selbst wußte nicht, was geschehen, was er gesprochen. Er streckte die Hand aus, damit man ihm helfen solle. Aber niemand rührte sie an. Und doch war seine Lage so entsetzlich.

So währte es eine Stunde. Nach einer kurzen Beratung, die der Führer vorn mit seiner Begleitung gepflogen, wandte sich der Zug nach einem kleinen Palmenwäldchen in der Nähe. Dort schien man das Lager aufschlagen zu wollen. Man setzte also die Reise nicht fort. Weshalb? Albert sah ein, daß er entdeckt war, es konnte nicht anders sein.

Die Kabylen gingen mürrisch und finster an die gewöhnlichen Arbeiten, die das Aufschlagen des Lagers mit sich bringt. Auf ihnen sogar schien diese Entdeckung schwer zu lasten. Albert sah, daß diejenigen, die am vertrautesten mit ihm gewesen, ihn jetzt am eifrigsten vermieden, ihm sogar nicht einmal einen Blick schenkten.

Aber nun endlich sollte er Aufklärung erhalten. Der Führer der Schar kam und trat vor ihn hin.

Nun, Freund, fragte er kalt und ruhig, aber mit einer Beimischung von Spott, wie weit sind wir noch von Achmet Bey?

Ich weiß es nicht genau, antwortete Albert ebenfalls ruhig. Aber wir müssen ihn bald finden.

Meinst du? rief der Araber. Verfluchter Giaur, du wagst es, uns noch länger täuschen zu wollen?

Ein Blick tödlichen Hasses sprühte aus den Augen des Kabylen zu Albert hinüber.

Giaur? fragte er. Weshalb bin ich plötzlich ein Giaur? Taucht der alte Argwohn wieder auf?

Hast du je gehört, daß ein Gläubiger im Augenblick des Todes den Gott der Franken angerufen? fragte der Kabyle höhnisch lachend.

Nun war es Licht vor Alberts Augen. Also das war es! Ja, ja, ihm selbst hallte dieser Schrei, den er ausgestoßen, jetzt wieder vor den Ohren. Er hatte seinen Gott, nicht den Allah der Moslemin angerufen.

Und was sollte er nun tun? Noch länger leugnen? Er hätte es gekonnt. Es gab noch tausend Rechtfertigungsgründe, noch tausend Entschuldigungen. Er konnte sagen, daß er während seines Lebens unter den Ungläubigen die lästerliche Sitte angenommen, bei außerordentlichen Gelegenheiten Gott auf die Weise der Franken anzurufen. Er konnte so manches sagen, was den Kabylen neue Zweifel einflößen mußte.

Aber er wollte nicht mehr lügen. Er war seiner Rolle überdrüssig. Was nutzte es ihm auch, noch einige Tage den Gläubigen zu spielen. Achmet Bey konnte er ja doch nicht finden, das vorgespiegelte Ziel doch nicht erreichen. Das traurige Spiel war nur einige Tage früher zu Ende, und an der Hauptsache änderte das nichts.

Nun wohlan, sagte er ruhig, ich bin ein Franke, ein Giaur, ich habe euch getäuscht, und nun ist es gut!

Damit wandte er sich kurz ab und warf sich auf die Erde. Er war müde. Er wollte Ruhe haben.

Der Führer kehrte zu den Kabylen zurück. Albert achtete nicht einmal darauf, wie die Gewißheit, die sie nun erhielten, von den Betrogenen aufgenommen wurde. Es war ihm ganz gleichgültig, was man über ihn beschloß. Töten konnte man ihn nicht, da Bu Maza den Befehl gegeben hatte, daß er auf jeden Fall zu ihm zurückgeführt werden solle. Und wollte man es dennoch tun – nun, dann verkaufte er sein Leben so teuer als möglich und starb im Kampfe.

Später stand er auf und ging nach einem kleinen See, der sich in dem Wäldchen befand und sich wahrscheinlich regelmäßig während der Regenmonate bildete, um gegen das Ende des Sommers wieder zu vertrocknen. Dort wusch er sein Gesicht und reinigte es von Blutspuren. Dann, da es Abend wurde, hüllte er sich fest in seinen Burnus und legte sich nieder, unbekümmert um die ganze Welt und um seine Zukunft.

Es war eine finstere Nacht. Der Mond schien nicht, und die Sterne flimmerten nur spärlich durch die Kronen der Palmen, die regungslos über dem Schläfer in den dunklen Himmel ragten. Albert schlief ziemlich fest und ruhig. Von Zeit zu Zeit aber wachte er auf. Plötzlich hörte er eine Stimme dicht neben seinem Ohr und vernahm französische Worte. Er glaubte zu träumen. Er wollte den Kopf emporrichten, aber eine weiche Hand drückte ihn nieder.

Um Gottes willen, rühren Sie sich nicht, Sie verderben uns beide! flüsterte eine weibliche Stimme.

Albert war jetzt ganz munter geworden. Neben sich, lang auf der Erde liegend, sah er eine Gestalt. Sie befand sich fast unmittelbar neben ihm. Er glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren.

Mein Gott, wer sind Sie? fragte er leise. Wer spricht hier in den Tönen meines Vaterlandes zu mir?

Ich bin Judith, die Tochter Eli Baruch Manasses, antwortete die Stimme. Heut, als Sie den Löwen töteten, erfuhr ich von einem unserer Diener – während mein Räuber und Tyrann sich entfernt hatte – daß Sie ein Franzose seien. Er teilte mir ferner mit, daß man Sie nur deshalb in Verdacht gehabt, weil ein Jude, der kein anderer als mein Vater gewesen sein kann, Sie verraten. Ich forschte nach den näheren Umständen und erfuhr das Ganze. Von diesem Augenblicke an hatte ich nur noch einen Gedanken: denjenigen, meine Schuld an Sie abzutragen. Mein Vater ist durch seine Liebe zu mir zu einem Frevel verleitet worden. Meine Sache ist es, das wieder gutzumachen, und deshalb bin ich gekommen.

Aber was wollen Sie? fragte Albert noch immer aufs höchste überrascht. Wie ist es ihnen überhaupt möglich gewesen, sich von dem Araber zu entfernen, seine Wachsamkeit zu täuschen und zu mir zu gelangen?

Ich werde es ihnen erzählen, aber vorher müssen Sie mir ihr Versprechen geben, daß Sie fliehen wollen, flüsterte die Jüdin.

Fliehen? Weshalb nicht, wenn es eine Möglichkeit dazu gibt? antwortete Albert. Ich verspreche es.

Nun gut, so hören Sie an! Wie ich geraubt worden bin, was ich bis jetzt erduldet, das interessiert Sie nicht. Auch muß ich kurz sein. Genug, ich sah bis vor kurzem keine andere Rettung als den Tod. Ich wußte, daß der Kabyle zu Achmet Bey wollte, und glaubte, ich sei verloren, wenn wir einmal dort angekommen wären. Vor einigen Tagen endlich zeigte sich mir ein schwacher Hoffnungsstern. Ich bemerkte, daß einer von den Dienern des Kabylen mich mit Augen betrachtete, die mir keinen Zweifel über seine Absichten ließen. Es gelang mir, mit ihm allein zu sprechen, er gestand mir, daß er mich liebe und daß er entschlossen sei, mich zu retten, wenn ich sein Weib weiden wolle. Ich verabscheue ihn ebensosehr wie seinen Herrn. Aber ich nahm seinen Vorschlag an. Es war das einzige Mittel, zu meinem Vater, nach meiner Heimat zurückzugelangen. Gestern hatte ich mit ihm eine längere heimliche Unterredung, in der alles beschlossen wurde. Wir wollten nach bewohnteren Gegenden zurückkehren, und von dort aus sollte ich meinem Vater schreiben, daß er mich aufsuchen und mir Geld bringen möge. In dieser Nacht wollten wir fliehen, und zwar auf seinem und seines Herrn Pferde.

Da ereignete sich heut jener Vorfall, der mich darüber aufklärte, wer Sie seien und in welche Lage Sie durch den traurigen Verrat meines Vaters versetzt worden. Mein Entschluß stand sogleich fest. Heute abend mischte ich, wie ich es ohnehin mit dem Kabylen verabredet hatte, einen Schlaftrunk in das Wasser, das mein Räuber jeden Abend zu trinken pflegt. Er schläft jetzt so fest und ruhig wie niemals. Dann nahm ich meinen weitesten und dichtesten Mantel, hüllte mich darin und schlich hierher, die Dunkelheit der Nacht und die Unebenheiten des Bodens benutzend. Jetzt steht es in Ihrer Hand, sich zu retten.

Aber noch sehe ich keine Möglichkeit dazu, flüsterte Albert, der mit Verwunderung zugehört hatte.

Oh, die Sache ist ganz einfach, erwiderte Judith leise. Sie nehmen meinen Frauenmantel, hüllen sich fest darin ein und entfernen sich auf dieselbe Weise, wie ich hierher gekommen bin. Tausend Schritte hinter dem Zelte, in dem wir wohnen, hält der Kabyle mit den beiden Pferden. In der Dunkelheit der Nacht und wenn Sie etwas gebückt gehen, wird er Sie in dieser Vermummung nicht erkennen. Sie werden mit ihm fliehen, und wenn der Morgen anbricht, so wird es Ihre Sache sein, sich ihres Begleiters zu entledigen.

Ich danke Ihnen, Mademoiselle, antwortete der junge Franzose. Aber Sie? Wo bleiben Sie?

Ich? Ich bleibe hier an Ihrer Stelle, auf Ihrem Platze.

Sie sind edel, Sie sind großmütig! sagte Albert mit Wärme. Dann schwieg er eine Zeitlang.

Wäre ich bewaffnet, so könnte ich ihren Plan annehmen, fuhr er dann fort. Ich würde den Kabylen, der Sie erwartet, aufsuchen, und da er ein Feind meines Vaterlandes ist, so würde ich ihn töten, ohne mir viel Skrupel darüber zu machen. Dann würden Sie mir nachfolgen, und wir würden vereint fliehen. So aber kann ich Ihren Plan nicht annehmen.

Oh, sprechen Sie nicht so! flüsterte die Jüdin bittend und dringend. Denken Sie nicht daran. Sie retten sich, und mir wird kein Schaden geschehen, verlassen Sie sich darauf! Weisen Sie meinen Vorschlag nicht zurück!

Es wäre noch eine Möglichkeit! sagte Albert. Wenn der Kabyle drei Pferde hätte, oder wenn er sich dazu verstände, mich auf das seinige zu nehmen, so könnten wir drei zusammen fliehen.

Nein, nein, ich glaube nicht, daß er das tun würde! flüsterte Judith. Ich bitte, ich beschwöre Sie, verlieren Sie nicht die edle Zeit.

Mag es sein! sagte Albert entschlossen. Ich fliehe nicht allein, ich könnte es nicht vor meinem Gewissen verantworten. Dennoch danke ich Ihnen von ganzem Herzen.

Sie weisen mich zurück! Das ist grausam! seufzte Judith. Sie verachten meinen Rat, wie Sie mein Volk verachten.

Nein, bei Gott nein, beteuerte Albert. Aber mein Entschluß steht fest, nichts wird ihn erschüttern. Ich gehe nicht fort von hier ohne Sie.

Also Sie rauben mir jede Hoffnung, die Schmach meines Vaters in Ihrem Andenken verlöschen zu können? seufzte Judith.

O nein, Mademoiselle, niemand kann dieses Gefühl in ihrem Herzen besser beurteilen als ich; aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich Ihrem Vater verzeihe um seiner Tochter willen. Dringen Sie nicht länger in mich. Ich gehe nicht von hier fort, es sei denn, daß ich auch Sie gerettet weiß.

So gehe ich auch nicht! sagte Judith beinahe laut und fest und bestimmt.

Ich bitte Sie, opfern Sie sich nicht nutzlos auf! bat Albert. Retten Sie sich! Sie werden später erfahren, daß mich mein Glücksstern nicht verlassen hat. Auch ich werde mein Vaterland wiedersehen.

Sie wollen meinen Vorschlag nicht annehmen? fragte Judith noch einmal.

Ich kann es nicht, unter keiner Bedingung, so tief es mich auch schmerzt! antwortete Albert.

Dann Adieu! flüsterte die Jüdin, und rasch war sie von seiner Seite verschwunden. – –

Mochte je eine so unheimliche Stille auf einem Zuge gelastet haben, wie auf diesem am Mittag des folgenden Tages? Mochte je eine Schar lebendiger Wesen so gespensterähnlich, so schweigend und düster durch die Wüste gezogen sein wie dieser Kabylenzug? Unmöglich konnte je ein Anblick düsterer und schauerlicher gewesen sein als der, den die Karawane jetzt darbot.

Die Luft schien zu zittern, zu flammen, wie die Luft über einer brennenden Kerze. Selbst den Strahlen der Sonne verstattete sie kaum einen Durchgang. Das Licht des sonst so glühenden Gestirns war matt und warf nur blasse Schatten. Ein Abergläubischer würde geglaubt haben, daß der Lauf der Welt gestört sei und die Erde ihrem Untergang entgegeneile.

Albert hörte, wie einige Kabylen sich dafür aussprachen, in dem Palmenwäldchen zu bleiben und das Naturereignis abzuwarten, das diese Schwüle verkündete. Der Führer schien jedoch dagegen zu sein. Er sagte, er wisse aus Erfahrung, daß derartige Witterungserscheinungen oft tagelang dauerten, und er hoffe mit Bestimmtheit, daß man eine große nördliche Oase erreichen könne, ehe das Unwetter ausbreche – wenn es überhaupt zum Ausbruch komme. Seine Stimme gab den Ausschlag. Man rüstete sich zum Aufbruch, und auch Albert bestieg sein Pferd wieder.

Sein Auge flog hinüber zu dem kleinen Zuge, der gewöhnlich den großen beschloß, und bei dem sich auch Judith befand. Wie immer, zählte Albert auch heute vier Reiter und drei Frauen. Judith war also nicht geflohen. Sie hatte Wort gehalten.

Man war jetzt schon weit von dem Palmenwäldchen entfernt, in einer Ebene. So weit das Auge blicken konnte, sah es nur die zitternde schwere Luft, den rötlichen Himmel, die matte Sonnenscheine. Selbst die Gestalten der vorderen entschwanden beinahe den Blicken. Es war Albert, als sehe er die ganze Natur durch ein gefärbtes, dickes Glas. Er ahnte, daß etwas Entsetzliches bevorstand, wahrscheinlich einer jener entsetzlichen Stürme, die ganze Karawanen, Hunderte von Reisenden zu vernichten pflegen.

Die Pferde wurden unruhig. Bald war es ein zitternder Schrei, der durch die Luft drang, bald ein unheimlicher, entsetzlicher, dumpfer Ton. Eine Antilope eilte jetzt, wie von einem Dämon gejagt, pfeilschnell mitten durch den Zug. Der Staub wirbelte auf. Dabei wurde die Glut mit jedem Augenblicke gräßlicher, drückender. Wieder brachen Tiere, Gazellen, Panther, Antilopen durch die Reihen der Reiter. Selbst eine Giraffe jagte vorüber.

Eine Minute darauf war alles in entsetzlicher Verwirrung. Alles stürzte nach den Maultieren, welche die Wasserschläuche trugen. Im Nu waren sie zerschnitten. Jeder tränkte ein Tuch in der lauwarmen Flüssigkeit. Alle Gesichter waren voller Entsetzen, fahl und mit Schweiß bedeckt. Auch Albert stürzte nach einem Maultier und tränkte seinen ganzen Burnus, den er pfeilschnell herabgerissen, in der Flüssigkeit.

Jetzt hörte er erstickte, jammernde Stimmen neben sich. Es waren Frauenstimmen. Diese Töne riefen ihm etwas zurück, was er in dem Aufruhr der Elemente vergessen hatte. Er erinnerte sich der Jüdin. Und mit dieser Erinnerung kehrte zugleich ein Teil seiner Kraft zurück.

Judith rief er laut und in französischer Sprache. Wenn Sie noch leben, so geben Sie mir ein Zeichen!

Hier, hier bin ich! antwortete eine helle Stimme. Befreien Sie mich! Der Kabyle will mich nicht fliehen lassen!

Ringsum nichts als Wolken heißen Sandes, eine unheimliche Dämmerung, das Rauschen des Samums, das Stöhnen und Klagen von Menschen und Tieren – eine erstickende Atmosphäre und die Gewißheit des Todes – so arbeitete er sich vorwärts, seine Augen anstrengend, daß sie brannten wie Feuer, um etwas zu erkennen, zu unterscheiden – während sein Pferd schnaufte und sich schüttelte und bäumte vor Entsetzen.

Da sieht er eine dunkle Masse vor sich, einen Reiter, eine andere Gestalt dicht neben ihm. Er glaubt, sie ringen zu sehen. Er zwingt sein Roß weiter vor, er drückt ihm tief die Sporen in die Weichen.

Du sollst sterben, sterben wie ich! Du sollst nicht fliehen! hört er eine Stimme rufen, und er erkennt die Stimme des Arabers, der Judith geraubt.

Laß mich, du Ungeheuer! Hilfe! Rettung! jammert die Tochter Manasses. Zurück, Räuber!

Albert sieht die beiden ringen. Der Kabyle will Judith zu sich auf sein Roß hinüberziehen. Aber der junge Franzose sieht sie nur wie Schatten. Auch er ist dicht bei ihnen, ohne daß sie ihn bemerken. Da glänzt etwas dicht neben seiner rechten Hand. Es ist der Yatagan des Kabylen.

Laß mich, Wahnsinniger! gellt die Stimme Judiths. Hilfe! Er tötet, er erdrosselt mich!

Albert hatte den Yatagan schon ergriffen. Er blitzt durch die Luft. Ein Schrei, ein Stöhnen. Der Kabyle sinkt zurück, mit seinen Armen noch nach Judith haschend. Dann verschwindet er unter seinem Rosse.

Ich bin es, Judith! Her zu mir! ruft Albert. Geben Sie mir die Zügel ihres Rosses! Hier – ich habe sie!

Mit der Linken hat er die Zügel des Pferdes ergriffen, an dessen Nacken sich Judith anklammert. Mit der Rechten hält er noch immer den blutigen Yatagan. Er spornt sein Roß vorwärts. Immer dichter werden die glühenden Sandwolken, die sich auf ihn niederstürzen.

Da erscheint eine andere Gestalt neben Judith, wie ein Schatten. Albert sieht, daß sie ihre Arme nach der Jüdin ausstreckt. Ist es der Engel des Todes? Will er nicht von seiner Beute lassen? Judith schreit auf.

Es ist der andere Kabyle, der mit ihr fliehen wollte! Fort von mir! Laß mich los, Ungeheuer! Du hast kein Recht an mich!

Wieder sieht Albert zwei Gestalten ringen, wieder fährt ein Blitz, zuckend aus seiner Hand, zwischen beide – wieder sinkt eine Gestalt zu Boden und verschwindet. Ein dumpfer Schrei übertönt das Brausen des Sturmes.

Und nun wohin? Der Weg ist frei – aber wohin? Albert gräbt seine langen Sporen in die Weichen seines Tieres. Er will fliehen, aber wohin? Wo tobt der Samum nicht? Doch hier kann er nicht bleiben. Er zieht das Roß Judiths mit sich fort, die beiden Tiere selbst scheinen zu fühlen, daß sie sich retten müssen, der Instinkt treibt sie.

Jetzt stürzt das Pferd Judiths. Albert will es am Zügel emporreißen, vergebens. Aber hier hilft kein Zögern, kein Besinnen. Er ergreift die Jüdin und reißt sie zu sich hinüber auf sein Pferd. Mit der Linken drückt er sie an sich, in der Rechten hält er noch immer den Yatagan. Und nun weiter!

Es wird Nacht. Die Sandwolken scheinen Albert niederdrücken zu wollen. Das Pferd schnauft stärker. Bald wird es stürzen. Bald wird Albert und mit ihm Judith verloren sein. Sie hat ihre Arme um ihn geschlungen in der Todesangst ihres Herzens. Albert sieht ihr bleiches Gesicht, ihre geschlossenen Äugen, ihr schwarzes, flatterndes Haar. Ihre volle Brust ruht an der seinen, er fühlt ihr Herz klopfen. Es durchzuckt ihn wie Fieberhitze, das Blut drängt sich nach seinem Gesicht, die Stirn scheint ihm springen zu wollen – blaue, rötliche, gelbe Lichter flimmern vor seinen Augen wie Blitze – das Pferd versinkt bis über die Knöchel im Flugsand, aber noch schleppt es sich weiter. Wie lange? Noch eine Minute. Und dann?

Ein schwerer, gewaltiger, heftiger Sturz in die Tiefe, in die vollständigste Nacht. Ein Schrei ringt sich von den Lippen Judiths. Albert fühlt das Pferd unter sich zucken. Dann verläßt auch ihn die Besinnung.

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