Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Michael Corvin >

Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectid1bf3eac0
Schließen

Navigation:

4

Seit einer Viertelstunde beantwortete Fräulein Cohn alle telefonischen Anrufe und Anfragen nach Herrn Burg damit, daß ihr Chef jetzt nicht gestört sein wolle. Sie selbst wußte nicht genau, um was es sich handelte, der Postbote hatte ihr auf eine Krage nur erwidert, ein Telegramm aus London. Aus London, das hieß von Esther Raleigh, überlegte die Sekretärin, und direkt hierher in die Redaktion bedeutete eine Sache von unaufschiebbarer Wichtigkeit.

Als nach mehreren Minuten Burg noch nicht wieder aus seinem Zimmer, in das er mit dem Telegramm gegangen war, auftauchte, wurde sie unruhig. Jetzt waren schon fast zwanzig Minuten vergangen – da knallte die Tür auf, das rote Gesicht Siegfried Burgs starrte heraus, der riesige Körper war in Aufregung. Er schrie sie an, er sei vorderhand für niemand zu sprechen und gehe zum Chefredakteur. Dabei wälzte er sich durch den Raum und verschwand in dem Gang, der zu Dr. Mersheims Zimmer führte.

Mersheim stand vor seinem Pult. Er spitzte beim Schreiben die Lippen, sog sich mit einem gut gefundenen Ausdruck, einer glücklichen und treffenden Phrase voll, bis er sie aufatmend niederschrieb. Sein Stil war berühmt, die Diktion klar und scharf, ohne dabei nüchtern zu werden. Er liebte schmückende Beiworte, kleine Wendungen, die ironisierten, ein Zitat. Trotzdem er sich nie produktiv mit schöngeistiger Literatur beschäftigt hatte und das Feuilleton leise verachtete, war er der Typus des Literaten mit politischen Ambitionen. Es kam nicht darauf an, daß man eine Meinung hatte und sie aussprach, sondern wie man sie aussprach. Mersheim besaß ein durch Jahrzehnte natürlich erweitertes allgemeines Wissen, das oberflächlich war; aber er verstand es – dies war das Wesen der journalistischen Publizistik –, diese Oberfläche zu polieren und die Tagesereignisse sich in ihr spiegeln zu lassen. Zum Chefredakteur der »Welt« qualifizierten ihn außer dem Wunsch des alten Rehmhardt seine gesellschaftlichen Fähigkeiten, die ihm zu allen für ihn nötigen Kreisen schnell Eingang verschafft hatten.

Er war also durchaus kein Chefredakteur im engeren Sinne des Wortes, und das brachte ihn in einen ständigen Gegensatz zu Burg, der für das Haus unentbehrlich war. Mersheim wußte genau, daß Burg, wenn er in einer Diskussion schwieg, dies nicht aus Hochachtung tat; sie gingen sich, soweit das möglich war, aus dem Wege und behandelten sich mit einer Art von Respekt, wie es zwei Wölfe in einem fetten Revier tun, das keiner verlassen will.

Nur in einem Punkt konnte Burg sicher sein, daß Mersheim ihm unbedingt recht gab, das waren die Personalfragen. Niemals bisher hatte Dr. Mersheim versucht, gegen bestimmte Meinungen des alten Burg über irgendwelche im Hause beschäftigten Leute offen Stellung zu nehmen. Er hatte seinen Nachrichtenchef stets auf dem laufenden über die Verwendung der verschiedenen Angestellten gehalten. Wenn Burg jetzt in einiger Aufgeregtheit in das Zimmer platzte, so mußte das schon recht gewichtige Gründe haben.

Dr. Mersheim wandte sich, freundlich lächelnd und im Innersten tief verletzt über das rohe Eindringen, an Burg, womit er ihm dienen könne. Burg sah ihn flammend an:

»Wissen Sie, auf welchen Weg wir die Raleigh treiben, wenn Sie sie nicht bald zurückrufen?«

»Ich bitte Sie, Herr Burg, weshalb die Aufregung? Sie wissen es doch selbst, wir sprachen ausführlich –«

»Ich habe den Eindruck«, Burg griff in die Tasche, in der er Esthers Telegramm zerknittert faßte, »daß wir beide, jawohl wir beide! die Gefahr für Fräulein Raleigh erheblich unterschätzt haben!«

Mersheim sah ihn fragend und etwas ungeduldig an.

»Ich sehe nicht recht, wo diese Gefahr stecken soll. Sie hat einen bestimmten Auftrag, der uns interessiert –«

Plötzlich trat Burg hart an den anderen heran, den er um fast einen halben Kopf überragte.

»Wir? Wer sind wir? Seien wir ehrlich, Mersheim, Sie wollen ein Tauschgeschäft machen! Man hat drüben in der Wilhelmstraße wohl im Augenblick niemand, der gute – Gesellschaftsberichte gibt, he? Wir haben das Glück, einen so entwicklungsfähigen Menschen in der Redaktion zu haben wie diese Esther Raleigh – muß man sie solchen Möglichkeiten aussetzen?«

Dr. Mersheim trat schwach lächelnd einen Schritt zurück.

»Sie sind ja nicht wiederzuerkennen, lieber Burg. Seit wann setzen Sie sich für unsere – hm – Redakteure – so ein?«

Burg wurde kalt und ruhig, während er nach der Uhr sah.

»Schön. Das Mädel, das heute noch frisch, naiv und ein anständiger Mensch ist, soll also an diese Front gestellt werden. Schade! Nun, ich kann es nicht ändern. Aber um eins möchte ich Sie bitten, Dr. Mersheim: Wenn die Stunde gekommen ist, in der sie für uns zu – zu belastend wird, dann teilen Sie bitte erst mir und dann ihr selbst den Tatbestand mit. Ich bin ein alter Mann, ihre stille Vermutung von vorhin überschätzt mein Bedürfnis nach Lyrik.

Es wäre nur gut, sich nicht über die Fähigkeiten dieses jungen Mädchens zu täuschen. Sie ist klug und wird schlau werden, sie ist – nicht häßlich und wird eine Schönheit werden. Sie hat ein gutes Gedächtnis und eine schnelle Auffassungsgabe und wird nicht vergessen. Ich möchte Ihnen das heute schon sagen, um Sie vor Überraschungen zu schützen. Sie wird nichts vergessen. Noch kann sie den Weg nicht übersehen – vielleicht noch nicht. Aber in wenigen Tagen oder Wochen wird ihr alles klar sein. Sie wird erkennen, daß sie an einer Stelle steht, auf der sie im Moment einer Unvorsichtigkeit preisgegeben werden muß – oder wollen Sie die ›Welt‹ in Spionageprozesse verwickeln?«

Burg sah auf die lärmende Straße und schwieg einen Augenblick, während Mersheim sich, ohne zu antworten, die Gläser seiner Brille putzte. Dann wandte sich der Alte wieder zurück:

»Ich habe soeben von Fräulein Raleigh ein außerordentlich wichtiges Telegramm erhalten, das ich Ihnen zeigen will, obwohl es gewissermaßen an mich privat gerichtet ist. Sie schreibt darin, daß man von seiten des United Service versucht, ihre Mitarbeit zu bekommen. Die Leute arbeiten schnell und sicher. Sie soll, wie sie sofort erkannt hat, damit geködert werden, daß man sie nur um Informationen bittet, die für die ›Welt‹ unbrauchbar sind. In Wirklichkeit, vermutet Fräulein Raleigh, soll sie für die Amerikaner einige Kastanien aus dem Feuer holen. Ich glaube noch etwas anderes, nämlich, daß man versuchen wird, ihr ein paar hübsch frisierte Sachen für uns hier anzudrehen. Sie durchschaut das Spiel halbwegs, vollkommen ist das wegen ihrer Unerfahrenheit in diesem Geschäft unmöglich. Die Frage ist nun die, ob man ihr zuraten soll, mit Mister Hardley, den wir ja recht gut kennen, zu arbeiten oder nicht. Aber es ist wohl besser, deswegen mit dem Auswärtigen Amt zu reden. Wenn es unsere – Ihre – Dispositionen nicht stört, würde ich Sie bitten, mir möglichst umgehend Bescheid zu geben, da Fräulein Raleigh meine Antwort abwarten will, bevor sie sich bindet.«

Burg sah wieder nach der Uhr, ehe Mersheim sich äußerte. Der Chefredakteur war von der Unruhe Burgs angesteckt worden. Die Ereignisse in London schienen sich wesentlich schneller zu entwickeln, als er es für möglich gehalten hatte. Es war ihm wie auch Burg klar, daß Esther Raleigh an Dr. Linden kaum einen Halt, geschweige denn einen Schutz finden könne. Linden durfte im übrigen in die ganze Angelegenheit möglichst wenig hineingezogen werden. Die Bundesgenossenschaft erschwerte und komplizierte die Situation ganz erheblich, aber die Feindschaft von United Service bei einer Ablehnung der Mitarbeit würde Esther Raleigh die Durchführung ihrer Aufgabe unmöglich machen.

Mersheim sah an Burg vorbei angelegentlich auf einen Fleck der Tapete:

»Sie haben recht, Burg, wir können wenig tun. Wenn Fräulein Raleigh das ist, wofür Sie sie halten, wird ihr nichts geschehen. Ich brauche nicht – irgendwo – anzurufen, Sie irren sich, wirklich. Es genügt, wenn wir uns einig sind, lieber Burg. Ich bin überzeugt, daß die Raleighschen Berichte gut sein werden, ich glaube ja auch an ihre Tüchtigkeit, sonst hätte ich ein so junges Mädchen nicht nach London geschickt. Und was den Weg anlangt, dessen klare Bezeichnung wir so sorgfältig umgehen, meinen Sie wirklich, Burg, daß es dazu kommen muß? Wenn Esther Raleigh ihre Aufgabe drüben gelöst hat, verspreche ich Ihnen, sie hier richtig und gut zu beschäftigen und keiner solchen – Gefahr auszusetzen. Sie haben mir ein bißchen Angst gemacht, also ich gebe Ihnen mein –«

»Herr Dr. Mersheim, wir wollen uns keine Mühe und keine gegenseitigen Ehrenworte geben. Vor wenigen Tagen hatten Sie noch das Schicksal Esther Raleighs in der Hand – heute ist es für uns beide – und sie – zu spät. Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, wo wir stehen. Ich klage Sie im übrigen keineswegs an, es scheint mir zweckmäßiger zu sein, wenn gerade wir beide auf einer Seite zusammen stehenbleiben. Auf der anderen verfügt man sowieso über mehr Intensität und Wollen. – Also, die guten Absichten in allen Ehren – von heute an können wir nicht mehr Prometheus spielen, wenigstens nicht im Fall Esther Raleigh: das Feuer ist bereits bekannt, und man spielt mitunter recht unvorsichtig damit.«

Dr. Mersheim sah noch zu Boden, um auf das Ende von Burgs Ausführungen zu warten, als er die Tür schnappen hörte – der Alte war hinausgegangen. Es war eine zweischneidige Geschichte, natürlich; aber Herrgott! – Mersheim fing nach einem energischen Ruck an, im Zimmer auf und ab zu gehen, schließlich konnte Burg wirklich nicht ihn für eine mögliche Entwicklung verantwortlich machen!

Jeder Mensch, der eine neue Aufgabe übernimmt, kommt an eine Wegscheide, die sein Schicksal entscheidet; berechtigt ihn das dazu, andere mit seinen Entschlüssen zu belasten? Er blieb vor dem Schreibpult stehen, auf dem sein angefangener Artikel lag, und las die ersten Absätze durch. Seine Mienen glätteten sich, er freute sich seiner schlanken, gewandten Sätze, wurde interessiert, sprach dieses und jenes Wort halblaut mit – und fand sich nach ein paar Minuten eifrig damit beschäftigt, den Artikel zu vollenden. Ein-, zweimal drohte die Erinnerung an die Szene von vorhin, ihn zu stören; aber er bezwang sich, und die Feder schlüpfte weiter über den weißen Bogen.

Burg indessen war, immer noch glühend, in seine Höhle zurückgestürmt und verbarrikadierte sich vor unerbetenen Besuchern hinter Fräulein Lohn, während er ein Antworttelegramm an Esther aufsetzte.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.