Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Meyrink >

Der heiße Soldat und andere Geschichten

Gustav Meyrink: Der heiße Soldat und andere Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
authorGustav Meyrink
titleDer heiße Soldat und andere Geschichten
publisherAlbert Langen
yearo.J.
printrun16. bis 22. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20190124
projectid79fbeaf4
Schließen

Navigation:

»Ohrensausen«

Auf der Kleinseite steht ein altes Haus, in dem nur unzufriedene Leute wohnen. — Jeden, der es betritt, befällt ein quälendes Mißbehagen. — — Ein düsteres Ding, das bis an den Bauch in der Erde steckt. — — —

— — Im Keller liegt eine eiserne Platte: wer sie hebt, der sieht einen schwarzen, engen Schacht mit schlüpfrigen Wänden, die kalt hinunter in die Erde zeigen. — — — —

Viele schon hatten an einem Strick Fackeln hinabgelassen. — Tief in die Dunkelheit hinunter, und das Licht war immer schwächer und schwälender geworden, dann erlosch es, und die Leute sagten: Es ist keine Luft mehr. — —

So wußte keiner, wohin der Schacht führt. — —

Wer aber helle Augen hat, der sieht ohne Licht, — auch in der Finsternis, wenn die andern schlafen. — — —

— — Wenn die Menschen der Nacht erliegen und das Bewußtsein schwindet, so verläßt die Gierseele das Herzpendel — grünlich im Schimmer, mit lockern Formen und häßlich, denn es ist keine Liebe in den Herzen der Menschen. — —

— Sie sind ermattet vom Tagewerk, das sie Pflicht nennen, und suchen frische Kraft im Schlaf, um ihren Brüdern das Glück zu stören — um neuen Mord zu sinnen im nächsten Sonnenschein. —

Und schlafen und schnarchen. —

Dann huschen die Gierschatten durch die Fugen in Türen und Wänden ins Freie, — in die horchende Nacht, — und die schlafenden Tiere winseln und schrecken, wenn sie ihre Henker wittern. — —

Sie huschen und schleichen in das alte, düstere Haus, in den modrigen Keller zur eisernen Platte. — — Das Eisen wiegt nicht, wenn es die Hände der Seelen berühren. — — — — — — — Der Schacht weitet sich tief unten, — dort sammeln sich die Schemen. — —

Sie grüßen sich nicht und fragen nicht; — es ist nichts, was einer vom andern wissen wollte. — — — — —

Mitten im Raume dreht sich schwirrend in rasender Schnelle eine graue steinerne Scheibe. — — — Die hat der Böse gehärtet im Feuer des Hasses vor Jahrtausenden, lang ehe Prag erstand. — — —

An den sausenden Kanten schleifen dir Phantome die gierigen Krallen scharf, die sich der Tagmensch stumpf gekratzt. — — —

Die Funken stieben von den Onyxkrallen der Wollust, von den stählernen Hacken der Habgier. — — —

Alle, alle werden wieder messerscharf, denn der Böse braucht immer neue Wunden. — — —

Wenn der Mensch im Schlafe die Finger strecken will, muß sein Schemen in den Körper zurück, — die Krallen sollen krumm bleiben, daß sich die Hände nicht falten können zum Gebet.

— — — — — — — —

Der Schleifstein des Satans schwirrt weiter, — unablässig —

Tag und Nacht —

Bis die Zeit still steht und der Raum zerbricht.

— — — — — — — —

Wer die Ohren verstopft, der kann ihn sausen hören im Innern.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.