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Der heimliche Kampf

Michael Corvin: Der heimliche Kampf - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMichael Corvin
titleDer heimliche Kampf
publisherWegweiser-Verlag G. m. b. H.
yearo.J.
firstpub1930
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20181125
projectid1bf3eac0
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3

Der Teeraum war eine langgestreckte, dunkel getäfelte und mit Seidentapeten bespannte Halle. An einem Ende, nächst dem Eingang von der Hotelhalle aus, befand sich ein kleines Tanzparkett, über dem seitlich die Kapelle in einer Art Loggia untergebracht war. Der andere Teil der Halle war akustisch fast abgeschlossen, wenn man auch gedämpft die schon an und für sich leise Musik vernahm. Hier hatte Hardley einen Tisch genommen, der in einer Nische stand und so nach drei Seiten Deckung hatte.

Esther sah den Wartenden sofort und schritt auf den Tisch zu. Er stellte sich nochmals vor, bat sie, die ebenso gleichmütig zu sein schien, wie sie aufgeregt war, um Entschuldigung wegen seiner Kühnheit und setzte sich ihr gegenüber. Der Tee kam, dazu wurden à discrétion petits fours und Kuchen gereicht; sie sah Herrn Hardley an, der wieder sehr ruhig und heiter war. Er hatte regelmäßige Züge, nur die starken Kinnbacken gaben dem Gesicht etwas Boxerisches, ein Eindruck, den die breiten Schultern noch verstärkten. Seine Hände waren der gerade Gegensatz zu Lindens Händen. Sie hatten schmale, aber griffeste Gelenke, gebogene Nägel und eine glatte Haut. Er hantierte geschickt mit den Kannen und Kännchen, gab Zucker und wartete dann, nachdem Esther einen Schluck getrunken hatte, offenbar, daß sie beginnen sollte ihn zu fragen.

Aber diesen Gefallen wollte sie ihm nicht tun. Mochte er, der diese Unterredung erbeten hatte, auch den Anfang finden. Er bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen, und bot ihr eine Zigarette an. Nach einigen Zügen, während deren sie ihn ansah, fing er unvermittelt an zu sprechen.

»Ich nehme an, daß Sie über meine Bitte zunächst etwas erstaunt waren, Miß Raleigh?«

Esther hob ein wenig die Schultern, ohne zu antworten.

»Ich glaubte mir die Freiheit nehmen zu dürfen, da ich eigentlich Ihr engerer Kollege bin – kennen Sie den United Service for Press Information?«

Sie nickte; United Service war das größte und einflußreichste Informationsbüro Amerikas, es stellte den gemeinsamen Apparat der mächtigsten Zeitungskonzerne dar. Die Nachrichten des Dienstes beherrschten und bildeten die öffentliche Meinung der vereinigten Staaten. Burg hatte ihr einmal von diesem Polypen erzählt, dessen Arme bis in die entlegensten Städte der Union reichten. Er hatte den Informationsdienst als das gefährlichste Instrument der Gegenwart bezeichnet; und siehe da, Herr Hardley war dort Mitarbeiter! Sie hörte weiter zu, was er ihr sagte.

»Ich bin nicht der offizielle Londoner Berichterstatter, sonst würde ich wohl kaum hier im Savoy wohnen. Aber es ist bei uns wie bei Ihnen, man bekommt besondere Aufträge – nun, ich soll jetzt hier über die allgemeine Stimmung, politisch und gesellschaftlich, schreiben; und ich dachte, daß man da vielleicht einige gemeinsame Interessen hätte –«

Er hielt inne und sah sie aufmerksam an. Esther fühlte deutlich, dies alles sei Vorpostengeplänkel; er wollte sie aus ihrer Reserve herauslocken, sie lächelte ganz leicht und nickte ihm nur ermunternd zu, fortzufahren. Nun mußte er klarer werden, näherkommen und unverhohlener reden. Er betonte nochmals, daß seiner Meinung nach ihre Ansichten über die Dinge hier sicher die gleichen sein würden; er glaube, daß man sich in mancher Beziehung gut ergänzen könne; ein Mann habe andere Mittel und Wege der Information als eine Frau und umgekehrt. Er sei überzeugt, daß sie ganz unpolitisch nur die Verhältnisse studieren wolle – hier schien seine Stimme einen lauernden Unterton zu bekommen, aber sie konnte sich freilich täuschen –, während er andere Absichten habe.

Er hielt einen Augenblick inne und trank seine Tasse leer.

»Sie werden allerlei hören, ganz nebenbei und unabsichtlich, was Ihr Blatt nicht interessieren wird. Nun, wir, das heißt, United Service hat zu viele Interessen, als daß irgendeine Nachricht für uns belanglos wäre. Ich könnte Ihnen den Vorschlag machen, das für Sie unverwendbare Material an uns zu geben, ich bin überzeugt, daß es – ein gutes Geschäft wäre.«

Hardley hatte bis zu den letzten Worten eifriger gesprochen. Esther schwieg immer noch. Ihr Mißtrauen begann einzuschlafen. Sie war zwar nicht geneigt, diesen etwas zweischneidigen Antrag ohne eine private Anfrage bei Burg anzunehmen; immerhin wurde nun das Interesse Hardleys klar. Es kam ihm sichtlich darauf an, seine Auftraggeber zufriedenzustellen; daß ihm in diesem Fall die stille Mitarbeit einer Frau gelegen kommen mußte, war nicht erstaunlich. Sie schenkte ihrem Gegenüber noch Tee ein. Er zündete sich eine neue Zigarette an, bevor er fortfuhr.

»Ich würde mich sehr freuen, wenn wir zusammen gehen könnten, Miß Raleigh. Ich sah Sie vorhin mit Mister Linden. Ein sehr tüchtiger Mann, sicherlich; aber ich bezweifle, daß er Ihnen von großem Nutzen sein kann. Verzeihen Sie meine Offenheit, ich spreche ja nur in Ihrem Interesse!«

Also er kannte Linden. Nicht weiter erstaunlich, Journalisten pflegen sich, wenigstens flüchtig, zu kennen. Aber die Erwähnung ihres Begleiters von vorhin ließ sie plötzlich an den dicken Mann von Hardleys Tisch denken, und mit einem Schlag war ihr Vertrauen dahin. Sie hatte bisher zu dem, was Hardley ihr gesagt hatte, geschwiegen, nun brach sie unvermittelt aus dem vorsichtigen Gespräch mit einem Schlage hervor.

Sie wußte, daß sie mit ihrer Frage Gefahr lief, die Unbefangenheit Hardleys zu zerstören, aber es war zu spät.

»Wer war eigentlich der – umfangreiche Herr, mit dem Sie vorhin zusammen saßen, Mister Hardley?«

Hardley setzte sich mit einem kleinen Ruck zurecht.

»Ein alter Freund von drüben, Miß Raleigh. Wenn der Name Sie interessiert –?«

Sie wußte, daß er log, und diese Lüge, dieses Umgehen einer vielleicht indiskreten, aber gleichgültigen Frage zeigte ihr, daß sie mit ihrer Vorsicht auf dem rechten Wege war. Auch Hardley mußte merken, daß man nicht mit leeren Worten weiter kam, er trommelte ein paarmal nervös mit den Fingern der Rechten auf den Knöcheln seiner linken Hand, ehe er sie voll anblickte.

»Ich will Ihnen reinen Wein einschenken, Miß Raleigh. Der Herr war niemand anderes als Hal Selfride –« Und als sie ihn erstaunt ansah: »Unser – unser Chef. Man kennt ihn im allgemeinen nicht. Er bleibt stets im Hintergrund, liebt kein Aufsehen. Er ist jetzt, für ein paar Tage, hier, war in Berlin, Paris. Wir haben, vorhin beim Essen, von allerlei gesprochen, auch von Ihnen. Selfride –, es ist Selfrides Meinung, wir sollten einander behilflich sein.

Sie sehen, ich vertraue Ihnen vollkommen. Niemand weiß, daß er hier ist. Ich hätte Ihnen irgendeinen Namen nennen können, ohne daß Sie es hätten bezweifeln können. Aber – es scheint, daß der Chef wirklich großen Wert darauf legt, uns – zusammen zu verwenden.«

Hardley war wie verwandelt. Er sprach kurz, abgehackt und aufgeregt. Er hatte Esthers Zögern gefühlt und nun das ausgespielt, was er als größten Trumpf zurückhalten wollte. Hinter der ganzen kollegialen Geschichte steckte mehr, steckte etwas, das nichts mit der Abnahme unverwendbarer Informationen zu tun hatte! Sie war hellhörig geworden – und mit einemmal schoß wie eine Flamme ein neuer Gedanke in ihr auf!

Sie war hier, um die Konspirationen der englischen Montanindustrie unter der Maske der Vergnügungs-Berichterstatterin aufzudecken. Aber durch einen Zufall war sie hier mit Leuten in Berührung gekommen, deren Pläne ihr, ohne daß sie sie bisher kannte, mindestens so interessant erschienen wie ihre eigentliche Aufgabe. Sie hatte den Eindruck, daß die Amerikaner eine Deckung brauchten, daß man – vielleicht – versuchen würde, durch sie, die unverdächtige Berichterstatterin der »Welt«, solche Informationen zu bekommen, die in London für Amerikaner oder den United Service unerreichbar waren.

Wie oft hatte Burg in diesen wenigen Wochen über den steigenden Einfluß der Amerikaner auf die Bildung der öffentlichen Meinung auf dem Kontinent gewettert und behauptet, da müßten noch unbekannte Kanäle vorhanden sein, um Nachrichten und Meinungen zu injizieren – nun, sie stand offenbar an der Wand eines solchen Kanals! Vor ihr saß Hardley mit gespanntem, ängstlichem Gesichtsausdruck. Wie würde sie sich entscheiden? Konnte sie es sich zutrauen, dies auf sich zu nehmen?

Noch einen Augenblick schwankte Esther Raleigh, sah in die Lichter der glasflirrenden Krone, hörte eine leise Passage der Musik – dann reichte sie Hardley ihre Hand, die der mit einem festen Druck umspannte.

»Es wird nicht Ihr Schade sein, Miß Raleigh.«

Er flüsterte fast heiser und beugte sich über den Tisch vor:

»Amerika versteht, gute Arbeiter gut zu bezahlen. Sie werden in Ihrer Tätigkeit für die ›Welt‹ nicht eine Sekunde lang gestört werden. Wenn Sie schweigen«, er sah sie eindringlich an, »wird kein Mensch etwas von unseren Abmachungen erfahren. Es gehen hier Dinge vor, die wir mit der allergrößten Aufmerksamkeit verfolgen müssen. Sie können uns helfen. Ohne uns bleiben Sie eine Journalistin gewöhnlichen Formats, mit uns – gehören Sie zum United Service for Information – – Press Information.«

Er lachte, während sie aufstanden. Bevor er sich verabschiedete, bat er sie, ihn morgen gegen Mittag in seinem Büro, das in den Räumen der Westindian Rubber Company liege, aufzusuchen. Sie brauche nur nach Mister Hardley zu fragen. Dann gingen sie kurz nacheinander, um nicht zugleich die Halle zu durchschreiten.

Esthers Herz klopfte wie vorher, als sie dem Blick Selfrides standgehalten hatte. Sie fühlte das Pulsen bis in den Hals hinauf; und da bekam das schnelle Doppelticken einen Sinn, ein Wort bildete sich; hieß es nicht Spi – on – Spi – on? Sie wurde einen Moment blaß, dann lachte sie, etwas unsicher, vor sich hin. Sie stand hier auf einem exponierten Posten, ihre Aufgabe war, Nachrichten zu sammeln, mehr tat sie nicht. Noch gab es keine Schranke, die sie aufhielt; solange sie ihre Neugier auf gangbaren Wegen befriedigen konnte, war sie ungefährdet.

Sie versuchte, sich sicher und fest zu machen, während sie in ihren Knien ein leises Wanken fühlte – auf jeden Fall mußte Burg noch heute eine Nachricht von ihr bekommen; ohne jede Deckung durfte sie die Verantwortung nicht auf sich nehmen. Sie ging auf ihr Zimmer, um ein ausführliches und doch für Uneingeweihte harmloses Telegramm nach Berlin aufzugeben.

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