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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 18
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authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Die Verfolgung

Der Dampf wirbelte in die Luft und zerstob im Augenblick vor dem scharfen Winde. Das Rauschen der Schaufeln mischte sich mit dem Getöse der Wellen, die sich vergebens zu bemühen schienen, das schöne Dampfboot von seiner schnurgeraden Bahn abzulenken. Der Graf saß auf dem Hinterdeck, am Fernrohr. Vor ihm auf einem Tische lagen Karten, in denen er studierte. Es waren Spezialkarten der Inseln des Mittelmeeres, der Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien.

In einiger Entfernung von ihm saß der Schmuggler mit dem rechten Arm in der Binde. Sein Gesicht war finster und mißmutig. Gewöhnlich sah er starr vor sich hin. Dann wieder aufblickend ließ er das Auge lange über die See schweifen. Zuweilen auch wagte er es, den Grafen anzublicken, und dann zeigte sein Gesicht den Ausdruck scheuer Bewunderung.

Monte Christo studierte die Karten mit der äußersten Genauigkeit und schrieb zuweilen den Namen einer Stadt, einer Bucht, eines Berges auf ein Stück Papier, das vor ihm auf dem Tische lag. Dann legte er die Karte von Korsika fort, die er bis jetzt in der Hand gehalten, und tat ebenso mit der Karte von Sardinien und endlich mit der von Sizilien. Währenddessen stiebte der Dampfer mit voller Kraft dem nahen Korsika zu, dessen einzelne Bergspitzen und Küstenfelsen bereits vollkommen sichtbar waren.

Tordero! rief er dann.

Der Schmuggler sprang sogleich auf und näherte sich unterwürfig dem Grafen.

Du würdest dein Fahrzeug überall erkennen, soweit du es erblicken kannst? fragte er.

Gewiß, Illustrissimo! antwortete der Schmuggler.

Hat es eine besondere Bauart, ein besonderes Kennzeichen, an dem es bemerkbar ist?

Nein, Herr Graf. Wir Schmuggler hüten uns wohl, solche Fahrzeuge zu nehmen. Wären sie einmal bekannt, so müßten wir sie verlassen, denn die Zollwächter würden sie unter allen Umständen wiedererkennen. Mein Boot ist ein einfaches kleines Fahrzeug, kaum fest genug für die hohe See und ursprünglich zu Küstenfahrten bestimmt.

So glaubst du also nicht, daß Benedetto sich weiter als bis Korsika gewagt hätte?

Er muß sehr mutig oder sehr ängstlich gewesen sein, wenn er weiter gegangen ist, als höchstens bis nach Sardinien. Die Fahrt nach Sizilien wäre bei dem scharfen Winde gefährlich gewesen.

Laurent! rief der Graf dann mit einer Stimme, die, ohne daß er sie zu erheben brauchte, klar und scharf über das ganze Deck drang. Laurent!

Einer von den Bootsleuten, ein ungefähr dreißigjähriger Mann mit einem klugen Gesicht und leichter Haltung, eilte sogleich herbei.

Laurent, sagte der Graf, nimm diesen Zettel und diese Börse. Wir werden dich dort an der Küste aussetzen. Du wirst dich erkundigen, ob irgendein Boot mit zwei Männern, einer Frau und einem Kinde gelandet ist. Ich habe die Orte aufgeschrieben, an denen die Landung möglicherweise erfolgt sein kann. Du wirst dich dort hauptsächlich erkundigen, aber auch an allen Punkten die Nachfrage nicht vergessen. Du hast zwei Tage Zeit. Die Frist ist kurz, aber nicht zu kurz. Du brauchst nur im Süden der Insel zu bleiben. Nach dem Norden kann sich Benedetto nicht geflüchtet haben. Er wäre dort nicht sicher. Nach zwei Tagen um dieselbe Zeit werde ich dich hier erwarten. Zu schlafen brauchst du nicht viel in den Nächten, du kannst dich nachher ausruhen. Gelingt es dir, eine Spur, auch nur eine Spur von den Räubern zu entdecken, so erhältst du hunderttausend Franken und kannst später über deinen Aufenthalt selbst bestimmen. Jetzt mache dich bereit.

Laurent verneigte sich, nahm das Papier und die Börse und verschwand. Dann hörte das Geräusch der Räder auf, und man sah ein kleines Boot vom Dampfer abstoßen, glücklich die Brandung durchschneiden und Laurent am Ufer aussetzen. Dann kehrte es zurück, die Räder begannen wieder zu arbeiten, und der Dampfer steuerte südlich weiter.

Bald war er der Nordostküste Sardiniens ebenso nahe, wie vorher der Küste Korsikas. Der Graf hatte zwei Papiere mit Namen beschrieben.

Bertin! Philot! rief er, und zwei Männer, Laurent ähnlich in Kleidung und Aussehen, kamen eilig von verschiedenen Seiten nach dem Hinterdeck.

Ich werde euch hier an der Küste von Sardinien aussetzen lassen, sagte der Graf. Du, Bertin, machst die Tour nach Süden. Die Hauptpunkte habe ich dir aufgeschrieben. Du, Philot, gehst um die Nordküste herum so weit nach Westen, als du kommen kannst. Ihr beide habt sechsunddreißig Stunden Zeit, um euch zu erkundigen, ob die Männer, eine Frau und ein Kind an irgendeinem Punkte der Küste gelandet sind. Hier ist Geld für euch beide. Wendet euch womöglich an die Schmuggler und Banditen, die alle Zufluchtsörter kennen. Nach sechsunddreißig Stunden werdet ihr auf derselben Stelle sein, wo ich euch aussetzen lasse, und mir Antwort geben. Derjenige von euch, der eine Spur von den Flüchtlingen entdeckt, erhält hunderttausend Franken und mag selbst bestimmen, ob er bei mir bleiben oder anderswohin gehen will.

Wieder hemmte der Dampfer seinen Lauf, wieder durchschnitt das kleine Boot die Brandung, und die beiden Männer wurden ausgesetzt. Dann, als das Boot zurückgekehrt war, eilte der Dampfer mit verdoppelter Kraft weiter. Die ganze Küste der Insel wurde auf der ferneren Fahrt erforscht, allein nirgends war eine Spur von Torderos Boot zu entdecken.

Zur festgesetzten Zeit wurden die drei an Land gesetzten Leute an der verabredeten Stelle wieder an Bord genommen. Sie hatten das Menschenmögliche aufgeboten, um ihrem Auftrage zu entsprechen, allein alles war vergeblich gewesen, worüber sie selbst ganz unglücklich waren.

Der Graf erduldete unsägliche innere Qualen.

Gott, mein Gott! stöhnte er. Herr im Himmel! Strafe mich nicht so sehr! Was habe ich denn verbrochen? Gib sie mir wieder, und mein Leben, mein ganzes Leben soll Reue und Demut sein! Herr, mein Gott, räche meine Schuld nicht an meinem Weibe und meinem Kinde!

Diese Worte drängten sich mit entsetzlicher Qual über seine Lippen. Er taumelte und sank dann auf einen Stuhl. Dort blieb er, mit dem Gesicht aus dem Tisch, während der Dampfer langsam weiterfuhr, während die Wellen rauschten und der Wind lustig über das Verdeck hinstrich.

Tordero! rief er endlich und erhob sein Haupt und sein Gesicht, das wieder ruhig geworden war. Sage dem Steuermann, daß er zu mir komme.

Der Steuermann erschien. Der Graf fragte ihn, ob jemand auf dem Dampfer sei, der das Fahrwasser der Straße von Bonifacio und die Küsten genau kenne. Der Steuermann glaubte es verneinen zu müssen, wollte sich aber vorher erkundigen. Er kam endlich mit der Nachricht zurück, daß niemand dieses Fahrwasser kenne.

So laß das große Boot aussetzen und mit sechs Leuten bemannen, sagte der Graf. Laß Ruder und Segel, Waffen und Proviant hineinbringen. Du erwartest mich mit dem Dampfer auf dieser Stelle. Bin ich in drei Tagen nicht zurück, so erkundigst du dich, was aus mir geworden, und für den Fall meines Todes schickst du diesen Brief nach Paris!

Er legte vor den Augen des Steuermanns einen Brief auf den Tisch. Dieser, wie es schien, tief erschüttert und bestürzt, verließ das Hinterdeck.

Das Boot war bald ausgesetzt und bemannt. Der Graf war in die Kajüte gegangen und lehrte von dort in einem veränderten Anzuge zurück. Niemand hätte ihn erkannt. Er sah vollkommen einem Korsikaner ähnlich. Selbst der Tordero stutzte, als er ihn anrief, und erkannte ihn nur an der Stimme.

Nimm diese Sachen und kleide dich damit um! sagte der Graf. Benedetto darf dich nicht wiedererkennen. Mache schnell! Wir müssen noch vor Anbruch der Nacht eine Strecke weit in das Land hinein. Wenn du fertig bist, komm in das Boot.

Der Graf stieg hinab in das kleine Fahrzeug und prüfte, ob alles imstande sei. Tordero erschien bald hernach. Auch sein Anzug war jetzt der eines Korsikaners. Den Arm trug er nicht mehr in der Binde, obgleich die Wunde noch nicht geheilt war. Er meinte, es würde schon so gehen, und Benedetto möchte ihn an der Binde erkennen.

Das Boot ruderte nun nach der Küste. Der Graf gab den Befehl, nach Westen zu steuern und langsam zu rudern. Das letztere geschah, damit er jeden Punkt der Küste genau beobachten könne. Endlich kam man bei einem Fischerboot vorbei, in dem ein ganz alter Fischer saß, der ruhig seine Netze in das Meer warf und sie mit unermüdlichem Fleiße wieder aufzog, obgleich sie gewöhnlich leer waren.

Höre, Alter, sagte der Graf zu dem Fischer. Du kennst wohl jedes Boot hier in der Nachbarschaft?

Ich glaube wohl. Sie sind sich alle ähnlich, und doch würde ich jedes einzelne kennen.

Dann hast du vielleicht vor einigen Tagen ein Boot bemerkt, daß dir fremd war und in dem zwei Männer und eine Frau saßen?

Hm! Ja, mir ist so, erwiderte der Alle nachdenklich. Es kam von dort her – er zeigte nach Osten – und es war ein scharfer Wind. Ich konnte nicht fischen. Da kam ein solches Boot, es war gegen Abend, und es schien mir, als ob die Leute viel wagten, denn die See ging hoch.

Wohin steuerten sie?

Dorthin, nach Westen. Ich verlor sie bald aus dem Gesicht. Ich weiß nicht einmal, ob sie um die Ecke gekommen sind, denn das ist eine schlimme Stelle.

Und wie lange ist das wohl her? Zwei, drei, vier Tage?

Es können auch fünf sein, antwortete der Fischer nachsinnend.

Und du hast nichts davon gehört, daß diese Männer mit einer Frau irgendwo gelandet sind?

Nichts! erwiderte der Alte. Ich vermute, sie liegen auf dem Grunde des Meeres.

Sie könnten sich gerettet haben, denn der eine war ein erfahrener Seemann, sagte der Graf. Auch mögen sie nicht offen gelandet sein. Der eine muß sich hüten vor den Zollwächtern und Gendarmen. Schade, ich möchte sie gern recht bald auffinden. Gibt es hier an der Küste keine verborgenen Landungspunkte?

Es gibt genug, antwortete der Fischer. Aber die Fremden kennen sie nicht.

Ich glaube, daß der eine, von dem ich spreche, hier nicht ganz fremd war.

Dann ist es etwas anderes. Aber er muß genau bekannt sein, wenn er sich in den Camere zurechtfinden will. Das ist ein gefährliches Ding.

Die Camere? Was ist das? fragte der Graf aufmerksam.

Wißt Ihr das nicht? fragte der Alte. Das sind Grotten, Vertiefungen, die das Meer seit einer Ewigkeit in den Kalkfelsen ausgehöhlt hat, zu denen der Zugang aber schwer zu finden ist. Manche sind auch ganz unzugänglich von der Sse aus. Man kann nur von oben, von den Felsen aus hinein.

Der Graf schwieg einen Augenblick lang. Diese Auskunft schien ihm zu denken zu geben.

Und du kennst diese Grotten wahrscheinlich ganz genau?

Die Zugänge – ja. Drin bin ich aber nicht oft gewesen.

Nun, Alter, sagte der Graf, dein Fischfang ist ein mühsames Werk und lohnt auch wohl wenig. Hast du Lust, dir ein Goldstück zu verdienen?

Herr, ich könnte es wohl brauchen.

Gut, so begleite uns und zeige uns die Zugänge zu den Camere, sagte der Graf. Ich gebe dir für jeden Tag einen Louisdor. Das wird deine Mühe wohl aufwiegen.

Mehr als das! Ihr seid ein Fremder, der die Insel besehen will?

Das nicht. Aber es ist möglich, daß meine Bekannten sich in den Camere befinden, antwortete Monte Christo. Willst du uns also begleiten, so steige in unser Boot.

Wie lange denkt Ihr mich zu brauchen?

Heute und morgen, wohl nicht länger, antwortete Monte Christo.

Nun, dann ist es gut.

Er gab einem fernen Fischerboote ein Zeichen, und dieses kam sogleich heran. Der Alte gab seinem Kameraden einen Auftrag für seine Frau, übergab ihm auch sein Boot und sein Fischerzeug und stieg dann in das Boot des Grafen.

Diese Camere sind also unzugänglich, wie du sagst? fragte dieser dann.

Nicht alle. Sie sind sehr verschieden. Die eine ist sehr groß und oben offen. Die anderen sind bald kleiner, bald größer. In diesen kann man landen, in den anderen nicht.

Und ist es noch weit bis dahin? fragte der Graf.

Nein. Dort bei San Bonifacio beginnen sie und erstrecken sich die Küste entlang.

Der Graf versank in ein tiefes Nachdenken und vergaß sogar, durch sein Fernrohr zu blicken. Vielleicht dachte er daran, daß er am Ziele seiner Reise sei, und vielleicht machte ihn gerade dieser Gedanke unruhig. Währenddessen ruderte das Boot in einiger Entfernung von den Felsen hin. Man konnte San Bonifacio und einige andere Ortschaften deutlich liegen sehen.

Ah, Illustissimo! rief jetzt Tordero plötzlich. Da sehe ich etwas!

Der Graf fuhr empor. Tordero hatte sein Fernrohr nach einer kleinen Insel gerichtet, die mitten in der Meerenge lag. Auch der Graf blickte sogleich durch das Glas dorthin.

Nun, fragte er, was gibt's? Da liegt ein gestrandetes Boot.

Ja, und es ist mein Boot! rief Tordero. Es muß mein Boot sein! Es bedurfte nur eines Winkes des Grafen, und das Steuer wendete sich nach der Richtung der Insel. Die Ruderer verdoppelten ihre Anstrengungen. Das Boot schoß durch die glatte See. Nach einer halben Stunde war es bei der Insel.

Dort lag an dem allmählich ansteigenden Felsenstrande ein Boot. Es schien auf der See verunglückt zu sein. Die Masten waren zerbrochen, das Steuer zerschlagen, und was der Sturm verschont, schienen die andringenden Wellen vollends zerstört zu haben. Es war ein vollständiges Wrack.

Tordero musterte das Boot mit der Genauigkeit und Ängstlichkeit einer Mutter, die ihr totes Kind findet. Endlich stieß er einen tiefen Seufzer aus.

Es ist mein Boot! sagte er dann nochmals.

Aber wie kommt das Boot hierher? fragte der Graf, dessen Gesicht nicht mehr blaß, sondern beinahe fahl war. haben es die Wellen hierher getrieben?

Wahrscheinlich, sagte der alte Fischer. Das ist wohl das Boot, nach dem Ihr mich vorher fragtet?

Ja, es muß also hier Schiffbruch gelitten haben. Und wo sind die Menschen?

Entweder gerettet und auf der Insel ausgestiegen, sagte der Alte, oder vorher schon von der See verschlungen worden. Ich dachte es mir.

Geh hinauf auf die Insel und sieh, ob jemand darauf ist! sagte der Graf zu einem Matrosen.

Dieser eilte sogleich fort. Des Grafen Auge schweifte einige Sekunden lang über die klare See, als wolle er dort die Verschwundenen suchen.

Sie können gerettet sein! sagte er dann. Irgendein Boot wird sie nach der Küste geführt haben.

Das ist wohl möglich! sagte der Alte bedächtig. Aber das Boot kann auch bei dem Sturm in der Meerenge umgeschlagen sein, und die Mannschaft ist ertrunken.

Dann läge das Boot ebenfalls auf dem Grunde des Meeres! meinte Tordero.

Das ist nicht immer notwendig, sagte der Alte. Das Boot kann sich so tief auf die Seite gelegt haben, daß die Mannschaft herausgestürzt ist, und nachher kann es sich wieder aufgerichtet haben.

Unterdessen war jener Matrose von der Spitze der Insel zurückgekehrt. Nichts, Herr, nichts zu sehen! meldete er. Kein menschliches Wesen ist auf der Insel.

Nun, es gibt noch eine Möglichkeit, sagte der Graf, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Wir wollen in die Camere hinüber. Vorwärts!

Das Boot flog wieder nach der Küste von Korsika.

Hier beginnen die ersten kleinen Camere, sagte der Fischer. Dann erreichen wir die große Grotte und dann die eigentlichen Camere. Wollen wir hinein?

In alle, ich muß sie alle sehen! sagte der Graf. Aber wie es mir scheint, dürften die Zugänge zu eng sein für unser Boot. Wir werden ein kleineres brauchen.

Da könnt Ihr recht haben, ich habe nicht daran gedacht, sagte der Fischer. Aber das schadet nicht. An der Küste sind kleine Boote genug. Wir können eins nehmen.

Diese ersten Camere schienen keine guten Schlupfwinkel zu sein. Das Meer hatte hier Vertiefungen in den Felsen gewaschen, die großen Bogengängen glichen. Sie waren weder hoch noch tief und hatten keinen andern Ein- und Ausgang als das Meer. Man konnte sie auch vom Meer aus Überblicken, denn die Eingänge waren weit wie Tore.

Dennoch beobachtete und untersuchte der Graf jede einzelne dieser Vertiefungen mit seiner gewöhnlichen Genauigkeit. Zwei Stunden gingen darüber hin. Dann hatten die ersteren Camere ein Ende, und man umschiffte die Spitze eines Felsens, um zu den anderen zu gelangen.

Dort ist der Eingang! sagte der Fischer und wies auf eine kleine Höhlung am Fuße eines Felsens, die zuweilen von den Wellen fast ganz bedeckt wurde – denn es hatte sich im Laufe des Vormittags ein leichter Wind erhoben. Nun brauchen wir ein kleines Boot.

Es war bald herbeigeholt. An der Küste lagen mehrere, die Fischern gehörten, und da sich der Besitzer des einen Bootes zufällig am Strande befand, so trat er es für eine kleine Entschädigung gern den fremden Reisenden für einige Tage ab. Der Graf, Tordero und der alte Fischer setzten sich in dieses Boot. Der Fischer ruderte.

Das große Boot blieb vor der Öffnung zurück. Das kleinere wurde mit geschickter Hand von dem Fischer hindurchgelenkt, und nach einigen Schlägen, die es von den Wellen erhalten, glitt es sanft in eine matt erleuchtete, halbdunkle Grotte. Des Grafen Auge überflog den inneren Raum im Augenblick. Die Grotte war nicht groß, aber das Spiel des Lichtes, das von außen durch die kleine Öffnung einfiel und das Wasser im Innern sowie die Felsenwände erleuchtete, auf ihnen glitzerte und sich in verschiedenen Farben brach, gewahrte einen eigentümlichen und fesselnden Anblick. Das Wasser in der Grotte selbst war ganz still und ruhig. Man konnte klar bis auf den Grund sehen.

Übrigens bot diese Grotte in ihrem Innern keinen Raum zum Aussteigen. Die Felsen erhoben sich steil, und nirgends zeigte sich ein Gang, der etwa durch die Felsen nach oben geführt hätte. Der Graf untersuchte alles genau. Dann gab er dem alten Fischer die Weisung, das Boot wieder durch die Öffnung hinauszuführen.

War dies die große Grotte, von der du gesprochen? fragte der Graf den Fischer.

Nein, Herr. Diese ist eine von den kleineren. Die große Grotte ist noch eine Strecke weit vor uns. Auch kann man nur zur Zeit der Ebbe in sie hineinfahren. Wollt Ihr vorher einige von den kleinen Camere sehen, die zwischen hier und der großen Grotte liegen?

Jawohl. Ich sagte dir, daß ich sie alle sehen muß, erwiderte der Graf.

Nun begannen dieselben Untersuchungen. Die Camere, die sie jetzt besahen, ähnelten alle der zuletzt gesehenen Grotte. Alle untersuchte der Graf mit derselben Genauigkeit. Aber der Abend machte endlich seinen Nachforschungen ein Ende. Das Boot landete in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes. Drei Matrosen blieben darin. Die anderen gingen an das Ufer und legten sich dort schlafen. Tordero und der alte Fischer folgten ihrem Beispiel. Der Graf setzte sich auf einen Stein und blieb darauf bis zum Anbruch des Morgens. Ob er geschlafen, das konnte niemand wissen.

Dieselben Untersuchungen wurden fortgesetzt bis acht Uhr morgens.

Das ist das Kap Pertusato? fragte der Graf, indem er auf ein niedriges Vorgebirge deutete, auf dem sich ein Leuchtturm erhob – die südlichste Spitze Korsikas.

Ja, Herr, antwortete der Fischer. Wir sind nun bald bei der großen Grotte.

Monte Christo verlangte nach einer Flasche Wein, die man für ihn allein in die Vorratskammer des Bootes gelegt hatte. Er öffnete sie, trank aber nur ein kleines Glas davon und aß ein wenig Zwieback dazu. Währenddessen bog das Boot um das Kap Pertusato.

Seht, Herr, da ist der Eingang in die große Grotte, von der ich sprach, rief der Fischer.

Der Graf erblickte eine Art von Nische, ähnlich einem Portal und fast ganz regelmäßig. Die Wellen rauschten hinein, als strömten sie in das Innere der Felsen.

Gibt es von oben ebenfalls einen Eingang in die Grotte? fragte Monte Christo.

Es kann sein, antwortete der Fischer. Aber ich weiß es nicht.

Und mit dem großen Boote kommen wir nicht in das Innere?

Nein, Herr, antwortete der Fischer, flüchtig die Breite des Bootes messend. Wir müssen das kleine nehmen. Und es ist nicht leicht hindurchzukommen. Ihr könnt doch schwimmen?

Gewiß. Aber wie ist es mit dir, Tordero? Kannst du schwimmen und willst du mich begleiten.

Ich kann schwimmen und will mit Ihnen gehen. Aber nehmen Sie die Waffen vor dem Wasser in acht, Herr!

Sie stiegen in das kleine Boot, das sich bald am Eingange der Grotte befand. Wie der Graf schon früher bemerkt, war dieser Eingang eine schmale, längliche Nische, in der die Wellen brausten und schäumend gegen die Felsen brandeten. Der Graf hielt seine Büchse und seine Pistolen so, daß sie vom Schaume nicht benetzt werden konnten. Tordero tat dasselbe.

Glücklich gelangten sie in das Innere. Die Wände bestanden aus Tropfstein, der aber hier nicht die bizarren Formen angenommen hatte, in denen er sich sonst bildet, sondern in großen Blöcken ringsumher die Felsen schmückte. Diese erhoben sich nicht steil und senkrecht aus dem Wasser, sondern ließen zwischen diesem und sich einen Raum, auf dem man überall bequem landen und aussteigen konnte. Oben war die Kuppel der Grotte geöffnet und ließ das blaue Licht des Himmels einströmen. Zweige hingen nieder von den obern Felsenwänden, Vögel flatterten herein. Diese Grotte war in der Tat ein Wunderwerk der Natur.

Eine Zeitlang schien der Graf die Schönheit dieses Aufenthaltes zu betrachten. Langsam schweifte sein Blick über die Felsenwände. Endlich nahm er auch das Fernrohr. Ein plötzliches Zucken erschütterte ihn.

Was haben Sie, Herr Graf? fragte Tordero. Haben Sie etwas bemerkt?

Nein, antwortete Monte Christo. Ich bin abgespannt. Meine Nerven zuckten.

Darauf gab er dem Fischer den Befehl, zurückzurudern. Als sie das große Boot erreicht hatten, befahl Monte Christo, eine Strecke zurückzurudern und in einer Felsenbucht zu landen, die das Boot vollständig vor jedem Blicke von der See und selbst vom Lande aus verbarg.

Wollt Ihr die anderen Camere nicht mehr sehen, Herr? fragte der alte Fischer.

Nein, jetzt nicht, antwortete Monte Christo. Gebt mir einen leinenen Anzug.

Diese Worte waren an die Matrosen gerichtet. Sie besaßen außer ihrem Anzug von Tuch noch einen leinenen, dessen sie sich bedienten, wenn die Hitze zu groß war. Der Graf wählte einen davon, der für seine Figur passend war, begab sich an das Land und kehrte dann, in diesen einfachen leinenen Anzug gekleidet, zurück.

Ihr werdet hier auf mich warten, bis ich zurückkehre, sagte er zu den Matrosen. Nur wenn ihr ein Zeichen mit dieser Pfeife hört – er zeigte die Pfeife, die er auf dem Dampfboote zu seinem Signale gebrauchte – so werdet ihr dorthin eilen, von woher ihr das Pfeifen hört. Pfeife ich einmal, so eilt ihr die Küste entlang in jener Richtung; pfeife ich zweimal, so rudert ihr nach dem Eingang der Grotte, in der wir zuletzt gewesen sind.

Herr, Sie sind ihm auf der Spur! Darf ich Sie begleiten? flüsterte Tordero.

Später! Jetzt ist es noch nicht so weit. Ich will nur auf Kundschaft gehen! antwortete der Graf.

Er ging sehr vorsichtig und hielt sich mit vieler Mühe dicht am Ufer des Meeres. Nie erhob er sich so weit, um vom Lande aus bemerkt werden zu können, und manchmal legte er ganze Strecken kriechend zurück. So gelangte er in die Gegend der oberen Öffnung jener Grotte, die er zuletzt gesehen. Er befand sich jetzt über ihr, auf den Felsen, die die Decke der Kuppel bildeten, hier waren seine Bewegungen noch vorsichtiger, seine Schritte noch unhörbarer, bis er endlich die Öffnung erreichte, durch die das Licht hinab auf die Grotte fiel.

Er sah nichts als eine weite Rundung mit steil abfallenden Wänden, an denen hier und da Gesträuch hing, oder Moos und Gräser wucherten. Es war durchaus unmöglich, von hier aus in die Grotte zu gelangen, man hätte sich denn mit einem Seil hinablassen müssen.

Endlich, nachdem er sich von der Vergeblichkeit seiner Bemühungen überzeugt, gab er seine Untersuchungen auf dieser Seite auf, stieg vorsichtig wieder die Felsen hinab, bis zum Rande des Meeres, und kletterte auf den Felsen dort so weit entlang, als es ihm das Ufer gestattete. Dann sprang er in das Meer und schwamm nach dem Eingang der Grotte. Als er diesen erreichte, bedeckte ihn eine Flut von Schaum und Wasser. Er mußte sich an einer Felsenspitze halten. Dann wartete er die nächste Welle ab, die von der See aus kam, und ließ sich hinein in die Grotte schleudern.

Aber er schwamm nicht lange durch das Wasser derselben, er stieg sogleich an das schmale Ufer, das sich zwischen dem stillen See und den Tropfsteinfelsen hinzog. Still, lautlos, unheimlich, wie ein Geist der Grotte, selbst unsichtbar in seiner Kleidung, die der Farbe des Tropfsteins ähnelte, begann er, an den Felsen emporzuklimmen.

Sie waren an einzelnen Stellen nicht nur senkrecht, sondern hingen sogar über. Zuweilen mußte der Graf umkehren und wieder eine Strecke hinabklettern. Dazu kam noch, daß das Gestein schlüpfrig war von dem durchsickernden Wasser und von der Ausdünstung der See. Es schien unmöglich, daß ein Mensch ohne weitere Beihilfe auch nur zehn Fuß hoch emporklimmen könne, und dennoch gelangte der Graf allmählich immer höher hinauf, zuletzt sogar bis zu dem Punkte, den er zu erreichen sich vorgenommen zu haben schien.

Es war ein Felsblock, der ein wenig vorstand und eine Art von Ruhesitz bot. Auf diesem kauerte sich der Graf nieder, sich dicht an die Felsen drängend. Dort saß er zehn Minuten lang, teils um sich zu erholen, teils um zu lauschen. Endlich versuchte er, noch weiter emporzuklettern. Aber er gelangte nicht weit. Die Felsen bildeten hier abermals einen hervorspringenden Winkel, der es zur Unmöglichkeit machte, über ihn hinaus zu gelangen. Dennoch schien sich der Graf nicht bei dieser Unmöglichkeit zu beruhigen. Er versuchte so lange, bis er wenigstens an einer anderen Stelle etwas höher hinaufgelangte. Er konnte mit den Händen einen kleinen Tropfsteinblock erreichen, der horizontal aus dem Felsen vorstand. An diesem zog er sich empor, und nun ruhten seine Blicke auf einer Szene, die selbst ihn für einen Augenblick lang zittern ließ.

Er sah hinein in eine dunkle Vertiefung, die ungefähr sechs Fuß hoch und nicht ganz so breit war. Am Eingang derselben lag eine kurze, dicke Gestalt schlafend. Es war Danglars. Weiter hinein saß der Aussätzige und hielt ein kleines Wesen in seinen Armen. Es war das Kind des Grafen. Vor ihm, mit den Knien auf der Erde kauernd, saß Haydee, den Blick starr und unverwandt auf das Gesicht Benedettos gerichtet.

Ebenso starr und unverwandt ruhte jetzt das Auge des Grafen auf dieser Gruppe. Das Kind schien in den Armen Benedettos zu schlafen. Der Aussätzige hatte sich nicht geändert. Sein Gesicht war womöglich noch gräßlicher geworden, und auf den zarten, weißen Gliedern seines Kindes bemerkte der Graf die Spuren eines beginnenden Ausschlages. Haydee, die schöne Haydee, glich einem Skelett. Ihre Wangen waren eingefallen, ihre Augen hohl. Fesseln trug sie nicht. Aber daß sie bewacht wurde, dafür bürgte Benedettos Blick, der ebenso unverwandt auf Haydee ruhte, wie das Auge der jungen Frau auf dem Aussätzigen.

Lange, lange betrachtete der Graf diese Gruppe, die stumm und unbeweglich vor seinen Augen lag. Er hatte keinen anderen Stützpunkt, als seine Hände, die den Felsblock umklammert hielten, der zu klein war, um ihm einen anderen Haltepunkt zu gewähren. Weiter hinauf konnte er auch nicht. Die Felsen bildeten hier eine Fläche, so glatt, als wären sie geschliffen. So sah er nun sein Weib und sein Kind, ohne ihnen helfen zu können.

Daß es einen Ausgang durch diese Vertiefung nach der Außenseite des Felsens geben müsse, daran zweifelte der Graf nicht. Aber er mußte sehr klug verborgen sein, denn sonst hätte er ihn gefunden. Daß er ihn bei der zweiten Untersuchung finden würde, daran zweifelte der Graf nicht – wenn man ihm nur Zeit dazu ließ.

Jetzt wurden die Atemzüge Danglars noch stärker und er wachte auf. Seine schwerfällige Masse wälzte und dehnte sich eine Zeitlang auf dem Felsen. Dann wandte er sich zu Benedetto.

Hast du genug geschlafen, du Ratte? fragte ihn dieser. Nimm dich in acht und wälze dich nicht so, sonst rollst du die Felsen hinunter und fällst in das Wasser.

Ja, es ist eine angenehme Lage! Selbst im Schlafe muß man vorsichtig sein! murrte der Bankier! Soll das ewig so andauern? Was nutzen uns die Diamanten und Juwelen, die wir haben, wenn wir sie nicht verwerten können!

Laß nur, die Zeit wird kommen, wo wir uns aus diesem Versteck hervorwagen dürfen! sagte Benedetto. Der Graf wird jetzt hier überall herumschwärmen, um uns zu suchen. Wenn er uns nicht findet, so wird er weiter gehen, und wir werden dann nach Spanien oder sonst wohin übersiedeln können. Es ist doch gut, wenn man Gedächtnis hat. Ich bin ein einziges Mal als junger Bursche hier gewesen, als uns die Gendarmen auf der Ferse waren. Freilich fand ich den Eingang nur durch einen Zufall wieder.

Ich habe doch eine verteufelte Angst, daß der Graf uns findet! sagte Danglars.

Nun, einmal wird er uns schon finden, aber spät genug! Oh, er muß eine wahre Höllenangst ausstehen!

Vorhin, als das Boot hier unten war, glaubte ich wirklich den Tordero zu erkennen! Es überlief mich eiskalt. Denke dir, wenn Monte Christo uns hier fände!

Nun, und wenn er uns selbst fände, so muß er uns höchstens ein Lösegeld geben! sagte Benedetto lachend. Aber bis dahin ist es noch Zeit. Erst soll er monate-, jahrelang Todesqualen empfinden. So lange werden die Juwelen ausreichen. Und dann das Lösegeld! Selbst wenn er in die Straße von San Bonifacio gekommen ist, so muß er das Boot gefunden haben und glauben, daß wir verunglückt sind. Das war ein kluger Streich von mir!

Ja, aber er wird deshalb nicht aufhören, uns zu suchen! sagte Danglars.

Das soll er auch nicht. Noch acht Tage will ich es hier aushalten. – Verflucht, daß ich das Fläschchen mit der zweiten Medizin verloren habe! Ich muß am Ende mein Lebtag diesen Aussatz behalten. Nun, wenn wir erst auf dem Festlande sind, so wird sich wohl ein gescheiter Arzt finden, der mich davon kuriert. Das ärgerlichste ist, daß meine Augen davon angegriffen sind. Ich konnte die Leute im Boot vorhin wirklich nicht unterscheiden. Da du aber sagst, daß sie gekleidet waren wie Korsen, so werden es Fischer gewesen sein oder Banditen. Ihren Mann hätte unsere Gefangene gewiß erkannt und gerufen.

Ja, aber sie hat nicht hinuntergesehen! sagte Danglars. Ich lag vor ihr.

Sei dem, wie ihm wolle, er hat uns nicht entdeckt! sagte Benedetto.

Das Kind ist übrigens auch schon von dem Ausschlage angesteckt, meinte Danglars.

Das wird wohl wieder heilen! erwiderte Benedetto. Ha, wenn er sein Püppchen sehen könnte, wenn ich es in meinen Armen halte, in diesen Armen, vor denen mich selber ekelt. Und gewiß glaubt er doch auch, daß ich mir zuweilen die Freiheit nehme, seine Frau zu umarmen. Haha! Wie ihm bei dem Gedanken zumute sein muß!

Wahnsinn genug, daß du dir von ihr das Messer nehmen ließest! Nun hält sie uns in Schach! murrte Danglars. Du hättest besser acht geben sollen.

Oder du! sagte Benedetto. Es war allerdings eine Nachlässigkeit. Aber sie wird bald nicht mehr die Kraft haben, den Arm zu heben. Dann werden wir ihr das Messer wieder nehmen, und ich will dir das Vorrecht lassen, Danglars, dieses Täubchen zu kirren!

Die blasse Wange des Grafen flammte glühend auf bei diesen Worten. Seine arme, keusche Frau! Und sie konnte ihr Ohr nicht verschließen vor den Worten dieser Menschen! Und doch – noch hatte sie widerstehen können! Es mußte ihr, wie Benedetto andeutete, gelungen sein, ihre Arme zu befreien und dem Räuber sein Messer zu entreißen. Noch war das Entsetzlichste nicht geschehen!

Ein Tropfen Wasser höhlt endlich einen Stein aus! sagte Danglars. Mit der Zeit wird sie schon sanfter werden. Nicht wahr, mein Püppchen?

Er streckte den Arm gegen Haydee aus. Aber diese antwortete nur durch eine schnelle Bewegung mit der rechten Hand. Die Schärfe eines Messers blitzte vor den Augen des Bankiers, und er wich bestürzt zurück.

Der Teufel hole dieses Weib! murrte er. Sie wäre imstande, mich zu erdolchen.

Mit großer Ruhe! sagte Haydee mit entschlossener, aber hohler Stimme. Ihr seid elende Räuber. Gottes Strafe wird euch treffen, und mein Gatte wird euch finden! Oho! Nicht so eilig! sagte Benedetto lachend. Mit der Zeit wirst du wohl einsehen, daß es nicht so leicht ist, zwei Vögel zu fangen, wie mich und Danglars, und du wirst dich aufs Bitten legen, anstatt zu drohen. Wart' es nur ab!

Aber was willst du eigentlich? Weshalb hast du mich und das Kind meinem Gatten geraubt? rief Haydee mit einer Stimme, deren Töne dem Grafen das Herz zerrissen. Wenn Bitten dich rühren können, so bitte ich dich, so beschwöre ich dich! Fordere, was du willst, der Graf wird es dir geben. Fordere Millionen, fordere alles!

Das werde ich und das will ich auch! Aber jetzt noch nicht! antwortete Benedetto lachend. Du hörst ja – erst will ich ihm noch einige Qualen bereiten, die einzigen, die ich ihm bereiten kann. Daß er uns endlich finden wird, daran zweifle ich nicht.

Dann wird er dich zertreten mit einem einzigen Tritte, du Elender! rief Haydee.

Oh, oh, das ist leicht gesagt! Dieses Kind lasse ich nicht von mir, nicht aus meinen Armen, und wenn du auch hinter mir herschleichst und auf einen günstigen Augenblick lauerst, solange du willst. Dieses Kind ist meine Macht und meine Stärke, das weiß ich recht gut. Deshalb halte ich es fest wie mein Leben! Und was aus dem Kinde werden wird, das weiß ich noch nicht. Aber, Danglars, ich dächte, du machtest dich nun bald auf den Weg, um uns etwas zu essen zu holen. Denn von der Rache lebt man nicht!

Ich soll mich wieder hinauswagen in dieses vermaledeite Land! rief Danglars ärgerlich. Wenn er mich nun trifft? Was dann? Was soll ich ihm sagen?

Nichts! Er weiß vielleicht gar nicht, daß du bei mir gewesen bist, denn Tordero ist ganz wahrscheinlich tot. Jedenfalls mußt du uns etwas holen. Ich weiß recht gut, daß du nicht wiederkommen würdest, wenn du nicht müßtest. Deshalb behalte ich auch die Juwelen bei mir. Mach dich an die Arbeit, du Faulenzer! Hunger tut weh!

Es ist mir längst leid, daß ich mich von dir habe bereden lassen! murrte der Bankier. Ich hatte damals Lust, mich von den Schmugglern zu trennen und zu meiner Tochter zu gehen. Da kamst du mir in den Weg, und nun bin ich gezwungen, mich mit dir in diesen Felsennestern zu verbergen. Das ist das Schlimmste, was mir passieren konnte. Brumme nur, du alter Maulwurf! lachte Benedetto. Du kannst doch nicht fort. Und ich brauche dich notwendig. Ich kann nicht immer ausgehen, wenn ich dieses Kind tragen soll, und wenn dieses Weib hinter mir ist. Das würde auffallen. Haha! Wer hätte geglaubt, daß ich noch einmal eine Kinderfrau werden würde – und Kinderfrau bei dem Kinde Monte Christos. Es ist lustig, Danglars! Sehr lustig!

Der Bankier aber stimmte nicht in das Gelächter ein.

Dich verdrießt es wieder, daß du ein paar Schritte gehen sollst! rief Benedetto. Nun, ich werde dir eine Aussicht geben, die dich trösten wird. Hier hast du Geld. Dafür hole uns Fleisch und Brot. Und hier ist noch mehr Geld für Wein und Früchte. Auch Käse kannst du mitbringen.

Monte Christo überlegte, was er nun tun solle. Konnte er vielleicht die Abwesenheit Danglars benutzen, um Benedetto zu überfallen? Jedenfalls mußte er vorher den Eingang in die Grotte kennen, denn an dem Felsen konnte er nicht weiter hinauf. Aber er bedurfte wenigstens zehn Minuten, bevor er hinabklettern, die Grotte verlassen und nach der Außenseite des Felsens gelangen konnte. Währenddessen würde Danglars längst außerhalb der Grotte sein. Dann aber mußte er ihn zurückkehren sehen. Oder vielleicht fand er schon während seiner Abwesenheit den Eingang. Vielleicht konnte er mit dem Bankier sprechen, ihn für seinen Plan gewinnen, durch ihn Benedetto in eine Falle locken!

Ein plötzlicher Zwischenfall machte diesen Gedanken ein Ende.

Der kleine Felsblock, auf welchen der Graf seine Hände stützte und an dem er sich bis jetzt mit fast übermenschlicher Kraft festgehalten, war, wie alle Tropfsteinbildungen, nicht gar zu fest und gab bei der ersten Bewegung, die der Graf jetzt machte, nach. Monte Christo stürzte die ganze Höhe des Felsens hinab, zum Glück nicht auf das harte Gestein unten, sondern in das Wasser.

Es war tief genug, um die Gewalt des Falles zu brechen. Betäubt blieb er einen Augenblick lang unter dem Wasser, dann kam er an die Oberfläche. Hier erst erlangte er seine Besinnung wieder, und im nächsten Augenblicke war er vollständig Herr über seine geistigen Kräfte. Absichtlich tauchte er unter und schwamm nach dem Ausgange der Grotte.

Hier hielt er einen Augenblick inne und tauchte auf. Er sah zurück nach dem Orte, an dem sich Danglars und Benedetto befunden hatten.

Ich sage dir, es ist der Graf, kein anderer! hörte er Danglars rufen. Wir sind verloren! Laß uns fliehen! Ich habe sein Gesicht und sein schwarzes Haar gesehen!

Es schien dem Grafen, als sehe er Benedetto sich erheben. Nun war kein Augenblick mehr zu verlieren. Diese Flucht war vielleicht die beste Gelegenheit, den Räuber zu erreichen, sich seiner zu bemächtigen. Ohne weiter an die Gefahr zu denken, die ihm von den brandenden Wellen drohte, arbeitete er sich hindurch durch den Schwall der Wogen und kletterte dann auf das erste Felsstück, das er erreichen konnte.

Hier zog er seine Pfeife aus der Tasche, reinigte sie hastig vom Wasser und ließ dann einen einzelnen, gellenden Pfiff ertönen. Dies war das vorher verabredete Zeichen, daß die Matrosen und Tordero die Küste hinaufeilen sollten. Er selbst kletterte hastig über die zackigen Felsen und ließ nach einer Minute abermals den Pfiff ertönen. Dann kletterte er den Felsen hinauf, den die Außenseite der Grotte bildete.

Er hatte sich nicht geirrt. Als er oben anlangte, sah er Benedetto und Danglars, gefolgt von Haydee, in einiger Entfernung vor sich hastig nach dem Innern der Insel fliehen. Der Zwischenraum zwischen ihm und den Flüchtlingen war schon bedeutend. Aber die Matrosen waren ebenfalls schon hinter ihnen her und waren weiter voran, als der Graf. Tordero war der vorderste.

Eine Gemse konnte nicht schneller über die Felsen fliehen als jetzt der Graf. Bald hatte er die Matrosen erreicht, bald selbst auch Tordero überholt. Andererseits aber schien die Angst auch den Räubern übermenschliche Kräfte zu verleihen. Benedetto floh ebenso schnell wie der Graf, und selbst Danglars hatte seine gewöhnliche Trägheit vergessen. Haydee schien es am schwersten zu werden, den beiden zu folgen. Die Liebe und Angst der Mutter kämpften mit der Ermattung des Weibes, und bald mußte die letztere siegen.

Benedetto war den beiden um einige hundert Schritt voraus. Er trug das Kind hoch erhoben in seinen Armen, weil es ihn in dieser Stellung am wenigsten in der freien Bewegung hinderte. Es schien, als wolle er es jeden Augenblick in den Abgrund schleudern oder an den Felsen zerschmettern. Unterdessen hatte der Graf einen anderen Weg eingeschlagen. Er überlegte, daß er Benedetto eher erreichen würde, wenn er ihm den Weg abschnitte und sich ihm in einem Bogen näherte. Er entfernte sich also scheinbar von ihm und setzte seinen Weg auf eigene Hand fort, um ihm dann von der Seite oder gar von vorn entgegenzukommen. Zwischen beiden war eine Entfernung von ungefähr achthundert Schritten.

Unterdessen, als der Graf einmal zurückblickte, bemerkte er, daß Danglars und Haydee bereits von den Matrosen erreicht waren, und daß seine Frau, wahrscheinlich ohnmächtig und ermattet, auf dem Felsen lag. Er bemerkte auch, daß die Matrosen ihm Zeichen machten, aber er verstand sie nicht. Tordero war nur einige hundert Schritte hinter Benedetto, aber seine Kräfte schienen allmählich nachzulassen. Der Zwischenraum zwischen beiden vergrößerte sich. Der Graf eilte immer noch in seiner Richtung vorwärts.

Jetzt sah sich Benedetto, als er auf einem Hügel angelangt war, um. Er stand sogar einen Augenblick still. Dann ging er noch einige Schritte, sah sich wieder nach allen Seiten um und stand dann abermals still. Darauf kam er dem Grafen entgegen.

Der Graf flog auf ihn zu. Er erriet Benedettos Absicht nicht. Er konnte nicht begreifen, weshalb dieser ihm entgegenkam. Er vermutete eine Hinterlist.

Aber plötzlich stand er vor einem unüberwindlichen Hindernis. Vor ihm gähnte ein Abgrund, vielleicht zweihundert Fuß tief, mit steilen Wänden. Der Graf hatte ihn aus der Ferne nicht bemerken können, aber Benedetto mußte ihn von seinem höheren Standpunkt aus gesehen haben.

Der Graf stand still. Jetzt erriet er im Augenblick die Absicht seines Feindes. Lang und schmal, keine zwölf Fuß breit, zog sich die Schlucht links einige tausend Fuß weit und zur Rechten unabsehbar hin. Wahrscheinlich hatten ihn die Matrosen darauf aufmerksam machen wollen, daß sich diese Schlucht zwischen ihm und Benedetto befinde, der ihren Anfang gerade zu derselben Zeit umgangen hatte, als der Graf auf den Gedanken gekommen war, eine andere Richtung einzuschlagen.

In der Tat setzte sich Benedetto ruhig mit dem Kind am Rande des Abgrundes nieder. Zwölf Schritte nur war er von dem Grafen entfernt. Die beiden konnten sich so nahe in die Augen blicken, als ob sie in einem Zimmer einander gegenüberständen. Und doch lag diese entsetzliche Kluft zwischen ihnen!

Tordero war unterdessen dem Räuber nahe gekommen. Benedetto bemerkte ihn.

Sagen Sie dem Menschen, daß er zurückbleibt! rief er zu dem Grafen hinüber. Wenn er noch einen Schritt vorwärts tut, so schleudere ich das Kind in den Abgrund!

Bleib zurück, Tordero! rief der Graf dem Schmuggler zu. Dann setzte er selbst sich ebenfalls am Rande des Abgrundes nieder und beide starrten sich an.

Beide mochten überlegen. Eine Viertelstunde lang saßen sie sich einander gegenüber. Die Matrosen standen in der Nähe, zum Teil auf der einen, zum Teil auf der anderen Seite der Kluft. Ein Wink des Grafen hatte sie bedeutet, zurückzubleiben. Das Kind erkannte seinen Vater. Es streckte die Arme nach ihm aus und schrie kläglich. Haydee wurde von einem Matrosen zu dem Grafen geführt.

Sie sagte nichts, als sie bei ihm anlangte. Sie sah ihn nur mit einem stummen Blicke an, und er erwiderte diesen Blick ebenso stumm. Dann reichte er ihr die Hand und sie setzte sich neben ihn. Benedetto tat, als kümmere er sich gar nicht um die beiden. Er sprach in rohen Worten bald mürrisch, bald höhnisch zu dem Kinde.

Gib ihm alles, alles, was er von dir verlangt, Edmund, flüsterte endlich Haydee.

Ich will es, ich will es, mein liebes Weib! antwortete Monte Christo leise. Was willst du nun eigentlich, du elender Mensch? rief er hinüber.

Was ich will? antwortete Benedetto heiser lachend. Das ist bald gesagt: du machst mich zu deinem Adoptivsohn, ich führe den Namen Monte Christo und du gibst mir eine jährliche Rente von einer Million Franken. Willst du?

Was würde es dir helfen, wenn ich es auch täte? fragte Monte Christo. Die Welt würde aufmerksam werden, sie würde bald erfahren, daß du der Mörder Benedetto bist, man würde dir den Prozeß machen und dich hinrichten.

Meinst du? Nun, da ließen sich wohl noch Mittel finden, das zu verhindern! antwortete Benedetto, und als ob er in Gedanken versunken sei, drückte er an der Kehle des unschuldigen Kindes, so daß es zu schreien und sein kleines Gesicht sich dunkelrot zu färben begann.

Versprich ihm alles! bat Haydee zitternd. Rette nur das Kind.

Nun gut, ich verspreche dir, was du verlangst! sagte Monte Christo. Aber gib mir die Mittel an, die dich den Händen der Gerechtigkeit entziehen können.

Ich muß sie dir selbst überlassen, antwortete Benedetto. Für die ersten fünf Jahre behalte ich dieses Kind bei mir als Unterpfand, daß du dein Versprechen hältst, und daß mir kein Haar auf dem Haupte gekrümmt wird.

Unmöglich! rief Monte Christo. Mein Kind fünf Jahre in deinen Händen lassen, auf daß es für immer an Leib und Seele verderbt werde? Lieber mag es sterben! Nein, Benedetto, du bist ein eitler Tor. Ich will dir eine Summe geben, so groß, wie du sie verlangst. Geh damit nach Amerika oder Australien, verändere deinen Namen, bemühe dich, ein guter Mensch zu werden. Dann werde ich es versuchen, es vor Gott zu verantworten, daß ich einem Mörder um meines Kindes willen das Leben gerettet!

Vor Gott verantworten? Du? rief Benedetto mit aufwallendem Zorn. Narr, wer gibt dir ein Recht dazu, dich auf Gottes Wege zu stellen und dich in die Fügungen der Vorsehung einzumischen? Ich weiß jetzt, weshalb du mich damals nach Paris kommen ließest! Du wolltest dich an Villefort und an Danglars rächen! Wer gab dir ein Recht zu solcher Rache? Ich weiß es wohl, du Narr, du wähntest ein Gott zu sein, allweise und unbesieglich! Aber sieh her, diese aussätzige Hand hat dich niedergeschmettert, hat dir gezeigt, daß du nur ein elender Wurm bist! Nicht du warst ein Werkzeug Gottes – ich bin es!

Und er brach in ein wildes Lachen aus und schüttelte das arme Kind in seinen Händen. Es konnte nicht mehr schreien. Es schluchzte nur noch dumpf und schwer.

Monte Christo starrte den Aussätzigen an. Sein Blick war eigentümlich. Gab er dem Räuber recht? Oder hielt er die Worte desselben für das, was sie sein sollten, für Hohn und freche Anmaßung? Er stand langsam auf und ging langsam auf dem Felsen auf und ab. Benedetto verwandte keinen Blick von ihm.

Höre, sagte er, wieder an den Rand des Abgrundes tretend, du magst in einzelnen Dingen recht haben, aber in einem hast du unrecht. Du hättest dich an mir, nicht an meinem Kinde rächen sollen. Mein Kind ist unschuldig.

War nicht die Gattin Villeforts und ihr Sohn Eduard auch unschuldig? höhnte Benedetto. Und hast du sie nicht eingeweiht in die Kunst, Gift zu mischen, und sie alle dadurch zugrunde gerichtet, alle, die Mutter und das unschuldige Kind?

Ich habe Valentine dafür dem Tode entrissen, ich habe es mein Leben lang bereut, ich werde es stets bereuen! sagte Monte Christo mit eigentümlicher Stimme, die halb fest, halb reuig klang, und mit einem Blicke, der bald in das Weite schweifte, bald mit einem seltsamen Ausdrucke auf Benedetto ruhte. Dabei entfernte er sich wieder ungefähr zwanzig Schritte von dem Abgrund. Dort stand er still.

Bereuen! Das mag jeder sagen! rief Benedetto. Lebst du nicht herrlich und in Freuden? Gibst du nicht jährlich Millionen aus? Hast du nicht das schönste Weib? Und das nennst du bereuen, du scheinheiliger Sünder und Heuchler?

Der Graf stieß einen Ruf aus – einen Ruf, der beinahe wie ein Ruf der Verzweiflung, des Wahnsinns klang. Dann rannte er, wie von einer Maschine geschleudert, auf den Abgrund zu, und einen Punkt wählend, an dem das gegenüberliegende Ufer der Kluft niedriger war, sprang er mit einem ungeheuren Schwunge über den Abgrund.

Das war in weniger als einer Viertelminute geschehen, und Benedetto hatte nur eben so viel Zeit gehabt, aufzuspringen, als der Graf drei Schritte vor ihm stand.

Gib mir mein Kind! rief er mit gellender Stimme. Mein Kind!

Im nächsten Augenblick rangen die beiden miteinander. Die Matrosen und Tordero eilten herbei. Benedetto verteidigte sich mit einer Kraft, die man niemals in ihm vermutet hatte, gegen den riesenstarken Grafen. Er hielt dabei das Kind mit dem einen Arm so fest gegen seine Brust gedrückt, daß es vielleicht schon erstickt war, und drängte sich und den Grafen dem Abgrund zu. Gerade, als die Matrosen und Tordero so nahe waren, daß sie Benedetto angreifen konnten, als Tordero sein Messer zum Stoße ausholte, um es Benedetto in die Seite zu stoßen, machte dieser eine verzweifelte, gewaltige Anstrengung, die ihn der Umschlingung des Grafen auf einen Moment entzog, und stürzte sich mit dem Kinde in den Abgrund. – Haydee war die erste, die den nächsten Weg in den Abgrund gefunden, und die zuerst an der Stelle anlangte, wo der Körper Benedettos den Fuß des Abgrundes erreicht hatte.

Der Räuber hatte die Augen weit geöffnet, aber im Todeskampfe. Das Kind ruhte noch in seinen Armen. Es war stumm und tot. Haydee sank ohnmächtig nieder.

Bald darauf trugen die Matrosen eine Bahre nach der Küste, auf der Haydee mit ihrem toten Kinde ruhte. Finster und schweigend schritt der Graf daneben.

Am Ufer trug man Haydee und die kleine Leiche in das Boot, und dann ruderten die Matrosen mit angestrengten Kräften nach dem Ausgange der Straße von San Bonifacio zurück. Der alte Fischer wurde mit einer reichlichen Belohnung entlassen und stieg verwundert und kopfschüttelnd über die seltsamen Dinge, die er gesehen, an das Ufer, an dem er sechsundsechzig Jahre ruhig gelebt. Es war Nacht, als man den Dampfer in der Ferne bemerkte und ein Zeichen gab. Er näherte sich. Haydee hatte sich soweit erholt, um geführt von zwei Matrosen die Treppe hinaufsteigen zu können. Sie trug ihren toten Edmund in den Armen.

Entsetzen ergriff alle, als sie jetzt den Grafen im Lichte der Laternen des Dampfbootes erblickten. Sein Gesicht war erdfahl, sein Gang schlotternd, seine Haltung die eines hundertjährigen Mannes. Aus dem schönen, kräftigen Manne schien in diesen wenigen Stunden ein Greis geworden zu sein.

Er folgte Haydee in die Kajüte. Danglars wurde in das Krankenzimmer gebracht, in dasselbe, das Benedetto kurze Zeit vorher innegehabt hatte. Er schien sehr schwermütig zu sein und warf scheue Blicke um sich, als ob er überall Verrat und Mord wittere. Tordero hatte ihm einen Faustschlag gegeben und dann um die Erlaubnis gebeten, auf dem Dampfboot nach Monte Christo zurückkehren zu dürfen. Der Steuermann hatte sie auf eigene Hand gegeben.

Als das Dampfboot bei der Insel anlangte – es war gegen Morgen – verließen der Graf und Haydee Arm in Arm das Schiff. Man konnte nicht wissen, ob er sich auf seine Gattin, ob sie sich auf ihn stützte. Haydee trug noch immer das Kind in ihren Armen, und so verschwanden sie beide in dem Innern der Gemächer.

Dort sah sie niemand mehr, mit Ausnahme Bertuccios und Alis, die nie durch ein Wort oder ein Zeichen verrieten, in welchem Zustande sie ihren Herrn gesehen. Zuweilen wurde auch ein Brief nach Paris abgesendet, und nach einigen Wochen kam ein feiner und vornehmer, schon bejahrter Herr, der sich zwei Tage auf der Insel aufhielt und dann wieder auf dem Dampfboot mit dem Kapitän Morel und Villefort abreiste. Das Dampfboot brachte ihn bis Marseille und kehrte dann zurück.

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