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Der Herr der Welt

Adolf Mützelburg: Der Herr der Welt - Kapitel 10
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authorAdolf Mützelburg
titleDer Herr der Welt
publisherZenith-Verlag Erich Stolpe Leipzig
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Eugenie Danglars

In London angekommen, ging Don Lotario zum Bankier und ließ sich eine bedeutende Summe geben. Er machte keinen Besuch bei den Personen, an die er empfohlen war. Er wollte nichts mehr von dem wissen, was mit seinem früheren Leben im Zusammenhang stand. Auf eigene Hand, nur sich selbst überlassen, wollte er seine nutzlosen Tage hinbringen. Die Erinnerung des Abbés Laguidais, daß er ein tüchtiger Mann werden müsse, wenn er nach Theresens Gunst streben wolle, war ihm nicht mehr in den Sinn gekommen; die Ermahnungen des Lords, die Versicherungen, die er ihm gegeben, waren vergessen.

Vierzehn Tage waren seitdem vergangen.

Don Lotario befand sich in Gesellschaft bei Donna Eugenia Larsgand, oder wie wir sie nennen wollen, bei Eugenie Danglars. Die Gesellschaft war klein, denn sie bestand nur aus fünf Personen, einem sehr alten und schweigsamen Herrn, der die Sängerin halb aus Liebe zur Kunst, halb aus Lust zum Reisen begleitete und ihr seine Protektion schenkte, aus Eugenie, ihrer Freundin Luise v. Armilly, Don Lotario und Lord Bilser.

Eugenie hatte an diesem Abend unter rasendem Beifall des Publikums die Donna Anna in Mozarts »Don Juan« gesungen – und zwar schöner als je. Sie sprach lebhaft über das englische Publikum, und es schien ihr in England sehr zu gefallen. Ihre dunklen Augen – eigentümliche Augen, die verzehrend leuchteten, ohne doch Wärme zu entsenden, wie die Leute behaupteten – strahlten in einem lebhaften Glanze und waren gewöhnlich auf Don Lotario gerichtet, der, wie immer, ruhig und aufmerksam zuhörte, und dessen Gesicht selten einen veränderten Ausdruck bot.

Von allen Männern, die Eugenie bisher gesehen und von denen sie Huldigungen und Schmeicheleien empfangen, hatte keiner einen solchen Eindruck auf sie gemacht wie dieser junge Spanier mit seinen traurigen Augen, mit dem ernsten, sinnenden Gesicht, über das zuweilen das Zucken eines tiefen Schmerzes fuhr. Und weshalb? Fürs erste war es ein Irrtum gewesen, Eugenie wirklich für kalt zu halten. Sie war es nicht. Wie hätte sie sonst die große Sängerin sein können! Sie war nur eine von jenen strengen, herben Naturen, die von jeder Schmeichelei, von jeder absichtlichen Huldigung unangenehm berührt werden und scheu zurückweichen. Sie war ja deshalb aus Paris, von ihren Eltern geflohen, weil sie nicht das Joch einer Ehe ertragen wollte, weil ihr der falsche Prinz Cavalcanti zuwider war – zuwider wie ihr wahrscheinlich jeder andere Mann gewesen wäre. Eugenie trug den Geist jener Ungebundenheit und Selbständigkeit in sich, die in dem Manne instinktiv den Herrscher, den Tyrannen sieht und sich ihm nicht beugen will. Sie war kalt, sehr kalt in ihrem Äußeren. Aber in ihrem Herzen war Raum genug für die heftigsten Leidenschaften.

Sie liebte Don Lotario mit einer verzehrenden Leidenschaft, die vielleicht nur deshalb weniger in die Augen fiel, weil man bei Künstlerinnen und Sängerinnen an eine leidenschaftlichere Sprache des Mundes und der Augen gewöhnt ist, Luise von Armilly und selbst Lord Bilser ahnten allerdings, was in ihrem Herzen vorging. Aber noch wußte sich Eugenie zu beherrschen, noch harrte sie mit fieberhafter Ungeduld auf irgendein Zeichen, daß ihre Liebe erwidert werde.

Dieses Zeichen war ausgeblieben und blieb aus, und so heftig brannte in Eugeniens Herzen die Flamme der Leidenschaft, daß sie in wenigen Tagen sogar ihr Äußeres verändert hatte, denn sie war blasser, unruhiger, nervöser geworden. Don Lotario bemerkte es nicht. Wie hätte er es auch bemerken sollen, er, der an nichts dachte als an Therese.

Das Gespräch nahm eine allgemeine Wendung, die jedoch noch im Bereiche der Kunst blieb, und Don Lotario, der verhältnismäßig wenig von der Bühne gesehen und sich nicht gar zu eifrig dafür interessierte, wurde immer zerstreuter und versank zuletzt in vollständige Träumerei. Gereizt und verletzt brach Eugenie mitten in ihrem Gespräche ab.

Mylord, sagte sie dann zu Lord Bilser, es tut mir leid, Sie verabschieden zu müssen. Aber ich möchte gern mit Don Lotario einige Worte allein sprechen in bezug auf meine Mutter!

Verzeihen Sie mir meine Anmaßung, Don Lotario, sagte Eugenie, als der Lord gegangen war. Aber Sie empfinden gewiß mit mir, wenn ich wünsche, aus Ihrem Munde noch einiges über meine Mutter zu erfahren. Sie waren ja ein Augenzeuge jener gräßlichen Tat! Ich wagte früher nicht, Sie darum zu bitten – aber jetzt, wo wir einander näher kennen – indessen, Luise, willst du nicht nachsehen, ob man mir die Notenhefte gebracht hat?

Luise verstand den Wink, auch der alte Herr, und beide gingen.

Jenes Ereignis berührt so traurige Saiten in meinen Familienerinnerungen, sagte Eugenie, als sie beide allein waren, daß mein Wunsch gerechtfertigt erscheinen muß, keinen andern zum Zuhörer unseres Gespräches zu machen. Ist es nicht entsetzlich, daß derselbe Mensch, der einst mein Gatte werden sollte, jetzt der Mörder meiner Mutter wurde?

Sie wissen noch nicht alles, sagte Don Lotario, und nun erzählte er der Sängerin mit der Schonung, die nötig war, in welchem Verhältnisse Benedetto Loupert zu der Baronin gestanden. Eugenie schauderte. Wie leicht wäre sie die Gattin eines Menschen geworden, der der Sohn ihrer Mutter war!

Es war inzwischen spät geworden. Die Kerzen waren herabgebrannt. Eine Dienerin hatte gemeldet, daß Luise schlafen gegangen sei.

Je mehr die Erzählung Einzelheiten berührte, desto unruhiger wurde Eugenie, und jeder andere hätte bemerken müssen, daß sie wünschte, von diesem Gegenstands abzubrechen und zu einem anderen überzugehen. Ihre Wangen hatten sich gerötet, ihre schönen Augen waren glänzender und lebhafter geworden. Zuweilen trat dann eine plötzliche Blässe an die Stelle der Röte, und ihre Hand zitterte, wenn sie diese zufällig erhob, um irgendeine Bewegung zu machen. Die Rollen waren hier vertauscht. Eugenie war der unruhigere, aufgeregte Liebhaber, der im Begriffe stand, seine Erklärung zu machen – Don Lotario der Ahnungslose, Unvorbereitete, der durchaus nicht wußte, was in dem Herzen der Sängerin vorging.

Nun, Don Lotario, sagte sie endlich, lassen Sie uns von diesem Drama abbrechen. Bei welcher Gelegenheit haben Sie meine Mutter kennengelernt?

Bei einer jungen Dame, antwortete Don Lotario, und das Blut wich ihm aus dem Gesicht. Madame Danglars war die einzige Freundin dieser Dame, die infolge des Todes Ihrer Mutter aus Paris abreiste.

Man hat mir gesagt, Sie seien nicht lange in Paris gewesen, fuhr Eugenie dann fort. Sie sind ein Mexikaner. Was hat Sie bewogen, ihr Vaterland zu verlassen?

Ein Unglück, Mademoiselle! antwortete der junge Mann mit einem trüben Lächeln. Meine Besitzung brannte ab, ich galt für einen ruinierten Mann, und meine Braut kündigte mir infolgedessen ihre Liebe auf. Ich ging nach Europa, um Mexiko zu vergessen.

Ah, die Schändliche! rief Eugenie, die jetzt den Grund der Melancholie ihres Freundes zu ahnen glaubte. Pfui, wie abscheulich! Als ob Sie nicht wert wären, Don Lotario, auch ohne Reichtum geliebt zu werden! Was für ein Mädchen muß das gewesen sein!

Sie war wie die meisten ihres Geschlechtes! sagte Don Lotario achselzuckend.

Wie die meisten, ja! Es mag so sein. Ich verstehe nichts davon. Ich begreife nicht, wie man an einem Manne das Geld lieben kann, während es doch nur die Persönlichkeit ist, die uns glücklich machen kann, auch in den einfachsten Verhältnissen. Und Sie, Don Lotario – verzeihen Sie meine Zudringlichkeit – aber ich begreife nicht, wie der Verlust eines solchen Mädchens Sie so tief hat schmerzen können und noch immer schmerzt. Die Enttäuschung, der Verrat mögen im Augenblick das Herz erschüttern. Aber später muß man doch einsehen, daß man einem unglücklichen Leben entgangen ist.

Sie haben wohl recht, aber es schmerzt doch immer!

Er ahnte jetzt, daß Eugenie seinen Trübsinn jener Liebe zu Donna Rosalba zuschrieb. Er wollte sie bei diesem Glauben lassen, da es unmöglich in seiner Absicht liegen konnte, der Sängerin sein Verhältnis zu Therese mitzuteilen.

Es schmerzt, ja! sagte Eugenie. Aber die gütige Natur hat ein Gegenmittel für diesen Schmerz geschaffen, indem sie die Empfänglichkeit für eine neue Liebe in das Herz der Jugend legte. Ich sollte meinen, Don Lotario, daß Sie jener einen Täuschung wegen noch nicht mit dem Leben und der Liebe abgeschlossen hätten. Ich müßte sonst an der männlichen Kraft Ihrer Seele zweifeln. Ich würde Sie für schwach halten.

Ah, sagte Don Lotario lächelnd, wie gut verstehen Sie über die Liebe zu philosophieren! Niemand würde das glauben, denn man sagt immer, daß Sie in diesem Punkte sehr kalt und unerfahren seien. Fast möchte ich das Gegenteil behaupten.

Unerfahren? Ja, das bin ich. Aber kalt – nein, gewiß nicht! rief Eugenie, und ihre Blicke richteten sich brennend auf den jungen Mann. Ich weiß gewiß, daß ich den Mann, den ich liebe, glücklich machen würde.

Ah! fügte Don Lotario mit einem Seufzer – denn er dachte unwillkürlich daran, wie namenlos glücklich ihn die Liebe Theresens machen würde – ja, es muß ein unendliches Glück sein, wahr und glühend geliebt zu werden. Selig der Mann, dem dieses Glück von Ihrer Seite zuteil wird! Aber Sie sprechen nur von Möglichkeiten, von Theorien, Mademoiselle. Wie können Sie wissen, wie Sie lieben werden, wenn Sie nicht lieben?

Und wer sagt Ihnen, daß ich nicht liebe? sagte Eugenie mit leuchtenden Augen.

Ah, sagte Don Lotario, der seltsamerweise nichts von diesen Blicken begriff, das ist etwas anderes, und dann muß ich Sie beinahe um Verzeihung bitten. Aber wie gut verstehen Sie es, Ihre Liebe vor der Welt zu verbergen. Niemand weiß etwas davon.

Und niemand kann etwas davon wissen, denn sie ist geheim und bis jetzt in meinem Herzen verborgen.

So teilen Sie also das Schicksal all der jungen Männer, die nach Ihrer Gunst streben! Sie lieben im geheimen und wagen es nicht zu sagen.

Wagen! rief Eugenie. Muß denn ein Weib sagen, daß es liebt? Ist es nicht Sache des Mannes, das erste Wort zu sprechen? Kann die Frau mehr tun als zeigen, daß sie liebt?

Und hat er, den Sie lieben, keine Ahnung von Ihrer Liebe? fragte Lotario.

Als der junge Mann von geheimer Liebe sprach, hatten sich die Wangen der Sängerin mit dunklem Purpur gefärbt. Jetzt wurden sie blaß, und diese plötzliche Blässe, dieses Zittern mußte selbst Don Lotario auffallen, so wenig er an eine solche Lösung des Rätsels dachte.

Eugenie selbst bemerkte, daß dem jungen Manne dieser schwache Augenblick nicht entgangen war, und alles vergessend, drückte sie beide Hände vor das Gesicht.

Mademoiselle! rief Don Lotario, der noch glaubte, daß er sich irre. Verzeihen Sie mir. Ich bin zu weit gegangen. Wie konnte ich auch danach fragen! Vielleicht lieben Sie unglücklich?

Unglücklich? sagte Eugenie langsam und tonlos. Unglücklich? Das ist möglich!

Verzeihung! Verzeihung! rief Don Lotario mit dem aufrichtigsten Bedauern. Ich habe mich vergessen!

Ja, ja, ich weiß jetzt, daß ich unglücklich liebe! rief Eugenie, und ihr Haupt sank nieder auf den Tisch, Gott, was habe ich getan! Was soll die Welt von mir glauben!

Der junge Mann stand in der peinlichsten Unruhe neben der Sängerin. Die Gewißheit, daß er es sei, den Eugenie liebte, ging ihm allmählich auf.

Mademoiselle, rief er, was soll ich Ihnen sagen? Lieben Sie jemand, den ich kenne? Darf ich Ihr Freund, Ihr Vertrauter sein! Vielleicht kann ich mit jenem Manne sprechen, vielleicht irren Sie sich, vielleicht erwidert er Ihre Neigung!

Nein, nein! rief Eugenie und erhob sich mit einer letzten Anstrengung ihrer Kraft. Verlassen Sie mich, Don Lotario, gehen Sie, es ist schon spät, schon zu spät!

Sie ging einige Schritte nach der nächsten Tür. Dann aber verließ sie ihre Kraft; sie schwankte, schien zu fallen – Don Lotario fing sie auf in seinen Armen.

O mein Gott, stehe mir bei! Gib mir Kraft, es zu ertragen! schluchzte Eugenie. Aber es ist schwer, es ist hart! Verschmäht um der Erinnerung an eine Donna Rosalba willen!

Don Lotario erbebte. Das Wort war ausgesprochen, fast bewußtlos, denn Eugenie wußte vielleicht nicht einmal, daß sie laut sprach. Er war es, den die Sängerin liebte!

Mademoiselle, sagte er, nachdem er die Sängerin auf einen Sessel hatte sinken lassen, ich bin zu stolz und zu aufrichtig, um Sie zu täuschen und Ihr Geständnis zu mißbrauchen. Aber glauben Sie nicht, daß es die Erinnerung an eine Donna Rosalba ist, die mich kalt macht gegen die Verdienste einer so ausgezeichneten Dame wie Sie. Auch ich will aufrichtig sein. Ich liebe eine andere, ich liebe jene Therese, die Freundin Ihrer Mutter!

Ah, eine andere! rief Eugenie, und ein neues Feuer, das Feuer der Eifersucht und Rache blitzte aus ihren Augen. Und sie lebt, wo ist sie? Sprechen Sie!

Sie lebt, ja, aber wo sie ist, weiß ich nicht! Ich glaube auch nicht, daß sie mich liebt. Aber ich liebe sie!

Er liebt sie! flüsterte Eugenie. Ach, es ist gut, es ist genug! Gehen Sie, Don Lotario, ich will Sie nie wiedersehen!

Der Spanier grüßte ehrerbietig und ging. Dem unten harrenden Bedienten gab er den Auftrag, mit dem Wagen nach dem Klub zu fahren. Er ging zu Fuß dahin.

Nie war die Stimmung des jungen Mannes düsterer und menschenfeindlicher gewesen. Nicht allein, daß er unglücklich war – er hatte noch ein anderes Herz unglücklich gemacht. Zwar ohne seine Schuld; aber er wußte doch, daß Eugenie unglücklich war. Und weshalb waren er und sie elend? Weshalb liebte Eugenie nicht einen anderen, einen Würdigeren, weshalb liebte er Therese? Dunkle, verworrene Fügungen des Schicksals! Wenn das Dasein auf der Erde eine Qual, ein Chaos von unglücklichen Verirrungen war – weshalb es dann fortsetzen? War es dann nicht besser, es so früh als möglich zu beenden?

Das ungefähr waren die Gedanken Don Lotarios, als er in den Saal der Gesellschaft der Selbstmörder trat, wo ihn Lord Bilser erwartete. Die Miene des jungen Mannes war so entsetzlich düster und finster, daß ihn alle verwundert anstarrten. Lord Bilser schien ihn fragen zu wollen, hielt aber doch zurück. Schweigend nahm Don Lotario in der Gesellschaft Platz, die eben noch so lärmend gewesen und die bei dem Anblick des jungen Mannes plötzlich verstummte, als ob der Schatten des Todes über sie hingeflogen sei.

Ich bitte den Herrn Präsidenten jetzt um meine endgültige Aufnahme in die Gesellschaft! sagte er dann. Ich bin nach reiflicher Überlegung zu diesem Entschlusse gekommen.

Es wurde nun für den folgenden Abend eine feierliche Sitzung anberaumt, in welcher Don Lotario förmlich in den Verein aufgenommen werden sollte.

Diese Sitzung fand auch statt. Dem jungen Manne wurden die Statuten vorgelesen, und er verpflichtete sich, nirgend anders freiwillig zu sterben, als in dem Vereinsgebäude, und falls er austreten wolle, auf sein Vermögen zu verzichten. Außerdem mußte er versprechen, daß nur ernste und gewichtige Gründe, z.B. eine Heirat aus Liebe, oder die Übernahme eines wichtigen Amtes, ihn zu diesem Austritt bestimmen dürften.

Darauf sagte ihm Lord Bilser, daß er ihn am folgenden Morgen mit Graf Ernonville besuchen würde, um sich über seine Vermögensverhältnisse zu unterrichten. Zugleich sagte er ihm, daß er frei über das Vermögen des Vereins verfügen könne und daß ihm auf jeden Fall ein jährliches Einkommen von zwanzigtausend Talern gesichert werde, das ungefähr seinen wirklichen Vermögensverhältnissen entsprach. Falls besondere Fälle ihn zu besonderen Ausgaben verpflichteten, so stände ihm die Kasse des Vereins zu Gebote. Auch war der baldige Eintritt von zwei anderen Engländern angezeigt, von denen jeder ein Privatvermögen von über einer Million besaß. Vollständig zufriedengestellt – daß heißt, sich im Grunde sehr wenig um alle diese Angelegenheiten kümmernd – verließ Don Lotario gegen fünf Uhr morgens das Vereinsgebäude – ein Jüngling, der mit dem Leben nichts mehr zu schaffen, für den diese Welt keinen Reiz mehr hatte.

Am Mittag des folgenden Tages hielt der Wagen des Lords vor der Tür Don Lotarios, und Lord Bilser, begleitet von Graf Ernonville, als Kassierer der Gesellschaft, stieg zu dem jungen Spanier hinauf.

Da es sich um Geschäftsangelegenheiten handelte, so war der Besuch beinahe förmlich zu nennen.

In diesem Augenblick bat der Diener um die Erlaubnis, einen Brief überreichen zu dürfen, der aus Paris eingetroffen sei, mit der Bezeichnung: Eilig!

Don Lotario bat seine Gäste um Entschuldigung und erbrach den Brief. Er war vom Abbé Laguidais, der ihm folgendes schrieb:

»Mein junger Freund!

Ich hoffe, daß Sie bemüht sind, den Unfall, der Sie in Paris betroffen, männlich zu ertragen. Wenigstens wünsche ich das. Graf Arnberg und Therese sind in Berlin eingetroffen und bitten mich, Sie zu grüßen. Außerdem sendet mir Lord Hope einen Brief für Sie, den ich Ihnen schleunigst zusenden soll. Er vermutet Sie noch in Paris. Behalten Sie mich in Ihrer Erinnerung und denken Sie an unsere letzte Unterredung!« –

Mit düsterer Miene – denn diese Worte riefen ihm sein ganzes Unglück ins Gedächtnis – erbrach Don Lotario den Brief des Lords. Während er ihn las, wurde er nur einmal ein wenig blaß, dann faßte er sich.

Ein seltsames Zusammentreffen! sagte er lächelnd. Hören Sie an, meine Herren. Der Wechsel ist jetzt null und nichtig. Lord Hope erklärt mich bankerott. Er schreibt mir:

»Mein werter Don Lotario!

Ich habe Ihnen eine traurige Mitteilung zu machen. Ein Etablissement in New York, bei welchem die größere Hälfte meines Vermögens angelegt war, hat falliert. Außerdem haben meine Einrichtungen hier weit größere Summen weggerafft, als ich glaubte, und ich werde mich vielleicht genötigt sehen, einiges von meinem Besitztum zu verkaufen. Sie werden es mir also verzeihen, wenn ich den Kauf zurückzunehmen versuche, den ich, ich gestehe es offen, damals nur abgeschlossen, weil Ihre Lage mein Mitleid erregte. Ich habe die betreffenden Bankiers angewiesen, keine weiteren Zahlungen auf den Wechsel zu leisten, da ich sie nicht decken kann. Es würde mir leid tun, wenn Sie dadurch in eine unangenehme Lage gerieten. Aber Ihre Stellung ist noch nicht ganz verzweifelt. Ich habe das Haus Rothschild in London angewiesen, Ihnen noch zehntausend Dollars auszuzahlen. Wollen sie diese und die bereits empfangenen zwanzigtausend Dollars, die jedenfalls sicher sind, als Kaufsumme für Ihre Hacienda annehmen, so soll es mir lieb sein. Im anderen Falle stelle ich Ihnen Ihr Besitztum ohne weitere Entschädigung wieder zur Disposition. Verzeihen Sie mir, daß es so gekommen, ich bin nicht schuld daran. Und wenn Sie einen Rat von mir annehmen wollen, so ist es der, sich nicht entmutigen zu lassen. Sie können mit dem Reste Ihres Vermögens, der Ihnen noch bleibt, Ihre Studien in London und namentlich in Berlin auf eine sehr anständige Weise beenden, und dann bietet Ihnen Ihr Vaterland andere Hilfsquellen genug. Ich war nicht so reich, als ich jung war, und das Schicksal wird Ihnen nicht so harte Schläge senden wie mir. Folgen Sie also meinem Rate und gehen Sie nach Berlin. Alles andere, was ich Ihnen sonst gesagt, bleibt beim alten, und wenn ich aus jenem Fallissement in New York noch mehr rette, so sollen auch Sie Ihr Teil daran haben. Verlieren Sie nur den Mut nicht!
Ihr Lord Hope.«

Das ist eine seltsame Geschichte! sagte Graf Ernonville und schüttelte den Kopf. Glauben Sie daran?

Warum nicht? Es ist nicht unmöglich! sagte Lord Bilser. Jeder Mensch kann Unglück haben, und die Anerbietungen des Lords sind im Grunde genommen noch gut genug. Wahrscheinlich hat er seine Kräfte überschätzt.

Es muß so sein, sagte Don Lotario. Ich für mein Teil halte den Lord für aufrichtig. Aber es schien mir beinahe, als könne ein Mensch solchen Reichtum nicht entfalten, ohne sich zu ruinieren. Jedenfalls ist es ein außerordentlicher Mann.

Darauf empfahlen sich die beiden Herren, Graf Ernonville nicht ohne eine gewisse Kälte, und Don Lotario blieb in einer höchst eigentümlichen Stimmung zurück.

Was war nun aus ihm geworden, seit er durch einen Mann, den man jetzt als Abenteurer und Betrüger bezeichnete, aus seinem Vaterlande entfernt worden? Er war unglücklich, er war arm. Er hatte keine Kenntnisse, um sich eine eigene Existenz zu schaffen, und er war in der Fremde – niemals war ihm der Gedanke näher gewesen, die Grundsätze des Vereins zu erfüllen, zu dem er jetzt gehörte, und sich das Leben zu nehmen, das ihm eine einzige große Wüste war.

Aber er hatte noch Zeit. Er schickte zuerst zu Rothschild, um seine noch übrigen Wechsel sich auszahlen zu lassen, und nach zwei Stunden befand er sich im Besitz von fünfzehntausend Dollars. Das war jetzt sein ganzes Vermögen. Wieviele Menschen wären mit dieser Summe glücklich gewesen. Für ihn hatte sie kaum mehr Wert als fünfzehntausend Pfennige.

Er schickte an den Lord und an Eugenie Danglars seine Abschiedskarten und reiste an dem Abend desselben Tages nach Berlin. –

Vierzehn Tage später verließ ein anderes Mitglied der Gesellschaft der Selbstmörder London, und zwar noch hastiger. Es war Graf Ernonville, und wahrscheinlich, um den Verein in gutem Andenken zu behalten, hatte er alles, was sich an Wertpapieren in der Kasse befand, – eine bedeutende Summe – mit sich genommen. Die Londoner Polizei war sehr betrübt über diese Abreise. Man hatte nämlich ziemlich sichere Anzeichen erlangt, daß Graf Ernonville kein anderer sei als Benedetto-Loupert.

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