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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 14
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authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Dr. Connard

In jenem Zimmer des freundlichen Hauses in der Rue Meslay, in dem wir einst Valentine im innigen Verein mit den Verwandten ihres Gatten gesehen haben, befand sich an diesem Tage nur ein einzelner Mann, Emanuel Herbault, und auch dieser ging unruhig auf und ab, mit blassem Gesicht und verstörter Miene.

Seine Frau, krank seit der Entbindung, noch kränker durch die Mitteilung Valentines von dem Tode Morels, die ihr durch einen Zufall verraten worden – keine Nachricht von Valentine und ihrem Beschützer – er selbst durch die Krankheit seiner Frau an Paris gefesselt – das waren Umstände, die ein jedes Herz betrüben und niederdrücken mußten.

Ein Diener trat ein, der einen Brief überreichte. Emanuel erbrach ihn und war überrascht, er las ihn verschiedene Male.

»Ein Freund ist in Paris angelangt – hieß es in dem Briefe. – Er ist derselbe, dem Ihre Familie von früher her sich zu einigem Danke verpflichtet glaubt. Die Ungunst der Verhältnisse verbietet es ihm, offen zu Ihnen zu kommen wie bei seinem ersten Aufenthalt in Paris. Haben Sie deshalb die Güte, eine Stunde nach dem Empfang dieses Briefes die kleine Pforte in Ihrem Garten zu öffnen und denjenigen, der Ihnen die Worte: Thomson und French nennen wird, einzulassen.«

Thomson und French! Ja, ja, er ist es! rief Emanuel freudig. So hieß damals das Bankierhaus, dessen Wechsel der Graf Monte Christo aufkaufte, als er meinen Schwiegervater rettete. Es ist der Graf, es kann kein anderer sein. Gott sei gedankt! Nun ist Hoffnung!

Er wollte nach der Tür eilen, besann sich aber und stand still.

Nein, nein, für Julie wäre diese Nachricht nichts! Es würde sie nur aufregen. In einer Stunde also!

Unruhig verbrachte er die nächsten Viertelstunden im Spiel mit seinen Kindern und am Krankenbett seiner Gattin. Zehn Minuten vor der bestimmten Frist war er an der kleinen Pforte in seinem Garten, der auf eine einsame Straße führte, und pünktlich sechzig Minuten nach Empfang des Briefes klopfte es an die Pforte und eine Stimme sagte die Worte: Thomson und French. Emanuel öffnete augenblicklich.

Dennoch fuhr er etwas überrascht zurück. Der vor ihm stand, war nicht der Graf Monte Christo, wenigstens glaubte er es nicht. Es war ein alter Mann in gebückter Haltung, mit bereits grauem Haar und einem sehr einfachen, fast ärmlichen Anzug.

Guten Tag, Herr Herbault, sagte er, sogleich eintretend und die Pforte hinter sich schließend. Wir sind doch allein in diesem Garten? Es ist niemand hier, der uns belauschen könnte?

Niemand! sagte Emanuel, der noch immer den Fremden betrachtete. Und Sie, mein Herr – was führt Sie zu mir?

Erkennen Sie mich nicht in meiner Verkleidung? rief der Fremde lachend. Bin ich so sehr entstellt? desto besser! Ich bin Edmund Dantes, kein anderer!

Ja, ja, es ist die Sprache! rief Emanuel freudig und ergriff die Hand des Grafen, die er feurig drückte. Gott sei gedankt, Sie sind es! Ach, Herr Graf, Sie kommen in einer trüben Zeit. – Morel tot, Valentine in der Ferne, meine Frau krank!

Eben deshalb komme ich! sagte Graf Monte Christo. Und nun lassen Sie uns in dieses Gartenhäuschen gehen, wo uns niemand sehen und hören kann. Ich möchte Auskunft von Ihnen über das haben, was vorgefallen. Ich kann unmöglich an Morels Tod glauben!

Sie gingen in den Pavillon, und nun begann ein langes Gespräch, aus dem Monte Christo jedoch nichts weiter entnehmen konnte, als was er von dem Abbé und von dem Herzog erfahren hatte. Der Brief Valentines war die einzige Quelle, aus der Emanuel bisher geschöpft hatte. Seine Erkundigungen bei der Regierung waren ohne ein bestimmtes Resultat geblieben, obgleich man ihm dort wiederholt die Versicherung gegeben, daß Morel nicht hingerichtet, sondern jedenfalls entflohen sei. Wahrscheinlich hatte die Krankheit Juliens Emanuel Herbault verhindert, weiter nachzuforschen. Sonst würde er gewiß erfahren haben, daß man dem Kapitän anstatt eines Räubers den Prozeß gemacht und ihn jetzt nach einem Irrenhause gebracht habe.

Nun, lieber Freund, sagte der Graf, nachdem er Emanuel ruhig angehört, trösten Sie sich. Max ist nicht tot, sondern im Gefängnis, und ich bitte Sie nur um eins: überlassen Sie mir die Sorge, ihn zu befreien. Meine zweite Aufgabe wird dann sein: Gewißheit über Valentines Schicksal zu erlangen und sie mit ihrem Gatten zu vereinen. Sprechen Sie darüber mit niemand. Man darf nicht ahnen, daß ich mich noch in Frankreich oder gar in Paris befinde. Bleiben Sie bei Ihrer Gattin und sorgen Sie vor allen Dingen dafür, daß sie gesund wird. Und nun leben Sie wohl, meine Zeit in Paris ist mir knapp zugemessen!

Oh, Herr Graf, Sie sind abermals unser Retter! Gott lohne es Ihnen! rief Emanuel voll Dankbarkeit und mit Tränen in den Augen. Ich darf also nicht hoffen, Sie wiederzusehen? Sie verlassen Paris? Werden Sie nicht mit Max zurückkehren?

Alles das kann ich noch nicht bestimmen, mein lieber Freund! erwiderte Monte Christo. Sagen Sie Ihrer Gattin, daß Max nicht tot ist. Diese Arznei wird besser wirken als jede andere.

Der Graf ging, begleitet von dem freudig bewegten Emanuel.

In einiger Entfernung stand ein Fiaker, der auf den Grafen zu warten schien. In diesen stieg er und gab die Adresse Rue du Grand Chantier.

Dort wohnte der Abbé Laguidais und zu ihm eilte der Graf. Ali hatte den Abbé bereits benachrichtigt, daß der Graf zu einer bestimmten Stunde bei ihm sein würde. In der Zwischenzeit hatte Monte Christo sich unkenntlich gemacht. Dieselbe Zwischenzeit hatte der Abbé dazu benutzt, den Herzog *** zu benachrichtigen, daß der Graf angekommen sei, und die beiden erwarteten nun den Mann, zu dessen Vertrauten zu gehören in ihren Augen die größte Ehre war.

Das Wiedersehen dieser drei Männer war herzlich, ganz entfernt von aller Zeremonie. Ihre Begrüßung so innig wie diejenige langgetrennter Jugendfreunde. Sie schüttelten sich die Hand, sie sprachen offen ihre Freude aus. Sie erkundigten sich zuerst nach Nebendingen – ganz wie es bei solchem Wiedersehen der Fall zu sein pflegt.

Der Graf aber war der erste, der das Gespräch auf wichtigere Dinge lenkte.

Mein lieber Abbé, sagte er, sind Briefe für mich eingelaufen?

Der Abbé brachte ein ganzes Paket eingegangener Papiere zum Vorschein. Die meisten waren aus näheren oder ferneren Städten und betrafen die religiösen Bemühungen Monte Christos. Für den Augenblick las er nur die Unterschriften und steckte dann das Paket zu sich. Nur einen Brief las er durch. Er war von Mr. Nathan in New Orleans.

Der Bankier schrieb ihm – zwei Tage nach der Abreise des Grafen – daß bis dahin noch nicht die geringste Änderung in dem Zustande Wolframs eingetreten sei und daß der Arzt, der sich übrigens mit der größten Sorgfalt des Kranken annehme, es noch nicht wage, bestimmte Hoffnungen zu geben. Amelie habe er gesagt, daß Wolfram verreist sei, und da ihre Wirtin ganz abgesondert von der Welt lebe, so hoffe er, sie werde die Wahrheit nicht erfahren. Übrigens zeige sich jetzt in der Stadt eine gewisse Sympathie für Wolfram, und wenn er genese, so unterliege es keinem Zweifel, daß man sich seiner annehmen und daß eine direkte Unterstützung des Grafen oder des Bankiers kaum nötig sein werde.

Der Graf las seinen beiden Freunden dieses Schreiben vor und machte sie überhaupt mit seinem Verhältnisse zu Wolfram bekannt.

Ich gestehe es, fügte er hinzu, indem sein Blick sich neigte – daß der Tod dieses jungen Mannes mich für mein ganzes Leben unglücklich gemacht, daß er schwer auf meinem Gewissen gelastet haben würde. Gott hat mir diese Prüfung erspart. Er hat mein Herz erkannt, er weiß, daß ich es mit Wolfram gut meine.

Aber er hat Ihnen zugleich einen Fingerzeig gegeben, lieber Graf! sagte der Herzog. Er hat Sie daran erinnern wollen, daß Sie nicht zu weit gehen dürfen.

Ich fühle es, ja! sagte Monte Christo. Und noch deutlicher spricht Morels Schicksal. Deshalb bin ich hierher geeilt, um zu helfen, wenn es möglich ist. Und ich hoffe, es wird möglich sein. Teilen Sie mir nur mit, was Sie über Morel erfahren haben.

Der Graf erfuhr nun ausführlich die Verwechselung Morels mit Rablasy, seine Anklage, seine Verurteilung, seinen Wahnsinn. Es war dem Herzog gelungen, alle Einzelheiten dieser merkwürdigen Angelegenheit auszukundschaften.

Wie aber war es möglich, daß Morel auch nur einen Augenblick lang mit jenem Mörder verwechselt werden konnte? fragte Monte Christo. Sie waren in jener Nacht bei ihm, Herzog. Sie sagen, er sei in einem gewöhnlichen schwarzen Anzug gewesen, und doch gab es bei dem Prozeß den Ausschlag, daß man ihn in der Jacke jenes Rablasy gefunden.

Der Herzog – denn er war jene geheimnisvolle Persönlichkeit gewesen – erzählte noch einmal alle einzelnen Umstände jener Nacht, und die drei Männer, zugleich überlegend und beratend, kamen endlich in einer Meinung überein, die der Wahrheit ganz nahe lag. Sie vermuteten Rablasy in jenem Gefangenen, der zugleich mit Morel, dem Herzog und dem Staatsanwalt das Gefängnis verlassen. Sie vermuteten auch, daß Rablasy die Papiere, die er in Morels Kleidung gefunden, dazu benutzt habe, um Valentine zu täuschen und nach dem Auslande zu locken.

Für mich steht es nun fest, daß Herr von Ratour jener Rablasy ist. Dieser Mensch kann aber kaum erst in Berlin die Bekanntschaft des Grafen Arenberg gemacht haben. Erinnern Sie sich Laguidais, einem Menschen dieses Namens hier in Paris begegnet zu sein?

Ja, sagte der Abbé. Ein Herr von Ratour wurde mir einmal bei dem Grafen vorgestellt. Er galt für einen Bonapartisten, der sich im geheimen hier aufhalte, und legte sich, wenn ich nicht irre, die Eigenschaft eines Arztes bei.

Das alles stimmt! sagte Monte Christo. Gut! In kurzer Zeit werden wir darüber im klaren sein, und ich glaube, es wird nicht schwer halten, Valentine aus seinen Händen zu befreien. Ich werde weiter über die Sache nachdenken. Morel selbst verdient jedenfalls jetzt die größere Aufmerksamkeit. Und nun zu Don Lotario. Was wissen Sie von ihm?

Nichts Näheres weiter, als daß er Therese liebt und über ihre Kälte gegen ihn unglücklich ist! antwortete Laguidais. Ich kann Ihnen nur wiederholen, Graf, was ich Ihnen geschrieben. Ich wünschte nicht, daß Sie diesen jungen Mann auf eine gar zu harte Probe stellten. Es ist nicht nötig.

Ich will es reiflich, sehr reiflich überlegen, erwiderte der Graf gedankenvoll. Ich will nicht weiter gehen, als ich gehen darf. Und ich hoffe, der Himmel, der mir bis jetzt gnädig gewesen, wird mich auch ferner unterstützen und solche Gefahren von dem Haupte derer abwenden, die ich zu Grundsäulen unserer Vereinigung machen möchte. –

Südlich von Paris, in einer der schönsten Provinzen und fern von der Landstraße, liegt ein großes und freundliches, aber stark befestigtes und von einem großen Park umgebenes Gebäude. Es war früher ein Schloß, wurde aber von der Regierung vergrößert und in eine Irrenanstalt umgewandelt, in die jedoch nur diejenigen aufgenommen wurden, die ohnehin schon unter der strengen Aufsicht des Staates standen, nämlich die Gefangenen.

Bei dem Direktor dieses Gebäudes meldete sich einige Tage nach jener Unterredung in Paris ein ältlicher Herr, mit einfachen und bescheidenen Manieren und zeigte eine Karte vor. die von einem hohen Beamten im Kultus-Ministerium ausgestellt war und durch die der Überbringer derselben – Dr. Connard – dem Direktor der Anstalt empfohlen und dieser gebeten wurde, seinen Gast über alles zu unterrichten, was er zu wissen wünsche.

Der Direktor, der in dem Irrenhause, das zu jener Zeit nicht stark besetzt war, ein ziemlich einsames Leben führte, war gern bereit, dem höflichen Dr. Connard jede Auskunft zu erteilen und ihn überall herumzuführen.

Der Doktor schien sehr zufrieden mit den zweckmäßigen Einrichtungen der Anstalt, verweilte längere Zeit bei jedem einzelnen Irrsinnigen und schien die eigentümlichen Symptome, in denen sich bei jedem einzelnen die Geistesstörung aussprach, mit großer Aufmerksamkeit zu studieren.

Wir haben hier noch einen sehr stillen und gutmütigen Gast, sagte der Direktor, vor einer Tür stehen bleibend und sie öffnend. Er ist sanft und gutmütig wie ein Kind. Und doch ist er mir als ein gefährlicher Charakter bezeichnet worden, bei dem man sogar Verstellungen zu befürchten habe. Es ist der Raubmörder Etienne Rablasy.

Rablasy, ja, ich glaube von diesem Manne gehört zu haben, sagte Dr. Connard. Nun, lassen Sie uns sehen!

Sie traten in ein geräumiges Zimmer, dessen Fenster hell, aber sehr hoch und außerdem stark vergittert waren. Der Kranke saß vor dem Tisch auf seinem Schemel, ganz in der Stellung eines vernünftigen Menschen, den Kopf auf die Hand gestützt. Sein Aussehen war im ganzen gut.

Als der Direktor und der Doktor eintraten, sah er sie groß an, und nachdem er erkannt zu haben schien, daß es nicht sein gewöhnlicher Wärter sei, der ihn besuche, stand er auf, verbeugte sich und schob seinen Schemel hin, als wolle er die Eintretenden einladen, Platz zu nehmen.

Nun, wie geht es Ihnen heute, Herr Rablasy? fragte der Direktor.

Der Kranke antwortete nicht und sein Gesicht nahm einen düsteren Ausdruck an.

Er antwortet nie, wenn man ihn mit Rablasy anredet! flüsterte der Direktor dem Dr. Connard zu. Er hält sich für einen gewissen Kapitän Morel. Nun, Sie werden hören!

Gesund und munter, Kapitän Morel? fragte er darauf laut und fröhlich den Kranken.

Ich danke Ihnen, mein Herr! erwiderte der Kapitän artig. Ich befinde mich vollkommen wohl. Darf ich Sie fragen, ob mein Prozeß beendet ist?

Noch nicht ganz, erwiderte der Direktor. Aber ich hoffe, man wird Sie freisprechen!

Freisprechen! Oh, das verlange ich nicht! sagte der Kapitän mit einem unerklärlichen Lächeln der Irrsinnigen, und sein glänzendes, aber ausdrucksloses Auge richtete sich ruhig auf den Direktor. Ich möchte nur meine Frau und mein Kind wiedersehen!

Aber, lieber Kapitän, Sie haben ja gar keine Frau und kein Kind! sagte der Direktor.

Keine Frau und kein Kind? murmelte Morel vor sich hin, stützte die Hand auf den Tisch und sah stumpf und gleichgültig auf den Boden. Es ist seltsam, ich glaube doch – hm! Wissen Sie, ich will Ihnen etwas sagen! Ja, ja, es ist bestimmt so!

Damit winkte er dem Direktor, geheimnisvoll und vertraulich, wie es die Art der Irrsinnigen ist, zu sich heran und näherte sein Gesicht dem Ohr desselben.

Ich habe geträumt! flüsterte er, laut genug, daß Dr. Connard es hören konnte. Ich habe geträumt von jenem Augenblicke an, da ich auf der Insel Monte Christo war. Ja, es war nicht Valentine selbst, es war nur ihr Geist, der mir erschien. Ich habe keine Frau, kein Kind gehabt! Ich habe nur geträumt!

Nun, was meinen Sie zu diesem Irrsinnigen? wandte sich der Direktor an den Doktor. Halten Sie diesen Wahnsinn für Verstellung?

Nein, erwiderte Dr. Connard, das ist keine Verstellung, gewiß nicht. Und wozu sollte sie auch dienen? Dieses Zimmer ist so sehr befestigt, als es nur ein Gefängnis sein kann. Er würde von hier ebensowenig fliehen können als von anderswo.

Nun, sagen Sie das nicht, flüsterte der Direktor. Beim Spazierengehen im Park haben die Kranken manche Freiheiten.

Darauf verließ er mit dem Doktor die Zelle, zeigte seinem Gaste noch einige andere Kranke und kehrte dann nach seiner Privatwohnung zurück.

Dr. Connard, der, wie er sagte, einen Jugendfreund in der Nähe besuchte und bei ihm wohnte, erbat sich die Erlaubnis, zuweilen zurückkehren zu dürfen, und der Direktor gab ihm diese Erlaubnis sehr gern. Darauf verließ der Doktor das Irrenhaus.

Am folgenden Tage hätte man ihn in einer eigentümlichen und für einen achtbaren und nicht mehr jungen Arzt durchaus komischen Stellung wiedersehen können. Er befand sich nämlich in dem Wipfel eines Baumes, der in der Nähe der Mauer stand, die den großen Park des Irrenhauses umschloß. Von dort aus beobachtete er aufmerksam und zum Teil mit einem kleinen Fernrohr alle Gänge des Parks. Nachher stieg er sehr vorsichtig von dem Baume herunter und verließ sehr geheimnisvoll den Ort, der zum Glück sehr abgelegen und einsam war, und begab sich nach dem nahen Städtchen, wo er in einem bescheidenen Gasthofe wohnte.

Am nächstfolgenden Tage wiederholte er seinen Besuch in dem Irrenhause und war zugegen, als Morel oder Rablasy in Begleitung eines Wärters einen Spaziergang durch den Park machte. Währenddessen richtete er zuweilen einzelne Fragen an den Kranken, mit einer eigentümlichen Betonung der Stimme, so daß dieser jedesmal unruhig wurde und seinen starren Blick auf dem Doktor ruhen ließ.

Das Wetter ist nicht angenehm zum Promenieren, sagte der Doktor, als er nachher mit dem Direktor sprach; es war in der Tat sehr kalt und eine leichte Schneedecke lag auf der Erde. Lassen Sie den Kranken alle Tage seinen Spaziergang machen?

Alle Tage, antwortete der Direktor. Bewegung muß ihm gut tun.

Und mit dem Wärter allein? Ist das nicht gefährlich?

O nein. Sie sehen ja, wie gutmütig dieser Mensch ist, und ich glaube nicht, daß er sich verstellt. Ich brauche außerdem meine Wärter für die anderen Wahnsinnigen, die größtenteils wild und unbändig sind. Wie sollte er auch über diese hohe Mauer kommen, da er ohnehin an den Füßen gefesselt ist.

Ach ja, das hatte ich vergessen, sagte Dr. Connard. Sie haben recht!

Am anderen Tage, kurz vor der Mittagszeit, befand sich der Doktor wieder auf dem Observatorium – nämlich in dem Wipfel jener Tanne, deren dichte Nadeln auch im Winter ein gutes Versteck gewährten. Er blickte durch sein Fernrohr nach dem Irrenhause hin. Sobald er bemerkte, daß zwei Personen es verließen, stieg er von seinem Baume herunter und gab einer Gestalt, die in der Nähe auf einem Baumstumpf saß, ein Zeichen.

Die Gestalt erhob sich und das Angesicht eines Negers wurde sichtbar.

Dr. Connard sprach einige Minuten lang mit ihm, dann warf er eine Strickleiter bis auf die First der Mauer hinauf und kletterte daran empor, während der Neger eine andere Leiter aus Holz herbeiholte und neben die Strickleiter stellte, der Doktor hielt sich so verborgen, daß man ihn von dem Park aus nicht sehen konnte.

Ungefähr zehn Minuten darauf hörte er Schritte, und als er ein wenig über die Mauer blickte, sah er, daß Morel mit seinem Wärter sich nahte.

Der Weg, den die beiden zu nehmen hatten, führte dicht an der Mauer vorbei. Morel ging einige Schritte vor dem Wärter, der sich ruhig ein Liedchen pfiff.

Gerade, als er sich dicht unter dem Doktor befand, schwang sich dieser ganz auf die Mauer und stürzte sich von ihrer Höhe auf den Wärter. Dieser stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Dann hatte ihn Dr. Connard bereits mit einem Strick die Hände gefesselt und ihm einen Knebel in den Mund gesteckt – alles mit einer Schnelligkeit und Kraft, die bei einem bejahrten Manne in Erstaunen setzen mußte. Darauf band er ihm noch einen Strick um die Füße und wandte sich zu Morel.

Dieser hatte sich umgewendet, als er einen Schrei seines Wärters hörte. Sein Gesicht verriet eine gewisse Überraschung, sogar Unwillen. Der Doktor trat rasch auf ihn zu.

Morel! sagte er. Wir müssen fliehen! Verstehen Sie mich? Wir müssen zu Valentine, zu dem kleinen Edmond! Schnell, dort ist die Leiter! Sehen Sie!

Dabei sprengte er hastig die Fesseln an Morels Füßen.

Während Dr. Connard mit dem Wärter beschäftigt gewesen war, hatte der Neger ebenfalls die Strickleiter auf der anderen Seite der Mauer erstiegen und die hölzerne Leiter nach dem Park zu herabgelassen.

Morel starrte den Doktor verwirrt an. Bei den Namen Edmund und Valentine zuckte sein Gesicht. Aber er schien den Doktor nicht zu verstehen.

Ich sage Ihnen, Morel, der kleine Edmond ruft! Er ist auf der anderen Seite der Mauer. Folgen Sie mir! Hören Sie nicht, wie er Papa ruft! Es ist der kleine Edmond!

Edmond! Mein Kind! rief Morel, und sein ganzes Gesicht leuchtete auf. Wo ist mein Kind? Wo ist Valentine? Ja, er ruft – ich höre ihn. Ich komme, ich komme schon!

Er sprang auf die Leiter zu und kletterte mit der Geschwindigkeit und Sicherheit eines Nachtwandlers hinauf. Oben angelangt, stand er einen Augenblick aufrecht auf der First der Mauer und schien willens, weiter zu gehen, als wäre er zu ebener Erde. Er hätte hinabstürzen müssen, der Neger aber fing ihn mit seinen kräftigen Armen auf und half ihm die Strickleiter hinab.

Dr. Connard war unterdessen dem Kapitän rasch gefolgt, hatte die Leiter emporgezogen und warf sie nach der äußeren Seite der Parkmauer hinunter.

Lieber Freund, rief er dem Wärter zu, der voller Entsetzen noch immer auf dem Boden lag und sich nicht rühren konnte, ich habe Sie erschreckt. Man wird Sie vielleicht fortschicken, weil man glaubt, daß Sie mit mir im Einverständnis gewesen seien. Für diesen Fall gehen Sie nach Paris, zu dem Herrn Herbault, Rue Meslay. Er wird Ihnen in meinem Namen zwanzigtausend Franken auszahlen.

Damit kletterte er die Strickleiter hinab. Morel war bereits unten angelangt.

Wo ist mein Kind? rief er, sich wild nach allen Seiten umschauend. Wo ist Valentine?

Kommen Sie nur, da sind sie ja! rief der Doktor, seinen Arm ergreifend und ihn mit sich fortziehend.

Fortwährend so sprechend und den Irrsinnigen ermunternd, zog er Morel mit sich fort. Der Neger half, den anderen Arm des Kapitäns ergreifend. Sie eilten durch das Gebüsch. Nach wenigen Minuten standen sie an einer Straße, und auf dieser hielt ein dicht verschlossener, mit sechs Pferden bespannter Reisewagen. Auf dem Bocke saß ein Mann in Postillionskleidung.

Dr. Connard hob Morel in den Wagen, Ali schloß ihn, und sogleich ging es im schärfsten Trabe vorwärts, in der Richtung nach Südosten.

Der Kapitän schien dem Arzte einigen Widerstand entgegensetzen zu wollen, als er sich in dem geschlossenen Räume des Wagens befand. Der Doktor aber hielt ihm ein Fläschchen vor die Nase, dessen Duft ihn zu betäuben schien. Morel sank zurück, und nun entkleidete ihn der Doktor seiner Gefängnistracht und legte ihm bürgerliche Kleidung an; die alten Sträflingskleider warf er aus dem Fenster der Kutsche.

Übrigens verstand es Dr. Connard, ebenso schnell zu reisen, wie der Graf Monte Christo, und dabei war kein Wunder, denn es war der Graf Monte Christo selbst. Begreiflicherweise wählte er diesmal einen anderen Weg, als denjenigen, auf dem er mit dem Polizeirat nach Paris gekommen. Er reiste über Lyon nach Piemont. In der Gegend von Nizza sollte ihn sein Boot erwarten, nicht das Dampfboot – denn er wollte jeden Verdacht vermeiden – sondern ein einfaches Segelboot.

Den Kapitän hielt er während dieser ganzen Reise in einem fortwährenden Schlummer, den er durch künstliche Mittel, durch Zusätze zu Wein und Wasser hervorrief. Sonst wäre es unmöglich gewesen, den Wahnsinnigen zum Ausdauern in dem engen Raum der Kutsche zu bewegen.

Die Pässe waren vollkommen in Ordnung. Sie lauteten auf den Dr. Connard, einen hohen Kranken, den der Doktor nach Nizza fahren sollte, und dessen Neger. In Nizza angelangt, gab der Graf dem Kapitän die stärkste Dosis und rief dadurch einen so festen Schlaf in ihm hervor, daß er ohne Widerstand in das Boot geschafft werden konnte, das für den Grafen bereit lag.

Dieses Boot sollte ihn die Küste entlang bis an den Punkt führen, wo sein eigenes Fahrzeug wartete. Das letztere war an Ort und Stelle.

Als der Graf an Bord des Bootes trat, bemerkte er nur düstere und niedergeschlagene Gesichter. Der Steuermann überreichte ihm einen Brief. Der Graf erbrach ihn und las:

»Gnädigster Herr!
So wahr ein Gott lebt, ich bin nicht schuld an dem Unglück, das geschehen ist. Ich habe es nicht verhindern können, und ich bin bereit, mich den Augenblick zu töten, wenn Sie an meiner Treue zweifeln. Jacopo und zwei andere sind ihm nachgesetzt.

Bertuccio.«

Was ist geschehen? wiederholte der Graf. Hast du das Sprechen verlernt, Mann?

Bertuccio und Jacopo ahnten nicht – die gnädige Frau – niemand dachte so etwas – es müssen arge Schurken gewesen sein – stammelte der Steuermann hervor.

Es ist gut! Ich werde warten, bis ich auf der Insel bin! sagte der Graf kurz. Ist Bertuccio dort?

Ja, Herr! Jacopo ist ihm nach – dem Räuber nämlich –

Monte Christo machte eine Bewegung, daß er schweigen solle, warf einen Blick auf den tiefbetäubten Morel und gab das Zeichen zur Abfahrt. Er trat selbst an das Steuer. Derselbe Nordwind, der den verräterischen Benedetto entführt hatte, blies auch jetzt, aber stärker, fast sturmartig.

So verging Stunde auf Stunde, bis die Insel Monte Christo als ein kleiner, heller Punkt über dem Schaum emporragte und endlich ihre felsigen Ufer zeigte.

Dieser kranke Herr wird hier nach meinem Wohnzimmer gebracht! rief er den Matrosen zu, während er das Boot auf den Strand laufen ließ. Bertuccio soll zu mir in mein Privatzimmer kommen. Ali wird ihn anmelden!

Damit sprang der Graf aus dem Boot und ging ruhig nach dem Wohnhause. Kaum war er in seinem Privatzimmer angelangt, als Ali Bertuccio meldete. Der Intendant trat ein, eine Pistole in der Hand und sich dem Grafen zu Füßen werfend. Den Kopf neigend, hielt er ihm die Waffe entgegen, als wolle er ihn auffordern, ihm den Rest zu geben.

Keine Komödie, Signor Bertuccio! sagte der Graf kalt und streng. Was sollen diese Torheiten bedeuten? Geh, melde meiner Frau, daß ich sie besuchen werde.

Der Intendant stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ den Kopf noch tiefer sinken.

Die Gräfin ist nicht hier! stieß er mühsam hervor.

Nicht hier? fragte Monte Christo. Sollte sie abgereist sein, ohne mich zu benachrichtigen?

Sie ist verschwunden und auch der junge Graf, stammelte Bertuccio.

Der Graf setzte sich, aber nicht, weil er die Erzählung Bertuccios ruhig mit anhören wollte, sondern weil ihm die Kraft fehlte, stehenzubleiben.

Verschwunden? Wie ist das möglich, und was soll das heißen?

Ach, ich bin schuld daran, ja, das bin ich! rief Bertuccio an seine Brust schlagend. Ich hätte vorsichtiger sein können. Aber wer konnte ahnen, daß diese Schmuggler frech genug sein würden, das Eigentum des Grafen zu verletzen!

Signor Bertuccio, ich will wissen, was vorgefallen ist, weiter nichts, sagte der Graf.

Vorgestern abend – wir waren zu Bett gegangen – meldete Jacopo, dem es Pietro gesagt, daß fremde Männer in die Wohnung der Gräfin eingedrungen seien. Wir eilten bewaffnet dorthin und wurden mit Flintenschüssen empfangen. Es gelang uns bald, die Schmuggler oder Piraten zu töten oder gefangenzunehmen. Aber als wir uns nach dem Schicksal der Frau Gräfin erkundigen wollten, fanden wir sie nicht. Sie war verschwunden mit dem Sohne Ew. Exzellenz, ebenso der Aussätzige.

Der Aussätzige? fragte Monte Christo, der seine ganze Fassung zusammennahm. Was hat dieser Mensch mit meiner Gattin und meinem Sohne zu schaffen?

Er war es, der den Piraten den Gedanken einflößte, dieses Haus anzugreifen, sagte Bertuccio. Und Exzellenz, wissen Sie, wer es war – Benedetto, jener Benedetto!

Am andern Morgen fanden wir da, wo das Fahrzeug der Schmuggler gelegen hatte, den alten Villefort in seinem Blute liegen. Er hatte einen Messerstich in die Brust erhalten. Aber er war nicht tot. Wir haben ihn hierher gebracht, verbunden und gepflegt. Es ist zu hoffen, daß er wieder gesund wird.

Und woher weißt du, daß jener Aussätzige Benedetto war? fragte der Graf.

Wir haben den Hauptmann jener Schmuggler gefangen. Er nannte mir den Namen und aus dem übrigen, was er mir sagte, konnte ich schließen, daß es jener Benedetto gewesen.

Bertuccio verneigte sich und eilte fort. Monte Christo blieb ruhig sitzen. Sein Gesicht veränderte sich nicht, obgleich er allein war.

Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte die retten, die ihm zunächst waren. Er ging zu Morel, der immer noch in seiner Betäubung lag, und sagte Bertuccio, wie er den Kranken zu behandeln habe. Dann suchte er den alten Villefort auf.

Der Greis ruhte in seinem abgeschlossenen Zimmer auf einem weichen Lager. Man hatte nichts unterlassen, um ihn zu retten. Die Wunde, die er empfangen, war gefährlich, aber nicht tödlich. Der Graf untersuchte ihn genau. Was ihn überraschte, war der ruhige, durchaus nicht irrsinnige Blick des Greises. Monte Christo befragte ihn nach einigen Einzelheiten, und der Greis beantwortete sie mit schwacher Stimme, aber vollkommen vernünftig. Er fragte sogar, wo er sich befinde.

Die Miene des Grafen war etwas ruhiger und getrösteter, als er Villefort verließ. –

Alles war bereits für die Abfahrt angeordnet. Der Dampfer wirbelte seine weißen Wolken in die Luft, Segelboote flogen nach verschiedenen Richtungen. – – –

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