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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
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7

Jury Zagainoff war nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin nach London gekommen, um eine Reihe von Spezialfragen wirtschaftspolitischer Natur mit der Ostabteilung des Britischen Auswärtigen Amtes zu besprechen. Man hatte ihn in Moskau trotz seiner Jugend für den richtigen Mann gehalten, da er, von Beruf Ingenieur und mit westeuropäischen Verhältnissen vertraut, geeignet schien, die ihm gestellte Aufgabe zu lösen. Jury Zagainoff war eine der Kriegswaisen gewesen, Führer einer Horde von Kindern, die sich nach dem Kriege durch Rußland trieben, plündernd, raubend und gänzlich asozial eingestellt. Es hatte drei Jahre gedauert, bis er gebändigt und in den Staatsapparat eingefügt werden konnte. Er war viermal im Laufe der ersten anderthalb Jahre ausgebrochen und einmal erst an der chinesischen Grenze wieder eingefangen worden.

Gegen den Rat der Bürokratie hatte ihn Akin, der Leiter des politischen Außendienstes, mit einigen kleinen, aber verantwortungsvollen Aufgaben in Indien und Afghanistan betraut, die der halbwüchsige Bursche überraschend schnell und gut erledigt hatte.

Dann wurde er zum Studium nach einer kurzen Vorbereitung in Moskau für Berlin bestimmt, wo er bei den großen Elektrowerken praktisch arbeitete und gleichzeitig theoretisch alles das lernte, was man von ihm in Rußland erwartete. Er war berufen, bei der technischen Aufschließung der Sowjetunion und des westlichen Asien eine Rolle zu spielen, deren Umfang er bisher nicht ahnte. Man erzog ihn von der Zentralregierung aus zu vollkommener Selbständigkeit; er erhielt reichliche Mittel, um seine Studien fortzusetzen.

In unregelmäßigen Abständen wurde Jury zurückbeordert oder bekam durch Vertrauensleute Befehle der Regierung. Sofort nach dem endgültigen diplomatischen Bruch Londons mit Moskau wurde er für spätere Sondermissionen vorgeschlagen und war jetzt im Savoy abgestiegen, um über die Frage der Erdöl- und Bergbaukonzessionen mit Sir Henry Malcolm, dem Leiter der Ostabteilung, zu konferieren. Man brauchte hierzu einen gewiegten und mit den europäischen Verhältnissen gut bekannten Mann; denn es hatte sich trotz der offiziellen Ablehnung der Sowjetunion durch das Imperium sehr bald gezeigt, daß man die Beziehungen nicht ganz aufgeben durfte, wollte man nicht alle wirtschaftlichen Positionen an Amerika verlieren. Der Erdölwettlauf zwischen Sir Harry Deterding, dem Herrn der »Shell«, und der »Standard Oil« war schon in ein Stadium getreten, das in England die schwersten Befürchtungen auslösen mußte, und ähnlich war es mit wichtigen Mangan- und anderen Erzkonzessionen.

Jury Zagainoff ging mit klarem Kopf nach London. Er wußte, was auf dem Spiel stand, und kannte auch die geheimen Pläne Londons – soweit sie eben den Russen bekannt waren. Er machte sich keine Illusionen über die Schwierigkeit der bevorstehenden Verhandlungen und war sich darüber klar, daß er vom Augenblick seines Landens in Croydon an überwacht wurde.

Im Savoy hatte er zwei große Räume im ersten Stockwerk genommen, seine offiziöse Mission erforderte ein gewichtiges Auftreten. Die Zimmer lagen nur wenige Türen von Esther Raleighs Raum entfernt. Er musterte den Luxus der Einrichtung ohne Erstaunen, entließ die Boys und nahm zuerst ein heißes Bad, um sich zu erfrischen. So schlank und jünglingshaft er aussah – Jury Zagainoff war ohne riesige Muskeln, aber mit harten Sehnen und straffem Gewebe eine athletische Erscheinung, wie er nun aus dem Bad sprang und sich in einen weichen Seidenmantel aus Mossul hüllte. Er legte sich auf den Diwan und steckte die unvermeidliche Papyros an.

Nichts lag ihm ferner, als den Aszeten spielen zu wollen. Auch in seinem sonstigen Verhalten unterschied er sich stark von den Russen, die das bourgeoise Leben des Westens allzu betont verabscheuten. Er sah viel zu klar, daß die Waffen noch sehr ungleich waren, und daß man mit freundlicher Überredung und unter Benutzung der Eifersucht der anderen aufeinander viel weiter kommen konnte als mit dem ewigen Schreien nach der Revolutionierung der Welt.

Jury sah dem Rauch seiner Zigarette nach und spannte spielerisch die Muskeln seiner Arme. Er war jung, er war stark und siegessicher – und er kannte einige schwache Punkte des Imperiums. Gut. Man würde hier viel arbeiten müssen. Allein sein – allein? Er sah Esther vor sich, diese fremde junge Frau, die so ganz anders aussah als ihre Begleiterin. Wer mochte sie sein? Ob sie im Hotel wohnte? Er drückte die Zigarette aus und erhob sich. Nun, das würde sich alles finden! Jury glaubte an das Kismet; wenn es ihm bestimmt war, brauchte er nichts zu tun, als abzuwarten.

Er machte, nachdem er auf der Uhr gesehen hatte, daß es schon gegen zehn sei, sorgfältig Toilette, um zum Abendessen hinunterzugehen. Um sicher zu sein, wie es mit der Kontrolle stände, schloß er die Koffer ab und bestäubte die Schlösser mit einem feinen Silberpulver, das sich unsichtbar dünn festsetzte. Wer nun an den Schlössern herumtastete, mußte klare und einwandfreie Fingerabdrücke hinterlassen, die man beim leichten Abwaschen mit einer harmlosen Toilettenflüssigkeit sichtbar machen konnte.

Ein Häufchen Briefschaften und Papiere wurde von ihm so hingelegt, daß sie zum Durchstöbern förmlich einluden; dann verließ er den Raum.

 

Ray Jeffers war etwas enttäuscht. Miß Raleigh schien wahrhaftig nur als Gesellschaftsberichterstatterin hergekommen zu sein! Sie schwärmte schon im voraus für den herzoglichen Ball, zu dem Frau Jeffers nicht eingeladen war, und zeigte sich bei allen vorsichtigen politischen Fragen Rays so verständnislos, daß sie entweder ein halbes Kind oder eine große Komödiantin sein mußte. Noch war Ray Jeffers entschlossen, das zweite zu glauben. Nach dem Film, währenddessen Esther hemmungslos gelacht hatte, verspürte sie Kopfschmerzen und bat ihre Freundin, ins Hotel fahren zu dürfen, wohin die besorgte Ray sie begleitete. Esther verabschiedete sich vor ihrer Zimmertür und gestand sich, drin auf ihr Bett sinkend, daß dieser erste Abend mit der neuen Freundin für sie nicht so ergebnislos wie für die andere gewesen sei.

Während es ihr gelungen war, in der Verteidigungsstellung ihre harmlose Maske ohne große Anstrengung zu wahren, mußte ihre Gegnerin hier und da Andeutungen machen, Farbe bekennen und um so deutlicher werden, je verständnisloser Esther zu bleiben schien. Sie hatte dem Geplauder Rays entnehmen können, daß diese über die politische Richtung der »Welt« sehr genau unterrichtet war. Auch von der bevorstehenden Reise nach Deutschland hatte Frau Jeffers gesprochen und beiläufig erwähnt, ihr Mann, der Chemiker sei, wolle auch literarisch arbeiten, ob sie ihm nicht eine Empfehlung an Dr. Mersheim mitgeben könne. Da der Name des Chefredakteurs im Gespräch vorher gefallen war, konnte Ray ihn ruhig anwenden: immerhin war es etwas unvorsichtig von ihr, die sich so unpolitisch wie möglich zu geben suchte, daß sie überhaupt solche Unterhaltungen führte.

Esther bildete sich nicht ein, den Argwohn der anderen ganz eingeschläfert zu haben; aber sie hoffte, daß es ihr noch gelingen würde, Frau Jeffers alias Patterson von ihrer Ungefährlichkeit zu überzeugen. Die fingierten Kopfschmerzen sollten nur dazu dienen, ihre Korrespondenz, die vom Nachmittag her immer noch nicht erledigt war, fertigzumachen. Als sie das getan hatte, dachte sie zuerst daran, einem Boy zu klingeln, der die Briefe mit hinunternehmen sollte; dann fiel ihr plötzlich die kleine Szene vor der Fahrt ins Kino ein. Sie puderte sich ein wenig bleich, um Frau Jeffers nicht mißtrauisch zu machen, falls sie ihr begegnen sollte, machte ein etwas ermüdetes Gesicht und stieg selbst die breite Treppe hinunter.

Der erste Mensch, den Esther Raleigh, noch auf halber Höhe der Treppe stehend, sah, war der Fremde von vorhin. Jury Zagainoff las nach dem Abendessen Zeitungen. Er blickte sofort auf, als fühle er ihre Nähe und sah zu ihr herauf. Sie wurde einen Augenblick lang verwirrt, bis sie leicht lächelnd hinunterschritt. Er hatte die Zeitungen beiseitegelegt und war aufgestanden. Esther war gespannt, wie er es nun anstellen würde, sie kennenzulernen. An der Postoffice des Hotels gab sie die Briefe ab und warf dann einen Blick in das offene Gästebuch. Sie las den Namen Jury Zagainoff als letzten – das mußte der Fremde sein. Er stand immer noch unschlüssig und in einiger Verlegenheit da; Esther spürte, wie schwer ihm ein Entschluß wurde.

In diesem Augenblick klang durch die geöffnete Tür des Teesalons Musik. Sie sah flüchtig zu Herrn Zagainoff, und sein Blick zeigte ihr, daß er die Töne auch gehört hatte und seine Chance begriff. Als Esther schräg durch die Halle auf den Teeraum zuschritt und kurz davor zögerte, fühlte sie sein Näherkommen. Er stand vor ihr, verbeugte sich und fragte in gutem, aber fremd klingendem Englisch, ob er sich vorstellen und sie zum Tanz bitten dürfe.

Sie nickte ohne Förmlichkeit, beide spürten, daß die erste, schwerste Klippe überwunden sei, und betraten den blendend erhellten Raum. Es glückte Zagainoff, einen Tisch zu bekommen, der in der Nähe der Tanzfläche und doch in einer stilleren Ecke lag. Sie bestellten eine Kleinigkeit – dann fing ein neuer Tanz, ein langsamer Tango, an, und sie schritten im Takt der Musik über das glänzende Parkett. Esther, die gern und gut tanzte, spürte mit Freude, wie sicher und weich ihr Partner sie führte, und gab sich ganz dem Zauber der schwingenden Schritte hin. Jury betrachtete sie wortlos, bis sie selbst begann, einiges Belanglose zu fragen.

Als der Tango zu Ende war und sie wieder am Tisch saßen, war ihr Gespräch schon so, als kennten sie sich seit vielen Tagen. Sie wußte, wer er war und zu welchem Zweck er hier sei, und sie hatte ihm erzählt, daß sie als Sonderberichterstatterin der »Welt« nach London geschickt worden sei. Er kannte Berlin ja gut, es gab sogar einige gemeinsame Bekannte. Sie sprachen Deutsch miteinander, Jury war ein vorzüglicher Erzähler, und Esther war in bester Laune.

Da fiel ihr Blick zufällig zum Eingang, sie sah Hardley mit einer Dame eintreten, und das erinnerte sie augenblicks daran, welche Rolle sie spiele. Mit einem Schlag sank ihre Stimmung. Esthers Schweigen fiel Jury auf, er fragte sie besorgt, ob sie sich nicht wohl fühle, und als sie es bestätigte, bat er sie um einige Minuten Geduld, er habe ein wundervolles Mittel. Ehe sie ihn zurückhalten konnte, war er aufgesprungen und eilte dem Ausgang zu.

Hardley hatte sie sofort gesehen und ihr fremd und höflich zugenickt. Er hatte mit seiner Begleiterin weitab Platz genommen, wofür Esther ihm dankbar war. Aber als Jury verschwand, kam er auf einen Moment an ihren Tisch, äußerlich korrekt, nur, um sie zu begrüßen. Dabei flüsterte er ihr zu, sie müsse diese Bekanntschaft pflegen, er werde sie bei der nächsten Gelegenheit aufklären – und zog sich mit einer zweiten Verbeugung zurück.

Esther war nahe daran, in Tränen auszubrechen. Gab es denn keine Möglichkeit mehr, mit einem Menschen zu sprechen, sich ruhig und froh zu unterhalten, ohne daß solche Erwägungen dazwischenkamen? War sie schon so versklavt und gebunden, daß sie an nichts anderes denken durfte als an ihre offiziellen und heimlichen Missionen?

Aber sie wollte nicht! Man konnte sie nicht zwingen, alle Menschen auszuhorchen und zu beobachten! Die Verabredung mit Selfride war ein Abkommen auf Gegenseitigkeit – aber sie war deshalb noch lange keine Spionin von United Service! Natürlich hatte man hier Interesse für einen Russen, der zu besonderen Verhandlungen nach London delegiert war. Aber sie schwor sich, in diesem Falle nicht mitzuhelfen, mochte man sie ruhig für untüchtig halten!

Wo Zagainoff nur blieb? Er wollte sogleich zurückkommen, und schon waren fast zehn Minuten vergangen.

 

Jury Zagainoff liebte es, amerikanische Schuhe mit Kreppgummisohlen zu tragen, auf denen er unhörbar gehen konnte. Der elastische Gummi beschwingte den Gang angenehm, und da er kräftig genug war, das größere Gewicht der Schuhe nicht zu spüren, schien ihm das Gehen mit ihnen fast ideal. Er war lautlos zu seiner Tür gekommen und wollte gerade den Schlüssel zum Öffnen ins Schloß stecken, als er ein Geräusch in seinem Zimmer zu hören glaubte. Er drückte, nicht sehr überrascht, aber aufs äußerste gespannt, vorsichtig die Klinke herab – die Tür war unverschlossen, er riß sie mit einem schnellen Ruck auf und drehte das Licht im Zimmer an.

Vor ihm, aus dem Nebenzimmer kommend, sah er eine Frau, die ihn einen Moment entsetzt anstarrte und dann in Ohnmacht fiel. Er schloß die Tür hinter sich, stürzte auf die Liegende zu und hob ihren Kopf. Es war die Dame, mit der er Esther zuerst gesehen hatte. Sie war noch immer bewußtlos – aber als er seine Hand auf ihre Brust legte, fühlte er das regelmäßige Schlagen ihres Herzens, das ihre Ohnmacht Lügen strafte. Jury Zagainoff ließ sich nichts anmerken, sondern bemühte sich um die Ohnmächtige, bis sie seufzend erwachte und ihn verwirrt ansah.

Nachdem er sie auf einen Diwan gelegt hatte, erklärte sie, sie müsse sich im Zimmer geirrt haben, sie sei unmittelbar vor ihm eingetreten. Der Schlüssel zu ihrem Raum passe sonderbarerweise – sie wies ihm demonstrativ den Schlüssel mit der schweren Plakette des Hotels; – aber schon beim Eintreten habe sie die andere Luft gemerkt und dann auch den Lichtschalter nicht gefunden. Es sei ihr sehr peinlich – er möge entschuldigen. Dabei sah sie ihn mit einem koketten Blick an.

Jury hörte ihre Geschichte scheinbar gläubig an, amüsierte sich über ihre Vorbereitung mit dem Nachschlüssel und begleitete sie höflich hinaus, ohne von ihren Blicken Notiz zu nehmen. Dann eilte er zu den Koffern und dem Briefstapel und stellte sofort fest, daß man alles untersucht hatte. Er lachte bitter vor sich hin – mit einemmal fiel ihm Esther ein. Wenn diese Frau ihre Freundin war, sah alles ganz anders aus!

Er setzte sich und sah vor sich hin. Wollte man ihn auf diese Weise ausholen? War es ein Komplott, in dem die eine Frau ihn fortlocken sollte, um der anderen die Möglichkeit zu geben, ihn zu kontrollieren? Aber dann fiel ihm das Nächstliegende ein. Miß Raleigh hätte ihn nie gehen lassen, wenn sie geahnt hätte, daß ihre Freundin inzwischen – inspizierte.

Jury atmete auf und nahm eine Zigarette. Er wurde schnell ruhiger. Es war möglich, daß Esther keine Ahnung von dem Metier ihrer Freundin hatte. Daß diese keine einfache Hoteldiebin war, ging daraus hervor, daß ihm kein Wertgegenstand fehlte. Vielleicht war auch Esther nur ein Objekt seiner Besucherin, das bespitzelt werden sollte? Er sprang auf, holte aus einem kleinen Koffer ein Flakon mit dem versprochenen Mittel und ging, mit einem kurzen Auflachen das Zimmer abschließend, wieder hinunter.

Esther sah ihm entgegen, wie er schnell und gewandt zu ihrem Tisch kam. Er gab ihr das Mittel, ein herb duftendes Wasser, mit dem sie sich die Schläfen anfeuchtete, obwohl dazu kein zwingender Grund mehr bestand. Es fiel ihr auf, daß er ernster geworden war als zuvor, sie schob das zuerst auf seine Besorgnis für ihr Befinden und beeilte sich, ihn der ausgezeichneten Wirkung seines Mittels zu versichern. Aber er nickte nur höflich und blieb verschlossen. Sie fragte sich, was inzwischen geschehen sein könne, um seine Stimmung so zu beeinflussen – da wandte er sich jäh zu ihr und fragte, ob Esther die Dame, mit der er sie zuerst gesehen habe, schon längere Zeit kenne.

Esther Raleigh erblaßte und verneinte. Wenn er Frau Jeffers meine – er bestätigte es –, so müsse sie zugeben, daß das eine sehr junge Bekanntschaft sei. Weswegen er frage –?

»Ich möchte Sie vor dieser Dame warnen.«

Esther rührte mit dem Löffel in ihrer Tasse.

»Bitte, mißverstehen Sie mich nicht, Miß Raleigh. Sie sind mit den Dingen hier nicht so vertraut. Wissen Sie, ob Frau Jeffers einen Beruf hat?«

»Ich weiß nur, daß sie mit ihrem Mann und ihrem Schwager hier im Hotel wohnt. Der Mann ist Chemiker oder dergleichen –« Sie sah Jury Zagainoff fragend an, während ihr Herz klopfte.

»Ich – traf sie eben. Sie hatte meine Zimmer mit ihren verwechselt –«

Esther brachte es fertig, zu stammeln: »Eine Hoteldiebin?«

Zagainoff schüttelte den Kopf.

»Nein, es fehlte nichts. – Nur meine Papiere waren durcheinandergeworfen und meine Koffer untersucht.«

Und auf Esthers entsetzten Blick hin erklärte er lachend:

»Ich bin solche Aufmerksamkeiten gewöhnt. Obwohl wir Russen im allgemeinen keine Bomben und seit geraumen Jahren nicht einmal mehr Propagandaschriften und andere brennbare Dinge mit uns führen, genügt manchen Leuten die Zolluntersuchung nicht.«

»Konnten Sie keine Anzeige machen?«

»Ich bitte Sie! Dann hätte ich nur Scherereien gehabt. Eine Verwechslung, eine harmlose Geschichte – nein, solche Sachen erledigt man am besten in aller Stille, wenn man unterwegs ist. Unangenehm wäre mir nur gewesen –«

Er brach ab und holte tief Luft.

»Gott sei Dank, daß Sie nichts mit ihr zu tun haben. Ich dachte einen Augenblick lang daran –«

Esther sah ihn so ehrlich erschrocken an, daß er lachen mußte. Ihr selbst war elend zumute. Sie konnte sich denken, daß man Ray Jeffers über Zagainoffs Person unterrichtet hatte, und daß sie den Einbruch auf Veranlassung ihrer Auftraggeber ausgeführt hatte – aber lagen solche Handlungen auch im Bereich des für sie Möglichen? Sie verneinte heftig vor sich selbst; diese Arbeit war nicht für sie vorgesehen!

Zagainoff sah sie aufmerksam und mitleidig an. Er konnte sich denken, wie die Eröffnung auf sie gewirkt haben mußte.

Esther aber war nur eines klar: Wenn sie die Verbindung mit Zagainoff aufrechterhalten wollte, mußte sie mit Frau Jeffers abbrechen. Beide zusammen, das war nach diesem Vorfall unmöglich. Sie zögerte keine Sekunde, wen sie zu wählen hatte. Gleichzeitig jedoch unterschätzte sie die Schwierigkeiten nicht. Hardley und seine Aufforderung fielen ihr ein. Sie mußte mit ihm reden, vielleicht wußte er einen Weg, ihr Ray Jeffers abzunehmen.

Jury Zagainoff versuchte, sie zu erheitern, und schlug ihr noch einen Tanz vor. Sie nahm an und wurde dabei ruhiger. Nichts konnte überstürzt werden. Sie gab, als sie in der Nähe des Tisches vorbeikamen, an dem Hardley saß, diesem einen Wink, den er zu verstehen schien. Jury hatte nichts bemerkt und plauderte mit seiner Begleiterin so, als habe er nicht kurz vorher ein immerhin peinliches Abenteuer gehabt. Sie hatte nur die eine Angst, daß Frau Jeffers, der sie nun alles zutraute, plötzlich auftauchen und mit ihrer gut gespielten Herzlichkeit zu ihr und Zagainoff kommen könnte.

Aber nichts dergleichen geschah, sie tanzten noch zwei-, dreimal, ruhten sich eine kurze Zeit aus und hatten einander allerhand zu erzählen. Zagainoff war natürlich nicht beim Fest, wußte aber, daß die deutschen Herren noch im letzten Augenblick geladen worden seien, und bemerkte lächelnd zu Esther, daß sich da verschiedene kleine Intrigen vorbereiteten, die sich späterhin auf Mütterchen Rußlands breitem Rücken abspielen sollten. Er hoffe allerdings, das allzu schnelle Reifen der Früchte etwas aufhalten zu können.

Da Miß Raleigh neugierig schien, erzählte er ihr von dem unterirdischen Kampf der Amerikaner gegen die Engländer um den Boden und die Schätze Rußlands und erwähnte dabei flüchtig die Versuche deutscher Kreise, in diesem Kampfe den lachenden Dritten zu spielen. Sie hörte zu, in der Hoffnung, dabei etwas Näheres über die englischen Vorhaben zu vernehmen; aber Zagainoff sagte nichts Neues oder Genaueres. Es war schon nach Mitternacht, als sie aufbrachen. Er brachte sie in die Halle zum Fahrstuhl und verabschiedete sich, da er noch arbeiten wolle.

Esther entkleidete sich schnell, sie war mit einemmal sehr müde geworden und schlief sogleich ein. Ihre Träume waren unruhig und quälend, Zagainoff trat in ihnen auf, Selfride und Ray Jeffers, die sich nackt um den Russen schlängelte. Gegen Morgen wurde ihr Schlaf tief und traumlos; sie erwachte erst nach neun Uhr mit einem kleinen Schrecken – die Schneiderin wartete schon mit der Anprobe!

 

Das Expreßboot der Luftpost war gegen Mittag in Berlin eingetroffen, und kaum eine Stunde später hielt Dr. Mersheim die Londoner Briefe in Händen. Er verteilte das Material an die verschiedenen Bearbeiter und öffnete zuletzt den Umschlag, in dem Esther Raleigh die Fotografien der Patterson-Jeffers geschickt hatte. Sein Befremden beim ersten Anblick der Bilder wich einer starken Spannung, als er das Begleitschreiben gelesen hatte; er rief sofort in Burgs Zimmer an und bat ihn, zu ihm zu kommen.

Burg trat etwas eilig und mißgestimmt ein. Es war kurze Zeit bis zum Umbruch der Mittagsausgabe, den er persönlich zu überwachen liebte, obwohl der alte, erfahrene Metteur und ein halbes Dutzend junger Redakteure dafür zur Verfügung standen. Was konnte Mersheim schon wieder von ihm wollen?

Der Chefredakteur reichte ihm, ohne ein Wort zu sprechen, die Bilder und den Brief Esthers. Burg sah erst flüchtig hinein, starrte dann Mersheim kurz an, ging zu dem Besuchersessel und las unter Stirnrunzeln das Schreiben. Als er aufsah, stand Mersheim mit triumphierendem Gesichtsausdruck vor ihm. Was er nun sage? Wer habe mit dieser Mission recht gehabt? Selbst wenn Fräulein Raleigh nichts anderes erreichen sollte – diese Bilder – er nahm sie Burg aus der Hand – und der Brief seien ein befriedigendes Ergebnis der Londoner Reise. Er wolle sofort ins Auswärtige Amt, die Nachricht sei unbezahlbar. Industriespionage, darauf müsse man jetzt besonders scharf achten!

»Also sagen Sie offen, Burg, wäre es nicht schade darum, ein solches Talent –«

»Es ist schade – jammerschade.«

Burg erhob sich mit einem schweren Stöhnen.

»Ich hätte nicht daran gedacht, daß sie – so schnelle Fortschritte machen würde. Ich glaube, Dr. Mersheim, es war ganz gut, daß ich Ihr Wort ablehnte, wissen Sie –? Es dürfte jetzt zu spät sein, sie hier – gut und richtig zu beschäftigen –«

Der Alte lachte trocken, mit einem traurigen Gesicht.

»Man wird im Amt diese Kraft zu schätzen wissen. Sie haben wieder einen gewaltigen Stein im Brett gewonnen – na, lassen Sie sich bitte nicht aufhalten, Dr. Mersheim, ich muß zum Umbruch. Ihr Artikel steht ja wohl schon fertig?«

Mersheim bejahte und machte sich, innerlich über Burgs Formlosigkeit wütend, fertig. Siegfried Burg tappte hinaus und brüllte eine Minute später in der Setzerei, man könne sich auf keinen Menschen verlassen, es sei eine Schweinerei, wenn man jungen Kerlen alles überlasse, und schließlich müsse doch immer er selbst die Geschichte wieder in Ordnung bringen.

 

Als gegen drei Uhr in der Redaktion Stille nach dem Sturm eingetreten war, kam Mersheim zurück und setzte sich – ein seltener Vorgang – an den Schreibtisch, um einen Brief an Fräulein Raleigh zu schreiben.

Zur gleichen Zeit hockte Burg in seinem Sessel und diktierte seiner Sekretärin ein Schreiben an Esther. Er ahnte, welche Elogen man ihr vom Auswärtigen Amt durch Mersheim machen würde, ahnte, wie man sie weiter und immer weiter auf diesem Wege treiben würde, den kaum einer lebend und niemand unversehrt verlassen hatte, und wollte wenigstens warnen und raten, soweit es ging.

Er wußte, daß er sich auf Fräulein Cohn unbedingt verlassen konnte und nahm kein Blatt vor den Mund. Es war an der Zeit, die Dinge offen beim Namen zu nennen, und Burg tat es. Er schrieb ihr, daß die Gefahr nicht beim Vorgehen am größten sei, sondern daß der Rückzug die Aufgabe bilde, an der die meisten Leute scheiterten. Er erwähnte den Namen Selfride nicht, es war fraglich, ob er ihn überhaupt kannte; aber alles, was er über die Art von United Service sagte, paßte auf Selfride. Er warnte Esther vor der Annahme zu vieler Informationen, sie könne nicht beurteilen, ob die Leute, die Selfride durch sie denunziere, nicht anständige Menschen seien – obwohl er das im Falle Patterson nicht glaube.

Burg diktierte sich in einen Eifer hinein, der von wirklicher Zuneigung für Esther sprach. Fräulein Cohn saß ganz klein und zusammengeduckt da und stenografierte den Ausbruch, schrieb die Warnungen, bei denen ihr Herz für Esther bebte und zitterte. Als Burg fertig war und sie aufblickte, sah er, daß ihre Augen voller Tränen standen, die sie nicht verbergen konnte. Er zog sein Taschentuch, schnaubte laut und heftig, strich der kleinen buckligen Sekretärin über den Kopf und sah wortlos in den grauen Hof, der von der ewigen Rauchfahne überweht wurde. Die Sekretärin stand auf, um das Diktat auf die Maschine zu übertragen, er sagte über seine Schulter hinweg:

»Schreiben Sie ihr nachher Grüße 'ran; was Sie wollen. Man muß von einem, der auf solche Reisen geht, Abschied nehmen!«

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