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Der heiße Soldat und andere Geschichten

Gustav Meyrink: Der heiße Soldat und andere Geschichten - Kapitel 2
Quellenangabe
authorGustav Meyrink
titleDer heiße Soldat und andere Geschichten
publisherAlbert Langen
yearo.J.
printrun16. bis 22. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der heiße Soldat

Es war keine Kleinigkeit für die Militärärzte gewesen, alle die verwundeten Fremdenlegionäre zu verbinden. — Die Annamiten hatten schlechte Gewehre, und die Flintenkugeln waren fast immer in den Leibern der armen Soldaten stecken geblieben. —

Die medizinische Wissenschaft hatte in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, das wußten selbst diejenigen, die nicht lesen und schreiben konnten, und sie unterwarfen sich, zumal ihnen nichts anderes übrig blieb, willig allen Operationen.

Zwar starben die meisten, aber immer erst nach der Operation, und auch dann nur, weil die Kugeln der Annamiten offenbar vor dem Schuß nicht aseptisch behandelt worden waren, oder auf ihrem Wege durch die Luft gesundheitsschädliche Bakterien mitgerissen hatten.

Die Berichte des Professors Mostschädel, der sich aus wissenschaftlichen Motiven und von der Regierung bestätigt, der Fremdenlegion angeschlossen hatte, ließen keinen Zweifel daran zu. —

Seinen energischen Anordnungen war es auch zu danken, daß die Soldaten, sowie die Eingeborenen im Dorfe nur noch im Flüstertone von den Wunderheilungen des frommen indischen Büßers Mukhopadaya sprachen.

— — — — — — — —

Als letzter Verwundeter wurde lange nach dem Scharmützel der Soldat Wenzel Zavadil, ein gebürtiger Böhme, von zwei annamitischen Weibern in das Lazarett getragen. Befragt, woher sie jetzt so spät noch kämen, erzählten sie, daß sie Zavadil wie tot vor der Hütte des Mukhopadaya liegend gefunden und sodann getrachtet hätten, ihn durch Einflößen einer opalisierenden Flüssigkeit — das einzige, was in der verlassenen Hütte zu finden gewesen war — wieder zum Leben zurückzubringen.

Der Arzt konnte keine Wunde finden und bekam auf sein Befragen von dem Patienten nur ein wildes Knurren zur Antwort, das er für die Laute eines slawischen Dialektes hielt.

Für alle Fälle verordnete er ein Klystier und ging in das Offizierszelt. — — —

Ärzte und Offiziere unterhielten sich ausgezeichnet; das kurze, aber blutige Scharmützel hatte Leben in das alte Einerlei gebracht.

Mostschädel hatte eben einige anerkennende Worte über Professor Charkot — um die anwesenden französischen Kollegen sein deutsches Übergewicht nicht allzu schmerzlich fühlen zu lassen — beendet, als die indische Pflegerin vom roten Kreuz am Zelteingang erschien und in gebrochenem Französisch meldete:

»Sergeant Henry Serpollet tot, Trompeter Wenzel Zavadil 41,2 Grad Fieber.«

»Intrigantes Volk, diese Slawen,« murmelte der Wache habende Arzt, »der Kerl hat Fieber und doch keine Verwundung!«

Die Wärterin erhielt die Weisung, dem Soldaten, natürlich dem lebendigen, drei Gramm Chinin in den Schlund zu stopfen, und entfernte sich. — — —

Professor Mostschädel hatte die letzten Worte aufgefangen und machte sie zum Ausgangspunkte einer längeren gelehrten Rede, in der er die Wissenschaft Triumphe feiern ließ, die es verstanden hatte, das gute Chinin in den Händen von Laien zu entdecken, die in der Natur, der blinden Henne gleich, auf dieses Heilmittel gestoßen waren. —

Er war von diesem Thema auf die spastische Spinalparalyse übergegangen, und die Augen seiner Zuhörer begannen bereits gläsern zu werden, als wiederum die Wärterin mit der Meldung erschien:

»Trompeter Wenzel Zavadil 49 Grad Fieber; bitte um ein längeres Thermometer.« — — —

»Also demnach schon längst tot,« meinte lächelnd der Professor.

Der Stabsarzt stand langsam auf und näherte sich mit drohender Miene der Wärterin, die einen Schritt zurückwich. — »Sie sehen, meine Herren,« erklärte er daraufhin den übrigen Ärzten, »das Weib ist ebenfalls hysterisch, wie der Soldat Zavadil; — — — Duplizität der Fälle!« — — —

Hierauf legten sich alle zur Ruhe. —

— — — — — — — —

»Der Herr Stabsarzt läßt dringend bitten,« schnarrte der Meldereiter den noch sehr verschlafenen Gelehrten an, als kaum die ersten Sonnenstrahlen den Saum der nahen Hügel färbten.

Alles blickte erwartungsvoll auf den Professor, der sich an das Bett Zavadils begab.

»54 Grad Réaumur Blutwärme, unglaublich,« stöhnte der Stabsarzt.

Mostschädel lächelte ungläubig, zog aber entsetzt seine Hand zurück, als er sich an der Stirne des Kranken tatsächlich verbrannte.

»Nehmen Sie die Vorgeschichte der Krankheit auf,« sagte er zögernd nach längerem peinlichen Schweigen zum Stabsarzt.

»Nehmen Sie doch die Vorgeschichte der Krankheit auf und stehen Sie nicht so unentschlossen herum!« schrie der Stabsarzt den jüngsten der Ärzte an.

»Bhagavan Sri Mukhopadaya wüßte vielleicht ...« wagte die indische Wärterin zu beginnen.

»Reden Sie, wenn Sie gefragt werden,« unterbrach sie der Stabsarzt. —

»Immer der alte verdammte Aberglauben,« fuhr er, zu Mostschädel gewendet, fort.

»Der Laie denkt immer an das Nebensächliche,« begütigte der Professor. — »Senden Sie mir nur den Bericht, ich habe jetzt dringend zu tun.«

— — — — — — — —

»Nun, junger Freund, was haben Sie eruiert?« fragte der Gelehrte den Subalternarzt, hinter dem sich eine Menge Offiziere und Ärzte wißbegierig in das Zimmer drängten.

»Die Temperatur ist inzwischen auf 80 Grad gestiegen ...«

Der Professor machte eine ungeduldige abwehrende Bewegung: »Nun?«

»Patient machte vor zehn Jahren einen Typhus durch, vor zwölf Jahren eine leichte Diphtheritis; Vater an Schädelbruch gestorben, Mutter an Gehirnerschütterung; Großvater an Schädelbruch, Großmutter an Gehirnerschütterung! — Der Patient und seine Familie stammen nämlich aus Böhmen,« fügte der Subalternarzt erklärend hinzu. »Befund, Temperatur ausgenommen, normal, — Abdominalfunktionen sämtlich träge, Verwundung, außer leichten Kontusionen am Hinterkopf, nicht auffindbar. — Patient soll angeblich in der Hütte des Fakirs Mukhopadaya mit einer opalisierenden Flüssigkeit ...«

»Zur Sache, nicht in das Unwesentliche abschweifen, junger Freund,« ermahnte gütig der Professor und fuhr, seinen Gästen mit einer einladenden Handbewegung die umstehenden Bambuskoffer und Stühle als Sitze anbietend, fort:

»Es handelt sich hier, meine Herren, wie ich schon heute früh auf den ersten Blick erkannte, Ihnen aber nur andeutete, damit Sie selber Gelegenheit fänden, den richtigen Weg zur Diagnose einzuschlagen, um einen nicht allzuhäufigen Fall von spontaner Temperaturerhöhung infolge einer Verletzung des Thermalzentrums,« — mit einer leicht geringschätzigen Miene zu den Offizieren und Laien: »des Zentrums im Gehirn, welches die Temperaturschwankungen des Körpers vermittelt — auf Basis erblicher und acquirierter Belastung. —

Wenn wir ferner die Schädelbildung des Subjektes — — —«

Hornsignale der Ortsfeuerwehr, die aus einigen invaliden Soldaten und chinesischen Kulis bestand, drangen Schrecken verkündend vom Missionargebäude herüber und ließen den Redner verstummen. —

Alle stürzten ins Freie, der anwesende Oberst voran.

Vom Lazaretthügel herab zum See der Göttin Parvati raste, einer lebenden Fackel gleich, gefolgt von einer schreienden und gestikulierenden Menge, der Trompeter Wenzel Zavadil in brennende Fetzen gehüllt.

Knapp vor dem Missionshause empfing ihn die chinesische Feuerwehr mit einem armdicken Wasserstrahl, der den Armen zwar zu Boden warf, sich aber fast gleichzeitig in eine Dampfwolke verwandelte. — — — Die Hitze des Trompeters hatte sich im Lazarett zuletzt derart gesteigert, daß die neben ihm stehenden Gegenstände zu verkohlen angefangen hatten, und schließlich die Wärter gezwungen waren, Zavadil mit Eisenstangen aus dem Hause zu scheuchen; die Fußböden und Treppen wiesen seine eingebrannten Fußtapfen, als ob der Teufel dort spazieren gegangen wäre. —

Jetzt lag Zavadil nackt, — die letzten Fetzen hatte der Wasserstrahl fortgerissen — auf dem Vorhofe des Missionsgebäudes, dampfte wie ein Bügeleisen und schämte sich seiner Blöße. — — —

Ein findiger Jesuitenpater warf ihm einen alten Asbestanzug, der einmal einem Lavaarbeiter gehört hatte, vom Balkon zu, in den sich Zavadil unter Dankesworten hüllte.

— — — — — — — —

»Wie, um Gottes willen, soll man sich aber erklären, daß der Kerl nicht selbst gänzlich zu Asche verbrennt?« fragte der Oberst den Professor Mostschädel. —

»Ich bewunderte stets Ihre strategischen Talente, Herr Oberst,« entgegnete dieser indigniert, »aber was die medizinische Wissenschaft anbetrifft, so müssen Sie sie schon uns Ärzten überlassen. — Wir müssen uns an die gegebenen Tatsachen halten, und diese aus den Augen zu lassen, liegt für uns keinerlei Indikation vor!« —

Die Ärzte freuten sich der klaren Diagnose, und abends traf man immer wieder im Zelte des Kapitäns zusammen, wo es dann stets lustig herging.

Von Wenzel Zavadil sprachen nur noch die Annamiten; — zuweilen sah man ihn am andern Ufer des Sees beim Steintempel der Göttin Parvati sitzen, und die Knöpfe seines Asbestanzuges erstrahlten in Rotglut. — —

Die Priester des Tempels sollten ihr Geflügel an ihm braten, hieß es, andere sagten wiederum, er sei bereits im Abkühlen begriffen, und gedenke, schon mit 50 Grad in seine Heimat zurückzukehren.

— — — — — — — —

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