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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Wenn die Herzogin von Rochester eines ihrer berühmten Feste gab, begann acht Wochen vorher die Unruhe im Londoner Stadtpalast, die erst am Vormittag des Festabends wie mit einem Schlage einer fast unheimlichen Stille wich. Der Herzog war in dieser Zeit stets auf der Jagd, meist in Schottland, wo er ausgedehnte Bergwälder besaß; so daß seine Frau die gesamte Dienerschaft und alle nahen Freunde des Hauses in Bewegung setzen konnte, um ihre Vorbereitungen glücklich zu beenden.

Schon die Festsetzung der Einladungsliste machte in jedem Jahr mehr Kopfzerbrechen. Die Grenzen der »Gesellschaft« hatten sich bedenklich erweitert, außer der engeren Gentry, den alten adligen Familien der beiden Königreiche mußten prominente Ausländer berücksichtigt werden; die gerade in London anwesenden indischen Radschas, Multimillionäre aus den Dominions, hervorragende Parlamentarier, Publizisten, Künstler und endlich eine Reihe reicher Leute, die man nicht gern sah, aber nicht verärgern durfte. An allerletzter, aber keineswegs unwichtigster Stelle standen jedoch die Berichterstatter der großen englischen und fremden Blätter.

Die Herzogin Joan wußte genau, wie sehr der Erfolg ihres Festes von den berauschten und verzückten Berichten dieser Unentbehrlichen abhing. Sie ging so weit, sich die einzelnen Herren und Damen der maßgeblichen Presse in den letzten Wochen vorstellen zu lassen und, ihrer Wirkung sicher, ein paar kleine Details der Veranstaltung vorher zu verraten. Für die großen illustrierten Wochenschriften wurden lange vor dem Fest Bilder gestellt, einige der nahestehenden Besucher fanden sich zu diesem Zweck an einem verabredeten Tage in full dress ein und präsentierten sich den glasigen Blicken der Kameras.

Oh, die Herzogin verstand sich auf die Vorbereitungen! Ihr Sinn für Reklame hätte manche der unbeliebtesten amerikanischen Gäste beschämen können!

Für Esther Raleigh hatte Dr. Linden, der den Haushofmeister der Herzogin von den früheren Veranstaltungen her kannte, eine Einladung erbeten. Da das Fest schon in wenigen Tagen stattfinden sollte, fürchtete er, daß man vielleicht keine Möglichkeit mehr hätte, seine Kollegin einzuladen. Aber schon am kommenden Tage traf der Brief mit dem herzoglichen Siegel, der nicht von der Post, sondern von einem Kammerdiener überbracht wurde, im Savoy ein. Esther wurde gebeten, sich am gleichen Vormittag im Herford Palace vorzustellen.

Sie war klopfenden Herzens vorgefahren und hatte sich melden lassen. Es war natürlich Unsinn, und Esther war sich darüber klar, daß diese Vorstellung eine reine Formalität sei; aber sie war in die gefährliche Anfangsstimmung ihres Berufes gekommen, keinen Schritt ohne Reflexionen und Gedanken an die mögliche Entwicklung machen zu können. Der Haushofmeister bat sie, einen Augenblick zu warten, währenddessen sie ruhiger wurde, bis ein junger Mann, der Sekretär der Herzogin, sich vor ihr verbeugte.

Es war ein alter Trick der Herzogin von Rochester, ihre Presseempfänge in einem der prunkvollsten Salons des Hauses abzuhalten. In einem erdrückenden, pompös wuchtigen Rahmen im Stil des späten englischen Barock stand sie selbst, eine zierliche, blonde Frau in modernen Kleidern, und begrüßte die Gäste mit einer Freundlichkeit, die durch den Gegensatz zur Umgebung verwirrte und, wie erwartet, die Urteilsfähigkeit der bürgerlichen Besucher einschläferte.

Auf Esther dagegen wirkte der Prunk der Umgebung nur so, daß durch ihn die Figur der Gastgeberin ganz losgelöst erschien. Sie sah einen heutigen Menschen, der einen bestimmten Eindruck erwecken wollte, und dieses halb unbewußte Durchschauen der Absichten, die man gegen sie hatte, half ihr, frei und unbefangen zu bleiben. Die Herzogin war eine Frau von vielleicht fünfunddreißig Jahren, mit allen Reizen der jungen englischen Dame und der Überlegenheit ihres Alters und ihrer Stellung.

Esther Raleigh begrüßte sie in der herkömmlichen Weise; die Herzogin hatte sie nur kurz freundlich gemustert, ehe sie auf ihren Gast zueilte und ganz unkonventionell Esther bat, niederzusitzen. Sie fing sogleich ein Gespräch an, erklärte, sich an Dr. Mersheim, der frühere Routs bei ihr mitgemacht hatte, zu erinnern, und benutzte die Gelegenheit eines belanglosen Gespräches, um sich ein Urteil über Esther zu bilden. Esther wiederum konnte sich dem Reiz der Herzogin nicht ganz entziehen, wollte es auch nicht; und plauderte frisch über die Dinge, die man sie fragte. Sie fühlte deutlich, daß sie keinen schlechten Eindruck machte, das erhöhte ihre Sicherheit.

Als sie sich verabschiedete, bat die Herzogin sie ausdrücklich, sich auf dem Fest nicht nur als Vertreterin ihres Blattes zu fühlen, sondern wirklich mitzutun, sie selbst wollte Miß Raleigh schon im Auge behalten. Das schien Esther nun freilich ein wenig übertrieben zu sein; es war wohl kaum anzunehmen, daß sich die Herzogin auf einem Fest, an dem über vierhundert Menschen teilnahmen, um eine Journalistin auch nur einen Augenblick kümmern konnte.

Vom Herford Palace fuhr Esther sofort zu einer ihr empfohlenen ersten Schneiderin, um in der kurzen Zeit von drei Tagen ein großes Abendkleid machen zu lassen. Die Schneiderin hatte kaum erfahren, wozu Esther die Toilette brauche, als sie in einem hemmungslosen Wortschwall begann, Einzelheiten von den früheren Festen und beabsichtigte Überraschungen für das kommende zu erzählen. Dazwischen berichtete sie von den diesmal geladenen Gästen allerlei indiskrete Details, äußerte sich über die Familienverhältnisse einiger eingeladener Neureicher und beglückwünschte dabei fortwährend Esther zu ihrer wundervollen Figur, sicher werde sie dem Herzog auffallen!

Gerade über ihn, dessen Reichtum ebenso bekannt war wie sein etwas exzentrisches Leben, hätte Esther gern etwas von der Schwätzerin gehört, aber nach einer nochmaligen Beteuerung, daß der Herzog solche Gestalten wie Esther sehr liebe, nahmen die Redereien der Schneiderin eine andere Wendung. Als Esther nach einer halben Stunde glücklich wieder auf der Straße stand, schien es ihr, als sei sie aus einem lauen Schlammbad gestiegen. Sie schüttelte sich ein wenig, ehe sie sich entschloß, in das Londoner Büro der »Welt« zu gehen, um mit Linden einiges zu besprechen und einen kurzen Vorbericht nach Berlin aufzugeben.

 

James S. Hardley stand referierend in dem kleinen Kontorraum, den Hal Selfride mit seiner belebten Masse erfüllte. Der Sonderberichterstatter von United Service teilte mit, daß er die Einladung für das Fest des Herzogs von Rochester erst jetzt verspätet erhalten habe. Soviel er in Erfahrung bringen konnte, sei Miß Raleigh nicht geladen; aber was sich erfahren ließe, würde er …

Selfride, der einen Federhalter zerkaute, winkte ab. Hardley solle sofort feststellen, ob Miß Raleigh tatsächlich keine Einladung erhalten habe. Wenn das der Fall sei, müsse eben eine besorgt werden, es sei Hardleys Sache, sich darum zu kümmern. Der verneigte sich mit einem etwas hoffnungslosen Blick, er werde alles versuchen, was in seinen Kräften stehe.

»Selbstverständlich«, Selfrides Stimme war leise und scharf, »ich habe bis zum Nachmittag Ihren Bericht. Wenn Sie mit der Besorgung der Einladung Schwierigkeiten haben, wenden Sie sich an Viscount Lendmore, M. P. Grüßen Sie ihn von mir persönlich – er wird Ihnen eine Einladung besorgen können, er muß, auch wenn's ihm nicht paßt! Und jetzt beeilen Sie sich!«

Hardley verschwand, und Selfride machte ein kurzes Telegramm fertig, das nach einem besonderen Code chiffriert war. Er verglich den fertigen Text mit der Urschrift, nickte und klingelte einer Stenotypistin. Die Depesche an United Service in Washington sei sofort aufzugeben – nicht an die Zentrale in New York wie sonst! Das Mädchen ging mit dem Blatt ab. Selfride sah das Konzept nochmals an, schmunzelte und entzündete ein Streichholz, über dem er das Papier verbrannte. Er blies die Asche vom Schreibtisch, überflog mit einem Blick den Raum und zog sich den Mantel an. Draußen hinterließ er, daß er in längstens zwei Stunden wieder im Büro sein werde, und tauchte im Gewühl der Straße unter.

Nach einem kurzen Aufenthalt in der Vertretung – Dr. Linden war nicht anwesend – ging Esther wieder, um Selfride von ihrer Einladung mitzuteilen. Als sie vor dem Büro der Westindian-Rubber vorfuhr, hörte sie, er sei vor einigen Minuten gegangen, sie hinterließ nur, daß sie im Hotel sei, und wollte nach Haus fahren. Im Hotel angekommen, fand sie eine umfangreiche Post vor. Ihre Mutter hatte geschrieben; dann war ein Brief von Georg Herdemerten da und schließlich eine Nachricht Burgs, die sie zuerst öffnete.

Er schrieb ihr, daß er vermute, sie ginge zum Fest der Herzogin von Rochester; wenn es sich machen ließe, solle sie sehen, in die Nähe des Herzogs zu kommen, der seines Wissens der stille Teilhaber oder heimliche Besitzer einiger bedeutender Bergwerke in Südwales sei. Er, Burg, sei davon überzeugt, daß Rochester in dem Komplott drinstecke. Da er weiter maßgebenden Einfluß auf das konservative Blatt »Lightning« habe, so wäre hierdurch vielleicht die Anbahnungsmöglichkeit gegeben. Er hoffe, daß sein Tip ihr nützlich sein werde, und grüßte sie sehr herzlich.

Sie war ein wenig gerührt. Guter alter Burg! Er vergaß sie nicht. Und seine Information war ihr wirklich wertvoll – zusammen mit den Indiskretionen der Schneiderin ließ sich da möglicherweise etwas machen. Wieder ernst geworden, nahm sie den Brief Georgs zur Hand.

Merkwürdig, hatte sich seine Schrift so verändert? Die Zeilen und Lettern waren unruhig, Worte oft in der Mitte unterbrochen und wieder begonnen – was war mit Georg geschehen? Er teilte ihr nur mit, daß seine chirurgischen Studien wohl abgebrochen werden müßten, ein neues interessantes Arbeitsgebiet habe sich ihm erschlossen, er könne mit Hilfe einer Unterstützung, über deren Herkunft er sich nicht äußerte, auf dem neuen Wege weiterstudieren. Dazwischen kamen immer Sätze, wie sehr sie ihm fehle, er sei so allein, sie möchte doch recht oft und ausführlich schreiben!

Sehr beunruhigt legte Esther das Schreiben beiseite. Hier stimmte etwas nicht, das war klar. Zumindest verschwieg Georg irgendeine wesentliche Tatsache. Sie nahm sich vor, ihm ganz offen zu schreiben, daß er ihr so viel Vertrauen entgegenbringen müsse, nichts zu verhehlen, was ihn bedrücke.

Der Brief der Mutter enthielt nur Klagen. Durch Esthers Weggang sei ihre finanzielle Lage verschlechtert worden, ob sie nicht wenigstens etwas entbehren könne, sie lebe doch in London wie eine Prinzessin, was ihr wirklich nicht zukomme. Schon wollte Esther, die der Mutter eine größere Summe bei der Abreise zurückgelassen hatte, den Brief erbittert zusammenballen, als ihr ein Nachwort ihres Bruders in die Augen fiel. Hans schrieb, er habe Ehrenschulden gemacht, achthundert Mark, die er in drei Tagen begleichen müsse, sonst sei es mit der Karriere aus, er sei sich bewußt, daß sie ihm nicht wohlwolle, aber nun sei er gezwungen, sich an sie zu wenden, die bei ihrem Glück allein in der Lage sei, ihm zu helfen. Sie möge das Geld telegrafisch senden. Hier folgte eine Adresse, die Esther nicht kannte.

Sie verspürte einen häßlichen Geschmack im Munde, auf den ihre Speicheldrüsen heftig reagierten. Das waren ihre Angehörigen, sie schluckte und sah mit einem müden Blick in den Spiegel, der ihr gegenüber hing. Die Mutter, die plötzlich Geld witterte, und der überlegene Bruder, der nun, wo er von ihr Hilfe erhoffte, kroch. Esther drehte sich weg und war nahe daran, in hilfloses Weinen auszubrechen, als ihr Telefon klang. In der Halle war Herr Hardley, der sie um ein kurzes Gespräch bat.

Sie versprach, gleich hinunterzukommen, und traf ihn unten in einiger Aufregung an. Seine erste Frage war nach dem Ball, ob sie eingeladen sei. Als sie bejahte, glätteten sich seine Züge, er atmete sichtlich erleichtert auf und sagte ihr, welchen Wert Selfride auf ihr Dortsein zu legen scheine. Esther blieb gleichmütig, sie wollte den Eindruck der Gespanntheit durchaus vermeiden und hatte das Gefühl, daß jede ihrer Fragen und Mienen sofort Selfride hinterbracht werden würde. Sie plauderte mit Hardley noch einiges Belanglose, bis er nach der Uhr sah und erschrocken aufsprang, er müsse sofort Bescheid sagen, daß die Einladungsgeschichte erledigt sei.

Esther sah ihm nach, wie er flink durch die Drehtür steuerte. Dann ging sie zur Postoffice im Hotel und gab an die von ihrem Bruder bezeichnete Adresse achthundert Mark auf. Gleichzeitig beschloß sie, einen Brief nach Haus zu schreiben, in dem sie kategorisch weitere Zahlungen vorläufig ablehnen wollte; da das Geld in ihren Händen nicht ihr allein gehöre. Sie fuhr gleich auf ihr Zimmer, und setzte sich vor ihre Reiseschreibmaschine, um die Briefe fertigzumachen.

 

In einem nicht hervorragend sauberen italienischen Lokal in Eastend traf sich Hal Selfride, der seinen breitkrempigen Hut verwegen zurechtgebogen hatte, mit zwei Herren, deren südliche Herkunft sich nicht verleugnen ließ. Beide begrüßten ihn devot, aber dabei vertraulich, und als er sie, in einem erstaunlich guten Italienisch, fragte, ob es ihnen gelungen sei, den Auftrag durchzuführen, präsentierten sie ihm zwei Karten, aus deren Inhalt hervorging, daß sie als Lohndiener für das Fest im Herford Palace engagiert seien.

Selfride, der für die beiden, gelernte Diener, ein Privatdetektiv oder dergleichen war, schrieb auf dem weinbefleckten Tisch einen Scheck aus und versprach mehr, wenn sie auf dem Ball selbst genau seine Anweisungen beachten und entsprechend berichten würden. Er händigte ihnen etwa ein halbes Dutzend Fotografien aus, die von den beiden Italienern grinsend betrachtet wurden, und schlenderte dann, nach einem flotten Gruß, wieder auf die Straße. Erst nach einigen Ecken bog er seinen Hut in eine würdigere Form zurecht, pfiff einem Taxi und begab sich in sein Büro.

Hardley erwartete ihn schon, Miß Raleigh habe bereits eine Einladung, sie sei im Hotel, wenn er sie zu sprechen wünsche –? Selfride verneinte. Im Augenblick sei nichts zu tun, Hardley könne auf eigene Faust herumlaufen, er werde die zwei nächsten Tage nicht zu sprechen sein.

Dann rief er selbst im Savoy an und ließ sich mit Esther verbinden. Er nannte seinen Namen nicht, sondern sprach als Abteilungsleiter der Westindian Rubber Company. Die verlangten Proben seien gerade eingetroffen, aber er wolle Miß Raleigh nicht die Mühe machen, jetzt ins Büro zu kommen. Ob er sich erlauben dürfte, sie ihr im Hotel zu zeigen?

Esther bejahte natürlich, obgleich sie mit ihrer Briefschreiberei noch nicht zu Ende war. Sie verabredeten sich im Lunchraum, Selfride wollte in zwanzig Minuten dort sein. Ihr kam die ganze Sache, dieses Hintereinanderher und Versteckspielen, fast etwas komisch vor; aber wenn sie an die Person Selfrides dachte, verschwand das Lächerliche sehr schnell zugunsten eines unklaren Spannungsgefühls. Die Vorbereitungen für das Fest waren für die Herzogin Joan sicher viel umständlicher; aber sie konnten nicht erregender sein als diejenigen einiger ihrer Gäste. Esther beendete hastig ihre Briefe und ging zur verabredeten Zeit hinunter.

Selfride hatte sich hinter der »Times« versteckt, deren Gesellschaftsanzeigen er eifrig zu studieren schien. Er begrüßte die zu ihm tretende Esther, während sie sich niederließ:

»Drei Tische hinter Ihnen – sehen Sie sich nicht um! – sitzen zwei Herren und eine Dame. Es sind die Brüder Patterson, Harry und Dick mit seiner Frau. Es wäre mir lieb, wenn Sie sich die Physiognomien der drei Leutchen gut einprägen würden. Sie wohnen alle drei hier im Savoy – übrigens unter dem Namen Jeffers –; aber beobachten Sie die drei möglichst unauffällig, es sind gerissene Burschen. Nicht nötig, daß sie auf Sie aufmerksam werden –«

Er wälzte seinen Zigarrenstummel, der stets der gleiche sein konnte in seiner schwarzbraunen Kürze und Zerkautheit, im Munde herum. Esther ließ ihre Serviette zu Boden gleiten und warf beim Bücken einen Blick auf die von Selfride bezeichnete Gruppe. Sie sah im Augenblick nur, daß die beiden Männer von mittlerem Alter waren, während die sehr elegante Dame höchstens dreißig Jahre zählen konnte. Die Gesichter der Männer waren glattrasiert und unauffällig, die Frau hatte schräggestellte katzenhafte Augen über starken Jochbeinbögen.

Esther tauchte wieder auf, ein wenig rot im Gesicht, und sah Selfride erwartungsvoll an. Er schien zu überlegen, wie weit er sie ins Vertrauen ziehen konnte, sein Blick hatte dabei etwas so unpersönlich Abschätzendes, daß es Esther Raleigh fröstelte.

»Die drei sind bekannte englische Agenten – mir bekannte –« Er kniff den Mund so fest zusammen, daß es aussah, als wolle er den Zigarrenstummel mit den Lippen abkneifen.

»Meist drüben bei uns in den Staaten beschäftigt. Die Männer, gelernte Ingenieure – der unverheiratete war oder ist englischer Marineoffizier –, arbeiten in der Werkspionage, Industriedienst. Gefährliche Burschen, man kennt sie in Washington genau; aber bis jetzt war es nicht möglich, sie zweifelsfrei zu überführen, und wir haben allen Grund, nicht auf Indizien hin – auch wenn sie sicher sind – vorzugehen.

»Die Frau, Miß Raleigh –. Es wäre möglich, daß Sie ihr noch begegnen werden! Seien Sie vorsichtig! Diese Frau hat uns ein paar tüchtige Leute gekostet. –

Soviel ich gehört habe, sollen die Pattersons jetzt auf den Kontinent losgelassen werden – Harry, der Ältere, hat sich in letzter Zeit merkwürdig viel mit Chemie beschäftigt –. Ich kann Ihnen einen Tip geben, Esther Raleigh, der Ihnen in Deutschland viel helfen wird. –«

Während Esther noch reglos Selfride ansah, zog dieser einen Briefumschlag aus der Tasche und reichte ihn seinem Gegenüber. Sie nahm mit einem sonderbar tauben Gefühl in den Händen das Kuvert und zog drei Bilder heraus, Fotografien zweier Männer und einer Frau – Bilder der drei Leute am dritten Tisch hinter ihr. Sie konnte, trotzdem sie Selfrides kalten Blick auf sich ruhen fühlte, ein Zittern ihrer Finger nicht verhindern, als sie die Fotos wieder in den Umschlag zurücksteckte.

Hal Selfride warf seinen erloschenen Stummel weg und zündete eine frische Brasil an.

»Schicken Sie die Bilder umgehend an Dr. Mersheim. Auf der Rückseite, die Sie eben nicht beachtet haben, stehen ein paar Daten; sehen Sie sich die auch noch an. Dann schreiben Sie dazu, was ich Ihnen eben sagte – man wird in der Wilhelmstraße sehr viel Verständnis für Ihren Bericht haben, und – Sie verstärken Ihre Position ganz bedeutend.

Der deutsche Nachrichtendienst ist seit dem Kriege schlecht geworden, die neuen Leute haben noch keine Erfahrung – hm – und wir brauchen die Dinger«, er stieß mit dem Kopf in der Richtung des Umschlages, der auf dem Tisch lag, »nicht mehr.

Ich bin hergekommen, um Ihnen das zu sagen. Daß die drei hier sitzen, ist ein reiner Zufall. Na, mich kennen sie nicht; aber es ist nicht unmöglich, daß man – auf Sie achtet. Also nochmals, seien Sie vorsichtig, vorläufig nur gesellschaftliche Informationen, Personalien – genügen mir vollkommen – andere kleine Sachen werde ich Ihnen so rechtzeitig geben, daß man in Berlin mit Ihnen zufrieden sein wird.

Wir werden uns bis übermorgen kaum mehr sehen, amüsieren Sie sich beim Fest, zeigen Sie, daß Sie trotz Ihres neuen Wissens unbefangen sein können. Bleiben Sie noch ein paar Minuten sitzen, wenn ich gegangen bin. Auf Wiedersehen.«

Hal Selfride erhob sich, erstaunlich behendig für seine Masse, und schlängelte sich zwischen den Tischen in einem kleinen Umweg zur Tür hinaus. Esther saß unbeweglich. Sie fühlte, daß sie ganz blaß geworden sein mußte. Mechanisch zog sie Spiegel und Puderdose aus ihrem Täschchen und legte etwas Rot auf. Dabei sah sie in ihre entsetzten Augen.

Diese Unterhaltung war der Blitz gewesen, der das Dunkel zerriß und einer unerträglichen Spannung ein Ende machte. Jetzt wußte sie, wer Hal Selfride war und was sich hinter dem United Service verbarg! Es war ihr, als falle plötzlich ein Netz über sie, mit einem Schlage sah sie sich in Umstände und Verhältnisse verstrickt, vor denen eine ungeheuere Angst sie zu lähmen drohte. Sie holte tief Atem und stützte den Kopf in ihre Hand. Gab es noch ein Zurück?

Das Schlimmste war dabei nicht die Erkenntnis, welche Rolle Selfride spielte; das Erschütternde war die Tatsache, daß Mersheim sie so – benutzen wollte. Selfrides brutale Offenheit erfüllte sie beinahe mit einem verzweifelten Dankbarkeitsgefühl. Daß sie noch nicht bemerkt hatte, wozu man sie mißbrauchen wollte!

Es würgte sie im Halse, sie trank hastig einen Schluck von dem schon kalt gewordenen Tee. Also Spionage – nun durfte sie sich nichts mehr vormachen. Es war die Erziehung zur Agentin. Man hatte sie mit gebundener Marschroute in Gang gesetzt, die Stellung des Gegners nur ganz vag angegeben und wollte es ihr überlassen, eine Durchbruchsstelle zu finden!

Einen Augenblick lang drohte eine wilde Wut sie zu überwältigen; dann wurde sie kalt und klar. Spionage, das war ihr wie den meisten Menschen immer als etwas Verächtliches, Gemeines, als der Verrat um des Geldes willen erschienen. Sie war gewiß keine Patriotin im üblichen Sinne; aber sie glaubte an die Notwendigkeit für jedes Staatswesen, eine Reihe von Tatsachen geheimzuhalten. Sie hatte bisher noch zu wenig über den unterirdischen Kampf der Industrien nachgedacht. Der Wettbewerb nahm oft abscheuliche Formen an, Bestechung, Schiebung, politische Verwicklungen – das alles hatte sie nicht überrascht.

Jetzt sah sie mit einemmal hinter die Kulissen. Da standen die feindlichen Fronten, stark und geschlossen, bereit, jeden Angriff abzuschlagen. Dahinter aber, hinter der Front, mitten im Gebiet des anderen, arbeiteten die einzelnen, die Vorposten, die Spreng- und Erkundungspatrouillen. Der offene Kampf war sicherlich kein Scheinmanöver, es gab genug Tote auf beiden Seiten; dieser heimliche Kampf jedoch mußte fürchterlich sein. Hier konnte man nicht auf Gnade rechnen, hier gab es keine Unterstützung für den Sinkenden; wer fiel, war verloren.

Esther starrte trübe vor sich hin. Sie ahnte ein Leben voller Abenteuer und unsäglicher Gefahren – und es war kein herrliches, verwegenes Spiel. Von diesem Augenblick an hörte das Spiel auf; keine Minute außer dem Schlaf gehörte ihr selbst mehr, ihr Leben würde aus einer unaufhörlichen Reihe von Anstrengungen bestehen. Die Selbstbeherrschung mußte zu einer undurchdringlichen Maske ausgebaut werden; es war der erschöpfendste und unerhörteste Kampf, in dem sie Tag um Tag stehen sollte.

Sie war nahe daran, zu verzweifeln, und erwog in einer einschnürenden Angst, Wege aus dieser Gefahr zu finden. Das hatte sie nicht gewollt! In welche Lage hatte man sie gehetzt! Sie dachte daran, alles im Stich zu lassen, sofort zurückzufahren, vor Mersheim zu treten und ihm ins Gesicht zu schreien, daß sie sich nicht zu solchen Geschäften hergeben würde!

Aber da fiel ihr Burg ein. Nun erst verstand sie seine Worte beim Abschied ganz. Er konnte ihr nicht mehr sagen, um Mersheim und die Leute hinter dem Chefredakteur nicht bloßzustellen; aber er hatte getan, was er konnte, um sie vorzubereiten. Wenn er, Burg, zu dem ihr Vertrauen unerschüttert war, sie nur warnte, ihr nicht direkt abriet, wenn er glaubte, daß sie stark genug sei, solche Aufgaben durchzuführen – dann durfte man nicht einfach die Flinte ins Korn werfen, sobald man den Feind von fern sah!

Sie durfte Burg nicht enttäuschen! Es erschien ihr selbst grotesk, wie sie sich an diesen Gedanken klammerte. Sie war ausgesucht worden, um an diesen verlorenen, aber wichtigen Posten gestellt zu werden. Lag darin nicht doch ein ungeheueres Vertrauen? Sie, ein Mädchen von einundzwanzig Jahren, sollte einen Kampf aufnehmen, für den man offenbar keinen Mann zur Verfügung hatte!

Esther Raleigh hob den Blick. Bisher war sie wie blind durch das Leben gegangen – so schien es ihr nun –, jetzt sah sie die Welt und ihre Umgebung mit anderen Augen. Unwillkürlich straffte sie sich, das Spannen ihrer Muskeln gab ihr ein Gefühl von Kraft und Erregung. War es nicht eine Jagd, die begann? Eine Jagd, in der sie zugleich Jäger und Hund, Aufspürer und gehetztes Wild war? Sie dehnte sich, die Lust roch anders, ihr Herz, das im ersten Schrecken der Erkenntnis langsam und gequält geschlagen hatte, fing an, den neuen Takt zu klopfen, der ihr nun schon vertrauter vorkam.

Noch einmal sah sie, mit gesammeltem, nach innen gekehrtem Blick vor sich hin, dann war sie entschlossen, weiterzugehen. Die Geschichten von Sterbenden fielen ihr ein, die ihr ganzes Leben im Moment des Überganges in Bildern vorüberziehen sehen sollten – auch sie sah Mutter und Bruder, den toten Vater, Burg, Mersheim, Georg, Selfride, alle, alle Gesichter wie in einem Wirbel vor sich –

Alles Frühere starb, von heute an wußte sie ihren Weg. Esther Raleigh war entschlossen, Spionin zu werden.

Sie stand auf, nachdem sie das Kuvert eingesteckt hatte, und ging durch die Tische dem Ausgang zu. Sie mußte an den Pattersons vorbei, und in dem Augenblick, in dem sie sich zwischen den Stühlen hindurchdrehen wollte, rückte die Frau den ihren zurück, so daß Esther gezwungen war, einen Moment innezuhalten. Die andere wandte sich wie erstaunt um, entschuldigte sich und fragte, indem sie Esther unbefangen ansah, ob sie nicht auch im Hotel wohne.

Esther bejahte, ihr Herz klopfte; das Tempo der Ereignisse erforderte schon jetzt die Beherrschung aller Nerven. Frau Jeffers, wie sich die Dame vorgestellt hatte, machte ihr Platz und verstand es, unter einem bedeutungslosen Vorwande, unmittelbar nach ihr den Raum zu verlassen. Esther bewunderte diese Frau, die es so mühelos und unauffällig verstand, in die Nähe ihrer Opfer zu kommen. Sie gestand sich, daß sie ahnungslos in das Netz gelaufen wäre, wenn Selfride sie nicht aufgeklärt hätte. So aber fühlte sie sich einigermaßen gewappnet und sogar ein wenig überlegen, da die andere nicht ahnen konnte, daß ihr Bild in Esthers Handtasche lag und noch heute nach Berlin abgeschickt werden würde.

Frau Jeffers erfuhr, daß Miß Raleigh allein hier wohne und Vertreterin der »Welt« sei; sie tat sehr neugierig, was denn Miß Raleigh da zu tun habe? Schriftstellerei interessiere sie sehr, sie sei gezwungen, mit ihrem Mann immer herumzureisen, wohin ihn die Geschäfte trieben; ob sie nicht Esther besuchen dürfe? Vielleicht könne man sich, während der Dauer ihres Aufenthaltes hier, ab und zu treffen?

Esther schien entzückt von Frau Jeffers' Liebenswürdigkeit. Natürlich fühle sie sich als einzelne Dame hier vereinsamt und würde sehr gern ein wenig Anschluß finden. Sie müsse sich auch erst in die englischen Verhältnisse einarbeiten; da sie trotz ihres englischen Namens niemals hiergewesen sei; wenn Frau Jeffers ihr da etwas behilflich sein könnte –?

Frau Jeffers schob ohne viel Umstände ihren Arm unter den Esthers und erklärte mit einem warmen, halb freundschaftlichen, halb mütterlichen Ton, daß ihr nichts mehr Freude machen würde. Sie ging mit Esther hinauf in deren Zimmer. Esther dankte ihrem Schöpfer und ihrem Ordnungssinn, daß nichts herumlag, das irgendwie verdächtig aussehen konnte; denn sie wußte, daß innerhalb der ersten Minute ein genaues Verzeichnis aller Gegenstände ihres Zimmers im Kopfe der liebenswürdigen Frau Jeffers aufgenommen sein würde.

Sie war sogar so kühn, ihre Handtasche auf das kleine Tischchen zu legen, an dem Frau Jeffers saß, und trat vor den Spiegel, um sich ihr Haar überzubürsten. Von dort sah sie ihre neue Freundin, die viel zu klug war, um durch Umherblicken Verdacht zu erregen. Frau Jeffers sah mit harmlos entzückten Blicken auf Esthers schöne Figur, ohne der Einrichtung des Raumes oder einem Gegenstand einen Blick zu schenken. Als Esther fertig war und erklärte, in die Londoner Vertretung ihres Blattes fahren zu müssen, begleitete Frau Jeffers sie bis in die Halle.

Beim Abschied bat sie Esther, sie lieber mit ihrem Vornamen zu nennen, sie heiße Ray; Mistreß Jeffers klinge so fremd, und sie hoffe doch, daß man nicht förmlich miteinander bleiben wolle. Wenn es Esther passe, könne man ja am Abend gemeinsam irgendwo hingehen, ihr Mann und ihr Schwager seien sowieso besetzt, und sie bleibe ganz allein. Esther sagte zu, schüttelte Ray Jeffers die Hand und fuhr zu Dr. Linden.

Der Kopf wirbelte ihr doch ein wenig, Frau Ray hatte Elan und eine beunruhigende Routine. Esther dachte unvermittelt an Selfrides Ausspruch, daß diese Frau einige gute Leute auf dem Gewissen habe. Esther krampfte ihre Hand zusammen, in der sie die glatten weißen Finger der schönen Ray gefühlt hatte. Wie viele Hände mochten diese Finger umfaßt haben – und wo waren diese Hände jetzt –? Sie schauderte kurz. War es nicht eine schöne Aufgabe, diese Dame zur Strecke zu bringen?

Ganz plötzlich erwachte in Esther ein heftiges Gefühl, Neid und noch etwas, das sie nicht definieren konnte. Es war eine Art hemmungsloser Geschlechtseifersucht, die sie auf diese Gegnerin hetzte. Sie spürte, ohne sich über die Gründe klar zu sein, daß sie einem Manne gegenüber viel schwerer in diesen Zustand kommen würde. Ein Mann mußte schon aus anderen Gründen ihren Abscheu erregen, um derartige Gefühle auszulösen.

Aber diese Frau, diese katzenhaft gewandte, gefährliche Frau, die ihre Opfer mit bestrickender Liebenswürdigkeit kirre machte und betäubte; diese Frau, die sicher erbarmungsloser war als selbst Selfride – sie war eine Gegnerin, an der sie ihre Ebenbürtigkeit erproben konnte!

Der Wagen hielt vor dem Büro. Esther fuhr im Lift hinauf und traf Dr. Linden, der gerade gekommen war. Er bedauerte, daß sie ihn vormittags nicht getroffen habe, er hätte aber einige prominente deutsche Herren begrüßen müssen, die früh angekommen seien. Auf Esthers fragenden Blick erklärte er, es sei Direktor Berger von den vereinigten Kaliwerken, der Syndikus Dr. Messelmann von den Süddeutschen Farbenfabriken und Herr Direktor v. Wandt, Leiter des Hegelmann-Konzerns. Die Herren seien unvermutet gekommen, trotzdem seien sie auch für übermorgen abend zum Fest geladen worden.

Linden schüttelte den Kopf.

»Man muß nur eine Rolle in der Industrie spielen, um heutzutage alle Türen offen zu finden –«

Esther lächelte. Das Fest versprach, nicht uninteressant zu werden. Sie bat Linden, sie morgen auf dem Fest mit den Herren bekannt zu machen, was er versicherte, auf alle Fälle vorgehabt zu haben. Dann machte sie ihren Brief an Dr. Mersheim mit den Fotografien fertig und bat Linden, ihn eingeschrieben mit der übrigen Post vom Büro aus abzuschicken. Es war mittlerweile sieben Uhr geworden, und um acht hatte sie sich mit Frau Ray Jeffers verabredet.

Sie traf ihre neue Freundin in der Halle, damit beschäftigt, die Vergnügungsanzeigen der Zeitungen zu durchfliegen. Man hatte sich schnell geeinigt, auf Theater zu verzichten, das Repertoire war allmählich so international geworden, daß man in allen Großstädten sicher war, denselben Stücken zu begegnen. Konzert wurde ebenfalls abgelehnt, von Frau Jeffers, die sich ja unterhalten wollte, aus guten Gründen. Schließlich kam man überein, sich einen neuen amerikanischen Groteskfilm anzusehen.

Die beiden Damen wurden in der Hotelhalle schon nach wenigen Minuten der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Während Esther über einem grauen Seidenkleid, das mit altgoldenen Fäden durchwirkt war, einen dunklen Pelzmantel trug, der ihre Schlankheit hervorhob und doch verhüllend wirkte, strahlte Ray Jeffers in glitzernder auffallender Eleganz. Der Pelz mit leuchtendem brokatenem Futter war weit geöffnet, so daß man die silberfarbene Robe bewundern konnte, die sich eng um Brust und Hüften schmiegte. Lange, ganz glatt anliegende Ärmel fielen mit weiten, innen grün ausgeschlagenen Manschetten über die Handgelenke, an denen breite moderne Armbänder klirrten.

Esther fand Rays Toilette durchaus nach Halbwelt, mußte sich aber gleichzeitig bekennen, daß die Grenze zwischen wirklicher Eleganz und Halbwelt schon seit dem Kriege so verwischt war, daß kaum das Benehmen, geschweige denn die Kleidung einer Frau sichere Schlüsse auf ihre Herkunft und gesellschaftliche Stellung zuließ. Sie beneidete ein wenig die Geschicklichkeit von Frau Jeffers, sich zum Kugelfang aller Blicke zu machen und doch vollkommen unbefangen und sicher zu bleiben, und ahnte nicht, daß die Mehrzahl der Blicke ihr galt, die trotz ihrer dezenten Toilette unendlich viel reizvoller wirkte.

Aber was ihr entging, hatte Ray Jeffers schon längst bemerkt, sie sah deutlich das Gleiten der Blicke, die von ihrer Pracht zu Esthers Schlichtheit gingen. Sie beschloß, sich mit Esther zusammen nicht zu oft zu zeigen, sie wollte nicht Gefahr laufen, ihre Mittelpunktstellung in allen von ihr besuchten Kreisen zu gefährden.

Während die schöne Ray diese Betrachtungen, in denen sich persönliche und geschäftliche Überlegungen mischten, anstellte, begegnete Esthers Augen ein Blick, der sie sofort fesselte. Neben dem Empfangschef stand ein jüngerer Mann, dessen Gepäck soeben gebracht wurde. Er trug einen weiten Ulster und eine flache Reisemütze, die er abnahm, um sich durch sein dichtes, schwarzes Haar zu fahren. Im Gegensatz zu der neuen Mode des kleinen Schnurrbartes war er glattrasiert, so daß sein Gesicht frei und maskenlos wirkte.

Und dieses Gesicht war es, mehr noch als die dunklen, eindringlichen Augen, das Esther auffiel. Es war nicht das Gesicht eines reisenden, eleganten jungen Mannes, obwohl der Fremde kaum über dreißig Jahre alt sein konnte. Die Linien um Mund und Nase sprachen von Kämpfen und Entbehrungen, die Form der Stirn von einer bis zum Fanatismus gehenden Entschlossenheit. Er sprach mit dem Mann neben ihm, ohne seinen Blick von Esther zu wenden. Und sie, die in allen ähnlichen Fällen mit hochmütigem Emporziehen der Brauen und kaltem Hindurchsehen durch die Person des Anstarrenden geantwortet hatte, fühlte sich nicht fähig, den Blick zu wenden.

Der Fremde sah sie weder herausfordernd noch verliebt an, in seinem Blick war nichts Dreistes und nichts Bittendes; es war ein klares, offenes Hinsehen, dem sich Esther nicht entziehen konnte. Sie fühlte, daß dies nicht der letzte Blick sein würde, den sie miteinander tauschen sollten; aber in diesem Augenblick fiel ihr Frau Jeffers ein. Sie sah einen Moment zu ihrer Nachbarin und dann wieder zu dem Fremden. Er verstand sofort, drehte sich höflich dem Empfangsherrn zu und trug seinen Namen in das Gästebuch ein, bevor er, gefolgt von zwei Boys mit seinem Gepäck, zum Fahrstuhl schritt.

Nur vor dem Einsteigen sah er kurz zurück und lächelte froh und ganz naiv zu Esther hin, die auch nicht ganz ernst bleiben konnte. Sie wandte sich zu Ray Jeffers, ob man aufbrechen wolle; ein Page holte einen Wagen, und Esther Raleigh fuhr mit Frau Jeffers ins Kino.

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