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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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8

Die Abteilung N des Auswärtigen Amtes stellte trotz ihrer Wichtigkeit nur einen sehr kleinen Teil des umfangreichen Apparates dar. Die Stellung Deutschlands nach dem Kriege war derart, daß man mehr Spionageabwehr, sogenannte Konterspionage treiben mußte, als selbst Agenten zur Erforschung wichtiger Geheimnisse im Auslande zu unterhalten. Da das militärische Moment, nicht nur in der offiziellen, sondern auch in der tatsächlichen Politik erheblich gegen das wirtschaftliche zurückgetreten war, lag den Leitern der deutschen Politik vor allem daran, wirtschaftliche und technische Besonderheiten, die man vor anderen Staaten voraus hatte, als Druckmittel zu bewahren und nicht gefährden zu lassen.

Man sah – ob mit Recht oder nicht, war gleichgültig – Deutschland als eine der Vorbereitungsbasen an und richtete sich danach. Die deutsche Industrie, in Europa neben England am höchsten entwickelt, in vielem Britannien überlegen, wurde von allen Seiten beschnüffelt. Deutschland wehrte sich, was keiner der Konkurrenten übelnahm, wenn auch dabei ihre Leute erledigt wurden. – Die Fäden dieser Gegenwehr aber liefen im Referat N zusammen, und ein einfacher Ministerialrat, Dr. Dongen, hielt sie in der Hand.

Dr. Mersheim kannte Dongen seit seiner Studentenzeit. Sie hörten damals zusammen ein Kolleg über angewandte Psychologie – Dongen studierte Jura und wollte die Richterlaufbahn einschlagen, während Mersheim von einer philosophischen Professur träumte. Beider Ziele hatten sich dann verändert; aber eine unklare Zuneigung zueinander und das Gefühl, sich gegenseitig unterstützen zu können, hatte ihre Bekanntschaft vor der Auflösung bewahrt.

Dr. Mersheim war es gewohnt, Dongen Einzelheiten aus den Berichten seiner Korrespondenten mitzuteilen, wenn er glaubte, daß er dem Freunde in dessen Ressort damit dienen könne. Dongen wiederum gab dem Chefredakteur oftmals Winke, über Vorgänge Erkundigungen einziehen zu lassen, die man am unverdächtigsten auf dem Wege über die offiziellen Pressevertreter bekam.

Die Politik im Amt selbst war in der letzten Zeit etwas zwiespältig geworden. Der englische Einfluß, seit 1920 unverändert stark, traf in einigen Punkten auf hartnäckigen Widerstand. Man war nicht mehr so geneigt wie in den ersten Nachkriegsjahren, sich England ganz zu verschreiben. Die Amerikaner hatten geschickte Verträge mit der Industrie in Deutschland gemacht: geheimnisvolle Transaktionen und Überschreibungen erfolgten, um viele deutschen Anlagen jedem Zugriff zu entziehen und sie gewissermaßen zu neutralisieren. Eine Zeitlang hatte man mit Moskau geliebäugelt, später biederte man sich mit Frankreich an – die Taktik war unsicher und wechselnd unter jeder der zahlreichen Regierungen.

Dongen gehörte zu der letzthin erstarkten Gruppe im Auswärtigen Amt, die auf dem Boden einer Do-ut-des-Politik, einer Taktik des Gegeneinanderausspielens, die Souveränität und Handlungsfreiheit Deutschlands erhalten und vergrößern wollte. Er war es, der Mersheims Vorschlag, einen Sonderberichterstatter nach London zu senden, um die Konspirationen der chemischen Industrie mit dem englischen Bergbau zu entschleiern, unterstützt hatte. Als ihm sein Freund nun den Bericht Fräulein Raleighs und die Bilder brachte, glaubte er Mersheim zu seiner Redakteurin beglückwünschen zu können. Er selbst hatte im Archiv eine schlechte Aufnahme des jüngeren Patterson.

Da Esther Raleigh über die Herkunft der Fotos nichts geschrieben hatte, hielt er es für überflüssig, in Mersheims Gegenwart Vermutungen darüber zu äußern. Es war Dongen klar, daß sie mit Leuten in Verbindung gekommen sein mußte, die nicht unerfahren in der Beobachtung waren, er rechnete darauf, in den späteren Berichten, die Mersheim ihm zeigen würde, Anhaltspunkte dafür zu finden, um welche Kreise es sich handelte.

Auf seine Frage, ob die Dame sich wohl entschließen würde, direkt in den Dienst der Abteilung N zu treten, hielt Mersheim sich für verpflichtet, in Esthers Namen abzulehnen, jedenfalls sei es ganz ausgeschlossen, daß etwa durch ihn eine Zusammenkunft oder dergleichen verabredet werden könnte. Dongen lächelte den aufgeregten Freund an und versprach, alle ihm richtig erscheinenden Schritte selbst und ohne Hilfe vorzunehmen.

Er hatte, nach Mersheims Fortgehen, ziemlich bekümmert die Liste seiner Leute in England gemustert, er konnte nicht wagen, jemand auf Esthers Spur zu setzen, um ihren Umgang zu ermitteln. Der Verdacht, den er hatte und der in einer ganz bestimmten Richtung ging, sollte ihm dazu dienen, nötigenfalls auf Fräulein Raleigh nach ihrer Rückkehr einen Druck auszuüben. Er wußte, daß Mersheim, selbst wenn er ihm seine Vermutung hätte bestätigen können, dazu schwerlich bereit gewesen wäre; er kannte die oft merkwürdige Empfindlichkeit seines Freundes, sobald es sich um Informationen handelte, die nach dessen Meinung persönliche Angelegenheiten waren.

So blieb nichts übrig, als weitere Berichte abzuwarten und Schlüsse zu ziehen. Er hatte sich bei Mersheim revanchiert, indem er ihm einen seiner Gruppe unbequemen Arbeiterführer durch Indiskretionen über seine Beziehungen zum Innenministerium auslieferte; woraufhin der Chefredakteur mit der glücklichen Gewißheit gegangen war, eine große Korruptionsaffäre aufdecken zu können, in der er seine Unbestechlichkeit und Objektivität auch befreundeten Parteien gegenüber unter Beweis stellen konnte.

Dongen ließ die Bilder sofort fotografieren, um sie an die Grenzkontrollen und eine Reihe anderer Agenten im Inland verteilen zu lassen.

 

Georg Herdemerten war schon seit fast einem halben Jahr mit Tsun Kayi, einem japanischen Studenten, bekannt. Der Japaner, mit deutschen Dingen unerfahren, hatte den Anschluß gesucht, und Herdemerten freute sich, ihm dienen zu können. Tsun Kayi sah älter aus, als er offenbar sein konnte; es dauerte längere Zeit, bis er seine Undurchdringlichkeit vor Georg ablegte und ihm anvertraute, daß ihn die Chirurgie doch nicht so befriedige, wie er zuerst angenommen hatte. Aber er sei zu feige – ja – er lächelte das fremde kalte Lächeln der Japaner –, um allein umzusatteln. Er habe Georg in den vergangenen Monaten sehr schätzen gelernt und möchte ihm einen Vorschlag machen.

Und dann hatte der Japaner den Plan entwickelt, sich mit Bakteriologie zu beschäftigen. Er sei glücklicherweise in der Lage, alle notwendigen technischen Hilfsmittel beschaffen zu können. Man wolle zuerst in Berlin bleiben, danach aber verschiedene Universitäten aufsuchen, um die Studien fortzusetzen. Besonders die Seuchenbekämpfung, Epi- und Endemien, ihre Ursachen, die Erforschung noch unbekannter Phänomene – alles das interessiere ihn außerordentlich, und er biete Georg an, mit ihm den Doktor und das Staatsexamen zu machen.

Georg zögerte, er hatte sich schon ein Bild seiner Zukunft gemacht, das nun jählings zu zerfallen drohte. Aber da spielte der Japaner den stärksten Trumpf aus. Er könne Georg garantieren, daß er eine feste und sehr hoch bezahlte Stellung als Bakteriologe in Japan erhalten würde, sobald die Studien abgeschlossen seien. Was das für Georg bedeute, brauche er nicht zu sagen. Eine Staatsanstellung in Japan öffne ihm späterhin alle Universitäten und wissenschaftlichen Institute in Deutschland.

Tsun Kayi wendete einen ungewöhnlichen Eifer an, um Herdemerten zu überreden. Georg schwankte noch einige Tage, gab aber dann, nach der nochmaligen Zusicherung des Japaners, für alles Weitere zu sorgen, nach und war entschlossen, Bakteriologe zu werden. Seine Eltern waren leicht zu überzeugen, daß er auf diese Weise bessere Aussichten habe, und Tsun Kayi zeigte sich so erfreut, daß ihn seine asiatische Ruhe ganz verließ.

Georg Herdemerten hatte auf seine Bitte hin niemandem etwas über die näheren Umstände, unter denen er sich zu dem neuen Studium entschlossen hatte, mitgeteilt. Der Brief an Esther war ihm sehr schwergefallen, er hatte ihr noch nie etwas verheimlicht, seit sie befreundet waren. Esthers Antwort setzte ihn noch mehr in Verlegenheit. Sie schrieb ihm, daß sein Brief eine Enttäuschung gewesen sei; sie könne beanspruchen, daß er das Vertrauen zu ihr habe, Dinge, die ihn so stark beschäftigten, ihr zu sagen. Sie erwarte, daß er im nächsten Brief ausführlich schreiben werde, was ihn zu seiner Sinnesänderung veranlaßt habe. Er las den Brief mehrmals durch und war entschlossen, trotz Tsuns Bitte Esther alles zu erzählen.

Er hatte am Vormittag Hans Raleigh, Esthers Bruder, gesehen, und war über das Aussehen des Referendars erschrocken gewesen. Sie kannten einander durch Esther flüchtig; Hans hatte sich bei den drei oder vier Begegnungen hochmütig und abweisend benommen, so daß Georg keinen Grund sah, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Der andere, der immer Wert auf korrekte Kleidung und straffe Haltung gelegt hatte, war an den Häusern entlang geschlichen, als wage er nicht, den Bürgersteig frei zu benutzen. Er sah vernachlässigt aus; soweit Georg sein Gesicht sehen konnte, erschien es wie verfallen und schlaff. Da Hans Raleigh ihn nicht bemerkte, ging Georg weiter, ohne den Bruder seiner Freundin anzusprechen; aber er beschloß, Esther von dieser Begegnung zu schreiben.

 

Je näher der Abend rückte, um so unruhiger wurde Esther. Die vergangenen zwei Tage waren wie im Fluge entschwunden. Sie war kaum dazu gekommen, sich um etwas anderes als um das Fertigwerden ihres Kleides zu kümmern, und mußte stundenlang bei der Schneiderin sitzen. Die schöne Ray Jeffers hatte sie nur einmal kurz gesehen – sie hatte den Eindruck, daß der mißglückte Besuch bei Zagainoff ihre Laune wesentlich verschlechtert hatte. Ray war in Eile, behauptete, Esther vernachlässige sie, und erklärte im gleichen Atem, sie habe alle Hände voll mit Reisevorbereitungen zu tun; sie führen in wenigen Tagen nach dem Kontinent. Esther hatte nach dem Davonrauschen von Frau Jeffers aufgeatmet. Auch Jury war zu besetzt, als daß man sich mehr als minutenlang sprechen konnte.

Sie fühlte sich in die Zeit ihrer ersten Bälle zurückversetzt; wie heute war es ihr auch damals unmöglich gewesen, in der Gespanntheit vor den Ereignissen einen Bissen zu essen. Es war ein Glück, daß sich weder Selfride noch Hardley in diesen Tagen zeigten; sie wäre nicht imstande gewesen, neue Informationen zu verarbeiten oder Mahnungen anzuhören. Am Tage nach dem Besuch von Frau Jeffers bei Zagainoff hatte sie Hardley nur bitten können, ihr Ray vom Halse zu halten; er hatte versprochen, sein Bestes zu tun, konnte ihr aber nicht viel Hoffnung machen, da man bei den Jeffers jeden Verdacht der Zusammengehörigkeit vermeiden müsse.

Hierauf schob Esther übrigens die Tatsache, daß sich United Service im Hotel selbst unsichtbar machte. – Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, daß jeden Augenblick Dr. Linden mit dem Auto der Redaktion, in dem sie besser als mit einem Mietswagen zum Herford Palace fuhr, sich melden müsse. Sie ging, unfähig, ruhig im Zimmer zu bleiben, hinab in die Halle und nahm zerstreut einige illustrierte Zeitungen zur Hand.

Ab und zu klang beim Öffnen der Türen zu den Nebenräumen Musik herein, durch die schrägspiegelnden Scheiben der Drehtür sah sie auf die Straße, die sich bei jeder Bewegung der Türe hin und her schwang. Esther trug das rechtzeitig fertiggewordene Abendkleid, ein modernes Stilkleid, das ihre hohe Figur noch schlanker erscheinen ließ. Ein weites Cape aus bordeauxrotem Panne, das mit demselben altgoldenen Brokat gefüttert war, aus dem ihr Kleid bestand, fiel in schweren und doch weichen Falten um sie.

Esther hatte mit einer Befriedigung, die sie sich selbst nicht eingestehen wollte, die bewundernden Blicke der Hotelgäste bemerkt, die sie beim Eintritt in die Halle gesehen hatten. Insgeheim hoffte sie, daß Jury vorbeikommen würde; aber es schien, als solle sie vergebens warten. Sie wippte vor Nervosität leicht mit der Fußspitze und sah immer häufiger zur Tür.

Da fuhr draußen der große graue Wagen, von dem Linden ihr erzählt hatte, vor; er stieg aus und kam schnell durch die Drehtür auf sie zu. Er war im Frack, und sein langer Frackmantel wehte hinter ihm her, als er hastig und linkisch wie immer durch die Halle auf sie zu eilte. Eine Minute später saß sie, etwas frierend, in den Samtpolstern des Autos, und der Wagen glitt durch die belebten Straßen seinem Ziele zu.

 

Herford Palace, das in einer Seitenstraße der westlichen City lag, strömte eine Flut von Licht auf die dunkle Straße. Das breite, nicht sehr hohe Portal war weit geöffnet, die Einfahrt wurde von Automobilen und einigen Kutschen verstopft. Unaufhörlich, aber langsam schob sich die Schlange der wartenden Wagen vorwärts, um vor dem Eingang zu halten. Es dauerte, nachdem ihr Auto sich angeschlossen hatte, länger als fünf Minuten, bis sie endlich angelangt waren. Der Wagenschlag wurde von einem herzoglichen Diener geöffnet, ein zweiter half Dr. Linden aussteigen. Dann reichte Esther ihrem Begleiter den Arm, und sie schritten über einen dicken dunkelblauen Läufer in das Haus.

Die Herzogin hatte mehrere große Räume als Garderoben herrichten lassen, so daß Esther sich in Ruhe noch etwas zurechtmachen konnte. Überall war Dienstpersonal, sie konnte keine Hand rühren, ohne daß jemand plötzlich da war und ihr jede Mühe abnahm. Mehrere Friseusen warteten darauf, daß sich die ankommenden Damen noch einmal auf den Sitz ihrer Frisuren prüfen ließen.

Das ganze Aufgebot war für Esther verwirrend, sie empfand diese Verschwendung von dienenden Menschen als snobbistisch, obgleich sie sich sagen mußte, daß Überfluss noch kein Snobbismus zu sein brauche. Die Erregung, in der sie sich befand, machte jede künstliche Nachhilfe an ihrem Gesicht unnötig, ihre Wangen waren heiß und zart rosig, und die Augen strahlten mit einem tiefen, warmen Glanz.

Als sie aus den Garderoberäumen in einen Saal trat, in dem sich die beim Ablegen getrennten Paare wieder zusammenfanden, sah sie Dr. Linden schon, der sich aufgeregt die Hände rieb. Der Haushofmeister ging zu den verschiedenen Besuchern und bat um die Namen, die er nacheinander notierte. Dann wurden die Gäste ersucht, einzutreten, nachdem sie angesagt worden waren.

Diese Feierlichkeit, das ganze Gepränge, das eigentlich nicht mehr in die Zeit des Radio und der zermalmenden Technik paßte, gab Esther nach ihrer anfänglichen leichten Verwirrung die Ruhe zurück. Sie amüsierte sich über Dr. Linden, der nun viel zappliger wurde als sie vorher – und als ihr Name aufgerufen wurde, ging sie mit freien und unbefangenen Schritten durch die ihr gewiesene Tür.

Ein überraschender und wirklich großartiger Anblick erwartete sie. Bei ihrer Visite vor einigen Tagen hatte sie nur wenige kleinere Räume des Schlosses kennengelernt – jetzt stand sie im ersten der Festsäle, im ersten von sechs hallenartigen Gemächern, die wie eine wundervolle visionäre Dekoration vor ihr aufgebaut zu sein schienen. Jeder der Säle hatte einen Grundton, eine bestimmende Farbe, auf die sich die ganze Ausschmückung und Einrichtung stützte. Alle diese Farben – Esther unterschied im ersten Hinschauen rot, grün, grau und blau – waren gedämpft und doch von einer satten Leuchtkraft, die nur dadurch überwunden wurde, daß die Toiletten der Damen unerhört luxuriös und oft auffallend starkfarbig waren. Esther freute sich, daß ihr goldenes Kleid in alle Räume paßte.

Die Herzogin und der Herzog von Rochester standen nebeneinander an der Schmalwand des ersten Raumes, der matt elfenbeinfarben bespannt war, unter einem alten Brokatbaldachin. Vor ihnen defilierten die Gäste mit einer zeremoniösen Zierlichkeit, die ebenso undemokratisch wirkte, wie das alltägliche Verhalten aller Eingeladenen sicher durchaus bürgerlich war.

Esther und Dr. Linden machten keine Ausnahme. Die Herzogin begrüßte Fräulein Raleigh freundlich und stellte sie ihrem Gatten vor. Eric, Herzog von Rochester, sah Esther an, die ihm ihre Hand reichte. Er griff, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu wenden, nach Esthers Hand, griff zuerst daneben, lächelte einen Augenblick halb verlegen und faßte dann ihre Rechte mit einem festen Druck. Er war ein Mann von mehr als Mittelmaß, schwer, ohne plump zu wirken; mit einem überzüchtet schmalen Kopf und großen, graublauen Augen. Sein ganzes Wesen strömte Selbstbewußtsein und eine Art von männlicher Furchtlosigkeit aus, die auf Frauen stark zu wirken pflegt.

Esther lächelte ihn an und fühlte, weitergehend, daß er ihr einen schnellen, kurzen Blick nachwarf. Sie hörte nur zur Hälfte, was Dr. Linden ihr von dem Herzog erzählte, den er bereits einmal zu begrüßen die Ehre gehabt habe. Sie gewann erst im dritten Saal, der rosenholzfarben getäfelt war, ihre volle Sicherheit wieder und bat Dr. Linden, sie auf prominente Gäste aufmerksam zu machen.

Während sie langsam durch die Räume schritten, hatte Esther Gelegenheit, einen Teil der englischen Gesellschaft zu bewundern; freilich nur einen Teil, da viele der hierher Passenden jetzt am Mittelmeer, in Ägypten oder Indien waren und erst zu Beginn des europäischen Sommers wieder in London auftauchen würden. Linden machte sie auf eine Reihe von Parlamentariern aufmerksam, unter denen sie den Führer der konservativen, Cornhill und einen der bekanntesten Arbeiterführer, den internationalen Sekretär der Miner Federation, Larker, sah.

Sie fragte Linden, ob er Larker kenne – aber ihr Begleiter wies schon auf einen andern Stern dieses Himmels, Lady Bunder, eine nicht mehr junge Dame, die Fräulein Raleigh unbedingt kennenlernen müsse. Esther fragte, weshalb er das für so wichtig halte. Aber Linden steuerte schon zu der Dame hin, flüsterte Esther nur zu: »Kennt alle, beste Beziehungen –« und stellte seine Kollegin vor.

Lady Bunder, die eine sehr jugendliche lachsfarbene Robe trug, war zuerst von einer kühlen Höflichkeit; aber die offene Art Esthers und ihr Bekenntnis, es seien so wenig jüngere Damen hier, die sie um eine Einführung bitten könne, gewannen ihr schnell die Sympathien ihrer neuen Bekannten. Zudem war Lady Bunder berühmt und gefürchtet, Informationen über die Gesellschaft zu geben – und hier bot sich ihr eine Gelegenheit, die sie nicht vorübergehen lassen konnte.

Sie verabschiedete Dr. Linden mit einem gnädigen Kopfnicken und nahm Esther an ihre Seite, um sie über die hier versammelte Gesellschaft aufzuklären.

Zuerst allerdings fragte sie Fräulein Raleigh mit einer von viel Übung zeugenden Sicherheit aus. Esther bewunderte die Freimütigkeit – Unverfrorenheit schien ihr das richtigere Wort dafür zu sein –, mit der Lady Alicia Bunder, die Witwe des Obersten Alfred Bunder, sie inquirierte. Ihre Antworten schienen der würdigen Dame zu genügen, denn als sie das große kalte Büfett, das im vierten Saal aufgestellt war, passiert hatten, begannen die Informationen ihrer Führerin.

Schon nach den ersten Mitteilungen konnte Esther feststellen, daß die Struktur dieser Gesellschaft doch wesentlich anders war, als es zunächst den Anschein hatte. Der alte Adel des Landes war zwar reichlich vertreten; aber er blieb doch in der Minderzahl gegenüber den Größen des Geldes und denen des öffentlichen Lebens. Von ausländischen Gästen machte Lady Bunder sie auf eine Reihe indischer Vasallenfürsten und Nabobs aufmerksam, die fast ausnahmslos bis auf den Turban, der durch ihre Religionsvorschriften bedingt war, modern europäisch gekleidet gingen und mit überreich beringten Händen kokettierten.

Europa selbst war nicht sehr reich vertreten. Einige französische Herren von der Botschaft mit ihren Damen, ein paar Reisende aus den westlichen Staaten, die drei deutschen Industriellen und mehrere Polen, die in eifrigem Gespräch mit einem halben Dutzend russischer Emigranten standen, vervollständigten das Bild. Der Gesamtcharakter des Festes aber war durchaus englisch, und es war für Esther interessant, zu sehen, wie in diesem Lande eine traditionelle gesellschaftliche Kultur Unterschiede verwischte, die an anderem Ort und zu anderer Zeit zu den heftigsten Kämpfen führten.

Sie machte Lady Bunder gegenüber aus dieser Beobachtung keinen Hehl; besonders die Tatsache, daß auch Arbeiterführer wie Larker –

»Ah, meine Liebe, wenn Sie eine Ahnung hätten, was dieser Herr Larker ist –!«

Esther sah ihre Begleiterin erwartungsvoll und mit betonter Gespanntheit auf die bevorstehenden Eröffnungen an. Lady Bunder holte tief Luft, faßte den linken Unterarm Esthers und zog sie durch den sechsten Saal hindurch in einen kleineren Nebenraum, wo man sich bequem auf Ottomanen niederlassen konnte.

»Dieser Mister Larker – Sie wissen doch, er ist der internationale Sekretär der Bergarbeiter! – Er war auch schon Zivillord der Admiralität, auch schon Parlamentsmitglied – alles hat Herr Larker schon gemacht. Dabei stammt er aus der einfachsten Familie, die man sich vorstellen kann. Er war selbst Bergarbeiter, und als es beim Sturz der sozialistischen Regierung mit seiner Marineherrlichkeit zu Ende war, ist er demonstrativ wieder als Bergarbeiter aufgetreten –. Er hat seine Freunde gut in der Hand –. Er ist der geschickteste Poseur –. Sehen Sie nur seine Hände an – sind das die Hände eines Arbeiters? Man sagt« – Lady Bunder beugte sich dicht an Esthers Ohr – »er habe, als der Zylinder hier als offizielle Kopfbedeckung auszusterben drohte, ihn wieder eingeführt, Larker, der sozialdemokratische Bergarbeiterführer.«

Esther war über diesen Ausbruch ihrer Führerin einigermaßen erstaunt. Sie hatte verschiedene Geschichten von Larker gehört – Burg war auf ihn nicht gut zu sprechen und nannte ihn den Verräter der großen sozialen Kämpfe nach Kriegsende –, aber Lady Bunder schien ihn gleichzeitig zu hassen und zu bewundern. Daß Larker eine sehr merkwürdige Rolle spielte, schien sicher; die Frage war nur, ob er weit genug in die neuen Pläne der Montanindustrie eingeweiht war –

Da riß Lady Bunder sie aus ihrem Nachdenken.

»Und heute ist der Herr Larker als Nachfolger meines seligen Mannes Direktor der Exzelsior-Gruben geworden. Der Herzog hat ihm diese Stellung angeboten, nachdem Larker im letzten Wahlgang bei der Miner Federation unterlegen ist.«

Also hier lag der Grund zu der Animosität Frau Bunders gegen den eleganten Arbeiterführer. Esther mußte lächeln. Larker dürfte bei seiner Eitelkeit kein Eisberg bleiben, wenn eine Dame ihn sehr harmlos um Aufklärung über einige Vorgänge bat. Lady Bunder wollte ihr Opfer gerade weiterziehen, als unvermittelt der Herzog auftauchte und Esther mit einem Blick begrüßte, als seien sie Verschworene gegen einen gemeinsamen Feind. Er wandte sich mit bestrickender Höflichkeit an Lady Bunder, fragte, ob er ihr etwas vom Büfett holen dürfe, eilte fort und war zwei Minuten später mit einem Diener zurück, der Erfrischungen auf einer Silberplatte trug.

Es gelang ihm, mit einer ganz zwanglos erscheinenden Geschicklichkeit, Lady Bunder einer Gruppe älterer Damen zu übergeben, während er Esthers Arm ergriff und sich anbot, sie mit einer Anzahl Personen bekannt zu machen, die Fräulein Raleigh interessieren würden. Esther sah seitwärts an Herzog Eric empor, der sie so sicher mit Beschlag belegt hatte, und der Gedanke, dies sei ihre Chance, erfüllte sie ganz.

Sie bat, da sie von dem Sehen und Umhergehen mit Lady Bunder ein wenig ermüdet sei, er möge sie zu einem der zahlreichen kleinen Tische in den Nebenräumen führen – sie fanden in einem mit blauer Seide tapezierten Kabinett einen ungestörten Platz, und nun erst betrachtete Esther den Herzog, der sie erwartungsvoll ansah, mit Ruhe. Er mußte etwa vierzig Jahre alt sein, wirkte aber bedeutend jünger. Das Gesicht, in der Form typisch für den Nachkommen einer alten Familie, hatte neben den dekadenten Zügen ein paar harte Linien, die fast amerikanisch wirkten. Wenn man wußte, daß der Herzog keineswegs nur Flaneur und Lebenskünstler, sondern in erster Linie Unternehmer war, konnte man als sicher voraussetzen, er sei ein guter Kaufmann und erbarmungsloser Ausbeuter der von ihm verachteten Masse.

Herzog Eric ließ Esther Zeit, ihn zu studieren. Er war zu selbstsicher und sieggewohnt, als daß ihm einfallen konnte, dies sei die Beobachtung einer Festung auf ihre schwache Stelle hin. Esther wiederum überlegte in aller Eile den Weg, auf dem sie vorgehen konnte.

Der Herzog brach das Schweigen mit der Frage, wie sie sich hier bei ihm fühle. Er selbst liebe diese Routs mit Hunderten von Leuten nicht sonderlich, man fände dabei zu selten Gelegenheit zu einem ruhigen Gespräch. Er habe gehört, Esther sei hier, um Gesellschaftsberichte für die »Welt« zu schreiben, da freilich –

Esther machte ein etwas resigniertes Gesicht.

»Sind Sie denn mit der Gesellschaft meiner Frau nicht zufrieden?« Er lachte herzlich.

»Ich möchte etwas anderes als Berichte über Kleider und langweilige Anwesenheitslisten schreiben.« Esther seufzte.

»Ich finde, man sollte einen Gesellschaftsbericht allgemeiner und sachlicher abfassen. Früher gab es nur die eine Gesellschaft der Feste, den kleinen Kreis des Adels und der Würdenträger – heute – aber Sie kennen Ihre Gesellschaft doch besser als ich! Heute ist die Industrie die große, maßgebende Macht. Es wird wenig so Glückliche wie den Herzog von Rochester geben, der ihr fernsteht –«

»Oho, Miß Raleigh«, Herzog Eric richtete sich auf, »Sie irren ein wenig. Ich käme wohl sehr schnell ins Hintertreffen, wenn ich nur – repräsentieren wollte. Nein nein, ich sehe zwar noch nicht klar, was Sie suchen; aber wenn es sich um Industriebeziehungen handelt, glaube ich Ihnen – recht gut behilflich sein zu können.«

Esther sah ihn vertrauensvoll an. Es sei ihr größter Wunsch, lebendige Berichte zu schreiben, die wirkliche Tätigkeit der Gesellschaft zu beleuchten, zu zeigen, daß Reichtum und gesellschaftliche Stellung untrennbar mit Arbeit verbunden seien –

Sie fühlte, daß ihre Worte wirkten. Auch der Herzog war nicht ohne Eitelkeit – und die große Eitelkeit unserer Zeit ist die Technik. Er fühlte sich nicht mehr als Lehensmann seines Königs, nicht als Vasall der politischen Zentralmacht, sondern als Herr und Gebieter über Zehntausende von Menschen; sein Machtgefühl wurzelte in der Abhängigkeit seiner Untergebenen, Angestellten und Arbeiter. Esthers Pfeil hatte, so plump er ihr im nächsten Augenblick erschien, getroffen.

Der Herzog begann, in der Weise, wie er es einem Kinde gegenüber getan haben würde, von seinen Bergwerken zu erzählen. Er freute sich darüber, daß ein so auffallend schönes und anscheinend nicht dummes Mädchen sich für diese Dinge interessierte, und dachte dabei gleichzeitig daran, daß bei einem etwaigen Besuch im Revier, in dem er sich viel aufhielt, Miß Raleigh bestimmt nicht Gefahr lief, mit der Herzogin unvermutet zusammenzutreffen.

Es waren genug Gründe vorhanden, die ihn zu dem Vorschlag an Esther veranlaßten, sich einmal eine Grube anzusehen, in den Bau einzufahren und den ganzen Betrieb kennenzulernen. Er schilderte ihr den Kohlenbergbau so, als wolle er sie überreden, sich ein neues, spannendes Theaterstück anzusehen. Und als Esther zögerte, in einer halb unbewußten Bewegung ihr Kleid glattstrich und dabei mit ihren Fingern die Hand des Herzogs berührte, stand es bei ihm fest, daß er nun bestimmtere Vorschläge machen müsse.

Es seien gerade heute ein paar Herren aus Deutschland da, die zu dem gleichen Zweck herübergekommen seien. Man wolle morgen oder übermorgen ins Revier fahren; es sei doch so einfach, sie könne als Berichterstatterin mitkommen, außer den fremden Herren sei nur er, sein Direktor Mister Larker und ein Chemiker Dr. Thompson im Wagen, der sieben Personen bequem fasse –

Er drängte – und Esther sträubte sich nicht länger. Sie bat ihn nur, sie noch heute mit den Herren bekannt zu machen, und fragte schließlich, ob denn ihre Anwesenheit nicht die geschäftlichen Unterhaltungen stören werde. Der Herzog verneinte – natürlich sei manches für sie langweilig, und er werde es nicht in ihrer Gegenwart besprechen, aber sie störe wirklich nicht. Esther erhob sich, und beide gingen wieder in die Säle zurück, in denen sich inzwischen die Gruppenbildung endgültig kristallisiert hatte.

Die Herzogin sah Esther mit ihrem Mann aus einer Nebentür treten. Sie warf nur einen kurzen Blick auf ihren Gast; aber Esther erkannte darin die Kampfansage. Nun, es half nichts, sie hatte wirklich nicht vor, die Beziehungen des herzoglichen Paares zu stören; aber sie war zu dicht an der Lösung ihrer Aufgabe, als daß sie auf kleine Unstimmigkeiten Rücksicht nehmen konnte.

Der Herzog stellte sie den drei deutschen Herren, die mit Larker in einer Ecke standen, vor, einige Augenblicke später kam auch Dr. Thompson dazu. Dies also waren die Teilnehmer der morgigen Fahrt. Esther, die deutlich fühlte, wie besonders Larker sie mit den Blicken verschlang, wurde sofort der Mittelpunkt der Gruppe, die sich über allerlei Gesellschaftsklatsch unterhielt.

Dr. Linden, der auf einmal auftauchte, hatte Esther kaum entdeckt, als er eilig herantrat. Er war erstaunt, nicht übermäßig warm empfangen zu werden, glaubte aber, im Interesse seines Blattes ausharren zu müssen. Es wurde ein wenig ungemütlich, die Spannung löste sich erst, als aus dem bisher noch unbetretenen Tanzsaal Musik erklang und der Herzog sich schnell verabschiedete, um mit seiner Frau den Tanz zu eröffnen. Ehe Linden Esther auffordern konnte, hatte Larker ihren Arm ergriffen, und sie winkte dem enttäuschten Kollegen fröhlich zu, er habe den nächsten Tanz.

Larker, der untersetzt und kleiner als Esther war, tanzte trotzdem geschickt und angenehm. Er fing ein Gespräch über ihre Mitfahrt nach der Exzelsior-Grube an, die der Herzog erwähnt hatte, und fragte sie, ob sie wirklich einfahren wolle. Sie bestätigte lachend, worauf er meinte, das sei kein Vergnügen für eine Dame, der Herzog unterschätze wohl auch die physische Anstrengung. Ob sie denn solchen Wert darauf lege, sich schmutzige Schächte und Stollen anzusehen – sie sei doch wahrhaftig nicht deswegen nach England gekommen – oder doch?

»Aha« – Esther schloß die Augen beim Tanz – Herr Larker wittert Unrat. Obwohl ihre Erscheinung auf ihn sicherlich eher stärker als auf Herzog Eric wirkte – Larker war zu gerissen, um nicht zunächst in jedem Falle Verdacht zu haben. Wahrscheinlich zweifelte er gar nicht an ihren unschuldigen Absichten; aber die eigene Erfahrung, die ihn nie Schritte aus reiner Neugier unternehmen ließ, warnte ihn vor allzu großer Leichtgläubigkeit. Sie hatte im Grunde weder den Herzog, der ihr höchstwahrscheinlich in irgendeinem Stollen einen Antrag machen würde, noch die deutschen Industriellen zu fürchten. Aber dieser gute, kleine, überelegante Tänzer, dieser Arbeiter mit den Frauenhänden und dem napoleonischen Gesichtsausdruck mußte beachtet werden!

Herr Larker hatte seinen Weg durch Schläue gemacht. Skrupellosigkeit und Verschlagenheit waren die Stützen, die ihm in allen Lagen vorwärtsgeholfen hatten. War er nicht einmal Marinelord gewesen? Esther tanzte hingegeben, während sie scharf nachdachte. Dann stand er unzweifelhaft mit dem englischen Geheimdienst in Verbindung – das genügte, um ihr die äußerste Vorsicht zu empfehlen.

Als ob Herr Larker einen Teil ihrer Gedanken hätte lesen können, machte er sie plötzlich auf einen nicht mehr jungen Herrn, der mit einer großen Dame tanzte, aufmerksam:

»Sir Ronald Addison, der Chef von Scotland Yard, ein alter guter Freund von mir. Sir Ronald hat schon im Kriege den Geheimdienst geleitet – wir lernten uns kennen, als ich im Parlament saß und später in der Regierung. Lord Addison ist wohl der beste Kenner dieser und aller Gesellschaften. Wenn Sie wünschen, mache ich Sie mit ihm bekannt.«

Esther bat darum und stand kurz darauf in einer Tanzpause mit Larker und Addison zusammen. Der Chef des britischen Geheimdienstes sah viel ungefährlicher aus als etwa Selfride, aber sein Mund und die Augen gefielen Esther durchaus nicht. Dabei konnte sie die Empfindung nicht loswerden, daß dieser Mann ein Geheimnis habe, ein schmutziges, sorgfältig vor der Gesellschaft gehütetes Geheimnis. Er war freundlich und höflich, wie alle Engländer zuerst zu allen Fremden. Sein schmallippiger Mund zeigte beim Öffnen gierige, große Zähne – Esther schauderte. Sie bat Larker, sie wieder in einen der Säle zurückzuführen, und traf darin auf Dr. Linden, der vom Büfett kam und sich einen Teller mit den verschiedensten zusammengerafften Eßwaren angefüllt hatte.

Sie setzte sich ermattet nieder, Linden holte einen Diener mit Getränken heran und fing dann an, Esther auszufragen. Sie versuchte, nach besten Kräften seine Neugier zu befriedigen. Er entschuldigte sich; aber er müsse ziemlich früh fort, er wolle heute noch nach Berlin telefonieren, dann könne der Bericht schon morgen früh im Blatt stehen. Ob sie nicht auch –?

Esther verneinte, ihr Gesellschaftsbericht eilte nicht so. Wenn er übermorgen erscheine, genüge es vollkommen. Übrigens habe der Herzog sie zu einer Fahrt nach den Bergwerken eingeladen; außer ihr führen Direktor Larker, ein Chemiker und die deutschen Besucher mit. Linden war aufs höchste interessiert und wollte das sofort in seinem Bericht erwähnen. Esther merkte, daß sie einen Fehler gemacht habe, und bat, ihr diese Nachricht, die ja schließlich ihr Eigentum sei, nicht fortzunehmen. Sie wolle selbst darüber kurz berichten, wenn sie zurück sei. Linden versprach unter Bedauern, sich ihrem Wunsche zu fügen.

Die Musik fing wieder an, der Kollege bat um den versprochenen Tanz, und Esther mußte Dr. Linden mehrfach davor bewahren, außer auf ihre auch noch auf fremde Füße zu treten. Als der Tanz zu Ende war, fühlte sie sich wie gerädert und ging in die Garderobe, um sich wieder etwas aufzufrischen und zu erholen. Es war dort, nach der Ankunft aller Gäste, stiller geworden. Die Garderobieren und Zofen überfielen nicht mehr jeden Eintretenden; sie hatten sich, müde und abgespannt von der Hetze der letzten Stunden, in eine Ecke zurückgezogen. Esther kam unbemerkt in eine der durch Vorhänge abgeteilten Nischen und ließ sich mit einem tiefen Aufatmen in den Sessel vor dem Spiegel fallen.

Wie wohl es tat, einmal das ganze Treiben nur leise und aus der Entfernung zu hören! Sie fühlte sich angestrengt und war beinahe erschrocken, als sie ihr Gesicht im Spiegel sah. Es wirkte, mit einem gleichmäßigen undurchsichtigen Lächeln, wie eine Maske. Sie spürte erst jetzt die Mühe, die es ihr gemacht hatte, unter dem Deckmantel einer oberflächlichen Konversation das zu erfahren, weswegen sie hier war.

Sie nahm etwas Kölnischwasser und kühlte ihre Stirn. Nun, sie konnte zufrieden sein. Es stand fest, daß der Herzog eine der leitenden Personen der Aktion war, um derentwillen Dr. Mersheim sie hergeschickt hatte. Auch Larker schien keine unbedeutende Rolle dabei zu spielen. Die drei Deutschen, Direktor Berger, Dr. Messelmann und Herr v. Wandt, hatten wohl noch Bedenken, ihre chemischen Patente herzugeben. Esther wußte, daß die Fahrt zur Exzelsior-Grube alles andere als eine Spazierfahrt werden würde. Sie mußte Augen und Ohren sehr gespannt offen halten, um noch mehr über die geplante Allianz zu hören.

Sie überdachte, im Sessel zurückgelehnt, mit halb geschlossenen Augen, die Einzelheiten, die sie Mersheim und Selfride berichten wollte – als plötzlich zwei leise, aber harte Frauenstimmen an ihr Ohr schlugen. Anscheinend waren zwei Besucherinnen in eine der Nebennischen getreten. Einen Augenblick lang dachte Esther daran, sich auf irgendeine Weise bemerkbar zu machen – aber sie unterließ es, schloß die Augen ganz und markierte für den Fall einer Überraschung halbe Schlaftrunkenheit.

Die beiden Damen schienen sich zu streiten; aber schon nach wenigen Worten stellte es sich heraus, daß beide durchaus eines Sinnes waren und einander nur heftig bestätigten.

»Es hat keinen Zweck, ihm die Augen zu öffnen. Wenn ein Mann nicht sehen will, meine Liebe –«

»Nun –«, die zweite Stimme pfiff vor Gehässigkeit und verstecktem Hohn, »es gibt vielleicht Mittel, denen auch Lord Addison nicht widerstehen kann! Mein Mann ist nicht umsonst seit fünfzehn Jahren in Scotland Yard – man kennt Sir Ronald ganz gut! Alle überspringen, das konnte er, das ist seine Stärke! Aber, mein Mann weiß, was hinter ihm steckt –«

»Der Chef von Scotland Yard. – Haben Sie gehört, wo Lord Pembroke ihn gesehen haben will, haha?«

»Nein, wo denn, und woher wissen Sie –?«

»Ich hörte es von Pembrokes armer Frau –. Er treibt sich doch herum – ja ja, zu unserer Zeit – aber passen Sie auf: Pembroke will Addison in – nun, in sehr eindeutiger Gesellschaft gesehen haben – er war leider selbst da. Erzählt hat er's nur deshalb, weil Addison so getan hat, als sei er es gar nicht; aber Pembroke schwört –«

»Nein, wahrhaftig – Frauenzimmer?«

»Wie ich Ihnen sage, Lady Finn – es dauert nicht mehr lange mit ihm. Ich wollte es Ihnen nur sagen, weil ich weiß, daß Ihr Mann der nächste Anwärter auf Addisons Posten ist –«

»Wir wurden einfach übergangen – damals. Aber ich danke Ihnen, das wird meinen Mann natürlich interessieren. Pembroke, nun, wir sehen uns ja oft.«

»Aber sagen Sie um Gottes willen nicht, daß ich –«

»Halten Sie mich für so naiv? Sie können doch versichert sein, daß die Quelle ganz unter uns bleibt, natürlich. Haben Sie übrigens Herzog Eric beobachtet?«

Esther verspürte einen kleinen Stich und dachte an ein deutsches Sprichwort, das sich mit dem Lauscher beschäftigt, der seine eigene Schande hört. Was würde jetzt kommen?

»Mir fiel nicht auf –«

»Ja – da muß man etwas Glück haben. Es sind heute eine ganze Menge sehr unbekannter Personen hier, finden Sie nicht auch?«

»Gewiß, gewiß, aber was hat das mit Herzog Eric zu tun? Sie spannen mich auf die Folter, meine Liebe!«

»Haben Sie dieses junge Mädchen, eine Deutsche, bemerkt, sie soll Journalistin sein, wie mir Alicia Bunder sagte.«

»Ach, dieses arrogante Ding, das sich sofort Lady Bunder aufdrängte?«

»Richtig – nun, Sie hätten sehen sollen, wie sie um Herzog Eric herumscharwenzelte! Es ging so weit, daß sie ihm in einen Nebenraum nachlief –«

»Was, bis dahin –?!«

»Nein, nein, nicht gerade diesen Nebenraum, das wäre ja ein offener Skandal gewesen! Ich bitte Sie – aber wirklich, man könnte fast sagen, daß sie bis dahin gegangen wäre, wenn er nicht ein paar Worte mit ihr gesprochen hätte.«

»Haben Sie gehört, was –?«

»Nun, das ist doch nicht schwer zu erraten, nicht wahr? Herzog Eric – die liebe Herzogin hat es schwer mit ihm, wir wissen doch alle – es scheint, daß er der jungen – Dame eine befriedigende Antwort gegeben hat. Unbegreiflich, was man als Mann an solchem Gemüse finden kann!«

»Meinen Sie, daß es –«

»Aber keine Spur! Wer ist sie denn? Larker hat vorhin erzählt, daß diese Miß Relli oder so – nun, es ist ja gleichgültig – der Herzog hat sie zu einer Besichtigungsfahrt eingeladen.«

»Besichtigungsfahrt? Hahaha, das ist wirklich ausgezeichnet, Lady Finn, Sie erzählen das so entzückend witzig und – Sie müssen mir erlauben, das meinem Mann ganz mit Ihren Worten zu berichten!«

Esther konnte nicht mehr an sich halten und räusperte sich deutlich. Im selben Augenblick trat bei den beiden würdigen Damen Totenstille ein, dann wisperte eine Stimme: »Fort – nacheinander!« Und dann hörte Esther, die sich mit einer etwas überflüssigen Energie ihr Haar bürstete, kurz hintereinander hastige, halb schleichende Schritte, die sich entfernten.

Sie war wieder ganz munter geworden, wenn auch ihre Laune sich nicht verbessert hatte. Die angenehme Unterhaltung der beiden Damen hatte ihr den Boden zum Bewußtsein gebracht, auf dem sie hier wandelte. Sie war sicher, daß schon morgen, nein, heute abend der Klatsch sich ihrer Person bemächtigen würde – für diese Leute war sie also bereits die Geliebte des Herzogs!

Nun, entweder schien Herzog Eric an sehr leichte Eroberungen gewöhnt zu sein, oder – sie wurden ihm durch das Vertrauen solcher Damen leicht gemacht. Sie mußte, nach dem Verrauchen der ersten Wut, lachen; wirklich, sie avancierte schnell in diesem Lande!

Sie stand auf und reckte sich einen Augenblick lang. Gut, sie wollte sich des Vertrauens, das diese Damen in sie setzten, würdig erweisen, wenn man sie in den Kreisen der sensationshungrigen Bürgerlichkeit und bei den unlängst Baronisierten für die Mätresse des Herzogs hielt, so brauchte das nicht unbedingt ein Nachteil zu sein. Daß sie es nicht werden würde, dafür wollte sie schon sorgen.

Viel interessanter als dieses Gewäsch neidischer Weiber schien ihr die Geschichte von Addison, dem Chef des Geheimdienstes, zu sein. Sie ahnte, daß sie hierüber mit Selfride sprechen müsse, vielleicht konnte sich daraus etwas Wichtiges entwickeln. Die Rolle Larkers wurde immer merkwürdiger. Es schien sein Beruf zu sein, Zwischenträgereien zu machen und durch kleine Entstellungen Vorteile für sich zu reservieren. Larker erinnerte sie in mancher Beziehung an Frau Jeffers; auch er besaß als hervorstechendste Eigenschaft eine Aalglätte, die es schwer machen mußte, ihn einmal festzulegen.

Sie betrachtete sich noch einmal prüfend und ging dann, lächelnd und unbefangen, hinaus. Sie mußte einige Zeit suchen, ehe sie auf einen Bekannten stieß – es war der Syndikus Dr. Messelmann, der sich vor ihr verneigte und um den nächsten Tanz bat. Er äußerte seine Freude, eine deutsche Dame hier zu treffen, und fragte Esther, ob sie ihm nicht Auskunft über eine Reihe von Gästen geben könne, die ihm aufgefallen seien. Sie amüsierte sich darüber, plötzlich als Mentor dienen zu müssen, und machte ihn auf ein paar Leute aufmerksam, deren Namen sie von Lady Bunder erfahren hatte. Nach dem Tanz stellte sie fest, daß es inzwischen schon reichlich spät geworden war, und suchte die Herzogin auf, um sich zu verabschieden.

Bei der Herzogin, die in einem der kleineren Räume saß, befanden sich Larker und Herzog Eric. Es schien Esther, als habe sie eine lebhafte und ein wenig erregte Unterhaltung gestört, in der Larker eine vermittelnde Rolle einzunehmen schien. Die Herzogin Joan blickte ihr mit einer Befangenheit entgegen, die trotz der Leichtigkeit der Begrüßung Esther auffiel. Sie verabschiedete sich, da wandte sich im letzten Augenblick der Herzog an sie mit der Frage, ob es ihr passen würde, übermorgen mit Larker und ihm die versprochene Bergwerksbesichtigung vorzunehmen. Ehe Esther Raleigh Zeit zu einer Entgegnung fand, hatte der Herzog sich seiner Frau zugewandt und erklärte ihr, daß er der deutschen Korrespondentin diese Fahrt versprochen habe und sowieso mit Larker zur Grube Cold Gate fahren müsse.

Die Herzogin schien über diese Erklärung nicht sehr erstaunt zu sein, und nur die argwöhnische Genauigkeit, mit der sie Esther Raleighs Gesicht prüfte, zeigte, daß Joan Rochester den Vorgängen keineswegs gleichgültig gegenüberstand. Larker begleitete die Vertreterin der »Welt« zu ihrem Wagen und verabschiedete sich von ihr mit einer Art von Höflichkeit, die Esther mit einiger Besorgnis erfüllte.

Es war nach zwei Uhr nachts, als Esther im Savoy-Hotel ankam und todmüde auf ihr Zimmer ging. Sie ahnte, daß die Reise ins Kohlenrevier für ihre Zukunft von entscheidender Bedeutung werden könnte, und wußte gleichzeitig, daß sie auf keinen Schutz, keinen Rückhalt und keine Deckung rechnen konnte, wenn sie dieser so leicht scheinenden Aufgabe nicht gewachsen sein würde.

 

Zur gleichen Stunde befand sich Sir Roland Addison in seinem Büro in Scotland Yards und forderte an der Hand einer umfangreichen Namensliste eine Reihe von Akten an. Die Liste war eine Abschrift des Gästebuches der Herzogin von Rochester und die Akten die Unterlagen und Ergebnisse von Recherchen über eine Anzahl der Eingeladenen. Der Chef der Geheimpolizei erhielt unter anderem auch einige Berichte über das Leben und Verhalten von Miß Esther Raleigh, Journalistin und Gesellschaftsberichterstatterin der »Welt«. Er konnte aus diesem Bericht entnehmen, daß Fräulein Raleigh bisher in London außer mit Dr. Linden, dem politischen Vertreter ihres Blattes, mit Mr. Hardley Fühlung genommen hatte. Das genügte, um durch eine kurze Bemerkung die weitere Beobachtung der Dame zu veranlassen.

Obwohl Selfride bereits wesentlich früher zu Bett gegangen war, war er über die Vorgänge in Herford Palace ebenso gut informiert wie über die Absichten Lord Addisons und hatte beschlossen, Fräulein Raleigh, wenn das Ergebnis des Bergwerksbesuches auch nur halbwegs befriedigend sein würde, neue Vorschläge zu machen, die auch Herrn Dr. Mersheim interessieren mußten. Er hatte noch am selben Abend Hardley entsprechende Anweisungen gegeben, die darin gipfelten, eine Kabine auf der »Baltic«, Bestimmungshafen New York, zu belegen.

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