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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 17
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typefiction
authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Architekt Wolfram Büchting

Der Dampfer war bereit zur Abfahrt nach St. Louis. Wolfram nahm zwei Plätze zur Fahrt bis zu der ersten größeren Stadt. Amelie ging in die Damenkajüte hinunter. Wolfram blieb trotz der Bitten Amelies auf dem Deck.

Dort stand er, und während die Schaufeln des mächtigen Dampfers die Wellen des Mississippi erschütterten und der Fluß wie ein schwarzer Strom der Unterwelt vorüberrauschte, ließ er Vergangenheit und Gegenwart durch sein bewegtes Herz ziehen. Er erinnerte sich seiner ersten Liebe zu Amelie, ihrer ersten süßen Freuden, ihrer Reise nach Amerika, ihrer Trennung bei den Mormonen, seiner Leiden und ihrer Flucht. Ader durch diese ganze Vergangenheit zog sich wie ein strahlendes Band die Liebe Amelies zu ihm, dem Ungetreuen, Stolzen und Eigensinnigen. Erst jetzt vermochte er diese Liebe in ihrer ganzen Treue, Hingebung und Innigkeit zu würdigen. Da stand er auf dem einsamen Deck, und in seiner Seele bildete sich der feste und unabänderliche Entschluß, von nun an kein anderes Ziel mehr zu verfolgen, als das Glück dieses Weibes, das ihm alles geopfert hatte und ohne das er untergegangen wäre im Wirbel des Lebens. Für sie wollte er arbeiten, nur für sie leben, sie auf seinen Händen tragen – und zum erstenmal, zum erstenmal seit langer, langer Zeit richtete sich sein Blick nach oben, und seine Lippen flüsterten ein Gebet zu dem über den Sternen, daß er seinen Entschluß hören und ihm die Kraft verleihen möge, ihn auszuführen.

Dann begab er sich in die Herrenkajüte und schlief so fest und ruhig, daß er erst spät am anderen Tage erwachte. Amelie erwartete ihn bereits auf dem Hinterdeck. Sie las mit besorgten Blicken in seinem Gesicht. Aber die Blässe und eine gewisse Langsamkeit in den Bewegungen abgerechnet, schien Wolfram wirklich geheilt zu sein.

Der junge Mann gab seine Absicht auf, in der ersten größeren Stadt ans Land zu steigen, und beschloß, bis St. Louis zu fahren. Dort angelangt, mietete er eine bescheidene, aber nicht ärmliche Wohnung und ließ eine Anzeige in die Zeitung setzen.

Er sagte darin, daß ein Architekt aus Paris sich auf einer Studienreise in Amerika befinde und die Gelegenheit benutzen wolle, um Pläne für diejenigen zu entwerfen, die Häuser zu bauen beabsichtigten. Er fügte eine Taxe bei, sehr ausführlich, gab seine Wohnung an und bat die Herren Amerikaner, ihn mit Aufträgen zu beehren.

Diese Anzeige, über die Wolfram und Amelie selbst lächelten, war durchaus amerikanisch, namentlich in der speziellen Aufführung der Taxe. Die Amerikaner lieben das Praktische, und es gefiel ihnen, daß dieser Architekt so viel Dollars für den Plan eines einstöckigen Gebäudes, so viel für den eines zweistöckigen usw. verlangte. Schon am ersten Tage erhielt Wolfram Aufträge, und da das Entwerfen von Plänen keine anstrengende Beschäftigung war, so konnte er fast die ganze Tageszeit dazu benutzen. Nach kurzer Zeit hatte Wolfram bereits einen Ruf, um so mehr, da seine Taxe verhältnismäßig sehr gering war. Er erhielt auch Aufträge, den Bau von Häusern zu übernehmen; aber darauf ließ er sich nicht ein, weil seine Zeit es ihm nicht erlaubte. Das Schicksal schien den beiden Liebenden jetzt wirklich ein gütiges Lächeln zu zeigen, nachdem es sie so lange drohend angeblickt. Wolfram konnte die Aufträge, die er erhielt, kaum befriedigen, und da die meisten von derselben Gattung waren, so konnte er beinahe nach der Schablone arbeiten. Nach vier Wochen hatte er schon zweitausend Dollars verdient und reiste nun weiter nach dem Osten.

In jeder größeren Stadt verfuhr Wolfram nach demselben Grundsatze. Da in keinem Lande mehr gebaut wird als in Amerika, und da Wolfram jetzt bereits aus den Städten, in denen er gearbeitet, das günstigste Zeugnis mit sich brachte, so strömte ihm die Menge zu. Alle Welt wollte Pläne von dem geschickten Pariser Architekten haben. Wolfram nahm zuletzt nur die größeren Aufträge an, schon deshalb, weil es nicht seine Absicht war, in Amerika reich zu werden, sondern weil er nur fürs erste eine bestimmte Summe zurücklegen wollte. Von Cincinnati aus schickte er dem Bankier die tausend Dollars für Lord Hope, ohne aber anzugeben, wohin er weiterreisen würde.

So ging es von Stadt zu Stadt. Es ist in Amerika noch mehr als anderswo der Fall, daß demjenigen, der einen Ruf in gewissen Dingen hat, alles zuströmt. Der Ruf Wolframs war schon bis New York und Boston gedrungen, und man machte ihm dort die vorteilhaftesten Anerbietungen, für immer zu bleiben. Wolfram nahm sie fürs erste nicht an, lehnte sie aber auch nicht unbedingt ab.

Auch mit seiner Gesundheit ging es vortrefflich vorwärts. Seine Wangen hatten die frühere Röte wiedergewonnen, er konnte selbst angestrengte Bewegungen machen, ohne mehr den geringsten Schmerz zu empfinden. Und was Amelie anbetraf, so war sie nie so blühend und schön gewesen als jetzt. Das Glück der Liebe, die Wonne der Zufriedenheit strahlten aus jeder ihrer Mienen, aus ihrem Auge, aus ihrem Lächeln. Wenn sie zusammen ausgingen, so bewunderte alle Welt das schöne Paar. Man hielt sie für Mann und Frau, obgleich sie es nicht waren. Wolfram hatte einmal darüber mit Amelie gesprochen und ihr gesagt, daß ihre Verbindung stattfinden solle, sobald er sich entschlossen habe, an einem bestimmten Orte zu bleiben, was nun bald der Fall sein würde.

Eines Abends, nachdem Wolfram viel gearbeitet, kam er zu Amelie.

Der Plan ist fertig, sagte er lächelnd und sich zu ihr setzend. Es war ein großer Plan für ein öffentliches Gebäude. Es soll der letzte sein, den ich in Amerika gemacht habe.

Der letzte? fragte Amelie nicht ohne eine freudige Überraschung. Der letzte in Amerika?

Ja, meine teure Amelie! antwortete Wolfram, glaubst du, ich hatte den leisen Wunsch deines Herzens nicht schon lange erraten? Glaubst du, ich wüßte nicht, daß du dich nach Frankreich, deiner Heimat, zurücksehnst?

Ach, Wolfram, du erfüllst einen heißen Wunsch meiner Seele, rief Amelie hocherfreut. Aber eines – eines ist doch bedenklich, verzeih mir, wenn ich es sage! Hier hast du einen Namen erworben, in Paris wirst du mit vielen Bewerbern zu kämpfen haben. Ich kenne dich. Es wird dich niederbeugen, dort von vorn anfangen zu müssen!

Glaube das nicht, Amelie, sagte Wolfram lächelnd. Ich weiß nicht mehr, was Eitelkeit ist. Und etwas anderes ist es doch nicht, was du denkst. So ganz von vorn brauche ich auch nicht anzufangen. Ich kann es eine Zeitlang mit ansehen. Ich habe in Amerika etwas Geld gespart, mehr als ich dachte. Wieviel glaubst du wohl?

Wie soll ich das wissen? Zweitausend Dollars? fragte Amelie lächelnd.

Sieh her! sagte Wolfram mit freudestrahlenden Augen. Jedes dieser Papiere ist eine Banknote von tausend Dollars. Nun erschrick nicht, zähle nur. Es sind fünfzig.

Unmöglich! Wolfram, ich bitte dich, wie ist das möglich gewesen! Fünfzigtausend Dollars! Das ist ja ein Schatz!

Wenigstens ein kleiner! erwiderte Wolfram glückselig. Es sind ungefähr zweimalhundertundfünfzigtausend Franken. Von den Zinsen können zwei Leute auch in dem teuren Paris ganz gut und glücklich leben. Aber ich denke, es wird dabei nicht bleiben. Mein Hauptzweck soll es jetzt freilich sein, auch dem Edlen in meinem Berufe nachzustreben. In Amerika bin ich des Handwerksmäßigen überdrüssig geworden. Mein kleines Vermögen soll mir dazu dienen, mir allmählich einen Namen zu machen. Ich denke, Amelie, wir werden recht glücklich sein. Und in Paris wollen wir uns trauen lassen!

Amelie war jetzt schon glücklich. Sie weinte, und Wolfram schloß sie innig in seine Arme. Es war die glücklichste Stunde seit ihrer ersten Bekanntschaft in Paris.

Zwei Tage darauf befanden sie sich auf dem Dampfboot nach Havre. Die Fahrt dorthin und die Reise nach Paris wurden glücklich zurückgelegt. Nur acht Tage lang wohnten sie in Paris im Hotel. Währenddessen hatte Wolfram bereits ein Häuschen gekauft und eine eigene Wohnung einrichten lassen. Am neunten Tage wurden sie in Notre-Dame getraut – Wolfram gehörte ebenfalls der katholischen Religion an – und er führte seine Gattin in das freundliche Häuschen, das er gekauft und über dem in einfacher Schrift die Worte standen: »Wolfram Büchting, Architekt«.

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